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Warum
überhaupt Feminismus?
Ein Verständnis von patriarchalen Herrschaftsstrukturen hilft, konkrete
Ausdrücke dieser, eben als solche und nicht als persönlich gegen
sich selbst gewandte Übel wahrzunehmen. D.h. vor allem, sich nicht
persönlich verantwortlich zu fühlen für z.B. die sexistische
Anmache. Besser als viele andere Polit-Themen birgt die Auseinandersetzung
mit Feminismus die Chance, aber auch die zwingende Vorraussetzung, sich
auch mit eigenen Verhaltensweisen zu beschäftigen. Wegen der offensichtlichen
Verstricktheit aller Frauen und aller Männer in die patriarchalen
Verhältnisse, ist ein strukturelles Verständnis von Herrschaft
und Unterdrückung naheliegend.
Ein Begriff von Feminismus!
Unser Verständnis von Feminismus geht immer mit einer Herrschaftskritik
und einer Kritik der bestehenden Verhältnisse (Kapitalismus, Rassismus..)
und Unterdrückungsformen (sei es aufgrund von Hautfarbe, Herkunft,
Aussehen, Alter...) einher und ist nicht ohne diese zu denken, da das
Patriarchat eine der ältesten Unterdrückungsformen ist. Wir
halten die vereinzelte Abschaffung eines Unterdrückungsverhältnisses
innerhalb des bestehenden Ganzen weder für möglich noch für
sinnvoll. Es gibt x verschiedene Richtungen von Feminismus. Was allen
verschiedenen Ansätzen gemein ist, ist das Bestreben, Unterdrückungsverhältnisse
zwischen den Geschlechtern aufzuheben.
Jedoch sollte es nicht dabei stehen bleiben, denn die Aufhebung dieses
einen Unterdrückungsverhältnisses ändert noch lange nicht
die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben müssen.
Der Feminismus auf den wir uns in diesem Text berufen, stellt nicht das
eine Geschlecht (Frauen) über das andere (was dann ja nur eine Art
Umkehrung der Verhältnisse bedeuten würde) und will auch nicht
die Angleichung von Frauen an die sogenannten "männlichen Standards".
Nach unserem Verständnis sind die Geschlechterkategorien (sozial
& biologisch!!!) konstruiert und gehören perspektivisch aufgehoben.
Da die patriarchalen Geschlechterkategorien jedoch seit einigen tausend
Jahren die Lebensrealitäten von Männern und Frauen sind, wird
es nicht möglich sein, diese von heute auf morgen aufzuheben.
Deshalb sehen wir vorläufig die punktuelle Bezugnahme auf Geschlechtsidentitäten
in entsprechenden Kontexten als wichtig an, um die bestehenden sexistischen
Strukturen fassen, aufdecken & angreifen zu können, was sich
an folgenden Beispielen verdeutlichen lässt: Die Schaffung von Frauenfreiräumen,
in denen Frauen die Möglichkeit haben abseits von männerdominierten
Strukturen sich bewegen und gestalten zu können, bietet ihnen die
Möglichkeit, sich mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht
haben, zu solidarisieren und sich dabei ihrer "Noch-Unterdrückung"
bewußt werden zu können, sowie an der Dekonstruktion ihrer
Rolle als "Frau" (reduziert auf den privaten Bereich...) zu
arbeiten.
Wenn es um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in allen Berufsstatusgruppen
geht, sehen wir die Forderung nach Quoten, der ja auch eine Bezugnahme
auf Zweigeschlechtlichkeit zugrundeliegend ist, als sinnvoll an. Letztenendes
wird auch eine Bewegung, die feministische, dekonstruktivistische Forderungen
zum Inhalt hat, nicht auskommen ohne Gruppen, die Geschlecht thematisieren
und dies gegebenenfalls auch getrennt geschlechtlich tun.
Definition Sexismus?
Eine eindeutige Definition für Sexismus zu finden, mit der wir uns
zufrieden geben konnten, erwies sich schwieriger als angenommen. Viele
Gruppen verwenden das Wort und meinen oft verschiedene Definitionen. Eine
gängige alltagstheoretische Definition beschreibt die Herabwürdigung
von Frauen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit.
Anknüpfend daran finden wir wichtig, dass eine Sexismusdefinition
die Geschlechterhierarchie, oder das Patriarchat, benennt und angreift,
und nicht relativiert. Gleichzeitig muß ein sinnvoller Sexismusbegriff
auch anerkennen, dass das Patriarchat strukturell, also in der Gesellschaft,
angelegt und nicht eine "Eigenschaft" von Personen oder Gruppen
ist. Davon ausgehend können wir sagen, dass sexistisches Handeln
alles einschließt was die Geschlechterdifferenz verstärkt oder
legitimiert. Dies können zum Beispiel Werbeplakate sein, auf denen
mit (nackten) Frauen in unterwürfigen Posen für Zigaretten,
Jeans, Kaffee, etc. etc. geworben wird.
Sexistisch ist es demnach aber auch, zu behaupten, Frauen sind von ihrer
Natur her harmoniebedürftiger als Männer und daher sowieso besser
für pflegerische (oder was auch immer) Berufe oder sogar für
die Bereitung des Heims und die Kinderaufzucht geeignet. Sexismus ist
eine Ideologie der Ungleichheit, die bewirkt, dass einzelnen Menschen
die Attribute eines Geschlechts zugeordnet und von diesen auch angenommen
werden. Diese Ideologie ist so konstruiert, dass die Zuordnung der Attribute
eine Ungleichbehandlung von Frauen und Männern nach sich zieht.
Die Ungleichbehandlung hat eine gesellschaftliche Aufwertung von Männern
und eine gesellschaftliche Abwertung von Frauen zur Folge und äußert
sich dann z.B. in geringerer Bezahlung für Frauen oder in der Unterrepräsentation
von Frauen in der ProffessorInnenschaft.
Wir wollen und dürfen dabei nicht vergessen, dass niemand frei von
geschlechtsspezifischem Verhalten ist und damit die Geschlechterdifferenz
zumindest reproduziert. Wir denken aber, dass ein Sexismusbegriff, der
alles und jede(n) als sexistisch begreift, wirkungslos ist.
Die Grenzen dessen, was als sexistisch bezeichnet wird und was nicht (also
zum Beispiel die Reproduktion des Geschlechterverhältnisses durch
Kleidung), müssen ständiges Subjekt von Hinterfragung und (Selbst-)Reflexion
sein.
>Was spricht scheinbar gegen feministisches Engagement:
Viele haben das Gefühl, daß in der Welt in der sie leben, bezüglich
des Geschlechtsrollenverhalten alles O.K. ist und es eben täglich
durch ihre Umgebung vorgelebt bekommen und es selber leben. Weil Sexismus
überall ist, kennt mensch es nicht anders.
Vieles wird als "normal" angesehen. So werden beispielsweise
in Beziehungen viele Probleme naturalisiert wahrgenommen und als Schicksal
angenommen, z.B. "wenn sich der Typ in der Beziehung scheiße
verhält" aktzeptiert frau es, denn "Männer sind nun
einmal so".
Durch die biologische Sichtweise auf Geschlecht, wird das Patriarchat
als "natürlicher" Zustand wahrgenommen und jegliche Veränderungsmaßnahmen
abgewehrt. Auf der anderen Seite werden Herrschaftsmechanismen individualisiert
und nicht als gesellschaftlich und strukturell angelegt erkannt.
Fast jeder Film zeigt uns aufs Deutlichste: der Blick ist ein männlicher
- die Frau ist Objekt. Sexualisierte Gewalt (z.B. Vergewaltigungen und
Kindesmissbrauch) wird nicht als Resultat von Patriarchat und Männlichkeitswahn
gesehen, nicht damit in Verbindung gebracht, sondern häufig unter
"Triebtäter" und "Einzelfall" verbucht oder/und
es wird sogar der Frau die Schuld zugeschoben, da sie sich zu aufreizend
gekleidet hat oder spät abends allein unterwegs war und somit "geradezu
eine Herausforderung für Vergewaltiger" war.
Feminismus ist vielerorts verpönt und wird als längst überflüssig
abgetan und belächelt. Dieses Image besteht in der öffentlichen
Meinung (Medien), aber auch in Teilen linker Kreise. Weite Kreise der
Gesellschaft werten Feminismus sogar als Angriff auf die "natürlichen"
Verhältnisse und gegen die "armen Männer, die ja schließlich
nicht anders können".
Schwierigkeiten feministischen Engagements:
Grundsätzlich macht es das Leben nicht gerade leichter ein feministisches
Bewußtsein zu haben. Es ist unbequem.
Es bedeutet immer, daß mensch sich auch mit seinem eigenen Rollenverhalten
auseinandersetzt und mit den ganz alltäglichen, überall vorhandenen
Sexismen.
Ein feministisches Bewußtsein verunmöglicht einen unbeschwerten
Blick. Deshalb ist es wichtig, dem alltäglichen Sexismus auch mit
einer Portion Humor, das heißt mit einer gewissen Distanz begegnen
zu können, so daß es auch Feministinnen möglich ist, einen
langen Atem zu behalten. Denn Sexismus und Patriarchat werden nicht in
den nächsten 20 und wahrscheinlich auch noch nicht in den nächsten
200 Jahren vollständig abgeschafft sein. Die konkreten Anknüpfungspunkte
für Frauen sind heute verschleierter als vor 100 und auch als vor
30 Jahren. Rechtlich gleichgestellt, wird behauptet "es stehen dir
als Frau mittlerweile alle Möglichkeiten offen, es liegt also allein
in deiner Hand was du daraus machst".
Bis mensch begreift was alles zu den Unterdrückung- und Herrschaftsmechanismen
des Patriarchats dazugehört (Redeverhalten, die ständige Gefahr
einer Vergewaltigung...) kann viel Zeit vergehen, da ja alles so "natürlich"
erscheint. Aufgrund der umfassenden Durchdringung aller gesellschaftlichen
Bereiche hat die feministische Bewegung kein starkes, verbindendes Feindbild,
wie andere Bewegungen (z.B. Anti-Atom oder Anti-Fa, -Ra etc).
Das bedauern wir zwar nicht, halten aber fest, das ein solches mobilisierendes
Potential entfalten kann.
Der Zusammenhalt von FeministInnen (* ob sich Männer auch als solche
bezeichnen können soll an anderer Stelle diskutiert werden), resultiert
aus einer positiven Bezugnahme auf eine Utopie von einem freien Umgehen
der Menschen miteinander. Es bedeutet eine große Herausforderung
für die AnhängerInnen des Feminismus, für seine Inhalte
zu mobilisieren, ohne auf ein Feindbild Rückgriff nehmen zu können.
Die Auseinandersetzung mit Sexismus birgt explosives Potential. In vielen
Gruppen wird das Thematisieren als zu zeitaufwendig, spaltend oder ablenkend
von den "wahren Inhalten abgetan". Die Zeiten, in denen die
Beschäftigung mit dem Patriarchat als konterrevolutionär, weil
"nebenwidersprüchlich" angesehen wurde, sind wohl glücklicherweise
vorbei. Dennoch gilt es auch heute noch in einigen Gruppen als unchic
und überflüssig, über patriarchales (Rede-)Verhalten zu
diskutieren.
Die Allgegenwärtigkeit des Patriarchats macht es schwer und kann
entmutigen, wenn mensch ständig sieht, wie Unterdrückungs- und
Herrschaftsmechanismen oft ungewollt und unbewußt reproduziert werden
und mensch selbst oft sogar daran beteiligt ist. Dieses Problem verschärft
sich vor allem in heterosexuellen in Liebesbeziehungen.
Handeln!
Wie wir die Herrschaftsverhältnisse auch zwischen den Geschlechtern
auflösen. Dazu ist eine positive Bezugnahme auf Feminismus und die
feministischen Ideen wichtig.
Das Leben soll für alle Menschen schöner werden und unsere Ideen
sind darauf angelegt, das Zusammenleben zwischen den Menschen auf eine
herrschaftsfreie Basis zu stellen.
Wir sollten keine Scheu haben, unsere Gedanken in einer Gruppe Andersdenkender
laut auszusprechen und unsere Meinung souverän zu vertreten. Neben
dem wichtigen, aggressiven Setzen von Grenzen in manchen Fällen kann
dies aber auch bedeuten anderswo eher erklärend und hinweisend aufzutreten,
anstelle den oder die Betreffende(n) gleich anzugreifen. Hierzu ist es
hilfreich, einen gesicherten Gruppenrückhalt zu haben.
Das Zusammenschliessen in feministischen, anti-sexistischen oder anti-patriarchalen
Gruppen schafft Raum, um Inhalte und Taktiken zu entwickeln. Dort können
wir uns gegenseitig bestärken auf verdeckten und alltäglichen
Sexismus zu reagieren und ihn zu enttarnen.
In diesen Gruppen sollte auch Raum sein, Alltagssituationen und eigenes
Denken und Handeln zu reflektieren, gemeinsame und individuelle Taktiken
zum Umgang mit Sexismus (auch dem Eigenen) zu entwickeln und Erfahrungen
auszutauschen.
Vor einen solchem Hintergrund ist es auch möglich und wichtig, unanhaengige
feministische Medien zu gestalten. Das heisst Medien mit einem feministischen
Bewusstsein und Sprachgebrauch als auch Medien mit einem ausgewogenen
Geschlechterverhältnis der Artikel-schreiberInnen.
Besonders wichtig ist die Solidarität mit den Opfern patriarchaler
und sexistischer Gewalt. Hierzu gehört, die betreffenden Frauen ernstzunehmen,
ihnen zu glauben und sie zu unterstützen.
Unsere Sprache (hier soll es zukuenftig eine link geben, da das Thema
Sprache eines fuer sich ist) und unser Sprachverhalten ist eines der ersten,
wenn auch nicht der notwendigerweise eines der einfachsten Dinge, die
wir veraendern koennen. Unsere Sprache beeinflusst die Art und Weise wie
wir unsere Umwelt wahrnehmen und unser Bewusstsein. Diese "traditionellen"
feministischen Inhalte und Themen "geschlechtsspezifisches Redeverhalten"
sollten auch in Gruppen immer wieder thematisiert und bearbeitet werden.
Damit ist nicht gemeint, dass sich eine Gruppe ausschließlich mit
der Nivellierung "geschlechtsspezifischen Redeverhaltens" beschäftigen
und alle anderen Inhalte bleiben lassen sollte.
Es kann nicht dabei bleiben, kleine Inseln in der Gesellschaft aufzubauen,
die etwas "befreiter" sind, als die übrige Welt. Feministische
Ideen müssen veröffentlicht und der Allgemeinheit zur Verfügung
und Diskussion gestellt werden. Als Aufhänger eignen sich z.B. Widersprüche
im gesellschaftlichen Konsens über das "Wesen von Frauen und
Männern".
Immer wieder beliebt ist neben Demonstrationen auch eigenhändiges
Eingreifen. Die obersexistischen und oft riesengroßen Werbeplakate
laden zur kreativen Verschönerung durch witzige Sprüche und
Zeichnungen geradezu ein.
Fürs erste könnte es aber auch reichen, diese Orte immer wieder
einer gezielten Zerstörung zu unterziehen. Eine Presseerklaerung
ueber Sinn und Hintergrund der Aktion ist dabei nicht zu vergessen.
Für Irritationen sorgen immer wieder "geschlechtsuntypisches"
Verhalten zum Beispiel beim unsichtbaren Theater in öffentlichen
Räumen oder das Unmöglichmachen der Einordnung in Geschlechterkategorien
durch androgynes Verkleiden, Verhalten, etc..
Diese Irritationen können Anknüpfungspunkte für Diskussion
und Information über feministische Positionen sein. Letztendlich
muß aber alles zum Ziel haben, dass Menschen ihre allgemein üblichen
patriarchalen Verhaltensweisen hinterfragen und ändern, um Herrschaftsverhältnisse
abzubauen.
Zu uns SchreiberInnen des Artikels (zur GeGet - Geschichts- und Gesellschaftstheorie).
Wir sind eine gemischte Gruppe (von meistens 7 Leuten), die sich seit
fast zwei Jahren regelmäßig trifft, um sich mit gesellschaftspolitischen,
feministischen Theorien zu Patriarchat und Dekonstruktion auseinander
zu setzten. Über Feedback, Anregungen und Kritik zu diesem Artikel
freuen wir uns.
Kontakt: geget@gmx.net
Dieser Artikel ist zum Teil aus einem feministischen Workshop zum Thema
Dekonstruktion entstanden, der im Mai diesen Jahres in Lübberstedt
stattgefunden hat. Themen des Workshops waren unter anderen, Entstehung
von Matriarchat und Patriarchat, Geschichte von Feminismus und Frauenbewegung,
sowie Intersexualität und neuere dekonstruktivistische Ideen. Es
wird einen Folgeworkshop (vermutlich im Fruehjahr/Sommer 2002) geben,
offen für alle interessierten Menschen, bei dem wir uns praktisch
(und theoretisch) mit feministischen (dekonstruktivistischen) Handlungsmöglichkeiten
beschäftigen werden.
Wer interessiert ist an Vorbereitung oder Teilnahme oder an unserer Mailingliste
kann über geget@gmx.de mit uns in Kontakt treten oder nähere
Informationen bekommen. Zukünftig soll es auch eine Homepage geben,
auf der die Referate und Diskussionen des Workshops einzusehen sind. Diese
wird über die Homepage des feministischen Referats zu erreichen sein
(verlinkt):
www.uni-bremen.de/~femref
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