Ich empfinde Stille.
Einige Kerzen, ausgebrannt, liegen vom Wind zerstreut vor dem Kreuz.
Bilder, die an Lebende erinnern sollen, dokumentieren das größte Unglück in den Alpen. Kinder, Mütter, Väter. Alle lächeln, sie lächeln mich an, als ob sie sagen wollten: Sei nicht traurig!
Sei nicht traurig! Wie sollte das möglich sein? Dieser 11. November im Jahre 2000 hat einen Schmerz verursacht, der bleibt. Einen Schmerz, der die Wunden nicht verheilen lässt.
Ich schaue nach oben. Hoffe auf ein Zeichen.
Ein Zeichen? Was sollte mir so ein Zeichen sagen?
Vielleicht auch: "Sei nicht traurig"! oder "ICH habe es so gewollt"! Oder "Bei MIR haben sie es besser"! Oder "Was verstehst du schon"!
Ich bin traurig und ich verstehe IHN nicht!!
Aber verstehen kann man das auch nicht, nicht das Wie und schon gar nicht das Warum!
Ich empfinde Stille!
Ist es eine innere Ruhe oder ist es vielmehr Leere! Ja, in mir ist eine fürchterliche Leere. Leer im Sinne von Fehlen eines wichtigen Inhaltes.
Jetzt wandert mein Blick auf den Gletscher. Es ist schon seltsam, jedesmal wenn ich die Gedenkstätte besuche, leuchtet der Gletscher in unschuldigstem Weiß unter strahlendblauem Himmel.
Wenn ich der Seilbahn nachschaue und mein Blick den Berg hinaufstreicht, bleibt er an den Geleisen der Gletscherbahn hängen.
Ein sich zu einem Punkt verjüngendes Stahlgerüst.
Eine Gerade, die in den Berg eindringt.
Geräusche um mich herum, die mich nicht erreichen. Die Seilbahn, die in die Station einfährt. Autos, die einen Parkplatz suchen. Stimmen von Skifahrern, die zum Berg wollen. Arbeiter, die einander Anweisungen zurufen.
Und doch, ich empfinde Stille!
Der Wind berührt meine Hände, streichelt sie. Die Hände? Nein, nur meine rechte Hand!
Ich höre nichts, aber ich spüre Worte.
"Komm, wir zeigen dir alles."
Jetzt spüre ich die Berührung auch an der linken Hand. Ganz sanft, kein wirkliches Anfassen, nur ein Hauch einer Berührung.
Und noch einmal: "Komm, wir zeigen dir alles".
Trotz der Kälte beginnt Wärme in mir aufzusteigen. Von den Händen in die Arme, und ganz besonders im Herzen.
Was ist das, was soll das?
Und wieder: "Komm, wir zeigen dir alles".
Zögernd frage ich: " Bist Du es, Thurli"?
Hastig ergänze ich: "Bist Du auch da, Simone"?
"Komm, wir zeigen dir alles"!
Ich fühle mich wie in einem Aufzug! Schnell und doch angenehm gleite ich auf die Geleise der Gletscherbahn zu.
"Dreh dich um"!
Ich schaue zurück und sehe mich noch immer bei der Gedenkstätte, die Hände gefaltet und den Kopf gesenkt. Ich erschrecke.
"Bleib ruhig, es wird alles gut! Sieh dich um"!
Jetzt bemerke ich um mich herum viele Menschen - Kinder, Frauen, Männer. Ich kann sie nicht genau erkennen und doch sehe ich sie lächeln. Ja, alle lächeln. So als freuten sie sich auf einen schönen Tag. Ich suche Thurli und Simone.
"Wir sind ja bei dir, hab keine Angst! Wir zeigen dir, wie es war."
Ich habe Angst. Schaue in die Gesichter und sehe nur dieses Lächeln. Rechts und links von mir bemerke ich endlich Thurli und Simone!
Die Körper kann ich fast nicht sehen, aber auch hier sehe ich das Gesicht. Glücklich! So wie auf den Fotos, die in unseren Zimmern aufgestellt sind.
"Wozu braucht ihr eigentlich unsere Fotos, haltet uns doch einfach im Gedächtnis, so wie ihr uns am liebsten gesehen habt. Jeder so wie er will."
Wir sind jetzt kurz vor dem Tunneleingang. Es gibt eine gewisse Ordnung in der Menschengruppe. Erst jetzt bemerke ich es. Wir sind so angeordnet, wie sie wahrscheinlich in der Gletscherbahn den Berg hinaufgefahren sind.
"Fahr mit, freue dich mit uns auf den Berg!"
Einige der Umstehenden reden miteinander. Ich kann sie nicht verstehen.
Wir kommen in den Tunnel. Der Tag wird durch das künstliche Licht der Bahn ersetzt. Ich zucke zusammen. Jetzt wird es bald passieren.
"Nein, keine Angst, genau das wollen wir dir nicht zeigen. Darüber wurden genug Falschmeldungen verbreitet. Beobachte uns und höre genau hin!"
Aus dem Gemurmel werden jetzt Worte oder besser Wortfetzen.
Ich bin gespannt wie das neue Board geht. – Ich hab vergessen Angela anzurufen- Heute Abend treff’ ich mich mit Paul.
Ich bin nicht mehr interessiert. Höre nicht mehr zu.
"Du sollst aber zuhören, wir haben dir viel zu sagen!"
Wir sind jetzt schon eine Weile im Tunnel. Hier müßte es gleich passieren!
Ich bemühe mich etwas zu erkennen. Die Fenster sind dunkel, ich erahne nur die Wand, die an uns vorbeizieht. Plötzlich bleiben wir stehen. Jetzt höre ich wieder Stimmen.
"Papa, wir haben es versucht! Simone und ich haben es versucht! Als wir draußen waren in diesem dunklen Stollen wollten wir zu Fuß auf unseren Berg. Es gab schon ein fürchterliches Gedränge, aber wir liefen weiter die Stiege hinauf. Einen kleinen Buben nahmen wir noch bei der Hand. Simone und ich klammerten uns noch fester aneinander und liefen weiter. Nur weiter! Dann kam diese unheimliche Wolke aus giftigen Gasen und............!
Er stockte und es ist plötzlich wieder still.
Ich lasse ihm Zeit. Dann setzt er fort:
"Auf einmal sahen wir uns selbst auf den Treppen und Geleisen liegen. Wir sahen einander an und mich schmerzte, dass ich Simone beim Fallen auf die Geleise loslassen musste".
Jetzt setzte Simone fort:
"Lass nur, das macht ja nichts. Dafür lassen wir jetzt nicht mehr voneinander."
Sie nahm zärtlich seine Hand und blickte ihm in die Augen. Beide lächelten.
Mir läuft ein Schauer über den Rücken und ich möchte weinen.
"Weine nicht, schau uns an, wir sind glücklich!"
"Hattet ihr große Schmerzen?" fragte ich.
"Ich weiß es nicht mehr" sagt Thurli. Es ging so schnell.
Ich sehe jetzt nur mehr die beiden. Die anderen sind plötzlich nicht mehr da.
Wir sitzen eng beieinander und schweigen. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Ich habe doch so viel zu fragen und zu sagen. Und jetzt fällt mir nichts ein?
Erinnerst Du dich an ....?
Ich versuche chronologisch vorzugehen. Aber es gerät alles durcheinander. Schule, Sport, Studium, Kinderstreiche............
Wo sollte ich anfangen?
"Woran erinnerst du dich am besten?"?
"An den letzten Abend! Du weißt schon. Ihr wolltet am nächsten Morgen früh losfahren und daher rechtzeitig schlafen gehen. Wir waren im Wohnzimmer. Ihr habt euch nicht niedergesetzt, sondern wir plauderten über Gott und die Welt. Lange, sehr lange. Sonst, wenn wir dich zu lange in Beschlag genommen haben, hast du meistens eingeworfen: "Ich geh nach hinten, ich muß noch etwas lernen", oder "ich muß noch etwas einpacken". Nicht so an diesem Abend. Ihr habt euch Zeit gelassen, viel Zeit.
"Was sollten wir denn machen, es war ja schließlich der letzte Abend"!
"Die Maturafeier", sprudelt es jetzt aus mir heraus. Du hast es nicht leicht gehabt, aber du hast es geschafft. Genauso wie den staatlichen Trainer und die Akzeptanz durch das Snowboard-Nationalteam. Dein Endspurt in Richtung Studienabschluß bleibt allerdings unbelohnt.
"Ja, das war schade, Simone und ich wollten so schnell wie möglich auf eigenen Füßen stehen."
"Wir haben es gespürt". Zur Mutti hast du gesagt: "Das ist jetzt die Richtige."
"Wie heißt es so schön: Bis dass der Tod Euch scheidet! Der Tod hat uns nicht getrennt, er hat uns auf ewig vereint!"
"Euch, aber nicht uns!"
Jetzt ist es wieder sehr still. Ich empfinde aber keine Traurigkeit, nein, eher Neugier und Hilflosigkeit.
"Sag uns was du noch wissen möchtest."
Kannst du uns sehen ,wenn wir traurig sind? Kannst du uns hören, wenn wir mit dir sprechen? Fühlst du unsere Liebkosungen deines Bildes?
"Es tut uns weh, wenn wir euch traurig sehen, es tut uns weh, wenn ihr weint.
Warum hört ihr nicht auf das, was Martin im Gedenkkärtchen geschrieben hat,
- Der Tod hat keine Bedeutung, ich bin nur nach nebenan gegangen.
Ich bleibe, wer ich bin und auch ihr bleibt dieselben!-
Ich warte auf euch, gar nicht weit fort, ganz in der Nähe.
Alles ist gut.-
Jetzt wird mir kalt.
"Komm, wir müssen gehen"!
Panik überkommt mich und ich will nicht loslassen. Soll ich sie wieder verlieren?
"Du kannst jederzeit wiederkommen, in deinen Träumen, in deinen Gedanken und Gebeten. Du hast uns nicht verloren, wir sind nur vorangegangen.
Wir gehen zurück, nur wir drei, die Stiegen hinunter, treten aus dem Portal ins grelle Licht. Ich fühle ihre Berührungen auf meiner Haut.
Ich stehe an der Gedenkstätte und weine.
"Entschuldige, Thurli, ich werde mich zusammennehmen."
Ich empfinde Stille!
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