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Einladung zur Diskussion
"Frauenräume für Frauen oder für wen sonst?“


Einige Frauen und Frauengruppen wollen Räume für Frauen als solche auflösen (Wir sagen auflösen, wo andere den Begriff „öffnen" benutzen ). Vor diesem Hintergrund scheint es notwendig, noch einmal die Diskussion(en) zum Thema Transgender/Dekonstruktion/Feminismus aufzunehmen und Positionen dazu auszutauschen und zu klären. -
Wir, die wir zu dieser Diskussion einladen, lehnen eine solche Veränderung unserer Organisationsstruktur politisch ab.
Wir schreiben euch In dieser Diskussionsvorlage einige unserer Überlegungen auf, in der Hoffnung, dass es eine produktive Diskussion wird.

AUSGRENZUNG
Alte banale Weisheit: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht das Gleiche, nämlich dann nicht, wenn die soziale Position eine völlig verschiedene ist. Rassistische Ausschlüsse und Ausgrenzungen von schwarzen Menschen sind etwas völlig anderes als der Ausschluss von Weißen aus der Selbstorganisierung schwarzer Menschen gegen die rassistische Herrschaft.
Die Ausgrenzung, Achtung, Diffamierung etc. von Homosexuellen durch die heterosexuelle Mehrheit hat einen völlig anderen Charakter als die Schaffung von Räumen, in denen Homosexualität durch den Ausschluss heterosexueller Normalität sein kann. Die Entscheidung von Feministinnen Anfang der 70er Jahre, sich autonom von Männern zu organisieren, d.h. Männer kategorisch aus ihren Strukturen und Räumen auszuschließen, hat mit sexistischer Ausgrenzung nur insofern zu tun, als sie Reaktion darauf war.
Wer diese Unterschiede zwischen Herrschaft und Gegenreaktion/Gegenorganisierung verwischt, ignoriert oder gar gleichsetzt, argumentiert völlig geschichtslos und lässt damit gesellschaftliche Hierarchien und Machtverhältnisse außen vor. Die "Anarchistischen EntgrenzerInnen" z.B. fühlen sich als Opfer der Ausschlüsse aus Strukturen, die sie alle in einen Topf schmeißen: heteronormierte Dominanzkultur, männlichkeitsfixierte Schwulen-szene und feministische Frauenstrukturen - alles ist einerlei. Zu dieser entpolitisierenden Opferrhetorik gehört die Anklage: ihr schließt uns aus und seid damit verantwortlich für unser Unglück, unser Leid. Eine Moralisierung politischer Entscheidungen, die bei Frauenstrukturen leider immer gut ankommt, und so wird auch die Transgenderdiskussion meistens ausschließlich moralisierend am Thema Ausschluss geführt. Daher scheint es sinnvoll, auf die Gründe der Notwendigkeit einer autonomen Organisierung von Frauen/Lesben genauer einzugehen.

GRÜNDE AUTONOMER FRAUENORGANISIERUNG
Die Gründe für männerausschließende Selbstorganisation von Frauen (autonome
Frauenbewegung) sind vielfältig und die Motive sehr unterschiedlich. Viele (junge) Frauen
finden die Strukturen heute so vor wie sie sind und wissen von der Geschichte nicht mehr
viel..
Wichtig ist an der Stelle hier zu sagen, daß die Zusammenschlüsse als Frauen sich auf
die gemeinsame soziale Position und Erfahrung beziehen und nicht auf eine gemeinsame "weibliche" Identität.
Beispiele: Organisierung gegen Gewalt gegen Frauen/Mädchen wie Notruf und Frauen/
Mädchenhäuser, Patroullien, Frauenaktionen und -demonstrationen gegen Männergewalt;
Frauencafes und anderen kulturellen Frauenräumen (Parties etc.), um nicht ständig peilen zu müssen, von Typen blöd angemacht zu werden; Frauenbuchläden und –Verlage, um den Verdrehungen herrschender Geschichteschreibung entgegenzutreten;
Entwicklung von Theorie und Praxis auf der Grundlage der sozialen Erfahrungen von Frauen in patriarchalen Gesellschaften;
Schaffung von sozialen Räumen, in denen nicht, wie sonst üblich, alles was Frauen tun automatisch weniger Wert hat als das, was Männer tun;
Diese Entwicklung war begleitet von heftigen Auseinandersetzungen und Flügelkämpfen. So hat es Strömungen im Feminismus und aus der autonomen Frauenbewegung heraus gegeben, die Geschlechtsnormierungen positiv gegenüberstanden, z.B. die Neue Weiblichkeit, die Anfang dar 80er Jahre begann und sich als die gesellschaftsfähige, d.h. von einer breiten Bevölkerungsschicht akzeptierte Variante des Feminismus erwies. Wir, die wir dieses Papier schreiben, beziehen uns auf den radikalen Feminismus, der soziale Geschlechterzuweisungen und -Identitäten ablehnt. Auf dieser Basis wollen wir die Diskussion führen.

GESCHLECHTSIDENTITÄTEN
Jede Art der Selbstorganisierung beinhaltet die Definition dieses Selbst und jeder Mensch wehrt sich als das, als was er angegriffen wird. Das schafft Widersprüche, denen niemand entgehen kann. Die Solidarität und dar Zusammenschluss von Menschen, die mit biologistischen Argumenten unterdrückt und ausgebeutet werden, bestätigt natürlich immer auch genau die Kategorien, die mit dam Biologismus geschaffen werden: Frauen und Männer, Schwarze und Weiße. Das ist ein Widerspruch, wann das Ziel eine Gesellschaft ist, in der diese Kategorien aufgelöst oder keine Rolle mähr für Lebensentwürfe und sozialen Status spielen sollen. Aber zu glauben, man könne unter den Bedingungen sozialer Ungleichheit die Utopie dar Gleichheit vorwegnehmen, hat zur Konsequenz, daee man die Ungleichheit zementiert, weil die Gleichheit ja erst hergestellt werden muss. Solange soziale Position, Reichtum und politische Macht geschlechtshierarchisch verteilt sind, solange Männer über Frauen Definitionsmacht haben, Verfügungsgewalt und die Ausbeutung von Dienstleistungen durchsetzen können, muss Geschlecht politisiert werden. Geschlecht ist eine Kategorie, die persönlich für den Einzelnen zwar bedeutungslos werden kann, die man aber nicht per individuellen
Beschluss aufheben kann.
Beim gegenwärtigen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung ist es ziemlich egal, ob das biologische Geschlecht eine soziale Konstruktion ist oder nicht.
Das biologische Geschlecht ist erst einmal ein gesellschaftlicher Fakt, der nicht per Beschluss aufgehoben werden kann. Ganz im Gegenteil ist die Behauptung, das bio-logische Geschlecht sei eine soziale Konstruktion und könne deshalb nicht mehr Bezugspunkt für Politik sein, neuerdings in gemischten Strukturen das Argument schlechthin, um Geschtechtshierarchien nicht mehr zum Thema zu machen.
Es ist auch ziemlich wurscht, ob es zwei, drei oder fünf Geschlechter gibt. DAS südafrikanische Apartheidsystem benutzte für seinen Rassimus ein sehr differenziertes System von 12 Rassenkategorien. Für Sexismus ist ähnliches denkbar - die Anzahl der Geschlechter ändert an dar Struktur der geschlechtshierarchischen Gesellschaft erst einmal nur die Breite der Differenzierungsmöglichkeiten.

STRATEGIEN GEGEN SOZIALE QESCHLECHTSZUWEISUNQEN
Will man eine Verknüpfung zurückweisen, so gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Wann mir jemand sagt, als Frau musst du so oder so Sein und Ich bin anders oder will anders sein, dann kann ich sagen, o.k. dann bin ich eben keine Frau. Oder ich kann sagen: Ich bin eine Frau, obwohl Ich anders bin, denke, fühle und ich wehre mich dagegen, dass mir jemand sagt, wie Ich zu sein habe. Das sind zwei völlig verschiedene Strategien mit unterschiedlichen Ergebnissen.
Im ersten Fall: "dann bin Ich eben keine Frau", akzeptiere Ich die Verknüpfung von Frau = so und so. Nur ich bin anders und deshalb keine Frau. Man hat eine neue Identität gefunden, lässt aber gesellschaftlich alles beim alten: Es gibt Männer und Frauen, die sind so und so und dann gibt ES das Dritte, die Mannweiber und heshes (he=er,she=sie). Im zweiten Fall: "Ich bin eine Frau, aber ich bin anders, denke, fühle, handle anders und sehe anders aus, als von mir erwartet / verlangt wird“ bestehe ich darauf, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, Ich weise die Verknüpfung, die Zuschreibung zurück. (Auch wann das Denken, Fühlen, Handeln und Aussehen teilweise mit den Kategorisierungen übereinstimmt, Ist ES nicht die Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Kategorie Frau).
Einen ähnlichen politischen Konflikt um Identitäten und Strategien gab es in der Lesben-bewegung: Frauen werden von der herrschenden Gesellschaft als „Frauen für Männer" über Männer definiert, heterosexuell gedacht. Die eine Strategie bestand nun darin zu sagen, Lesben sind keine Frauen. Eine Position, die sich genau mit der Meinung der Homophoben deckt, auch wenn sie anders gemeint war.
Dia andere Strategie bestand darin zu sagen, „alle Frauen sind Lesben - bis auf die, die DIE ES noch nicht wissen", d.h. Jede Frau kann Lesbisch sein. Diese Position greift die Verknüpfung von Frau = heterosexuell = über-Männer-definiert an.
Zurück zur Transgenderstrategie: Sie bestätigt im Grunde die bestehenden Normierungen, indem eine neue Kategorie formuliert wird, anstatt die bestehenden Kategorien anzugreifen (auch wenn das Gegenteil behauptet wird).
Dia „Anarchistischen Entgrenzerinnen" nahmen für sich in Anspruch, sie seien die Einzigen, die Geschlechtszuweisungen (soziale wie biologische) mit einer Transgender-identität durchbrechen.
Damit unterstellen sie den Frauen, die sich nicht als Transgender begreifen, den Normen patriarchaler Weiblichkeit zu entsprechen.
Dem ist natürlich nicht so: Wir sind aggressiv und sanft, dominant und subdominant, behaart und enthaart, gewalttätig und friedlich, noch nicht und nicht mehr mackrig, rational und gefühlsbetont. Frauen, die Frauen lieben und denen Männer scheißegal sind und heterosexuell lebende Männerhasserinnen usw. usw. Gemeinsam ist uns die soziale Erfahrung, aufgrund bestimmter biologischer Merkmale unterdrückt zu werden und sich dagegen gemeinsam zu organisieren.

Wir möchten gerne eine Diskussion führen, die von Identitäten wegkommt zurück zu politischen Strategien und politischen Inhalten von autonomer Frauenorganisierung. Anhand einer solchen Diskussion wird deutlich werden, wann Bündnisse mit anderen möglich oder nötig sind.

Die Erde ist rund, damit sich nicht noch mehr Schubladen stapeln lassen (... oh lass diese Schublade an mir vorübergehen)