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DEFINITIONSMACHT
SCHWERGEMACHT
ZU VERGEWALTIGUNGSDEBATTEN
IN DER RADIKALEN LINKEN UND DARÜBER HINAUS
MAMBA
Nur wenig, nur die absolute Spitze von dem, was alltäglich so an
Gewalthandlungen, vor allem gegen Frauen in der radikalen/autonomen Unken
passieren dürfte, schwappt bis in die Szene-Öffentlichkeit;
nämlich - manchmal - das, was von den Betroffenen als Vergewaltigung
bezeichnet wird. Die dann folgenden Schlammschlachten sind nur ein absurder
Ausdruck dessen, was alles an tagtäglichen Unerträglichkeiten
vor allem durch Männer unter den Tisch fällt und so recht keinen
Platz in der - dem Anspruch nach - von beiden Geschlechtern zu verantwortenden
politischen Arena und Begriffswelt hat.
WAS GEHT? WER SPRICHT? WARUM?
Wir arbeiten seit ca. drei Jahren als feministische, linke Frauengruppe
zusammen. Schwerpunkt unserer Arbeit war lange Zeit ein Workshop zu Technologiekritik
und Bevölkerungspolitik im Rahmen einer feministischen Kritik an
der Weltausstellung EXPO 2000.
Mit dem Thema »Definitionsmacht« sind wir ziemlich plötzlich
und auf verschiedene Weise konfrontiert worden: zum einen durch eine Veranstaltung
der Definitionsmachtsinfragestelle-rlnnen Les Madeleines1 in Hannover,
gegen die wir uns gemeinsam mit anderen Frauen positioniert haben. Vor
allem aber haben wiederholt sexuelle Übergriffe auf Frauen in unserem
eigenen Umfeld uns zur Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Umgang
mit sexueller/sexualisierter Gewalt2 in der radikalen/autonomen Linken
gezwungen. In den darauf folgenden Diskussionen mit Männern und Frauen
(sowohl aus gemischten als auch aus Frauengruppen) zeigte sich, dass die
Auseinandersetzung um den konkreten Umgang mit sexueller/sexualisierter
Gewalt innerhalb der radikalen Linken nahezu ein Fass ohne Boden ist.
Im Verlauf der Debatten um sexuelle Gewalt wird vor allem die generelle
Marginalisiertheit* von feministischen Positionen innerhalb der radikalen/autonomen
Linken deutlich. Im folgenden wollen wir den bisherigen Stand unserer
Diskussion veröffentlichen, um der verbreiteten Geschichtslosigkeit
der jetzigen Debatten um sexuelle Gewalt etwas entgegenzusetzen, Diese
Geschichtslosigkeit drückt sich auch in beliebigen Problematisierungen
eines angeblich bestehenden »Definitionsrechts« aus, die in
weiten Teilen unwidersprochen stehen bleiben.
Mit unserem Text richten wir uns sowohl an Interessierte aus der feministischen
Bewegung, wie auch an gemischtlinke Gruppen, bzw. Männer, die sich
in ihrer Politik auf feministische Positionen beziehen wollen.
EINSCHÄTZUNGEN ZUM STATUS QUO
Zwischen Frauenbewegung und radikaler/autonomer Linker Wir gehen davon
aus, dass es in der radikalen/autonomen Linken ein kritisches Bewusstsein
der gesellschaftlichen Verhältnisse gibt und ebenso einen verbreiteten
allgemeinen Anspruch, es «besser« zu machen. Dennoch wird
die Beschäftigung mit Sexismus als Bestandteil gesellschaftlicher
Realität, der politische Mikro- wie Makrostrukturen durchdringt,
in gemischten Gruppen zumeist souverän verworfen. Die fehlende Selbstverständlichkeit,
sich mit dem eigenen Sexismus auseinander zu setzen, wird ergänzt
durch die fehlende Einbeziehung von patriarchalen Verhältnissen auf
der Analyseebene. Dem Anspruch zufolge, den wir an radikallinke Politik
stellen würden, diskreditiert diese sich dadurch selbst.
Aber schade,
schade: dieser Anspruch wird nicht von allen Linksradikalen geteilt -
und ein Anspruch allein bleibt ohnehin folgenlos. Eine simple Erklärung
für die immer weiter fortschreitende Nichteinbeziehung von feministischen
Positionen liegt im Niedergang der Frauenbewegung: es fehlt einfach der
politische Druck. Einerseits knüpfte gerade die autonome Bewegung,
beispielsweise mit der Häuserkampfpolitik, zwar an das Poli-tikverständnis
der Frauenbewegung an, indem sie auch das »Private« zum Gegenstand
ihrer Kämpfe machte, also »politi-sierte“. Andererseits
löste sie dabei die Parole »Das Persönliche/Private ist
politisch« aus ihrem ursprünglichen Kontext: dem Kampf von
Frauen zur Revqlutionierung des Geschlechterverhältnisses, und korrumpierte
sie zum Slogan eines Kulturkampfes, in dem sich die Verteidigung eines
unkonventionellen, »dissidenten*« Lebensstils verselbständigte
und schließlich in dem versackte, was als typisch autonomer Subjektivismus
eigentlich allen bekannt sein dürfte, die seit längerem in entsprechenden
»Zusammenhängen« politisch arbeiten.
Diese Entwicklung steht in engstem Zusammenhang mit einem Prozess von
Ausdifferenzierung und teilweiser Institutionalisierung3 der Frauenbewegung,
in dem sie insgesamt an politischer Stärke verlor. Die Durchsetzung
bestimmter Tabus und Gepflogenheiten, die Frauen das (politische) Leben
erleichterten, war innerhalb der radikalen Linken nur erreichbar vor dem
Hintergrund einer starken, kämpferischen Frauenbewegung, die es ermöglichte,
zu Männern zu sagen: gut, wenn nicht mit euch, dann eben ohne oder
auch gegen euch. Diese Situation ist passe. Es scheint, dass zwischen
den verbliebenen autonomen Frauengruppen und der gemischten autonomen4
Restlinken eine »Arbeitsteilung« besteht, die dasselbe Schema
wiederholt, das auch für viele Heterobeziehun-gen charakteristisch
ist: salopp ausgedrückt, machen Frauen die Beziehungsarbeit am linken
»Gesamtmacker«, während vorrangig Männer sich der
»großen Politik« widmen. Ist das Verhältnis zwischen
Männern und Frauen erfolgreich entpolitisiert, weil nicht mehr als
Machtverhältnis präsent (wofür die Frauenbewegung stand),
haben sich, dem althergebracht-linken Politikverständnis folgerichtig,
Frauengruppen als »politisch« erübrigt und können
offen infragegestellt werden.
Feministischer Separatismus als Organisierungskonzept wird von vielen
Frauen heute als Schritt »aus den Gemischten heraus« verfolgt
- während es 1975 oder 1985 unter Frauen begründungsbedürftig
war, mit Männern Politik zu machen, stehen die Dinge heute umgekehrt.
Das stellt Feministinnen vor die Alternative, entweder relativ vereinzelt
zu agieren, oder sich politisch auf die gemischtgeschlechtliche Linke
zu beziehen5. Bei vielen Jüngeren, nachrückenden Feministinnen
hat sich die Selbstwahrnehmung dahingehend verändert, dass sie sich
eher in einem »linken« als »feministischen« Diskurs
verortet sehen und das auch faktisch sind. Das führt dazu, dass der
Vereinnahmungstendenz seitens der Linken, die verbliebenen Frauengruppen
In sich zu subsumleren, unbeabsichtigt entsprochen wird. Zu einem historischen
Zeltpunkt, an dem feministisches Geschichtsbewusstsein kaum noch existent
Ist, wirkt damit die Kritik am »Definitionsrecht« umso fataler:
Falschdarstellungen und absurde Herleitungen treffen auf unser eigenes
partielles Unvermögen, diesen argumentativ und mit einer Verteidigung
der Eigenständigkeit feministischer Politik gegenüber linker
zu begegnen.
VON »SELBSTBESTIMMUNGSRECHT«, »DEFINITIONSRECHT«
UND ANDEREN MACHTFRAGEN
Seit den Hoch-Zeiten der Frauenbewegung, von der aus der Kampf gegen alle
Formen von Gewalt gegen Frauen zunächst in dem Begriff des »Selbstbestimmungsrechts«
geführt wurde, haben sich also politische Kräfteverhältnisse
in der Gesellschaft verschoben. Was einst z.B. in Debatten um den §218
und die sexuelle Verfügbarkeit der Frau als Begriff sinnvoll war,
ist heute von Bevölkerungspolitikerinnen, Gen- und Reprotechnologlnnen
zur schein-feministischen Legitimation ihrer Politik vereinnahmt.
Der Begriff der Selbstbestimmung hat damit seine ursprüngliche Bedeutung
verloren6. Der Konflikt um Männergewalt wie auch strukturelle Formen
von Gewalt, denen Frauen ausgesetzt sind, wird von uns heute in anderen
Begriffen ausgetragen: In den aktuell verwendeten Begriffen zeigt sich
eine Auf-splittung der Sicht auf Gewaltverhältnisse, in der diese
häufig nur noch reduziert in den Blick kommen. Hinter der Forderung
nach »Selbstbestimmung« stand ein umfassendes feministisches
Verständnis von Körperlichkeit und Befreiung. Wenn eine schon
mal von »Selbstbestimmung« spricht, wird die Absurdität
einer Rechtfertigung derselben vor Männern schneller klar, als wenn
in intellektualisierter Form »Definitionen« verhandelt werden.
Allein mit »Definitionen« ist uns nicht geholfen; es ist das
»Bestimmen", das wir durchsetzen müssen. Das kann nicht
heißen, den Begriff Definitionsmacht als solchen abzulehnen, sondern
den Streit um Begriffe selbst historisch aufzuarbeiten.
DEFINITIONSRECHT ODER DEFINITIONSMACHT?
WELCHES HÄTTEN'S GERN?
Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, für welche unterschiedlichen
Argumentationsweisen der Gebrauch der Begriffe Definitionsrecht bzw. Definitionsmacht
steht und welche Problemdefinitionen in diesen mittransportiert werden.
Den Wortteil »Definitions-« mal weggelassen, wird ersichtlich,
dass es sich bei Recht und Macht inhaltlich um zwei völlig verschiedene
Dinge handelt.
Der Begriff »Definitionsrecht« ist in mehrfacher Hinsicht
problematisch. So wird ein Recht gewährt (oder auch nicht), wodurch
ein passives Bild der betreffenden Frau impliziert* und diese tendenziell
als Objekt behandelt wird. Bleibt noch die Frage offen, wer dieses Recht
gewährleistet. Schließlich vermittelt der Terminus »Recht«
eine »Einklagbarkeit"; ähnlich eines bürgerlichen
Gerichtsverfahrens müsste demnach eine Art System vorhanden sein,
dem bestimmte Vereinbarungen zu Grunde liegen. Ein dogmatisch festgelegtes
Vereinbarungsschema, in welchem ein pseudo-juristisches Vorgehen dominiert,
reduziert die Frau auf einen »Fall« und entpolitisiert das
Geschehen zugleich.
Der Begriff Definitionsmacht ist generell nicht auf den Bereich sexueller
Gewalt beschränkt, sondern wird auch in anderen politischen Kontexten
von Linken benutzt. Es geht dabei zuvorderst um die Frage, wer die Macht
hat, etwas zu definieren. Die Linke skandalisiert die Definitionsmacht
herrschender Eliten, Begriffe oder Problemdeutungen festzulegen; umgekehrt
wird Definitionsmacht als eine politische Maßnahme für diejenigen
eingefordert, die direkt von Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen
betroffen sind. Niemand würde diesbezüglich auf die abstruse
Idee kommen, von Definitionsrecht zu sprechen, als würde das irgendeine
Instanz garantieren.
22
Debatten um Definitionsrecht/-macht bringen für Frauengruppen Innerhalb
der radikalen Linken unweigerlich die »Organisierungsfrage«
aufs Tapet. Das Infragestellen der Definitionsmacht blendet dieselben
Machtverhältnisse aus, die autonome Organisierung von Frauen und
deren Widerstand überhaupt notwendig machen. Die, denen es um ein
Infragestellen des Definitionsrechts (oder der Definitionsmacht) geht,
betreiben damit also implizit auch die Infragestellung der Frauengruppen
als Organisationsform - und potentielle Gegenmacht gegenüber einer
unsolidarischen Linken. Nur konsequent, dass von Vertreterinnen dieser
Position die Diskussion um Machtverhältnisse zwischen Frauengruppen
und Gemischtlinker sorgsam ausgespart wird. Umso unpassender die euphemistisch-naive
Behauptung, da würden unbegreiflicher Weise ein paar bornierte Figuren
(wir sind versucht zu sagen »hysterische Weiber«) sich der
Klärung wichtiger Fragen verweigern, als sei das Ganze ein von gemeinsamen
Interessen getragener Disput um »richtiges« oder »falsches«
Vorgehen.
Die generös angebotene »Diskussion« ist vor diesem Hintergrund
also keine, sondern ein schlichter Machtkampf. Somit ist es seitens der
Frauengruppen folgerichtig, sich auch nicht anhand von Maßstäben
einer Debatte zu verhalten, sondern wie in einer Auseinandersetzung mit
dem politischen Gegner.
WIE UND WELCHE ORDNUNG »VERGEWALTIGUNGSDEBATTEN« SCHAFFEN
Der Ablauf einer Vergewaltigungsdebatte innerhalb der autonomen Linken
der 90er ist ein technischer: nach Ziehen des Zünders, der Aussage
»Vergewaltigung« durch eine einzelne Frau setzt eine Art Mechanik
ein: die besagte »Vergewaltigungsdebatte«. Innerhalb dieser
werden politische Ziele häufig unscharf: geht es zuvorderst um den
Schutz der Frau, ihre »Rehabilitierung«7, Erhaltung ihrer
Fähigkeit Politik zu machen oder um Strafe für den Täter
und die darin gegebene Möglichkeit zur Gewissensberuhigung für
dritte, die selbst über den Vorfall schockiert sind?
Die treuherzige Anerkennung der Definitionsmacht, so sie denn erfolgt,
gleicht häufig eher dem passiven Abnicken eines als quasi »Gewohnheitsrecht«
angesehenen Verfahrens, dass nicht hergeleitet werden muss (was vielen
sicherlich bequem ist) als der aktiven, individuellen und kollektiven
Parteinahme für die Frau.
Es verselbständigen sich Abläufe und das Ganze gibt eine blühende
Landschaft für jeden Sexisten ab, sich als Frauenfreund zu profilieren.
Denn mehr als die »richtige« Veranstaltung verhindern helfen,
ist dafür Ja nicht nötig8. Die betroffene Frau gerät dabei
leicht In den Hintergrund. Anstatt sich darum zu kümmern, wie ihr
nach einem traumatisierendem Erlebnis geholfen werden kann, rückt
die Täterbestrafung in den Vordergrund.
Die Gegnerinnen von »Definitionsrecht« oder -macht gefallen
sich oft in der Provokation, üben sich im willkürlichen Rum-doktorn
an der Frauenpsyche,
Abstrakte Kritik feministischer Parolen (»heißt nein wirklich
immer nein?«) und an dieser Stelle irrelevante Problematisierungen
(»aber es gibt doch auch Frauen die Vergewaltigungsphantasien haben!«9)
rücken ins Zentrum bzw. werden zur »Gretchenfrage«. Im
Fokus des Interesses steht nicht etwa die Veränderung gesellschaftlicher
Verhältnisse, die sexuelle Gewalt hervorbringen oder die Suche nach
einem vernünftigen politischen Umgang damit, sondern der mit intellektuellen
Pirouetten garnierte Zweifel, ob denn der »Täter« wirklich
ein »Täter« und du »Opfer« wirklich ein »Opfer«
gewesen sei10. Diese Verfahren und nicht die Definitionsmacht - wie beispielsweise,
von Les Madeleines behauptet - sind es, die ein Bild der Frau all zu pathologlsierendes,
passives Opfer reproduzieren, die bei einem »privaten« Problem
nach Hilfe verlangt,
Den Hintergrund jedes aktuellen Diskurses um Vergewaltigung in der Unken
bildet die stillschweigend-alltägliche Behandlung von Sex und Beziehungen
als »Privatsache«, die wenn überhaupt immer nur punktuell
und in individualisierter Form Gegenstand der Politik werden kann - ganz
wie in der sonstigen bürgerlichen Gesellschaft.
Die schaurigen Vergewaltigungsdebatten bilden derzeit den einzigen Aufhänger
für die Diskussion innerhalb der autonomlinken Öffentlichkeit
um das Geschlechterverhältnis, das ansonsten nicht thematisiert wird.
Unter dem Druck des konkreten Vorfalls kommt es aber zuerst auf eine Positionierung
an und diese wird auch eingefordert. Das ist für Bewusst-seinsbildung
denkbar ungünstig: niemandem wird zunächst die Gelegenheit zur
Auseinandersetzung und zum Erkenntnisgewinn gegeben, um sich anschließend
verhalten zu können. Die unterschiedlichen Dimensionen sexistischer
Gewalt und Unterdrückung reduzieren sich in der Wahrnehmung vieler
auf ein singuläres Ereignis. Durch die Zuspitzung auf den »Extremfall«
Vergewaltigung werden andere Formen von sexi-stischem und frauenfeindlichem
Verhalten bagatellisiert oder ganz aus den Augen verloren.
Aber angesichts konkreter sexistischer Übergriffe bestehen eben andere
Notwendigkeiten als Aufklärung zu leisten. Die radikale Linke, die
erwartet, dass Feministinnen In diesem Moment für Aufklärung
zur Verfügung stehen (siel), Ist offensichtlich von allen guten Geistern
verlassen.
MACHT: DARFS EIN BISSCHEN MEHR SEIN?
Die Erkämpfung der Definitionsmacht bzw. die Einsicht der Notwendigkeit
dessen kann nur eine - wenn auch eine gewichtige- politische Maßnahme
sein, die sich durch die gegebenen politischen und gesellschaftlichen
Verhältnisse legitimiert. Es handelt sich dabei um kein perfektes
Konzept, da es historisch bedingt aus einer Defensive geboren und zudem
eine »missbräuchliche« Verwendung nicht auszuschließen
ist. Letzteres als Argument gegen die Definitionsmacht ins Feld zu führen,
heißt jedoch auch sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse
auszublenden, zu denen diese politische Forderung in enger Beziehung steht.
Es kann nicht um ein »mechanisches« Verteidigen einer lediglich
situativen Definitionsmacht gehen, sondern einerseits um die Erweiterung
der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt in der
gemischten radikalen Linken. Andererseits muss es eine umfassende Debatte
unter Frauen um feministische Positionen im allgemeinen geben, die unsere
gegenwärtige politische Situation reflektiert und dazu führt,
bestehende Spaltungen (auch organisatorische) zu überwinden und Streitpunkte
aus veränderter Perspektive anzugehen. Die Auseinandersetzung um
sexuelle /sexualisierte Gewalt in der radikalen Linken sollte der Orientierung
»pro-Frau« statt »contra-Mann« folgen. Derartige
Prioritäten zu setzen hieße, sich für das zu entscheiden,
was eine linke Bewegung und Organisation leisten kann, statt weiterhin
Mini-Staat oder widerspruchsfreie Zone zu spielen. Sexuelle Gewalt kann
nicht per Anspruch ausgeschlossen werden11.
Ziel muss sein, mit der, die es gibt und zunächst immer wieder geben
wird, einen Umgang zu finden. Dabei sollte langfristig ein politisches
Bewusstsein und sozusagen eine »Normalität« entstehen,
in der sexuelle Gewalt als eine Ausprägung von sexistischen und patriarchal
strukturierten gesellschaftlichen Verhältnissen thematisierbar ist,
ohne dass im gleichen Zuge die Täter entlastet werden. Auch unabhängig
vom Tatbestand »Vergewaltigung«, angesichts »weniger
schlimmen« Vorfällen muss gehandelt werden. Dabei wäre
unsere Hoffnung (die sich mit bisherigen Erfahrungen deckt), dass Gewalterlebnisse
für die Opfer subjektiv leichter verkraftbar sind, wenn sie nicht
wie eine Bestätigung immergleicher, unveränderlicher Verhältnisse
und darin erlebter Missachtung daherkommen. Wenn anstelle der bisher häufigsten
Gewissheit, dass das betreffende Erlebnis aus gesellschaftlichen Verhältnissen
hervorging, die zu bekämpfen die Genossinnen nicht für nötig
erachten, der Eindruck tritt, dass sie im Kampf dagegen prinzipiell hinter
der Betroffenen stehen12, kann z.B. das Gefühl von Abwertung im nachhinein
gemildert werden.
Wenn wir oben davon reden, konkrete sexuelle Gewalt als »extreme«
Ausprägung der gesellschaftlichen Verhältnisse sei ein schlechter
Aufhänger für eine aufklärende Debatte um Sexismus, dann
geht es uns dabei um das Gegenteil der Relativierung etwaiger Übergriffe.
Mit dem Verweis auf deren Eingebundenheit in die gesellschaftlichen Verhältnisse
wurde bereits oft genug die Bagatellisierung von sexueller Gewalt betrieben13
und deren Thematisierung tabuisiert, was zum Vorwurf des »Täterschutzes«
führte. Uns geht es dagegen um die Überlegung, wie sexuelle
Gewalt in Zukunft politisch wirksamer skandalisiert werden kann. »Politisch
wirksame Skanda-lisierung« und »Hilfe für die Betroffene«
sind nicht als Gegensätze zu diskutieren: jeder akute Übergriff
ist neben der Solidarisierung mit der Betroffenen, den er erfordert, auch
ein zwingender Anlass, sich über den Status quo der Auseinandersetzung
um sexuelle Gewalt in der radikalen/autonomen Linken klar zu werden und
daraus Konsequenzen zu ziehen. Die vordergründige Bezugslosigkeit
bisheriger Vergewaltigungsdebatten zum sonstigen politischen Alltag erschwert
deren Aufarbeitung als Ausdruck radikallinker Verfasstheit und Politik.
Gleichzeitig ist die Verständigung zwischen Frauen in Frauen-und
gemischten Gruppen häufig miserabel, und auch die zwischen Frauengruppen
ist - zumindest in unserem Umfeld, wenn wir ansonsten irren sollten, umso
schöner - nicht großartig. Es stellt sich die Frage, wie und
an wen vor diesem Hin- tergrund welches politische Bewusstsein vermittelt
wird, werden soll, kann?
Die »Zuständigkeit« als Frauengruppe für gewisse
»Themen«, wie »Sexismus« zu verweigern, wenn dies
von Männern bzw. Leuten gefordert wird, die sich selbst nicht dazu
verhalten wollen, ist eine Sache: bei vielen äußert sich die
Abwehr der Auseinandersetzung auch in vordergründiger Anerkennung
der Frauengruppen und ihres »wichtigen politischen Auftrags«,
der damit wunderbar klargezogen werden kann, auf das auch keine Kompetenzstreitigkeiten
aufkommen. Mechanisch die Deutungshoheit für noch jedes Einzelproblem
rund um »Sexismus« an Feministinnen abzugeben, ist unpolitische
Katzbuckelei. Wann hingegen der Eindruck aufkommt, in einer politischer
Verantwortung zu stehen, wann ein Thema »aufgezwungen“ ist
(welches politische Thema ist denn nicht »aufgezwungen«?')
und wie Frauengruppen untereinander politisches und Geschichtsbewusstsein
vermitteln, sollte unserer Einschätzung nach wieder verstärkt
Thema unter Frauen(-gruppen)
sein.
Die Verteidigung und Erweiterung der »Definitionsmacht«, die
das Stichwort des aktuellen Diskurses zwischen hauptsächlich der
restautonomen Szene, ihrer feministischen Sub-Szene und einigen weiteren
politisch marginalen linken Kräften ist, muss deren Geschichte einbeziehen
und unter Bezug auf Prinzipien feministischer Politik erfolgen. Das beinhaltet
die Beibehaltung und Stärkung der Autonomie der Frauengruppen und
die prinzipielle Möglichkeit der Frauen innerhalb gemischter Gruppen
und Organisationen, diese auch abgestuft, nach Bedarf für sich einzusetzen.
Nur aus der Autonomie heraus kann die Definitionsmacht über die Gestalt
und Relevanz sexualisierter/sexueller Gewalt und sexistischer Übergriffe
durchgesetzt werden. Schließlich geht es um Macht, und die wird
nicht freiwillig abgegeben, sondern durch den Aufbau von Gegenmacht erstritten.
Die geforderte Parteilichkeit gerade der gemischten linken Gruppen lässt
sich nicht als Verhaltenskanon verpacken, auch wenn so was in der autonomen/radikalen
Linken so beliebt ist und für viele das einzige zu sein scheint,
was Sicherheit über die eigene politische Existenz gibt. Statt beim
»im Zweifel für die Frau« stehen zu bleiben, muss als
Boden für konkretes Verhalten eine umfassende Sicht auf die - patriarchal
verfassten - Dinge entwickelt werden. Praktisch muss die Bereitschaft
da sein, wenigstens Schadensbegrenzung zu leisten. Wem die Erkenntnis
bisher mangelte, dem sei gesagt: die Parteilichkeit der Männer für
ihresgleichen in der gegenwärtigen Gesellschaft, ihr männerbündisches
Agieren, macht feministische Parteilichkeit erst notwendig. Um den Zustand
tatenloser männlicher Mittäterschaft zu durchbrechen, braucht
es aktive, sichtbare Parteinahme von Männern - den Verrat am Männerbund:
»Wer schweigt, stimmt zu". Priorität bei allem, was infolge
von Übergriffen unternommen wird, muss Schutz und ggf. Rehabilitierung
der betroffenen Frau sowie die Orientierung an ihrem Willen, was sich
punktuell widersprechen kann, sein. Ganz bestimmt haben wir nichts erhellendes
oder konstruktives von reinen Begriffsdiskussionen zu erwarten, die von
politischen Konflikten abstrahieren. Vorführungen nachgeahmter Staatlichkeit
im Zuge von Vergewaltigungsdebatten (Verrechtlichung usw.) zeugen von
Per-spektivverlust und einer Sehnsucht radikal-linker Zusammenhänge
nach einfachen Verhältnissen, die das schlechte Bestehende affirmiert.
Das Heil wird in der Abstraktion gesucht, dem Austüfteln eines allgemeingültigen
Rasters, das von der Subjektivität des Erlebten und der Er- und Überlebenden'5
wegführt und andere aus der sozialen und politischen Verantwortung,
sich als Freundinnen oder Genossinnen von Täter oder Opfer zu verhalten,
enthebt.
Der eigentliche Streitpunkt hinter der Frage, wer seine bedrückenden,
verletzenden, gewaltvollen Erlebnisse im Zusammenhang mit Sexualität
wie definieren solle oder dürfe, ist die Frage danach, was Folge
einer solchen Definition sein sollte. Die Idee einer Machtposition von
Frauen, Sanktionen durchzuführen, schreckt viele. Beides, Umgang
mit Opfer und Täter, hat aber nur bedingt miteinander zu tun. Es
ist Unsinn, einer Frau die Kompetenz ein eigenes Erlebnis treffend zu
definieren, abzusprechen, nur weil mensch einen schematischen Strafkatalog
im Kopf hat, so dass aus der jeweiligen Definition zwangsläufig Sanktion
XY folgen muss. Statt einer Reduzierung oder einem in Zweifel ziehen der
Definitionsmacht sollte jegliche Art von sexueller/sexualisierter Gewalt
und Belästigung thematisiert werden können und dabei die gleiche
Parteilichkeit und Unterstützung finden. Der Skandal besteht nicht
darin, wie einige moralisierend vermuten, dass die Möglichkeit gegeben
ist, dass Frau XY »widerrechtlich« Gebrauch von dem »Machtmittel«
Vergewaltigungsdebatte macht (darauf wäre am ehesten zynisch zu antworten,
wenn eine daraus Nutzen zieht, ist sie hoffentlich schlau genug, es anzuwenden).
Der Punkt ist, dass ohne Verwendung des Vergewaltigungsbegriffs oder anderer
»Tabubrüche« mit Sicherheit nichts passiert.
Das ist kein Verschulden der Frauengruppen, sondern der latenten Frauenfeindlichkeit
der radikalen Linken, die keine Formen des Umgangs mit sexualisierter/sexueller
Gewalt entwickelt hat und damit ausdrückt, dass die von Belästigungen,
Demütigungen und Übergriffen freie Teilhabe und Mitbestimmung
ihrer Politik durch Frauen ihr ein sekundäres Anliegen is1 - das
ist nicht eben ein neues Phänomen. Aufgabe einer kontinuierlichen
Diskussion um »Sexismus« wäre es, die Möglichkeit
zur Entwicklung politischen Bewusstseins zu bieten. Substanzielles zum
Umgang mit Tätern und zur Möglichkeit durch männliche Zurichtung
zum Täter zu werden, erwarten wir uns v.a. von Männern.
... UND DARÜBER HINAUS
Das Erkennen der Notwendigkeit autonomer Organisierung von Frauen ist
von dem Bewusstsein nicht zu trennen, als Lin-ke Teil der Gesellschaft
zu sein, in dem Frauenfeindlichkeit ebenso möglich ist wie woanders.
Das heißt nicht ledigliches Abnicken der rein karitativ verstandenen
»Schutzfunktion« von Frauengruppen, sondern: Erarbeitung eines
Bewusstseins dar- über, dass Organisationsform und inhaltliches nicht
unabhän- gig voneinander sind und die Linke in der Auseinandersetzung
mit Frauengruppen einiges lernen kann, dessen sie sonst offensichtlich
unfähig ist.
Dass damit Frauengruppen als Korrektiv der Linken herhaltet ist die Negativformulierung
der Möglichkeit, linke durch femi- nistische Politik zu radikalisieren.
Das finden wir angesichts unserer Ausgangslage, der beinahen Stimmlosigkeit
von Femi- nistinnen/Frauengruppen in der Linken, nicht das schlechteste
Ziel, wenn es auch den Anspruch, sich von linken Gruppen und Genossen
nicht abhängig zu machen, kaum befriedigen kann. Würden wir
die Linke für reaktionär und sonst nix halten, dar brauchten
wir kein Bündnis mit ihr zu suchen, und ein Selbstverständnis
als Linke wäre obsolet. Aber auch »Feminismus“ bietet
nicht automatisch ein emanzipatorisches Zuhause. Da wir uns selbst auch
als Linke sehen und den Anspruch habe linke Politik mitzubestimmen, sehen
wir nicht ein, weshalb wir uns zwischen einer »linken« und
einer »feministischen« Ausrichtung entscheiden sollten - wobei
das eine nicht im anderen aufgeht und Auseinandersetzungsfähigkeit
feministische Autonomie bedingt. Einige werden es vielleicht für
überflüssig oder falsch halten, zu diesem Zeitpunkt, wo die
Berlin-Debatte schon eine Zeitlang her ist, dies alles extra aufzuklamüsern
und zu verschriftlichen. Dem lässt sich unsere Wahrnehmung entgegenhalten,
dass es leider sehr wohl nötig ist, den Sinn einst erkämpfter
feministischer Gepflogenheit und Begriffe neu herzuleiten, und auch auf
diesem Wege durchzusetzen. Die fruchtlosen Vergewaltigungsdebatte haben
jedenfalls keinen Beitrag zur diesbezüglich Geschichtsvermittlung
geleistet, sondern stehen Symptomatisch für die autonome Geschichtslosigkeit
und dem darauf folgenden Zwang, permanent das Rad neu zu erfinden16. Nach
einigen PC- und noch mehr Anti-PC-Diskursen und
Kontext eines wieder offener frauenfeindlich werdenden gesellschaftlichen
Klimas muss der Anspruch auf feministische Selbstbestimmung und/oder Definitionsmacht
ebenso wie der auf autonome Organisierung wieder offensiv begründet
werden. Unsere gegenwärtige Position gegenüber und innerhalb
der radikalen Linken ist so schwach, dass sie nur daraus wieder stärker
werden kann.
In diesem Zusammenhang kann die pauschale Haltung, sich auf keine Diskussion
einzulassen, zum Hemmschuh für die »eigene« Auseinandersetzung,
Positionsfindung unter Frauen und Frauengruppen werden und damit letztlich
auch für die Entwicklung von feministischer Gegenmacht. Mit der Veröffentlichung
unserer bisherigen Diskussionsergebnisse geht es uns darum, als »Diskussion«
bemäntelte Angriffe als solche kenntlich zu machen, in eigener Sache
Streit zu suchen und gleichzeitig einer Verständigung über politische
Ziele von Frauen innerhalb der radikalgemischten Linken Raum zu geben.
Was das Zugeständnis »allgemein«-radikallinker begrifflicher
Mangelwirtschaft betrifft: die »Gemischten« tun gut daran,
sich um Bereicherung, Korrektur und Erweiterung des bisherigen zu bemühen.
Die Beweislast, was Konstruktivität und Offenheit für Diskussionen
angeht, liegt nicht auf Seiten der Frauen.
1: Les Madeleines sind eine überregional arbeitende gemischtgeschlechtliche
Gruppe, die sich nach eigenem Bekunden schwerpunktmäßig mit
dem Geschlechterverhältnis auseinandersetzt.
2: Wir halten uns im folgenden an einen weitgefas-sten Gewaltbegriff,
der strukturelle und indirekte Formen von Gewalt einschließt. Er
hat sich bewährt, um unterschiedlichste sexistische Unterdrückungserfahrungen
von Frauen thematisierbar zu machen. Wir folgen damit einem politischen
Zweck und verwenden den Begriff nicht ausschließlich »im Dienste
der Wahrheitsfindung«. Was an sexueller Gewalt »sexuell«
und was »gewalttätig« ist, werden wir hier nicht diskutieren,
weil das Ausspielen beider vermeintliche Klarheit suggeriert, die konkret
nicht immer gegeben ist und sein kann. Der Ausdruck »sexuelle/sexualisierte
Gewalt« soll hier auch sexistische Übergriffe und Belästigungen
einschließen, die durch dieselben Verhältnisse ermöglicht
werden wie direkte sexuelle Gewalt. »Sexualisiert« verweist
darauf, dass nicht die Sexualität das Entscheidende ist, sondern
die Gewaltausübung, die eben bloß in sexua-lisierter Form auftritt.
»Gewalt« fungiert weitergehend als Signalbegriff: Für
uns ist im gegebenen Zusammenhang vorrangig, das Geschlechterverhältnis
als Gewaltverhältnis zu erfassen, auch wenn nicht es nicht nur und
ausschließlich als solches charakterisierbar ist
3: Institutionalisierung kann vieles heißen: Die teilweise Institutionalisierung
war für Projekte wie Frauenhäuser und Notrufe sicher die einzige
Überlebenschance und ist auch nur sehr eingeschränkt mit professionalisierter
Frauenpolitik z.B. in Form von Gleichstellungsbeauftragten zu vergleichen.
4: Der Begriff »autonom« bezeichnet für Frauengruppen
und »die Autonomen« als gemischter Bewegung etwas unterschiedliches:
während Frauengruppen sich damit auf das feministische Autonomieprinzip
beziehen, wurde die Bezeichnung »die Autonomen« aus der italienischen
Linken übernommen, wo sie für eine außerparlamentarische
Strömung der 60er Jahre stand, die „Autonomia operaia“.
5: ob diese Wahrnehmung die einzig mögliche, ob der Anschluss in
die gemischte radikale Linke und der Versuch die Einflussnahme auf ihre
Politik tatsächlich unausweichlich ist, oder ob nicht Inzwischen
(nach einer gewissen »Überwinterungszeit«) die Neubegründung
und Stärkung von Frauenaktions- und Diskussionsforen für Feministinnen
in der radikalen Linken Priorität haben sollte, ließe sich
diskutieren.
6: Der Selbstbestimmungsbegriff beinhaltet eine Trennung und Hierarchisierung
von »Kopf« (-kognitive Fähigkeiten, Rationalität)
und Körper: Das Bewusstsein soll das (gesellschaftliche) Sein bestimmen.
'Selbstbestimmung' steht heute für eine individualisierte, entpolitisierte
»Entscheidungsmöglichkeit« der Frau (v.a .über ihren
Körper), die umso größer sei, je mehr (technologische)
Möglichkeiten ihr offen stehen und je mehr sie davon nutzt, ihren
Körper und darüber auch ihre Biografie zu kontrollieren. Dadurch
ist dieser Begriff heute keiner mehr, mit dem Frauen bewusst Einfluss
nehmen, sondern mit dem versucht wird, ihre Entscheidungen zu beeinflussen.
7: Dass eine solche überhaupt nötig ist, spricht für sich
und gegen Gruppen und Organisationen, deren Verhalten eine Rehabilitierung
nötig macht. Trotzdem ist es Fakt, dass Frauen sich auch in solchermaßen
frauenfeindlichen Gruppen organisieren wollen, und diese Wahl ist ihnen
offen zu halten.
8: Wir tun damit sicherlich einigen Unrecht. Ein Charakteristikum dürfte
dennoch damit getroffen sein.
9: Gerade deren Vorhandensein verweist darauf, dass Phantasien nicht rein
spielerisch und ohne äußere Beeinflussung zustande kommen.
10: Hier zeigen diskurstheoretisch geschulte Linke gern ihre »Schokoladenseite«
und üben fleißige Kritik an »identitären Zuschreibungen«
oder gleich »Identitätspolitik". Häufig erfolgt eine
bloße begriffliche Anspielung auf Theoriegebäude, die vielen
nichts sagen, anstatt eine Auseinandersetzung zu erreichen oder diese
zu wollen,
11: Wer und was wann und wo auszuschließen ist und ausgeschlossen
werden kann, Ist Gegenstand konkreter Verhaltensfragen. Die verschiedentlich
vorgebrachte allgemeine Kritik an der »eliminatorischen« Ausrichtung
von Vergewaltigungsdisputen, ihrem Charakter als »Interne Säuberungen«,
sollte mit deren Entstehungszusammenhang abgeglichen werden. Der Gipfel
einer psychologisierend kaschierten, unsolidarischen Pseudo-Kritik, die
damit zur Hetztirade In bester antifeministischer Tradition wird, ist
die Feststellung einer angeblich damit einhergehenden bürgerlichen
»Sexualfeindlichkeit«, wie sie etwa von der Bahamas in »Infantile
Inquisition« formuliert wurde. Dort wird die Psychoanalyse für
eine reaktionäre Argumentation nutzbar gemacht und so ein Anschein
von Wissenschaftlichkeit aufgebaut, für den ebenso gut auch eine
andere Theorie hätte herhalten können. Das einzige, was durch
den Vorwurf der Tabuisierung von Sexualität wirklich tabuisiert wird,
ist die Frage nach Gewalt- und Machtverhältnissen innerhalb konkreter
sexueller Beziehungen. Hingegen der von der Bahamas notdürftig wiedererwärmte
Mythos einer ambivalenten, geheimnisvollen und befreienden Sexualität
ist eher ein Gruselschocker aus den Aufbruchstagen der APO als eine nach
aller historischen Erfahrung für die Linke noch ernsthaft diskutierbare
Idee. Von dem Wipfeln weltvergessener Ideo-logiekrltik mölmt der
Staub und Muff der 68er... Hust. Uns jedenfalls ist angesichts einer derartigen
»Sexualität“ ganz wohl In der Feindschaft dagegen. Wer
die reaktionären Tendenzen der jetzigen, sich wiederholenden Vergewaltigungsdebatten
angreift, hat sich darin auf deren Platz im gesamtgesellschaftlichen Geschehen
und ihren Zusammenhang mit dem Problem autonomer Desorganisierung zu beziehen.
12: Das schließt Konflikte untereinander über das »Wie«
nicht aus.
13: Vgl. Madeleines und Bahamas.
14; Nicht alles was an unleidlichem in Heterobeziehungen passiert, muss
unbedingt den Weg über eine explizite »Politisierung«
nehmen, wenn es auch außerhalb dessen, im zwischenmenschlichen Bereich
und mit dessen Kategorien (Vertrauen, Verzeihen, Hoffnung, Freundschaft,
Nachsicht) möglich ist, einer Frau nach einem Scheißerlebnis
Unterstützung zuteil werden zu lassen und das auch geschieht Wohl
überflüssig zu erwähnen, dass die Einschätzung der
Betroffenen maßgeblich dafür ist, ob ein Vorfall ausreichend
»politisiert« wurde?
15: Da der Überlebendenbegriff von den Les Madeleines in der oben
beschriebenen einseitigen Weise kritisiert wurde (vgl. »Das Borderline-Syndrom«),
noch eine kleine Erläuterung dazu: er wurde von Frauen in Abgrenzung
zum mit Passivität assoziierten Opferbegriff entwickelt. Er soll
der komplexen Situation der von Gewalt betroffenen Frauen gerecht werden:
sie werden nicht nur Opfer, sondern kämpfen auch ständig um
ihr Überleben, sowohl innerhalb einer Gewaltsituation als auch danach.
Das daraus resultierende widersprüchliche Verhalten von Frauen Männern
gegenüber wird ihnen oft als Mittäterschaft ausgelegt. Hierbei
wird aber eines grundlegend verkannt: Eine Frau, die sich in einem Gewaltverhältnis
befindet, hat dieses nicht herbeigeführt. Sie wird mit einer für
sie gefährlichen Situation gezwungenermaßen konfrontiert. Sie
versucht nun, den bestmöglichen Weg zu finden um ihr Überleben
zu sichern und so wenig wie möglich zum Opfer zu werden, also Schaden
zu nehmen. Dieses Bemühen kann auch darin bestehen, sich eben nicht
zu wehren und scheinbar in Dinge einzuwilligen. Es ist wichtig zu bedenken,
dass die verschiedenen Überlebensstrategien auf Grundlage einer lebenslänglichen,
mehr oder weniger stark gespürten Unterdrückungssituation innerhalb
von patriarchalen Verhältnissen entwickelt werden und mit dem Wissen,
von Männern abhängig zu sein. Schließlich ist es Frauen
ja nicht möglich sich in eine männerfreie Welt zu flüchten,
sondern sie müssen sich mit dem was da ist, arrangieren. Der Überlebendenbegriff
stellt von feministischer Seite den Versuch dar, das Aktive im Handeln
der Frauen in den Vordergrund zu stellen und darüber hinaus die existentielle
Bedrohung, der sie häufig ausgesetzt sind, klarzumachen. Eine Kritik
hat das einzubeziehen.
16: Vgl. dazu Heinz Schenk: Die Autonomen machen keine Fehler, sie sind
der Fehler, 1991
DANK:
WLR HABEN IN DER LETZTEN ZEIT UNSERE POSITIONEN IN VERSCHIEDENEN RUNDEN,
MIT FRAUEN UND MÄNNERN, DISKUTIERT. VIELEN DANK FÜR EUER INTERESSE,
EURE ANREGUNGEN UND SOLIDARISCHE
KRITIK!
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