|
|
Annegret
Friedrich
Kritik der Urteilskraft
oder: Die Wissenschaft von der weiblichen Schönheit in Kunst, Medizin
und Anthropologie der Jahrhundertwende
Glaubt man einem im Januar 1996 erschienenen Wissenschaftsreport von Dieter
E. Zim-mer im ZEIT-Magazin, so erleben wir Ende des 20. Jahrhunderts die
Geburt eines neuen faszinierenden Wissensgebietes, dem es um nichts weniger
als die Frage geht: „Was ist der Mensch?" Es handele sich um
die moderne Erforschung der menschlichen Schönheit, in guter „humanistischer"
Tradition zunächst geschlechtsneutral formuliert. Daher fügt
sich auf der Collage der Aufmacherseite neben allerlei femininen Ikonen
der abendländischen Kulturgeschichte - von der Venus von Willensdorf
bis zum Model Daniella ganz beiläufig auch Michelangelos David in
die illustre Gesellschaft.
In einer krausen Mischung aus „Mythos und Wahrheit" wird die
neueste wissenschaftliche Erkenntnis präsentiert, daß es ungeachtet
historischer und gesellschaftlicher Variabilitäten ein konstantes
und universales Schönheitsideal der Menschheit gäbe. Die Beweisführung
reicht dabei von der Schönen Helena zum Parisurteil, vom Pleistozän
bis zum Computerzeitalter, von psychologischen Tests an Schimpansen, Säuglingen
und Erwachsenen, von salopp daherkommenden medizinischen Erläuterungen
(„Akne und Hirsutismus! ('unschön') [deuten] auf einen erhöhten
Serumtestosteronspiegel und Eierstockprobleme hin") und einem Objektivität
suggerierenden technizistischen Vokabular (VTH: Verhältnis von Taillen-
und Hüftumfang, das am „allerschönsten" bei einem
niedrigen Wert von 0,7 bis 0,8 wirke) bis hin zu fragwürdigen Komplimenten
und einem un terschwelligen Neid auf die vermeintlichen gesellschaftlichen
Vorteile der Schönen. Man wendet sich damit insbesondere gegen die
so apostrophierten „Kulturdeterministen" und ein angeblich
seit siebzig Jahren unangefochten herrschendes Paradigma von der sozio-kulturellen
Geprägtheit der Menschen. Doch wird als einzige Protagonistin dieser
scheinbar nun überholten Theorie die Feministin Naomi Wolf, Autorin
des Buches Der Mythos Schönheit* genannt, der eine „extrem
ra-dikale" Position unterstellt wird. Es ergibt sich der Eindruck,
daß es dem Autor gerade-zu willkommen sei, nun endlich wieder über
ein Instrumentarium zu verfügen, das tatsäch-lich bestehende
gesellschaftliche Unterschie-de „millimeterweise empirisch zu erhärten"
in der Lage sei, mit anderen Worten: mit Hil-fe biologisch-naturwissenschaftlicher
bzw. verhaltenspsychologischer Erklärungsmodel-le zu legitimieren.
Daß sich die Argumenta-tion jedoch nicht neutral und universal am
„Allgemeinmenschlichen" orientiert, son-dern beständig
geschlechtsspezifische Zu-schreibungen zugrundelegt und weitertrans-portiert,
geht indes schon aus den Ergebnis-sen und Interpretationen der zitierten
Testrei hen hervor: so etwa, wenn es nicht hinter-fragt wird, daß
beim weiblichen Geschlecht ein Durchschnittsgesicht allgemein als am schönsten
beurteilt würde, bei der männli-chen Physiognomie dieses „Gesetz"
aber er-staunlicherweise versage. Letzteres wird da-mit begründet,
daß durch die computerisier-ten Überblendungen die „kantigen
Kieferpar-tien" und die „wulstigen Augenbrauen, die
l Schönheit - was ist das? ZEIT-Magazin, 5.1.1996.
offenbar ein wesentliches Merkmal männlicher Schönheit bilden",
verwischt werden würden. Auch daß Frauen die (heterosexuelle)
Partnerwahl generell immer noch eher nach Status, Männer aber eher
nach Schönheit vornehmen würden, irritiert den Autor wenig:
Denn die These von der „strukturellen Ohnmacht des weiblichen Geschlechts"
dürfe als wiederlegt gelten.
Der Artikel basiert zum Teil auf dem kürz-lich erschienenen Buch
des Berliner Politolo-gen Bernd Guggenberger Einfach schön*, der
vor einigen Jahren ebenfalls schon zum ein-schlägig beliebten Thema
als ZEIT-Autor hervorgetreten war. In seinem Aufsatz mit dem suggestiven,
aber grammatikalisch unbe-friedigenden Titel Sind Frauen schöner?
beschwor er insbesondere „die Feministinnen", doch endlich
von ihrer Kritik am patri-archalen Schönheitspostulat abzulassen
und sich wieder mehr auf die „soziale Macht der Schönheit"
zu besinnen.5
Der Verdacht, daß sich hier weniger eine altmodische Altherren-Romantik
als viel-mehr ein moderner antifeministischer „back-lash"-Diskurs
etablieren will, liegt nur zu na-he. Entgegen der Behauptung, es sei eine
ganz neuartige Wissenschaft vom Menschen am Entstehen, möchte ich
im folgenden auf die historischen Vorläufer dieser Art der Schönheitsforschung
um die Jahrhundert-wende eingehen. Mit dem Blick in die Ge-schichte könnten
die rassistischen und sexisti-schen Implikationen eines expandierenden
Bereiches der sogenannten Humanwissen-schaften erkennbar werden, die nicht
zuletzt durch Kontinuitäten zur und seit der natio-nalsozialistischen
Biopolitik von größter Bri-sanz sind.6
Überraschende Parallelen finden sich näm-lich - bis zu den als
brandaktuell verkauften statistischen Werten und angeblich objekti-ven
Zahlen - in den Publikationen des deutschen Gynäkologen, Anthropologen
undMedizinschriftstellers Carl Heinrich Stratz: Die Schönheit des
weiblichen Körpers von 1898 sowie Die Rassenschönheit des Weibes
von 1901, die beide, reich mit Aktfotografien bebildert, eine ungeheuere
Popularität genos-sen und bis 1941 wiederaufgelegt wurden.7 Beispielsweise
begründete Stratz seine Be-schränkung auf weibliches Untersuchungs-material
in der wissenschaftlichen Evaluie-rung der „Rassenschönheit"
damit, daß schließlich auch in der Natur die Weibchen die
„Gattung" repräsentierten im Unterschied zum Männchen,
das durch äußere Merkmale wie Bartwuchs, Mähne, Federschmuck
oder Geweih für das „Individuelle" stünde."
Mit der nicht nur auf Darwin zurück-zuführenden Postulierung,
nach der im Lau-fe der Menschheitsgeschichte die Geschlech-terdifferenz
sich zunehmend erst ausgeprägt hätte, weshalb etwa Angehörige
„niedriger-stchender" Rassen und Klassen weniger aus-geprägte
Zeichen von „Weiblichkeit" und „Männlichkeit"
aufwiesen, verstehen wir nun auch die Signifikanz von mächtigen Augenbrauenwülsten
und kräftig ausgeprägten Kinnladen - nicht etwa zu verwechseln
mit Atavismen! - für die Konstruktion von „Männlichkeit"
im Jahre 1996.
Die einzige Stelle, in der im ZEIT-Artikel auf eine schon vorhandene Wissenschaftstra-dition
angespielt wird, spricht denn auch für sich. Daß die Methode
der Kompositporträts (Abb. 2) bereits 1883 zur Ermittlung von pro-totypischen
Verbrecher- oder Kranken-Phy-siognomien, also auf der Suche nach Zeichen
des Abweichenden, Kriminellen, Degenerier-ten und Pathologischen erfunden
wurde, tut nämlich den heutigen Computerschönheits-ermittlungen
erstaunlicherweise keinen Ab-bruch.9 Gegen die behauptete Repräsentativi-tät
und Objektivität der solcherart erhalte-nen Physiognomien ist hier
lediglich anzu-merken, daß ihnen zumeist schon gravieren-de Selektionsverfahren
vorgängig sind: so et-wa, wenn lediglich innerhalb der Kategonen
von Alter, Klasse, Rasse und Geschlecht kom-biniert wird.10 Im Bestreben,
eine rassisch oder national determinierte „Einheitsvisage"
zu kreieren, oder, mit anderen Worten, Identitäten zu konstruieren,
wird überdies die nicht unbedeutsame Tatsache verkannt, daß
„der Mensch" immer schon eine „Mischung" darstellt.
Und trotz entschieden verlängerter Lebenserwartung gilt es auch heute
noch ge-nau wie vor hundert Jahren (Abb. 3) als wis-senschaftlich erwiesen:
„Universell sind jun-ge Frauen die attraktiveren - und zwar Frau-en
genau im sozusagen reproduktivsten Al-ter zwischen 16 und 25.
Um die Jahrhundertwende ist die Behaup-tung der Überlegenheit und
universalen Gül-tigkeit eines weißen Schönheitsideals,
ein für allemal normbildend repräsentiert in der Ve-nus von
Medici12, Stratz eigentliches Anlie-gen. In dieser Absolutheit konnte
ein norma-tiver Schönheitsbegriff erst seit den Evolu-tionstheorien,
die die abendländische Zivilisa-tion zum Ziel und Zweck der menschlichen
„Naturgeschichte" definierten, formuliert werden. Hatte zwar
auch schon der Begründer der Anthropologie, Johann Friedrich Blumenbach,
um 1800 die Meinung kolportiert, daß man unter den fünf „Hauptvarietäten"
des Menschengeschlechtes die „kaukasische" für die schönste
halte, so bestand er doch - relativierend - darauf, daß wohl alle
ihre eigenen Schönheitsvorstellungen hätten und Berichte über
„Häßlichkeiten" und „Monstrositäten"
der fremden Anderen meist übertrieben seien.13 Gleichwohl sind es
ästhetische Kriterien, mit denen in der Folge die Rassen-lehren arbeiten
sollten, in die sich Stratz mit der gesonderten wissenschaftlichen Erfas-sung
des weiblichen Körpers - für ihn ein Forschungsdesiderat - einreiht.14
Die Venus von Media bildet für ihn den Maßstab, an dem tausende
von Frauen akribisch gemes-sen wurden, und die - selbst für weiße
Frau-en ziemlich unerreichbare - oberste Stufe in der Hierarchie der Rassenschönheitsmerkma-le,
die in einer eigenen Tabelle am Ende des Buches zusammengefaßt sind.
Einen Nach-klang findet diese eurozentristische und rassi-stische Bewertung
in der heutigen scheinbar liberalen Feststellung: „Das Mischen ver-schiedener
ethnischer Herkünfte, europäi-sche, afrikanische, asiatische,
mindern die At traktivität nicht"15, da in ihr eine anderslau-tende
Erwartung mitformuliert ist und die Matrix für derartige Experimente
sicher ein weiß-europäisches Gesicht sein dürfte. Auch
die bis heute beliebten „Mißwahlen", zuerst in den 20er
Jahren in den USA durchgeführt, wurden von Stratz konzeptionell schon
vor-weggenommen:
„Um das natürliche [d.i. objektive, inter-kulturelle, A.F.]
Rassenideal in Fleisch und Blut zu bestimmen, sind wir auf die Verglei-chung
photographischer Reproduktionen an-gewiesen, und damit auch wieder in
bestimm-te Schranken gebannt. Leider ist es ja nicht möglich, aus
allen Schönsten eines Landes die Schönste auszuwählen,
photographieren zu lassen und dann einem geneigten Publi-kum als den Ausbund
aller weiblichen Schön-heit zu Füßen zu legen."16
Es ist interessant, daß es auch hier schon um eine mediale „Vergleichung"
geht, die durch die neuen technischen Verfahren der Reproduktion erst
ermöglicht wurde. Die Parallelen ließen sich noch weiter verfolgen,
doch möchte ich hier den gesellschaftspolitischen Kontext, innerhalb
dessen die Schriften eines Stratz so erfolgreich werden konn-ten, kurz
skizzieren17, schon um den Ein-wand zu entkräften, es habe sich um
nicht weiter ernstzunehmende, pseudowissen-schaftliche Elaborate eines
Einzelnen, die aber die Wissenschaft als solche nicht tangie-ren könnten,
gehandelt.
Um die Jahrhundertwende erschien eine Flut von preiswert aufgemachten
Bildbänden wie etwa Die Frauenschönheit im Wandel von Kunst
und Geschmack, Das weihliche Schönheitsideal in der Malerei, Die
Frau in der Kunst, Die schöne Frau in der Kunst, Das Weih in der
antiken Kunst, Die Darstellung der Frau in der modernen Kunst usw. Das
neue Interesse an der idealen weiblichen Form steht in Zusammenhang mit
den Neuformatierungen des Betrachterblickes in der Folge der Lex-Heinze-Debatte,
der Androhung einer Verschärfung des Unsittlichkeits-paragraphen.
Weit davon entfernt, ihr voyeu-ristisches Vergnügen am Anblick des
Nackten zu thematisieren, bemühten sich diejenigen Autoren, die am
entschiedensten für die „Freiheit der Kunst" und gegen
jegliche staatliche Zensur eintraten, ihren sittlich einwandfreien, rein
ästhetischen Blick gegen die befürchtete staatliche Kontrolle
zu behaupten. Mit Foucault kann daher gesagt werden, daß der Blick
der Macht sich in die Verhaltensweisen derjenigen, die sich als Befreiungskämpfer
gerierten, schon eingeschrieben hatte.18 Die moralisch rigidesten Vertreter
einer „freien" und unzensierten Darstellung des Nackten, wie
etwa Richard Ungewitter, Paul Schultze-Naumburg oder Ernst Wilhelm Bredt
waren denn auch die unerbittlichsten Gegner der herrschenden Unmoral,
wie sie sich ihnen insbesondere in den beunruhigenden Phänomenen
der modernen Großstadt zeigte.19 Sie propagierten für die bildenden
Künste einschließlich der Fotografie die Rückkehr zu einer
Körperauffassung, wie sie ihnen vorbildlich in den edlen Formen der
hellenistischen Skulptur realisiert schien.20 Ihr geradezu missionarischer
Eifer richtete sich deshalb gegen das Korsett, nicht nur, weil es den
weiblichen Körper verstümmele und die Gebärfähigkeit
beeinträchtige (dies hatte schon Sömmerring um 1800 konstatiert),
sondern es wurde als Zeichen des „Anderen" des Weiblichen,
der Dekadenz und des Lasters geradezu dämonisiert. Mit dem Aufdecken
und Entlarven der „Maskeraden" vermeinte man daher gegen alles,
was innerhalb der Corsettagen versteckt und verborgen bleiben mußte,
vorgehen zu können. Deshalb reagierte man ebenso heftig gegen jede
Form der nicht moralisierenden Darstellung von Prostituierten (also dem
im Wortsinn „Pornographischen"), sei es in der zeitgenössischen
Aktfotografie, in „Kitsch und Schund", das mit dem „Formlosen"
analog gesetzt wurde, aber auch in Werken der Hochkunst. Bredt etwa erachtete
Sir Joshua Reynolds Porträt der Miß Kitty Fischer für
ein höchst bedenkliches, geradezu obszönes Bild, da in ihm „unsittliches
Wohlleben" ohne „künstlerische Potenz" verherrlicht
würde: Es bekäme einen anderen Sinn, wenn darunter stünde
„Die berühmte Dirne ihrer Zeit". Als Aufgabe der Volkserziehung
wurde es dagegen gesehen, „gesunde und normale Triebe" über
das visuelle Angebot zu fördern und das sittlich Schädliche
auszumerzen. Daß es in der Regulierung des männlichen Geschmackes
an Repräsentationen des Weiblichen bevölkerungspolitisch um
„Zuchtwahl", die Verbesserung der Rasse und Veredelung des
Volkskörpers, ging, wurde nicht einmal besonders kaschiert. Die Verschiebung
des pornographischen auf ein rein ästhetisches oder wissenschaftliches
Interesse konnte daher mit dem Verweis auf die Kunstgeschichte und der
Verinnerlichung von modernen Degenerations- und Rassenlehren gleichermaßen
unterstützt und legitimiert werden.
So ist es nur folgerichtig, daß Stratz sein Kompendium zur Frauenschönheit
„Den Müttern, Ärzten und Künstlern" widmete.
Die Adressierung an diese Zielgruppen ist aufschlußreich und soll
im folgenden erläutert werden. Ersteren wird geraten, ihre heranwachsenden
Töchter auch ohne körperliche Beschwerden regelmäßig
zu ärztlichen Kontrolluntersuchungen zu bringen, um eventuellen,
nicht nur gesundheitlichen, sondern auch ästhetischen „Schäden"
rechtzeitig vorzubeugen. Damit reiht sich das Werk ein in pädagogische
Abhandlungen wie etwa Kal-lipädie oder Erziehung zur Schönheit
des Leipziger Orthopäden Daniel Gottlieb Schre-ber, das 1858 erstmals
erschien.21 Dort sind allerdings „Kinder" die Objekte (volks-)für-sorglicher
Maßnahmen, die mit Hilfe von Hygiene, Bewegung, angemessenen Spielen
und Unterricht zu körperlich und geistig idealen Erwachsenen herangezogen
werden sollten. Differenziert sind die Ausführungen nach Lebensalter,
kaum nach Geschlecht. Der Begutachtung und Förderung einer speziell
weiblichen Schönheit ist keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt,
ganz im Gegenteil sollte bei der Erziehung der Mädchen übertriebene
Eitelkeit vermieden werden. Die Dedikation an die Mütter bei Stratz
belegt des weiteren, daß diese selbst nicht (mehr) als Trägerinnen
von Schönheit in Frage kommen (vgl. Abb. 3), sondern als Produzentinnen
und Komplizinnen bei der Heranzucht zukünftiger Schönheiten
in die gesundheitspolitischen Strategien einbezogen werden müssen.
Die für ein breiteres Publikum bestimmte „Fachliteratur"
über Frauenschönheit und -gesundheit hat ihre Vorläufer
in den seit dem 18. Jahrhundert beliebten Frauenzimme-ralmanachen, in
denen mehr oder weniger nützliche Ratschläge zur „Förderung,
Unterstützung, Erhaltung oder Wiederherstellung" der weiblichen
Schönheit publiziert wurden. Zwar ist es richtig, daß hier
die Modellierung des weiblichen zum „schönen" Geschlecht
vorbereitet wird. Im Gegensatz zum späteren Paradigma einer bloßen
und reinen „Natur" des Weibes erscheint Schönheit allerdings
hier stets im Verbund mit den Eigenschaften von Grazie und Tugend. Künstliche
Hilfsmittel, wie Mode und Schminke, sind durchaus noch legitim, und sogar
Alkoholgenuß gilt bisweilen als kosmetischer Geheimtip. Obwohl mitunter
auch von Ärzten verfaßt, sind diesen Texten für heutige
Begriffe erstaunliche Skrupel eingeschrieben, über das schicklicherweise
Sichtbare des weiblichen Körpers hinaus Aussagen zu machen: Von der
Schönheit und Pflege des Gesichtes, der Haare, der Arme und des Busens
geht ein Autor beispielsweise unverzüglich zur Behandlung der Füße
über und läßt die dazwischenliegenden Partien schäm-
oder taktvollerweise aus.
Im Gegensatz dazu geht es um die Jahrhundertwende um eine nüchterne
Bestandsaufnahme des ganzen weiblichen Körpers, der, entkleidet und
vor das wissenschaftliche Instrument des fotografischen Apparates gebracht,
zunehmend als ein Ort der Abweichung, der Deformation und der Krankheit
ins Visier genommen wird. Am Bildmaterial, das in Die Schönheit des
weiblichen Körpers zumeist aus der kommerziellen Aktfotografie stammt
und dem bevölkerungspolitischen Zweck gemäß überwiegend
aus Ablichtungen von minderjährigen Mädchen im gebärfähigen
Alter besteht, werden zum einen die entstellenden Folgen von Krankheiten
wie Skrofulöse, Rachitis und dergleichen visuell veranschaulicht.
Darüberhinaus aber wird auch auf kleinste und banalste Unregelmäßigkeiten,
wie etwa Strumpfbandabdrücke, „seitliche Hautfalten beim Beugen
des Rumpfes" oder die wahrhaft abscheuliche „Schnürfurche"
um die Taille hingewiesen. „Ans Männliche erinnernde Formen"
eines Aktmodells beschwören die neu erfundene Krankheit des „Virilismus"
(Abb. 4) herauf.23 Die Bildunterschriften kommentieren die Abbildungen
im sachlichen Tonfall eines ärztlichen Protokolls: „14jähriges
Mädchen mit guter Absetzung der Brust gegen die vordere Achselgrenze
rechts (Österreicherin)", „Norddeutsche von 16 Jahren
mit hochangesetzter Brust", „Münchnerin von 16 Jahren
mit tief angesetzter Brust", „Gut gebaute Brust", „Schlecht
gebaute Brust" usw. Akribische anatomische Beschreibungen und „rein
ästhetische" Bewertungen der jeweiligen Körperteile, von
oben bis unten abgehandelt, machen den Großteil des Textkorpus aus.
Der ärztliche Blick verwandelt beliebige zeitgenössische Aktaufnahmen
somit in pathologische Fallstudien und autorisiert den Laien-Betrachter,
weniger die „Schönheit" zu genießen als vielmehr
mit kritischem Kennerblick Fehler und Mängel zu verifizieren. Das
Urteil ist erbarmungslos: Von hundert 25jährigen Frauen seien nur
fünf „normal" gebaut. Die Ermittlung eines „Schönheitsnormalwertes"
wird aber nicht mit rein statistischen Methoden erzielt, sondern hier
beansprucht der Mediziner ein ^künstlerisches" Verfahren, nämlich
eine strenge Auswahl zuvor all derer, die „den Anspruch auf Normalität
verloren" hätten. Während der legendäre Bildhauer
Zeuxis das Ideal synthetisch, durch Zusammenfügen der jeweils vorzüglichsten
Partien von fünf Frauen, erreichte, so wird bei Stratz also ein selektives
Vorgehen, das die Aufmerksamkeit auf den unbrauchbaren „Ausschuß"
lenkt, privilegiert.
Die Widmung an die Ärzte belegt den modernen wissenschaftlichen Impetus
des Werkes. In der Folge der Vererbungs- und Degenerationslehren, den
Vorläufern der heutigen Genetik, avancierten diese zu „Sozialingenieuren"
insofern, als ihnen zunehmend die Kontrollierung der körperlichen,
rassischen und moralischen Volksgesundheit übertragen wurde. Stratz
ist über die aktuelle Forschungslage gut informiert: Er beruft sich
auf namhafte Spezialisten des „Weiblichen", wie etwa die französischen
Mediziner Henri Mei-ge, Jean-Martin Charcot und Paul Richer, deren Iconographie
de la Salpetriere des öfteren zitiert wird24, den englischen Sexualwissenschaftler
Havelock Ellis25, die italienischen Ärzte Mantegazza26, Lombroso/Ferrero27
und viele andere. Diese Autoritäten werden interessanterweise angeführt,
um sich gegen einen möglichen Vorwurf des Antifeminis-mus, der solcherlei
Untersuchungen zur Geschlechterdifferenz anhaften könnte, etwa wenn
„früher" die Frauen gar mit Affen oder Kindern verglichen
worden seien, zu verteidigen und das Wissenschaftlich-Objektive seines
Vorhabens zu unterstreichen. Eine wichtige Referenz gilt dem schon älteren
Werk von Alexander Walker Analysis and classification of beauty in woman.2*
Der schottische Physiologe stellte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
mit seinem Anspruch eines rein empirischen Schönheitsurteils und
der wissenschaftlichen Deduktion weiblicher Charaktereigenschaften aus
Anatomie, Physiologie und Physiognomie die Verbindung zur französischen
Sonderanthropologie des 18. Jahrhunderts her.29 An ihm hat Stratz lediglich
zu kritisieren, daß er noch in drei „species" der weiblichen
Schönheit analog der „Organisation" des weiblichen Körpers,
nämlich eines „locomotive, nutritive" und „mental
sy-stems" klassifiziert hatte und folglich noch kein einheitliches
Proportionenmodell vorlegen konnte. (Er verkennt dabei, daß auch
Walker unter den dreien, die entsprechend den Lebensaltern, den Temperamenten
und antiken kanonischen Vorbildern konzipiert wurden, seine Prioritäten
festgelegt hatte: Die „ernährende" Funktion deklarierte
er zum Signifikanten für Weiblichkeit schlechthin, die durch ein
Überwiegen des Bewe-gungs- oder gar Denkapparates beeinträchtigt
werden würde.)
Stratz' Diskussion der verschiedenen Proportionssysteme und -Ichren zeigt,
daß er sich auch in dem im 19. Jahrhundert so wichtigen Feld der
Anthropomctrie bestens aus-kcnnt. Unter verschiedenen Modellen - zitiert
werden die Methoden von Topinard, Bertillon, Richer, Sargent, Hay, Langer,
Merkel etc. - bevorzugt er den sog. „Fritschschcn Schlüssel",
benannt nach dem Ethnologen Gustav Fritsch, der seine anthropometri-schen
und -logischen Erkenntnisse im Vermessen von menschlichen Knochen, wohl
aber auch lebenden Menschen, in Süd-Afrika gesammelt hatte.30 Wenngleich
auch schon in der Publikation von 1898 eingehend praktiziert, so gab Stratz
allerdings erst im rassekundlichen Werk detaillierte Auskunft über
seine an die 15 Zahlenwerte ermittelnde Meßtechnik mit Bandmaß
und Tasterzirkel, die gleichermaßen am lebenden Körper wie
am fotografischen Abbild desselben, be- oder entkleidet, durchgeführt
wurde.31 i Stratz beruft sich auf den antiken Bildhauer Polyklet als Begründer
der Anthropome-trie sowie auf den nach ihm benannten Atlas von Gottfried
Schadow Polyclet oder von den Maassen des Menschen nach dem Geschlechte
und Alter von 1834.32 Entgegen dem Vorhaben, die Idealmaße auch
„nach dem Geschlechte" zu ermitteln, ist für Schadow jedoch
der Mann das gültige Maß des Menschlichen, weshalb der weibliche
Körper in den zahlreichen Bildtafeln eine eher periphere Behandlung
erfährt. Daß Maße und Maßverhältnisse relative
und abstrakte Größen seien, wird indes auf der letzten Bildtafel
deutlich, auf der nicht Idealtypen, sondern mit Namen, Alter und Herkunft
bezeichnete Figuren zu sehen gegeben werden. Dort wird unter anderem eine
Riesin einem zwergwüchsi-gen Manne kontrastiert, wodurch sich die
bio-logistischen Geschlechterzuschreibungen als (noch) von der „Wirklichkeit"
hintergehbare erweisen. Allen Sonderanthropologien ging es ja um die „natürliche"
Begründung von Hierarchien, die durch Messen und Vergleichen objektiviert
werden sollten. Eine verhältnismäßig geringere Körpergröße,
insbesondere aber Umfang und Gewicht des Gehirns - daher die exzessiven
Schädelvermessungen - gerieten so zum Zeichen der Minderwertigkeit
des weiblichen Geschlechts und nichtweißer Rassen.33 Auch Stratz
schließt sich mit seinen Vergleichen der unterschiedlichen Physis
von Mann und Frau dieser Forschungstradition an.
Das „Bartcls-Ploss" genannte umfangreiche Kompendium über
„das Weib in der Natur- und Völkerkunde", 1885 erstmals
er-" [ schienen, ist Stratz schließlich die wichtigste l Bezugsquelle
für alles aktuell Wissenswerte l aus Ethnologie und Anthropologie.34
Das wissenschaftliche Interesse am weltweiten Frauenbestand konzentriert
sich darin vor allem auf die sexuell-reproduktiven Funktionen, da es gilt,
einer weiblichen „Natur" vor aller zivilisatorischen Beeinträchtigung
und den emanzipativen Forderungen der Zeit habhaft zu werden. Daher erfüllt
es die Autoren mit großer Befriedigung, empirisch nachweisen zu
können, daß Frauen überall im wesentlichen mit der Nahrungsbeschaffung
und Kinderaufzucht beschäftigt seien. Bartels-Ploss galt lange als
die Autorität für alles mit der „Frauenfrage" zusammenhängende,
als Standardwerk wurde es noch 1935 ins Englische übersetzt. Beispielsweise
berief sich der Sexualwissenschaftler Iwan Bloch darauf, wenn er die sogenannte
„Missionarsstellung" als die „schon in alten Zeiten und
bei den verschiedensten Naturvölkern" vorherrschende bezeichnete
und deshalb auch für die „natürliche, instinktive Stellung
des Kulturmenschen" erachtete.35 Während die erste Ausgabe von
Bartels-Ploss noch nahezu un-, bebildert erschien, erhielten die späteren
Auf- \ lagen und ähnliche Publikationen eine opu- \ lente Bildausstattung.36
Maßgeblich für ihre breite Rezeption über die Weimarer
bis in die NS-Zeit war daher der Schauwert des „fremden" und
„anderen" Körpers, wie er schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts
in den Völkerschauen, veranstaltet vom Tierpark Hagen-beck37, inszeniert
worden war. Im Unterschied zu Stratz ist in Bartels-Ploss aber kein unmittelbarer
Text-Bild-Bezug gegeben: Die Fotos dienen dort eher der Illustration,
als daß sie eine Lektüre oder Interpretation durch den „wissenden"
ärztlichen Blick im Text-Kommentar erfahren hätten. In einem
eigenen Kapitel zur „Ästhetischen Auffassung des Weibes",
in dem die „Rassen-Schönheit" noch relativistisch bewerte
i ist, werden aber gleichwohl als Forschungsdesiderat exakte statistische
Erhebungen genannt - und damit genau das, was Stratz nur wenige Jahre
später praktizieren sollte. Daher galten auch seine Untersuchungen
zur Weiblichkeit bald als Grundlagenliteratur, die im gynäkologisch-medizinischen,
sexualwissenschaftlichen oder ethnologisch-anthropologischen Kontext häufig
rezipiert wurden; sogar der sozialistische Kulturwisscnschaftler Eduard
Fuchs bezog sich des öfteren auf „den verdienstvollen Stratz".
„Die untergründige Sorge, was wir - seinem Aussehen nach -
von unserm Gegenüber zu erwarten haben, und was diesem selbst bevorsteht
oder bevorgestanden hat, motiviert alle physiognomischen Traktate. Sie
beschwören eben deshalb meist das Gegenteil: die Gewißheit
des urteilenden Subjekts. Zu welchen Exzessen dieses Motiv im Kontext
der Kriminalanthropologie und des Rassismus geführt hat, kommt [...]
ebenso zur Sprache wie alles, was die künstlerische Seite dieses
Blicks betrifft."38
In diesem Zitat einer Verlagswerbung, die Neuerscheinungen zur Physiognomik
ankündigt, ist eine Trennung eingeschrieben, indem nämlich zwischen
einer schlechten - der kriminologischen und rassistischen - und einer
guten - der künstlerischen - Seite des klassifizierenden Blickes
auf den Körper unterschieden werden soll. Das eine wird abwertend
als „Exzeß" bezeichnet, das andere bedarf keiner aufwertenden
Qualifikation, da es sich ja um etwas Schönes und per se Ideales,
eben Kunst, handelt. Ich möchte diese Unterscheidung im folgenden
in Frage stellen.39 Das Brisante an der Schönheitsforschung etwa
von Stratz ist ja, daß sich hier beide Wahrnehmungsweisen ineinander
verschränken: Der ärztliche Blick inszeniert sich als künstlerisch
kreativer und umgekehrt soll ein ästhetisches Urteil sich als streng
objektives, wissenschaftlich überprüfbares erweisen. Der Mediziner
gibt sich als aufrichtiger Kunstliebhaber und -Kenner aus, was ihn zu
einer schonungslosen Kritik an den mangelhaften anatomischen Kenntnissen
moderner, aber auch älterer Künstler zu berechtigen scheint.
Könne schon an Botticellis Venus der nur noch bemitleidenswerte „schwindsüchtige
Typus" studiert werden, so sei insbesondere den moderneren und zeitgenössischen
Künstlern jegliches Formgefühl abhanden gekommen. Edward Burne-Jones
etwa wird noch eine „richtige" Auffassung in seinen zeichnerischen
Aktstudien attestiert, die er jedoch im malerischen Werk sträflich
vernachlässigt habe. Kontrastiert werden die „schlecht gebauten"
modernen Körperbilder mit den „gesunden" und „normalen"
Schemata der Antike (Abb. 5). Die Verschränkung / des künstlerischen
mit dem ärztlichen Blick40 ' ist nicht nur so zu verstehen, daß
bildende Künstler in der langen Tradition der wissenschaftlichen
Konstruktion des Körpers von Polyklet über Leonardo und Dürer
eine wichtige Rolle gespielt haben41 und angehende Künstler in der
akademischen Ausbildung selbstverständlich Anatomie zu studieren
hatten. Mit der zunehmenden Akzeptanz von Evolutionstheorien und Degenerationslehren
um die Jahrhundertwende wurde Ärzten auch weitreichende Kompetenzen
im gesellschaftlich-kulturellen Bereich zugeschrieben. Dies zeigt sich
etwa daran, daß der Begriff der Entartung, zunächst für
abnormes Zellgewebe verwendet, schon bald von einem Mediziner auf seiner
Meinung nach dekadente und schädliche Phänomene der Kunst und
Kultur übertragen wurde: Der Arzt wurde zum Zivilisationskritiker.42
Eine besondere Zuspitzung erfuhr diese neue Aufgabenstellung in den mit
der „Natur" der Geschlechterdifferenz befaßten Wissenschaften,
um so mehr, als die traditionellen Rollenbilder durch den wachsenden Einfluß
der Frauenbewegung in Frage gestellt wurden.43 Die ärztliche Tätigkeit
ist sexuell konnotiert, wie es Hasselhorsts Gemälde der Sek-
tion einer „schönen Leiche" (Abb. '6) nahelegt.44 Nur
ein kalt sezierender Blick, der die Maskeraden, Kleider und Häute
durchdringt und in den Körper hinein „spekuliert", kann
ihm das Geheimnis seiner Schönheit, Synonym der Weiblichkeit und
daher zum sekundären Geschlechtsmerkmal erhoben, entreißen.
Der hier Porträtierte, Johann Christian Gustav Lucae, beteiligte
sich im übrigen tatsächlich an der wissenschaftlichen Ermittlung
einer Ästhetik des weiblichen Körpers: Er ist Autor einer Abhandlung
"Zur Anatomie des weiblichen Torso - für Künstler und Anatomen**
Einer psychoanalytischen Lektüre nach Freud wäre es sicher aufschlußreich,
daß hier das Weibliche - bekanntlich ein „Mängelwesen"
- bereits als Torso präsentiert bzw. präpariert wird.
Je mehr die moderne Medizin schon durch die zunehmende Entwicklung chirurgischer
Techniken und optischer Instrumente Körperbilder des Parzellierten,
Kranken und Häßlichen produzierte, desto größer
scheint gerade in dieser Klientel das Bedürfnis nach Bildern des
Schönen, Gesunden und Heilen geworden zu sein.46 Gegen die Auflösung
eines festen ganzen Körperschemas in der Kunst der Moderne, wie deutsche
Beobachter nach 1871 sie insbesondere im französischen Impressionismus
argwöhnten, gegen die Vernachlässigung des Idealschönen
in Realismus und Naturalismus und gegen die „Verwilderung"
in der Darstellung der menschlichen Gestalt schrieb beispielsweise auch
der Anatomieprofessor Ernst Brücke in seiner auch von Stratz rezipierten
Schrift Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt an.47 Besonders
verwerflich sei ein allzu naturgetreues „Copieren des Modells"
mit all seinen naturbedingten Mängeln, wozu schon ein unschönes
Hervortreten des Ulna-Köpfchens am Handgelenk oder ein spitzer Ellbogen
gerechnet werden. Der Vergleich zwischen Kunst und Natur oder Naturprodukt
und Kunstwerk, wie es in einer zeitgenössischen Publikation heißt48,
der durch die neuen Reproduktionsi. oglichkeiten der Fotografie an optischer
wie argumentativer Schärfe gewann, diente der Postulierung einer
männlichen konnotierten, künstlerischen Überlegenheit über
die Natur, insbesondere auch über die des Modells.49 Eine solche
Gegenüberstellung, die den Schöpfermythos von Pygmalion weiterschreibt,
gibt auch Stratz zu sehen. Er kontrastiert dem Gemälde Alma-Tademas
Ein Bildhauermodell, das die Entstehung der Statue der Esquilini-schen
Venus in einer antikisierenden Atelierszene mit Bildhauer und Modell wiedergibt,
eine Aktfotografie eines sogenannten l") jährigen Judenmädchens
m ähnlicher Pose. Durch die vermeintliche Unmittelbarkeit des Mediums
erscheint nicht nur die Überführung von „Leben" in
„Kunst", sondern vielmehr umgekehrt von „Kunst"
in „Leben" vom Betrachter im „vergleichenden Sehen"
nachvollziehbar.
Stratz geht insofern einen anderen Weg als Ernst Brücke, als er nicht
für die Beschönigung der Realität in der Kunst, sondern
für die Perfektionierung des Materials und der Materialauswahl plädiert,
indem er das bevorzugte künstlerische Objekt, den weiblichen Körper,
neu definiert und konturiert. Ein eigenes Kapitel gilt daher dem rechten
Modellgebrauch; ausdrücklich wird die Verwendung jugendlicher Körper
empfohlen, wobei mit der Kategorie der Beaute de Diable (Abb. 3), einer
vornehm-frivolen Bezeichnung für körperlich, frühentwickelte
Mädchen der Unterschicht, eine Aufforderung zum raschen Verbrauch
ohne allzu schlechtes Gewissen gegeben ist.
Mit der Festlegung der Norm, des idealschönen weiblichen Körpers,
ist aber gleichzeitig das Häßliche und Abweichende, Nicht-Normale
diskursiv entstanden. Erst mit dem marmorglatten Vorbild einer antiken
Statue und perfekt fotografisch inszenierter jugendlich-schlanker Körper
konnte beispielsweise das Krankheitsbild der „Cellulitis" entwik-kelt
werden, unter der heute angeblich 80 Prozent aller (westlichen) Frauen
leiden - obwohl es sich keineswegs, wie der medizinische Terminus suggeriert,
um eine entzündliche Erkrankung handelt und „es" nicht
einmal weh tut. In Stratz' umfangreicher Abhandlung ist der Begriff noch
nicht verwendet, doch in der strikten Ablehnung etwa der Venus von Willensdorf
oder der Rubens-schen Körperauffassung durch ihn sowie andere Autoren
(man könne dessen „feiste Weiber" nur mit Lachen oder
Ekel betrachten, heißt es etwa bei Brücke) werden dem weiblichen
Körper alle diejenigen Eigenschaften abgesprochen, die bedrohlich
ans „Formlose", „Materielle" und „Mütterliche"
erinnern. Der „Krankheit" der Cellulitis ist somit ein präformativer
Akt der visuellen Wahrnehmung und Benennung vorausgegangen, der ihr erst
ihre Positivität und Existenz verleiht: Die Frauen zu Rubens' Zeiten
mögen vielerlei Ursachen gehabt haben, an körperlichem Ungemach
zu leiden, doch sicher nicht an den Pölsterchen um Hüften und
Oberschenkel!
Daß das permanente Vorzeigen und Beherrschen der „phallischen"
weiblichen Form vor allem den Männerbund zwischen Autor und Leser
bzw. Betrachter bekräftigt, kann eine signifikante Auslassung im
medizinischen Diskurs Stratz' verdeutlichen. Trotz deV Überfülle
an Bildmaterial verwehrt er dem Rezipienten einen Blick auf den Ort der
weiblichen „Kastration", der nach Freuds Medusa-Effekt die
Vergewisserung der eigenen männlichen Identität erst ermögliche.
Bei aller sonst an den Tag gelegten Gründlichkeit der Untersuchung
- man sollte nicht vergessen, daß er zum Gynäkologen ausgebildet
worden war50 - vermeidet er jegliche Ansichten von weiblichen Genitalien.
Diese besondere „Spekularität" des Weiblichen hatte etwa
Lombroso thematisiert in den prominent auf der ersten Tafel seines Buches
abgebildeten Vulven und Labien, deren Formgebung Aufschluß geben
könne über die sittliche und rassische Verfaßtheit der
Person. Ebensowenig interessierte sich Stratz offensichtlich für
die von Charcot theatralisch-mi-metisch erzeugten und fotografisch festgehaltenen
Ansichten der „Hysterie", deren Veror-tung bekanntlich seit
der Antike in der Gebärmutter oder sonstigen weiblichen Befindlichkeiten
vorgenommen worden war, und die er sicher auch unter die „Schönheitsfehler"
hätte subsumieren können. Die chronofotogra-fisch hergestellten
Bewegungsstudien der Ico-nographie de la Salpetriere sind lediglich im
Text erwähnt, aber nicht abgebildet, meines Erachtens deshalb, weil
sie sich dem Geschlossenen und Phallischen der idealschönen weiblichen
Form widersetzen.
Dagegen wird in der monoton vorgeführten Demonstration einer immer
gleichen Abfolge von Bildern, nämlich zunächst einer bekleideten,
dann entkleideten, sodann auf eine Umrißlinie und schließlich
auf ein Propor-tionsscherna reduzierten Figur (Abb. 7) eine Bewegung vollzogen,
die als „Enthüllung" und „Aufklärung"
des jeweils Darunterliegenden verstanden werden kann. Zu sehen gegeben
wird nicht nur das voyeuristische „see-ing through clothes",
sondern der Blick erfaßt wie mit dem Röntgenauge - soeben,
1895, waren die Röntgenstrahlen entdeckt worden - neben den Fehlern
und Mängeln der Gestalt sogar Größe und Maßverhältnisse
der Knochen. Damit inszeniert die Bilddramaturgie eine unermüdlich
wiederholte und wiederholbare, geradezu ritualisierte Geste einer ärztlich-anatomischen
Sektion „am Bilde", „in effigie". Der sich mit dem
Arzt identifizierende, wissenschaftliche Betrachterblick wird mit einer
magischen Macht über Leben und Tod ausgestattet. Die Operation ist
eine Bewegung zum Tode insofern, als das Stillstellen, Vermessen, Klassifizieren,
Verwalten und Verwerten der Körper hier strukturell eingeübt
wird. Es ist die Praxis der Anthropologen und Ethnologen in den Kolonien,
die Stratz hier am weiblichen „Rassenkörper" durchexerziert
und die in besonderer Konsequenz in den Konzentrationslagern verwirklicht
wurde. Im Anhang zur Dialektik der Aufklärung schrieb Adorno:
„Die jüdische Tradition vermittelt die Scheu, einen Menschen
mit dem Meterstab zu messen, weil man die Toten messe - für den Sarg.
Das ist es, woran die Manipulatoren des Körpers ihre Freude haben.
Sie messen die anderen, ohne es zu wissen, mit dem Blick des Sargmachers."51
Einige der speziellen Freunde der weiblichen Schönheit um die Jahrhundertwende
haben später in der Zeit des Nationalsozialismus ihre bevölkerungspolitisch
motivierten Arbeiten zur Rassen- und Körperschönheit veröffentlicht.
Ein
Kunstprotessor, Schultze-Naumburg, wurde Mitglied des Sachverständigenbeirates
für Bevölkerungs- und Rassenpolitik des Reichsministers des
Innern, Arbeitsgemeinschaft III: Erziehungs-, Frauen-und Mütterfragen
sowie Fürsorge.52 Seine Schrift Die Kultur des weiblichen Körpers
als Grundlage der Frauenkleidung von 1901 ist in Machart und Argumentation
nicht allzu verschieden von seinen späteren Hetztiraden in Kunst
und Rasse von 1928: Es sind dieselben Prinzipien der diffamierenden Gegenüberstellung
von Körperbildern, die vom Betrachter als schön oder häßlich,
gut oder böse, gesund oder krank wahrgenommen werden sollen, angewandt.53
In seiner Schrift Die nordische Schönheit von 1932 erfährt daher
der arische Herrenblick, fest, stahlblau und durchdringend präsentanz
- während die Untermenschen mit unsicher-diffusem, verkniffenen oder
verschlagenen Gesichtsausdruck und kaum erkennbaren Augenpartien inszeniert
sind, Züge, die vom Betrachter gleichermaßen auf rassisch-biologische
Gegebenheiten (die Mon-golenaugenfalte, der Jude) wie auf politischmoralische
Ursachen (der Asoziale, der Kommunist etc.) zurückgeführt werden
sollen.
Die in den 30er Jahren im allgemeinen Bewußtsein verankerten Vorstellungen
der Rassenlehren werden bei Stratz durch gezielten Einsatz der Bildmedien
erzeugt. Die in seiner Schönheitsskala am untersten angesiedelten
Frauen werden mit Aufnahmen vorgestellt, die dem Repräsentationsstil
der Medizin, der Anthropologie oder der Kriminologie entsprechen: Sie
stehen an der Meßlatte, Kleiderhäufchen zu ihren Füßen
oder sind von vorne, von hinten und von der Seite abgelichtet. Diesen
Fotografien ist die gewaltsame Prozedur ihrer Herstellung deutlich anzusehen,
da sie offensichtlich gegen den Willen der Gezeigten entstanden sind.
Ihre in den Bildern aufbewahrten Gesten des Sich-Sträubens, der Angst,
der Wut oder auch nur der Unwissenheit über die ästhetisch-kulturellen
Verabredungen der weißen Bildproduzenten können jedoch vom
Meister des Diskurses als weiterer Beweis einer naturhaften „Häßlichkeit"
gelesen werden. Ein ähnliches Interpretationsverfahren ist auch in
den Bildarchiven von Tarnowsky und Lombro-so/Ferrero wirksam, wo die grimassierend
verzerrten Gesichter von Personen, die sich gegen die erkennungsdienstliche
Behandlung wehrten, zum visuell erkennbaren „Degenerationszeichen"
ihrer erbbiologischen Verkommenheit fixiert wurden. Wenn von Stratz drei
schwarze Frauen präsentiert werden, die man - wohl unter Mühen
- in die Positur der klassizistischen Dreigraziengruppe von Canova gebracht
hatte (Abb. 8), so geschieht dies in der Absicht, den universellen Anspruch
und die Überlegenheit der weißen kulturellen Muster zu dokumentieren.
Die wertvolleren Rassekörper werden in künstlerischen Aktfotos
oder folkloristisch verkleidet präsentiert und bieten sich daher
dem Betrachter in gefälligeren Posen an. Ge-sichtsschlcier verweisen
bisweilen auf die Eigenschaft der „Scham", die die Zivilisierte
von der Wilden unterscheide und die, ähnlich wie die Schönheit
und optisch erkennbar am Erröten, von zeitgenössischen Ärzten
gar zum sekundären weiblichen Geschlechtscharakter deklariert worden
war. Das „natürliche Rassenideal" (Abb. 9), und nur dieses,
wird in der Deskription mit einer „Seele" ausgestattet:
„[...] nur die geschmiegte Haltung und der träumerische Blick
verrät, dass in diesem Körper auch eine weiche Frauenseele wohnt".54
Eine weniger „einfühlsame" Betrachtung: Ein angebissener
Apfel in der ausgestreckten Hand des nicht übertrieben freundlich
blickenden Modells signalisiert nämlich die „Bedeutung"
einer verführerischen Eva im gleichnamigen Kostüm.
Die Sonderanthropologien, denen es schon im 18. Jahrhundert um die Naturalisierung
von Machtstrukturen zwischen den Menschen ging, werden heute in einer
subtileren, doch höchst folgenreichen Weise fortge-schrieben in der
Humanbiologie, der evolutionären Psychologie, der Genetik und der
Industrieanthropometrie. Relativ „harmlose" Beispiele für
die rassen- und geschlechtsspezifischen Erkenntnisinteressen letzterer
lieferte einer ihrer prominentesten Vertreter, der ehemalige Direktor
des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung, etwa wenn er
die „frauenfreundliche" DIN-Höhe von Küchenspülbecken
begründet oder die Konstruktionsprobleme von Automobilen für
den asiatischen Markt erläutert.55 Menschen seien in „Rassentypen"
und „biologische Sozialtypen"
einzuteilen, so etwa wenn der „große und schlanke Wissenschaftler"
dem „kleinen, gedrungenen und schweren Kraftfahrer" kontrastiert
wird.56 Bis heute kursieren in der Humanbiologie rassistische Lehrbücher57
und wird mit psychologischen Tests oder der Genetik die „Minderwertigkeit"
von Nichtweißen58, Homosexuellen, Behinderten und anderen Anderen
„bewiesen".
Daher ist mehr als Skepsis und Mißtrauen angebracht, wenn uns heute
in hübschen Magazin-Hochglanzbildern die wissenschaftliche Erforschung
der Schönheit attraktiv gemacht werden soll - ihre Kehrseite, die
diskursive Herstellung, Diffamierung und Ausmerzung des Anderen, geht
immer mit ihr einher. Zur Illustration der aktuellen Wissenschaftsdebatte
um eine „weibliche" Schönheit möchte ich daher vorschlagen,
in die Runde um Frau Venus (Abb. 1) auch das geklonte Schaf Dolly mit
aufzunehmen.
1 Dieter
E. Zimmer: Schönheit - was ist das? In:
Die Zeit, l, 1996, Magazin, S. 8-15, hier: S. 12.
2 „Hirsutismus, eine männliche Körperbehaa
rung; tritt bei Frauen auf, deren Hormonhaus
halt gestört ist (Form der Hypertrichose)."
„Hypertrichose, eine vermehrte anormale Be
haarung". Dr. Georg A. Narciss: Knaurs Wör
terbuch der Medizin für jedermann. München
1988, S. 227 und 240.
3 Naomi Wolf: Der Mythos Schönheit. Reinbek
1991. In ihrer Polemik, die an Betty Friedans
The Feminine Mystique von 1963 (dt. Der Weib
lichkeitswahn. Reinbek 1988) anschließt, ist
Wolf sicher die exponierteste Kritikerin der
herrschenden Schönheitspolitik. Die Problema
tik ihrer Argumentation besteht m.E. aber dar
in, daß sie in ihrer „Entlarvung" des Mythos
dessen nahezu totalitäre Macht noch bestätigt.
Eine differenziertere Auseinandersetzung liegt
vor in: Francette Pacteau: The Symptom of Be-
auty. Men's Imagos of Women. London 1994.
4 Bernd Guggenberger: Einfach schön. Schön
heit als soziale Macht. Hamburg 1995. Nicht
etwa bei Goldmann-Heyne, sondern im Rot-
buch-Verlag erschienen, ist dieses Buch zumin
dest ein interessantes Dokument für die Kluft,
die sich zwischen mutmaßlichen Altachtund-
sechziger Herren und dem Feminismus aufge
tan hat. Hier wird tapfer gekämpft für das Schö
ne, Gute und Wahre am Weibe, das gerne auch
mit der Natur verglichen oder verwechselt
wird, weshalb etwa Judith Butlers Gender Trou-
ble (dt. Das Unbehagen der Geschlechter.
Frankfurt/M. 1991) heftige Abscheu erregt:
„ein unüberbietbares Beispiel dafür, wie weit
die voluntaristische Eskamotierung der Biolo
gie und der zugehörige ideologische Machbar-
keits- und Veränderbarkeitswahn gehen kön
nen." Guggenberger, S. 252. Zu allem Übel
wird eine Fortsetzung des Buches angekündigt,
die endlich frei und unabhängig von feministi
scher Kritik, oder, in den Worten des Autors:
dem „wabernden Pulverdampf des Geschlech-
ter^rieges (sollte er dann immer noch wabern)
[...], jenes ephemere Getöse und Getümmel,
das uns die Sicht vernebelt" ebd., S. 247, zur Sa
che kommt. Nebenbei gesagt, scheint man sich
auch gegen frühere politische Ideale abgrenzen
zu müssen, wenn jetzt gerade das Elitäre und
Undemokratische der Schönheit das eigentli
che Faszinosum bildet.
5 Bernd Guggenberger: Sind Frauen schöner? In: Die ZEIT, 1.5.1992.
Anscheinend hat der Autor hierzu viele Zuschriften empörter Leserinnen
erhalten, doch wollen wir ihm für diesmal
und angesichts der einzigen Abbildung in seinem Buch die bange Frage entschieden
bejahen, wenngleich die geschlechterpolaren Definitionen des 19. Jahrhunderts
(Frauen sind das schöne, Männer das starke Geschlecht) mittlerweile
einige Kritik erfahren haben ...
6 Vgl. Anna Bergmann: Die Rationalisierung der
Triebe. Rassenhygiene, Eugenik und Geburten
kontrolle im Deutschen Kaiserreich. Diss. FU
Berlin 1988 (gedruckt unter dem Titel: Die ver
hütete Sexualität. Die Anfänge der modernen
Geburtenkontrolle. Hamburg 1992); Heidrun
Kaupen-Haas (Hg.): Der Griff nach der Bevöl
kerung: Aktualität und Kontinuität nazisti-
scher Bevölkerungspolitik. Nördlingen 1986.
7 Carl Heinrich Stratz: Die Schönheit des weibli
chen Körpers. Den Müttern, Ärzten und Künst
lern gewidmet. Stuttgart 1898, hier zit. nach der
13. Aufl. Stuttgart 1902 (44. Aufl. Stuttgart
1941); ders.: Die Rassenschönheit des Weibes.
Stuttgart 1901, hier zit. nach der 5. Aufl. Stutt
gart 1904 (22. Aufl. Stuttgart 1941). Zu Stratz
vgl. neuerdings Susanne Regener: Frauen, Phan
tome und Hellseher. Zur Geschichte der Phy
siognomie des Weiblichen. In: Claudia Schmöl-
ders (Hg.): Der exzentrische Blick. Gespräch
über Physiognomik. Berlin 1996, S. 187-212,
insbes. S. 195-198.
8 Zur diskursiven
Produktion dieser spezifi
schen Zeichen von Männlichkeit in einer andro-
zentristisch geprägten Wissenschaftstradition
vgl. Londa Schiebinger: Anatomie der Diffe
renz. 'Rasse' und Geschlecht in der Naturwis
senschaft des 18. Jahrhunderts. In: Feministi
sche Studien, 11, 1993 (1), S. 48-64.
9 Francis Galton: Inquiries into Human Faculty
and its Development. London 1883. Für die
Konstruktion der abweichenden und damit
„Normalität" erst produzierenden weiblichen
Physiognomie sind ebenso signifikant, aber im
heutigen Schönheitskontext verständlicherwei
se nicht benannt: Paula Tarnowsky: Etüde an-
thropometrique sur les prostituees et les voleu-
ses. Paris 1889, die mit Hilfe von Tausenden
steckbriefartiger Fotografien russischer Verbre
cherinnen und Prostituierten an deren systema
tischer Erfassung und „Früherkennung" arbei
tete, sowie die sich darauf beziehenden Cesare
Lombroso, Giuglielmo Ferrero: Das Weib als
Verbrecherin und Prostituierte. Anthropologi
sche Studien - Gegründet auf einer Darstellung
der Biologie und Psychologie des normalen
Weibes. Hamburg 1894. (Zum Zeitpunkt der
Niederschrift dieses Artikels laufen die ersten
Verbrechersteckbriefe weltweit übers Internet).
|