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Vorbemerkung
zu Christina von Braun: Zur Bedeutung der Sexualbilder im Antisemitismus
Warum veröffentlichen wir in diesem Reader, der einen Versuch der
politischen und theoretischen Intervention an der Uni Potsdam darstellt,
einen Text über Sexismus und Antisemitismus?
Anlass für die Zusammenstellung dieses
Readers war, wie schon in der Einleitung
geschildert, ein Vorfall im
Sommersemester 2002: im von Studenten verwalteten Nil-Club am Neuen Palais
fand eine Party statt. Zwei Studenten, mit T-Shirts der Israel Defense
Forces und Maccabi Tel Aviv wollten eintreten, als sie von zwei anderen
Studenten angepöbelt wurden mit der Frage, ob sie „Nazis oder
Juden" seien. Im folgenden Wortwechsel fielen dann Bemerkungen wie:
„Ich habe wenigstens eine Vorhaut." Gleichzeitig wurde eine
junge Frau, die vorbeikam als „Fotze" beschimpft.
Die Gleichzeitigkeit der sexuell konnotierten antisemitischen und der
„pur" sexistische Beschimpfung verwies uns auf die Frage nach
dem Zusammenhang zwischen sexistischen und antisemitischen Vorurteilen.
Relativ schnell wurde uns klar, dass Antisemitismus nicht nur über
ökonomische und politische Ressentiments funktioniert, sondern auch
sexuelle Vorurteile beinhaltet.
In den Diskussionen nach dem Ereignis im Nilkeller haben wir gemerkt,
dass auch bei Menschen, die sich ihrem Selbstverständnis nach entschieden
gegen den Antisemitismus positionieren, große theoretische Lücken
bezüglich des Zusammenhangs zwischen Sexismus und Antisemitismus
bestehen. Dem entgegen zu wirken, soll auch Aufgabe dieses Readers sein.
Wir wollen und können hier nicht erklären, warum diesen Beschimpfungen
antisemitisch bzw. sexistisch waren.
Wir drucken hier den Aufsatz „Zur Bedeutung der Sexualbilder im
Antisemitismus" Christina von Brauns aus dem Buch „Heterosexuelle
Verhältnisse, Sonja Düring (Hrsg.), Stuttgart 1995". Christina
v. Braun geht in diesem Aufsatz der Frage nach Herkunft und Bedeutung
der Sexualbilder im Antisemitismus nach, um Parallelen und Unterschiede
zwischen 'zwei Stereotypen vom „Anderen" aufzuzeigen, wie sie
selbst schreibt: „...Stereotypen, denen zunächst gemeinsam
ist, dass sie in starkem Maße vom Bild eines internen Anderen"
bestimmt werden, dass es sich also, beim „Juden" wie bei' der
„Frau" um abgespaltete Imagines des Selbst handelt, ....[was]
sie wiederum von anderen Vorstellungen über den „Anderen"
[unterscheidet]...".
Wir danken Christina von Braun für die freundliche Genehmigung zum
Abdruck dieses Aufsatzes.
Christina von Braun: Zur Bedeutung der Sexualbilder im Antisemitismus
Wir wissen heute sehr viel mehr über die Psyche der Opfer des Nationalsozialismus,
und über die Folgen, die die traumatischen Erfahrungen gehabt haben,
als über die Psyche der Täter. Das hängt damit zusammen,
daß sich die Opfer - anders als die Täter - in Behandlung begeben
haben und begeben mussten, während sich die Täter zumeist ferngehalten
haben von der Couch oder anderen Möglichkeiten, über sich zu
sprechen. Gewiss, was sich in den Tätern abgespielt hat, taucht manchmal
in den Verhaltensmustern ihrer Kinder auf, wie Peter Sichrowksy mit seinem
Buch und Film „Schuldig geboren" oder mit seiner Untersuchung
"Legacy of Silence" gezeigt haben. Aber auch diese Untersuchungen
beschreiben eher den Zustand danach: das Verstummen, das die Täter
überkam, als sie sich nicht mehr auf der "Siegerseite"
befanden. Um zu begreifen, was vorher war, worin die Anziehungskraft der
Bilder des Nationalsozialismus bestanden haben mag, die so viele Menschen
in ihren Bann nahmen, wissen wir tatsächlich sehr wenig. Eine der
Erklärungen liegt auf der Hand: Es erscheint nach Auschwitz unmöglich,
sich mit diesen Bildern und dem Denken, für die sie stehen,- zu "identifizieren".
Denn diese Bilder begreifen, heißt ja auch, sich auf sie einlassen,
um sie von "innen heraus" zu verstehen, in Worte fassbar zu
machen, vergleichbar der Aufgabe, der sich der Analytiker im psychoanalytischen
Prozess stellt. Es bedurfte eines gewissen Abstandes, um sich auf diese
Bilder einzulassen: und wenn sie heute analysierbar erscheinen so nicht
deshalb, weil eine
neue Generation herangewachsen ist, die sich nicht mehr "betroffen"
fühlt vom Verbrechen (ich glaube, daß auch die Generation der
heute Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen durchaus weiß, daß
der Nationalsozialismus einen wichtigen Teil ihrer Erbschaft ausmacht:
und wenn es viele auch nur unbewusst wissen), sondern aus einem anderen
Grund: Die kulturellen Muster jeder Epoche werden erst mit zeitlichem
Abstand entzifferbar. Solange die Bilder des "kollektiven Imaginären"
als solche nicht erkennbar sind, sondern für das Spiegelbild der
Wirkl ichkeit gehalten werden, entziehen sie sich einer Interpretation.
Wenn sie jedoch nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit erscheinen
werden sie als das erkennbar, was Benjamin "Wunschbilder" genannt
hat, "die erst nach einer bestimmten Zeit ihrer Lesbarkeit zugeführt
werden können". Das Bild des "Juden" hat eine lange
Vorgeschichte in der deutschen Religionsund Geistesgeschichte - und gerade
weil sie so lang ist, sind viele dieser Bilder auch weiterhin wirksam.
Aber ich denke doch, daß einige Grundmuster erkennbar geworden sind,
die zur Anziehungskraft dieser Bilder beigetragen haben, und dazu gehören
vor allem die Sexualbilder im Antisemitismus und deren Wandel im Prozess
der Säkularisierung. Mit der Beschreibung der Geschichte dieser Grundmuster
ist freilich noch nichts darüber gesagt, wie es zur Urnsetzung der
Bilder oder des kollektiven Imaginären in die Wirklichkeit, wie es
also zur "Endlösung" kommen konnte. Viele der Bilder spielten
auch in anderen europäischen Ländern eine wichtige Rolle, ohne
zu ähnlichen Konsequenzen zu führen; in Deutschland selbst gab
es Antisemiten, die Juden geholfen haben, den Nationalsozialisten zu entkommen,
während einer der Hauptorganisatoren der Vernichtungsmaschine, Adolf
Eichmann, sich vorher nie als leidenschaftlieber Antisemit zu erkennen
gab. Die folgenden Ausführungen behandeln also nicht die Verlagerung
von der Ebene des Imaginären zur Wirklichkeit, sie versuchen nur,
einige Aspekte des Bildes vom "Juden" zu analysieren und der
Frage nachzugehen, welche Auswirkungen diese kollektiven Bilder auf die
Wahrnehmung des einzelnen gehabt haben mögen.
Stereotypen des Anderen
"Es bereitet jedem, der über beide, über das Weib und über
den Juden nachgedacht hat, eine eigentümliche Überraschung,
wenn er wahrnimmt, in welchem Maße gerade das Judentum durchtränkt
scheint von jener Weiblichkeit, deren Wesen einstweilen nur im Gegensatze
zu allem Männlichen ohne Unterschied zu erforschen getrachtet wurde.
Er könnte hier überaus leicht geneigt sein dem Juden einen größeren
Anteil an Weiblichkeit zuzuschreiben als dem Arier, ja am Ende eine platonische
Metexis (= Teilhabe, CvB) auch des männlichsten Juden am Weibe anzunehmen
sich bewogen fühlen."1
Diese Worte schrieb ein jüdischer Student der Philosophie im Jahre
1903. Otto Weininger war dreiundzwanzig Jahre alt, als sein Buch „Geschlecht
und Charakter" erschien. Es erregte großes Aufsehen - vor allem
nach Weiningers Freitod. Wenige Monate nach dem Erscheinen des Werks nahm
er sich das Leben - im Sterbehaus des großen Deutschen" Beethoven
in Wien. Wegen dieses Selbstmordes sollte Adolf Hitler später von
Weininger als dem "einzigen anständigen Juden" sprechen.
Das Geheimnis des Erfolgs von Weiningers Buch ist in verschiedenen Ursachen
zu suchen, denen bei näherer Betrachtung jedoch eines gemeinsam ist:
Sein Werk verkündet eine neue
Erlösungstheorie, die sowohl den Ansprüchen eines säkularen
Zeitalters als auch den tradierten Metaphern des Christentums gerecht
zu werden scheint. Der Mensch, so verheißt Weininger, werde die
Erlösung finden, wenn er alles Weibliche und alles Jüdische
in sich überwunden und abgelegt habe. Frau und Jude werden bei ihm
zum Maßstab der Selbstdefinition, das "Nicht-ich", an
dem sich das Ich misst, oder, wie es bei Weininger heißt: „...der
Abgrund, über •dem das Christentum aufgerichtet ist."2
Weininger gehört zu den ganz wenigen Antisemiten, die darauf hinweisen,
wie sehr das Christentum des Judentums zur Selbstdefinition bedarf. Während
fast alle anderen Judenfeinde eine Abhängigkeit des Judentums vom
Christentum zu etablieren versuchen, schreibt Weininger:
„Das Christentum ist die absolute Negation des Judentums; aber es
hat zu diesem dasselbe Verhältnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen,
jede Position mit der Negation verbindet, welche durch sie überwunden
ist. Noch mehr als Frömmigkeit und Judentum sind Christentum und
Judentum nur aneinander, und durch ihre wechselseitige Ausschließung
zu definieren."3
So versucht Weininger auch nicht - anders als viele andere Antisemiten
seiner Zeit (Chamberlain zum Beispiel) - Christus aus seinem jüdischen
Kontext herauszulösen. Im Gegenteil: Für ihn stellt das Judentum
die glücklich überwundene Versuchung dar, die Jesus erst seine
Größe verleihe. Er schreibt:
"Christus war ein Jude, aber, um das Judentum in sich am vollständigsten
zu überwinden, denn wer über den mächtigsten Zweifel gesiegt,
der ist der gläubigste, wer über ödste Negation sich erhoben
hat, der positivste Bejaher."4
Vielleicht, so sagt er schließlich, mussn deshalb der nächste
Religionsstifter erst durch das Judentum hindurchgehen. Es
soll hier nicht der Frage nachgegangen werden, ob Weininger sich selbst
damit gemeint hat - worauf sein Selbstmord, sein "Opfertod"
verweisen könnte. Wichtig an seinem Werk, in dem er von den
vierzehn Kapiteln nur eines dem Unterschied zwischen dem Arier und dem
Juden, alle anderen aber der Unterscheidung zwischen den
Geschlechtern gewidmet hat, ist die Frage nach dem Ursprung oder dem Sinn
der Sexualbilder im Antisemitismus. Dazu sollen hier einige Thesen formuliert
werden, um die Parallelen - aber eben auch die Unterschiede - zwischen
zwei Stereotypen des "Anderen" zu umreißen: Stereotypen,
denen zunächst gemeinsam ist, daß sie in starkem Maße
vorn Bild eines "internen Anderen" bestimmt werden, daß
es sich also beim "Juden" wie bei der "Frau", um abgespaltene
Imagines des Selbst handelt. Das unterscheidet sie wiederum von anderen
Vorstellungen über den "Anderen".
Beides, Frauenfeindlichkeit und Judenfeindlichkeit, tauchen bei Weininger
mit ungewöhnlicher Deutlichkeit auf: Vielleicht hat er gerade als
Jude die antisemitischen Projektionen besonders genau zu erfassen vermocht.
Dass sich bei ihm aber auch eine starke Identifikation mit dem Weiblichen
beobachten lässt, ist nicht überraschend. Sein Werk, aber auch
sein 'Selbstopfer" entsprachen durchaus dem Geist des "decadent"
des l 9. Jahr-hun-derts, der sich gerne mit den Symptomen und dem Namen
der "Frauenkrankheit" Hysterie schmückte5 und der damit
die Bereitschaft signalisierte, das Bild eines säkular und weiblich
gewordenen christlichen "Opfertodes" dem männlichen Körper
einzuschreiben. Bei Weininger dürfte die Identifizierung mit dem
W eiblichen aber auch mit der Zuweisung von weiblichen Eigenschaften an
den "Juden" zusammenhängen. Seine Aneignung "arischer"
Projektionen auf den Juden ist nicht durch Zufall mit den Schriften von
Frauen vergleichbar, an denen sich die Weiblichkeitskonstruktionen des
19. Jahrhunderts oft besonders deutlich ablesen lassen6.
In Weiningers Erlösungstheorie gehen die alten Feinde des Christentums
- weibliche Fleischlichkeit und das, was er selbst als jüdische "Vieldeutigkeit"7
bezeichnet hat -eine neue Ehe ein. Er liefert eine neue Definition des
jüdischen und des weiblichen "Nicht-Ichs", das sich im
Verlauf des 19. Jahrhunderts - wie das „Ich" selbst - von einer
religiösen auf eine säkulare Ebene verlagerte.
Zweifel und Fleischlichkeit
Der "Jude" hatte immer schon die christlichen Glaubenszweifel
verkörpert, und er war eben deshalb verfolgt worden. Das hing zum
Teil mit der jüdischen Religion selbst zusammen, die sich auch als
eine „Kultur des Zweifels" (oder der Übung in geduldiger
Erwartung) definieren ließe - im Gegensatz zur christlichen, die
sich als eine Religion der "Erfüllung" versteht. Es hing
aber auch mit der Tatsache zusammen, daß der Christ die eigenen
Glaubenszweifel an den Juden verwies, indem er ihn zur irdischen Verkörperung
des Anti-Christ erklärte.
Für Weininger verkörpert "der Jude" den Zweifel schlechthin
- und es ist nicht unwichtig, an dieser Stelle daran zu erinnern, daß
sich das Wort "Zweifel" in allen indoeuropäischen Sprachen
von der Zahl „Zwei" ableitet, von einem Begriff also, der die
Voraussetzung dafür darstellt, den "Anderen" überhaupt
zu denken. Weininger sieht im Juden" den deutlichGegensatz zur arischen
Eindeutigkeit oder „Einfalt", wie er selber sagt. Dabei wird
bei ihm aus dem geistigen oder religiösen Juden eine Gestalt aus
Fleisch und Blut, die ihre Definition in einer fiktiven 'Rasse' findet.
Das ist einer der Schlüssel zur Frage, warum im rassistischen Antisemitismus
die Sexualbilder eine solche Rolle spielen: Indem dem "Juden"
weibliche Elemente zugewiesen werden, wird das, was ihn vom Christen -beziehungsweise
vom Arier, sozusagen: dem biologischen Christen - unterscheidet, zu einem
physiologischen,.d.h. sichtbaren Unterschied. Nicht nur weil die Frau
biologisch "anders" ist, sondern auch deshalb, weil sie im Christentum
(wie schon in der aristotelischen Antike) das "Fleisch", die
"Materie" verkörpert, der die männliche Idealität,
Geistigkeit gegenübergestellt wird. Durch die Zuschreibung von Weiblichkeit
wird nun auch der "Jude" zu einer Gestalt aus Fleisch und Blut.
So weisen die Gedanken Weiningers über den jüdischen Mann eine
bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den christlichen Vorstellungen über
die Frau auf. Ist im Hexenhammer von der "Unersättlichkeit der
fleischlichen Begierde" beim Weibe die Rede, so heißt es bei
Weininger:
"Männer, die kuppeln, haben immer Judentum in sich; und damit
ist der Punkt der stärksten Übereinstimmung zwischen Weiblichkeit
und Judentum erreicht. Der Jude ist stets lüsterner, geiler, wenn
auch merkwürdigerweise, vielleicht im Zusammenhange mit seiner eigentlich
antimoralischen Natur, sexuell weniger potent, und sicherlich aller großen
Lust weniger fähig als der arische Mann."8
Dass der Jude mit der Frau gleichgesetzt wurde, hing u.a. mit der Beschneidung
zusammen, die in den "wissenschaftlichen" Theorien des 19. Jahrhunderts
oft
mit der Kastration verglichen wurde: Als "Beschnittener" galt
der Jude in dieser Theoriebildung als "unvollständiger Mann",
mithin als weiblich. So war im Wien der Jahrhundertwende "Jude"
ein gängiger Name für die Klitoris9. Aber die Bilder, die die
christliche Gesellschaft mit der Beschneidung verband, waren noch nicht
das Entscheidende.
Die Gleichsetzung Jude und Frau ist einer der Gründe dafür,
dass die Sexualbilder des rassistischen Antisemitismus eine solche Widersprüchlichkeit
aufweisen: Mal wird der Jude als impotent dargestellt, dann ist er wieder
der Sexualtriebtäter, der die Vorstellungen dieses Zeitalters über
extreme Männlichkeit kennzeichnet -Vorstellungen, die in den Aussagen
des NS-Rassen-ldeologen Hans F.K. Günther ihren beredten Ausdruck
finden sollten: "Es liegt ... im Wesen des Mannes, daß er vergewaltigen
will: es liegt auch ... im Wesen des Weibes, daß es vergewaltigt
sein will. Das gilt weit über das Geschlechtliche hinaus."10
Die widersprüchlichen Vorstellungen vom Juden verweisen auf einen
grundlegenden Unterschied zwischen dem rassistischen Antisemitismus und
allen anderen Formen von Rassismus - auf einen Unterschied, der schon
in der Tatsache- seinen Ausdruck findet, daß alle anderen Formen
des Rassismus mit dem Verschwinden des Unterschieds zurückgehen,
der antisemitische Rassismus aber mit der Assimilation der Juden zunahm.
Doch es gibt noch weitere Unterschiede: Nicht anders als dem Antisemiten
der "Jude" gilt dem Rassisten der Schwarze oder der Araber als
sexuell Unersättlich; letztere werden aber immer als männlich
potent gesehen. Der "Jude" hingegen wird als zugleich "lüstern",
"geil" und als unmännlich beschrieben. Tatsächlich
wird ihm eine Sexualität zugewiesen, die nur mit den
widersprüchlichen Vorstellungen des
späten 19. Jahrhunderts über die 'Frau"
zu vergleichen ist. Für die einen
Theoretiker - so etwa für den deutschen
Psychiater Richard von Krafft-Ebing - war
"das Weib, welches dem
Geschlechtsgenuss, nachgeht eine „abnorme Erscheinung"11. Für
den englischen Sexualforscher Havelock Ellis hingegen stellte der ganze
weibliche Körper ein erogenes Gebilde dar. Verglichen mit dem "umfangreichen
Geschlechtsapparat des Weibes", so Ellis, sei der männliche
"geradezu verkümmert"; und der Wissenschaftler fügt
hinzu, daß man deshalb auch in vielen Ländern auf die Amputation
der Klitoris verzichtet habe: Wegen der erogenen Veranlagung des gesamten
weiblichen Körpers habe sie sich als sinnlos erwiesen12. Diese theoretischen
Positionen über die weibliche
Sexualität erscheinen völlig unvereinbar und haben dennoch um
die Jahrhundertwende beide hohen Kurs. Tatsächlich erweist sich aber
bei näherem Hinsehen, daß beide Theorien letztlich in eine
Vorstellung einmünden: Die Frau.hat keine Libido, sondern sie ist
die Libido. So auch bei Weininger, der die Sexualität der beiden
Geschlechter folgendermaßen vergleicht:
„Die Frau ist nur sexuell, der Mann ist auch sexuell: ... Darum
weiß der Mann um seine Sexualität, während die Frau sich
ihrer Sexualität schon darum nicht bewusst werden und sie somit in
gutem Glauben in Abrede stellen kann, weil sie nichts ist als Sexualität,
weil sie die Sexualität selbst ist. ... Grob ausgedrückt: der
Mann hat den Penis, aber die Vagina hat die Frau."13
Aus dieser Beschaffenheit der Frau leitet Weininger wiederum die Tatsache
ab, daß das „absolute Weib" kein Ich habe. Dasselbe sagte
er aber auch vom Juden: "Der echte Jude hat wie das Weib kein Ich
und darum auch keinen Eigenwert"14. Hier taucht aber erneut ein Widerspruch
auf. Weininger erklärt die Ich-losigkeit der Frau mit der Tatsache,
daß "den Frauen, weil sie nur sexuell sind, die zum Bemerken
der Sexualität wie zu allem Bemerken notwendige Zweiheit" fehle15.
Die des Juden aber erklärt er genau andersherum:
"Des Juden psychische Inhalte sind sämtlich mit einer gewissen
Zweiheit oder Mehrheit behaftet; über diese Ambiguität, diese
Duplizität, ja Multiplizität kommt er nie hinaus. ... Diese
innere Vieldeutigkeit, diesen Mangel an unmittelbarer innerer Realität
irgend 'eines psychischen Geschehens, die Armut an jenem An- und Für-sich-Sein,
aus welchem allein höchste Schöpferkraft fließen kann,
glaube ich als Definition dessen betrachten zu müssen, .was ich das
Jüdische als Idee genannt habe. Es ist wie ein Zustand vor dem Sein,
ein ewiges Irren draußen vor dem Tor der Realität. ... Innerliche
Vieldeutigkeit, ich möchte es wiederholen, ist das absolut Jüdische,
Einfalt das absolut Unjüdische."1*
Die Frau verfügt also über kein Bewusstsein, weil sie sich nicht
von sich selbst distanzieren, in die Zweiheit Betrachterin und Betrachtete
spalten kann. Der Jude aber ist ich-los, weil seine Psyche aus eben dieser
Zweiheit besteht.
Auch dieser Widerspruch - ähnlich dem über die weibliche Sexualität
- löst sich teilweise, begreift man "die Frau" und "den
Juden als Gegensatzpaar ein und derselben Gedankenkonstruktion, die sich
etwa folgendermaßen umreißen ließe:
Während Weininger bzw. sein Zeitalter Zweifel an der Wirklichkeit
der Frau oder des Fleisches zu entwickeln beginnen - das Bild der Frau
"entleibt" sich gleichsam vor ihren Augen, und diese „Entleibung"
schlägt sich einerseits in den neuen Theorien über den mangelnden
Geschlechtstrieb der „normalen" Frau nieder, andererseits aber
auch in der Entstehung eines neuen Weiblichkeitsentwurfes, der in Carmen,
Judith oder Salome seinen Ausdruck findet17; es ist ein Frauenbild, das
(wie Athene aus dem Haupt des Zeus) in Männerköpfen geboren
wird und ein mit dem Ich identisches "Du" (oder ein Phantasma
männlicher Weiblichkeit) darstellt18 - während sich also Zweifel
an der Realität weiblicher Andersartigkeit ausbreiten, wird der Jude
in der Phantasie des Ariers zur Inkarnation des Zweifels: zu einer "sichtbaren"
und damit „Wirklichkeit" gewordenen Zweiheit, die biologisch
bestimmt ist, aus Blut und Rasse besteht. Die Glaubenszweifel, die er
einst symbolisierte, nehmen nun in seinem Körper irdische Gestalt
an.
Diese fleischliche Zuweisung an den geistigen Juden lässt sich auf
vielen Ebenen beobachten. Sie zeigt sich natürlich besonders deutlich
an den antisemitischen Rassentheorien. Dass sich hinter diesen Rassentheorien
aber letztlich die Angst vor dem "geistigen Juden" verbirgt,
verraten viele Erscheinungsformen des rassistischen Judenhasses. So ist
der Begriff der "Entartung' zwar dem Wortschatz der Biologen entnommen,
aber er bezeichnet und diffamiert eine Geisteshaltung. Ein bekannter nationalsozialistischer
Kalendervers offenbart, welche:
„Hinfort mit diesem Wort, dem Bösen / Mit seinem jüdisch-grellen
Schein! Nie kann ein Mann von deutschem Wesen / Ein Intellektueller sein."
Die Begriffe "semitisch" und "germanisch" selbst sind
symptomatisch für diesen Vorgang, bei dem Abstracto und Metaphern
zu Kategorien von „Fleisch" und „Blut" werden: Beide
Begriffe bezeichnen einen Sprachraum, also bestenfalls eine Kultur. Bei
den rassistischen Antisemiten aber werden aus diesen Kulturbegriffen Rassenbegriffe.
Aus dem geistigen Gegensatz "Jude" wird also ein leiblicher
„Anderer", indem ihm die Weiblichkeit, d.h. weibliche "Fleischlichkeit"
und die biologische "Andersheit der Frau, zugewiesen wird. Aber das
allein genügt noch nicht als Antwort auf die Frage, warum die Sexualbilder
im rassistischen Antisemitismus eine derartig wichtige Rolle spielen.
Die Verweltlichung des "Opfers"
Die Säkularisierung brachte der europäischen Gesellschaft unter
anderem die Befreiung vom christlichen Ideal der Askese. Dieses Ideal
hat die jüdische Religion nie gekannt: Während ein katholischer
Priester nicht heiraten darf und auch für den christlichen Laien
der sexuelle Verzicht einen höheren Stellenwert einnimmt als die
geschlechtliche Befriedigung, ist ein unverheirateter Rabbiner eher die
Ausnahme. (Auch die Idealisierung der Jungfräulichkeit bleibt der
christlichen Religion vorbehalten.)
Mit der Säkularisierung und der "Emanzipation des Fleisches"
erhebt nun aber auch der Nicht-Jude Anspruch auf Befriedigung und Lust.
Das gilt nicht nur für die, die aufhören, in die Kirche zu gehen.
Im Christentum selbst vollzieht sich schon seit der Reformation ein Wandel,
der es dem Gläubigen erlaubt, die "sexuelle Erlösung"
einzufordern.
Der Prozess hat zur Folge, daß eine weltliche, sinnliche Vorstellung
vom "verk-
lärten Leib" entsteht19 - und dieser "verklärte Leib"
nimmt zunehmend weibliche Züge an. Um etwa 1800 tauchen in der abendländischen
Malerei und Literatur eine Fülle von Frauengestalten auf, die sich
mit dem von Elisabeth Bronfen so gut gewählten Begriff der "Schönen
Leiche" umschreiben lassen20. Es sind Frauengestalten, die durch
ihren Tod dem Geliebten oder der Menschheit die Erlösung bringen.
Betrachtet man die Darstellungen dieser schönen Leichen näher,
so weisen sie eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den Darstellungen
des christlichen Heilands auf. Die Säkularisierung wird zumeist als
Überwindung des Christentums definiert: sie lässt sich aber
auch als Verweltlichung der christlicher Heilsbotschaft umschreiben. Die
"schönen Leichen" offenbaren wiederum, daß sich dieser
Prozess der Verweltlichung als eine Verweiblichung des christlichen Opfertodes
vollzieht - ein Opfertod, der in der Literatur und Kunst auf metaphorischer,
in der Konzeption der sozialen Geschlechterrollen auf psychischsymbolischer
und schließlich auch auf realer Ebene stattfindet.
Der Wandel spiegelt sich auch in den säkularen Bildern des rassistischen
Antisemitismus wider, die an die Traditionen des christlichen AntiJudaismus
anknüpfen: etwa den Ritualmordbeschuldigungen, bei denen Juden die
Ermordung eines christlichen Opfers und das Trinken seines Blutes unterstellt
wurde. War nun in den mittelalterlichen Legenden ausschließlich
von ermordeten Knaben die Rede, so sind in den Ritualmordbeschuldigungen,
die gegen Ende des l9. Jahrhunderts Europa epidemisch überziehen,
zumeist junge Frauen die "Opfer". So etwa in den beide berühmtesten
Ritualmordprozessen: dem von Tisza-Eszlar in Ungarn (1882) und dem von
Polna in Böhmen (1899)21.
Die Ritualmordbeschuldigungen offen
baren ein grundlegendes Paradoxon, das
Christentum wie rassistischem
Antisemitismus eigen ist: In beiden. Religionen - der christlichen wie
der arischen22 - ist der Opfertod zentraler Bestandteil der Heilsbotschaft.
Ohne dieses Opfer gibt es keine "Erlösung". Aber, wie im
Neuen Testament die Kreuzigung des Herrn, so wird auch der "Tod"
der Frau zur "Schuld' des Juden erklärt. D.h. die Verweltlichung
.und Verweiblichung des christlichen Opfertodes vollzieht sich durch eine
pro-jektive Zuweisung an den Juden, dem die Rolle zuteil wird, den „erlösenden"
Tod der weltlichen und weiblichen Christusgestalt herbeizuführen.
Von diesem Paradoxon leitet sich wiederum die seltsame Doppelbedeutung
des Wortes "Opfer" ab, die der deutschen Sprache vorbehalten
bleibt: Mal "opfert" der Herr seinen Sohn zur Erlösung
der Menschheit; das andere Mal ist der Heiland das "Opfer" eines
„jüdischen Verbrechens".
Dass der Vorwurf des „Frauenmordes" eine zentrale Rolle im
Antisemitismus spielt, zeigt sich nicht nur an den Ritualmordbeschuldigungen,
sondern noch deutlicher an der Unterstellung, daß "der Jude"
christliche - sprich: arische -Frauen vergewaltige oder Mädchenhandel
betreibe. Warum? Die These in wenigen Worten: Mit der Säkularisierung
tritt an die Stelle der Kreuzigungsmetapher das "Sexualverbrechen"
oder die "Rassenschande" - und hier liegt der eigentliche Schlüssel
zur Bedeutung der Sexualbilder im rassistischen Antisemitismus. Aus dem
"Corpus dei" wird der "Volkskörper", und dessen
symbolische Trägerin ist die einzelne Frau. Dem Juden aber wird -
wie in der Passionsgeschichte - die Rolle zuteil, das "Opfer"
der "Rassenschande" auszusetzen und damit zu "kreuzigen".
Exkurs über die Aktualität der Opferrolle
Die Opfer- und Erlöserrolle, die der Frau seit der Säkularisierung
zugewiesen wurde, zeigt sich auf vielen Ebenen, und sie zeigt sich nicht
nur in Deutschland. So tritt sie im Ideal der aufopfernden Mutter zutage,
von der das Heil des Kindes abhängt. Die Rolle prägte das Schönheitsideal
der "zerbrechlichen" Frau: das Ideal eines ätherischen,
schwindsüchtigen Frauenkörpers, der sich auch in den Definitionen
der "weiblichen Rolle" widerspiegelt: passiv, schweigsam, hilflos
sind allesamt Synonyma für "tot". Schließlich hat
diese Rolle auch einen Wandel des Selbstbildes und Begehrens vieler Frauen
hervorgebracht, die ihre Liebeserfüllung und sexuelle Befriedigung
in der "Opferrolle" suchten oder suchen. Dieser Wandel des Begehrens
ist am Ursprung des Gefallens, den viele Frauen an der Begegnung mit dem
Unheilvollen oder sogar dem Gewalttätigen in einer Liebesbeziehung
finden, und der Muster, die sie für ihre weibliche "Identität"
entwerfen. Im Nationalsozialismus zeigte sich diese Vorstellung einer
"Selbstverwirklichung" durch "Selbstopfer" sehr deutlich
an Frauen wie Lydia Gotschewski, die für die „Rechte der Frauen"
kämpfte und dabei erbittert (wenn auch vergebens) gegen das Keuschheitsideal
der Männerbünde zu Felde zog23. Gotschewski umschrieb die Rolle
der Frau unter dem Hakenkreuz mit Worten, die deutlich an das "Selbstopfer"
des Heilands erinnern: Das entscheidende Merkmal dieser Frauen ist ihre
Opferbereitschaft für das Ganze, eine aus der Kraft des neuen Glaubens
erzeugte Fähigkeit zur unaufhörlichen Pflichterfüllung."
Auf diese Weise, so schreibt sie weiter, kommen Frauen zu „einem
sehr leisen, sehr stillen und unbetonten Herrschen, dessen Sinn immer
und immer das Dienen bleibt. Und das sich dort am
schönsten verwirklicht, wo das Ich zurücktritt hinter dem Du
und dem Wir, wo' es sich hingibt und verschwendet an ein Größeres:
an Kind, Familie und Volk."24
Das Konzept des "Selbstopfers" unterscheidet die christliche
von allen anderen Religionen. Im säkularen Kontext, wo die
Frau als "Erlöserin" in Erscheinung tritt, mag eben diese
Zuweisung, die mythische Überhöhung "des Weibes" die
Begeisterung erklären, die viele Frauen dem Nationalsozialismus entgegenbrachten.
So scheint mir die eigentliche Antwort auf die vieldiskutierte Frage nach
der weiblichen "Mittäterschaft" am Nationalsozialismus25
vor allem in der Erotisierung des weiblichen "Selbstopfers"
zu suchen sein: Durch ihre Annahme der "Erlöserrolle",
durch ihre Bemühung um eine "Selbstverwirklichung" durch
das „Selbstopfer" trugen Frauen selber erheblich dazu bei,
daß sich die Verweltlichung der Kreuzigungsmetapher vollziehen konnte
-ein Prozess, der seinerseits das Kernstück des rassistischen Antisemitismus
bildete. Diese Erkenntnis scheint mir nicht nur für den Nationalsozialismus
von Bedeutung. Die Opfer- und Erlöserrolle, die mit der Moderne der
Frau zugewiesen wurde, hat eine Form von weiblicher Libido und Emotionalität
hervorgebracht, die nichts mit einer biologischen Eigenart von Frauen
zu tun hat, wohl aber als Hinweis darauf gewertet werden kann, wie tief
die individuellen - auch geschlechtlichen -"Triebe" von den
Gesetzen eines kollektiven Imaginären, den Gesetzen der Geschichte
gesteuert werden. Es sind Gesetze, die nicht nur das Verhältnis der
Geschlechter in jeder Epoche neu definieren, sondern auch die Sexualtriebe
in den Dienst des Politischen nehmen. Dieselben Gesetze, die den „Opfertod"
zum Teil der „weiblichen Identität" und des „weiblichen
Begehrens" werden ließen, bestimmten auch über die Gefühle,
die dem „Juden" entgegengebracht wurden. (Gerade weil die Opfer-Rolle
von den Frauen selbst so libidinös besetzt ist, ist es für die
einzelne Frau auch schwer, sie analytisch zu erfassen: Diese Rolle in
Frage zu stellen heißt, sich von der eigenen Libido zu distanzieren.)
Die Verweltlichung der "Reinheit"
Die Zuweisung der Opfer- und Erlöserrolle an Frauen taucht mit der
Säkularisierung in der Mythenbildung aller europäischen Länder
auf. Als Beispiel für Frankreich sei hier auf Chateaubriands "Rene"
und "Attala" verwiesen. Die Literatur der englischen Romantik
ist ebenfalls durchsetzt von solchen Vorstellungen. In der deutschen Mythenbildung
kommt zu dieser Idealisierung des weiblichen Opfers aber noch ein anderes
Element hinzu, das in der Mythenbildung anderer Länder eine weniger
große Rolle spielte und das ebenfalls eng mit christlichen Traditionen
zusammenhängt. Es ist eines von vielen Symptomen dafür, daß
der Säkularisierungsprozess in Deutschland weniger in einer Sakralisierung
des Weltlichen als in einer Verweltlichung des Religiösen bestanden
hat. Das zeigt sich deutlich am Begriff der "Reinheit", der
im deutschen Antisemitismus eine zentrale Rolle spielt.
Das christliche Opfer- und Erlösungsideal steht in enger Beziehung
zum Ideal der "Reinheit". Ich möchte in diesem Zusammenhang
auf eine Passage aus der Dreieinigkeitslehre von Augustinus hinweisen,
die nicht nur den Zusammenhang zwischen Opferkult und Reinheitsideal sondern
auch den zwischen Reinheitskult und Sexualität verdeutlicht. Um etwa
400 u.Z. schreibt Augustinus, daß nur ein Opfer, das der "Materie
derer entnommen wurde, für die es dargebracht" wird, zur "Reinigung
der Befleckten" dienen könne: "Und was wäre angemessener,
von der Menschheit genommen, um für sie dargebracht zu werden, als
Menschenfleisch? Was ist so geeignet für die Opferung wie sterbliches
Fleisch? Und welches Fleisch ist so rein, die Befleckung der Sterblichen
zu reinigen, wie jenes, das ohne Befleckung durch fleischliche Begierde
gezeugt und geboren wurde im Schöße und aus dem Schöße
einer Jungfrau? Kurz: Welches Opfer könnte in so willkommener Weise
dargebracht und angenommen werden wie unser Fleisch, das der Leib unseres
Priesters ist?"26
Das Blut Christi, dessen Opfer die Erlösung bringt, ist also rein,
weil Jesus in Keuschheit gezeugt wurde. Dieses Keuschheits- und Erlösungsideal
des Christentums verwandelt sich mit der Säkularisierung - und zwar
besonders im deutschsprachigen Raum - in ein weltliches. Ideal, das ebenfalls
die Reinheit des Blutes zum höchsten Gesetz erhebt, nun aber auf
den Geschlechtsverkehr selbst überträgt. Theodor Fritsch bezeichnete
in seinem "Antisemiten-Katechismus" von 1887 das Verbot des
Sexualverkehrs mit Juden als das wichtigste der Zehn deutschen Gebote:
"Erstes Gebot: Du sollst Dein Blut reinhalten. - Erachte es als ein
Verbrechen, Deines Volkes edle arische Art durch Juden-Art zu verderben.
Denn wisse, das jüdische Blut ist unverwüstlich und formt Leib
und Seele nach Juden-Art bis in die spätesten Geschlechter."27
Das „reine Blut" wurde nicht mehr durch Keuschheit erzeugt
, durch einen göttlichen Zeugungsakt - sondern durch das "Untereinanderbleiben"
und die damit einhergehende Ausgrenzung eines - fiktiven - "fremden"
oder "unreinen" Blutes: dem Blut des Juden. Die Säkularisierung
des Reinheitsbegriffs zeigte sich besonders-deutlich an der Umdeutung
des Begriff der "Blutschande". Hatte diese einst die "Sünde",
mit dem eigenen Blut zu verkehren, bezeichnet - also den Inzest -so findet
im deutschen Sprachraum im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine genaue Umkehrung
statt, die aus der "Blutschande" die "Sünde"
des Verkehrs
mit dem anderen, dem fremden, Blut werden lässt. Wo aber der Begriff
der "Blutschande" in diesem Sinne auftaucht, ist mit dem "fremden"
Blut immer das jüdische gemeint.
Parallel zur Abgrenzung gegen das fremde Blut des Juden fand eine Aufwertung
des eigenen Blutes statt, die sich - auch das spiegelt die Geschichte
des Begriffs der "Blutschande" wider - in einer Aufweichung
des Inzestverbots, ja mehr noch: in einer Idealisierung des Geschlechtsverkehrs
mit den Frauen "des eigenen Blutes" niederschlug. Das verdeutlicht
ein literarischer Topos, der ab etwa 1800, vor allem im deutschsprachigen
Raum, immer häufiger auftaucht: das Motiv einer Liebesbeziehung .zwischen
Bruder und Schwester. Der Topos erscheint in vielen Variationen28 - und
fast immer werden die Geschwister als „Erwählte" beschrieben^
was schon einen deutlichen Hinweis auf die christliche Erbschaft gibt
und an das traditionelle Streben des Christentums erinnert, das jüdische
Volk als "erwählte Gemeinde" abzulösen. Den säkularen
Judenfeinden geht es nun aber nicht darum, eine "erwählte Glaubensgemeinde"
zu bilden, sondern das erwählte Volk" zu verkörpern.
Bei Richard Wagner ist die religiöse Dimension des Bruder-Schwester-Inzests
unübersehbar: Wenn das Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde miteinander
Siegfried zeugt, so soll auf diese Weise der "unbefleckte" Ursprung
dieser "deutschen Christusfigur", die Reinheit des Blutes, die
Siegfried zum Auserwählten, ja Gottessohn macht, bewiesen werden.
Bei anderen Autoren ist das Motiv irdischer. Dennoch bleibt auch dort
die religiöse Dimension deutlich spürbar. Ganz offenkundig ist
dies in Thomas Manns Roman "Der Erwählte", deutlich aber
auch in Robert Musils "Mann ohne
Eigenschaften", wo das Geschwisterpaar Ulrich und Agathe von ihrer
Liebesbeziehung die "unio mystica" oder "den anderen Zustand"
der Mystiker erhoffen, den Ulrich zuvor vergeblich in der Religion und
in der Mathematik gesucht hat. In dem Trivialroman von Frank Thiess "Die
Verdammten" taucht das Motiv in ganz ähnlicher Weise auf: Erst
die Vereinigung der Geschwister, so heißt es an einer Stelle, ermögliche
es den Menschen, "auserwählt" und "Gott ganz nahe
zu sein"29. Wie eng dieses Reinheitsideal wiederum mit Judenhass
und den Traditionen des Christentums zusammenhängt, das zeigt sich
nicht nur daran, dass in den literarischen Werken Juden sehr oft als Gegenfiguren
zu den "erwählten" Geschwistern auftauchen; der Zusammenhang
von "Reinheit" und Judenfeindlichkeit zeigt sich auch an den
vielen Bildern, in denen die Eindeutigkeit -und das heißt die Befreiung
von der Vieldeutigkeit und vom Zweifel - als "Reinheit" beschrieben
wird: "Durch Reinheit zur Einheit" war eines der Schlagworte
des altdeutschen Antisemiten Georg von Schönerer.
Die religiöse Dimension des Inzest-Topos zeigt sich aber auch an
der Bedeutung, die in den literarischen Werken dem „Opfer"
beigemessen wird. Die Liebesbeziehungen in den Romanen und Novellen enden
zumeist tragisch; und fast immer beinhaltet die Tragödie (die zugleich
die "Erfüllung" darstellt), daß die Geliebte/Schwester
ihr Leben lässt; oder ihr "Ich" auf dem Altar des "Wirs",
der Gemeinsamkeit opfert. Da ihr Blut makellos ist, weil es keine Vermischung
mit "fremdem" Blut erfahren hat, ist durch ihren Tod die Erlösung
gesichert. So kommt im Inzestmotiv auch das Ideal eines verweltlichten
Menschenopfers zum Ausdruck: "Die Sünde wider Blut und Rasse,"
so sagte Hitler, "ist die Erbsünde dieser Welt und das Ende
einer sich ihr ergebenden Menschheit."30 Durch eine Liebesbeziehung,
die den eigenen Untergang beinhaltet, reinigt die Schwester den Bruder/Geliebten
von dieser "Erbsünde". Mit der Säkularisierung vollzieht
sich also ein Wandel, bei dem die christlichen Reinheitsvorstellungen
in Vorstellungen einer weltlichen Reinheit -oder Reinlichkeit - übergehen
und bei dem aus der christlichen Forderung nach Keuschheit die Forderung
nach Geschlechtsverkehr mit dem eigenen Blut wird. Das Jungfräulichkeitsideal
verlagert sich auf das Ideal einer reinen Beziehung zur Schwester. Paradoxerweise
findet bei dieser Verweltlichung aber eine Annäherung an die Gesetze
der jüdischen Religion statt, der das Askese-Ideal schon deshalb
fremd ist, weil sich - zumindest traditionell - als Jude definiert, wer
eine Jüdin zur Mutter hat. Indem nun der Arier den "Volkskörper"
sakralisiert und die Frau zur Symbolträgerin dieses Volkskörpers
erhebt, versucht er, auch die christliche "Glaubensgemeinschaft"
in eine erbliche oder völkische Gemeinschaft zu überführen,
so daß (wie in der jüdischen Tradition)31 Religions- und Volkszugehörigkeit
miteinander einhergehen.
Die zweifache „Assimilation"
Im Allgemeinen wird unter "Assimilation" die enorme Anpassungsleistung
der Juden an die deutsche Gesellschaft verstanden. Tatsächlich fand
aber - gerade durch den Vorgang der Verweltlichung - auch eine "Assimilation"
der christlichen Religion an die Gesetze der jüdischen statt: eine
Angleichung, die die Rivalität der nicht durch Zufall sich selbst
als "völkisch" bezeichnenden arischen Religion mit dem
jüdischen Volk um die 'Erwähltheit" um vieles steigerte.
In demselben Zeitraum fand aber auch
eine Assimilation der Geschlechter statt, für die das Ideal der Geschwisterliebe
nur ein Ausdruck ist. Die Assimilation zeigte sich nicht nur an der so
oft beschworenen "Vermännlichung" der Frau, sondern auch
- und vielleicht in größerem Maße - an den Ansprüchen
des männlichen Geschlechts auf „Weiblichkeit", wie es
sich nicht nur am Beispiel Weiningers darstellen ließe32.
Dieser Aspekt der Assimilation, der auch als Aneignung von jüdischer
oder weiblicher Identität zu umschreiben wäre, mag erklären,
weshalb sich sowohl Juden als auch Frauen - trotz Emanzipation - als "Fremdkörper"
im deutschen Volk empfanden. Die Parallelen in .dieser Hinsicht sind auffallend:
Viele Sätze aus .den Erinnerungen von Jakob Wassermann "Mein
Weg als Deutscher und Jude"33 könnten auch in den Texten von
Frauen stehen, die Anfang dieses Jahrhunderts um das Stimmrecht, um das
Recht auf Bildung oder um die Anerkennung als Anwältinnen, Ärztinnen,
Staatsbürgerinnen kämpften. (Die deutschen Universitäten
gehörten zu den letzten in Europa, die Frauen zum Studium zuließen).
Ich will nur einige Beispiele dafür anführen, wie leicht das
Wort "Jude" in Wassermanns Schrift durch das Wart "Frau"
zu ersetzen wäre. Er zitiert zum Beispiel Fontäne, der sagt:
"Ich liebe die Juden, aber regieren will ich mich nicht von ihnen
lassen." ("Ich liebe Frauen, aber regieren will ich mich nicht
von ihnen lassen ..."). Auch wenn Wassermann berichtet, daß
er "die Seele der deutschen Welt" nie ganz zu überzeugen
vermochte, erinnert das an die vergeblichen Kämpfe von Frauen, die
Vorurteile gegen das weibliche Geschlecht zu überwinden:
"Ich musste sie von Leistung zu Leistung von mir und meiner Sache
überzeugen, ich musste die glühendste Überredung,
die äußerste Anstrengung aufwenden, wo andere sich mit einem
"seht her" begnügen durften. ... Sie konnten gelegentlich
auf den Kredit hin lässig werden; ich musste mich stets wieder legitimieren,
stets mit meinem ganzen Vermögen einstehen wie einer, dem es nicht
erlaubt ist, sässig zu sein und auf erworbenem Grund zu ackern und
zu ernten."
Wenn Wassermann wiederum von „jenem in den Volkskörper gedrungenen
dumpfen, starren, fast sprachlosen Hass" spricht, von dem "der
Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er weder die Art, noch die
Quelle noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt", so erinnert
dieser Hass an die Gefühle, die frühere Jahrhunderte weiblicher
Andersartigkeit entgegengebracht hatten:
"Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst verführt zu
werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung.
Er ist in solcher Verquickung und Hintergrüncligkeit ein besonderes
deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Hass."
Am deutlichsten - und vielleicht am aufschlussreichsten für die Moderne
- wird für mich die Parallele aber da, wo Wassermann von seiner inneren
Gespaltenheit in den Jugendjahren spricht und die Reaktionen seiner Psyche
auf die Gewalt beschreibt, der er sich ohnmächtig ausgesetzt fühlte:
"Ich hatte den Forderungen, mit denen man meine Natur vergewaltigen
wollte, nur Trotz entgegenzusetzen, schweigenden Trotz, schweigendes Anderssein."
In den Jahrzehnten der "Assimilation" entstand in den Industrieländen
eine neue "Frauenkrankheit", die diesem "schweigenden Trotz"
sehr ähnelt: die Magersucht, die Symptombildung des "Unsichtbar-Werdens"
und des „schweigenden Anders-
Seins" die ihrerseits als Versuch umschrieben werden kann, sich der
gewaltsamen Aufdrängung einer fremden "Natur" zu entziehen34.
Weibliche und jüdische "Fremdkörper"
Mit der "Assimilation" wuchs - bei Juden wie bei Frauen - die
Empfindung, ein "Fremdkörper" zu sein: kein Fremdkörper
für die anderen, sondern ein dem Ich entfremdeter Körper. Dieses
Gefühl entsprach den Zuschreibungen an beide. Denn in dem Maße,
in dem Christen den Juden zu gleichen und Männer sich mit Frauen
zu identifizieren begannen, nahm auch das Bedürfnis zu, Frauen und
Juden als "Andere" neu zu definieren: als das Nichtich, das
dem Ich Abgrenzung und damit die notwendige Seinsbestätigung liefert.
Was die Frau betrifft, geschieht diese Aufdrängung einer neuen Andersheit
einerseits durch die Auferlegung der „Opferrolle" - der "Tod"
als das "Andere" schlechthin - andererseits aber auch durch
die Fabrikation eines imaginären Frauenbildes, das Leidenschaft und
Fleischeslust bedeutet: eines Frauenbildes, das hundert Jahre zuvor noch
als Rechtfertigung für die Hinrichtung von Frauen auf den Scheiterhaufen
gedient hatte. Nunmehr umgibt dieses Bild einer triebhaften "weiblichen
Natur" die Aura der "Lebendigkeit". Es entstehen die Carmens,
Judiths und Salomes: Frauengestalten, die im 20. Jahrhundert zur Norm
"echter Weiblichkeit" werden sollten - einer Weiblichkeit, die
von vielen Frauen wiederum als der "Fremdkörper" erfahren
wird, auf dessen "Fleischeslust" sie mit dem Aushungern oder
Erbrechen ihres Körpers reagieren.
Das jüdische "Nicht-Ich" entstand durch die Fabrikation
eines Bildes vom "Anderen", das nicht minder libidinös
besetzt war als die Gestalt der Carmen, das aber von Gefühlen des
Hasses bestimmt wurde. Auch dieses Bild des "Anderen" stützte
sich (wie bei Carmen) auf "Natur-Theorien" eines "rassigen
Körpers" und eines "heißen Blutes". (So kann
es auch nicht als Zufall betrachtet werden, daß Prosper Merimees
"Carmen" im Jahre 1845 erschien, also fast zeitgleich mit dem
ersten Text des rassistischen Antisemitismus: Richard Wagners Schrift
„Das Judentum in der Musik"). Das neue Feindbild des „Juden"
bildete sich nach demselben Muster der projektiven Umkehrung, das auch
dem christlichen Anti-Judaismus eigen war: Wurde in den christlichen Ritualmordbeschuldigungen
den Juden unterstellt, christliches Blut zu trinken, so gehörte im
rassistischen Antisemitismus gerade der Inzest zu den typischen Vorwürfen
gegen die Juden: so bei Wilhelm Marr, dem Erfinder des Wortes "Antisemitismus"35;
so aber auch bei Houston Stewart Chamberlain, der paradoxerweise sowohl
die. "Vermischung" mit anderen Völkern als auch die "Inzucht"
für die "Degeneration" der jüdischen Rasse verantwortlich
macht36; ähnlich auch bei Arthur Dinter, dem Verfasser des ersten
Rassenromans "Die Sünde wider das Blut"37. Der "Völkische
Beobachter" schließlich bezeichnete den Inzest als zur "Natur
des Juden" gehörig und begründete damit die Notwendigkeit
der "Rassengesetze"38.
Die Stereotypen jüdischer "Andersheit" sollten die Assimilation
- sowohl die uneingestandene der Christen als auch die eingestandene der
Juden - rückgängig machen und "den Juden" als "Anderen"
wieder "sichtbar" werden lassen. Die physische Verfolgung führte
dieses Phantasma der Sichtbarmachung weiter: Durch die Verfolgung hoffte
der Antisemit, den imaginären "Ewigen Juden" seiner Phantasie
in eine Gestalt aus Fleisch und Blut zu verwandeln. Die physische
Bedrohung der Juden sollte den "Gefühlen" beweisen, daß
der "Jude" seiner Phantasiewelt tatsächlich existierte.
Für den Arier wurde der Tod zum einzigen sicheren, weil realen Mittel
der Unterscheidung wischen sich und dem Juden: Die Gewissheit, daß
"der Jude" verschieden ist, hatte der Arier erst dann, wenn
alle Juden endgültig verschieden -also verstorben - waren39. Hier
trifft sich aber im rassistischen
Antisemitismus das Bild des Juden auf seltsame Weise erneut mit dem der
Frau, der mit der Säkularisierung des Christentums die Rolle zugeschrieben
worden war, das "Opfer des Todes" zu bringen. Vom Untergang
der Frau wie von dem des Juden erhoffte sich der Arier die "Erlösung"
- allerdings eine sehr unterschiedliche Art der Erlösung. Im Opfertod
der Frau verwirklichten sich die Phantasien der Säkularisierung:
in der Verfolgung des "Juden" , aber offenbarte sich der Schrecken
vor der Säkularisierung, die Angst vor dem Untergang Gottes, des
"Anderen", der dem Ich die Seinsbestätigung liefert. Während
der Opfertod der Frau, oder das Verschwinden ihrer Andersartigkeit auf
dem Altar des "Wirs", das "Ewige Leben' der weltlichen
Gemeinschaft zu garantieren hatte, sollte der Tod des Juden den Arier
vor dem Untergang der eigenen Identität bewahren: vor der "Assimilation"
- dem Unsichtbarwerden des Juden und damit auch des Christen. Eben deshalb
ergänzten sich aber auch diese beiden Vorstellungen von "Erlösung".
Die Verwirklichung der Säkularisierungsphantasien fiel umso leichter,
als der Arier den Juden zum Todbringer der Frau erklären und ihm
gleichsam den Auftrag erteilen konnte, die "Kreuzigung" herbeizuführen:
in Form von "Rassenschande". Dieses "Verbrechen" diente
dem Arier wiederum als Rechtfertigung für die Verfolgung des Juden.
Durch sie sollte der Jude wieder zum „Anderen" werden und den
Arier seiner Identität vergewissern - eine Identität, die der
Christ immer und vor allem in der Abgrenzung gegen den Juden gesucht hatte.
1 Otto Weininger. Geschlecht und Charakter.
Wien und Leipzig 1917 (16.Aufl.), S. 415 f.
(Ersterscheinen 1903).
2 Ebd., S. 449 f.
3 Ebd., S. 449.
4 Ebd., S. 450.
5 Vgl. Christina von Braun. Männliche Hysterie
- Weibliche Askese. Zum Paradigmenwechsel
der Geschlechterrollen. In: Dies., Die scham-
lose Schönheit des Vergangenen. Zum
Verhältnis von Geschlecht und Geschichte.
Frankfurt a.M. 1989,5.51 ff.
6 So taucht die Frauen zugewiesene Opfer-
und Erlöserrolle, auf die ich noch zu sprechen
komme, fast sofort mit der Entstehung dieser
Zuschreibungen um 1800 auch in den von
Frauen geschriebenen Texten auf: in
Deutschland bei Karoline von Günderode; in
England bei den Bronte-Schwestern, um nur
diese Beispiele zu nennen. In beiden Fällen
ging die literarische Umsetzung des Opfer-
Motivs auch einher mit einer Faszination für
den realen Tod. Karoline von Günderode
nahm sich mit 26 Jahren das Leben, und die
Pastorentochter Emily Bronte starb
dreißigjährig "mit fast selbstmörderischer
Entschlossenheit an Tuberkulose", wie zwei
ihrer Biographinnen geschrieben haben. Vgl. Elsemarje Maletzke und Christel
Schütz (Fig.), Die Schwestern Bronte, Leben und Werk in Texten und
Bildern. Frankfurt a.M. 1985. S. 17.
7 Otto Weininger, a.a.O S. 423.
8 Ebd., S. 423.
9 vgl. Sander L. Gilman. Freud, race and gen-
der. Princetori. N.J. 1993. Gilman ist aus
führlich auf den Zusammenhang
Beschneidung, Weiblichkeit und Antisemitismus
eingegangen
10 Hans F.K. Günther. Ritter, Tod und Teufel.
Der heldische Gedanke. München 1924 (2.
Aufl.). S. 68.
l l Richard von Krafft-Ebing. Psychopathie Sexualis. München 1984
(Reprint), S. 12 f. (Ersterscheinen 1886).
l 2 Havelock Ellis. The mechanism of detumes-cence. Studies in-the psychology
of sex. Vol. V Kingsport, Tenn. 1942, S. 132 (Ersterscheinung 1906).
13 Otto Weininger, a.a.O., S. 114 ff.
14 Ebd., S. 418.
15 Ebd., S. 116.
16 Ebd., S. 442 f.
l 7 Nicht durch Zufall handelt es sich oft um Frauengestalten aus dem
Alten Testament: In diesem Frauentypus spiegelt sich das stereotype Frauenbild
der "Schönen Jüdin wider, das im 19. Jahrhundert eine wichtige
Rolle spielt, nach 1900 aber fast völlig verschwindet. Ich vermute,
es verschwand aus verschiedenen Gründen: 1. weil im antisemitischen
Zusammenhang "der Jude' an sich schon zunehmend "feminisiert",
mit Weiblichkeit gleichgesetzt wurde, eine Zuschreibung, die mit dem Bild
der "Schönen Jüdin" in Konflikt geraten musste; 2.
weil das Bild der Carmen oder der 'Schönen Jüdin' um etwa 1900
bestimmend werden sollten für die Vorstellung " echter Weiblichkeit.
Diese Idealisierung der Jüdin musste wiederum in Konflikt mit den
zeitgenössischen Vorurteilen gegen den Juden geraten.
18 Vgl. Christina von Braun. Von Liebeskunst zur Kunst-Liebe. Don Juan
und Carmen. In: Dies., Die schamlose Schönheit des Vergangenen. A.a.O.,
S. 37 ff. l 9 Der Prozess ist eine genaue Umkehrung der "Erotisierung"
der Askese, die für das Mittelalter bezeichnend war. Nunmehr wird
aber die Erotik selbst "verklärt", indem sie Gesetzen der
Askese und der "Reinheit" unterworfen wird. Von dieser weltlichen
"Reinheit" wird noch die Rede sein.
20 Elisabeth Bronfen. Die schöne Leiche. In:.
Renate Berger und Inge Steph: (Hg.),
Weiblichkeit und Tod in der Literatur. Köln und
Wien 1987: s. a. Dies., Over her dead bodv.
Death feminity and the aesthetic.
Manchester!1992.
21 Vgl. Christina von Braun und Ludger Heid
(Hg.), Der Ewige Judenhaß. Bonn
und Stuttgart 1990, S. 169 ff.
22 Eric Voegelin hat als einer der ersten den
Nationalsozialismus als „politische Religion"
bezeichnet. Folgt man der Verweltlichung der
christlichen Metaphern in der. arischen
Heilslehre, so scheint es gerechtfertigt von
einer „arischen Religion" zu sprechen. Dieses
religiöse Element erklärt m.E. auch die
Anziehungskraft, die die ansehe Heilslehre auf
viele Menschen ausgeübt hat. Vgl. Eric
Voegelin. Die politischen Religionen. München
1992. (Ersterscheinen 1938).
23 Lydia Gottschewski. Männerbund und
Frauenfrage. Die Frau im neuen Staat.
München 1934, S. 41 f. (Den Hinweis auf
diesen Text verdanke ich Edith Watts).
24 Ebd., S. 37 f.
25 Vgl. z.B. Lerke Gravenhorst und Carmen
Tatschmurat (Hg.). TöchterFragen NS-
FrauenGeschichte. Freibyrg i.Br. 1990.
26 Aurelius Augustinus. Über die Dreifaltigkeit.
IV. Buch, II. Teil, 4. Abschnitt: XIV, 19.
27 Theodor Fritsch. Antisemiten-Katechismus
Eine Zusammenstellung des wichtigsten
Materials zum Verständnis der Judenfrage.
Leipzig 1887,5.313
28 Vgl. Christina von Braun: • Die
"Blutschande". Wandlungen eines Begriffs:
Vom Inzesttabu zu den Rassegesetzen. In: Dies.
Die schamlose Schönheit des Vergangenen;
a.a.O., S 81.
29 Frank Thiess. Die Verdammten; Berlin o.J. •
(l 922), S. 410 f.
30 Adolf Hitler. Mein Kampf, Ungekürzte
Ausgabe, München 1941
31 Auch in diesem Zusammenhang ist der
Begriff der 'Reinheit" und seine Säkularisierung
von eminenter Bedeutung. Mary.Douglas
schreibt: "Wenn die vorgeschlagene
Interpretation zutrifft, dann waren die
Speisegesetze wie Zeichen, die in jeden
Moment zum Nachdenken über die Einheit,
Reinheit und Vollkommenheit Gottes anregten.
Die Meidungsvorschriften verliehen der
Heiligkeit bei jeder Begegnung mit dem
Tierreich und bei jeder Mahlzeit einen physis
chen Ausdruck. So gesehen, erscheint die
Einhaltung der Speisegesetze als bedeu
tungsvoller Teil des großen liturgischen Aktes
50
der Anerkennung und Anbetung, der im Tempelopfer kulminierte." Marv
Douglas. Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von
Verunreinigung und Tabu. (Übers, v. Brigitte Luchesi). Frankfurt
a.M. 1988. S. 78. Unschwer lässt sich ablesen, daß der Antisemitismus
mit seinem Schlagwort "Durch Reinheit zur Einheit' (bewusst oder
unbewusst) an diese Vorstellung von. Heiligkeit anzuschließen versuchte,
um der eigenen Sache einen "heiligen", „religiösen"
Charakter zu verleihen. Auf der anderen Seite scheint mir die sehr verbreitete
Interpretation der Beschneidung mit "Hygienemaßnahme"
entweder auf einem Missverständnis des Begriffs der "Reinheit"
zu beruhen ("Reinheit" wird mit "Reinlichkeit" gleichgesetzt)
oder aber sogar dem Versuch zu entsprechen, die Beschneidung ihres religiösen
Gehalts zu entleeren und ihr eine weltliche Bedeutung zu verleihen.
32 Sartre hat den Typus des männlichen
Hysterikers meisterhaft am Beispiel von
Gustave Flaubert dargestellt. Vgl. Jean Paul
Sartre. Der Idiot der Familie. Gustave Flaubert,
1821-1857, (Deutsch von Traugott König).
Reinbek 1977.
33 Jakob Wassermann. Mein Weg als
Deutscher und Jude (1921). In: Ders.
Deutscher und Jude. Reden und Schritten
1904- 1933, hg. v. Dierk Rodewald,
Heidelberg 1984. Die folgenden Zitate befind
en sich auf den Seiten 37, 88 f., 60, 51.
34 Vgl. Christina von Braun, Das Kloster im
Kopf. Weibliches Fasten von mittelalterlicher
Askese zu moderner Anorexie. In: Karin Flaake
und Vera Kling (Hg.), Weibliche Adoleszenz.
Frankfurt a.M. 1992.
35 Wilhelm Marr. Der Judenspiegel. Hamburg
1862, S. 43.
36 Houston St. Chamberlain. Die Grundlagen
des XIX. Jahrhunderts. Bd. 1. (11. Auflage).
München 1909, S. 441.
37 Artur Dinter. Die Sünde wider das Blut.
Leipzig 1927, 5. 210. (Ersterscheinen 1917 .
38 Vgl. Hans-Georg Stümke und Rudi Fink er.
Rosa Winkel- Rosa Listen. Homosexuelle und
"gesundes Volksem'pfinden" von Auschwitz bis
heute. Reinbek 1981, S. 284.
39 Dieser Aufsatz stellt nicht den Versuch dar,
die Shoah zu "erklären". Zwischen den
Phantasmen des rassistischen Antisemitismus
und der Realität der "Endlösung" besteht ein
Abgrund, den auch dieses Erklärungsmuster,
das die Verweltlichung der Religion zum Inhalt
hat, nicht zu erhellen vermag.
Inhalt
S. 03 S. 05
S. 12 S. 18 S. 21 S. 34
S. 35 S. 51 S. 57 S. 71
Einführung
Zum Begriff des Antisemitismus
Die Studenten, die Universitäten
und der Antisemitismus in Deutschland: Ein Rückblick
Einleitung zu Anti-Israelismus: „Israel ist unser Unglück'
Günther Jacob: Anti-lsraelismus
Vorbemerkungen zu "Sexualbilder im Antisemitismus"
Christina von Braun:
Zur Bedeutung der Sexualbilder Im Antisemitismus
Philosemitismus und Kulturalismus Verteidigung der Kritik Ausgewählte
Literaturtipps
l. Auflage Januar 2003; l .000 Exemplare.
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Initiative gegen Antisemitismus und Antizionismus an der Universität
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