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Aus
dem Buch "Die Zeit der Gene", Hrsg. A. Nebelung, A. Dosch, Focus
Verlag 1996
von Regine Kollek
Der Gral der Genetik
Das menschliche Genom als Symbol wissenschaftlicher Heilserwartungen des
21. Jahrhunderts
Wagner ängstlich: Willkommen zu dem Stern der Stunde!
Leise. Doch haltet Wort und Atem fest im Munde! Ein herrlich Werk ist
gleich zustand gebracht.
Mephistopheles leiser: Was gibt es denn?
Wagner leise: Es wird ein Mensch gemacht.
Das menschliche Genom als Gral
Zwischen dem 3. und dem 4. März 1986 erschien den Teilnehmern einer
Konferenz in Santa Fe, New Mexico der Heilige Gral - oder zumindest beinahe.
Beschworen wurde er von Walter Gilbert, Nobel-preisträger und Pionier
der molekularen Genetik.1 Um unter den versammelten Kollegen Stimmung
für das Projekt der Entschlüsselung der gesamten menschlichen
Erbinformation zu machen, das von ver-schiedenen Wissenschaftlern als
unsinnig oder überdimensioniert kri-tisiert worden war, verglich
er das Genom mit dem Gral, dem »mysteriösesten aller Objekte
des mittelalterlichen Christentums«.2 Offensichtlich hatte Gilbert
im rhetorischen Überschwang zur richtigen Vokabel gegriffen, denn
in der Folgezeit wurde der Gral als Symbol für die Gesamtsequenz
des menschlichen Genoms nicht nur von Analytikern der Wissenschaftsentwicklung
zitiert3, sondern auch von anderen Molekularbiologen aufgegriffen.4 Gilbert
selber fand soviel (gefallen an ihm, daß er einen Essay, in dem
er seine Vorstellungen zur Entwicklung und zum Potential des Genomprojektes
darlegt, mit der Überschrift: »The Vision of the Holy Grail«
versah.5
Offensichtlich ist es nicht die chemische Substanz der DNS, aus der das
Erbmaterial besteht, die Wissenschaftler wie Walter Gilbert zu einem derart
starken Symbol greifen, und andere wie David Balti-more beim Gedanken
an die Genomsequenz erschaudern läßt.6 Vielmehr wird dem Genom
eine Bedeutung zugeschrieben, die in der nüchternen Terminologie
der Wissenschaftssprache nicht zum Ausdruck kommt und für die deshalb
andere Begriffe gefunden werden müssen. Dies weist darauf hin, daß
die menschliche Erbinformation nicht nur in ihren funktionalen, sondern
auch in ihren symbolischen Qualitäten ernst genommen werden muß.
Diese Qualitäten entstehen durch die Art und Weise, wie über
sie gesprochen und geschrieben wird und welche Wertvorstellungen oder
Traditionen mit ihr verknüpft werden. Insofern sind auch die gegenständlichen
Objekte der wissenschaftlichen Welt mit symbolischen Bedeutungen behaftet,
die kulturelle, ästhetische und metaphorische Qualitäten umfassen
können. Sie sind somit Träger symbolischer Kultur.7 Ihre sprachlichen
und bildlichen Repräsentationen vermitteln Interpretationen und Zuschreibungen,
die sich nicht nur auf die Sache selber beziehen, sondern weit über
sie hinausweisen.
Der Mythos vom Gral
Mit dem Rückgriff auf die Gralsmetapher stellt Gilbert das Genomprojekt
in einen spezifischen Bedeutungszusammenhang, dessen Horizonte es auszuleuchten
gilt, um es als kulturelles Projekt verstehen und seine Dimensionen erkennen
zu können. Inhalte und Triebkräfte, die im Symbol des Grals
abgebildet werden, lassen sich aus dem Gralsmythos erschließen,
der gegen Ende des 12. Jahrhunderts zum ersten Mal in einem Roman von
C. de Troyes in der europäischen Literatur auftaucht. Er ist mit
der Geschichte des jungen Parzival verbunden , der an den Hof von König
Artus geht, um zum Ritter geschlagen zu werden. Nach einer ganzen Reihe
von Abenteuern begegnet er eines Tages einem »Fischerkönig«,
der an den Geschlechtsteilen verletzt ist und weder ein Kind zeugen noch
sterben kann. Der Fischerkönig lädt Parzival ein, eine Nacht
auf seiner Burg zu verbringen. Dort erscheint der Gral. Parzival verläßt
die Burg, ohne allerdings die entscheidende Frage nach dem Gral, nach
seiner Herkunft und nach seinem Daseinsgrund zu stellen. Später erfährt
er, daß er selber ein Mitglied der Gralsfamilie ist, und daß
sich hinter dem Fischerkönig niemand anderes als sein Onkel verbirgt.
Nachdem der König von seinem Fluch befreit ist und endlich sterben
kann, tritt Parzival seine Nachfolge als Herr der Gralsburg an.
Gestalt, Funktion oder Auftrag des Grals blieben unbekannt bis Robert
de Boron ihn in seinem Parzival-Epos zu einem spezifisch christlichen
Symbol umdeutete und ihn mit dem Karfreitagsgeschehen in Zusammenhang
brachte. Dabei liefert er als erster eine genauere Definition des mythischen
Objekts. Danach ist der Gral die Schale, die beim letzten Abendmal benutzt
wurde und in der Joseph von Ari-mathia bei der Kreuzigung das Blut Jesu
auffing, vom dem der Gral seine magischen Kräfte bezieht. In einem
weiteren, von einem anonymen Autor geschriebenen Roman »Perlesvaus«
nimmt der Gral verschiedene Gestalt an: er erscheint als gekrönter
und gekreuzigter Konig, als Kind, als Mann mit Dornenkrone und blutenden
Wunden, als Kelch, und in einer weiteren, nicht genauer beschriebenen
Mani- festation. In dieser Darstellung umfaßt der Gral mehrere Bedeutungsebenen
gleichzeitig. Unter profanem Aspekt könnte er als ein Gefäß
interpretiert werden, als Becher, Schale oder Kelch. Im übertragenen
Sinne könnte er auch ein Stammbaum sein, oder für bestimmte
Abkömmlinge dieses Stammbaums stehen. Ganz offensichtlich scheint
er jedoch eine Erfahrung ganz besonderer Art zu vermitteln, eine gnostische
Erleuchtung.
In dem zwischen 1197 und 1210 entstandenen Gralsepos von Wollram von Eschenbach
sind die Beschreibungen des Grals zwar aus-führlich, aber weiterhin
ungenau. Für ihn ist er der »Inbegriff paradiesischer Vollkommenheit,
Anfang und Ende allen menschlichen Stre-bens!« Er übertrifft
»alle Vorstellungen irdischer Glückseligkeit« und: „Wer
ihn hütete, mußte unberührt und makellos sein.«
Unter anderem erscheint der Gral auch als eine Art »Füllhorn
irdischer Köstlichkeiten«, das alles liefert, wonach einem
verlangt. Auch wird er als ein sehr mächtiger, makelloser, reiner
Stein dargestellt. »Erblickt ein tod-kranker Mensch diesen Stein,
dann kann ihm in der folgenden Woche der Tod nichts anhaben. Er altert
auch nicht, sondern sein Leib bleibt wie zu der Zeit, da er den Stein
erblickte. .. .Der Stein verleiht dem Menschen solche Lebenskraft, daß
der Körper seine Jugendfrische bewahrt. Diesen Stein nennt man auch
Gral.«9
Der Genom-Gral als Goldmine
Hier beginnt sich anzudeuten, was der moderne Gralsritter Gilbert im Sinn
gehabt haben könnte, als er vom menschlichen Genom als dem »heiligen
Gral« der Humangenetik sprach. Denn die im Rahmen des Genomprojektes
zu entschlüsselnden menschlichen Gene können nicht nur isoliert
und als Sonde zum Aufspüren ähnlicher Erbanlagen in anderen
Individuen oder Organismen verwendet werden. Vielmehr können sie,
z.B. in Bakterien eingebaut, diese Mikroorganismen »umprogrammieren»
und zur Bildung menschlicher Genprodukte, sprich Proteine veranlassen.
Da die Anzahl menschlicher Gene auf bis zu 100 000 geschätzt wird,
eröffnet sich hier ein enormes Potential für die Herstellung
neuer, »humanidentischer«, pharmazeutischer Wirkstoffe. Zukünftig
sollen Gene sogar eingesetzt werden, um geschädigte Erbanlagen zu
korrigieren oder dem Menschen neue Widerstandskräfte gegen Tumorerkrankungen
und eines Inges vielleicht auch gegen den Alterungsprozeß zu verleihen.
Neben (Jenen, die für Erbkrankheiten verantwortlich sind, hoffen
Molekularbiologen auch solche zu finden, die menschliches Verhallen oder
Persönlichkeits-merkmale beeinflussen. In der Sequenz des menschlichen
Genoms liegt für manche Befürworter des Projektes deshalb auch
die ultimative Antwort auf das Gebot: »Erkenne Dich selbst!«.10
Die aus dem Genomprojekt gewonnenen Kenntnisse und Fähigkeiten befördern
aber nicht nur neue Methoden zur Analyse und Behandlung von Krankheiten,
sondern auch ökonomische Gewinnchancen. Für viele Genforscher
ist das Genom heute ein »ehmn<., in dem nach Goldgräberart
»gene-digging« betrieben werden kann. Hierzu investieren bedeutet,
sein Vermögen in wenigen Jahren vervielfältigen zu können.
Die aus dem Dunkel der Zellen in das Licht der Gensequenzierungsmaschinen
gehobenen Erbinformationen werden durch Patentierung geschützt, das
menschliche Genom enteiltet seine Produktivkraft nunmehr auf den Aktienmärkten.
»Cloning gold rush turns basic biology into big business - cloning
a gene can help you raise 50 Million Dollars« heißen dann
auch die Schlagzeilen selbst in nüchternen wissenschaftlichen Zeitschriften.
Das Genom ist also der Gralsstein, der seinen auserwählten Besitzern
zumindest die Hoffnung auf großes irdisches Glück verheißt.
Durch seine Entschlüsselung und gentechnische Indienstnahme wird
es zu einer schier unerschöpflichen Quelle, zur Ressource und Produktivkraft
für Industrie und Medizin. Derjenige, der diesen Gral nicht nur in
einer Vision erblickt, sondern auch in die Hände bekommt, kann das
Programm des Lebens selber in den Dienst nehmen. So liegt am Ende der
Suche nach dem Gral dann genau das, was übereifrige Propagandisten
des Genomprojektes heute schon versprechen: die Heilung, vor allem aber
die Vermeidung von Krankheiten und die Kontrolle von Alterungsprozessen
und Demenzen, also Jugend, Gesundheit und langes Leben.
Der Gral als weiblicher Schoß
Die chemische Substanz, in der die Informationen für all diese Schätze
und Köstlichkeiten geborgen sind, ist die Desoxyribonukleinsäure,
kurz DNS. Dabei handelt es sich um ein langes, fadenförmiges Mole-kül,
das im Zellkern in der Struktur einer sogenannten »Doppelhelix«
vorliegt. Seit der 1953 gelungenen Strukturanalyse dieses Moleküls
erscheint die Doppelhelix auf Publikationen, die von den Fortschritten
der molekularen Genetik berichten, auf den Umschlägen von Lehrbüchern,
oder auf Namensschildchen von Kongreßteilnehmern. Die Doppelhelix
ist zum Firmenzeichen geworden, sie fungiert als Erkennungssignal und
gemeinschaftsstiftendes Logo der Molekular-genetiker. Ihr ubiquitärer
Gebrauch und die häufig überhöhte Darstellung verweisen
auf eine symbolische Bedeutung, die weit über die graphische Repräsentanz
eines chemischen Moleküls hinaus geht.
In ihrer geometrischen Gestalt erinnert die Doppelhelix an ein Symbol,
das auf vielen prähistorischen Schmuckstücken oder Gräbern
zu finden ist: die Doppelspirale. Sie steht u.a. für Tanzplätze,
auf denen Mondfeste und Fruchtbarkeitsriten stattfanden. Die Doppelspirale
war ein Sinnbild für die Mondgöttin, die scheinbar spiralenförmig
linksherum um die Erde wandert, bis sie voll und rund im Zenit steht,
und sich dann scheinbar spiralenförmig rechtsherum wendet, bis sie
in Sonnennähe als Neumond verschwindet. In der Mythologie repräsen-tiert
die Mondgöttin den Lebenszyklus und die weibliche Fruchtbarkeit.
Sie zeigt an, daß das Leben im Frühjahr geboren wird, im Sommer
blüht, im Herbst altert und vergeht und im Winter in Todesstarre
verharrt, um dann im nächsten Frühjahr wieder neu zu entstehen.
Dieser Zyklus ist an den Ablauf des Jahres, an Materie und Zeit gebunden.
Er steht für Geborenwerden und Sterben, für Leben und Tod..11
Solche und ähnliche Elemente vorchristlicher Fruchtbarkeitsmythen
waren Bestandteile der ursprünglich heidnischen Gralssagen, die jedoch
in der zweiten Hälfte des 12. Jh. einen höchst bedeutsamen und
subtilen Wandlungsprozeß erfuhren, in dessen Verlauf heidnische
Elemente mit christlichen Traditionen verschmolzen wurden.12 Diese Entstehungsgeschichte
verweist auf eine weitere Bedeutung des Grals, die sich auch in den Legenden
aus dem 4. Jahrhundert wiederfindet, die sich um die Flucht Maria Magdalenas
nach Frankreich ranken. Hier ist vom Gral nie als einer Schale die Rede,
sondern er wird mit weiblicher Fruchtbarkeit und dem weiblichen Uterus
in Verbindung gebracht. Um eine lange, ebenso abenteuerliche wie interessante
Interpretationsgeschichte kurz zu machen: der Heilige Gral ist aus dieser
Sicht nicht die Karfreitagsschale mit dem Blut Jesu, sondern das »Blut
Jesu« im übertragenen Sinne, also seine Nachkommenschaft. Demnach
war Maria Magdalena mit Jesus verheiratet und floh nach seiner Kreuzigung
schwanger nach Frankreich, wo sie das Geschlecht Jesu begründete.
Im fünften Jahrhundert vereinigten sich die Nachkommen des Davidsprosses
mit den Franken und brachten so die Dynastie der Merowinger hervor. Diese
Abstammungsgeschichte mußte jedoch vor der inzwischen mächtig
gewordenen, um ihre Macht aber immer wieder bangenden römischen Kirche
verborgen werden. Sie lebte deshalb hauptsächlich in der gnostischen
Überlieferung weiter, in deren Kontext die Grals-Sagen historisch
auch zu verorten sind. Vor diesem Hintergrund repräsentiert der Gral
also in zweifacher Hinsicht die generative Kraft des weiblichen Schoßes:
zum einen durch seine Verwurzelung im archaischen Fruchtbarkeitsmythos,
und zum anderen in der Geschichte der Maria Magdalena.
Die Zähmung des Schoßes
Es ist unbekannt, ob Walter Gilbert als Mitglied der neuzeitlichen, sich
um das menschliche Genom versammelnden Gralsgemeinschaft diese Interpretation
des Grals vor Augen hatte, als er seine Vision artikulierte. Aber unabhängig
davon wird der DNS im Kontext des molekularbiologischen und genetischen
Diskurses eine zentrale Rolle und eine Art generativer Kraft zugeschrieben,
denn die genetische Information spielt eine, wenn nicht die entscheidende
Rolle bei der Reproduktion der Lebensprozesse, die durch sie programmiert
und in ihrer Entwicklung vorangetrieben werden. Für den Molekularbiolo-gen
und Nobelpreisträger Renato Dulbecco ist sie deshalb »the hidden
ruler of life» und die systematische Totalsequenzierung des menschlichen
Genoms ein Muß, da »die Sequenz der menschlichen DNA die Realität
der gesamten Spezies ist, und alles, was in der Welt passiert, von dieser
Sequenz abhängt.«13
Die Doppelhelix-Struktur der DNS entsteht dadurch, daß sich zwei
komplementäre DNS-Fäden schraubenförmig umeinander lagern.
Anders als das archaische weibliche Symbol ist die moderne Doppel-helix
jedoch linear. In Abbildungen hat sie weder Anfang noch Ende, sondern
kommt aus dem Unendlichen und verläuft darin.
Sie verweist nicht auf Geburt oder Tod, sondern auf Unsterblichkeit. Im
Kern jeder Zelle wird die DNS vor der Zellteilung identisch verdoppelt,
damit jede der Tochterzellen eine Kopie erhalten kann. Obwohl dieser Vorgang
der »Replikation« von den biochemischen Prozessen der Zelle
abhängig ist, wird er als Eigenschaft der »Selbstreplikation«
der DNS zugeschrieben. Durch diesen Begriff wird eine Autonomie der DNS
suggeriert, die faktisch nicht existiert. Im Kontext der molekularen Genetik
erfährt das uralte Fruchtbarkeitssymbol der Spirale also eine entscheidende
Transformation. In der Doppelhelix wird nicht nur die Zyklizität
von Lebensprozessen überwunden, sondern es deutet sich darüber
hinaus im Informationsbegriff auch eine Überwindung der Gebundenheit
an die Materie an. »Information« ist letztlich nicht mehr
im Materiellen - in der Mater - verankert, einer Daseinsform, die dem
Mythos zufolge dem Weiblichen zugeordnet wird.14
Gilberts Art des Vergleichs der menschlichen Genomsequenz mit dem Gral
zeigt also an, daß die generative Kraft - der Gral - nun nicht mehr
im Schoß der Frau verortet wird, sondern in der Doppelhelix, und
damit in den Reagenzgläsern der Molekularbiologen. Waren im prägenetischen
Zeitalter Geburt und Vererbung unkontrollierte und unkontrollierbare Prozesse,
die immer die Gefahr von Vererbungsfehlern, sprich Erbkrankheiten, mit
sich trugen, verheißt das genetische Zeitalter die kontrollierte,
fehlerfreie Geburt aus der Retorte, und damit aus dem Geist, der in der
europäischen Kultur als männlich identifiziert wird. Auf der
symbolischen Ebene steht die genetische Information deshalb für die
maskuline Schöpferkraft, die - Körperlichkeit und Materialität
transzendierend - dennoch mit der Fähigkeit zur Selbstreplikation
- sprich Selbstherstellung - begabt ist. »So muß der Mensch
mit seinen großen Gaben doch künftig höheren, höheren
Ursprung haben« als den Schoß einer Frau. Hier enthüllt
sich nun auch ein tieferer Grund dafür, warum der entscheidende Beitrag,
den Rosalind Franklin zur Aufklärung der DNS-Struktur geleistet hat,
von der Wissenschaftlergemeinde nicht in gleicher Weise wie der von Watson
und Crick wahrgenommen wurde und wird: die Beteiligung einer Frau an der
Suche nach dem neuen Gral hätte seine Heiligkeit befleckt.15
Die Doppelhelix bildet also nicht nur die chemische Struktur des DNS-Moleküls
ab. Auf der symbolischen Ebene vermittelt sie einen komplexen Sinnzusammenhang,
der gemeinsam mit der Symbolik, die in die Techniken der künstlichen
Befruchtung imprägniert ist, als ein neuer Schöpfungsmythos
gelesen werden kann. In diesem Mythos nimmt das Erbgut eine zentrale Funktion
ein. Seine Manipulation und Interpretation wird zur rituellen Handlung,
die nur »Eingeweihten« möglich ist. In ironischer Spiegelung
wird dieser Mythos aber nicht nur bei denen wirksam, die mit der DNS die
Lebensprozesse in den Griff bekommen wollen, sondern auch bei denen, die
das Genom für so sakrosankt halten, das jede Manipulation daran tabuisiert
werden muß. Die Tatsache, daß der neue Mythos zwar die Kontrolle
der Vererbung verspricht, die meisten seiner Schöpfungen aber solche
Monstren wie arthritische Schweine, Krebsmäuse oder sterile Chimären
sind, ist nicht seine einzige Pointe.
Die Ankündigung eines neuen Zeitalters
Wird das DNS-Molekül quer zur Längsachse geschnitten, der Querschnitt
mit physikalischen Methoden untersucht und das Ergebnis graphisch dargestellt,
erscheint eine sternähnliche molekulare Struktur. Die Abbildung einer
solchen Struktur wurde von einem wissenschaftlichen Verlag auf eine Weihnachtskarte
gedruckt und - mit guten Wünschen für das neue Jahr versehen
- an Autoren und Kunden verschickt. Theologisch gesprochen, bricht mit
dem Weihnachtsstern ein neues Zeitalter an. Dieses Zeitalter, dessen Anbruch
das Symbol der Doppelhelix ankündigt, ist durch die Hoffnung auf
den Sieg über die Menschheitsgeißeln Krebs oder AIDS oder das
Versprechen der wissenschaftlichen Kontrollierbarkeit menschlichen Verhaltens
gekennzeichnet, aber auch durch die Vision einer neuen, industriell nutzbaren
Produktivkraft, die in der Information des Erbmaterials verankert ist.
Hinter diesen Visionen verbirgt sich aber nicht nur der Wunsch nach Kontrolle
über die Prozesse des Lebendigen, sondern auch die Hoffnung auf Erlösung
von weltlichen Übeln im engeren wie im weiteren Sinne. Denn wenn
die Veranlagungen für die Krankheiten des Körpers und der Seele,
für Krebs, Schizophrenie, Aggressivität oder Depressivität
im Erbmaterial verankert sind, dann sind die physischen und psychischen
Deformationen der Individuen nicht mehr Folge krankmachender ökologischer
oder sozialer Verhältnisse, sondern quasi vorprogrammiert. Zum höchsten
Steuer- und Kontrollorgan aller Lebensprozesse stilisiert, entlastet die
genetische Information so von Verantwortung für die Widrigkeiten
individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Insofern steht die Doppelspirale
auch für die Erfüllbarkeit zutiefst regressiver Wünsche,
sie steht dafür, nicht für alles verantwortlich zu sein. Die
DNS repräsentiert auch eine höhere, quasi göttliche Macht,
die das menschliche Schicksal leitet, und die moderne Genetik ist die
Instanz, die die Entlastungsleistungen erbringen kann.
Richard Wagners Musik hat den Gralsmythos in ganz Europa populär
gemacht. Poliakov weist darauf hin, daß Wagners Werk haargenau den
Bedürfnissen seiner Zeit entsprach und eine Gesellschaft begeisterte,
die nach neuen Mythen und Erregungsschauern suchte. Er verweist auf Thomas
Mann, der als leidenschaftlicher Wagnerianer 1932 das Mysterium Wagners
Musik als etwas beschrieb, das anderes und mehr sei als diese Musik selbst:
»Wenn man Wagner lauscht, möchte man glauben, die Musik sei
zu nichts anderem geschaffen [...] als dem Mythos zu dienen»; einem
Mythos, von dem Thomas Mann einige Jahre später bemerken sollte,
»er habe die Entfesselung der Nazi-Bar-bereits angekündigt«.16
Für Poliakov vermitteln Wagners Visionen die Botschaft, daß
es - in einer Zeit der Entartung der Menschheit, in der der Jude die dämonische
Verkörperung ist, - nur noch eine Hoffnung auf Rettung gibt: eine
neue Läuterung, ein neuerlicher Empfang des heiligen Blutes nach
den mystischen Riten Parzivals, des germanischen Erlösers.17
Der Gral ist somit nicht nur Bestandteil des mitteleuropäischen Gründungsmythos
des Christentums, sondern er kündigt auch die Nazi-Barberei an. In
deren Kontext erfährt der Gralsmythos eine Verknüpfung mit der
biologisch begründeten Rassenideologie, dem nazisti-schen Eugenikprogramm
und dem Antisemitismus.18 Auch die molekulare Genetik steht unter dem
Verdacht, zu einer neuen Eugenik und zu wissenschaftlich begründeten
Diskriminierungsstrategien beizutragen. Möglicherweise wollte Gilbert
das Genomprojekt - indem er den Gral zu seinem Symbol erhob - vor der
Unterwanderung durch eine sich auf die Eugenikprogramme der Sozialhygiene
beziehende kulturelle Interpretation schützen. Der Gral sollte zusammen
mit der Parzi-val-Sage auf andere historische Realitäten und auf
einen anderen Mythos verweisen. Symbole sind aber auch die verhüllte
oder abgewandelte Form, in der verdrängte Bewußtseinsinhalte,
Affekte oder Triebkräfte wiederkehren. Sie entfalten ein Eigenleben,
dessen Dynamik durch die vielfältigen Bedeutungen gespeist wird,
die sich im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtausende in das Symbol eingegraben
haben. Und so ist auch der Gralsmythos nur bedingt manipulierbar. Über
seine Indienstnahme für die Nazi-Diktatur kommt unweigerlich eine
Bedeutung zurück, die die neuen Gralsritter in ihrer Euphorie über
das Potential des Genom-Grals manchmal übersehen: daß nämlich
der Traum von der Erlösung, so wie er in der Heilsmetaphorik des
Genomdiskurses aufscheint, mit dem Verlust dessen verbunden sein kann,
was Menschlichkeit ausmacht.
Im Mythos erscheint Parzival der Gral erst dann, als er sich gegen jede
höfische Konvention, die den Ausdruck solcher Gefühlregungen
verbot, dem kranken König voller Mitgefühl zuwendet und ihn
nach seinem Befinden fragt. Das Schicksal Parzivals offenbart an dieser
Stelle die entscheidende Botschaft des Gralsmythos, die auch den Rittern
der modernen Tafelrunde mit auf den Weg zu geben ist: Gewinnen wird den
Gral nicht derjenige, der in ihm eine Quelle materiellen Reichtums oder
ein Instrument zum Ausleben von Kontrollphantasien sieht. In seiner wahren
Gestalt wird er sich vielmehr nur denjenigen offenbaren, die entgegen
jedem ökonomischen Zwang und entgegen jede wissenschaftliche Objektivitätskonvention
zur Empathie, und das bedeutet, zum einfühlenden Mitleiden in der
Lage sind.
Anmerkungen
1 Vgl. Roger Lewin: Proposal to sequence the human genome stirs debate,
in: Science
232, 1598-1600, 1986, S. 1600
2 So bezeichnete ihn der Populationsgenetiker Richard Lewontin in einem
kritischen und
ironischen Essay zum Genomprojekt. Vgl. R. Lewontin: The dream of the
human
genome. The New York Review of Books, 28. May 1992, 31-40
3 Zum Beispiel Daniel J. Kevles: Die Geschichte der Genetik und Eugenik,
in: Kevles,
Hood (Hrg.) Der Supercode. Die genetische Karte des Menschen. München
1993,13-47
4 Beispielsweise beschrieb Stephen Friend die Entdeckung eines Gens, dem
eine zentrale
Rolle bei der Krebsenstehung zugeschrieben wird, als »close to finding
the Holy Grail«
der Krebsforschung. Vgl. Science 16.12.1993, S. 1644. Andere Wissenschaftler
distan
zieren sich von der Verwendung der Gralssymbolik. Sie befürchten
von seiner Verwen
dung einen negativen Einfluß auf die öffentliche Diskussion.
Vgl. z.B. E.L. Winnacker:
Am Faden des Lebens. Warum wir die Gentechnik brauchen. München 1993,
S. 304
5 Walter Gilbert: The Vision of the Holy Grail, in: Kevles, Hood (Ed.)
The Code of the
Code. Scientific and Social Issues in the Genome Project. Cambridge/Mass.,
1992.
Deutsch: »Das Genom-Eine Zukunftsvision«, in: Kevles, Hood
(Hrg.) 1993 a.a.O., S.
95-108. In der deutschen bersetzung wird die Gralsmetapher allerdings
nicht verwen
det, sondern durch Umschreibungen ersetzt.
(> Auch Baltimore gehört zu den Nobelpreistrgern und Pionieren
der molekularen Genetik. Zitiert nach Lewin 1986, a.a.O.
7 Zur Bedeutung des Symbols in Wissenschaft und Technik vgl. u.a. Karl
H. Hörnig:
Technik und Symbol. Ein Beitrag zur Soziologie alltäglichen Technikumgangs,
in:
Soziale Welt 2,1985,186-207. Ernst Cassierer: Symbol, Technik, Sprache.
Aufsätze aus
den Jahren 1927-1933. Hamburg 1985
8 Zum Gralsmythos und seiner Geschichte und seinen Bedeutungen vgl. u.a.
Lincoln,
Baigent, Leigh: Der Heilige Gral und seine Erben. Bergisch Gladbach, 1982
9 Wolfram von Eschenbach, Parzival, B. 2, S. 65,67, zitiert nach Lincoln
u.a., 1982,
a.a.O. S. 277f
10 Vgl. Douglas
McCormick: Sequence the human genome, in: Bio/Technology, 4, 1986,
S. 925
11 Zu Fruchtbarkeitsriten und zum Mythos der Mondgöttin vgl. Heide
Göttner-Abend-
roth: Die Tanzende Göttin. Prinzipien einer matriarchalen Ästhetik.
München 1984,
S.52f
12 In der keltisch-irischen Mythologie und in walisischen Sagen wird z.B.
von einem gewal
tigen »Wiedergeburtskessel« berichtet, aus dem tote Krieger,
die bei Sonnenuntergang
hineingeworfen werden, am nächsten Morgen »auferstehen«.
Vgl Lincoln u.a. 1982,
a.a.O., S. 263ff
13 Renato Dulbecco: The Design of life. Cambridge 1987. Ders.: A turningpoint
in cancer
research: sequencing the human genome, in: Science, 23111986, S. 1056
14 Vgl. Elisabeth List: Die Präsenz des Anderen. Theorie und Geschlechterpolitik,
Frank
furt 1993, bes. S. 98f
15 Zu Rosalind Franklin's Beitrag zur Aufklärung der DNS-Struktur
vgl. Anne Sayre:
Rosalind Franklin & DNA. New York, 1975
16 Zitiert nach Leon Poliakov: Der arische Mythos. Zu den Quellen von
Rassismus und
Nationalismus. Hamburg 1993, S.347-348 (Originalausg. franz. 1971)
17 Poliakov 1993. a.a.O.. S. 349
18 Micha Brumlik geht so weit zu behaupten, daß die gnostische Tradition,
in deren Zusam
menhang der Gralsmythos im Mittelalter entstanden ist, entscheidend zur
Vernichtung
der Juden beigetragen hat. Vgl. Micha Brumlik: Die Gnostiker. Der Traum
von der
Selbsterlösung des Menschen. Frankfurt 1993
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