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Einleitung:

Das Verhältnisses von »Unterdrückung« im und (Wieder) Herstellung des Geschlechterverhältnisse.

Theorie und Praxis, die auf das Geschlechtermißverhältnis reagieren will, kann dies nur begründet, wenn sie beide Aspekte des Verhältnisses in ihrer Wechselwirkung begreift. Sie hat sich eben nicht nur zu fragen, wo Handeln repressiv ist (wo werden Mädchen und Frauen sowie sogenannte sexuelle Minderheiten benachteiligt und unterdrückt?), sondern auch inwiefern es das Geschlechterverhältnis re-produziert - auch wenn kein unmittelbarer Zwang beobachtbar ist! Anders ausgedrückt: Wo sind die »unbeabsichtigten Nebenfolgen«, »der heimliche Lehrplan«, »der Zwang der Normalität«, »die Schwerkraft der Verhältnisse« usw., die alle ohne unmittelbare Repression auskommen? Einem an der Oberfläche fixierten Machtbegriff entgeht, dass obwohl im Handeln kein Widerstreben erkennbar ist, doch Macht und Herrschaft vorliegen kann. Dann nämlich, wenn (aufgrund einer mehr oder weniger richtigen Einschätzung) Unterwerfung schon vorweg genommen ist. Zweitens, wenn das Machtverhältnis nicht erkannt ist und drittens, wenn eine Zustimmung vorliegt, die manipulativ oder autonom zustande gekommen sein kann. Und selbst wenn in einer Beziehung Widerstreben erkennbar ist, heißt dies nicht sofort, dass Macht oder Herrschaft vorhanden ist! Schließlich kann der Widerstand erfolgreich sein oder ein Kompromiß erzielt werden. Nur wenn der Widerstand gebrochen wird, kann die klassische handlungstheoretische Webersche Machtdefinition eindeutig angewendet werden: Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht." (Weber 1976, S.38) Für alle anderen geschilderten Fälle hält Claus Offe berechtigt dagegen: Wenn Macht vorliegt, ist Widerstreben in der Regel nicht sichtbar. (...) Wenn aber Widerstreben beobachtbar ist, bleibt durchaus offen, ob Macht vorliegt oder nicht vielmehr der Prozeß ihrer Destruktion" (in: Bachrach/Baratz 1977, S.12).
Diese Schwierigkeit, personale Machtbeziehungen zu erkennen, verweist auf die Notwendigkeit, Macht und Herrschaft insbesondere strukturell zu erfassen. Eine solche strukturelle Machttheorie hat Foucault entwickelt.
Das Verhältnis von Foucaults Analysen zu feministischen Theorien geschlechtlicher Unterdrückung ist problematisch. Der feministische Begriff der geschlechtsspezifischen oder patriarchalen Unterdrückung" beschreibt insbesondere die Repression im Geschlechterverhältnis und betont nicht die Herstellungsprozesse des Geschlechterverhältnisses. Foucaults Analysen haben aber gerade hier ihre Stärke, während er die repressive Seite des Verhältnisses unterbelichtet. Insofern teilen wir den Androzentrismusvorwurf von Feministinnen gegen ihn. Es ist trotzdem berechtigt, Foucaults Analysen als bedeutsam für die Analyse der modernen Geschlechterverhältnisse anzusehen. Seine Ergebnisse zu moderner Subjektivität beanspruchen, tiefer bzw. auf anderen Ebene zu liegen, als andere Beschreibungen der Geschlechterverhältnisse.
Die Bedeutung Foucaults liegt aber auch darin, dass er Themen behandelt, die direkt Aspekte des Geschlechterverhältnisses betreffen. Ich kann sie hier nur nennen: Es sind dies insbesondere seine Studien zur Klinik, die auf eine Geschichte z.B. der Gynäkologie verweisen. Außerdem könnten auf seinen Studien zum Wahnsinn eine Geschichte der Psychiatrisierung von Frauen aufgebaut werden.
Im folgenden wird es zentral um Foucaults Studien zur Sexualität gehen, insofern sie auf das Geschlecht allgemein verweisen. Vorangestellt ist die Darstellung der Foucaultschen Machtanalyse und Methode. Dies geschieht in ausführlicher Weise, da ihr besondere Bedeutung zukommt. Erst wenn Foucaults Denkweise verständlich ist, werden wir seine Ergebnissen zur Frage der Geschlechterverhältnisse zuwenden und die derzeit aktuelle kritische Diskussion von Foucault im Feminismus darstellen.
Die Werkzeugkiste: Subjekt, Macht, Wissen und Wahrheit
Subjekt
Foucaults Interesse richtet sich vor allem darauf, wie Menschen in unserer Kultur zu Subjekten werden. (spätere Lektüre in Dreyfus/Rabinow 1987) Die Verwendung des Subjektbegriffs kann in den deutschen Übersetzungen nicht die Bedeutung(svielfalt) des Französischen wiedergegeben. Während nämlich im Deutschen unter Subjekt i.d.R. das erkennende, mit Bewußtsein ausgestattete, gebildete, handlungsfähige (Kollektiv-) Ich gemeint ist, werden mit dem französischen »sujet« ganz andere Bedeutungen verbunden. Als erste Bedeutung: »der Untertan und Staatsangehörige«; dann »Person, Mensch, Individuum« und schließlich die mit der im Deutschen assoziierten Vorstellung eines autonomen Individuums am wenigsten übereinstimmende Aufzählung »Patient, Versuchsperson und Leiche« (Langenscheidt 1977). Subjektwerdung mit Unterwerfung in Zusammenhang zu bringen, liegt in der französischen Sprache nicht so fern, wie in der deutschen.
Foucault geht davon aus, dass der Verlauf der Geschichte weder von einem Individual- noch von einem Kollektivsubjekt gemacht wird, sondern umgekehrt ist das Subjekt mit der Geschichte hervorgebracht worden:
Man muß sich vom konstituierenden Subjekt, vom Subjekt selbst befreien, d.h. zu einer Geschichtsanalyse gelangen, die die Konstitution des Subjekts im geschichtlichen Zusammenhang zu klären vermag." (Foucault 1978, S.32) »In dem Augenblick, in dem man sich klar geworden ist, daß alle menschliche Erkenntnis, alle menschliche Existenz, alles menschliche Leben und vielleicht das ganze biologische Erbe des Menschen, in Strukturen eingebettet ist, d.h. in eine formale Gesamtheit von Elementen, die beschreibbaren Relationen unterworfen sind, hört der Mensch sozusagen auf, das Subjekt seiner selbst zu sein, zugleich Subjekt und Objekt zu sein. Man entdeckt, daß das, was den Menschen möglich macht, ein Ensemble von Strukturen ist, die er zwar denken und beschreiben kann, deren Subjekt, deren souveränes Bewußtsein er jedoch nicht ist.« (Foucault 1987, S.14f.)
Nach Foucault sind es also spezifische Strukturen, die die Subjekte, ihr Denken, Fühlen und Handeln und die damit verbundene Identität möglich machen(1)
. Das bedeutet zum einen, dass die Vorstellungen von einem autonomen vorgängigen Subjekt, von abstrakt unabhängigem Denken und freiem Willen, Fiktionen sind. Diese Wunschbilder sind Kennzeichen vornehmlich der bürgerlichen Welt. Im Gegensatz dazu etwa sah sich die Bevölkerung traditioneller agrarischer bzw. feudaler Gesellschaften als mehr oder weniger blinde Werkzeuge der Götter bzw. des einen Gottes. Andererseits aber ist dieses moderne Individuum, das sich selbstbestimmt dünkt und wahrnimmt, geschichtlich produzierte Realität. Es sind dies real existierende Subjekte, die jedes Gegenüber und sich selbst als Objekt behandeln und die Strukturen der Moderne bewußtlos hervorbringen und bewohnen.
Dass diese vermeintlich autonomen Subjekte zudem strukturell männlich sind, wie Feministinnen später hervorgehoben hat, dazu sagt Foucault relativ wenig bzw. bestimmt er dies nicht durchgängig als grundlegendes Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft.
Neutralität der Methode: Wahrheit und Geschichte
Die Begriffe Macht, Diskurs, Wissen und Wahrheit sind für Foucault zentrale Raster/Werkzeuge, um das Subjekt zu analysieren. Sie sind für Foucault neutral. Foucaults Wissenschaftsverständnis ist geprägt von einer tiefen Skepsis gegenüber moderner Wissenschaft. Für ihn konstituiert sich Sein als historische Erfahrung. »Der Mensch ist ein Erfahrungstier« (1996) heißt einer der Bände mit Texten von und zu Foucault. Ihn interessieren die Regeln, wie Wissen und Wahrheit funktionieren. Es geht ihm um das Verhältnis zwischen Objekt und Subjekt, zwischen den Gegenständen und der produzierten Wahrheit über sie. Foucault lehnt es ab, eine »letztendlich richtige Wahrheit« zu behaupten. Insofern bleibt er relativistisch.
Foucault versucht das uns Selbstverständliche als gesellschaftlich produziert, als historisch zu zeigen: Geisteskrankheit, Delinquenz, Sexualität usw. - letztlich das moderne Subjekt und die moderne Wahrheit der Wissenschaft. Insofern er die Verhältnisse als produziert ansieht, geht Foucault davon, dass Menschen ihre Geschichte selbst machen" (Marx) und lehnt religiöse Sichten von vorne herein ab. Dabei ist die Geschichte nicht selbst ein neues Metasubjekt für Foucault, sondern umkämpft, diskontinuierlich und auch zufällig.
Foucault fragt nach dem Wie und nicht nach dem Warum der Geschichte. Eine überzeitliche Erklärung lehnt er als ungenügend ab, weil sie die Gegenwart in einen zweifelhaften Ursprung bzw. ein Wesen der Geschichte zurückprojeziert. Das Warum erklärt zudem für Foucault nicht ausreichend das Wie. Ihm geht es darum, den vielen Strategien und Praktiken konkret nachzugehen, auf die sich die neue Praktik stützen kann. Seine Genealogie fragt nach den historischen Herkünften" (Nietzsche).
Macht
Foucaults Subjekt-, Wahrheits- und Geschichtsverständnis wird allerdings nur deutlich, wenn es gleichzeitig in Beziehung zu seinem strukturellen Machbegriff gesetzt wird. Beides getrennt darzustellen vermittelt den falschen Eindruck, Foucault nimmt hier eine analytische Trennung vor - von auf der einen Seite Macht-, auf der anderen Wissensdinge. Dazu sagt er:
Es gibt nicht bloß Wissenselemente und Machtelemente. Sondern: damit das Wissen als Wissen funktionieren kann, muß es eine Macht ausüben ... und umgekehrt impliziert jede Machtausübung ... zumindest eine Geschicklichkeit ... eine Art von Wissen wie man`s macht." (Foucault 1992, S.47)
Die Analyse von Macht nimmt also eine ähnlich zentrale Stelle in Foucaults Forschungen ein, wie die des Wissens. Denn es sind für ihn die entsprechenden Machttechniken, die der Formung des modernen Individuums sowohl zum Subjekt als auch zum Objekt" (Dreyfus/Rabinow 1987, S.149) zugrunde liegen. Er versteht Macht als Namen (ein begriffliches Werkzeug) den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt" (Foucault 1977, S.114). Er richtet seine Aufmerksamkeit auf den historischen Wandel, dem Macht unterliegt. Niemals darf sich die Ansicht einschleichen, das ein Wissen oder eine Macht existiert - oder gar das Wissen oder die Macht, welche selbst agieren würden. Wissen und Macht - das ist ein Analyseraster" (Foucault 1992, S.33)
Macht kann auch nicht besessen werden, wie personale Machttheorien suggerieren. (Vgl. Max Webers Definition) Es gibt keinen punktuellen Ursprung einer zeitlos gedachten Macht, sondern es gilt die verschiedenen historischen Problemlagen zu erfassen, die mit dem Auftauchen spezifischer Machtformen bzw. -techniken verbunden sind. Macht vollzieht sich nach Foucault an unzähligen Punkten in den Beziehungen. Als Ausdruck unterschiedlicher Gesellschaftsformationen ist der Begriff »Macht« ein Analysewerkzeug, das Foucault dazu dient, die Konstitution des modernen, bürgerlichen Subjekts zu erfassen und zu begreifen.
Foucault geht in seiner Analyse vom Untersten, Kleinsten aus, von den alltäglichen Machtmechanismen; denn die Macht ist nicht überall, weil sie alles umfaßt und sich unterwirft, sondern weil sie von überall kommt" (Foucault 1977, S114). Es ist also notwendig, zu ergründen, wie diese konkreten Machtmechanismen von allgemeineren Machtmechanismen besetzt wurden und werden, bis hin zu Formen staatlichen Herrschaft und von großen Netzen von Macht, den Machtdispositiven (s.u.).
Die foucaultsche Machtanalyse stellt sich damit quer zu üblichen Machttheorien, die von einer Unterdrückung des Menschen ausgehen, die ausschließlich von oben nach unten verläuft und so nur negativ wirkt. In diesen Repressionstheorien fungiert das Subjekt einerseits als Ausgangspunkt und selbstbewußter Träger, andererseits als Widerpart der Macht. Herr und Knecht bzw. Magd. Am Beispiel der These von der Unterdrückung der Sexualität wäre dieser Widerpart ein Subjekt, welches sich durch eine vermeintlich ursprüngliche, »natürliche« Sexualität auszeichnet; die bekannten »Triebe« etwa, die angeblich von den sogenannten »Herrschenden«, aus Gründen des Eigennutzes oder zwecks Machtstreben, unterdrückt würden.
Foucault wendet sich gegen diese Repressionshypothesen, oder vielmehr ordnet er sie in einen historischen Zusammenhang ein! Er beschreibt, dass sie sich vor allem aus der Zeit des Feudalismus und des Absolutismus speisen und faßt sie zusammen in der Theorie der Souveränität:
Solange die feudale Gesellschaft andauerte, erfaßten die Probleme, auf die sich die Theorie der Souveränität bezog, tatsächlich den allgemeinen Mechanismus der Macht, die Art, in der sie bis hin zu den untersten Ebenen der Gesellschaft, ausgehend von den höchsten ausgeübt wurde. ... Tatsächlich konnte die Art, in der die Macht ausgeübt wurde - zumindest im wesentlichen - im Verhältnis Souverän-Untertan ausgedrückt werden." (Foucault 1978, S.89)
Das Souveränitätsverhältnis kennzeichnete ein im großen und ganzen festgefügtes System feudaler bzw. absolutistischer Herrschaft. Die Theorie der Souveränität war ein Instrument des politischen Kampfes zwischen der alten feudalen Gewalt und dem aufstrebenden bürgerlichen Stand; und zwar auf beiden Seiten der Auseinandersetzung. Berief sich einerseits der König bzw. der Adel auf seine von Gott gegebene unumschränkte Herrschaft, so war zum anderen das Souveränitätsprinzip auch die theoretische Waffe des an die Macht strebenden Bürgertums; verkörpert sowohl im einzelnen (männlichen !) Bürger - Souverän seiner selbst - als auch im Kollektivsouverän des modernen Staates. Alle Theorien der Repression, der personifizierten Herrschaft von oben nach unten, sind nach Foucault immer noch in diesem System von Souveränität verfangen. Im politischen Denken und der politischen Analyse ist der Kopf des Königs noch immer nicht gerollt." (Foucault 1977, S.110)
Im 17./18. Jahrhundert, mit dem fortschreitenden Aufstieg des Bürgertums und dem Entstehen des Industriekapitalismus entwickelte sich eine völlig andere Art von Machtmechanismus, mit besonderen Verfahren, mit eigenen Instrumenten und Apparaten, die mit dem Souveränitätsprinzip unvereinbar sind. Der neue Machttyp hat einen entschieden dynamischen und produktiven Charakter. Er konserviert nicht die Verhältnisse in einem relativ statischen Zustand, wie er für die feudale Ordnung kennzeichnend war, sondern durchdringt die Gesellschaft und die Individuen bis in die feinsten Bereiche und auf immer differenziertere Weise. Diese spezifische Form von Macht ist eine der großen Erfindungen der bürgerlichen Gesellschaft" (ebd., S.91) bzw. eine ihrer Voraussetzungen und sie erzeugt das moderne Subjekt:
Die[se] Macht ist nicht als ein massives und homogenes Phänomen der Herrschaft eines Individuums über andere, einer Gruppe über andere, einer Klasse über die andere aufzufassen, (...) Die Macht funktioniert und wird ausgeübt über eine netzförmige Organisation. Und die Individuen zirkulieren nicht nur in ihren Maschen, sondern sind auch stets in einer Position, in der sie diese Macht zugleich erfahren und ausüben; sie sind niemals die unbewegliche Zielscheibe dieser Macht, sie sind stets ihre Verbindungselemente. Mit anderen Worten: die Macht wird nicht auf die Individuen angewandt, sie geht durch sie hindurch. Es gilt also nicht, das Individuum als eine Art elementaren Kern, primitives Atom, als vielfältige und träge Materie aufzufassen, auf die die Macht angewandt oder treffen würde, eine Macht, die die Individuen unterwerfen oder zerbrechen würde. Tatsächlich ist das, was bewirkt, daß ein Körper, daß Gesten, Diskurse, Wünsche als Individuum identifiziert und konstituiert werden, bereits eine erste Wirkung der Macht. Das Individuum ist also nicht das Gegenüber der Macht; (...) Das Individuum ist eine Wirkung der Macht und gleichzeitig - oder genau insofern es eine ihrer Wirkungen ist - ihr verbindendes Element. Die Macht geht durch das Individuum, das sie konstituiert hat, hindurch." (ebd., S.82f.)
Während die Regel des Souveräns das absolute Gesetz war, ist die Regel der neuen Macht die Norm. Es sind die verinnerlichten Normen, auf denen die Ordnung und das Funktionieren der bürgerlichen Gesellschaft beruhen. Insofern spricht Foucault von einer Gesellschaft der Normalisierung" (ebd., S.94). Er begreift die Macht, deren Normen auf den Disziplinen der (Human-)Wissenschaft aufbauen, als Disziplinarmacht, die nicht in den Kategorien der Souveränitätstheorien beschrieben werden kann" (ebd., S.91). Das Wirken der Disziplinarmacht entgeht diesen Theorien, und deshalb wendet sich Foucault immer wieder gegen deren Alleinerklärungsanspruch. Er behauptet nicht, dass die verinnerlichten Normen die äußerlichen Gesetze vollends ersetzen würden. Auch in der bürgerlichen Gesellschaft gibt es Repression, nur wird diese hier zum Bestandteil der Disziplinarmacht. Indem der Blick jedoch wie magisch von den Phänomenen der Unterdrückung in Anspruch genommen wird, verschwinden die um so subtiler wirkenden Normierungen. Die Diszipinarmacht verbirgt sich hinter dem schaurigen Spektakel der Repression; und die Unterdrückungstheorien lassen sich täuschen von der Verkleidung, ja befördern sie durch ihre Sichtweise.(2)
Die älteren Formen von Macht verschwinden also nach Foucault nicht einfach, sie werden von den Disziplinen aufgenommen, erweitert und verfeinert. Der Bereich der Rechtssysteme und Gesetzbücher verbleibt als letzter, gewissermaßen »offizieller« Ort der Souveränität. Im Gegensatz zum Feudalismus ermöglichte das auf der kollektiven Souveränität des Staates gründende Recht allerdings eine Demokratisierung der Herrschaft - eine Demokratisierung, die aber von Grund auf von den Mechanismen des Disziplinarzwanges bestimmt wurde" (ebd., S.92). Das Gesetz wurde so zunehmend von den Normen der Humanwissenschaften (vor allem Medizin bzw. Psychologie und Pädagogik) besetzt. Foucaults Einordnung der Repression als Verschleierung und Teil der Disziplinarmacht wird sich unten im Zusammenhang der Analyse der Geschlechterverhältnisse als bedeutsam erweisen.
Machtdispositive
Die Disziplinarmacht gehört nach Foucault zur Ordnung der Beziehungen. Er behauptet damit nicht, dass dieser Machttyp mehr oder weniger gleichmäßig oder demokratisch auf alle Individuen verteilt wäre. Was er zeigen will ist, wie und dass Macht von unten kommend aufgenommen wird. Die Herrschaft in den bürgerlichen Demokratien basiert auf den Erscheinungen, Techniken und Verfahren von Macht auf ihrer lokalen Ebene, in der Familie, am Arbeitsplatz, in den verschiedensten Institutionen etc. Diese unmittelbaren Kraftverhältnisse werden von globaleren Phänomenen besetzt und annektiert" (Foucault 1978, S.84). Im Begriff des Dispositivs faßt Foucault die verschiedenen Anknüpfungsbereiche der Macht zusammen. Das Dispositiv fungiert als Medium und Struktur zur Bündelung der Macht, es ist sowohl deren vielfältiges Mittel als auch ihr Ausdruck. Foucault beschreibt es als
... ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfaßt.« (ebd., S.119f.)
Diese als Netz verbundenen Elemente des Dispositivs bilden vorherrschende Strukturen, die ihrerseits in Form von Regeln Antworten auf dringende gesellschaftliche Probleme und Sachlagen bereitstellen. Foucault spricht von strategischen Notwendigkeiten" (ebd., S.138), die nicht unmittelbar mit persönlichen Strategien oder Interessen zusammenfallen müssen. Es handelt sich vielmehr um eine Strategie ohne Stratege" (ebd., S.132). Macht ist demzufolge gleichzeitig intentional und nicht-subjektiv." (Foucault 1977, S.116) Es existiert also kein Subjekt, das denkend und wollend hinter dem Ganzen agieren würde, denn die Leute wissen was sie tun; häufig wissen sie, warum sie das tun, was sie tun; was sie aber nicht wissen, ist, was ihr Tun tut." (Foucault nach Dreyfus/Rabinow 1987, S.219) Die Individuen handeln zwar, doch ihre Taten gehen eigene Wege. Das Handeln finalisiert sich - über vielerlei Umwege und Wirrungen - in Bezug auf ein gesellschaftlich entstandenes Ziel und das Subjekt ist ein dadurch entstehender, den Regeln der Norm gehorchender Effekt. (Man handelt als Mann/Frau, man versteht sich als Mann/Frau etc.) Womit allerdings nicht gesagt ist, dass die Individuen und ihre Beziehungen darin aufgehen. Ein Netz von Beziehungen existiert, das nicht nur historisch beobachtbar ist, sondern auch über die Analyse von Macht-Wissen als akzeptiert bzw. akzeptabel und d.h. als Positivität erfassbar ist.
Wissenschaftliche Wahrheit und Macht
Die theoretische Basis der Norm(en) sind die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft. Sie konstruieren das Subjekt, indem sie »natürliche« Regeln, Merkmale und Abläufe produzieren, die als allgemeine gesellschaftliche Wahrheiten funktionieren:
Die Wahrheit ist von dieser Welt; in dieser wird sie aufgrund vielfältiger Zwänge produziert, verfügt sie über geregelte Machtwirkungen. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Ordnung der Wahrheit, ihre "allgemeine Politik" der Wahrheit: d.h. sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse funktionieren läßt; es gibt Mechanismen und Instanzen, die eine Unterscheidung von wahren und falschen Aussagen ermöglichen und den Modus festlegen, in dem die einen oder anderen sanktioniert werden; es gibt bevorzugte Techniken und Verfahren zur Wahrheitsfindung;" (Foucault. 1978., S.51)
Foucault versteht unter Wahrheit also nicht Sachverhalte oder Zustände, die zu entdecken und als ewige, übergeschichtliche Wahrheiten zu akzeptieren wären. Solche Wahrheiten gibt es für ihn nicht. Vielmehr richtet sich sein Interesse auf das Ensemble der Regeln, nach denen das Wahre vom Falschen geschieden und das Wahre mit spezifischen Machtwirkungen ausgestattet wird" (ebd., S.53).
Der wissenschaftliche Diskurs, der als Transportmittel des modernen Wissens und der Macht fast alles durchdrungen hat, ist so seinerseits wiederum eine Quelle von Macht als »natürlicher« Norm. Eine Macht, die ihrem Wesen nach von produktiver Art ist. Gerade darin liegt ihr Erfolg:
Der Grund dafür, daß die Macht herrscht, daß man sie akzeptiert, liegt ganz einfach darin, daß sie nicht nur als neinsagende Gewalt auf uns lastet, sondern in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man muß sie als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Körper überzieht und nicht so sehr als negative Instanz, deren Funktion in der Unterdrückung besteht." (ebd., S.35)
(Foucaults Macht- und Wahrheitskonzept ist in seinen Analysen nicht so einheitlich, wie er im angeführten Interview behauptet und wir es dargestellt haben.)
»Sexualität und Wahrheit«
Vorbemerkungen:
Als Konkretion sollen im folgenden exemplarisch die Studien Foucaults zu »Sexualität und Wahrheit« umrissen werden. Auf sie beziehen sich auch in der Regel die feministischen Versuche, Foucaults Analysen für die Frage des Geschlechts nutzbar zu machen. Dabei gehen wir zentral auf »Der Wille zum Wissen« ein, weil dort Foucault die unmittelbare Vorgeschichte der modernen Verhältnisse darstellt. Auf die Studien zur griechischen und römischen Antike werden wir nur kurz eingehen.
Die Erfindung der Sexualität, ihre absolute Singularität" (Foucault 1992, S.36), ist nach Foucault ein zentraler Ausdruck für den produktiven Charakter der Disziplinarmacht, zentraler Definitionspunkt moderner Subjektivität und nach Foucault die Grundlage für die Herausbildung des modernen Geschlechtes. Im Zentrum der folgenden Darstellung steht der Zusammenhang von Sexualität und sexe. Der französische Ausdruck meint zunächst das Geschlecht", d.h. einerseits biologische Geschlecht (englisch: sex), aber auch als le troisième sexe die Homosexuellen" (Langenscheidt 1977). Andererseits ist er ins Deutsche übersetzt worden mit dem Umgangssprachen Wort »Sex«, das darüber hinaus das Betont-Lustvolle hervorhebt und die Bedeutung »Geschlecht« in den Hintergrund treten läßt.(3)
Wir werden zunächst der letzteren Bedeutung, sexe als Sex, folgen, dann aber auf die erste, eben auch vorhandene, Bedeutungsebene, sexe als Geschlecht, kommen.
Die Produktion der Sexualität und der/s »sexes«
Foucault hat im ersten Band von »Sexualität und Wahrheit« eine provokante These entwickelt. Er grenzt sie gegen die übliche Betrachtungsweise der Sexualität ab, derzufolge Sexualität im Laufe der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft immer mehr unterdrückt wurde (und erst in den letzten Jahrzehnten befreit wird): Die Repressionshypothese, wie sie exemplarisch zu Beginn der 70er Jahre von H. Marcuse und W. Reich vertreten wurde. Unterdrückung von Sexualität ordnet Foucault in einen Gesamtzusammenhang ein, der darauf aus ist, Sex aus Sexualität hervorzubringen, ihn in eine diskursive Existenz zu treiben und zum Sprechen zu bringen. Foucaults Frage ist nicht, was die Sexualität ihrem Wesen nach sei und wie sie unterdrückt wird. Er fragt danach, wie Verhaltensweisen zu Wissen geworden sind und wie Wissen wiederum Verhalten hervorbringt. So unterscheidet er dann auch zwischen dem Sex und der Sexualität.
Sexualität entstand als Produkt des Wahrheitsdiskurses der Humanwissenschaften, beginnend im 18. Jahrhundert. Demnach ist sie nicht als eine Naturgegebenheit zu begreifen, welche niederzuzwingen die Macht sich bemüht, und auch nicht als ein Schattenreich, das das Wissen allmählich zu entschleiern sucht." (Foucault 1977, S.127f). Sexualität ist keine zeitlose Triebkraft der Natur des Menschen, die der Macht der Kultur aufsässig gegenübersteht. Ganz im Gegenteil funktioniert Sexualität als produktives Medium moderner Normalisierungsmacht:
´Sexualität´ ist der Name, den man einem geschichtlichen Dispositiv geben kann. Die Sexualität ist keine zugrundeliegende Realität, die nur schwer zu erfassen ist, sondern ein großes Oberflächennetz, auf dem sich die Stimulierung der Körper, die Intensivierung der Lüste, die Anreizung zum Diskurs, die Formierung der Erkenntnisse, die Verstärkung der Kontrollen und der Widerstände in einigen großen Wissens- und Machtstrategien miteinander verketten." (ebd., S.128)
Dieses Oberflächennetz, das Sexualitätsdispositiv, stellt eine zentrale Schnittstelle für die Konstitution des modernen Subjekts dar. Der Sex, das Sex-machen, stellt dabei die scheinbar reale Instanz dar, auf der Sexualität bzw. das Sexualitätsdispositiv beruht. Doch diesen Gedanken (aus Sex folgt Sexualität) stellt Foucault als eine Täuschung bzw. Verschleierungsstrategie dar! Hier wird zur Natur (des Menschen) erklärt, was Diskursprodukt ist. Aus einer nicht definierbaren Menge von (sinnlichen?) Tätigkeiten ist etwas nur als Sex begreifbar, wenn vorher die Sexualität weiß, was Sex ist. Die Sexualität bringt den Sex hervor, fixiert und definiert ihn, abhängig von der Gesellschaft.
Foucaults Studie zeigt, dass der »moderne Mensch« seit zwei Jahrhunderten unablässig nach dem Sex sucht bzw. danach gefragt wird. Dadurch würde der Mensch die Wahrheit über sich selbst erfahren und seine sexuelle Identität hervorbringen. Sex und Sexualität werden zu einem zentralen Definitionsraum moderner Identität und Subjektivität. Es ist heute selbstverständlich, die Frage nach dem, was wir sind, an den Sex zu richten." (ebd., S.98) Wie kam es dazu?
Neben der These von der, zugespitzt ausgedrückt, Erfindung von Sexualität (und Sex bzw. Geschlechtern, s.u.) ist Foucaults »Der Wille zum Wissen« eine historische Studie zur Entstehung heutiger Machtformen, in denen und durch die das Geschlechterverhältnis existiert. Foucault zeigt, wie sie aus zwei Übergänge entstehen: Zum einen das Auftauchen der Monarchie, des absolutistischen Staates, das verbunden ist mit der Machtform des Rechts, der Gesetzesmacht. Diese setzt sich gegen die verwickelten und streitbaren Mächte des Mittelalters durch, indem sie sich als Friede und Gerechtigkeit repräsentiert. Zum anderen entstehen seit dem 18. Jahrhundert neue Machtmechanismen, die sich der Menschen als lebende Körper annehmen und nicht mehr (allein) mit Gesetz und Strafe, sondern mit Normalisierung und Kontrolle arbeiten. Foucault nennt sie Bio-Macht, die Macht zum Leben" (ebd., S.166) im Gegensatz zur souveränen Todesmacht. Die Bio-Macht durchdringt die Gesetzesmacht zunehmend, wenn auch viele Elemente der Gesetzesmacht bis heute fortbestehen. Sie besteht aus zwei sich ergänzenden Hauptformen: der politischen Anatomie des menschlichen Körpers", die auch die Dressur zur Gelehrigkeit einschließt sowie die Bio-Politik der Bevölkerung" (Vgl. 1977, S.166). Auch hier verweist Foucault wieder auf die Parallelität zur Entwicklung des Kapitalismus" (ebd., S.168)
Als das Bürgertum zur herrschenden Klasse aufstieg war es dessen Selbstbejahung; in Abgrenzung gegen den feudalen Adel auf der einen Seite und das bäuerliche und proletarische Volk auf der anderen. Die Organisation eines sexuellen Körpers, dessen Stärke, Gesundheit und Fortbestand, war dem Bürgertum ein Zeichen seiner Überlegenheit und diente ihm als Mittel seine neue Vorherrschaft sicherzustellen. Demzufolge wurde die Sexualität auch keineswegs zur Einschränkung und Unterdrückung der Lust der anderen Schichten benutzt, sondern die rigorosesten Techniken wurden zunächst in den ökonomisch privilegierten und politisch führenden Klassen entwickelt und vor allem mit der größten Intensität eingesetzt." (ebd., S.144f.)
Es war aber nicht nur ein sexueller Klassenkörper, der als Vergegenständlichung bürgerlicher Dominanz geschaffen wurde; es war dies vor allem auch ein männlicher Geschlechterkörper. Diesen Körper formierten die Humanwissenschaften zuerst einmal negativ, über die Konstruktion seines Gegenteils, des Weiblichen:
Die Person, die als erste vom Sexualitätsdispositiv besetzt wurde und als eine der ersten sexualisiert wurde, war die "müßige" Frau zwischen der "großen Welt", in der sie einen Wert darstellte, und der Familie, in der ihr zahlreiche neue eheliche und elterliche Pflichten zugewiesen wurden;" (Foucault 1977, S.145)
Foucault legt nahe, dass innerhalb der bürgerlichen Welt es »die Frau« war, die als negative Selbstvergewisserung männlicher Subjektivität, Gesundheit und Stärke entworfen wurde. Das weibliche Geschlecht wurde so zur letztlich krankhaften Verkörperung des schlechthin Sexuellen. Auf diese Weise wurde sie zugänglich für die medizinischen Praktiken und Untersuchungen: Die moderne Frau entstand als erstes Forschungsobjekt der sich daran konstituierenden Wissenschaften um die Sexualität. Weitere Schritte der Sexualisierung der Subjekte waren nach Foucault der Krieg gegen die kindliche Onanie, die Regulierung des Fortpflanzungsverhaltens und die Psychiatrisierung der sogenannten Perversen, vor allem der männlichen Homosexuellen. Es wird analysiert, Buch geführt, klassifiziert und spezifiziert. Der Sex, das ist nicht nur eine Sache der Verurteilung, das eine Sache der Verwaltung." (ebd., S.36) (Vgl. den Film Der Schrei der Seide)
Die historische Formierung des Sexualitätsdispositivs überformt und verdrängt sukzessive das vorherige Allianzdispositiv. Dieses umfaßt ein System des Heiratens, der Festlegung und Entwicklung der Verwandtschaften, der Übermittlung der Namen und Güter" (ebd., S.128). Umschlagsort und Stützpunkt der Sexualität wird die Familie. Hier wird die Sexualität geboren, ausgebrütet und kontrolliert. Nicht das Recht oder das Gesetz des Königs stehen dem Individuum gegenüber, die Opposition verlegt sich in die eigenen Person: man beherrscht sich.
Foucault arbeitet in seiner Geschichte der Sexualität die »Mikrotechniken« und Selbstpraktiken heraus, die später aufgegriffen wurden und in die von Foucault so genannten »globalen oder Makrostrategien der Beherrschung« integriert werden. Auf der Oberfläche erscheinen diese große Regelsysteme, die das Abendland verfaßt hat, um den Sex zu regieren, insbesondere das Gesetz der Ehe und die Ordnung des Begehrens. Ausgehend von den in der Antike entwickelten Prinzipien des Sexuallebens bekamen sie über die Vorschriften zur Sexualmoral der Kirche und christliche Pastoraltheologie zunehmend universalen Charakter. Mit der im Mittelalter einsetzenden Zentrierung auf das sich fortpflanzende Paar, was sich während der Industrialisierung zuspitzt, entwickelte sich die Fixierung auf Heterosexualität. Diese ist trotz einer Liberalisierung auch heute noch die Norm. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts beherrschten, so Foucault, neben den Sittenvorschriften und Meinungszwängen, drei repressive Codices die sexuellen Praktiken: das kanonische Recht, die christliche Moraltheologie und das Zivilrecht. Sie waren schon alle um das sich fortpflanzende Paar und den ehelichen Sex zentriert. Sowohl Zivilrecht als auch die kirchliche Ordnung bestraften »Sünden« bzw. »Natur-/Gesetzwidrigkeit«. Mit der beginnenden Industrialisierung im 17. Jahrhundert, gewann die Bevölkerung als Reichtum, als Arbeitskraft für die Regierungen an Bedeutung. Sexualität rückte ins Zentrum des ökonomischen und politischen Interesses: Geburtenraten, Heiratsalter, Geschlechtsreife, Häufigkeit der Sexualtitätsbeziehungen, Wirkungen der Ehelosigkeit und empfängnisverhütender Methoden etc. wurde analysiert. Die Art und Weise, wie jemand von Sex Gebrauch macht, interessierte plötzlich: regieren durch Heterosexualität. (Eine treibende Kraft dieser Diskurse ist die Pädagogik.) Das Wissen, die Analysen und Gebote zielen dabei insbesondere auch auf die entdeckte Sexualität der Kinder und Heranwachsenden. Diese Geschichte der (Produktion von) Sexualität stellt nach Foucault die Basis für die (Produktion der) Geschlechter dar.
Rückblickend kann man mit Foucault davon ausgehen, dass Sexualität also erst einmal eine Sache des Bürgertums war. Erst mit der allmählichen Durchsetzung und Verallgemeinerung bürgerlicher Verhältnisse durchdrang sie schließlich die gesamte Gesellschaft und erreichte auch die untersten Schichten. Heute hat jedeR eine Sexualität und ein Geschlecht!
Wie oben bereits gesagt, wird das französische sexe in der Regel mit Sexualität ins Deutsche übersetzt. Das dies verkürzt ist, wird deutlich, wenn Foucault die Funktionen des Sexes für das Sexualitätsdispositiv umschreibt:
... hat es der Begriff »Sex« möglich gemacht, anatomische Elemente, biologische Funktionen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Lüste in einer künstlichen Einheit zusammenfassen und dies fiktive Einheit als ursächliches Prinzip, als allgegenwärtigen Sinn und allerorts zu entschlüsselndes Geheimnis funktionieren zu lassen: der Sex als einziger Signifikant und als universales Signifikat. " (Foucault 1977, S184)
Der sexe wird als imaginäre Einheit beschrieben, die Körper, Materialität und Kräfte organisiert. An anderer Stelle bringt er die historische Realität der Künstlichkeit von Geschlecht auf die vielzitierte Formel: Eine Sexualität hat man sein dem 18. Jahrhundert, seit dem 19. ein Geschlecht. - Vorher hatte man zweifellos ein Fleisch." (Foucault 1978, S.145)


Fußnoten:
1.
Als Fehldeutung" bezeichnet es Foucault zu unterstellen, die Macht sei das, was alles erklärt." Gerade umgekehrt: Für mich ist die Macht das, was es zu erklären gilt." (Sämtlich: Foucault 1996, S.99)
2.
Diese Sicht Foucaults ist heute zu relativieren. Unverkennbar versuchen Unterdrückungstheorien ihre alten Begriffe aufzuweichen und neu zu definieren. Beispiele hierfür sind strukturelle Gewalt", Mißbrauch", verinnerlichte Herrschaft" oder bürokratische Herrschaft".
3.
Vgl. die Anmerkung der Übersetzer Ulrich Raulff und Walter Seitter: Foucault (1977), S.14.