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Einführungstext der ARRANCA-Redaktion von ca. 2001

Die Problematisierung eines grundsätzlich und unhinterfragt positiven Bezugs auf Identität, die in Jens Petz Kastners Artikel »Kein Wesen, sondern eine Positionierung« geleistet wird und die seinen Zugang zum Thema darstellt, ist ein wichtiger Teil einer politischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen. Verbunden mit dieser Problematisierung ist die Infragestellung der Sinnhaftigkeit der Konstruktion »konsistenter und kohärenter sowie kontinuierlicher« Subjekte. Die Gefahr, die diese in sich birgt, liegt in der Festschreibung eines stabilen, wie auch immer näher definierten Individuums, die sich (so die Kritik) immer auch in der Zurichtung des Selbst und vor allem in der Ausgrenzung der anderen durch Festlegung auf bestimmte Attribute und durch Vereinheitlichung und Vereindeu-tigung der eigenen Verhaltensweisen ausdrückt. So werden statische, unabänderliche Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen hergestellt, diese Stereotype mit bestimmten Wertungen belegt und damit Unterdrückung überhaupt erst ermöglicht und legitimiert. Insbesondere sogenannte postmoderne Theoretikerinnen haben auf diese Schwierigkeit aufmerksam gemacht, wie auch Kastner in seinem Artikel hervorhebt.1
Er bemüht sich darin, einen groben Überblick über die Versuche zu geben, Identitäten als Mittel des politischen Kampfes zu gebrauchen, um am Ende im Wesentlichen auf die oben genannten Probleme hinzuweisen, die damit verbunden sind. Zu diesem Zweck bezieht er sich auf zwei Grundlagentexte der Frauenbzw. Schwarzenbewegung, Simone de Beau-voirs »Das andere Geschlecht« und Frantz Fanons »Die Verdammten dieser Erde«.
Kastner weist daraufhin, dass gerade in den von de Beauvoir und Fanon entwickelten Konzepten versucht wird, die Funktionalität aufzuzeigen, die die Konstruktion eines (ausgeschlossenen) Anderen entfaltet. Indem sie auch die Funktionsweise einer auf Ausschluss fußenden Identität thematisieren, verweisen die beiden zudem auf die Schwierigkeit, in einer bloßen Umwertung des Verhältnisses eine Lösung zu finden.
Die Rezeption der Texte durch die Frauenbzw. Schwarzenbewegung führte aber nach Kastner zu einer Verzerrung der zugrunde liegenden Ansätze und zu einem Verständnis von Identität, in dem die »Kategorie [»Frau« oder »Schwarzer«] in der Regel als etwas Wesenhaftes [galt], das historische Prozesse unverändert durchläuft« (ARRANCA! #19, S.8): »Kollektive Identität wurde sowohl im Feminismus als auch im Antikolonialismus als Pool von Merkmalen einer verborgenen, gemeinsamen, kollektiven Geschichte verstanden.« (ebd.) Insbesondere der gemeinsame Bezug auf die Körperlichkeit der Unterdrückten (Frauen oder Schwarzen), die eine positive Umwertung erfährt, wird von Kastner im Verlauf seines Artikels hervorgehoben. Er bemüht sich, die problematische Dimension deutlich zu machen, die ein solches Verständnis von Identität zweifellos birgt (und diese anhand einiger historischer Beispiele zu verdeutlichen), um am Ende mit dem postmodernen Theoretiker Stuart Hall folgerichtig festzustellen, dass kollektive Identitäten (und damit die Identitätspolitik als ganzes) weltweit in die Krise geraten sind (ARRANCA! #19, S. 10). Verbunden mit dieser Diagnose ist die oben angedeutete Kritik an den skizzierten essentialistischen Strategien. In den Diskussionen um den Artikel, die wir nach Erscheinen der letzten Nummer geführt haben, ist uns aufgefallen, dass das Problem an dieser Darstellung der Geschichte der Identitätspolitik weniger ist, dass Unrichtiges behauptet wird2, als vielmehr, dass zwischen essentialistischer und also falscher Identitätspolitik auf der einen und der postmodernen Theorie der radikalen Dekonstruktion auf der anderen Seite kaum Spielraum bleibt. Um Missverständnissen unter unseren geschätzten Leserinnen vorzubeugen, sei hier noch kurz etwas dazu angemerkt: Dass die vielen Ansätze unerwähnt bleiben, die sich weder dem einen noch dem anderen Pol zuordnen lassen, hinterlässt ein Gefühl der Sinnlosigkeit der Versuche, sich Identität überhaupt bedienen zu wollen und verstärkt den Eindruck, als seien die damaligen Bewegungen zumindest erheblich ahnungslos gewesen. Dem ist nur bedingt so (gewesen). Die »neue Geschichtsschreibung« als ein Aspekt des Kampfes um die Subjektwerdung und Artikulation der eigenen Ansprüche, ebenso wie der Bezug auf eine gemeinsame Identität um der konkreten Umsetzung dieser Erkenntnisse in Handlungsfähigkeit willen, also zur Ermöglichung von Widerstand durch Bewusstwerdung über die eigene Situation, die eigene Stellung und die eigenen Fähigkeiten, wirken so hilflos und zudem längst von der Geschichte überholt. So der Eindruck, der bei der Lektüre des Textes ungewollt entsteht. Die aus diesem resultierende Sichtweise ist vor allem deswegen schwierig, weil sie den vielen aktuellen (und auch historischen) Beispielen nicht gerecht wird, die zeigen, dass Identitätspolitik noch immer und auch jenseits eines unreflektierten Essen-tialismus funktioniert. So sind z.B. die im Kampf der baskischen Linken oder der EZLN in Mexiko entwickelten Identitäten eher als bewusst flexible Konzepte zu verstehen, mit deren Konstruiertheit die Akteure ebenso bewusst umzugehen sich bemühen. Hier entsteht Identität aus einem kollektiven Prozess, wird somit zu (politischer) Kultur und erstarrt nicht zur Folklore:
Worum es uns letztendlich geht, ist, noch einmal aufzuzeigen, dass es wenig hilft, »die« Identitätspolitik zu kritisieren (eine Kritik, die weniger Kastners Artikel trifft, als vielmehr die allgemeine Rezeption der postmodernen Theorie - eine Theorie, die in erster Linie in akademischen Zusammenhängen entwickelt wurde und immer noch einen hohen Grad an Selbstbezüglichkeit beinhaltet), weil es im Gewirr der vielen Zwischentöne kaum dazu beiträgt, den konkreten Ansätzen gerecht zu werden. Weniger sollte deswegen auf eine kritische Stellungnahme verzichtet werden, es muss aber darum gehen, die vorhandenen positiven Momente herauszuarbeiten, an die sich anzuknüpfen lohnt, auch um einen Bezug auf die Geschichte zu gewährleisten, der nicht unserer privilegierten Position verhaftet bleibt.3
Ob und wozu Identität gut ist, wie sie bewusst dazu eingesetzt werden kann, einer politischen Bewegung die Grundlage für einen gemeinsamen Ausdruck zu verschaffen, ist der Gesichtspunkt, unter dem sie verstanden und als politisches Konzept diskutiert werden muss. Ein wichtiges Element eines sinnvollen Umgangs damit bleibt natürlich, ein reflektiertes Verhältnis zur eigenen Identität zu entwickeln, also ein Bewusstsein davon, warum mensch sich zu welchem Zweck welcher Identität bedient. Zugleich verbindet sich mit dem Anspruch, sich mit politischen Bewegungen von anderswo in Beziehung zu setzen und auszutauschen, die Frage, mit wem mensch sich auf welche Weise solidarisieren will. Dabei müssen bei Beurteilung dieser Bewegungen vor allem unter dem Gesichtspunkt der Kritik an ihren identitären Positionen immer deren Entste-hungsbedingüngen berücksichtigt werden.
Uns Linken kann es nur darum gehen, die Differenzen zwischen verschiedenen Bereichen, Bewegungen, Menschen(-gruppen) anzuerkennen und darüber hinaus selbst eine linke Identität zu entwickeln, die nicht polarisiert, sondern als integrative Kraft funktioiert (und nicht nur als Schnittmenge). Dazu gehört auch eine positive, wenngleich vorläufige Neubesetzung von Begriffen, sowie der Einsatz einer sinnvollen Symbolik, die sich nicht in sich selbst erschöpft, sondern auf unbeantwortete Fragen und offene Brüche verweist. Zentrale Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, sind in Bezug auf die Thematisierung unserer Selbstwahrnehmung zu sehen. Ob die Identität, die unserer Politik notwendig vorausgeht, eine kollektive ist, bewusst eingesetzt wird oder zufällig entsteht und ob diese sich (notwendig oder tatsächlich) in einer ausschließenden Praxis ausdrückt - mit einem Wort, wie sie in unserer konkreten Politik präsent ist und sein sollte. Das anschließende Streitgespräch soll dabei helfen, auf
diese Fragen (einleuchtende) Antworten zu finden.
In diesem Sinne, lest voran.

DIE ARRANCA! -REDAKTION.


Anmerkungen
1 Zudem könnte man diese Problematisierung gerade in
der deutschen Linken als den Versuch verstehen, der
historischen Erfahrung des Nationalsozialismus gerecht
zu werden, diese in Form einer Sensibilisierung für kol
lektive Identitäten als solche zu verarbeiten.
2 Zu korrigieren bleibt der Exkurs zum Black Power
Movement. Der Formulierung einer »Kolonie im Mut
terland«, die von der Schwarzenbewegung in den USA
geprägt wurde, ging eine jahrelange Diskussion und
Theoriebildung voraus. Es ging dabei letztendlich weni ger um eine Parallelisierung oder Gleichsetzung der Lebensbedingungen von Schwarzen in den USA mit denen in den Kolonien im Trikont, wie Kastner behauptet (ebd., 8.9), sondern darum, Unterdrückungsverhältnisse benennen und so analysieren und verstehen zu können, die nicht dem gewöhnlichen Kolonialismus entsprechen, aber ähnliche Strukturmerkmale aufweisen. Zudem ist der deutsche Begriff »Volk«, mit dem zugleich »Volksgemeinschaft« assoziiert wird, wie Kastner selber feststellt, nicht geeignet, den Begriff »people« zu beschreiben (ebenso wenig wie z.B. das spanische »pueblo« übrigens, welches eher mit »die Leute unten«, »die Nicht-Privilegierten« zu übersetzen wäre). Die nationalistischen Tendenzen der Schwarzenbewegung, die es ohne Zweifel gab (wenn auch eher im Dunstkreis der Nation of Islam als im Umfeld der Black Panther), lassen sich zumindest so nicht beweisen. 3 Eine mögliche Ursache hierfür mag in der Tatsache liegen, dass die Möglichkeiten, die Identitäten auszuleben, die einem kulturell nahegelegt werden, hier (in Deutschland) sehr viel größer sind, als die von zum Beispiel Schwarzen in den USA.