texte_maennerforschung   

Aus dem Buch "Das verqueere Begehren" von Christa Spannbauer


Männer entdecken ihr Geschlecht
Über die Entstehung einer kritischen Männerforschung


Es ist nicht zu übersehen: Der Mann ist ins Gerede gekommen. War es bis vor kurzem noch allein das Geschlecht der Frauen gewesen, das seitens der Medien und Wissenschaften analysiert, problematisiert und nicht zuletzt pathologisiert worden war, geriet in den letzten Jahren das männliche Geschlecht in das Kreuzfeuer des öffentlichen Interesses. An allen Ecken und Enden werden nun die Schwächen des »starken Geschlechts« aufgefunden und blicken uns verunsicherte und ratsuchende Männer auf den Titelseiten von Selbsthilfebüchern, Magazinen, Fach- und Frauenzeitschriften entgegen. Mit Verwunderung müssen wir feststellen, dass von dem Geschlecht, das in den vergangenen Jahrhunderten die Welt so redegewandt zu interpretieren wusste, so wenig bekannt ist. Unablässig hatten Männer zwar über das weibliche Geschlecht gesprochen und geschrieben, doch um die eigene Geschlechtlichkeit einen Nebel des Stillschweigens gehüllt.
Erst in den vergangenen Jahren begannen Wissenschaftler das Schweigen der Männer zu durchbrechen und auf die Forderungen der Frauenbewegung nach Veränderung patriarchaler Strukturen und traditioneller Männlichkeitsvorstellungen zu reagieren. Das Ziel dieser neuen Männerforschung besteht in einer schonungslosen Erforschung von Männlichkeit, um eine grundlegende Gesellschaftsveränderung und eine gerechte Machtverteilung zwischen Frauen und Männern voranzutreiben.
Neue Männer unter alten Hüten?
Ich sprüh's an jede Häuserwand, Neue Männer braucht das Land! (Ina Deter)
Die sich Ende der 60er Jahre formierende Frauenbewegung führte zu erheblichen kulturellen Turbulenzen und zu tiefgreifenden Irritationen und Verunsicherungen in der Männerwelt. Auf allen Ebenen und in allen Bereichen wurden Männer von Frauen herausgefordert. Doch während Frauen in den vergangenen 30 Jahren eine rasante Entwick-

lung durchliefen, viele traditionelle Rollenbilder weit" ^,^,
ließen und selbstbewusst Verhaltensweisen und Eigenschaften für §ich in Anspruch nahmen, die bis dahin nur Männern vorbehalten waren, zeichnete es sich immer deutlicher ab, dass nur wenige Männer mit diesem Tempo Schritt zu halten vermochten. Von den Ereignisssen förmlich überrollt, blieben viele zurück und fühlten sich von den neuen (An)Forderungen feministischer Frauen gänzlich überfordert. Frauen beklagten daher, dass sie von Männern und deren mangelnder Bereitschaft zur Veränderung beständig blockiert würden. Geradezu paralysiert versuchten viele Männer, die Krise auszusitzen und muss-ten dabei zusehen, wie ihnen immer mehr kulturelle Sicherheiten abhanden kamen und eine männliche Bastion nach der anderen eingenommen wurde. Denn mit dem Verlust verbürgter Privilegien wurde nicht nur der männliche Herrschaftsanspruch empfindlich bedroht, auch bis dahin gültige Definitionen von Männlichkeit wurden massiv erschüttert. Indem Frauen begannen, sich selbst zu definieren und sich dem Zugriff von Männern, die über Jahrhunderte hinweg bestimmt hatten, was und wie Frauen seien, zunehmend entzogen, verloren Männer nicht nur immer mehr Macht über Frauen, ihnen kam auch das Wissen darüber abhanden, was sie denn selbst eigentlich seien. Nun wurde sichtbar, dass Männer sich eigentlich immer nur über das (von ihnen selbst entworfene) »andere« Geschlecht definiert hatten. Männlichkeit hatte sich geradezu in der permanenten Zurückweisung von Weiblichkeit und in der strikten Abgrenzung von allem, was als »weiblich« galt, konstituiert143. Indem Frauen diese" patriar-chalen Zuschreibungen von »Weiblichkeit« zurückwiesen, brachten sie das Fundament traditioneller Männlichkeit ins Wanken. Über den damit ei n hergehenden Einbruch ins männliche Selbstverständnis und -bewusstsein schrieb die Philosophin Elisabeth Badinter:
Männlichkeit erschien als etwas Selbstverständliches: strahlend, naturgegeben und der Weiblichkeit entgegengesetzt. In den letzten drei Jahrzehnten sind diese jahrtausendealten Selbstverständlichkeiten in sich zusammengebrochen. Indem die Frauen sich neu definierten, zwangen sie die Männer, das gleiche zu fun144.
Mittlerweile können Männer nicht mehr umhin, sich neu zu definieren und ihre Positionen Frauen gegenüber zu begründen. Dabei wurde erkennbar, dass sie weit stärker als Frauen traditionellen Geschlechterstereotypen verhaftet sind. Das mag nicht verwundern, denn diese stellen Männern schließlich immer noch gesellschaftliche und individuelle Macht über Frauen in Aussicht. Männer verlieren in den Zeiten des Feminismus zwar ihre traditionellen Rollen als Ernährer und Beschützer der Familie, doch diese ausgehöhlten Männlichkeitsideale wirken trotzdem fort - es lässt sich sogar die Tendenz beobachten, dass an diesen umso heftiger festgehalten wird, je weniger Substanz sie tatsächlich noch haben14. Stark angeschlagen zwar, aber umso hartnäckiger, treibt das Klischee vom »starken Mann« nach wie vor sein Unwesen. Zugleich zeichnet sich hinter dessen mühsam aufrechterhaltenen Fassade immer unerbittlicher die Baufälligkeit des traditionellen Männerbildes ab. So benannte der SPIEGEL in einem 1998 erschienenen Artikel Männer als das schwache starke Geschlecht und erblickte in dem männlichen Rollenverhalten einen heimtückischen Killer, das sich durch den rücksichtslosen Umgang mit dem eigenen Körper auszeichne und aufgrund seiner emotionalen Ausdrucksschwäche gravierende Gesundheitsschäden zur Folge habe. Auch Männer, so die Forderung, müssten endlich soziale Kompetenz erlernen, den Mythos der Unverwundbarkeit ablegen und behutsamer mit ihren Körpern und Gefühlen umgehen. Angesichts der an die Adresse von Männern gerichtete Flut an Gesundheitsratschlägen und Warnungen vor stressbedingten Krankheiten und frühem Tod stellt sich Mann-Sein in den 90ern geradezu als ein Gesundheitsrisiko dar.
Die Forderung, sich von althergebrachten und nicht mehr zeitgemäßen Männlichkeitsbildern zu lösen, ist daher in den letzten Jahren unüberhörbar geworden. Als Reaktionen auf die gesellschaftlichen Umbrüche sind eine Vielzahl neuer Männlichkeitsentwürfe - der »sensible Mann«, der »verunsicherte Mann«, der »bewegte Mann«, der »wilde Mann« ebenso wie der »neue Macho« - entstanden. Doch auch die traditionellen Männlichkeitsbilder wirken machtvoll fort und noch immer stellt es sich für jeden einzelnen Mann in unserer Gesellschaft als ein Wagnis dar, Verletzlichkeit, Emotionalität und Schwäche zuzulassen und öffentlich zu zeigen.
Nicht zu übersehen ist auch, dass die Antwort vieler Männer auf die Frauenbewegung und deren Forderungen in dem erbitterten Versuch besteht, ihre alten Machtansprüche zu stabilisieren und zu legi-


timieren. Dies wurde von Susan Faludi in ihrem Buch Die'/ schlagen zurück146 ausführlich dokumentiert. Wie aggressiv die männliche Reaktion auf den Verlust gesellschaftlicher und persönlicher Macht ausfallen kann, bezeugte der sprunghafte Anstieg der Gewalt gegen Frauen, der mit der einsetzenden Frauenbewegung in den 70er Jahren in den USA statistisch zu verzeichnen war147. Derzeit ist zu beobachten, dass neben der Verherrlichung eines neuen Maskulinismus ein pointierter Antifeminismus bei vielen Mannen als angesagt und durchaus chic gilt. In traditionellen Männerbünden wie Sportvereinen, Klubs und an Stammtischen, aber auch in den wirtschaftlichen und politischen Machtzentralen wird gerade letzterer (mehr oder weniger offen) gepflegt. Die sozialwissenschaftliche Männerforschung wertet diese heftigen Widerstände als Versuch, der ernsthaften Männlichkeitskrise des ausgehenden 20. Jahrhunderts und der damit einhergehenden individuellen Verunsicherung Herr zu werden148. Die Reaktion vieler Männer auf diese Krisen- und Umbruchsphase bestehe, so der Männerforscher Arthur Brittan, in einer maskulinen Überkompensation, von der die Unsicherheit und die Furcht vor Versagen fatalerweise aber nur noch mehr verstärkt werde149.
Neben der Bestätigung und Wiederbelebung herrschender Männlichkeitsformen ist jedoch auch die zunehmende Verweigerungshaltung (vor allem junger Männer) zu verzeichnen, den Idealen von männlicher Dominanz, Wettbewerb und rücksichtsloser Konkurrenz nachzueifern. Immer mehr Männer erkennen die Begrenzungen traditioneller Geschlechterzurichtungen und suchen nach Alternativen gelebten Mann-Seins. Die Verunsicherung traditioneller Männlichkeitsbilder birgt daher für viele Männer auch ein durchaus positives und konstruktives Potential in sich, das als Befreiung aus der Enge bürgerlicher Männlichkeit erlebt wird. So tritt uns in den 90ern eine bunte, vielfältige, oszillierende und verwirrende Palette an gelebtem Mann-Sein entgegen. Postmoderne Männlichkeit zeigt sich widersprüchlich, wandelbar und ist sich seiner selbst schon lange nicht mehr sicher. Der Suche nach einer stabilen Geschlechtsidentität steht die Lust an fortwährender Veränderung und das kreative Spiel mit immer neuen Identitäten gegenüber. Dem postmodernen Mann steht ein Höchstmaß an Identifikationsmöglichkeiten zur Verfügung, um seine individuelle Vorstellung von Männlichkeit in Szene zu setzen. Gerade in den Alternativ- und Subkulturen wird beständig mit der Produktion und der Inszenierung neuer Männlichkeitsentwürfe experimentiert, die erfahrungsgemäß früher oder später Eingang in die Gesamtgesellschaft finden. Zu beobachten ist hierbei vor allem, dass die Grenzen zwischen männlichen und weiblichen Identitätsentwürfen zunehmend verschwimmen und immer durchlässiger werden. Hatten in der Popkultur bereits frühzeitig androgyne Männer die Bühne betreten, zeichnet sich in den 90ern ein deutlicher Trend zu »weichen« und zunehmend ef-feminierten Entwürfen von Männlichkeit ab, der im Musikgeschäft zur unablässigen Produktion neuer »Boygroups« führt und in den letzten Jahren auch die Leinwände der Filmindustrie - in Gestalt androgyner Schauspieler wie Leonardo diCaprio - eroberte. Eine neue Generation sanfter und sensibler Helden löst die alternden Action-Helden ab und selbst altgediente Ikonen traditioneller Männlichkeit enthüllen ihre Empfindsamkeit - allen voran Clint Eastwood, der jahrzehntelange Garant für wahres und unbeirrtes Machotum. Zu den kassenfüllenden Überraschungserfolgen der letzten Jahre wurden Filme, die eine in die Krise geratene Männlichkeit vorführten, so etwa die englischen Iow budget-Movies The Füll Monthy (zu deutsch: Ganz oder gar nicht) und Brassed off (Mit Pauken und Trompeten), die sich in tragikomischer Weise mit den Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf das männliche Selbstbewusstsein auseinandersetzten. Hollywood reagierte auf dieses wachsende Publikumsinteresse mit Filmen, die die konfliktreiche Entwicklung männlicher Identität zum Inhalt hatten, so geschehen etwa in Cood Will Hunting und American History X. Gerade letzerer führte in seiner riskanten Gratwanderung zwischen Gewaltverherrlichung und Gewaltabsage aber auch drastisch vor Augen, dass mehr und mehr Jugendliche und junge Männer auf die Verunsicherung männlicher Geschlechtsidentität mit Aggression und Gewalt reagieren und zunehmend nach Sicherheiten und starken Autoritätsfiguren und -Strukturen in faschistischen Männerbünden suchen. Wut und Aggression gelten nach wie vor in weiten Teilen der männlichen Bevölkerung als einzig zulässige Gefühlsregungen für »richtige« Männer150.
Die eskalierende Gewaltbereitschaft von rechtsradikalen Gruppierungen auf Deutschlands Straßen sowie die allgemein zu verzeichnende Zunahme gewaltverherrlichender Jugendgangs künden jedoch nicht nur von einer Zeit männlicher Orientierungslosigkeit, sondern

zugleich auch von der radikalen Entschlossenheit die Herrschaft erneut und notfalls auch mit Gewalt zu befestigen. wissenschaftliche Interesse richtete sich daher in den letzten Jahren verstärkt auf die Sozialisation von Jungen, deren Gewalt- und Aggressionsbereitschaft immer wieder für Schlagzeilen sorgt.
Wie Jungen zu Männern gemacht werden
Außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann geeicht, Wann ist man ein Mann ? (Herbert Grönemeyer)
Mit seinem Buch Real Boys (zu deutsch: Richtige Jungen) gelang dem Psychologen William Pollack 1998 der Sprung auf die Bestsellerliste der meistgelesenen Bücher Amerikas151. Dessen These Wir müssen uns mehr um unsere Söhne kümmern traf offenbar den Nerv der Zeit und löste eine enorme Resonanz aus. Auch in Deutschland wurde unter dem Einfluss dieses Buches eine rege Diskussion um die Erziehung und Sozialisation von Jungen entfacht. Nun wird deutlich, dass die Sozialarbeit in all den Jahren die Jungen vernachlässigt hatte. Die neuesten Zahlen und Statistiken belegen ernsthafte Sozialisationspro-bleme und eine gravierende Orientierungslosigkeit von männlichen Jugendlichen in der heutigen Gesellschaft, die sie nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für sich selbst zur Gefahr werden lassen. Denn Jugendgewalt, Alkoholismus, Rechtsradikalismus und Jugendknast sind, darauf weist der Sozialpädagoge Michael Schenk in einer Studie von Psychologie Heute hin, spezifisch männliche Sozialisa-tionsprobleme. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass von Jungen achtmal so viele Straftaten ausgehen als von Mädchen, dass Jungen durch Unfälle dreimal so häufig den Tod finden und dass deren Selbstmordrate viermal so hoch ist152.
William Pollack erblickt die Gründe für die männliche Orientierungslosigkeit in dem derzeit stattfindenden gesellschaftlichen Umbruch und der damit einhergehenden kulturellen Ambivalenz, denen Jungen sich in ihrem Selbstfindungsprozess ausgesetzt sehen. Zwei dominante, jedoch widersprüchliche Vorstellungen von Männlichkeit regieren unsere Gesellschaft und deren Ansprüche werden durch Erziehung, Tradition und Kultur an die Jungen herangetragen. Zum einen zwingt das nach wie vor existierende traditionelle Ideal von Männlichkeit die Einpassung in eine geschlechtsspezifische Zwangsjacke, die das Ausleben vieler vitaler Gefühle verbietet und stattdessen männliche Unempfindlichkeit und Stärke einfordert. Jungen werden einem Abhärtungsprozess unterworfen, der sie bereits frühzeitig dazu zwingt, ihre Verletzlichkeit zu unterdrücken. Zugleich jedoch werden als Folge der feministischen Bewegung nun auch Sensibilität, Rücksichtnahme und Empfindsamkeit von ihnen eingefordert. Diese verwirrenden Botschaften problematisieren den Selbstfindungsprozess und führen zu gravierenden Verunsicherungen unter den männlichen Jugendlichen153.
Studien zur Sozialisation von Mädchen und Jungen belegen, dass trotz aller in den letzten zwei Jahrzehnten erhobenen Forderungen, Kindern eine gleiche Behandlung in der Erziehung zukommen zu lassen, das Vorherrschen einer geschlechtsspezifischen Sozialisation vorzufinden ist, die darauf abzielt, Jungen zur Unabhängigkeit und Selbstbehauptung zu erziehen, während Mädchen dazu angehalten werden, sozial, rücksichtsvoll und kommunikativ zu sein. Besonders deutlich treten die geschlechtsspezifischen Erwartungen bei der Mutter-Kind-Beziehung zutage. Während die Mutter-Tochter-Beziehung auf Nähe und Verbundenheit abzielt, ist die Mutter-Sohn-Beziehung bis heute von Sigmund Freuds These belastet, dass eine »normale« männliche Identitätsbildung die Ablösung und Emanzipation vom Mütterlich-Weiblichen voraussetzt, um über die Nachfolge und Identifikation mit dem Vater eine stabile männliche Identität aufzubauen. Diese in unserer Gesellschaft erwartete Trennung von Mutter und Sohn führt dazu, dass Frauen in ihrer Sorge, das Richtige für ihren Jungen zu tun, die Nähe mit diesem ab einem gewissen Zeitpunkt zu unterbinden suchen und diesen förmlich von sich stoßen. Da die Väter in der Erziehung häufig abwesend sind und selbst Schwierigkeiten damit haben, emotionale Nähe herzustellen und zuzulassen, kommt es zu einer gravierenden Orientierungslosigkeit und inneren Vereinsamung des Sohnes. Dem Schmerz und der Verlassenheitsangst, die diese Trennung im Jungen auslösen, darf in unserer Kultur kein Ausdruck verliehen werden, und so lernen Jungen schon frühzeitig, ihre natürlichen Gefühle und ihr Verlangen nach Wärme, Geborgenheit und Zugehörigkeit zu verbergen und eine Maske aus Coolness und Emotionslosigkeit überzuziehen. Von den Medien wer-

Wie langen zu Mannen» gemacht werden
den ihnen hierbei Helden zur Identifikation angeboten, die ihnen Stoizismus, Härte und den Triumph von Aggression vorlebend.
Die geschlechtsspezifische Erziehung bildet den Grundstein für die Entstehung einer männlichen Identität, die durch Trennung, Diffe- renzierung und Leugnung affektiver Bindungen bestimmt ist^. indem der Junge Abhängigkeit, Zuneigung und Identifikation mit der Mutter leugnen muss, verdrängt er Eigenschaften, die er fortan für »weiblich« hält und er beginnt, mit seiner Mutter alle Frauen zurückzuweisen. An der Wurzel dieses Erziehungsprogramms, das dem Jungen eine stabile »männliche« Identität sichern soll, sind somit Unsicherheit und Angst zu finden und ein unterschwelliger Neid auf Frauen wird frühzeitig in die männliche Identität eingebaut, der später häufig die Gestalt von Frauenverachtung annehmen wird. Aus psychoanalytischer Sicht zeigt sich die hohe Aggressionsbereitschaft von Jungen und Männern geradezu als Folge des geforderten Bruchs in der Identifikationsliebe mit der Mutter155.
Es ist daher an der Zeit, vom Mythos der männlichen Autonomie Abschied zu nehmen und den Jungen dieselbe emotionale Sicherheit zukommen zu lassen wie ihren Schwestern. Jungen sollten selbst bestimmen, so William Pollack, in welchem Tempo und in welchem Alter sie den Ablösungsprozess von ihren Müttern wünschen. Starke, unabhängige und selbstbewusste Mütter gelten ebenso wie Väter, die bereit sind, sich von patriarchalen Rollenstererotypen zu befreien, mittlerweile als die besten Garanten für eine positve Sozialisation der Söhne. Einschneidende Veränderungen, so die Pädagogik und Frauenforscherin Carol Hagemann-White, müssen nun von Männern selbst vorgenommen werden.
Männer müssen sich klarmachen, daß sie eine neue Generation nicht anders erziehen können, solange sie selbst so bleiben, wie sie sind. Sich kümmern um die Jungensozialisation heißt auch, mit der Veränderung bei sich selbst beginnen156. Als Reaktion auf die Erkenntnis, dass Männer sich aus ihrer geschlechtsspezifischen Zwangsjacke befreien müssen, um ihren Söhnen ein Vorbild und ihren Ehefrauen, Partnerinnen, und Freundinnen ein emanzipiertes Gegenüber zu werden, zugleich aber auch ihrem eigenen Leben eine bessere Qualität und eine größere Fülle zu verleihen, setzten sich Männer in den 80er Jahren in Bewegung. In dem Bestreben, sich von traditionellen und limitierenden Männlichkeitsidealen zu befreien, begann sich eine Männerbewegung am Vorbild und als Antwort auf die Frauenbewegung zu formieren, innerhalb derer verschiedene Strömungen, Richtungen und Zielsetzungen vorzufinden sind. Die wohl bekannteste und medienwirksamste stellt die mythopoetische Männerbewegung dar.
Die Suche nach dem Wilden Mann
Was ich damit andeuten will, ist, daß jeder heutige männliche Mensch auf dem Grunde seiner Psyche ein großes, primitives Etwas liegen hat, von Kopf bis Fuß mit Haaren bedeckt. Mit diesem Wilden Mann Kontakt aufzunehmen ist ein Schritt, den der Mann der achtziger und neunziger Jahre noch vor sich hat. (Robert Bly)
1990 erschien mit Robert Blys Iron John (zu deutsch Eisenhans) ein Buch, das innerhalb kürzester Zeit die Bestsellerlisten eroberte und sowohl in den englischsprachigen Ländern als auch in Deutschland für großes Aufsehen in den Medien und für Zündstoff in unzähligen öffentlichen und privaten Diskussionen zwischen Frauen und Männern sorgte.
Robert Bly ruft in diesem Buch seine Geschlechtsgenossen dazu auf, sich nicht länger von Frauen und den Forderungen der Frauenbewegung verunsichern zu lassen. Die Zeit sei reif für eine Männerbewegung, die sich einzig auf sich selbst und auf die Wiedergewinnung einer elementaren und ursprünglichen »Männerenergie« besinne. Männer, so die Forderung, müssten sich auf die Suche nach ihrer von der Zivilisation verschütteten und seitens der feministischen Bewegung unterdrückten »authentischen Männlichkeit« machen.
Mit dem Erfolg seines Iron John avancierte Robert Bly zum einflussreichsten Repräsentanten der mythopoetischen Männerbewegung, die sich in den 90ern als die populärste Strömung der zeitgenössischen Männerbewegung durchsetzen sollte157. Unter diesem Ein-fluss machen sich Männer auf, um den »wilden Mann« und den »inneren Krieger« in sich wiederzuentdecken. In der eigentümlichen Mischung aus Naturmystik, Körperkult, Spiritualismus, Jungscher Psy-

chologie und Lagerfeuerromantik liegt offenbar die Faszin-
ation der Bewegung begründet. Vor allem Männer der bürgerlich-akademischen und finanziell wohlsituierten Mittelschicht fühlten sich von den Inhalten und Zielen dieser Bewegung angesprochen. Dies mag nicht verwundern, war es schließlich gerade die bürgerliche Schicht, deren traditionelle Herrschaftsansprüche seitens der Frauenbewegung von Anfang an am entschiedensten in Frage gestellt wurden. Diesem zeitgenössischen Einbruch in die männliche Herrschaftsdomäne und in das männliche Selbstbewusstsein setzt Robert Bly die Reaktivierung einer maskulinen »Urkraft« entgegen, die durch die Orientierung an starken väterlichen Autoritätsfiguren und einer neuen solidarischen Kraft unter Männern erlangt werden soll. Durch Initiationsrituale, etwa durch gefährliche und waghalsige Auseinandersetzungen mit der Natur, soll es Männern ermöglicht werden, den Kontakt mit ihrer »ursprünglichen« Männlichkeit wiederherzustellen. Diese Lehre wurde vor allem von Sam Keen in seinem Besteller Fire in the Belly (zu deutsch: Feuer im Bauch), das neben Iron John das einflussreichste Buch der mythopoetischen Männerbewegung darstellt, populär gemacht. Um sich der ebenen Männlichkeit zu versichern, bedürfe es Sam Keen zufolge gar 4sr Begegnung mit einem Bären:
Es gibt immer noch, Lektionen, die man am besten lernt, wenn man sich einem Baren auf einem schmalen Pfad gegenüber sieht oder in einem kleinen Boot einen Sturm auf dem Meer überstehen muß158.
Als wichtigste Voraussetzung für die Wiedererlangung einer »elementaren« und »authentischen« Männlichkeit gilt der Rückzug von den Frauen und vor allem die Trennung von den Müttern. So soll die vom Feminismus bedrohte und geschwächte Männlichkeit mit n' u-er Kraft versehen werden, die sich dann gerade in der entschiedenen Zurückweisung feministischer Positionen zu beweisen vermag. Der Erkenntnis der zeitgenössischen Geschlechterforschung, dass »Männer"gleichsam »instinkthafte« Männlichkeit wiederzuentdecken und zu reaktivieren.
Unter dem starken Einfluss der mythopoetischen Männerbewegung gerieten weite Teile der Männerbewegung in Amerika, aber auch deren Ausläufer in Deutschland, in ein zunehmend reaktionäres und antifeministisches Fahrwasser. Blys männeridentifizierter Ansatz setzt auf Separatismus und Geschlechtertrennung anstatt auf eine Geschlechterverständigung hinzuwirken. Indem es Bly in seinem Buch darüberhinaus gelang, Männer nicht nur als G3schädigte der feministischen Bewegung, sondern auch als die Opfer der patriarchalen Kultur darzustellen, kam es zu einer bizarren Verzerrung der tatsächlich vorliegenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse.
Diese männeridentifizierten und antifeministischen Tendenzen der Mythopoeten werden von einer anderen Strömung innerhalb der zeitgenössischen Männerbewegung, der Kritischen Männerforschung entschieden zurückgewiesen.
Die profeministische Männerbewegung
Masculinity has always tried to be present everywhere äs the source ofeverything and this is what makes it hard to write about. Masculinity has to be unmasked, separated from the role it wants to play by pretenting to be the human, the normal, the soc/a/159.
Neben der für viel Aufsehen in den Medien und der Öffentlichkeit sorgenden mythopoetischen Männerbewegung etablierte sich in den USA und Kanada aber auch eine explizit profeministische, frauenidentifizierte und antisexistische Männerbewegung. Mit der Gründung der National Organization for Men against Sexism (NOMAS) begann sich diese Mitte der 80er Jahre in Amerika zu formieren. Dem Vorbild der Frauenbewegung folgend, wurde von profeministischen Männern eine Verbindung von politischem Handeln und akademischer Forschung angestrebt. So begann sich in deren politischem Umfeld an den amerikanischen und kanadischen Universitäten die Disziplin der Men's Studies herauszubilden, deren Theoretiker sich ausdrücklich der feministischen Forschung und der politischen Frauenbewegung verpflichtet zeigen160.

Damit erhielten männliche Theoretiker Eingang in den Bereich der feministischen Forschung, die bis dato als explizit weibliche Domäne gegolten hatte. Das Geschlecht des Mannes wurde zur Erforschung freigegeben und in dem Maße, in dem zuvor bereits »Weiblichkeit« als ein soziokulturelles, historisches Konstrukt diskutiert und die normativen und stereotypisierten Frauenbilder als Zurichtungen und Imaginationen des Patriarchats161, als »Männerphantasien«162 erkannt worden waren, enthüllte sich nun auch die Kategorie »Männlichkeit«, die bis dahin als die Norm gegolten hatte, an der Frauen gemessen und als das »Andere«163 befunden worden waren, als ein gesellschaftlich hergestelltes, historischen Veränderungen unterliegendes und von mannigfaltigen Machttechniken hervorgebrachtes Produkt. Beeinflusst von konstruktivistischen Geschlechtertheorien begreifen die Men's Studies Männlichkeit nicht als eine »natürliche«, dem Körper eingeborene und biologisch begründete Substanz, sondern betonen deren Performanzcharakter. Michael Kimmel, einer der führenden amerikanischen Männlichkeitsforscher, fasste die neue Sichtweise von Mär i-lichkeit folgendermaßen zusammen:
Männlichkeit ist weder statisch noch zeitlos, sondern historisch. Männlichkeit ist nicht Ausdruck einer inneren Essenz, sondern ein soziales Konstrukt. Männlichkeit steigt nicht aufgrund unserer biologischen Veranlagung in unser Bewusstsein auf, sondern wird von der Kultur geschaffen. Männlichkeit bezeichnet verschiedene Dinge zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten164.
Das Anliegen der männerdominierten Kultur ist es jedoch, den Herstellungsprozess von Männlichkeit zu verschleiern und unsichtbar zu machen, um sich so als das universelle, gleichsam naturhaft herrschende Prinzip in Szene zu setzen. Männlichkeit, so der Konsens der neuen Männerforschung, bedürfe daher einer grundlegenden Demaskierung, Denaturalisierung und Entmythologisierung165.
Untersucht wird in diesem Zusammenhang nicht nur, wie Männlichkeit konstruiert wird, sondern zu welchem Zweck Männer zu Männern gemacht werden. Mit der Erforschung und Ergründung dieser Herstellungsprozesse soll auf eine Wandlung traditioneller Männlichkeitsformen und auf die grundlegende Veränderung der hierarchien sehen Geschlechterordnung hingewirkt werden166. Seitens der Men's Studies wird die tiefgreifende Kritik des Feminismus an patriarchalen Männlichkeitsentwürfen und an der hierarchischen Geschlechterordnung geteilt. Diese Geschlechterordnung wird als ein Herrschaftsund Gewaltverhältnis verstanden, das Frauen gravierend benachteiligt und unterdrückt und Männern aufgrund ihrer machtvollen Positionen in Politik, Wirtschaft, Recht und Kultur vielfältige Privilegien und Vorteile einräumt.
Während die Men's Studies in den englischsprachigen Ländern mittlerweile eine anerkannte Forschungsrichtung darstellen, konnte deren deutsches Äquivalent, die Kritische Männerforschung, an den Hochschulen bislang nur in Ansätzen Fuß fassen167. Hierzulande ist neben der Begeisterung für die mythopoetische Wiederbelebung des »Wilden Mannes« stattdessen eine starke Fokusierung auf psychologische und therapeutische Selbsterfahrungsliteratur zu verzeichnen. Diese tendiert in ihrer apolitischen Ausrichtung jedoch dazu, gesellschaftliche Gesamtzusammenhänge und real existierende Machtverhältnisse auszublenden und stattdessen einzig die individuelle männliche Selbsterfahrung in den Mittelpunkt zu stellen. Mit dem Blick auf die männliche Lebenssituation betonen diese Schriften den hohen emotionalen und gesundheitlichen Preis, den Männer für ihre Zugehörigkeit zum herrschenden Geschlecht entrichten müssen168.
Die Erkenntnis, dass Männer aufgrund ihrer machtvollen gesellschaftlichen Positionen ein großes gesundheitliches Risiko in Kauf nehmen und als Folge des herrschenden Ideals von einer rationalen, gefühlsbeherrschten und selbstkontrollierten Männlichkeit gravierende Einbußen an Lebensqualität und -Intensität hinnehmen müssen, wird seitens der Theoretiker der Men's Studies durchaus geteilt. Grundlegend kritisiert wird jedoch die zu beobachtende Tendenz unter Männern, die alltäglichen Privilegien und die politische, legale und ökonomische Dominanz, die sie nach wie vor über Frauen ausüben, unreflektiert zu lassen und sich stattdessen selbst zu einer Art Opfer zu stilisieren169. Seitens der Kritischen Männerforschung wird daher auf die paradoxe Erscheinung hingewiesen, dass Männer in unserer Kultur zwar die gesellschaftliche Macht innehaben, dass die meisten Männer sich jedoch überhaupt nicht mächtig, sondern im Gegenteil, geradezu machtlos fühlen. Trotzdem, so die Forderung,

müssten Männer erkennen, dass sie aufgrund ihres Geschlechts in den Genuss vielfältiger Privilegien und Vorteile kommen. Dies müsse sowohl auf politischer als auch auf persönlicher Ebene von Männern durchdrungen werden und eine Veränderung des herrschenden Ungleichgewichts zwischen den Geschlechtern angestrebt werden. Erst dann könnten Männer dazu übergehen, ihre eigene Unterdrückungssituation in der kapitalistisch-patriarchalen Industriegesellschaft zum Thema zu machen.
Vielfältige Männlichkeiten
Über Männlichkeit als ein und dasselbe Wesen quer durch die Unterschiede von Ort und Zeit zu reden, bedeutet einen Abstieg ins Absurde. Schon eine bescheidene Untersuchung dieses Sachverhalts wischt Soziobiologie hinweg und ebenso jegliches Schema von genetischer Bestimmtheit oder jedwede ontologische oder poetische Darstellung männlicher Essenzen, die als glaubwürdige Belege von Männlichkeit daherkommen. (Robert Connell) Der Soziologe Robert Connell, einer der wichtigsten Theoretiker der Men's Studies, bescheinigte den meisten Schriften über Männlichkeit, insbesondere der psychologischen Selbsterfahrungsliteratur und der mythopoetisehen Männlichkeitsliteratur, einen bedenklichen Ethno-zentrismus, der dazu tendiere, die Erfahrungen der weißen, westlichen Mittelschicht zu universalisieren und zu generalisieren. Hier wird ein Diskurs über Männlichkeit aus der Sichtweise und aus dem Erleben von (höchstens) fünf Prozent der männlichen Weltbevölkerung geführt170. Wie sehr Männlichkeit kulturell divergiert und wie höchst unterschiedlich die Erwartungen verschiedener Gesellschaften an Männer sind, belegen weltweite ethnologische Studien, die Kulturen aufzeigen, in denen es männliche Aggressivität und Vergewaltigung nicht gibt, in denen Männer für die Kindererziehung und der innerhäuslichen Bereich zuständig sind, in denen Männer als emotionaler und gefühlsmäßiger gelten als Frauen, in denen männliche Homosexualität eine gesellschaftlich anerkannte Form der Sexualität ist171. Die Argumentation, der Soziobiologie, der zufolge die männliche Vorherrschaft auf einem genetischen und hormonellen Aggressionsvorsprung basiere und die westliche Arbeits- und Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern die »natürliche« Konsequenz einer grundsätzlichen, in den biologischen Körpern begründeten Verschiedenheit von Frauen und Männern sei, wird von ethnologischen Befunden widerlegt und ad absurdum geführt.
Auch innerhalb des westlichen Kulturkreises genügt bereits ein Blick auf die Geschichte, um der Vielfalt und der sich im Verlauf der Zeit unablässig verändernden Vorstellungen von Männlichkeit gewahr zu werden. Angesichts der unterschiedlichsten kulturellen, sozialen, individuellen und ethnischen Modelle von Männlichkeit innerhalb unserer Gesellschaft müssen wir von der traditionellen Vorstellung einer unitären und statischen Männlichkeit Abschied nehmen. Vielfältigkeit, Wandelbarkeit und Variation moderner Männlichkeitsentwürfe legen es vielmehr nahe, von Männlichkeiten als multiple mas-cullinities172 zu sprechen.
Die vielen unterschiedlichen, individuellen und gesellschaftlichen Männlichkeitsentwürfe stehen jedoch keineswegs gleichberechtigt nebeneinander, sondern werden in unserer Gesellschaft in einem hierarchischen Machtverhältnis von hegemonialen und untergeordneten Männlichkeitsformen zueinander angeordnet173. Hegemoniale Männlichkeit meint eine dominante Form von Männlichkeit, die sich durch den Herrschaftsanspruch über Frauen definiert, zugleich aber auch die Ausgrenzung anderer Männer und alternativer Formen von Männlichkeit zum Ziel hat. In Anlehnung an Michel Foucaults Machtanalyse wird hegemoniale Männlichkeit dabei nicht als eine statische, unveränderliche Machtform verstanden, sondern als eine sich historisch und regional ständig verändernde Strategie der Machtausübung, eine kulturelle Dominanz, deren Überlegenheit in einem permanenten Kräftespiel erreicht, verteidigt und befestigt wird174. Die Untersuchung hegemonialer Männlichkeit(en) muss daher der Frage nachgehen, welche Gruppen von Männern vorzugsweise Zugang zu Machtpositionen erhalten und wie seitens dieser die eigene gesellschaftliche Vorherrschaft produziert, legitimiert und abgesichert wird.
Als Grundvoraussetzung für die Zugehörigkeit zur hegemonialen Männlichkeit sind hierbei vor allem drei Kriterien zu nennen: eine weiße Hautfarbe, die Zugehörigkeit zur bürgerlichen oder oberen Gesellschaftsschicht sowie eine heterosexuelle Orientierung. Als der ideale Repräsentant dieser dominanten Männlichkeitsform gilt der

junge, verheiratete, weiße, städtische, heterosexuelle, protestantische Familienvater mit Universitätsausbildung, Vollzeitbeschäftigung; ansprechender physischer Erscheinung und körperlicher Gesundheit^. Die signifikantesten Gruppen untergeordneter Männlichkeiten bilden folglich farbige Männer und Männer anderer Ethnien, Angehörige der Unterschicht, sowie schwule und effeminierte Männer. Auch Sozial-und Bildungsstatus ebenso wie das Alter entscheiden über den Zugang zu Domänen hegemonialer Männlichkeit. Gezielt marginalisiert und diskriminiert werden darüber hinaus alternative Männlichkeitsentwürfe, die sich dem patriarchal verordneten Muster entziehen oder explizit dagegen opponieren. Zu nennen sind hier insbesondere alleinerziehende Väter, teilzeitarbeitende Männer, Hausmänner und feministische Männer.
Von den vielfältigen politischen Strategien, der sich hegemoniale Männlichkeitsformen zur Herrschaftsdurchsetzung bedienen, sollen drei besonders herausgriffen werden. Da die Erlangung und erfolgreiche Ausübung von Herrschaft an die Fähigkeit gebunden ist, sprachlich benennen und andere überzeugen oder manipulieren zu können, kommt den kommerziellen Massenmedien in unserer Gesellschaft eine entscheidende Schlüsselfunktion zu. So werden durch die Werbung gesellschaftlich erwünschte Männer- und Frauenbilder gezielt konstruiert, transportiert und zur Nachahmung anempfohlen. Des weiteren basiert die männliche Hegemonie auf der traditionellen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, die »Männerarbeit« einen höheren sozialen Status (und damit eine bessere materielle Entlohnung) zuspricht als »Frauenarbeit«. Innerhalb der »Männerarbeit« selbst werden wiederum einige Berufe als männlicher (und damit wertvoller) angesehen als andere. Drittens schließlich ist der Staat entscheidend in der Aushandlung unr* Durchsetzung von hegemonialen Männlichkeitsformen involviert. So stellte etwa die Kriminalisierung der Homosexualität im 19. Jahrhundert einen entscheidenden Faktor für die Konstruktion der hegemonialen Form heterosexueller Männlichkeit dar. In der Gegenwart wird die Durchsetzung der konventionellen heterosexuellen Ehe seitens des Staates auf subtilere Weise, etwa durch ökonomische Anreize und Steuererleichterungen, erwirkt176.
Hegemoniale und untergeordnete Männlichkeiten stehen zwar in einem permanenten Spannungs- und Machtverhältnis zueinander, doch gleichzeitig ist auch zu beobachten, dass sich die Aggression machtloser Männer seltener gegen ihnen überlegene Männer als vielmehr gegen Frauen und andere marginalisierte Männergruppen richtet. Die hohe Gewaltquote gegen Frauen in den Unter- und Randschichten belegt dies ebenso wie das ritualisierte »Schwüle-Klatschen« seitens ausländischer Jugend-Gangs. In einem nicht zu unterschätzenden Maß, darauf weisen Theoretiker der Men's Studies hin, können priviligierte Männer mit dem Einverständnis unterpriviligierter Männer rechnen. Denn das Modell hegemonialer Männlichkeit, das nur einer begrenzten Anzahl von Männern zugänglich ist, stellt zugleich allen Männern eine Teilhabe an der Macht in Aussicht. Zwar sind die wenigsten Männer Bogarts oder Stallones, fast alle profitierten jedoch von diesen idealisierten und machtvollen Männlichkeitsbildern177. Aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit wird also auch Männern, die ihrerseits von patriarchalen Strukturen unterdrückt werden, eine Partizipation an der Macht durch die verbürgte Herrschaft über Frauen eingeräumt. Letztendlich einigen sich hegemoniale und untergeordnete Männlichkeiten in einer großen Koalition gegenüber Frauen.
Ungeachtet aller Differenzen zwischen Männern gibt es verbindende und verbindliche Knotenpunkte: die klassen- und kulturübergreifende Dominanz von Männern über Frauen; die ökonomische Vormachtstellung von Männern; die symbolische (sprachliche, juristische, wissenschaftliche, mediale etc.) Repräsentativi-tät des männlichen Subjekts; die Normativ/tat von Hetero-sexualität; die Idealisierung männerkörperlicher Virilitäfi78.
Diese Partizipation an der Macht aufgrund des Geschlechts wird als die patriarchale Dividende bezeichnet179. Die Institutionalisierung männlicher Dominanz über Frauen verspricht somit allen Männern eine, wenn auch gesellschaftlich und individuell höchst unterschiedliche - Gewinnausschüttung.
Männer-Herrschaft, MännerMacht und MännerAngst
Ich bin seit ich was von mir weiß auf Kraft und Siegen programmiert. Im Sagen groß. Das Herz zumeist auf breite Schultern reduziert. (Konstantin Wecker: Lied vom Mannsein)

Seitens der Männerforschung wird ein gezielter Blick auf Ent- stehung, Entwicklung und Durchsetzung von Männlichkeitsbildem und -idealen gerichtet. Dabei wird deutlich, dass die Männlichkeitskonzeption des aufstrebenden Bürgertums im 18. Jahrhundert, die bis zum heutigen Tag Anspruch auf universelle Gültigkeit und gesellschaftliche Vormachtstellung erhebt, Vernunft, Rationalität, Autonomie und Selbstkontrolle zu spezifisch männlichen Attributen erklärt180. In der Folgezeit kam es zu einer Synthese von Männlichkeit und rationaler Vernunft, die von philosophischer Seite (allen voran von Kant, dem einflussreichsten Philosophen der Aufklärung) so erfolgreich befestigt wurde, dass die männliche Herrschaft als eine »vernünftige« und somit moralische Hegemonie erschien und nahezu unanfechtbar wurde181. Gleichzeitig trugen Natur- und Geisteswissenschaften dazu bei, diesen Männlichkeitsentwurf als die natürliche Ordnung der Dinge zu proklamieren und dabei so tief in der Natur zu verankern, dass er bis heute einen Anspruch auf Vorbildcharakter und verbindliche Gültigkeit erheben kann182.
Im Namen und im Schutz dieser rationalen Vernunft begannen Männer die Stimmen anderer zum Verstummen zu bringen - hegemoniale Männlichkeit legte dabei zunehmend totalitäre und kolonialistische Züge an den Tag, die sich in der Folge gegen Frauen und Angehörige anderer Ethnien und Klassen, schließlich aber auch selbstdestruktiv gegen ihr eigenes Subjekt richteten. Die Philosophen Adorno und Horkheimer haben auf den repressiven und tendenziell (selbst)zerstörerischen Charakter der männlichen Identitätsbildung hingewiesen:
Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird in jeder Kindheit wiederholt™3.
Kennzeichnend für die moderne Männlichkeit ist die Selbstidentifizierung mit einer Vernunft, die durch Herrschaftsansprüche, Grenzziehungen, Abspaltungen und Verdrängungen bestimmt ist. Seitens dieser rationalistischen Vernunft werden die Verleugnung, Blockierung und Repression emotionaler, körperlicher und sinnlicher Bedürfnisse und Sehnsüchte eingefordert und Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung zu essentiellen Indikatoren von Männlichkeit erklärt.
Das heißt, das moderne, bürgerliche Subjekt ist zunächst einmal: Selbstbeherrschung, Selbstdisziplin, Herrschaft über die eigene, innere Natur, und zwar als »Männlichsein« des Mannes (gegen)-über sich selbst, als Selbststilisierung und -affirmierung seiner selbst als Mann™4.
Die erfolgreiche Installierung der Herrschaft über sich selbst -durchgesetzt mit Hilfe der rationalen Vernunft - stellt im bürgerlich-patriarchalen Denken die unabdingbare Basis für die Errichtung von Herrschaft über andere dar. Nur wer Herr seiner selbst ist, kann in diesem System legitimerweise Herrschaft über andere beanspruchen und erlangen. Als Folge entstanden im 18. Jahrhundert rationale, kalkulierende und kontrollierte Männlichkeitsformen. Der Bürokrat und der kapitalistische Geschäftsmann bildeten sich als neue soziale Typen heraus, die den bürgerlichen Verhaltenskodex entscheidend prägten und in der Folgezeit repräsentieren sollten. Besonders deutlich lässt sich die bürgerliche Versachlichung und Rationalisierung an der Mode beobachten. Hatten Männer bis zur französischen Revolution ebenso prächtige Kleidung wie Frauen getragen und Schminke, Perücken und Puder benutzt, trat mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert der schwarze Frack seinen Siegeszug an, der dem Manne fortan ein betont gedämpftes und kontrolliertes Auftreten verlieh. Diese forciert rationalistische Männlichkeit wurde in der Folgezeit zum männlichen Geschlechtscharakter per se erklärt. Durch den Ausbau des bürokratischen Staatsapparats und der gleichzeitigen Entstehung von Massen- und Berufsarmeen wurde gleichzeitig die Institutionalisierung der männlichen Macht vorangetrieben. Als Folge der voranschreitenden Militarisierung Europas entstand ein neuer Idealtyp von Männlichkeit, der die Imaginationen eines allzeit selbstbeherrschten, mutigen und ehrenhaften Mann-Seins in sich vereinte: der soldatische Mann. In den preußischen und wilhelminischen Offizierkorps, in denen das Ausleben männlicher Gewalt mit strengster Disziplin, Selbstkontrolle und Rationalität gepaart wurde, feierte dieser Männlichkeitsentwurf seine Höhepunkte185.
Diese radikale Zurichtung des männlichen Subjekts, die mit der planmäßigen Austreibung all dessen einherging, was als emotional,

sinnlich, unbeherrscht und damit als »weiblich« galt, führte jedoch schon frühzeitig zum Aufbegehren gegen diese Limitationen und zur Entstehung alternativer und/oder rebellierender Männlichkeitsentwürfe. Dies deutete sich bereits im späten 18. Jahrhundert mit der Wiederentdeckung des »Wilden Mannes« in der Romantik an, einer legendenumwobenen, mythischen Gestalt des Mittelalters, dessen un-gebändigte und »unzivilisierte«.Maskulinität dem naturfernen, entkör-perlichten und intelligiblen Männlichkeitsideal der Aufklärung trotzig entgegengestellt wurde. Es ist übrigens dieser »Wilde Mann«, der von der zeitgenössischen mythopoetischen Männerbewegung enthusiastisch gefeiert wird.
Im England des 19. Jahrhunderts bildete sich in der Ära des kultivierten Viktorianismus die Bewegung einer elementaren, aggressiven und »primitiven« Männlichkeit heraus, die unter der Bezeichnung muscular christianity bekannt werden sollte186, während im Amerika dieser Zeit die Idee einer »wilden Männlichkeit« von Philosophen und Schriftstellern wie Emerson, Whitman, Cooper und Melville zelebriert wurde187. Zu beobachten ist, dass diese tendenziell »barbarischen« Männlichkeitsentwürte insbesondere an historischen Bruchstellen und zu Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungen Gestalt annahmen, an le-nen traditionelle Männlichkeitsvorstellungen radikal in Frage gestellt wurden und Männer sich nicht nur in ihrer Identität, sondern auch in ihrem Herrschaftsanspruch bedroht fühlten. So ist die Entwicklung einer robusten und aggressiven Maskulinität im viktorianischen England als die einsetzende Krisenstimmung bürgerlicher Männer zu verstehen, die sich durch die revoltierende Arbeiterklasse und den Beginn der feministischen Bewegung zunehmend verunsichert fühlten. Der Kult einer naturnahen, instinkthaften und letztlich gewaltsamen Männlichkeit floss in die Moderne ein, in der sich der englische Schriftsteller D. H. Lawrence als einer ihrer einflussreichsten Repräsentanten erweisen sollte und wirkt bis in die zeitgenössische mythopoetische Männerbewegung fort, in der Robert Bly Männer dazu auffordert, diese archaische und elementare Männlichkeit in sich wiederzuent-decken188.
Der barbarisch-wilde Männlichkeitsentwurf gemeinsam mit dem rationalistisch-soldatischen Männlichkeitsideal wurden nach dem Ersten Weltkrieg von faschistischen Bewegungen in ganz Europa aufgefangen und gingen schließlich im deutschen Faschismus eine schreckliche Allianz ein. Erst die Niederlage des Faschismus brachte das Ende der Glorifizierung einer Männlichkeit mit sich, die durch Irrationalität, Gewalt und Barbarei gekennzeichnet war. Neben dieser waren auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges aber auch die Ideale der Aufklärung, der Glaube an Zivilisation und Humanität und die daran geknüpfte Vorstellung von einem vernünftigen und moralisch handelnden, männlichen Subjekt nahezu zerstört worden189.
Als Folge verdichtete sich nach dem Zweiten Weltkrieg die vielzitierte Krise der modernen Männlichkeit, die kennzeichnend werden sollte für das gesamte 20. Jahrhundert. Unter dem Einfluss der modernen Frauenbewegung spitzte sich diese unaufhaltsam zu und mündete im ausgehenden Jahrhundert geradezu in eine Agonie traditioneller Männlichkeit.
Ich weiß noch nicht, wohin das führt, da ist nur was, was ängstlich macht; was plötzlich all meine Gefühle untersucht und überwacht. (Konstantin Wecker: Lied vom Mannsein)
Trotz des noch bestehenden Macht- und Gewaltmonopols von Männern in unserer Gesellschaft erweist sich »Männlichkeit« mittlerweile als ein äußerst fragiles und höchst zerbrechliches Konstrukt. In unserem Jahrhundert liegen Männermacht und Männerangst eng und nahezu ununterscheidbar nebeneinander190. Sozialwissenschaftliche und psychoanalytische Untersuchungen über Männlichkeit(en) bezeugen, in welchem Ausmaße die eigene Geschlechtsidentität von Jungen und Männern als ambivalent, fragil und instabil, als ein geradezu artifizieller und fiktionaler Zustand wahrgenommen wird, der errungen, erkämpft und unablässig unter Beweis gestellt werden muss und dessen man(n) sich trotzdem nie sicher sein kann. Orientierungs-losigkeit, Unsicherheit und die latente Furcht vor Verlust der Männlichkeitsattribute kennzeichnen der Männerforschung zufolge geradezu die moderne männliche Erfahrungswelt.
Der Männlichkeitsbeweis wird dort besonders bedeutsam, wo der Ausschluss von Macht, Kontrolle und gesellschaftlichem Status am signifikantesten ist und Männlichkeit sich folglich am stärksten bedroht fühlt. Je weniger gesellschaftliche Macht Männer innehaben, desto mehr tendieren sie dazu, eine »harte« Männlichkeit in Szene zu

setzen. Dies belegt die höhere Aggressions- und Gewaltbereitschaft in den Unterschichten ebenso wie die Zunahme von Gewalt unter arbeitlosen Jugendlichen191.
Doch auch hegemonialen Männlichkeitsformen liegt offensicht- lich eine fundamentale Unsicherheit zugrunde. So hatte Klaus Theweleit in seinem bahnbrechenden Werk Männerphantasien am Beispiel soldatischer Männer aufgezeigt, in welchem Ausmaße deren maskuline Selbstinszenierungen und Gewaltphantasien von der tiefen Angst vor Frauen motiviert waren. Die Psychoanalytikerin Karen Horney hatte bereits 1932 in ihrer Studie Die Angst vor der Frau aufgezeigt, dass der männerdominierten Kultur eine latente Furcht vor Frauen und die permanente Angst vor Verlust der männlichen Macht zugrundeliegt192. Denn jeder Herrschaftsanspruch, der den Versuch darstellt, Abhängigkeit zu leugnen und sich selbst in übersteigerter Allmachtsphantasie als das Einzige zu denken, zeigt sich in Wirklichkeit auf die Existenz anderer und deren Anerkennung angewiesen. Die patriarchale Herrschaft befindet sich damit geradezu in einer radikalen Abhängigkeit von Frauen, die sowohl für die männliche Selbstdefinition als auch für die männliche Herrschaftsausübung unabdingbar sind. Frauen sind es, die Männern ihrer Männlichkeit versichern oder sie ihnen versagen können.
Auch ethnologische Studien über Initiationsriten und Männlich-keitsrituale weisen darauf hin, dass Männlichkeit nicht als e n »natürlicher«, anatomisch begründeter Zustand wahrgenommen wird, sondern vielmehr als ein Ungewisser und gefährdeter Status, der Prüfungen, Rituale und Praktiken bedarf, um sich seiner selbst zu vergewissern und sich im Außen zu beweisen. Dies wird von dem Männlichkeitsforscher David Gilmore, der sich mit weltweiten Initiationsriten beschäftige, bestätigt:

Männlichkeit wird nicht als ein natürlicher Zustand begriffen, der spontan durch biologische Reife eintritt, sondern vielmehr als ein unsicherer und künstlicher Zustand, den sich die jungen gegen mächtige Widerstände erkämpfen müssen193.

Gerade in dieser Unsicherheit und Künstlichkeit erblicken die Theoretiker der Men's Studies die Gründe für die oftmals aggressive Zwanghaftigkeit, mit der Männer sich ihren gesellschaftlich ideologisierten und mit Privilegien der Herrschaft versehen Status zu (ver)si-chern suchen. An der Wurzel dieser rastlosen, nervösen und latent gewaltbereiten Männlichkeit zeigt sich die Angst, dem seitens der patriachalen Gesellschaft verordneten Ideal einer allzeit aktiven, mutigen, virilen, selbstbeherrschten, willensstarken und rationalen Mannhaftigkeit nicht Genüge leisten zu können. Die häufig zu beobachtende Entwicklung einer hypertrophierten, geradezu hysterischen Männlichkeit, die sich unablässig zeigt und sich zwanghaft unter Beweis zu stellen sucht, gilt als die Folge dieser Verunsicherung männlicher Geschlechtsidentität und als vergeblicher Versuch, diese zu stabilisieren.
Einen tiefen Einblick in die männliche Verunsicherung gewährt die Lektüre maskuliner Kultautoren, seitens derer die männliche Macht unablässig beschworen und zelebriert wird. A man can hardly ever as-sume he has become a man194 schrieb Norman Mailer, einer der entschiedensten Antifeministen und Maskulinisten dieses Jahrhunderts. In einem 1998 im Guardian erschienenen Interview gestand dieser schließlich ein, dass seine literarischen maskulinen Selbstinszenierungen Immer von der Angst getrieben waren, als nicht männlich genug zu erscheinen und möglicherweise für schwul gehalten zu werden. Auch Mailers großes Idol, Ernest Hemingway, der sein gesamtes Leben und Werk in den Dienst maskuliner Helden- und Legendenbildung gestellt hatte, bezeugte durch seine chronische Depression, krankhafte Eifersucht und seinen exzessiven Alkoholgenuss, letztlich durch seinen gewaltsamen Freitod den immensen Preis, den ihm die hypermaskuline Selbstinszenierung abverlangt hatte.
Diese selbstdestruktiven Tendenzen bezeugen das Maß an gewaltsamen Verdrängungen, die in die Konstruktion dominanter Formen von Männlichkeit eingehen und am Wirken sind. Sie weisen auf die Notwendigkeit hin, traditionelle Männlichkeitsideale kritisch zu hinterfragen und sich auf die Suche nach neuen Varianten des Mann-Seins zu machen.