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Annegret Friedrich

Kritik der Urteilskraft
oder: Die Wissenschaft von der weiblichen Schönheit in Kunst, Medizin und Anthropologie der Jahrhundertwende



Glaubt man einem im Januar 1996 erschienenen Wissenschaftsreport von Dieter E. Zim-mer im ZEIT-Magazin, so erleben wir Ende des 20. Jahrhunderts die Geburt eines neuen faszinierenden Wissensgebietes, dem es um nichts weniger als die Frage geht: „Was ist der Mensch?" Es handele sich um die moderne Erforschung der menschlichen Schönheit, in guter „humanistischer" Tradition zunächst geschlechtsneutral formuliert. Daher fügt sich auf der Collage der Aufmacherseite neben allerlei femininen Ikonen der abendländischen Kulturgeschichte - von der Venus von Willensdorf bis zum Model Daniella ganz beiläufig auch Michelangelos David in die illustre Gesellschaft.
In einer krausen Mischung aus „Mythos und Wahrheit" wird die neueste wissenschaftliche Erkenntnis präsentiert, daß es ungeachtet historischer und gesellschaftlicher Variabilitäten ein konstantes und universales Schönheitsideal der Menschheit gäbe. Die Beweisführung reicht dabei von der Schönen Helena zum Parisurteil, vom Pleistozän bis zum Computerzeitalter, von psychologischen Tests an Schimpansen, Säuglingen und Erwachsenen, von salopp daherkommenden medizinischen Erläuterungen („Akne und Hirsutismus! ('unschön') [deuten] auf einen erhöhten Serumtestosteronspiegel und Eierstockprobleme hin") und einem Objektivität suggerierenden technizistischen Vokabular (VTH: Verhältnis von Taillen- und Hüftumfang, das am „allerschönsten" bei einem niedrigen Wert von 0,7 bis 0,8 wirke) bis hin zu fragwürdigen Komplimenten und einem un terschwelligen Neid auf die vermeintlichen gesellschaftlichen Vorteile der Schönen. Man wendet sich damit insbesondere gegen die so apostrophierten „Kulturdeterministen" und ein angeblich seit siebzig Jahren unangefochten herrschendes Paradigma von der sozio-kulturellen Geprägtheit der Menschen. Doch wird als einzige Protagonistin dieser scheinbar nun überholten Theorie die Feministin Naomi Wolf, Autorin des Buches Der Mythos Schönheit* genannt, der eine „extrem ra-dikale" Position unterstellt wird. Es ergibt sich der Eindruck, daß es dem Autor gerade-zu willkommen sei, nun endlich wieder über ein Instrumentarium zu verfügen, das tatsäch-lich bestehende gesellschaftliche Unterschie-de „millimeterweise empirisch zu erhärten" in der Lage sei, mit anderen Worten: mit Hil-fe biologisch-naturwissenschaftlicher bzw. verhaltenspsychologischer Erklärungsmodel-le zu legitimieren. Daß sich die Argumenta-tion jedoch nicht neutral und universal am „Allgemeinmenschlichen" orientiert, son-dern beständig geschlechtsspezifische Zu-schreibungen zugrundelegt und weitertrans-portiert, geht indes schon aus den Ergebnis-sen und Interpretationen der zitierten Testrei hen hervor: so etwa, wenn es nicht hinter-fragt wird, daß beim weiblichen Geschlecht ein Durchschnittsgesicht allgemein als am schönsten beurteilt würde, bei der männli-chen Physiognomie dieses „Gesetz" aber er-staunlicherweise versage. Letzteres wird da-mit begründet, daß durch die computerisier-ten Überblendungen die „kantigen Kieferpar-tien" und die „wulstigen Augenbrauen, die

l Schönheit - was ist das? ZEIT-Magazin, 5.1.1996.
offenbar ein wesentliches Merkmal männlicher Schönheit bilden", verwischt werden würden. Auch daß Frauen die (heterosexuelle) Partnerwahl generell immer noch eher nach Status, Männer aber eher nach Schönheit vornehmen würden, irritiert den Autor wenig: Denn die These von der „strukturellen Ohnmacht des weiblichen Geschlechts" dürfe als wiederlegt gelten.
Der Artikel basiert zum Teil auf dem kürz-lich erschienenen Buch des Berliner Politolo-gen Bernd Guggenberger Einfach schön*, der vor einigen Jahren ebenfalls schon zum ein-schlägig beliebten Thema als ZEIT-Autor hervorgetreten war. In seinem Aufsatz mit dem suggestiven, aber grammatikalisch unbe-friedigenden Titel Sind Frauen schöner? beschwor er insbesondere „die Feministinnen", doch endlich von ihrer Kritik am patri-archalen Schönheitspostulat abzulassen und sich wieder mehr auf die „soziale Macht der Schönheit" zu besinnen.5

Der Verdacht, daß sich hier weniger eine altmodische Altherren-Romantik als viel-mehr ein moderner antifeministischer „back-lash"-Diskurs etablieren will, liegt nur zu na-he. Entgegen der Behauptung, es sei eine ganz neuartige Wissenschaft vom Menschen am Entstehen, möchte ich im folgenden auf die historischen Vorläufer dieser Art der Schönheitsforschung um die Jahrhundert-wende eingehen. Mit dem Blick in die Ge-schichte könnten die rassistischen und sexisti-schen Implikationen eines expandierenden Bereiches der sogenannten Humanwissen-schaften erkennbar werden, die nicht zuletzt durch Kontinuitäten zur und seit der natio-nalsozialistischen Biopolitik von größter Bri-sanz sind.6
Überraschende Parallelen finden sich näm-lich - bis zu den als brandaktuell verkauften statistischen Werten und angeblich objekti-ven Zahlen - in den Publikationen des deutschen Gynäkologen, Anthropologen undMedizinschriftstellers Carl Heinrich Stratz: Die Schönheit des weiblichen Körpers von 1898 sowie Die Rassenschönheit des Weibes von 1901, die beide, reich mit Aktfotografien bebildert, eine ungeheuere Popularität genos-sen und bis 1941 wiederaufgelegt wurden.7 Beispielsweise begründete Stratz seine Be-schränkung auf weibliches Untersuchungs-material in der wissenschaftlichen Evaluie-rung der „Rassenschönheit" damit, daß schließlich auch in der Natur die Weibchen die „Gattung" repräsentierten im Unterschied zum Männchen, das durch äußere Merkmale wie Bartwuchs, Mähne, Federschmuck oder Geweih für das „Individuelle" stünde." Mit der nicht nur auf Darwin zurück-zuführenden Postulierung, nach der im Lau-fe der Menschheitsgeschichte die Geschlech-terdifferenz sich zunehmend erst ausgeprägt hätte, weshalb etwa Angehörige „niedriger-stchender" Rassen und Klassen weniger aus-geprägte Zeichen von „Weiblichkeit" und „Männlichkeit" aufwiesen, verstehen wir nun auch die Signifikanz von mächtigen Au
genbrauenwülsten und kräftig ausgeprägten Kinnladen - nicht etwa zu verwechseln mit Atavismen! - für die Konstruktion von „Männlichkeit" im Jahre 1996.
Die einzige Stelle, in der im ZEIT-Artikel auf eine schon vorhandene Wissenschaftstra-dition angespielt wird, spricht denn auch für sich. Daß die Methode der Kompositporträts (Abb. 2) bereits 1883 zur Ermittlung von pro-totypischen Verbrecher- oder Kranken-Phy-siognomien, also auf der Suche nach Zeichen des Abweichenden, Kriminellen, Degenerier-ten und Pathologischen erfunden wurde, tut nämlich den heutigen Computerschönheits-ermittlungen erstaunlicherweise keinen Ab-bruch.9 Gegen die behauptete Repräsentativi-tät und Objektivität der solcherart erhalte-nen Physiognomien ist hier lediglich anzu-merken, daß ihnen zumeist schon gravieren-de Selektionsverfahren vorgängig sind: so et-wa, wenn lediglich innerhalb der Kategonen von Alter, Klasse, Rasse und Geschlecht kom-biniert wird.10 Im Bestreben, eine rassisch oder national determinierte „Einheitsvisage"

zu kreieren, oder, mit anderen Worten, Identitäten zu konstruieren, wird überdies die nicht unbedeutsame Tatsache verkannt, daß „der Mensch" immer schon eine „Mischung" darstellt. Und trotz entschieden verlängerter Lebenserwartung gilt es auch heute noch ge-nau wie vor hundert Jahren (Abb. 3) als wis-senschaftlich erwiesen: „Universell sind jun-ge Frauen die attraktiveren - und zwar Frau-en genau im sozusagen reproduktivsten Al-ter zwischen 16 und 25.
Um die Jahrhundertwende ist die Behaup-tung der Überlegenheit und universalen Gül-tigkeit eines weißen Schönheitsideals, ein für allemal normbildend repräsentiert in der Ve-nus von Medici12, Stratz eigentliches Anlie-gen. In dieser Absolutheit konnte ein norma-tiver Schönheitsbegriff erst seit den Evolu-tionstheorien, die die abendländische Zivilisa-tion zum Ziel und Zweck der menschlichen „Naturgeschichte" definierten, formuliert werden. Hatte zwar auch schon der Begründer der Anthropologie, Johann Friedrich Blumenbach, um 1800 die Meinung kolportiert, daß man unter den fünf „Hauptvarietäten" des Menschengeschlechtes die „kaukasische" für die schönste halte, so bestand er doch - relativierend - darauf, daß wohl alle ihre eigenen Schönheitsvorstellungen hätten und Berichte über „Häßlichkeiten" und „Monstrositäten" der fremden Anderen meist übertrieben seien.13 Gleichwohl sind es ästhetische Kriterien, mit denen in der Folge die Rassen-lehren arbeiten sollten, in die sich Stratz mit der gesonderten wissenschaftlichen Erfas-sung des weiblichen Körpers - für ihn ein Forschungsdesiderat - einreiht.14 Die Venus von Media bildet für ihn den Maßstab, an dem tausende von Frauen akribisch gemes-sen wurden, und die - selbst für weiße Frau-en ziemlich unerreichbare - oberste Stufe in der Hierarchie der Rassenschönheitsmerkma-le, die in einer eigenen Tabelle am Ende des Buches zusammengefaßt sind. Einen Nach-klang findet diese eurozentristische und rassi-stische Bewertung in der heutigen scheinbar liberalen Feststellung: „Das Mischen ver-schiedener ethnischer Herkünfte, europäi-sche, afrikanische, asiatische, mindern die At traktivität nicht"15, da in ihr eine anderslau-tende Erwartung mitformuliert ist und die Matrix für derartige Experimente sicher ein weiß-europäisches Gesicht sein dürfte. Auch die bis heute beliebten „Mißwahlen", zuerst in den 20er Jahren in den USA durchgeführt, wurden von Stratz konzeptionell schon vor-weggenommen:
„Um das natürliche [d.i. objektive, inter-kulturelle, A.F.] Rassenideal in Fleisch und Blut zu bestimmen, sind wir auf die Verglei-chung photographischer Reproduktionen an-gewiesen, und damit auch wieder in bestimm-te Schranken gebannt. Leider ist es ja nicht möglich, aus allen Schönsten eines Landes die Schönste auszuwählen, photographieren zu lassen und dann einem geneigten Publi-kum als den Ausbund aller weiblichen Schön-heit zu Füßen zu legen."16
Es ist interessant, daß es auch hier schon um eine mediale „Vergleichung" geht, die durch die neuen technischen Verfahren der Reproduktion erst ermöglicht wurde. Die Parallelen ließen sich noch weiter verfolgen, doch möchte ich hier den gesellschaftspolitischen Kontext, innerhalb dessen die Schriften eines Stratz so erfolgreich werden konn-ten, kurz skizzieren17, schon um den Ein-wand zu entkräften, es habe sich um nicht weiter ernstzunehmende, pseudowissen-schaftliche Elaborate eines Einzelnen, die aber die Wissenschaft als solche nicht tangie-ren könnten, gehandelt.
Um die Jahrhundertwende erschien eine Flut von preiswert aufgemachten Bildbänden wie etwa Die Frauenschönheit im Wandel von Kunst und Geschmack, Das weihliche Schönheitsideal in der Malerei, Die Frau in der Kunst, Die schöne Frau in der Kunst, Das Weih in der antiken Kunst, Die Darstellung der Frau in der modernen Kunst usw. Das neue Interesse an der idealen weiblichen Form steht in Zusammenhang mit den Neuformatierungen des Betrachterblickes in der Folge der Lex-Heinze-Debatte, der Androhung einer Verschärfung des Unsittlichkeits-paragraphen. Weit davon entfernt, ihr voyeu-ristisches Vergnügen am Anblick des Nackten zu thematisieren, bemühten sich diejenigen Autoren, die am entschiedensten für die „Freiheit der Kunst" und gegen jegliche staatliche Zensur eintraten, ihren sittlich einwandfreien, rein ästhetischen Blick gegen die befürchtete staatliche Kontrolle zu behaupten. Mit Foucault kann daher gesagt werden, daß der Blick der Macht sich in die Verhaltensweisen derjenigen, die sich als Befreiungskämpfer gerierten, schon eingeschrieben hatte.18 Die moralisch rigidesten Vertreter einer „freien" und unzensierten Darstellung des Nackten, wie etwa Richard Ungewitter, Paul Schultze-Naumburg oder Ernst Wilhelm Bredt waren denn auch die unerbittlichsten Gegner der herrschenden Unmoral, wie sie sich ihnen insbesondere in den beunruhigenden Phänomenen der modernen Großstadt zeigte.19 Sie propagierten für die bildenden Künste einschließlich der Fotografie die Rückkehr zu einer Körperauffassung, wie sie ihnen vorbildlich in den edlen Formen der hellenistischen Skulptur realisiert schien.20 Ihr geradezu missionarischer Eifer richtete sich deshalb gegen das Korsett, nicht nur, weil es den weiblichen Körper verstümmele und die Gebärfähigkeit beeinträchtige (dies hatte schon Sömmerring um 1800 konstatiert), sondern es wurde als Zeichen des „Anderen" des Weiblichen, der Dekadenz und des Lasters geradezu dämonisiert. Mit dem Aufdecken und Entlarven der „Maskeraden" vermeinte man daher gegen alles, was innerhalb der Corsettagen versteckt und verborgen bleiben mußte, vorgehen zu können. Deshalb reagierte man ebenso heftig gegen jede Form der nicht moralisierenden Darstellung von Prostituierten (also dem im Wortsinn „Pornographischen"), sei es in der zeitgenössischen Aktfotografie, in „Kitsch und Schund", das mit dem „Formlosen" analog gesetzt wurde, aber auch in Werken der Hochkunst. Bredt etwa erachtete Sir Joshua Reynolds Porträt der Miß Kitty Fischer für ein höchst bedenkliches, geradezu obszönes Bild, da in ihm „unsittliches Wohlleben" ohne „künstlerische Potenz" verherrlicht würde: Es bekäme einen anderen Sinn, wenn darunter stünde „Die berühmte Dirne ihrer Zeit". Als Aufgabe der Volkserziehung wurde es dagegen gesehen, „gesunde und normale Triebe" über das visuelle Angebot zu fördern und das sittlich Schädliche auszumerzen. Daß es in der Regulierung des männlichen Geschmackes an Repräsentationen des Weiblichen bevölkerungspolitisch um „Zuchtwahl", die Verbesserung der Rasse und Veredelung des Volkskörpers, ging, wurde nicht einmal besonders kaschiert. Die Verschiebung des pornographischen auf ein rein ästhetisches oder wissenschaftliches Interesse konnte daher mit dem Verweis auf die Kunstgeschichte und der Verinnerlichung von modernen Degenerations- und Rassenlehren gleichermaßen unterstützt und legitimiert werden.
So ist es nur folgerichtig, daß Stratz sein Kompendium zur Frauenschönheit „Den Müttern, Ärzten und Künstlern" widmete. Die Adressierung an diese Zielgruppen ist aufschlußreich und soll im folgenden erläutert werden. Ersteren wird geraten, ihre heranwachsenden Töchter auch ohne körperliche Beschwerden regelmäßig zu ärztlichen Kontrolluntersuchungen zu bringen, um eventuellen, nicht nur gesundheitlichen, sondern auch ästhetischen „Schäden" rechtzeitig vorzubeugen. Damit reiht sich das Werk ein in pädagogische Abhandlungen wie etwa Kal-lipädie oder Erziehung zur Schönheit des Leipziger Orthopäden Daniel Gottlieb Schre-ber, das 1858 erstmals erschien.21 Dort sind allerdings „Kinder" die Objekte (volks-)für-sorglicher Maßnahmen, die mit Hilfe von Hygiene, Bewegung, angemessenen Spielen und Unterricht zu körperlich und geistig idealen Erwachsenen herangezogen werden sollten. Differenziert sind die Ausführungen nach Lebensalter, kaum nach Geschlecht. Der Begutachtung und Förderung einer speziell weiblichen Schönheit ist keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, ganz im Gegenteil sollte bei der Erziehung der Mädchen übertriebene Eitelkeit vermieden werden. Die Dedikation an die Mütter bei Stratz belegt des weiteren, daß diese selbst nicht (mehr) als Trägerinnen von Schönheit in Frage kommen (vgl. Abb. 3), sondern als Produzentinnen und Komplizinnen bei der Heranzucht zukünftiger Schönheiten in die gesundheitspolitischen Strategien einbezogen werden müssen.
Die für ein breiteres Publikum bestimmte „Fachliteratur" über Frauenschönheit und -gesundheit hat ihre Vorläufer in den seit dem 18. Jahrhundert beliebten Frauenzimme-ralmanachen, in denen mehr oder weniger nützliche Ratschläge zur „Förderung, Unterstützung, Erhaltung oder Wiederherstellung" der weiblichen Schönheit publiziert wurden. Zwar ist es richtig, daß hier die Modellierung des weiblichen zum „schönen" Geschlecht vorbereitet wird. Im Gegensatz zum späteren Paradigma einer bloßen und reinen „Natur" des Weibes erscheint Schönheit allerdings hier stets im Verbund mit den Eigenschaften von Grazie und Tugend. Künstliche Hilfsmittel, wie Mode und Schminke, sind durchaus noch legitim, und sogar Alkoholgenuß gilt bisweilen als kosmetischer Geheimtip. Obwohl mitunter auch von Ärzten verfaßt, sind diesen Texten für heutige Begriffe erstaunliche Skrupel eingeschrieben, über das schicklicherweise Sichtbare des weiblichen Körpers hinaus Aussagen zu machen: Von der Schönheit und Pflege des Gesichtes, der Haare, der Arme und des Busens geht ein Autor beispielsweise unverzüglich zur Behandlung der Füße über und läßt die dazwischenliegenden Partien schäm- oder taktvollerweise aus.
Im Gegensatz dazu geht es um die Jahrhundertwende um eine nüchterne Bestandsaufnahme des ganzen weiblichen Körpers, der, entkleidet und vor das wissenschaftliche Instrument des fotografischen Apparates gebracht, zunehmend als ein Ort der Abweichung, der Deformation und der Krankheit ins Visier genommen wird. Am Bildmaterial, das in Die Schönheit des weiblichen Körpers zumeist aus der kommerziellen Aktfotografie stammt und dem bevölkerungspolitischen Zweck gemäß überwiegend aus Ablichtungen von minderjährigen Mädchen im gebärfähigen Alter besteht, werden zum einen die entstellenden Folgen von Krankheiten wie Skrofulöse, Rachitis und dergleichen visuell veranschaulicht. Darüberhinaus aber wird auch auf kleinste und banalste Unregelmäßigkeiten, wie etwa Strumpfbandabdrücke, „seitliche Hautfalten beim Beugen des Rumpfes" oder die wahrhaft abscheuliche „Schnürfurche" um die Taille hingewiesen. „Ans Männliche erinnernde Formen" eines Aktmodells beschwören die neu erfundene Krankheit des „Virilismus" (Abb. 4) herauf.23 Die Bildunterschriften kommentieren die Abbildungen im sachlichen Tonfall eines ärztlichen Protokolls: „14jähriges Mädchen mit guter Absetzung der Brust gegen die vordere Achselgrenze rechts (Österreicherin)", „Norddeutsche von 16 Jahren mit hochangesetzter Brust", „Münchnerin von 16 Jahren mit tief angesetzter Brust", „Gut gebaute Brust", „Schlecht gebaute Brust" usw. Akribische anatomische Beschreibungen und „rein ästhetische" Bewertungen der jeweiligen Körperteile, von oben bis unten abgehandelt, machen den Großteil des Textkorpus aus. Der ärztliche Blick verwandelt beliebige zeitgenössische Aktaufnahmen somit in pathologische Fallstudien und autorisiert den Laien-Betrachter, weniger die „Schönheit" zu genießen als vielmehr mit kritischem Kennerblick Fehler und Mängel zu verifizieren. Das Urteil ist erbarmungslos: Von hundert 25jährigen Frauen seien nur fünf „normal" gebaut. Die Ermittlung eines „Schönheitsnormalwertes" wird aber nicht mit rein statistischen Methoden erzielt, sondern hier beansprucht der Mediziner ein ^künstlerisches" Verfahren, nämlich eine strenge Auswahl zuvor all derer, die „den Anspruch auf Normalität verloren" hätten. Während der legendäre Bildhauer Zeuxis das Ideal synthetisch, durch Zusammenfügen der jeweils vorzüglichsten Partien von fünf Frauen, erreichte, so wird bei Stratz also ein selektives Vorgehen, das die Aufmerksamkeit auf den unbrauchbaren „Ausschuß" lenkt, privilegiert.
Die Widmung an die Ärzte belegt den modernen wissenschaftlichen Impetus des Werkes. In der Folge der Vererbungs- und Degenerationslehren, den Vorläufern der heutigen Genetik, avancierten diese zu „Sozialingenieuren" insofern, als ihnen zunehmend die Kontrollierung der körperlichen, rassischen und moralischen Volksgesundheit übertragen wurde. Stratz ist über die aktuelle Forschungslage gut informiert: Er beruft sich auf namhafte Spezialisten des „Weiblichen", wie etwa die französischen Mediziner Henri Mei-ge, Jean-Martin Charcot und Paul Richer, deren Iconographie de la Salpetriere des öfteren zitiert wird24, den englischen Sexualwissenschaftler Havelock Ellis25, die italienischen Ärzte Mantegazza26, Lombroso/Ferrero27 und viele andere. Diese Autoritäten werden interessanterweise angeführt, um sich gegen einen möglichen Vorwurf des Antifeminis-mus, der solcherlei Untersuchungen zur Geschlechterdifferenz anhaften könnte, etwa wenn „früher" die Frauen gar mit Affen oder Kindern verglichen worden seien, zu verteidigen und das Wissenschaftlich-Objektive seines Vorhabens zu unterstreichen. Eine wichtige Referenz gilt dem schon älteren Werk von Alexander Walker Analysis and classification of beauty in woman.2* Der schottische Physiologe stellte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit seinem Anspruch eines rein empirischen Schönheitsurteils und der wissenschaftlichen Deduktion weiblicher Charaktereigenschaften aus Anatomie, Physiologie und Physiognomie die Verbindung zur französischen Sonderanthropologie des 18. Jahrhunderts her.29 An ihm hat Stratz lediglich zu kritisieren, daß er noch in drei „species" der weiblichen Schönheit analog der „Organisation" des weiblichen Körpers, nämlich eines „locomotive, nutritive" und „mental sy-stems" klassifiziert hatte und folglich noch kein einheitliches Proportionenmodell vorlegen konnte. (Er verkennt dabei, daß auch Walker unter den dreien, die entsprechend den Lebensaltern, den Temperamenten und antiken kanonischen Vorbildern konzipiert wurden, seine Prioritäten festgelegt hatte: Die „ernährende" Funktion deklarierte er zum Signifikanten für Weiblichkeit schlechthin, die durch ein Überwiegen des Bewe-gungs- oder gar Denkapparates beeinträchtigt werden würde.)
Stratz' Diskussion der verschiedenen Proportionssysteme und -Ichren zeigt, daß er sich auch in dem im 19. Jahrhundert so wichtigen Feld der Anthropomctrie bestens aus-kcnnt. Unter verschiedenen Modellen - zitiert werden die Methoden von Topinard, Bertillon, Richer, Sargent, Hay, Langer, Merkel etc. - bevorzugt er den sog. „Fritschschcn Schlüssel", benannt nach dem Ethnologen Gustav Fritsch, der seine anthropometri-schen und -logischen Erkenntnisse im Vermessen von menschlichen Knochen, wohl aber auch lebenden Menschen, in Süd-Afrika gesammelt hatte.30 Wenngleich auch schon in der Publikation von 1898 eingehend praktiziert, so gab Stratz allerdings erst im rassekundlichen Werk detaillierte Auskunft über seine an die 15 Zahlenwerte ermittelnde Meßtechnik mit Bandmaß und Tasterzirkel, die gleichermaßen am lebenden Körper wie am fotografischen Abbild desselben, be- oder entkleidet, durchgeführt wurde.31 i Stratz beruft sich auf den antiken Bildhauer Polyklet als Begründer der Anthropome-trie sowie auf den nach ihm benannten Atlas von Gottfried Schadow Polyclet oder von den Maassen des Menschen nach dem Geschlechte und Alter von 1834.32 Entgegen dem Vorhaben, die Idealmaße auch „nach dem Geschlechte" zu ermitteln, ist für Schadow jedoch der Mann das gültige Maß des Menschlichen, weshalb der weibliche Körper in den zahlreichen Bildtafeln eine eher periphere Behandlung erfährt. Daß Maße und Maßverhältnisse relative und abstrakte Größen seien, wird indes auf der letzten Bildtafel deutlich, auf der nicht Idealtypen, sondern mit Namen, Alter und Herkunft bezeichnete Figuren zu sehen gegeben werden. Dort wird unter anderem eine Riesin einem zwergwüchsi-gen Manne kontrastiert, wodurch sich die bio-logistischen Geschlechterzuschreibungen als (noch) von der „Wirklichkeit" hintergehbare erweisen. Allen Sonderanthropologien ging es ja um die „natürliche" Begründung von Hierarchien, die durch Messen und Vergleichen objektiviert werden sollten. Eine verhältnismäßig geringere Körpergröße, insbesondere aber Umfang und Gewicht des Gehirns - daher die exzessiven Schädelvermessungen - gerieten so zum Zeichen der Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts und nichtweißer Rassen.33 Auch Stratz schließt sich mit seinen Vergleichen der unterschiedlichen Physis von Mann und Frau dieser Forschungstradition an.
Das „Bartcls-Ploss" genannte umfangreiche Kompendium über „das Weib in der Natur- und Völkerkunde", 1885 erstmals er-" [ schienen, ist Stratz schließlich die wichtigste l Bezugsquelle für alles aktuell Wissenswerte l aus Ethnologie und Anthropologie.34 Das wissenschaftliche Interesse am weltweiten Frauenbestand konzentriert sich darin vor allem auf die sexuell-reproduktiven Funktionen, da es gilt, einer weiblichen „Natur" vor aller zivilisatorischen Beeinträchtigung und den emanzipativen Forderungen der Zeit habhaft zu werden. Daher erfüllt es die Autoren mit großer Befriedigung, empirisch nachweisen zu können, daß Frauen überall im wesentlichen mit der Nahrungsbeschaffung und Kinderaufzucht beschäftigt seien. Bartels-Ploss galt lange als die Autorität für alles mit der „Frauenfrage" zusammenhängende, als Standardwerk wurde es noch 1935 ins Englische übersetzt. Beispielsweise berief sich der Sexualwissenschaftler Iwan Bloch darauf, wenn er die sogenannte „Missionarsstellung" als die „schon in alten Zeiten und bei den verschiedensten Naturvölkern" vorherrschende bezeichnete und deshalb auch für die „natürliche, instinktive Stellung des Kulturmenschen" erachtete.35 Während die erste Ausgabe von Bartels-Ploss noch nahezu un-, bebildert erschien, erhielten die späteren Auf- \ lagen und ähnliche Publikationen eine opu- \ lente Bildausstattung.36 Maßgeblich für ihre breite Rezeption über die Weimarer bis in die NS-Zeit war daher der Schauwert des „fremden" und „anderen" Körpers, wie er schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Völkerschauen, veranstaltet vom Tierpark Hagen-beck37, inszeniert worden war. Im Unterschied zu Stratz ist in Bartels-Ploss aber kein unmittelbarer Text-Bild-Bezug gegeben: Die Fotos dienen dort eher der Illustration, als daß sie eine Lektüre oder Interpretation durch den „wissenden" ärztlichen Blick im Text-Kommentar erfahren hätten. In einem eigenen Kapitel zur „Ästhetischen Auffassung des Weibes", in dem die „Rassen-Schönheit" noch relativistisch bewerte i ist, werden aber gleichwohl als Forschungsdesiderat exakte statistische Erhebungen genannt - und damit genau das, was Stratz nur wenige Jahre später praktizieren sollte. Daher galten auch seine Untersuchungen zur Weiblichkeit bald als Grundlagenliteratur, die im gynäkologisch-medizinischen, sexualwissenschaftlichen oder ethnologisch-anthropologischen Kontext häufig rezipiert wurden; sogar der sozialistische Kulturwisscnschaftler Eduard Fuchs bezog sich des öfteren auf „den verdienstvollen Stratz".
„Die untergründige Sorge, was wir - seinem Aussehen nach - von unserm Gegenüber zu erwarten haben, und was diesem selbst bevorsteht oder bevorgestanden hat, motiviert alle physiognomischen Traktate. Sie beschwören eben deshalb meist das Gegenteil: die Gewißheit des urteilenden Subjekts. Zu welchen Exzessen dieses Motiv im Kontext der Kriminalanthropologie und des Rassismus geführt hat, kommt [...] ebenso zur Sprache wie alles, was die künstlerische Seite dieses Blicks betrifft."38
In diesem Zitat einer Verlagswerbung, die Neuerscheinungen zur Physiognomik ankündigt, ist eine Trennung eingeschrieben, indem nämlich zwischen einer schlechten - der kriminologischen und rassistischen - und einer guten - der künstlerischen - Seite des klassifizierenden Blickes auf den Körper unterschieden werden soll. Das eine wird abwertend als „Exzeß" bezeichnet, das andere bedarf keiner aufwertenden Qualifikation, da es sich ja um etwas Schönes und per se Ideales, eben Kunst, handelt. Ich möchte diese Unterscheidung im folgenden in Frage stellen.39 Das Brisante an der Schönheitsforschung etwa von Stratz ist ja, daß sich hier beide Wahrnehmungsweisen ineinander verschränken: Der ärztliche Blick inszeniert sich als künstlerisch kreativer und umgekehrt soll ein ästhetisches Urteil sich als streng objektives, wissenschaftlich überprüfbares erweisen. Der Mediziner gibt sich als aufrichtiger Kunstliebhaber und -Kenner aus, was ihn zu einer schonungslosen Kritik an den mangelhaften anatomischen Kenntnissen moderner, aber auch älterer Künstler zu berechtigen scheint. Könne schon an Botticellis Venus der nur noch bemitleidenswerte „schwindsüchtige Typus" studiert werden, so sei insbesondere den moderneren und zeitgenössischen Künstlern jegliches Formgefühl abhanden gekommen. Edward Burne-Jones etwa wird noch eine „richtige" Auffassung in seinen zeichnerischen Aktstudien attestiert, die er jedoch im malerischen Werk sträflich vernachlässigt habe. Kontrastiert werden die „schlecht gebauten" modernen Körperbilder mit den „gesunden" und „normalen" Schemata der Antike (Abb. 5). Die Verschränkung / des künstlerischen mit dem ärztlichen Blick40 ' ist nicht nur so zu verstehen, daß bildende Künstler in der langen Tradition der wissenschaftlichen Konstruktion des Körpers von Polyklet über Leonardo und Dürer eine wichtige Rolle gespielt haben41 und angehende Künstler in der akademischen Ausbildung selbstverständlich Anatomie zu studieren hatten. Mit der zunehmenden Akzeptanz von Evolutionstheorien und Degenerationslehren um die Jahrhundertwende wurde Ärzten auch weitreichende Kompetenzen im gesellschaftlich-kulturellen Bereich zugeschrieben. Dies zeigt sich etwa daran, daß der Begriff der Entartung, zunächst für abnormes Zellgewebe verwendet, schon bald von einem Mediziner auf seiner Meinung nach dekadente und schädliche Phänomene der Kunst und Kultur übertragen wurde: Der Arzt wurde zum Zivilisationskritiker.42 Eine besondere Zuspitzung erfuhr diese neue Aufgabenstellung in den mit der „Natur" der Geschlechterdifferenz befaßten Wissenschaften, um so mehr, als die traditionellen Rollenbilder durch den wachsenden Einfluß der Frauenbewegung in Frage gestellt wurden.43 Die ärztliche Tätigkeit ist sexuell konnotiert, wie es Hasselhorsts Gemälde der Sek-
tion einer „schönen Leiche" (Abb. '6) nahelegt.44 Nur ein kalt sezierender Blick, der die Maskeraden, Kleider und Häute durchdringt und in den Körper hinein „spekuliert", kann ihm das Geheimnis seiner Schönheit, Synonym der Weiblichkeit und daher zum sekundären Geschlechtsmerkmal erhoben, entreißen. Der hier Porträtierte, Johann Christian Gustav Lucae, beteiligte sich im übrigen tatsächlich an der wissenschaftlichen Ermittlung einer Ästhetik des weiblichen Körpers: Er ist Autor einer Abhandlung "Zur Anatomie des weiblichen Torso - für Künstler und Anatomen** Einer psychoanalytischen Lektüre nach Freud wäre es sicher aufschlußreich, daß hier das Weibliche - bekanntlich ein „Mängelwesen" - bereits als Torso präsentiert bzw. präpariert wird.
Je mehr die moderne Medizin schon durch die zunehmende Entwicklung chirurgischer Techniken und optischer Instrumente Körperbilder des Parzellierten, Kranken und Häßlichen produzierte, desto größer scheint gerade in dieser Klientel das Bedürfnis nach Bildern des Schönen, Gesunden und Heilen geworden zu sein.46 Gegen die Auflösung eines festen ganzen Körperschemas in der Kunst der Moderne, wie deutsche Beobachter nach 1871 sie insbesondere im französischen Impressionismus argwöhnten, gegen die Vernachlässigung des Idealschönen in Realismus und Naturalismus und gegen die „Verwilderung" in der Darstellung der menschlichen Gestalt schrieb beispielsweise auch der Anatomieprofessor Ernst Brücke in seiner auch von Stratz rezipierten Schrift Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt an.47 Besonders verwerflich sei ein allzu naturgetreues „Copieren des Modells" mit all seinen naturbedingten Mängeln, wozu schon ein unschönes Hervortreten des Ulna-Köpfchens am Handgelenk oder ein spitzer Ellbogen gerechnet werden. Der Vergleich zwischen Kunst und Natur oder Naturprodukt und Kunstwerk, wie es in einer zeitgenössischen Publikation heißt48, der durch die neuen Reproduktionsi. oglichkeiten der Fotografie an optischer wie argumentativer Schärfe gewann, diente der Postulierung einer männlichen konnotierten, künstlerischen Überlegenheit über die Natur, insbesondere auch über die des Modells.49 Eine solche Gegenüberstellung, die den Schöpfermythos von Pygmalion weiterschreibt, gibt auch Stratz zu sehen. Er kontrastiert dem Gemälde Alma-Tademas Ein Bildhauermodell, das die Entstehung der Statue der Esquilini-schen Venus in einer antikisierenden Atelierszene mit Bildhauer und Modell wiedergibt, eine Aktfotografie eines sogenannten l") jährigen Judenmädchens m ähnlicher Pose. Durch die vermeintliche Unmittelbarkeit des Mediums erscheint nicht nur die Überführung von „Leben" in „Kunst", sondern vielmehr umgekehrt von „Kunst" in „Leben" vom Betrachter im „vergleichenden Sehen" nachvollziehbar.
Stratz geht insofern einen anderen Weg als Ernst Brücke, als er nicht für die Beschönigung der Realität in der Kunst, sondern für die Perfektionierung des Materials und der Materialauswahl plädiert, indem er das bevorzugte künstlerische Objekt, den weiblichen Körper, neu definiert und konturiert. Ein eigenes Kapitel gilt daher dem rechten Modellgebrauch; ausdrücklich wird die Verwendung jugendlicher Körper empfohlen, wobei mit der Kategorie der Beaute de Diable (Abb. 3), einer vornehm-frivolen Bezeichnung für körperlich, frühentwickelte Mädchen der Unterschicht, eine Aufforderung zum raschen Verbrauch ohne allzu schlechtes Gewissen gegeben ist.
Mit der Festlegung der Norm, des idealschönen weiblichen Körpers, ist aber gleichzeitig das Häßliche und Abweichende, Nicht-Normale diskursiv entstanden. Erst mit dem marmorglatten Vorbild einer antiken Statue und perfekt fotografisch inszenierter jugendlich-schlanker Körper konnte beispielsweise das Krankheitsbild der „Cellulitis" entwik-kelt werden, unter der heute angeblich 80 Prozent aller (westlichen) Frauen leiden - obwohl es sich keineswegs, wie der medizinische Terminus suggeriert, um eine entzündliche Erkrankung handelt und „es" nicht einmal weh tut. In Stratz' umfangreicher Abhandlung ist der Begriff noch nicht verwendet, doch in der strikten Ablehnung etwa der Venus von Willensdorf oder der Rubens-schen Körperauffassung durch ihn sowie andere Autoren (man könne dessen „feiste Weiber" nur mit Lachen oder Ekel betrachten, heißt es etwa bei Brücke) werden dem weiblichen Körper alle diejenigen Eigenschaften abgesprochen, die bedrohlich ans „Formlose", „Materielle" und „Mütterliche" erinnern. Der „Krankheit" der Cellulitis ist somit ein präformativer Akt der visuellen Wahrnehmung und Benennung vorausgegangen, der ihr erst ihre Positivität und Existenz verleiht: Die Frauen zu Rubens' Zeiten mögen vielerlei Ursachen gehabt haben, an körperlichem Ungemach zu leiden, doch sicher nicht an den Pölsterchen um Hüften und Oberschenkel!
Daß das permanente Vorzeigen und Beherrschen der „phallischen" weiblichen Form vor allem den Männerbund zwischen Autor und Leser bzw. Betrachter bekräftigt, kann eine signifikante Auslassung im medizinischen Diskurs Stratz' verdeutlichen. Trotz deV Überfülle an Bildmaterial verwehrt er dem Rezipienten einen Blick auf den Ort der weiblichen „Kastration", der nach Freuds Medusa-Effekt die Vergewisserung der eigenen männlichen Identität erst ermögliche. Bei aller sonst an den Tag gelegten Gründlichkeit der Untersuchung - man sollte nicht vergessen, daß er zum Gynäkologen ausgebildet worden war50 - vermeidet er jegliche Ansichten von weiblichen Genitalien. Diese besondere „Spekularität" des Weiblichen hatte etwa Lombroso thematisiert in den prominent auf der ersten Tafel seines Buches abgebildeten Vulven und Labien, deren Formgebung Aufschluß geben könne über die sittliche und rassische Verfaßtheit der Person. Ebensowenig interessierte sich Stratz offensichtlich für die von Charcot theatralisch-mi-metisch erzeugten und fotografisch festgehaltenen Ansichten der „Hysterie", deren Veror-tung bekanntlich seit der Antike in der Gebärmutter oder sonstigen weiblichen Befindlichkeiten vorgenommen worden war, und die er sicher auch unter die „Schönheitsfehler" hätte subsumieren können. Die chronofotogra-fisch hergestellten Bewegungsstudien der Ico-nographie de la Salpetriere sind lediglich im Text erwähnt, aber nicht abgebildet, meines Erachtens deshalb, weil sie sich dem Geschlossenen und Phallischen der idealschönen weiblichen Form widersetzen.
Dagegen wird in der monoton vorgeführten Demonstration einer immer gleichen Abfolge von Bildern, nämlich zunächst einer bekleideten, dann entkleideten, sodann auf eine Umrißlinie und schließlich auf ein Propor-tionsscherna reduzierten Figur (Abb. 7) eine Bewegung vollzogen, die als „Enthüllung" und „Aufklärung" des jeweils Darunterliegenden verstanden werden kann. Zu sehen gegeben wird nicht nur das voyeuristische „see-ing through clothes", sondern der Blick erfaßt wie mit dem Röntgenauge - soeben, 1895, waren die Röntgenstrahlen entdeckt worden - neben den Fehlern und Mängeln der Gestalt sogar Größe und Maßverhältnisse der Knochen. Damit inszeniert die Bilddramaturgie eine unermüdlich wiederholte und wiederholbare, geradezu ritualisierte Geste einer ärztlich-anatomischen Sektion „am Bilde", „in effigie". Der sich mit dem Arzt identifizierende, wissenschaftliche Betrachterblick wird mit einer magischen Macht über Leben und Tod ausgestattet. Die Operation ist eine Bewegung zum Tode insofern, als das Stillstellen, Vermessen, Klassifizieren, Verwalten und Verwerten der Körper hier strukturell eingeübt wird. Es ist die Praxis der Anthropologen und Ethnologen in den Kolonien, die Stratz hier am weiblichen „Rassenkörper" durchexerziert und die in besonderer Konsequenz in den Konzentrationslagern verwirklicht wurde. Im Anhang zur Dialektik der Aufklärung schrieb Adorno:
„Die jüdische Tradition vermittelt die Scheu, einen Menschen mit dem Meterstab zu messen, weil man die Toten messe - für den Sarg. Das ist es, woran die Manipulatoren des Körpers ihre Freude haben. Sie messen die anderen, ohne es zu wissen, mit dem Blick des Sargmachers."51
Einige der speziellen Freunde der weiblichen Schönheit um die Jahrhundertwende haben später in der Zeit des Nationalsozialismus ihre bevölkerungspolitisch motivierten Arbeiten zur Rassen- und Körperschönheit veröffentlicht.
Ein Kunstprotessor, Schultze-Naumburg, wurde Mitglied des Sachverständigenbeirates für Bevölkerungs- und Rassenpolitik des Reichsministers des Innern, Arbeitsgemeinschaft III: Erziehungs-, Frauen-und Mütterfragen sowie Fürsorge.52 Seine Schrift Die Kultur des weiblichen Körpers als Grundlage der Frauenkleidung von 1901 ist in Machart und Argumentation nicht allzu verschieden von seinen späteren Hetztiraden in Kunst und Rasse von 1928: Es sind dieselben Prinzipien der diffamierenden Gegenüberstellung von Körperbildern, die vom Betrachter als schön oder häßlich, gut oder böse, gesund oder krank wahrgenommen werden sollen, angewandt.53 In seiner Schrift Die nordische Schönheit von 1932 erfährt daher der arische Herrenblick, fest, stahlblau und durchdringend präsentanz - während die Untermenschen mit unsicher-diffusem, verkniffenen oder verschlagenen Gesichtsausdruck und kaum erkennbaren Augenpartien inszeniert sind, Züge, die vom Betrachter gleichermaßen auf rassisch-biologische Gegebenheiten (die Mon-golenaugenfalte, der Jude) wie auf politischmoralische Ursachen (der Asoziale, der Kommunist etc.) zurückgeführt werden sollen.
Die in den 30er Jahren im allgemeinen Bewußtsein verankerten Vorstellungen der Rassenlehren werden bei Stratz durch gezielten Einsatz der Bildmedien erzeugt. Die in seiner Schönheitsskala am untersten angesiedelten Frauen werden mit Aufnahmen vorgestellt, die dem Repräsentationsstil der Medizin, der Anthropologie oder der Kriminologie entsprechen: Sie stehen an der Meßlatte, Kleiderhäufchen zu ihren Füßen oder sind von vorne, von hinten und von der Seite abgelichtet. Diesen Fotografien ist die gewaltsame Prozedur ihrer Herstellung deutlich anzusehen, da sie offensichtlich gegen den Willen der Gezeigten entstanden sind. Ihre in den Bildern aufbewahrten Gesten des Sich-Sträubens, der Angst, der Wut oder auch nur der Unwissenheit über die ästhetisch-kulturellen Verabredungen der weißen Bildproduzenten können jedoch vom Meister des Diskurses als weiterer Beweis einer naturhaften „Häßlichkeit" gelesen werden. Ein ähnliches Interpretationsverfahren ist auch in den Bildarchiven von Tarnowsky und Lombro-so/Ferrero wirksam, wo die grimassierend verzerrten Gesichter von Personen, die sich gegen die erkennungsdienstliche Behandlung wehrten, zum visuell erkennbaren „Degenerationszeichen" ihrer erbbiologischen Verkommenheit fixiert wurden. Wenn von Stratz drei schwarze Frauen präsentiert werden, die man - wohl unter Mühen - in die Positur der klassizistischen Dreigraziengruppe von Canova gebracht hatte (Abb. 8), so geschieht dies in der Absicht, den universellen Anspruch und die Überlegenheit der weißen kulturellen Muster zu dokumentieren.
Die wertvolleren Rassekörper werden in künstlerischen Aktfotos oder folkloristisch verkleidet präsentiert und bieten sich daher dem Betrachter in gefälligeren Posen an. Ge-sichtsschlcier verweisen bisweilen auf die Eigenschaft der „Scham", die die Zivilisierte von der Wilden unterscheide und die, ähnlich wie die Schönheit und optisch erkennbar am Erröten, von zeitgenössischen Ärzten gar zum sekundären weiblichen Geschlechtscharakter deklariert worden war. Das „natürliche Rassenideal" (Abb. 9), und nur dieses, wird in der Deskription mit einer „Seele" ausgestattet:
„[...] nur die geschmiegte Haltung und der träumerische Blick verrät, dass in diesem Körper auch eine weiche Frauenseele wohnt".54
Eine weniger „einfühlsame" Betrachtung: Ein angebissener Apfel in der ausgestreckten Hand des nicht übertrieben freundlich blickenden Modells signalisiert nämlich die „Bedeutung" einer verführerischen Eva im gleichnamigen Kostüm.
Die Sonderanthropologien, denen es schon im 18. Jahrhundert um die Naturalisierung von Machtstrukturen zwischen den Menschen ging, werden heute in einer subtileren, doch höchst folgenreichen Weise fortge-schrieben in der Humanbiologie, der evolutionären Psychologie, der Genetik und der Industrieanthropometrie. Relativ „harmlose" Beispiele für die rassen- und geschlechtsspezifischen Erkenntnisinteressen letzterer lieferte einer ihrer prominentesten Vertreter, der ehemalige Direktor des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung, etwa wenn er die „frauenfreundliche" DIN-Höhe von Küchenspülbecken begründet oder die Konstruktionsprobleme von Automobilen für den asiatischen Markt erläutert.55 Menschen seien in „Rassentypen" und „biologische Sozialtypen" einzuteilen, so etwa wenn der „große und schlanke Wissenschaftler" dem „kleinen, gedrungenen und schweren Kraftfahrer" kontrastiert wird.56 Bis heute kursieren in der Humanbiologie rassistische Lehrbücher57 und wird mit psychologischen Tests oder der Genetik die „Minderwertigkeit" von Nichtweißen58, Homosexuellen, Behinderten und anderen Anderen „bewiesen".
Daher ist mehr als Skepsis und Mißtrauen angebracht, wenn uns heute in hübschen Magazin-Hochglanzbildern die wissenschaftliche Erforschung der Schönheit attraktiv gemacht werden soll - ihre Kehrseite, die diskursive Herstellung, Diffamierung und Ausmerzung des Anderen, geht immer mit ihr einher. Zur Illustration der aktuellen Wissenschaftsdebatte um eine „weibliche" Schönheit möchte ich daher vorschlagen, in die Runde um Frau Venus (Abb. 1) auch das geklonte Schaf Dolly mit aufzunehmen.

1 Dieter E. Zimmer: Schönheit - was ist das? In:
Die Zeit, l, 1996, Magazin, S. 8-15, hier: S. 12.

2 „Hirsutismus, eine männliche Körperbehaa
rung; tritt bei Frauen auf, deren Hormonhaus
halt gestört ist (Form der Hypertrichose)."
„Hypertrichose, eine vermehrte anormale Be
haarung". Dr. Georg A. Narciss: Knaurs Wör
terbuch der Medizin für jedermann. München
1988, S. 227 und 240.

3 Naomi Wolf: Der Mythos Schönheit. Reinbek
1991. In ihrer Polemik, die an Betty Friedans
The Feminine Mystique von 1963 (dt. Der Weib
lichkeitswahn. Reinbek 1988) anschließt, ist
Wolf sicher die exponierteste Kritikerin der
herrschenden Schönheitspolitik. Die Problema
tik ihrer Argumentation besteht m.E. aber dar
in, daß sie in ihrer „Entlarvung" des Mythos
dessen nahezu totalitäre Macht noch bestätigt.
Eine differenziertere Auseinandersetzung liegt
vor in: Francette Pacteau: The Symptom of Be-
auty. Men's Imagos of Women. London 1994.

4 Bernd Guggenberger: Einfach schön. Schön
heit als soziale Macht. Hamburg 1995. Nicht
etwa bei Goldmann-Heyne, sondern im Rot-
buch-Verlag erschienen, ist dieses Buch zumin
dest ein interessantes Dokument für die Kluft,
die sich zwischen mutmaßlichen Altachtund-
sechziger Herren und dem Feminismus aufge
tan hat. Hier wird tapfer gekämpft für das Schö
ne, Gute und Wahre am Weibe, das gerne auch
mit der Natur verglichen oder verwechselt
wird, weshalb etwa Judith Butlers Gender Trou-
ble (dt. Das Unbehagen der Geschlechter.
Frankfurt/M. 1991) heftige Abscheu erregt:
„ein unüberbietbares Beispiel dafür, wie weit
die voluntaristische Eskamotierung der Biolo
gie und der zugehörige ideologische Machbar-
keits- und Veränderbarkeitswahn gehen kön
nen." Guggenberger, S. 252. Zu allem Übel
wird eine Fortsetzung des Buches angekündigt,
die endlich frei und unabhängig von feministi
scher Kritik, oder, in den Worten des Autors:
dem „wabernden Pulverdampf des Geschlech-
ter^rieges (sollte er dann immer noch wabern)
[...], jenes ephemere Getöse und Getümmel,
das uns die Sicht vernebelt" ebd., S. 247, zur Sa
che kommt. Nebenbei gesagt, scheint man sich
auch gegen frühere politische Ideale abgrenzen
zu müssen, wenn jetzt gerade das Elitäre und
Undemokratische der Schönheit das eigentli
che Faszinosum bildet.

5 Bernd Guggenberger: Sind Frauen schöner? In: Die ZEIT, 1.5.1992. Anscheinend hat der Autor hierzu viele Zuschriften empörter Leserinnen erhalten, doch wollen wir ihm für diesmal
und angesichts der einzigen Abbildung in seinem Buch die bange Frage entschieden bejahen, wenngleich die geschlechterpolaren Definitionen des 19. Jahrhunderts (Frauen sind das schöne, Männer das starke Geschlecht) mittlerweile einige Kritik erfahren haben ...

6 Vgl. Anna Bergmann: Die Rationalisierung der
Triebe. Rassenhygiene, Eugenik und Geburten
kontrolle im Deutschen Kaiserreich. Diss. FU
Berlin 1988 (gedruckt unter dem Titel: Die ver
hütete Sexualität. Die Anfänge der modernen
Geburtenkontrolle. Hamburg 1992); Heidrun
Kaupen-Haas (Hg.): Der Griff nach der Bevöl
kerung: Aktualität und Kontinuität nazisti-
scher Bevölkerungspolitik. Nördlingen 1986.

7 Carl Heinrich Stratz: Die Schönheit des weibli
chen Körpers. Den Müttern, Ärzten und Künst
lern gewidmet. Stuttgart 1898, hier zit. nach der
13. Aufl. Stuttgart 1902 (44. Aufl. Stuttgart
1941); ders.: Die Rassenschönheit des Weibes.
Stuttgart 1901, hier zit. nach der 5. Aufl. Stutt
gart 1904 (22. Aufl. Stuttgart 1941). Zu Stratz
vgl. neuerdings Susanne Regener: Frauen, Phan
tome und Hellseher. Zur Geschichte der Phy
siognomie des Weiblichen. In: Claudia Schmöl-
ders (Hg.): Der exzentrische Blick. Gespräch
über Physiognomik. Berlin 1996, S. 187-212,
insbes. S. 195-198.

8 Zur diskursiven Produktion dieser spezifi
schen Zeichen von Männlichkeit in einer andro-
zentristisch geprägten Wissenschaftstradition
vgl. Londa Schiebinger: Anatomie der Diffe
renz. 'Rasse' und Geschlecht in der Naturwis
senschaft des 18. Jahrhunderts. In: Feministi
sche Studien, 11, 1993 (1), S. 48-64.

9 Francis Galton: Inquiries into Human Faculty
and its Development. London 1883. Für die
Konstruktion der abweichenden und damit
„Normalität" erst produzierenden weiblichen
Physiognomie sind ebenso signifikant, aber im
heutigen Schönheitskontext verständlicherwei
se nicht benannt: Paula Tarnowsky: Etüde an-
thropometrique sur les prostituees et les voleu-
ses. Paris 1889, die mit Hilfe von Tausenden
steckbriefartiger Fotografien russischer Verbre
cherinnen und Prostituierten an deren systema
tischer Erfassung und „Früherkennung" arbei
tete, sowie die sich darauf beziehenden Cesare
Lombroso, Giuglielmo Ferrero: Das Weib als
Verbrecherin und Prostituierte. Anthropologi
sche Studien - Gegründet auf einer Darstellung
der Biologie und Psychologie des normalen
Weibes. Hamburg 1894. (Zum Zeitpunkt der
Niederschrift dieses Artikels laufen die ersten
Verbrechersteckbriefe weltweit übers Internet).