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Aus
dem Buch "Das verqueere Begehren" von Christa Spannbauer
Männer entdecken ihr Geschlecht
Über die Entstehung einer kritischen Männerforschung
Es ist nicht zu übersehen: Der Mann ist ins Gerede gekommen. War
es bis vor kurzem noch allein das Geschlecht der Frauen gewesen, das seitens
der Medien und Wissenschaften analysiert, problematisiert und nicht zuletzt
pathologisiert worden war, geriet in den letzten Jahren das männliche
Geschlecht in das Kreuzfeuer des öffentlichen Interesses. An allen
Ecken und Enden werden nun die Schwächen des »starken Geschlechts«
aufgefunden und blicken uns verunsicherte und ratsuchende Männer
auf den Titelseiten von Selbsthilfebüchern, Magazinen, Fach- und
Frauenzeitschriften entgegen. Mit Verwunderung müssen wir feststellen,
dass von dem Geschlecht, das in den vergangenen Jahrhunderten die Welt
so redegewandt zu interpretieren wusste, so wenig bekannt ist. Unablässig
hatten Männer zwar über das weibliche Geschlecht gesprochen
und geschrieben, doch um die eigene Geschlechtlichkeit einen Nebel des
Stillschweigens gehüllt.
Erst in den vergangenen Jahren begannen Wissenschaftler das Schweigen
der Männer zu durchbrechen und auf die Forderungen der Frauenbewegung
nach Veränderung patriarchaler Strukturen und traditioneller Männlichkeitsvorstellungen
zu reagieren. Das Ziel dieser neuen Männerforschung besteht in einer
schonungslosen Erforschung von Männlichkeit, um eine grundlegende
Gesellschaftsveränderung und eine gerechte Machtverteilung zwischen
Frauen und Männern voranzutreiben.
Neue Männer unter alten Hüten?
Ich sprüh's an jede Häuserwand, Neue Männer braucht das
Land! (Ina Deter)
Die sich Ende der 60er Jahre formierende Frauenbewegung führte zu
erheblichen kulturellen Turbulenzen und zu tiefgreifenden Irritationen
und Verunsicherungen in der Männerwelt. Auf allen Ebenen und in allen
Bereichen wurden Männer von Frauen herausgefordert. Doch während
Frauen in den vergangenen 30 Jahren eine rasante Entwick-
lung durchliefen, viele traditionelle Rollenbilder weit" ^,^,
ließen und selbstbewusst Verhaltensweisen und Eigenschaften für
§ich in Anspruch nahmen, die bis dahin nur Männern vorbehalten
waren, zeichnete es sich immer deutlicher ab, dass nur wenige Männer
mit diesem Tempo Schritt zu halten vermochten. Von den Ereignisssen förmlich
überrollt, blieben viele zurück und fühlten sich von den
neuen (An)Forderungen feministischer Frauen gänzlich überfordert.
Frauen beklagten daher, dass sie von Männern und deren mangelnder
Bereitschaft zur Veränderung beständig blockiert würden.
Geradezu paralysiert versuchten viele Männer, die Krise auszusitzen
und muss-ten dabei zusehen, wie ihnen immer mehr kulturelle Sicherheiten
abhanden kamen und eine männliche Bastion nach der anderen eingenommen
wurde. Denn mit dem Verlust verbürgter Privilegien wurde nicht nur
der männliche Herrschaftsanspruch empfindlich bedroht, auch bis dahin
gültige Definitionen von Männlichkeit wurden massiv erschüttert.
Indem Frauen begannen, sich selbst zu definieren und sich dem Zugriff
von Männern, die über Jahrhunderte hinweg bestimmt hatten, was
und wie Frauen seien, zunehmend entzogen, verloren Männer nicht nur
immer mehr Macht über Frauen, ihnen kam auch das Wissen darüber
abhanden, was sie denn selbst eigentlich seien. Nun wurde sichtbar, dass
Männer sich eigentlich immer nur über das (von ihnen selbst
entworfene) »andere« Geschlecht definiert hatten. Männlichkeit
hatte sich geradezu in der permanenten Zurückweisung von Weiblichkeit
und in der strikten Abgrenzung von allem, was als »weiblich«
galt, konstituiert143. Indem Frauen diese" patriar-chalen Zuschreibungen
von »Weiblichkeit« zurückwiesen, brachten sie das Fundament
traditioneller Männlichkeit ins Wanken. Über den damit ei n
hergehenden Einbruch ins männliche Selbstverständnis und -bewusstsein
schrieb die Philosophin Elisabeth Badinter:
Männlichkeit erschien als etwas Selbstverständliches: strahlend,
naturgegeben und der Weiblichkeit entgegengesetzt. In den letzten drei
Jahrzehnten sind diese jahrtausendealten Selbstverständlichkeiten
in sich zusammengebrochen. Indem die Frauen sich neu definierten, zwangen
sie die Männer, das gleiche zu fun144.
Mittlerweile können Männer nicht mehr umhin, sich neu zu definieren
und ihre Positionen Frauen gegenüber zu begründen. Dabei wurde
erkennbar, dass sie weit stärker als Frauen traditionellen Geschlechterstereotypen
verhaftet sind. Das mag nicht verwundern, denn diese stellen Männern
schließlich immer noch gesellschaftliche und individuelle Macht
über Frauen in Aussicht. Männer verlieren in den Zeiten des
Feminismus zwar ihre traditionellen Rollen als Ernährer und Beschützer
der Familie, doch diese ausgehöhlten Männlichkeitsideale wirken
trotzdem fort - es lässt sich sogar die Tendenz beobachten, dass
an diesen umso heftiger festgehalten wird, je weniger Substanz sie tatsächlich
noch haben14. Stark angeschlagen zwar, aber umso hartnäckiger, treibt
das Klischee vom »starken Mann« nach wie vor sein Unwesen.
Zugleich zeichnet sich hinter dessen mühsam aufrechterhaltenen Fassade
immer unerbittlicher die Baufälligkeit des traditionellen Männerbildes
ab. So benannte der SPIEGEL in einem 1998 erschienenen Artikel Männer
als das schwache starke Geschlecht und erblickte in dem männlichen
Rollenverhalten einen heimtückischen Killer, das sich durch den rücksichtslosen
Umgang mit dem eigenen Körper auszeichne und aufgrund seiner emotionalen
Ausdrucksschwäche gravierende Gesundheitsschäden zur Folge habe.
Auch Männer, so die Forderung, müssten endlich soziale Kompetenz
erlernen, den Mythos der Unverwundbarkeit ablegen und behutsamer mit ihren
Körpern und Gefühlen umgehen. Angesichts der an die Adresse
von Männern gerichtete Flut an Gesundheitsratschlägen und Warnungen
vor stressbedingten Krankheiten und frühem Tod stellt sich Mann-Sein
in den 90ern geradezu als ein Gesundheitsrisiko dar.
Die Forderung, sich von althergebrachten und nicht mehr zeitgemäßen
Männlichkeitsbildern zu lösen, ist daher in den letzten Jahren
unüberhörbar geworden. Als Reaktionen auf die gesellschaftlichen
Umbrüche sind eine Vielzahl neuer Männlichkeitsentwürfe
- der »sensible Mann«, der »verunsicherte Mann«,
der »bewegte Mann«, der »wilde Mann« ebenso wie
der »neue Macho« - entstanden. Doch auch die traditionellen
Männlichkeitsbilder wirken machtvoll fort und noch immer stellt es
sich für jeden einzelnen Mann in unserer Gesellschaft als ein Wagnis
dar, Verletzlichkeit, Emotionalität und Schwäche zuzulassen
und öffentlich zu zeigen.
Nicht zu übersehen ist auch, dass die Antwort vieler Männer
auf die Frauenbewegung und deren Forderungen in dem erbitterten Versuch
besteht, ihre alten Machtansprüche zu stabilisieren und zu legi-
timieren. Dies wurde von Susan Faludi in ihrem Buch Die'/ schlagen zurück146
ausführlich dokumentiert. Wie aggressiv die männliche Reaktion
auf den Verlust gesellschaftlicher und persönlicher Macht ausfallen
kann, bezeugte der sprunghafte Anstieg der Gewalt gegen Frauen, der mit
der einsetzenden Frauenbewegung in den 70er Jahren in den USA statistisch
zu verzeichnen war147. Derzeit ist zu beobachten, dass neben der Verherrlichung
eines neuen Maskulinismus ein pointierter Antifeminismus bei vielen Mannen
als angesagt und durchaus chic gilt. In traditionellen Männerbünden
wie Sportvereinen, Klubs und an Stammtischen, aber auch in den wirtschaftlichen
und politischen Machtzentralen wird gerade letzterer (mehr oder weniger
offen) gepflegt. Die sozialwissenschaftliche Männerforschung wertet
diese heftigen Widerstände als Versuch, der ernsthaften Männlichkeitskrise
des ausgehenden 20. Jahrhunderts und der damit einhergehenden individuellen
Verunsicherung Herr zu werden148. Die Reaktion vieler Männer auf
diese Krisen- und Umbruchsphase bestehe, so der Männerforscher Arthur
Brittan, in einer maskulinen Überkompensation, von der die Unsicherheit
und die Furcht vor Versagen fatalerweise aber nur noch mehr verstärkt
werde149.
Neben der Bestätigung und Wiederbelebung herrschender Männlichkeitsformen
ist jedoch auch die zunehmende Verweigerungshaltung (vor allem junger
Männer) zu verzeichnen, den Idealen von männlicher Dominanz,
Wettbewerb und rücksichtsloser Konkurrenz nachzueifern. Immer mehr
Männer erkennen die Begrenzungen traditioneller Geschlechterzurichtungen
und suchen nach Alternativen gelebten Mann-Seins. Die Verunsicherung traditioneller
Männlichkeitsbilder birgt daher für viele Männer auch ein
durchaus positives und konstruktives Potential in sich, das als Befreiung
aus der Enge bürgerlicher Männlichkeit erlebt wird. So tritt
uns in den 90ern eine bunte, vielfältige, oszillierende und verwirrende
Palette an gelebtem Mann-Sein entgegen. Postmoderne Männlichkeit
zeigt sich widersprüchlich, wandelbar und ist sich seiner selbst
schon lange nicht mehr sicher. Der Suche nach einer stabilen Geschlechtsidentität
steht die Lust an fortwährender Veränderung und das kreative
Spiel mit immer neuen Identitäten gegenüber. Dem postmodernen
Mann steht ein Höchstmaß an Identifikationsmöglichkeiten
zur Verfügung, um seine individuelle Vorstellung von Männlichkeit
in Szene zu setzen. Gerade in den Alternativ- und Subkulturen wird beständig
mit der Produktion und der Inszenierung neuer Männlichkeitsentwürfe
experimentiert, die erfahrungsgemäß früher oder später
Eingang in die Gesamtgesellschaft finden. Zu beobachten ist hierbei vor
allem, dass die Grenzen zwischen männlichen und weiblichen Identitätsentwürfen
zunehmend verschwimmen und immer durchlässiger werden. Hatten in
der Popkultur bereits frühzeitig androgyne Männer die Bühne
betreten, zeichnet sich in den 90ern ein deutlicher Trend zu »weichen«
und zunehmend ef-feminierten Entwürfen von Männlichkeit ab,
der im Musikgeschäft zur unablässigen Produktion neuer »Boygroups«
führt und in den letzten Jahren auch die Leinwände der Filmindustrie
- in Gestalt androgyner Schauspieler wie Leonardo diCaprio - eroberte.
Eine neue Generation sanfter und sensibler Helden löst die alternden
Action-Helden ab und selbst altgediente Ikonen traditioneller Männlichkeit
enthüllen ihre Empfindsamkeit - allen voran Clint Eastwood, der jahrzehntelange
Garant für wahres und unbeirrtes Machotum. Zu den kassenfüllenden
Überraschungserfolgen der letzten Jahre wurden Filme, die eine in
die Krise geratene Männlichkeit vorführten, so etwa die englischen
Iow budget-Movies The Füll Monthy (zu deutsch: Ganz oder gar nicht)
und Brassed off (Mit Pauken und Trompeten), die sich in tragikomischer
Weise mit den Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf das männliche
Selbstbewusstsein auseinandersetzten. Hollywood reagierte auf dieses wachsende
Publikumsinteresse mit Filmen, die die konfliktreiche Entwicklung männlicher
Identität zum Inhalt hatten, so geschehen etwa in Cood Will Hunting
und American History X. Gerade letzerer führte in seiner riskanten
Gratwanderung zwischen Gewaltverherrlichung und Gewaltabsage aber auch
drastisch vor Augen, dass mehr und mehr Jugendliche und junge Männer
auf die Verunsicherung männlicher Geschlechtsidentität mit Aggression
und Gewalt reagieren und zunehmend nach Sicherheiten und starken Autoritätsfiguren
und -Strukturen in faschistischen Männerbünden suchen. Wut und
Aggression gelten nach wie vor in weiten Teilen der männlichen Bevölkerung
als einzig zulässige Gefühlsregungen für »richtige«
Männer150.
Die eskalierende Gewaltbereitschaft von rechtsradikalen Gruppierungen
auf Deutschlands Straßen sowie die allgemein zu verzeichnende Zunahme
gewaltverherrlichender Jugendgangs künden jedoch nicht nur von einer
Zeit männlicher Orientierungslosigkeit, sondern
zugleich auch von der radikalen Entschlossenheit die Herrschaft erneut
und notfalls auch mit Gewalt zu befestigen. wissenschaftliche Interesse
richtete sich daher in den letzten Jahren verstärkt auf die Sozialisation
von Jungen, deren Gewalt- und Aggressionsbereitschaft immer wieder für
Schlagzeilen sorgt.
Wie Jungen zu Männern gemacht werden
Außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann
geeicht, Wann ist man ein Mann ? (Herbert Grönemeyer)
Mit seinem Buch Real Boys (zu deutsch: Richtige Jungen) gelang dem Psychologen
William Pollack 1998 der Sprung auf die Bestsellerliste der meistgelesenen
Bücher Amerikas151. Dessen These Wir müssen uns mehr um unsere
Söhne kümmern traf offenbar den Nerv der Zeit und löste
eine enorme Resonanz aus. Auch in Deutschland wurde unter dem Einfluss
dieses Buches eine rege Diskussion um die Erziehung und Sozialisation
von Jungen entfacht. Nun wird deutlich, dass die Sozialarbeit in all den
Jahren die Jungen vernachlässigt hatte. Die neuesten Zahlen und Statistiken
belegen ernsthafte Sozialisationspro-bleme und eine gravierende Orientierungslosigkeit
von männlichen Jugendlichen in der heutigen Gesellschaft, die sie
nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für sich selbst
zur Gefahr werden lassen. Denn Jugendgewalt, Alkoholismus, Rechtsradikalismus
und Jugendknast sind, darauf weist der Sozialpädagoge Michael Schenk
in einer Studie von Psychologie Heute hin, spezifisch männliche Sozialisa-tionsprobleme.
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass von Jungen achtmal
so viele Straftaten ausgehen als von Mädchen, dass Jungen durch Unfälle
dreimal so häufig den Tod finden und dass deren Selbstmordrate viermal
so hoch ist152.
William Pollack erblickt die Gründe für die männliche Orientierungslosigkeit
in dem derzeit stattfindenden gesellschaftlichen Umbruch und der damit
einhergehenden kulturellen Ambivalenz, denen Jungen sich in ihrem Selbstfindungsprozess
ausgesetzt sehen. Zwei dominante, jedoch widersprüchliche Vorstellungen
von Männlichkeit regieren unsere Gesellschaft und deren Ansprüche
werden durch Erziehung, Tradition und Kultur an die Jungen herangetragen.
Zum einen zwingt das nach wie vor existierende traditionelle Ideal von
Männlichkeit die Einpassung in eine geschlechtsspezifische Zwangsjacke,
die das Ausleben vieler vitaler Gefühle verbietet und stattdessen
männliche Unempfindlichkeit und Stärke einfordert. Jungen werden
einem Abhärtungsprozess unterworfen, der sie bereits frühzeitig
dazu zwingt, ihre Verletzlichkeit zu unterdrücken. Zugleich jedoch
werden als Folge der feministischen Bewegung nun auch Sensibilität,
Rücksichtnahme und Empfindsamkeit von ihnen eingefordert. Diese verwirrenden
Botschaften problematisieren den Selbstfindungsprozess und führen
zu gravierenden Verunsicherungen unter den männlichen Jugendlichen153.
Studien zur Sozialisation von Mädchen und Jungen belegen, dass trotz
aller in den letzten zwei Jahrzehnten erhobenen Forderungen, Kindern eine
gleiche Behandlung in der Erziehung zukommen zu lassen, das Vorherrschen
einer geschlechtsspezifischen Sozialisation vorzufinden ist, die darauf
abzielt, Jungen zur Unabhängigkeit und Selbstbehauptung zu erziehen,
während Mädchen dazu angehalten werden, sozial, rücksichtsvoll
und kommunikativ zu sein. Besonders deutlich treten die geschlechtsspezifischen
Erwartungen bei der Mutter-Kind-Beziehung zutage. Während die Mutter-Tochter-Beziehung
auf Nähe und Verbundenheit abzielt, ist die Mutter-Sohn-Beziehung
bis heute von Sigmund Freuds These belastet, dass eine »normale«
männliche Identitätsbildung die Ablösung und Emanzipation
vom Mütterlich-Weiblichen voraussetzt, um über die Nachfolge
und Identifikation mit dem Vater eine stabile männliche Identität
aufzubauen. Diese in unserer Gesellschaft erwartete Trennung von Mutter
und Sohn führt dazu, dass Frauen in ihrer Sorge, das Richtige für
ihren Jungen zu tun, die Nähe mit diesem ab einem gewissen Zeitpunkt
zu unterbinden suchen und diesen förmlich von sich stoßen.
Da die Väter in der Erziehung häufig abwesend sind und selbst
Schwierigkeiten damit haben, emotionale Nähe herzustellen und zuzulassen,
kommt es zu einer gravierenden Orientierungslosigkeit und inneren Vereinsamung
des Sohnes. Dem Schmerz und der Verlassenheitsangst, die diese Trennung
im Jungen auslösen, darf in unserer Kultur kein Ausdruck verliehen
werden, und so lernen Jungen schon frühzeitig, ihre natürlichen
Gefühle und ihr Verlangen nach Wärme, Geborgenheit und Zugehörigkeit
zu verbergen und eine Maske aus Coolness und Emotionslosigkeit überzuziehen.
Von den Medien wer-
Wie langen zu Mannen» gemacht werden
den ihnen hierbei Helden zur Identifikation angeboten, die ihnen Stoizismus,
Härte und den Triumph von Aggression vorlebend.
Die geschlechtsspezifische Erziehung bildet den Grundstein für die
Entstehung einer männlichen Identität, die durch Trennung, Diffe-
renzierung und Leugnung affektiver Bindungen bestimmt ist^. indem der
Junge Abhängigkeit, Zuneigung und Identifikation mit der Mutter leugnen
muss, verdrängt er Eigenschaften, die er fortan für »weiblich«
hält und er beginnt, mit seiner Mutter alle Frauen zurückzuweisen.
An der Wurzel dieses Erziehungsprogramms, das dem Jungen eine stabile
»männliche« Identität sichern soll, sind somit Unsicherheit
und Angst zu finden und ein unterschwelliger Neid auf Frauen wird frühzeitig
in die männliche Identität eingebaut, der später häufig
die Gestalt von Frauenverachtung annehmen wird. Aus psychoanalytischer
Sicht zeigt sich die hohe Aggressionsbereitschaft von Jungen und Männern
geradezu als Folge des geforderten Bruchs in der Identifikationsliebe
mit der Mutter155.
Es ist daher an der Zeit, vom Mythos der männlichen Autonomie Abschied
zu nehmen und den Jungen dieselbe emotionale Sicherheit zukommen zu lassen
wie ihren Schwestern. Jungen sollten selbst bestimmen, so William Pollack,
in welchem Tempo und in welchem Alter sie den Ablösungsprozess von
ihren Müttern wünschen. Starke, unabhängige und selbstbewusste
Mütter gelten ebenso wie Väter, die bereit sind, sich von patriarchalen
Rollenstererotypen zu befreien, mittlerweile als die besten Garanten für
eine positve Sozialisation der Söhne. Einschneidende Veränderungen,
so die Pädagogik und Frauenforscherin Carol Hagemann-White, müssen
nun von Männern selbst vorgenommen werden.
Männer müssen sich klarmachen, daß sie eine neue Generation
nicht anders erziehen können, solange sie selbst so bleiben, wie
sie sind. Sich kümmern um die Jungensozialisation heißt auch,
mit der Veränderung bei sich selbst beginnen156. Als Reaktion auf
die Erkenntnis, dass Männer sich aus ihrer geschlechtsspezifischen
Zwangsjacke befreien müssen, um ihren Söhnen ein Vorbild und
ihren Ehefrauen, Partnerinnen, und Freundinnen ein emanzipiertes Gegenüber
zu werden, zugleich aber auch ihrem eigenen Leben eine bessere Qualität
und eine größere Fülle zu verleihen, setzten sich Männer
in den 80er Jahren in Bewegung. In dem Bestreben, sich von traditionellen
und limitierenden Männlichkeitsidealen zu befreien, begann sich eine
Männerbewegung am Vorbild und als Antwort auf die Frauenbewegung
zu formieren, innerhalb derer verschiedene Strömungen, Richtungen
und Zielsetzungen vorzufinden sind. Die wohl bekannteste und medienwirksamste
stellt die mythopoetische Männerbewegung dar.
Die Suche nach dem Wilden Mann
Was ich damit andeuten will, ist, daß jeder heutige männliche
Mensch auf dem Grunde seiner Psyche ein großes, primitives Etwas
liegen hat, von Kopf bis Fuß mit Haaren bedeckt. Mit diesem Wilden
Mann Kontakt aufzunehmen ist ein Schritt, den der Mann der achtziger und
neunziger Jahre noch vor sich hat. (Robert Bly)
1990 erschien mit Robert Blys Iron John (zu deutsch Eisenhans) ein Buch,
das innerhalb kürzester Zeit die Bestsellerlisten eroberte und sowohl
in den englischsprachigen Ländern als auch in Deutschland für
großes Aufsehen in den Medien und für Zündstoff in unzähligen
öffentlichen und privaten Diskussionen zwischen Frauen und Männern
sorgte.
Robert Bly ruft in diesem Buch seine Geschlechtsgenossen dazu auf, sich
nicht länger von Frauen und den Forderungen der Frauenbewegung verunsichern
zu lassen. Die Zeit sei reif für eine Männerbewegung, die sich
einzig auf sich selbst und auf die Wiedergewinnung einer elementaren und
ursprünglichen »Männerenergie« besinne. Männer,
so die Forderung, müssten sich auf die Suche nach ihrer von der Zivilisation
verschütteten und seitens der feministischen Bewegung unterdrückten
»authentischen Männlichkeit« machen.
Mit dem Erfolg seines Iron John avancierte Robert Bly zum einflussreichsten
Repräsentanten der mythopoetischen Männerbewegung, die sich
in den 90ern als die populärste Strömung der zeitgenössischen
Männerbewegung durchsetzen sollte157. Unter diesem Ein-fluss machen
sich Männer auf, um den »wilden Mann« und den »inneren
Krieger« in sich wiederzuentdecken. In der eigentümlichen Mischung
aus Naturmystik, Körperkult, Spiritualismus, Jungscher Psy-
chologie
und Lagerfeuerromantik liegt offenbar die Faszin-
ation der Bewegung begründet. Vor allem Männer der bürgerlich-akademischen
und finanziell wohlsituierten Mittelschicht fühlten sich von den
Inhalten und Zielen dieser Bewegung angesprochen. Dies mag nicht verwundern,
war es schließlich gerade die bürgerliche Schicht, deren traditionelle
Herrschaftsansprüche seitens der Frauenbewegung von Anfang an am
entschiedensten in Frage gestellt wurden. Diesem zeitgenössischen
Einbruch in die männliche Herrschaftsdomäne und in das männliche
Selbstbewusstsein setzt Robert Bly die Reaktivierung einer maskulinen
»Urkraft« entgegen, die durch die Orientierung an starken
väterlichen Autoritätsfiguren und einer neuen solidarischen
Kraft unter Männern erlangt werden soll. Durch Initiationsrituale,
etwa durch gefährliche und waghalsige Auseinandersetzungen mit der
Natur, soll es Männern ermöglicht werden, den Kontakt mit ihrer
»ursprünglichen« Männlichkeit wiederherzustellen.
Diese Lehre wurde vor allem von Sam Keen in seinem Besteller Fire in the
Belly (zu deutsch: Feuer im Bauch), das neben Iron John das einflussreichste
Buch der mythopoetischen Männerbewegung darstellt, populär gemacht.
Um sich der ebenen Männlichkeit zu versichern, bedürfe es Sam
Keen zufolge gar 4sr Begegnung mit einem Bären:
Es gibt immer noch, Lektionen, die man am besten lernt, wenn man sich
einem Baren auf einem schmalen Pfad gegenüber sieht oder in einem
kleinen Boot einen Sturm auf dem Meer überstehen muß158.
Als wichtigste Voraussetzung für die Wiedererlangung einer »elementaren«
und »authentischen« Männlichkeit gilt der Rückzug
von den Frauen und vor allem die Trennung von den Müttern. So soll
die vom Feminismus bedrohte und geschwächte Männlichkeit mit
n' u-er Kraft versehen werden, die sich dann gerade in der entschiedenen
Zurückweisung feministischer Positionen zu beweisen vermag. Der Erkenntnis
der zeitgenössischen Geschlechterforschung, dass »Männer"gleichsam
»instinkthafte« Männlichkeit wiederzuentdecken und zu
reaktivieren.
Unter dem starken Einfluss der mythopoetischen Männerbewegung gerieten
weite Teile der Männerbewegung in Amerika, aber auch deren Ausläufer
in Deutschland, in ein zunehmend reaktionäres und antifeministisches
Fahrwasser. Blys männeridentifizierter Ansatz setzt auf Separatismus
und Geschlechtertrennung anstatt auf eine Geschlechterverständigung
hinzuwirken. Indem es Bly in seinem Buch darüberhinaus gelang, Männer
nicht nur als G3schädigte der feministischen Bewegung, sondern auch
als die Opfer der patriarchalen Kultur darzustellen, kam es zu einer bizarren
Verzerrung der tatsächlich vorliegenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse.
Diese männeridentifizierten und antifeministischen Tendenzen der
Mythopoeten werden von einer anderen Strömung innerhalb der zeitgenössischen
Männerbewegung, der Kritischen Männerforschung entschieden zurückgewiesen.
Die profeministische Männerbewegung
Masculinity has always tried to be present everywhere äs the source
ofeverything and this is what makes it hard to write about. Masculinity
has to be unmasked, separated from the role it wants to play by pretenting
to be the human, the normal, the soc/a/159.
Neben der für viel Aufsehen in den Medien und der Öffentlichkeit
sorgenden mythopoetischen Männerbewegung etablierte sich in den USA
und Kanada aber auch eine explizit profeministische, frauenidentifizierte
und antisexistische Männerbewegung. Mit der Gründung der National
Organization for Men against Sexism (NOMAS) begann sich diese Mitte der
80er Jahre in Amerika zu formieren. Dem Vorbild der Frauenbewegung folgend,
wurde von profeministischen Männern eine Verbindung von politischem
Handeln und akademischer Forschung angestrebt. So begann sich in deren
politischem Umfeld an den amerikanischen und kanadischen Universitäten
die Disziplin der Men's Studies herauszubilden, deren Theoretiker sich
ausdrücklich der feministischen Forschung und der politischen Frauenbewegung
verpflichtet zeigen160.
Damit erhielten männliche Theoretiker Eingang in den Bereich der
feministischen Forschung, die bis dato als explizit weibliche Domäne
gegolten hatte. Das Geschlecht des Mannes wurde zur Erforschung freigegeben
und in dem Maße, in dem zuvor bereits »Weiblichkeit«
als ein soziokulturelles, historisches Konstrukt diskutiert und die normativen
und stereotypisierten Frauenbilder als Zurichtungen und Imaginationen
des Patriarchats161, als »Männerphantasien«162 erkannt
worden waren, enthüllte sich nun auch die Kategorie »Männlichkeit«,
die bis dahin als die Norm gegolten hatte, an der Frauen gemessen und
als das »Andere«163 befunden worden waren, als ein gesellschaftlich
hergestelltes, historischen Veränderungen unterliegendes und von
mannigfaltigen Machttechniken hervorgebrachtes Produkt. Beeinflusst von
konstruktivistischen Geschlechtertheorien begreifen die Men's Studies
Männlichkeit nicht als eine »natürliche«, dem Körper
eingeborene und biologisch begründete Substanz, sondern betonen deren
Performanzcharakter. Michael Kimmel, einer der führenden amerikanischen
Männlichkeitsforscher, fasste die neue Sichtweise von Mär i-lichkeit
folgendermaßen zusammen:
Männlichkeit ist weder statisch noch zeitlos, sondern historisch.
Männlichkeit ist nicht Ausdruck einer inneren Essenz, sondern ein
soziales Konstrukt. Männlichkeit steigt nicht aufgrund unserer biologischen
Veranlagung in unser Bewusstsein auf, sondern wird von der Kultur geschaffen.
Männlichkeit bezeichnet verschiedene Dinge zu verschiedenen Zeiten
und an verschiedenen Orten164.
Das Anliegen der männerdominierten Kultur ist es jedoch, den Herstellungsprozess
von Männlichkeit zu verschleiern und unsichtbar zu machen, um sich
so als das universelle, gleichsam naturhaft herrschende Prinzip in Szene
zu setzen. Männlichkeit, so der Konsens der neuen Männerforschung,
bedürfe daher einer grundlegenden Demaskierung, Denaturalisierung
und Entmythologisierung165.
Untersucht wird in diesem Zusammenhang nicht nur, wie Männlichkeit
konstruiert wird, sondern zu welchem Zweck Männer zu Männern
gemacht werden. Mit der Erforschung und Ergründung dieser Herstellungsprozesse
soll auf eine Wandlung traditioneller Männlichkeitsformen und auf
die grundlegende Veränderung der hierarchien sehen Geschlechterordnung
hingewirkt werden166. Seitens der Men's Studies wird die tiefgreifende
Kritik des Feminismus an patriarchalen Männlichkeitsentwürfen
und an der hierarchischen Geschlechterordnung geteilt. Diese Geschlechterordnung
wird als ein Herrschaftsund Gewaltverhältnis verstanden, das Frauen
gravierend benachteiligt und unterdrückt und Männern aufgrund
ihrer machtvollen Positionen in Politik, Wirtschaft, Recht und Kultur
vielfältige Privilegien und Vorteile einräumt.
Während die Men's Studies in den englischsprachigen Ländern
mittlerweile eine anerkannte Forschungsrichtung darstellen, konnte deren
deutsches Äquivalent, die Kritische Männerforschung, an den
Hochschulen bislang nur in Ansätzen Fuß fassen167. Hierzulande
ist neben der Begeisterung für die mythopoetische Wiederbelebung
des »Wilden Mannes« stattdessen eine starke Fokusierung auf
psychologische und therapeutische Selbsterfahrungsliteratur zu verzeichnen.
Diese tendiert in ihrer apolitischen Ausrichtung jedoch dazu, gesellschaftliche
Gesamtzusammenhänge und real existierende Machtverhältnisse
auszublenden und stattdessen einzig die individuelle männliche Selbsterfahrung
in den Mittelpunkt zu stellen. Mit dem Blick auf die männliche Lebenssituation
betonen diese Schriften den hohen emotionalen und gesundheitlichen Preis,
den Männer für ihre Zugehörigkeit zum herrschenden Geschlecht
entrichten müssen168.
Die Erkenntnis, dass Männer aufgrund ihrer machtvollen gesellschaftlichen
Positionen ein großes gesundheitliches Risiko in Kauf nehmen und
als Folge des herrschenden Ideals von einer rationalen, gefühlsbeherrschten
und selbstkontrollierten Männlichkeit gravierende Einbußen
an Lebensqualität und -Intensität hinnehmen müssen, wird
seitens der Theoretiker der Men's Studies durchaus geteilt. Grundlegend
kritisiert wird jedoch die zu beobachtende Tendenz unter Männern,
die alltäglichen Privilegien und die politische, legale und ökonomische
Dominanz, die sie nach wie vor über Frauen ausüben, unreflektiert
zu lassen und sich stattdessen selbst zu einer Art Opfer zu stilisieren169.
Seitens der Kritischen Männerforschung wird daher auf die paradoxe
Erscheinung hingewiesen, dass Männer in unserer Kultur zwar die gesellschaftliche
Macht innehaben, dass die meisten Männer sich jedoch überhaupt
nicht mächtig, sondern im Gegenteil, geradezu machtlos fühlen.
Trotzdem, so die Forderung,
müssten Männer erkennen, dass sie aufgrund ihres Geschlechts
in den Genuss vielfältiger Privilegien und Vorteile kommen. Dies
müsse sowohl auf politischer als auch auf persönlicher Ebene
von Männern durchdrungen werden und eine Veränderung des herrschenden
Ungleichgewichts zwischen den Geschlechtern angestrebt werden. Erst dann
könnten Männer dazu übergehen, ihre eigene Unterdrückungssituation
in der kapitalistisch-patriarchalen Industriegesellschaft zum Thema zu
machen.
Vielfältige Männlichkeiten
Über Männlichkeit als ein und dasselbe Wesen quer durch die
Unterschiede von Ort und Zeit zu reden, bedeutet einen Abstieg ins Absurde.
Schon eine bescheidene Untersuchung dieses Sachverhalts wischt Soziobiologie
hinweg und ebenso jegliches Schema von genetischer Bestimmtheit oder jedwede
ontologische oder poetische Darstellung männlicher Essenzen, die
als glaubwürdige Belege von Männlichkeit daherkommen. (Robert
Connell) Der Soziologe Robert Connell, einer der wichtigsten Theoretiker
der Men's Studies, bescheinigte den meisten Schriften über Männlichkeit,
insbesondere der psychologischen Selbsterfahrungsliteratur und der mythopoetisehen
Männlichkeitsliteratur, einen bedenklichen Ethno-zentrismus, der
dazu tendiere, die Erfahrungen der weißen, westlichen Mittelschicht
zu universalisieren und zu generalisieren. Hier wird ein Diskurs über
Männlichkeit aus der Sichtweise und aus dem Erleben von (höchstens)
fünf Prozent der männlichen Weltbevölkerung geführt170.
Wie sehr Männlichkeit kulturell divergiert und wie höchst unterschiedlich
die Erwartungen verschiedener Gesellschaften an Männer sind, belegen
weltweite ethnologische Studien, die Kulturen aufzeigen, in denen es männliche
Aggressivität und Vergewaltigung nicht gibt, in denen Männer
für die Kindererziehung und der innerhäuslichen Bereich zuständig
sind, in denen Männer als emotionaler und gefühlsmäßiger
gelten als Frauen, in denen männliche Homosexualität eine gesellschaftlich
anerkannte Form der Sexualität ist171. Die Argumentation, der Soziobiologie,
der zufolge die männliche Vorherrschaft auf einem genetischen und
hormonellen Aggressionsvorsprung basiere und die westliche Arbeits- und
Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern die »natürliche«
Konsequenz einer grundsätzlichen, in den biologischen Körpern
begründeten Verschiedenheit von Frauen und Männern sei, wird
von ethnologischen Befunden widerlegt und ad absurdum geführt.
Auch innerhalb des westlichen Kulturkreises genügt bereits ein Blick
auf die Geschichte, um der Vielfalt und der sich im Verlauf der Zeit unablässig
verändernden Vorstellungen von Männlichkeit gewahr zu werden.
Angesichts der unterschiedlichsten kulturellen, sozialen, individuellen
und ethnischen Modelle von Männlichkeit innerhalb unserer Gesellschaft
müssen wir von der traditionellen Vorstellung einer unitären
und statischen Männlichkeit Abschied nehmen. Vielfältigkeit,
Wandelbarkeit und Variation moderner Männlichkeitsentwürfe legen
es vielmehr nahe, von Männlichkeiten als multiple mas-cullinities172
zu sprechen.
Die vielen unterschiedlichen, individuellen und gesellschaftlichen Männlichkeitsentwürfe
stehen jedoch keineswegs gleichberechtigt nebeneinander, sondern werden
in unserer Gesellschaft in einem hierarchischen Machtverhältnis von
hegemonialen und untergeordneten Männlichkeitsformen zueinander angeordnet173.
Hegemoniale Männlichkeit meint eine dominante Form von Männlichkeit,
die sich durch den Herrschaftsanspruch über Frauen definiert, zugleich
aber auch die Ausgrenzung anderer Männer und alternativer Formen
von Männlichkeit zum Ziel hat. In Anlehnung an Michel Foucaults Machtanalyse
wird hegemoniale Männlichkeit dabei nicht als eine statische, unveränderliche
Machtform verstanden, sondern als eine sich historisch und regional ständig
verändernde Strategie der Machtausübung, eine kulturelle Dominanz,
deren Überlegenheit in einem permanenten Kräftespiel erreicht,
verteidigt und befestigt wird174. Die Untersuchung hegemonialer Männlichkeit(en)
muss daher der Frage nachgehen, welche Gruppen von Männern vorzugsweise
Zugang zu Machtpositionen erhalten und wie seitens dieser die eigene gesellschaftliche
Vorherrschaft produziert, legitimiert und abgesichert wird.
Als Grundvoraussetzung für die Zugehörigkeit zur hegemonialen
Männlichkeit sind hierbei vor allem drei Kriterien zu nennen: eine
weiße Hautfarbe, die Zugehörigkeit zur bürgerlichen oder
oberen Gesellschaftsschicht sowie eine heterosexuelle Orientierung. Als
der ideale Repräsentant dieser dominanten Männlichkeitsform
gilt der
junge, verheiratete, weiße, städtische, heterosexuelle, protestantische
Familienvater mit Universitätsausbildung, Vollzeitbeschäftigung;
ansprechender physischer Erscheinung und körperlicher Gesundheit^.
Die signifikantesten Gruppen untergeordneter Männlichkeiten bilden
folglich farbige Männer und Männer anderer Ethnien, Angehörige
der Unterschicht, sowie schwule und effeminierte Männer. Auch Sozial-und
Bildungsstatus ebenso wie das Alter entscheiden über den Zugang zu
Domänen hegemonialer Männlichkeit. Gezielt marginalisiert und
diskriminiert werden darüber hinaus alternative Männlichkeitsentwürfe,
die sich dem patriarchal verordneten Muster entziehen oder explizit dagegen
opponieren. Zu nennen sind hier insbesondere alleinerziehende Väter,
teilzeitarbeitende Männer, Hausmänner und feministische Männer.
Von den vielfältigen politischen Strategien, der sich hegemoniale
Männlichkeitsformen zur Herrschaftsdurchsetzung bedienen, sollen
drei besonders herausgriffen werden. Da die Erlangung und erfolgreiche
Ausübung von Herrschaft an die Fähigkeit gebunden ist, sprachlich
benennen und andere überzeugen oder manipulieren zu können,
kommt den kommerziellen Massenmedien in unserer Gesellschaft eine entscheidende
Schlüsselfunktion zu. So werden durch die Werbung gesellschaftlich
erwünschte Männer- und Frauenbilder gezielt konstruiert, transportiert
und zur Nachahmung anempfohlen. Des weiteren basiert die männliche
Hegemonie auf der traditionellen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern,
die »Männerarbeit« einen höheren sozialen Status
(und damit eine bessere materielle Entlohnung) zuspricht als »Frauenarbeit«.
Innerhalb der »Männerarbeit« selbst werden wiederum einige
Berufe als männlicher (und damit wertvoller) angesehen als andere.
Drittens schließlich ist der Staat entscheidend in der Aushandlung
unr* Durchsetzung von hegemonialen Männlichkeitsformen involviert.
So stellte etwa die Kriminalisierung der Homosexualität im 19. Jahrhundert
einen entscheidenden Faktor für die Konstruktion der hegemonialen
Form heterosexueller Männlichkeit dar. In der Gegenwart wird die
Durchsetzung der konventionellen heterosexuellen Ehe seitens des Staates
auf subtilere Weise, etwa durch ökonomische Anreize und Steuererleichterungen,
erwirkt176.
Hegemoniale und untergeordnete Männlichkeiten stehen zwar in einem
permanenten Spannungs- und Machtverhältnis zueinander, doch gleichzeitig
ist auch zu beobachten, dass sich die Aggression machtloser Männer
seltener gegen ihnen überlegene Männer als vielmehr gegen Frauen
und andere marginalisierte Männergruppen richtet. Die hohe Gewaltquote
gegen Frauen in den Unter- und Randschichten belegt dies ebenso wie das
ritualisierte »Schwüle-Klatschen« seitens ausländischer
Jugend-Gangs. In einem nicht zu unterschätzenden Maß, darauf
weisen Theoretiker der Men's Studies hin, können priviligierte Männer
mit dem Einverständnis unterpriviligierter Männer rechnen. Denn
das Modell hegemonialer Männlichkeit, das nur einer begrenzten Anzahl
von Männern zugänglich ist, stellt zugleich allen Männern
eine Teilhabe an der Macht in Aussicht. Zwar sind die wenigsten Männer
Bogarts oder Stallones, fast alle profitierten jedoch von diesen idealisierten
und machtvollen Männlichkeitsbildern177. Aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit
wird also auch Männern, die ihrerseits von patriarchalen Strukturen
unterdrückt werden, eine Partizipation an der Macht durch die verbürgte
Herrschaft über Frauen eingeräumt. Letztendlich einigen sich
hegemoniale und untergeordnete Männlichkeiten in einer großen
Koalition gegenüber Frauen.
Ungeachtet aller Differenzen zwischen Männern gibt es verbindende
und verbindliche Knotenpunkte: die klassen- und kulturübergreifende
Dominanz von Männern über Frauen; die ökonomische Vormachtstellung
von Männern; die symbolische (sprachliche, juristische, wissenschaftliche,
mediale etc.) Repräsentativi-tät des männlichen Subjekts;
die Normativ/tat von Hetero-sexualität; die Idealisierung männerkörperlicher
Virilitäfi78.
Diese Partizipation an der Macht aufgrund des Geschlechts wird als die
patriarchale Dividende bezeichnet179. Die Institutionalisierung männlicher
Dominanz über Frauen verspricht somit allen Männern eine, wenn
auch gesellschaftlich und individuell höchst unterschiedliche - Gewinnausschüttung.
Männer-Herrschaft, MännerMacht und MännerAngst
Ich bin seit ich was von mir weiß auf Kraft und Siegen programmiert.
Im Sagen groß. Das Herz zumeist auf breite Schultern reduziert.
(Konstantin Wecker: Lied vom Mannsein)
Seitens der Männerforschung wird ein gezielter Blick auf Ent- stehung,
Entwicklung und Durchsetzung von Männlichkeitsbildem und -idealen
gerichtet. Dabei wird deutlich, dass die Männlichkeitskonzeption
des aufstrebenden Bürgertums im 18. Jahrhundert, die bis zum heutigen
Tag Anspruch auf universelle Gültigkeit und gesellschaftliche Vormachtstellung
erhebt, Vernunft, Rationalität, Autonomie und Selbstkontrolle zu
spezifisch männlichen Attributen erklärt180. In der Folgezeit
kam es zu einer Synthese von Männlichkeit und rationaler Vernunft,
die von philosophischer Seite (allen voran von Kant, dem einflussreichsten
Philosophen der Aufklärung) so erfolgreich befestigt wurde, dass
die männliche Herrschaft als eine »vernünftige«
und somit moralische Hegemonie erschien und nahezu unanfechtbar wurde181.
Gleichzeitig trugen Natur- und Geisteswissenschaften dazu bei, diesen
Männlichkeitsentwurf als die natürliche Ordnung der Dinge zu
proklamieren und dabei so tief in der Natur zu verankern, dass er bis
heute einen Anspruch auf Vorbildcharakter und verbindliche Gültigkeit
erheben kann182.
Im Namen und im Schutz dieser rationalen Vernunft begannen Männer
die Stimmen anderer zum Verstummen zu bringen - hegemoniale Männlichkeit
legte dabei zunehmend totalitäre und kolonialistische Züge an
den Tag, die sich in der Folge gegen Frauen und Angehörige anderer
Ethnien und Klassen, schließlich aber auch selbstdestruktiv gegen
ihr eigenes Subjekt richteten. Die Philosophen Adorno und Horkheimer haben
auf den repressiven und tendenziell (selbst)zerstörerischen Charakter
der männlichen Identitätsbildung hingewiesen:
Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst,
der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen
geschaffen war, und etwas davon wird in jeder Kindheit wiederholt™3.
Kennzeichnend für die moderne Männlichkeit ist die Selbstidentifizierung
mit einer Vernunft, die durch Herrschaftsansprüche, Grenzziehungen,
Abspaltungen und Verdrängungen bestimmt ist. Seitens dieser rationalistischen
Vernunft werden die Verleugnung, Blockierung und Repression emotionaler,
körperlicher und sinnlicher Bedürfnisse und Sehnsüchte
eingefordert und Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung zu essentiellen
Indikatoren von Männlichkeit erklärt.
Das heißt, das moderne, bürgerliche Subjekt ist zunächst
einmal: Selbstbeherrschung, Selbstdisziplin, Herrschaft über die
eigene, innere Natur, und zwar als »Männlichsein« des
Mannes (gegen)-über sich selbst, als Selbststilisierung und -affirmierung
seiner selbst als Mann™4.
Die erfolgreiche Installierung der Herrschaft über sich selbst -durchgesetzt
mit Hilfe der rationalen Vernunft - stellt im bürgerlich-patriarchalen
Denken die unabdingbare Basis für die Errichtung von Herrschaft über
andere dar. Nur wer Herr seiner selbst ist, kann in diesem System legitimerweise
Herrschaft über andere beanspruchen und erlangen. Als Folge entstanden
im 18. Jahrhundert rationale, kalkulierende und kontrollierte Männlichkeitsformen.
Der Bürokrat und der kapitalistische Geschäftsmann bildeten
sich als neue soziale Typen heraus, die den bürgerlichen Verhaltenskodex
entscheidend prägten und in der Folgezeit repräsentieren sollten.
Besonders deutlich lässt sich die bürgerliche Versachlichung
und Rationalisierung an der Mode beobachten. Hatten Männer bis zur
französischen Revolution ebenso prächtige Kleidung wie Frauen
getragen und Schminke, Perücken und Puder benutzt, trat mit dem ausgehenden
18. Jahrhundert der schwarze Frack seinen Siegeszug an, der dem Manne
fortan ein betont gedämpftes und kontrolliertes Auftreten verlieh.
Diese forciert rationalistische Männlichkeit wurde in der Folgezeit
zum männlichen Geschlechtscharakter per se erklärt. Durch den
Ausbau des bürokratischen Staatsapparats und der gleichzeitigen Entstehung
von Massen- und Berufsarmeen wurde gleichzeitig die Institutionalisierung
der männlichen Macht vorangetrieben. Als Folge der voranschreitenden
Militarisierung Europas entstand ein neuer Idealtyp von Männlichkeit,
der die Imaginationen eines allzeit selbstbeherrschten, mutigen und ehrenhaften
Mann-Seins in sich vereinte: der soldatische Mann. In den preußischen
und wilhelminischen Offizierkorps, in denen das Ausleben männlicher
Gewalt mit strengster Disziplin, Selbstkontrolle und Rationalität
gepaart wurde, feierte dieser Männlichkeitsentwurf seine Höhepunkte185.
Diese radikale Zurichtung des männlichen Subjekts, die mit der planmäßigen
Austreibung all dessen einherging, was als emotional,
sinnlich, unbeherrscht und damit als »weiblich« galt, führte
jedoch schon frühzeitig zum Aufbegehren gegen diese Limitationen
und zur Entstehung alternativer und/oder rebellierender Männlichkeitsentwürfe.
Dies deutete sich bereits im späten 18. Jahrhundert mit der Wiederentdeckung
des »Wilden Mannes« in der Romantik an, einer legendenumwobenen,
mythischen Gestalt des Mittelalters, dessen un-gebändigte und »unzivilisierte«.Maskulinität
dem naturfernen, entkör-perlichten und intelligiblen Männlichkeitsideal
der Aufklärung trotzig entgegengestellt wurde. Es ist übrigens
dieser »Wilde Mann«, der von der zeitgenössischen mythopoetischen
Männerbewegung enthusiastisch gefeiert wird.
Im England des 19. Jahrhunderts bildete sich in der Ära des kultivierten
Viktorianismus die Bewegung einer elementaren, aggressiven und »primitiven«
Männlichkeit heraus, die unter der Bezeichnung muscular christianity
bekannt werden sollte186, während im Amerika dieser Zeit die Idee
einer »wilden Männlichkeit« von Philosophen und Schriftstellern
wie Emerson, Whitman, Cooper und Melville zelebriert wurde187. Zu beobachten
ist, dass diese tendenziell »barbarischen« Männlichkeitsentwürte
insbesondere an historischen Bruchstellen und zu Zeiten gesellschaftlicher
Umwälzungen Gestalt annahmen, an le-nen traditionelle Männlichkeitsvorstellungen
radikal in Frage gestellt wurden und Männer sich nicht nur in ihrer
Identität, sondern auch in ihrem Herrschaftsanspruch bedroht fühlten.
So ist die Entwicklung einer robusten und aggressiven Maskulinität
im viktorianischen England als die einsetzende Krisenstimmung bürgerlicher
Männer zu verstehen, die sich durch die revoltierende Arbeiterklasse
und den Beginn der feministischen Bewegung zunehmend verunsichert fühlten.
Der Kult einer naturnahen, instinkthaften und letztlich gewaltsamen Männlichkeit
floss in die Moderne ein, in der sich der englische Schriftsteller D.
H. Lawrence als einer ihrer einflussreichsten Repräsentanten erweisen
sollte und wirkt bis in die zeitgenössische mythopoetische Männerbewegung
fort, in der Robert Bly Männer dazu auffordert, diese archaische
und elementare Männlichkeit in sich wiederzuent-decken188.
Der barbarisch-wilde Männlichkeitsentwurf gemeinsam mit dem rationalistisch-soldatischen
Männlichkeitsideal wurden nach dem Ersten Weltkrieg von faschistischen
Bewegungen in ganz Europa aufgefangen und gingen schließlich im
deutschen Faschismus eine schreckliche Allianz ein. Erst die Niederlage
des Faschismus brachte das Ende der Glorifizierung einer Männlichkeit
mit sich, die durch Irrationalität, Gewalt und Barbarei gekennzeichnet
war. Neben dieser waren auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges
aber auch die Ideale der Aufklärung, der Glaube an Zivilisation und
Humanität und die daran geknüpfte Vorstellung von einem vernünftigen
und moralisch handelnden, männlichen Subjekt nahezu zerstört
worden189.
Als Folge verdichtete sich nach dem Zweiten Weltkrieg die vielzitierte
Krise der modernen Männlichkeit, die kennzeichnend werden sollte
für das gesamte 20. Jahrhundert. Unter dem Einfluss der modernen
Frauenbewegung spitzte sich diese unaufhaltsam zu und mündete im
ausgehenden Jahrhundert geradezu in eine Agonie traditioneller Männlichkeit.
Ich weiß noch nicht, wohin das führt, da ist nur was, was ängstlich
macht; was plötzlich all meine Gefühle untersucht und überwacht.
(Konstantin Wecker: Lied vom Mannsein)
Trotz des noch bestehenden Macht- und Gewaltmonopols von Männern
in unserer Gesellschaft erweist sich »Männlichkeit« mittlerweile
als ein äußerst fragiles und höchst zerbrechliches Konstrukt.
In unserem Jahrhundert liegen Männermacht und Männerangst eng
und nahezu ununterscheidbar nebeneinander190. Sozialwissenschaftliche
und psychoanalytische Untersuchungen über Männlichkeit(en) bezeugen,
in welchem Ausmaße die eigene Geschlechtsidentität von Jungen
und Männern als ambivalent, fragil und instabil, als ein geradezu
artifizieller und fiktionaler Zustand wahrgenommen wird, der errungen,
erkämpft und unablässig unter Beweis gestellt werden muss und
dessen man(n) sich trotzdem nie sicher sein kann. Orientierungs-losigkeit,
Unsicherheit und die latente Furcht vor Verlust der Männlichkeitsattribute
kennzeichnen der Männerforschung zufolge geradezu die moderne männliche
Erfahrungswelt.
Der Männlichkeitsbeweis wird dort besonders bedeutsam, wo der Ausschluss
von Macht, Kontrolle und gesellschaftlichem Status am signifikantesten
ist und Männlichkeit sich folglich am stärksten bedroht fühlt.
Je weniger gesellschaftliche Macht Männer innehaben, desto mehr tendieren
sie dazu, eine »harte« Männlichkeit in Szene zu
setzen. Dies belegt die höhere Aggressions- und Gewaltbereitschaft
in den Unterschichten ebenso wie die Zunahme von Gewalt unter arbeitlosen
Jugendlichen191.
Doch auch hegemonialen Männlichkeitsformen liegt offensicht- lich
eine fundamentale Unsicherheit zugrunde. So hatte Klaus Theweleit in seinem
bahnbrechenden Werk Männerphantasien am Beispiel soldatischer Männer
aufgezeigt, in welchem Ausmaße deren maskuline Selbstinszenierungen
und Gewaltphantasien von der tiefen Angst vor Frauen motiviert waren.
Die Psychoanalytikerin Karen Horney hatte bereits 1932 in ihrer Studie
Die Angst vor der Frau aufgezeigt, dass der männerdominierten Kultur
eine latente Furcht vor Frauen und die permanente Angst vor Verlust der
männlichen Macht zugrundeliegt192. Denn jeder Herrschaftsanspruch,
der den Versuch darstellt, Abhängigkeit zu leugnen und sich selbst
in übersteigerter Allmachtsphantasie als das Einzige zu denken, zeigt
sich in Wirklichkeit auf die Existenz anderer und deren Anerkennung angewiesen.
Die patriarchale Herrschaft befindet sich damit geradezu in einer radikalen
Abhängigkeit von Frauen, die sowohl für die männliche Selbstdefinition
als auch für die männliche Herrschaftsausübung unabdingbar
sind. Frauen sind es, die Männern ihrer Männlichkeit versichern
oder sie ihnen versagen können.
Auch ethnologische Studien über Initiationsriten und Männlich-keitsrituale
weisen darauf hin, dass Männlichkeit nicht als e n »natürlicher«,
anatomisch begründeter Zustand wahrgenommen wird, sondern vielmehr
als ein Ungewisser und gefährdeter Status, der Prüfungen, Rituale
und Praktiken bedarf, um sich seiner selbst zu vergewissern und sich im
Außen zu beweisen. Dies wird von dem Männlichkeitsforscher
David Gilmore, der sich mit weltweiten Initiationsriten beschäftige,
bestätigt:
Männlichkeit
wird nicht als ein natürlicher Zustand begriffen, der spontan durch
biologische Reife eintritt, sondern vielmehr als ein unsicherer und künstlicher
Zustand, den sich die jungen gegen mächtige Widerstände erkämpfen
müssen193.
Gerade in
dieser Unsicherheit und Künstlichkeit erblicken die Theoretiker der
Men's Studies die Gründe für die oftmals aggressive Zwanghaftigkeit,
mit der Männer sich ihren gesellschaftlich ideologisierten und mit
Privilegien der Herrschaft versehen Status zu (ver)si-chern suchen. An
der Wurzel dieser rastlosen, nervösen und latent gewaltbereiten Männlichkeit
zeigt sich die Angst, dem seitens der patriachalen Gesellschaft verordneten
Ideal einer allzeit aktiven, mutigen, virilen, selbstbeherrschten, willensstarken
und rationalen Mannhaftigkeit nicht Genüge leisten zu können.
Die häufig zu beobachtende Entwicklung einer hypertrophierten, geradezu
hysterischen Männlichkeit, die sich unablässig zeigt und sich
zwanghaft unter Beweis zu stellen sucht, gilt als die Folge dieser Verunsicherung
männlicher Geschlechtsidentität und als vergeblicher Versuch,
diese zu stabilisieren.
Einen tiefen Einblick in die männliche Verunsicherung gewährt
die Lektüre maskuliner Kultautoren, seitens derer die männliche
Macht unablässig beschworen und zelebriert wird. A man can hardly
ever as-sume he has become a man194 schrieb Norman Mailer, einer der entschiedensten
Antifeministen und Maskulinisten dieses Jahrhunderts. In einem 1998 im
Guardian erschienenen Interview gestand dieser schließlich ein,
dass seine literarischen maskulinen Selbstinszenierungen Immer von der
Angst getrieben waren, als nicht männlich genug zu erscheinen und
möglicherweise für schwul gehalten zu werden. Auch Mailers großes
Idol, Ernest Hemingway, der sein gesamtes Leben und Werk in den Dienst
maskuliner Helden- und Legendenbildung gestellt hatte, bezeugte durch
seine chronische Depression, krankhafte Eifersucht und seinen exzessiven
Alkoholgenuss, letztlich durch seinen gewaltsamen Freitod den immensen
Preis, den ihm die hypermaskuline Selbstinszenierung abverlangt hatte.
Diese selbstdestruktiven Tendenzen bezeugen das Maß an gewaltsamen
Verdrängungen, die in die Konstruktion dominanter Formen von Männlichkeit
eingehen und am Wirken sind. Sie weisen auf die Notwendigkeit hin, traditionelle
Männlichkeitsideale kritisch zu hinterfragen und sich auf die Suche
nach neuen Varianten des Mann-Seins zu machen.
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