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Sebastian Haunss, Universität Hamburg
Gibt es eine dekonstruktive Politik?
Kollektives Handeln unter der Voraussetzung der Fragmentierung kollektiver
Identitäten
Seit Mitte/Ende der 80er lassen sich sowohl innerhalb der Wissenschaft
- mit zunehmender Bedeutung postmoderner oder dekonstruktivistischer Ansätze
- als auch innerhalb der sozialen Bewegungen Tendenzen ausmachen, Vorstellungen
homogener und dauerhafter kollektiver Identitäten in Frage zu stellen.
Vor dem Hintergrund dieses Fragmentierungsprozesses kollektiver Gegenidentitäten,
die Alternativen oder Widerstand zur herrschenden Politik bündeln
konnten, stehen die neuen sozialen Bewegungen vor dem Problem, ob nicht
eine Reihe ihrer grundlegender Vorstellungen auf Prämissen beruhen,
die im von den Bewegungen mit vorangetriebenen Transformationsprozess
der Moderne selbst in Frage gestellt werden.
Diese Veränderungen betreffen auf der Ebene der Theorie vor allem
zwei Kernbereiche des »Projekts Moderne«: die Existenz universalistischer
Meta-Erzählungen und die Konstruktion des autonomen Subjekts. Auf
der Ebene sozialen Handeln die Individualisierung von Lebensstilen und
-chancen sowie die Auflösung tradierter Milieu-Strukturen. Setzt
nicht beispielsweise die Vorstellung von Solidarität, die eines der
konstituierenden Elemente sozialer Bewegungen ist, »immer schon«
den Bezug auf stabile und dauerhafte kollektive Identitäten voraus,
die unter den Bedingungen der Dezentrierung der Subjekte immer wieder
von neuem hergestellt und neu begründet werden müssen und mit
der beständigen Gefahr konfrontiert sind, in diesem Prozess immer
weiter zerstreut und fragmentiert zu werden? Lässt sich eine Politik
denken, die dem kontingenten Charakter kollektiver Identitäten Rechnung
trägt, oder führt die Einsicht in diese Kontingenz dazu, der
politischen Handlungsfähigkeit sozialer Bewegungen letztlich den
Boden unter den Füßen wegzuziehen? Ich werde im Folgenden versuchen,
einige Verbindungslinien zwischen Dekonstruktion und Politik nachzuzeichnen
und die spezifischen Voraussetzungen und Begrenzungen dieser Verbindungen
diskutieren. Dabei richtet sich mein besonderes Augenmerk auf die Konstruktionsprozesse
kollektiver politischer Akteure.
Dekonstruktion - Identität - Politik
Wenn Dekonstruktion und Politik zusammentreffen geht es zumeist um Identitäten.
Vor allem in der feministischen Rezeptionen dekonstruktiver Theorien und
bei den Versuchen, eine Queer Theory und Praxis zu entwerfen dienen dekonstruktive
Strategien dazu, gegen Vorstellungen essentialistischer Identitäten
zu argumentieren.
»Welche neue Form von Politik zeichnet sich ab, wenn der Diskurs
über die feministische Politik nicht länger von der Identität
als gemeinsamen Grund eingeschränkt wird?« (1991: 10), stellte
Butler ihrem Buch »Das Unbehagen der Geschlechter« als Frage
vorweg, bevor sie sich daran machte, die Vorstellung, das biologische
Geschlecht - sex - sei eine dem »gender« vorgängige Kategorie
zu dekonstruieren. Sex sei vielmehr selbst Produkt diskursiver Praktiken,
die die Vorstellung eines »natürlichen« und damit vordiskursiven
Geschlechts erst hervorbrächten (1991: 24). Nicht zuletzt als Reaktion
auf Diskussion, die diese These auslöste, präzisierte Butler
in »Körper von Gewicht« diese Aussage noch einmal: »Das
›biologische Geschlecht‹ wird nicht mehr als ein körperlich
Gegebenes ausgelegt, dem das Konstrukt des sozialen Geschlechts künstlich
auferlegt wird, sondern als eine kulturelle Norm, die die Materialisierung
von Körpern regiert.« (1995: 22)
Butlers Thesen lösten eine lebhafte Debatte aus. Die einen warfen
ihr vor, die Infragestellung der »Kollektividentität ›Frau‹«
(Landwehr & Rumpf 1993: 6) würde kein handlungsfähiges Subjekt
mehr übrig lassen. Die anderen erhofften sich von der Dekonstruktion
der heteronormativen Matrix im Gegenteil erweiterte Handlungsspielräume.
Die Diskussion um Butlers Thesen traf die Frauenbewegung zu einem Zeitpunkt
zu dem fraglich war, ob überhaupt noch sinnvoller weise von einer
Bewegung gesprochen werden konnte. Zu Beginn der 90er Jahre hatte sich
der Schwerpunkt feministischer Auseinandersetzungen in die Akademie und
in die Parlamente verlagert. Als Resultat von über 20 Jahren neuer
Frauenbewegung haben sich zumindest in den größeren Städten
ein Netzwerk vielfältiger Frauenräume, -dienstleistungen und
Unterstützungs-Strukturen etabliert, das man - positiv gesprochen
vielleicht mit dem für die US-amerikanische Frauenbewegung geprägten
Begriff der »social movement abeyance structures« (Taylor
and Whittier 1992) beschreiben könnte. Als Bewegung - mit Demonstrationen,
öffentlichen Protesten oder Aktionen - trat sie praktisch nicht mehr
Erscheinung. Zudem wurde es immer schwieriger noch ein politisches Projekt
der Frauenbewegung auszumachen und die internen Differenzierungen und
Abgrenzungsbedürfnisse fanden ihren Ausdruck in den Bindestrichkonstruktionen
der (autonomen) Frauen-Lesben-Mädchen-Projekte. Erst in dieser historischen
Situation konnten Butlers Thesen, die als die Infragestellung einer der
(vermeintlich) letzten verbliebenen Gemeinsamkeiten - der des Geschlechts
- gelesen wurden, ihre enorme Wirkung entfalten.
Allerdings rückt Bulter die Bedeutung identitärer Auseinandersetzungen
in einem Maße ins Zentrum der Politik, die andere - v.a. ökonomische
- Differenzierungsprozesse fast vollständig in den Hintergrund treten
lässt und konstruiert sich damit das kohärente Objekt ihrer
Kritik zu einem Gutteil selbst. Nur wenn Politik allein als identitäre
gedacht wird, kann Butlers Kritik überhaupt greifen (vgl. Braun 1995).
Von der individuellen zur kollektiven Identität
Auch wenn Identitätsbezüge zweifellos für politisches Handeln
eine wichtige Rolle spielen, ist es doch eine folgenschwere Verkürzung,
politische Handlungsfähigkeit und die Existenz eines identitären
Subjekts ohne Vermittlungsinstanz direkt zu verkoppeln. Dabei wird ausgeblendet,
dass politisches Handeln immer ein kollektiver Prozess ist und entsprechend
Identitätsbezüge immer kollektive Identitätsbezüge
sind. Das Verhältnis von Individuum, Identität, Identifizierung
und Kollektiv ist viel komplexer und widersprüchlicher, als dies
in den zumeist auf ein modifiziertes, der Psychoanalyse entnommenes Identitätskonzept
aufbauenden Ansätzen denkbar ist.
Eine etwas adäquatere Annäherung ermöglicht das Konzept
kollektiver Identität, wie es in der Bewegungsforschung entwickelt
wurde. Ausgangspunkt ist dort die Erkenntnis, dass politisches Handeln
- zumindest außerhalb der etablierten Institutionen - selten ausschließlich
instrumentell ist oder innerhalb des Paradigmas der rationalen Güterabwägung
erklärbar ist. Identifikationsprozesse spielen für die Mobilisierungsfähigkeit
sozialer Bewegungen eine zentrale Rolle, weil kollektiver Identitäten
eine Verbindungslinie schaffen zwischen einzelnen politischen Ereignissen
und Aktivitäten, sie schaffen einen diffusen Bereich der Zugehörigkeit,
der die Identifikation mit einer Bewegung ermöglicht ohne klar definierte
Kriterien der Zugehörigkeit festzulegen. In den Worten des italienischen
Bewegungsforschers Melucci ist kollektive Identität »an interactive
process through which several individuals or groups define the meaning
of their action and the field of opportunities and constraints for such
an action.« (Melucci 1996: 67).
Kollektiven Identitäten sind Produkt und gleichzeitig Motor politischer
und sozialer Erfahrungen, Vorstellungen und Utopien. So würde beispielsweise
die kollektive Identität der Anti-AKW-Bewegung ein Bündel verschiedener
Aspekte umfassen, zu denen folgende Faktoren gehören: die Erfahrung
der Solidarität, vor allem auch in Situationen der Konfrontation
mit der Staatsgewalt; ein ökologisches Bewusstsein, dessen konkrete
Ausprägung allerdings sehr unterschiedlich sein kann; ein bestimmtes
Set alternativer und/oder oppositioneller Lebensstile; eine Vorstellung
ökologischer Umgestaltungsperspektiven der Gesellschaft. Erfahrbar
und Verwirklicht würde diese kollektive Identität einerseits
bei den demonstrativen Ereignissen der Bewegung und vor allem in einem
Netz subkultureller und oppositioneller Orte - Kneipen, Veranstaltungsräume,
Festivals.
Diese kollektiven Identitäten, mit denen sich die individuellen AkteurInnen
identifizieren sind niemals vollständig deckungsgleich mit den jeweils
individuellen Identitätskonstruktionen - in den meisten Fällen
wird es sogar große Differenzen zwischen beiden geben. Der Prozess
kollektiver Identität beschreibt die Herausbildung bestimmter Gemeinschaften.
Individuen identifizieren sich mit diesen Gemeinschaften, sind Teil von
ihnen und beeinflussen die Formierung und Transformierung der korrespondierenden
Identitäten. Aber selbst in Bewegungen wie der Schwulenbewegung ist
der Prozess kollektiver Identität niemals deckungsgleich mit der
Identität der einzelnen Aktivisten auch wenn die Bewegungsidentität
einen starken Einfluss darauf haben, wie AktivistInnen ihre eigene Identität
konstruieren. Es muss also erstens unterschieden werden zwischen individuellen
und kollektiven Identitäten.
Wie das Beispiel Anti-AKW-Bewegung schon zeigte, liegt nicht jedem Identifizierungsprozess
die Vorstellung einer Ursprünglicheit oder Fixiertheit zugrunde.
Kollektive Identifikatoren können beispielsweise auch Fussballvereine,
Kirchen oder eben auch politische Bewegungen sein, deren historischer
und damit vorübergehender Charakter offensichtlich und allen bewusst
ist. Wir müssen also zweitens zwischen essenzialistischen und nicht-essenzialistischen
Konstruktionen kollektiver Identitäten unterscheiden.
Die Art und Weise, wie kollektive Identitäten konstruiert werden
ist vielfältiger als dies mit Butlers Konzeptualisierung denkbar
ist. Letztlich verschwindet in Butlers Konzept das kollektive Subjekt,
bzw. eigentlich kommt es von vornherein nicht wirklich vor. Gemeinsames
Handeln erscheint dort nur als Addition individuellen Handelns, das Subjekt
der Psychoanalyse wird quasi zum Kollektiv vergrößert, um das
Kollektiv anschließend in den Kategorien des Individuums zu kritisieren.
Der Boom identitärer Politik und die Fragmentierung kollektiver Identitäten
Versucht man die Bedeutung der Kategorie Identität für zu Beginn
des 21. Jahrhunderts zu beschreiben, so bietet sich ein widersprüchliches
Bild. Einerseits greifen politische Bewegungen in mehr für möglich
gehaltenem Ausmaß im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sowohl
inklusiv als auch exklusiv auf Identitätskategorien zurück.
Region, »Rasse« und Sexualität haben an Bedeutung für
die Konstruktion politischer Gemeinschaften gewonnen. Castells (1997)
konstatiert im ausgehenden 20. Jh. einen Legitimationsverlusst der alten
Nationalstaaten, dessen Ursache in drei parallelen Prozessen zu suchen
sei: Die Privatisierung öffentlicher Aufgaben, die Vernetzung von
Firmen und gleichzeitige Individualisierung von Arbeit sowie die Krise
der patriarchalen Familie untergraben das legitimatorische Fundament der
modernen Nationalstaaten.
»At the dawn of the Information Age, a crisis of legitimacy is voiding
of meaning and function the institutions of the industrial era. Bypassed
by global networks of wealth, power, and information, the modern nation-state
has lost much of its sovereignty.« (1997: 354)
Parallel zu und in Reaktion auf diesem Prozess beobachtet Castells die
Entstehung machtvoller Widerstandsidentitäten, die allerdings oft
lokalistische Rückzüge in »communal heavens« darstellen.
Während also auf der einen Seite von einem Boom identitärer
Politik gesprochen werden kann, sind praktisch alle sozialen Bewegungen
der 1980er und 1990er Jahre damit konfrontiert, dass ihre Konturen immer
brüchiger und uneindeutiger werden. Die Diversifizierung von Lebensstilen
und -chancen hat zur Aufweichung und teilweisen Auflösung sowohl
tradierter als auch zeitgenössischer Milieustrukturen geführt.
Debatten über (ungewollte) Ausgrenzungsprozesse, sind in fast allen
Bewegungen präsent und sind Ausdruck dessen, dass die eindeutige
Bestimmung eines »Wir«s immer schwieriger geworden ist. Dieser
Prozess trifft die Bewegungen unabhängig davon, ob ihre kollektive
Identität einen essenzialistischen Kern postuliert oder nicht.
Auch wenn kollektive Identitäten nicht als essenzielle gedacht werden,
bleibt ihre Funktion dennoch homogenisierend. Das der Butler-Kontroverse
zugrunde liegende Problem der Ausschließungen produzierenden Identitätskonstruktionen
bleibt also unabhängig davon, ob ein essenzieller Kern der kollektiven
Identität angenommen wird oder nicht bestehen. Die Frage ist also,
ob und was für eine Politik denkbar wäre, die diesem sich selbst
infrage stellenden Bezug auf Identitätskategorien Rechnung tragen
kann.
Unordnung in der Politik bringen
Gerade angesichts der zunehmenden Bedeutung regionaler, »rassischer«
und sexueller Identitätskonstruktionen im letzten Jahrzehnt des 20.
Jahrhunderts stimmt es sicherlich, dass die Dekonstruktion essenzieller
Identitäten die »notwendige Bedingung für ein adäquates
Verständnis von der Vielfalt sozialer Bezüge« (Mouffe
1998: 33) ist. Während aber die Dekonstruktion essenzieller Identitäten
deren Unmöglichkeit zeigen würde, müsste die Dekonstruktion
kollektiver Identitäten deren historische Spezifität herausarbeiten.
Hier setzt in gewisser Weise auch das Konzept Laclaus an, der darauf hinweist,
dass die Notwendigkeit des Rückgriffs auf Identität gerade in
deren Unmöglichkeit gründet: »If there is need for identification,
it is because there is no identity, in the first place.« (1996:
56). Sein Hegemonie-Konzept, dass er damit begründet, dass die nicht-erreichbare
Vollständigkeit der Struktur bzw. Gemeinschaft von einem ihrer partikularen
Inhalte (miss-)repräsentiert werden muss, die hegemoniale Geste also
darin besteht, die eigene Position in Vertretung der nicht erreichbaren
Vollkommenheit als ganze und wahre zu setzen, bietet allerdings kaum Ansatzpunkte,
die Selbstwahrnehmung gesellschaftlicher Akteure als nicht kohärent
zu thematisieren.
Ich denke daher, eine mögliche politische Bedeutung der Dekonstruktion
liegt weniger darin, dass sie dabei helfen kann, die Instabilität
von Identitätskonstruktionen zu erfassen, als vielmehr, dass ihre
Fragerichtung eigentlich auf das paradoxe Verhältnis von Reform und
Revolution zielt.
In einem Artikel, in dem sie das oft ablehnende Verhältnis von Feministinnen
zur Dekonstruktion kritisiert, schreibt Elisabeth Grosz:
Derrida does not offer any political solutions for either feminism or
any other politics. This has tended to evoke suspicion. If he does not
offer any solutions, if his goal is to demonstrate the complex and paradoxical
nature of any political commitment (...) then it is commonly and naively
assumes that his work is nonpolitical, apolitical, or, worst of all, aligned
with the forces of conservatism or even fascism. What is usually not recognized
is that his work has the effect of rethinking entirely the ways in which
politics ant theory have been considered. This does not amount to the
creation of a new political theory or epistmology, but the reorderung
- or perhaps the disordering - of the ways in which politics and theory
have been understood. Politics can no longer be understood in terms of
clear-cut heroes and villains, the politically correct position and its
incorrect alternatives, that is, on the polarized model of pro or contra
that has dominated and continues to dominate so much of feminist and Marxist
politics. (1997: 95)
Um- bzw. Unordnung in Politik und Theorie zu bringen, scheint auf den
ersten Blick nicht gerade ein vielversprechendes Programm zu sein. Praktisch
zielt aber genau diese Geste des Offen-Haltens, die Ablehnung finalisierender,
teleologischer Vorstellungen darauf, Herrschaft zu destabilisieren. Die
Sprache der Macht ist immer die ihres Erhalts, die Sprache der Dekonstruktion
immer die der Verschiebung, sie ist gegen jede Form der Schließung
gerichtet. Im Gegensatz zu liberalen oder differenzialistischen Ansätzen
denkt die Dekonstruktion Differenz weder als einfachen Ausschluss noch
als beziehungsloses Nebeneinander, sonder immer als konfliktives Wechselverhältnis,
das zwar verändert aber nicht befriedet werden kann. Ein solches
Denken ist fundamental dynamisch und dazu geeignet, Konflikt und Streit
nicht als Störung, sonder im Gegenteil als Prinzip der Politischen
zu verstehen. Derrida nähert sich einer solchen Konfliktsituation
in seinem Vortrag über das Verhältnis von Gewalt und Gerechtigkeit
(1991), in dem er die Aporie des gerechten Handelns diskutiert. Da das
gerechte Handeln die Verantwortung des handelnden Subjekts zur Voraussetzung
hat, muss es über die schlichte Anwendung der Regeln des Rechts hinausgehen
und schafft damit eine Situation der Entscheidung, die - nicht mehr auf
die codifizierten Regeln gestützt - immer eine Situation der Unentscheidbarkeit
ist. Denn ließe sich eine Regel angeben, die die Entscheidung vollständig
bestimmt, wäre das Handeln nur Anwendung der Regel und damit von
der Verantwortung befreit. Gerechtigkeit existiert daher immer nur im
Moment der überschreitung des Rechts, sie fügt dem Recht etwas
hinzu, geht über es hinaus und entzieht sich zugleich jedem Versuch
der Stabilisierung oder Begrenzung. »Die aporetische Erfahrungen
sind ebenso unwahrscheinliche wie notwendige Erfahrungen der Gerechtigkeit,
das heißt jener Augenblicke, da die Entscheidung zwischen dem Gerechten
und dem Ungerechten von keiner Regel verbürgt und abgesichert wird.«
(Derrida 1991: 34)
Weil das Recht aber nicht die Gerechtigkeit dekonstruierbar ist gibt es
immer die Möglichkeit der »begründeten« Gewalt,
einer »Gewalt, die in der Lage ist, Rechtsverhältnisse zu legitimieren
oder zu verändern« (1991: 76), d.h. es gibt die Möglichkeit
der Veränderung des herrschenden Systems, die über eine nur
immanente Veränderung hinausgeht.
Derrida diskutiert hier, was ich oben als das paradoxe Verhältnis
von Reform und Revolution bezeichnet habe. Der Impuls für gesellschaftliche
Veränderung kann niemals von einer Position des absoluten Außen
kommen. Dennoch muss die er das Versprechen in sich tragen, über
die bestehende Ordnung hinaus zu weisen und darf sich nicht pragmatisch
auf die Spielräume des Bestehenden beschränken.
Literatur
Braun, Kathrin 1995: Frauenforschung, Geschlechterforschung und feministische
Politik, Feministische Studien, 13. Jg., 11/95, H. 2, Weinheim, S. 107-117.
Butler, Judith 1991: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/M., Suhrkamp.
Butler, Judith 1993: Kontingente Grundlagen: Der Feminismus und die Frage
der »Postmoderne«, in: Benhabib u.a.: Der Streit um Differenz.
Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart, Frankfurt/M., Fischer, S.
31-58.
Butler, Judith 1995: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen
des Geschlechts, Berlin, Berlin Verlag.
Castells, Manuel 1997: The Power of Identity, The Information Age: Economy,
Society and Culture Vol. II, Oxford: Blackwell.
Derrida, Jacques 1991: Gesetzeskraft. Der mythische Grund der Autorität,
Frankfurt/M., Suhrkamp.
Grosz, Elizabeth 1997: Ontology and Equivocation: Derrida's Politics of
Sexual Difference, in: Holland, Nacy J. (ed.): Feminist Interpretations
of Jacques Derrrida, University Park, PA, The Pennsylvania State University
Press, S. 73-101.
Laclau, Ernesto 1996: Deconstruction, Pragmatism, Hegemony, in: Critchley,
Derrida, Laclau, Rorty: Deconstruction and Pragmatism, London - New York:
Routledge, S. 47-67.
Landweer, Hilge und Mechthild Rumpf 1993: Kritik der Kategorie »Geschlecht«.
Streit um Begriffe, Streit um Orientierungen, Streit der Generationen?,
in: Feministische Studien, 11. Jg. Nr. 2 (November), S. 3-9.
Melucci, Alberto 1996: Challenging Codes. Collective Action in the Information
Age, Cambridge.
Mouffe, Chantal 1996: Deconstruction, Pragmatism and the Politics of Democracy,
in: Mouffe, Chantal (Hg.): Deconstruction and Pragmatism, S. 1-12.
Mouffe, Chantal 1998: Feministische Politik und die Frage der Identität,
in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, S. 33-38.
Taylor, Verta and Nancy Whittier 1992: Collective Identity in social movement
communities: Lesbian feminist mobilization, in: A.D. Morris & C.M.
Mueller (Hg.): Frontiers in social movement theory, New Haven, CT: Yale
University, S. 104-129
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