Franz Kafka - Die Einsamkeit eines Menschen
Kafka an Felice Bauer



18. November 1912
"Gerade setzte ich mich zu meiner gestrigen Geschichte mit einem unbegrenzten Verlangen, mich in sie auszugießen, deutlich von aller Trostlosigkeit aufgestachelt. Von so vielem bedrängt, über dich in Ungewissem, gänzlich unfähig, mit dem Bureau auszukommen, angesichts dieses seit einem Tag stillstehenden Romans ["Amerika" / "Der Verschollene"] mit einem wilden Wunsch, die neue, gleichfalls mahnende Geschichte fortzusetzen, seit einigen Tagen und Nächten bedenklich nahe an vollständiger Schlaflosigkeit und noch einiges weniger Wichtige, aber doch Störende und Aufregende im Kopf -[...]."

21. November 1912
"Aber begreife nur meine Sorge um dich, die schreckliche Ungeduld, das Brennen des einen Gedankens in meinem Kopf, die Unfähigkeit, auch nur das Geringste damit nicht Zusammenhängende auszuführen, dieses Leben im Bureau, die Blicke immerfort auf die Tür gerichtet, hinter den geschlossenen Augen im Bett die unerträglichen Vorstellungen, das Schlafwandeln und gleichgültige Stolpern auf den Gassen, das Herz, das nicht mehr klopft, sondern nur eine zerrende Muskel ist, das halbzerstörte Schreiben-[...]-."

21. November 1912
"Die Mutter ging durch mein Zimmer, als ich gerade nicht drin war- mein Zimmer ist ein Durchgangszimmer oder besser eine Verbindungstrasse zwischen dem Wohnzimmer und dem Schlafzimmer der Eltern[...] Ich habe die Eltern immer als Verfolger gefühlt, bis vor einem Jahr vielleicht gegen die ganze Welt gleichgültig wie irgendeine leblose Sache, aber es war nur unterdrückte Angst, Sorge und Traurigkeit wie ich jetzt sehe. Nichts wollen die Eltern als einen zu sich herunterziehn, in die alten Zeiten, aus denen man aufatmend aufsteigen möchte, aus Liebe wollen sie es natürlich, aber das ist ja das Entsetzliche. Ich höre auf, das Ende der Seite ist eine Mahnung, es würde zu wild werden. [...] Ich lege eine Photographie von mir bei, ich war vielleicht 5 Jahre alt, das böse Gesicht war damals Spaß, jetzt halte ich es für geheimen Ernst. [...] Fünf Jahre war ich wohl auf dieser Photographie noch nicht alt, vielleicht eher 2, aber das wirst Du als Kinderfreundin besser beurteilen können als ich, der ich vor Kindern lieber die Augen zumache."

23. November 1912
"Es ist sehr spät in der Nacht, ich habe meine kleine Geschichte weggelegt, an der ich allerdings schon zwei Abende gar nichts gearbeitet habe und die sich in der Stille zu einer größern Geschichte auszuwachsen beginnt. Zum Lesen sie dir geben, wie soll ich das? Selbst wenn sie schon fertig wäre? Sie ist recht unleserlich geschrieben und selbst wenn das kein Hindernis wäre, denn ich habe Dich gewiss bisher durch schöne Schrift nicht verwöhnt, so will ich Dir auch nichts zum Lesen schicken. Vorlesen will ich Dir. Ja, das wäre schön, diese Geschichte Dir vorzulesen und dabei gezwungen zu sein, Deine Hand zu halten, denn die Geschichte ist ein wenig fürchterlich. Sie heißt "Verwandlung", sie würde Dir tüchtig Angst machen und Du würdest vielleicht für die ganze Geschichte danken, denn Angst ist es ja, die ich Dir mit meinen Briefen täglich machen muss.[...] Dem Helden meiner kleinen Geschichte ist es aber auch heute gar zu schlecht gegangen und dabei ist es nur die letzte Staffel seines jetzt dauernd werdenden Unglücks."

24. November 1912
"Liebste! Was ist das doch für eine ausnehmend ekelhafte Geschichte, die ich jetzt wieder beiseite lege, um mich in den Gedanken an Dich zu erholen. Sie ist jetzt schon ein Stück über ihre Hälfte fortgeschritten und ich bin auch im allgemeinen mit ihr nicht unzufrieden, aber ekelhaft ist sie grenzenlos und solche Dinge, siehst Du, kommen aus dem gleichen Herzen, in dem Du wohnst und das du als Wohnung duldest. Sei darüber nicht traurig, denn wer weiß, je mehr ich schreibe und je mehr ich mich befreie, desto reiner und würdiger werde ich vielleicht für Dich, aber sicher ist noch vieles aus mir hinauszuwerfen und die Nächte können gar nicht lang genug sein für dieses übrigens äußerst wollüstige Geschäft."

3. Dezember 1912
"Liebste, ich hätte heute wohl die Nacht im Schreiben durchhalten sollen. Es wäre meine Pflicht, denn ich bin knapp vor dem Ende meiner kleinen Geschichte und Einheitlichkeit und das Feuer zusammenhängender Stunden täte diesem Ende unglaublich wohl. Wer weiß überdies, ob ich morgen nach der Vorlesung, die ich jetzt verfluche, noch werde schreiben können. Trotzdem- ich höre auf, ich wage es nicht. Durch dieses Schreiben, das ich ja in diesem regelmäßigen Zusammenhang noch gar nicht so lange betreibe, bin ich aus einem durchaus nicht musterhaften, aber zu manchen Sachen gut brauchbaren Beamten (mein vorläufiger Titel ist Koncipist) zu einem Schrecken meines Chefs geworden. Mein Schreibtisch im Bureau war gewiss nie ordentlich, jetzt aber ist er von einem wüsten Haufen von Papieren und Akten hoch bedeckt, ich kenne beiläufig nur das, was obenauf liegt, unten ahne ich bloß Fürchterliches. Manchmal glaube ich fast zu hören, wie ich von dem Schreiben auf der einen Seite und von dem Bureau auf der anderen geradezu zerrieben werde. Dann kommen ja wieder auch Zeiten, wo ich beides verhältnismäßig ausbalanciere, besonders wenn ich zuhause schlecht geschrieben habe, aber dies Fähigkeit (nicht die des schlechten Schreibens) geht mir- fürchte ich- allmählich verloren."

Vermutlich Nacht vom 5. zum 6. Dezember 1912
"Weine, Liebste, weine, jetzt ist die Zeit des Weinens da! Der Held meiner kleinen Geschichte ist vor einer Weile gestorben. Wenn es dich tröstet, so erfahre, dass er genug friedlich und mit allen ausgesöhnt gestorben ist. Die Geschichte selbst ist noch nicht ganz fertig, ich habe keine rechte Lust jetzt mehr für sie und lasse den Schluss bis morgen. Es ist auch schon sehr spät und ich hatte genug zu tun, die gestrige Störung zu überwinden. Schade, dass in manchen Stellen der Geschichte deutlich meine Ermüdungszustände und sonstige Unterbrechungen und nicht dazugehörige Sorgen eingezeichnet sind, sie hätte gewiss reiner gearbeitet werden können, gerade an den süßen Seiten sieht man das. Das ist eben das ewig bohrende Gefühl; ich selbst, ich mit den gestaltenden Kräften, die ich in mir fühle, ganz abgesehen von ihrer Stärke und Ausdauer, hätte bei günstigern Lebensumständen eine reinere, schlagendere, organisiertere Arbeit fertiggeworden, als die, die jetzt vorliegt. Es ist das ein Gefühl, das keine Vernunft ausreden kann, trotzdem natürlich niemand anderer als die Vernunft recht hat, welche sagt, dass man, ebenso wie es keine anderen Umstände gibt als die wirkliche, auch mit keinen andern rechnen kann. Wie das aber auch sein mag, morgen hoffe ich die Geschichte zu beenden und übermorgen mich auf den Roman zurückzuwerfen." Aus Gesprächen Gustav Janouchs mit Kafka, 1920- 23:

"Ich zog das englische Buch aus der Jackentasche, legte es vor Kafka auf die Bettdecke [...]. Als ich ihm sagte, dass Garnetts Buch ["Lady into Fox"] die Methode der Verwandlung kopiere, lächelte er müde und meinte mit einer kleinen, abweisenden Handbewegung: ’Ach nein! Das hat er nicht von mir. Das liegt in der Zeit. Wir haben es beide von ihr abgeschrieben. Das Tier ist uns näher als der Mensch. Das ist das Gitter. Die Verwandtschaft mit dem Tier ist leichter als die mit Menschen.’ [...] Nächste Woche war er nicht in der Kanzlei. Ich konnte ihn erst zehn oder vierzehn Tage später heimbegleiten. Er gab mir das Buch und sagte: ’Jeder lebt hinter einem Gitter, das er mit sich herumträgt. Darum schreibt man jetzt so viel von den Tieren. Es ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach einem freien, natürlichen Leben. Das natürliche Leben für den Menschen ist aber das Menschenleben. Doch das sieht man nicht. Man will es nicht sehen. Das menschliche Dasein ist zu beschwerlich, darum will man es wenigstens in der Fantasie abschütteln.’ Ich entwickelte seinen Gedanken weiter: ’Es ist eine ähnliche Bewegung wie vor der großen Französischen Revolution. Damals sagte man: Zurück zur Natur.’ ’Ja!’ nickte Kafka. ’Doch heute geht man weiter. Man sagt es nicht nur- man tut es. Man kehrt zum Tier zurück. Das ist viel einfacher als das menschliche Dasein. Wohlgeborgen in der Herde marschiert man durch die Straßen der Städte zur Arbeit, zum Futtertrog und zum Vergnügen. Es ist ein genau abgezirkeltes Leben wie in der Kanzlei. Es gibt keine Wunder, sondern nur Gebrauchsanweisungen, Formulare und Vorschriften. Man fürchtet sich vor der Freiheit und Verantwortung. Darum erstickt man lieber hinter den selbst zusammengebastelten Gittern.’ "