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OFFENSICHTLICH
MÄNNLICH
Zur aktuellen Kritik der heterosexuellen Männlichkeit
Von Georg
Tillner und Siegfried Kaltenecker
---Einleitung
1. Unwissentlich männlich
2. Männlichkeit ist eine Konstruktion
3. Der Mann existiert nicht
4. Männlichkeit ist Effekt und Prozeß ihrer Darstellung
5. Männlichkeit ist der unabschließbare Prozeß ihrer
Herstellung
6. Unverändert männlich?
---Fußnoten
Männliche Sexualität, schrieb der britische Filmtheoretiker
Richard Dyer einmal, sei ein bißchen wie Luft: Du atmest sie die
ganze Zeit über und nimmst sie doch kaum wahr. Freilich ist das von
Dyer pointierte Paradox zwischen der Allgegenwart von Männlichkeit
und ihrer sonderbaren Unsichtbarkeit alles andere als ein natürliches.
Ihre "lebensstiftende" Funktion ist vielmehr das Produkt einer
patriarchalen Kultur, die Männlichkeit eben nicht als spezifisches
Geschlecht mit einer spezifischen Sexualität begreift, sondern als
ein universelles, gleichsam naturhaft herrschendes Prinzip. Es ist ein
Verdienst der Frauenbewegungen, diese "unsichtbare" Männlichkeit
ins Auge gefaßt und ihre geschlechterpolitischen Effekte unübersehbar
gemacht zu haben: als Organisationsprinzip des öffentlichen wie des
privaten Lebens, als Repräsentantin sexistischer Unterdrückung
und Ausbeutung, nicht zuletzt aber auch als Verkörperung eines rationalen
Diskurses, der eben nur ein Subjekt kennt.
So wie Feministinnen systematisch zur Rede stellten, was die längste
Zeit über als unhinterfragte Grundlage unserer Gesellschaftsordnung
galt, leisteten auch die Lesben- und Schwulenbewegungen einen entscheidenden
Beitrag zur kritischen Erforschung dieses "blinden Flecks".
Indem Homosexuelle die vielfältigen Normierungsprozesse aufdeckten,
die das heterosexuelle Begehren zum selbstverständlichen Fundament
patriarchaler Liebes- und Lebensverhältnisse machen, entlarvten sie
als kulturelle Konstruktion, was sich stets als natürlicher Maßstab
des Menschlichen gesetzt hatte: das weiße, bürgerliche, männlich-heterosexuelle
Subjekt.
Es waren die Emanzipationsbewegungen der Frauen, der Lesben und der Schwulen,
die die kritische Auseinandersetzung mit den soziokulturellen Bedeutungen
von "Mann" und "Männlichkeit" in Gang setzten
und eine differenzierte Reflexion der sie bestimmenden Strukturen vorantrieben.
Was sich in der englischsprachigen Wissenschaftskultur im Laufe der 80er
Jahre an neuer Männlichkeitskritik herauskristallisierte, läßt
sich jedoch keineswegs als einheitliches Forschungsfeld begreifen. Männlichkeitskritik
wird von unterschiedlichen Subjekten mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen
in unterschiedlichen politischen Kontexten betrieben: von heterosexuellen
und lesbischen Feministinnen, von schwulen, in den letzten Jahren aber
auch zunehend von heterosexuellen Forschern, die sich auf die Traditionen
feministischer und lesbisch-schwuler Theorie beziehen. Zudem bildet die
aktuelle Männlichkeitskritik auch in methodologischer Hinsicht ein
Kaleidoskop, in dem sich interdisziplinäre Ansätze und Argumentationslinien
in verschiedenen Studienschwerpunkten wie Women's bzw. Gender und Queer
Studies konzentrieren: psychoanalytische Geschlechterforschungen, die
die Natürlichkeit sexueller Verhältnisse dekonstruieren, poststrukturalistische
Untersuchungen, die die patriarchalen Subjektrepräsentationen kritisieren,
oder postmarxistische Gesellschaftsanalysen, die sich mit dem effektiven
Zusammenspiel von Identität, Ideologie und Ökonomie auseinandersetzen.
Im folgenden wollen wir versuchen, aus der Vielfalt dieser theoretischen
Perspektiven uns wesentliche Themenkreise der aktuellen Männlichkeitskritik
zu bestimmen und in sechs Thesen vorzustellen. Sechs Thesen, die weder
Anspruch auf repräsentative Vollständigkeit noch auf äußere
Abgeschlossenheit erheben. Sie stellen keine Endpunkte einer Analyse dar,
sondern ein Zwischenresumée unserer bisherigen Theorierezeption
und verfolgen zumindest ein dreifaches Interesse: ein wissenschaftliches
Interesse, die sexualpolitischen Funktionsweisen gesellschaftlicher Prozesse
zu begreifen und in die männliche Wissenschaftsproduktion einzubringen;
ein selbstaufklärerisches Interesse, unsere eigenen Männlichkeitserfahrungen
und die Reflexion dieser Erfahrungen zu theoretisieren; und ein politisches
Interesse, im Wechselspiel von theoretischer Reflexion und kritischer
Selbstvergewisserung unsere stets versagenden Veränderungsversuche
neu zu orientieren.
1. Unwissentlich männlich
Selbsterfahrungsgruppen von Männern, die sich seit den 70er Jahren
als mehr oder minder direkte Folge der Frauen- und Schwulenbewegungen
gebildet hatten, wurden öfters belächelt als besucht. Daß
Männergruppen lächerlich wirken, liegt allerdings weniger an
dem tatsächlichen Verlauf solcher Gesprächsrunden, als an herrschenden
Männerbildern, die regeln, was Männer tun sollen und können
und was nicht. Publikationen, die solche Selbsterfahrungen reflektieren,
behandeln immer wieder ein Leiden an geschlechtsspezifischen Erwartungen
und den Kampf mit herrschenden Rollenzuschreibungen. Kritische Reflexionen
der eigenen Lebensgeschichte, Oral History-Interviews zu den geschlechtsspezifischen
Arbeits- und Beziehungspraktiken, Theorien über den männlichen
Sozialisationsprozeß oder Arbeiten über Männerfreundschaften
und Männerbünde unterstreichen nicht nur die Vielfältigkeit,
sondern auch die oft schmerzliche Mühsal kapitalistisch-patriarchaler
Mannwerdung.1 Dabei offenbaren viele Autoren allerdings auch, daß
ihnen die symbolische und reale Macht, die sie als Männer ausüben,
anscheinend nicht bewußt ist, da sie selbst sich als ohnmächtig
und unterdrückt darstellen. Dieses scheinbare Paradox muß aber
weder die Aufhebung der feministischen Kritik an der tatsächlichen
und potentiellen Gewalt aller Männer gegen Frauen noch die Diffamierung
männlichen Unbehagens bedeuten. Es läßt vielmehr erahnen,
wie kompliziert und facettenreich der Zusammenhang von struktureller und
praktizierter Macht ist - daß sich die Macht niemals vollständig
personifiziert, daß es den "totalen Herren" nicht gibt,
daß die Geschlechterherrschaft vielmehr durch ihre Träger hindurchgeht
und sie in der Ermächtigung auch unterwirft.
Wie aber praktizieren Männer diese in sich widersprüchliche
Macht? Sie bejahen die patriarchalen Strukturen vielleicht nicht offen
mit einer biologistischen Begründung ("Männer sind Frauen
von Natur aus überlegen"); sie üben diese Macht möglicherweise
auch nicht zynisch aus ("Ich weiß sehr wohl, daß die
Privilegien der Männer keine Legitimation in der Natur haben, aber
solange ich die Vorteile genießen kann, tu ich so als ob"),
sondern vielmehr naiv, d.h., sie nehmen weder ihre alltäglichen Privilegien
als solche wahr noch die strukturelle Dominanz, die sie mit unreflektierter
Selbstverständlichkeit über Frauen ausüben. Für uns
beruht diese naive Machtausübung auf einem doppelten Übersehen:
Zum einen übersehen wir, daß die individuellen Praktiken weder
natürlich noch frei gewählt sind, sondern auf kollektiven Machtstrukturen
beruhen; zum anderen übersehen wir, daß diese Strukturen erst
durch individuelle Praktiken produziert und bestätigt werden. So
folgen beispielsweise die individuellen Arbeits- und Lohnverhältnisse
stets einer Struktur geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, die die Praxen
von männlicher Lohnarbeit und weiblicher Reproduktionsarbeit, bzw.
von ungleicher Bezahlung bestimmt.2 Ein anderes Beispiel für diese
gesellschaftskonstitutive Dialektik von Praxis und Struktur ist, daß
als so intim und individuell wahrgenommene Dinge wie romantische Verliebung,
sexuelles Lustempfinden und die Verheimlichung von Homoerotik immer schon
von einer heterosexuellen Matrix bestimmt werden, durch die Heterosexualität
naturalisiert, Genitalität fixiert, Monogamie normiert und Homosexualität
tabuisiert wird. Und schließlich sind auch die selbstverständlichen
Verhaltensformen in der Universität, dem Parlament, den Gerichten
oder den Sportklubs von deren männerbündischer Struktur geprägt.
Mit Althusser kann das systematische Übersehen der eigenen Partizipation
an Strukturen geschlechtlicher Ungleichheit als ideologisches und damit
zugleich als notwendiges verstanden werden. Ideologisch, weil die Individuen
ihre praktische Affirmation patriarchaler Machtstrukturen verkennen; und
notwendig, weil erst dieses Verkennen die Illusion einer autonomen männlichen
Identität ermöglicht. Dieses doppelte Verkennen bestimmt das
Ausmaß, in dem wir durch die Kategorie Männlichkeit bestimmt
sind; seine Aufklärung ist daher der unumgängliche Anfang jeder
antisexistischen Männerpolitik. Diese aufklärerische Absicht
wird jedoch dadurch kompliziert, daß das naive Verkennen der eigenen
Macht und das darin implizierte Verkennen der gesellschaftlichen Strukturen
möglicherweise nicht nur eine Variante männlicher Machtausübung
darstellt, sondern eine Grundlage jeder männlichen Identität.
2. Männlichkeit ist eine Konstruktion
In den letzten Jahren haben poststrukturalistische TheoretikerInnen die
identitätslogischen Kategorien "Frau" und "Weiblichkeit",
bzw. "Mann" und "Männlichkeit" radikal in Frage
gestellt. Es gibt, so das Credo dieser anti-essentialistischen, gegen
jede "Metaphysik der Substanz" gerichteten Dekonstruktionsprojekte3,
keine Natur des Geschlechts (im Sinne des englischen sex), die nicht immer
schon diskursiv fixiert und damit gesellschaftlich bestimmt (also von
Anfang an gender) ist. Statt nach einem Ursprung des Geschlechts zu fahnden,
steht die Suche nach jenen regulativen Verfahren im Zentrum, die das Geschlecht
(gender) in einer Vielzahl signifikanter Diskurs- und Darstellungsformen
als Effekt hervorbringen. Dabei geht es einerseits darum, den Körper
nicht mehr länger als Garanten eines "wahren" geschlechtlichen
Seins zu begreifen, sondern als für kulturelle Einschreibungen offene
Oberfläche und damit zugleich als Bühne geschlechtsspezifizierender
Selbst-Darstellungen; und andererseits darum, jene unendlichen Wiederholungen
des doing gender zu verdeutlichen, die die dominanten Geschlechtsvorbilder
tagtäglich effektiv befestigen.4
Wenn wir nun einen poststrukturalistischen Blick auf die Männlichkeit
werfen, ist es nicht mehr relevant, welche soziokulturellen "Ausprägungen"
eine männliche "Natur" annimmt, sondern wie und zu welchem
Zweck Männlichkeit überhaupt konstruiert wird - und das heißt
vor allem: wie die patriarchale Zweiteilung in Männer und Frauen
("Mann" und "Frau") erfolgt. Diesem Paradigmenwechsel
entsprechend wird Geschlecht nicht mehr als additive Häufung distinktiver
Merkmale (wie Aktivität-Passivität, Rationalität-Sensibilität,
Autorität-soziale Verantwortung etc.) verstanden, sondern als Folge
einer strukturellen Unterscheidung, die immer schon ein Machtverhältnis
impliziert. Die geschlechtsspezifische Dominanz resultiert nicht aus der
Geschlechterdifferenz, sondern sie (re-)produziert letztere als ihr Mittel
und ihre Legitimation. Die Machtunterschiede zwischen Männern und
Frauen sind also nicht nachgängig zu den feststellbaren sozialen
und psychischen Unterschieden; diese werden vielmehr von Anfang an als
Machtunterschiede definiert. Sie sind dementsprechend auch nicht die sekundären
Effekte einer ursprünglichen sexuellen Differenz, sondern diese Differenz
wird mit den kulturellen Bedeutungen des Geschlechterunterschieds aufgeladen
und in ihrem Rahmen konstruiert. Mit anderen Worten: die kulturellen Geschlechterunterschiede,
die immer ein Machtverhältnis beinhalten und festlegen, erzeugen
die sexuelle Differenz.
3. Der Mann existiert nicht
Es ist eine grundlegende These der Psychoanalyse, daß sich Weiblichkeit
und Männlichkeit in unterschiedlichen Prozessen konstituieren. Von
Freuds Ödipuskomplex über Joan Rivières Maskeradentheorie5,
Lacans segregation urinoire oder das freudomarxistische Entwicklungsmodell
der Kritischen Theorie bis hin zu den feministischen sex-gender-Debatten
galt es als ausgemacht, daß es eine natürliche Differenz zwischen
Mann und Frau gibt, auf deren Basis sich die kulturellen Erscheinungsbilder
von Männlichkeit und Weiblichkeit formieren. Trotz aller Unterschiede
ist diesen Theorien gemein, Männlichkeit als idealtypische Entwicklung
einer vollständigen und stabilen Geschlechtsidentität, Weiblichkeit
hingegen als defizitär und wesensmäßig unabgeschlossen
zu begreifen. Erst in den letzten Jahren haben psychoanalytische Gendertheorien
die konstitutive Relationalität der Geschlechterkonstruktion aufgezeigt.
Männlichkeit und Weiblichkeit entwickeln sich nicht unabhängig
voneinander, sondern in einem bipolaren und hierarchischen Verhältnis.
Die Vorstellung einer vollständigen und stabilen männlichen
Geschlechtsidentität kann überhaupt nur durch die konsequente
Verwerfung des "Nicht-Männlichen" Gestalt annehmen, das
als Anderes imaginiert und als existentieller Mangel auf die Frau projiziert
wird.
Psychoanalytische Gendertheorien heben hervor, daß sich Männlichkeit
immer nur in Differenz zur Frau als Anderer produziert. Doch sind die
realen Männlichkeiten tatsächlich so homogen, wie dieser Produktionsprozeß
nahelegt? Einander so ähnlich? Oder sind nicht auch die Unterschiede
zwischen Männern konstitutiv für die Produktion von Männlichkeit?
Eine solche Sichtweise wird von queer theorists wie Teresa de Lauretis,
bell hooks, Kobena Mercer, Sandy Stone, Eve Kosofsky Sedgwick oder Ray
Navarro nahegelegt, die zusätzlich zum Geschlecht auch sexuelle Orientierung,
Klasse und Ethnie zu zentralen Analysekategorien erheben. Ihre Arbeiten
lassen vermuten, daß die produktive Differenzierung von heterosexueller
und homosexueller Männlichkeit ähnlich funktioniert wie ihre
Differenzierung von Weiblichkeit. Patriarchale Verhältnisse werden
nicht nur durch die Verwerfung und Projektion von Nicht-Männlichem
auf Frauen, sondern auch von Nicht-Heterosexuellem auf Schwule hergestellt.
Derart wird eine "reine" Kategorie von Männlichkeit extrahiert,
die sich auf paradoxe Weise zugleich in einer heterosexuellen Paarbeziehung
und in einem "homosozialen Verband"6 institutionalisiert. Paradox,
weil dieser Verband nur auf der Basis eines heimlichen Begehrens zwischen
heterosexuellen Männern funktioniert, sodaß erst die verworfene
Homosexualität ihren herrschaftlichen Zusammenhalt garantiert und
doppelt paradox, weil die gesellschaftliche Normierung der Heterosexualität
den homoerotischen Bezeichnungs- und Handlungspraxen in den gesellschaftskontrollierenden
Männerbünden (in Wirtschaft, Politik, Sport, Kunst und Wissenschaft)
widerspricht.7
Der homosoziale Verband bindet sich wesentlich durch eine Vielzahl einander
überlagernder, ergänzender, aber auch widersprechender interner
Differenzierungen. So sind etwa wir als lohnarbeitslose Akademiker den
gleichaltrigen Yuppies sozial untergeordnet, gleichzeitig aber durch unser
symbolisches Kapital als Intellektuelle privilegiert; während wir
als inländische Männer über einen leichteren Zugang zum
Wissenschaftsbetrieb verfügen, wird das Thema und die Art unserer
wissenschaftlichen Arbeit marginalisiert. Die scheinbar eindeutige Kategorie
Männlichkeit etabliert sich als Montage vielfältiger Positionen
innerhalb hierarchischer Differenzen. Die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit
dieser Positionen verunmöglicht, daß ein Mann je in allen Differenzierungen
die dominante Position einnimmt und eine vollständige, ungebrochene
Identität erreicht. Mit anderen Worten: je nach seiner Position in
der sozioökonomischen Hierarchie wird jeder Mann immer auch verworfen,
untergeordnet und ausgeschlossen.
Die repräsentative Kategorie Männlichkeit ist nichts als eine
patriarchale Fiktion: Der Mann existiert nicht. Nichtsdestoweniger ermächtigt
die Möglichkeit, sich dieser fiktiven Kategorie zugehörig zu
erklären, das männliche Individuum, indem sie ihm eine vollständige
Subjektivität verspricht, auch wenn diese immer unerreichbar bleibt.
"Der Patriarch" ist kein lebendiger Mann, er ist jenseits der
realen Erfahrungen von Männern; als Phantom der Vollständigkeit
konfrontiert er diese vielmehr mit ihrer eigenen Mangelhaftigkeit und
ihrem In-Differenz-Sein.8 Gerade darin liegt aber die zentrale Funktion
dieser Fiktion: das zwangsläufige Scheitern jeder vollständigen
Identifikation mit dem Idealbild des Patriarchen liefert die Motivation,
ihm beharrlich nachzueifern. Erst ihre Unerreichbarkeit scheint der patriarchalen
Kategorie Männlichkeit ihre besondere Effektivität zu verleihen;
sie wirkt durch die scheiternden Versuche, sie zu verwirklichen.
Zweifellos ist diese Kategorie selbst überaus vielfältig und
beständiger Veränderung unterworfen. Abseits poststrukturalistischer
und psychoanalytischer Analysen haben historische und ethnographische
Männlichkeitsstudien deutlich gemacht, daß sich die Bilder
und Bedeutungen von Männlichkeit in den verschiedenen Kulturen (auch
denen innerhalb einer Gesellschaft) und geschichtlichen Epochen grundlegend
unterscheiden können:9 die bürgerlichen des 19. Jahrhunderts
von denen der späten 80er von denen der afroamerikanischen Mittelschicht
von denen der ländlichen Unterschicht in Österreich, usw. Dabei
gilt es zu bedenken, daß sich - obwohl in allen bekannten Kulturen
die Unterscheidung der Geschlechter eine der wesentlichsten und zumeist
die grundlegende soziokulturelle Differenzierung darstellt - nicht nur
die konkreten Erscheinungsformen von Männlichkeit ändern, sondern
auch ihre Bedeutung und bedeutende Wirkung. Was "Männlichkeit"
jeweils wie und wozu ist, kann nicht als geklärt vorausgesetzt werden.
Trotz dieser notwendigen historischen, klassen-, ethnien- und generationenspezifischen
Differenzierung der Männlichkeiten dürfen allerdings die Kontinuitäten
und Ähnlichkeiten der Funktionsweisen von Macht und Differenz nicht
aus den Augen verloren werden.
Wie läßt sich das Paradox begreifen, daß Männlichkeit
eine Fiktion ist, die unsere Wirklichkeit bestimmt? Und wie funktionieren
die praktischen Ein- und Ausübungen von Männlichkeit? Ein möglicher
Ansatzpunkt für die Beantwortung dieser für uns zentralen Fragen
ist das konkrete Wechselverhältnis zwischen der phantasmatischen
Zuschreibung und der realen Ausübung patriarchaler Macht. Wesentlich
erscheint uns zu bedenken, daß sich die phantasmatische Zuschreibung
stets in historisch konkreten materiellen Formen institutionalisiert.
In Institutionen wie Ehe, Kirche, Partei, Polizei, Sportverein, Arbeitsplatz,
etc. werden Männern von vornherein bestimmte Machtpositionen zugewiesen.
Diese Machtpositionen sind allerdings nicht statische Besitztümer,
sondern konstituieren sich in standardisierten, sich alltäglich wiederholenden
Praktiken, die in Althusserschem Sinne als Rituale verstanden werden können.
Der Begriff des Rituals erlaubt, jenes komplexe Zusammenspiel von Fremd-
und Selbstermächtigungen zu umreißen, aus dem sich der Machtanspruch
des männlichen Individuums speist. In den ritualisierten Machtausübungen
wird die Identifikation mit der Kategorie Männlichkeit aktiv praktiziert
und in beständigen Wiederholungen verwirklicht. So wird etwa Männern
in allen möglichen institutionalisierten Gesprächssituationen
von Frauen ein vorrangiges Rederecht eingeräumt; dieses selbstverständlich
in Anspruch zu nehmen, erlaubt es Männern, sich als souveräne
Sprach- und Handlungssubjekte zu imaginieren. Und die Fiktion der symbolischen
Bedeutung von Männern - die sowohl als Fremd- als auch als Selbstbild
in die jeweiligen sozialen Situationen eingebracht wird - unterstützt
unter anderem ihre reale Besetzung von öffentlichen Räumen,
die wiederum ihre Phantasien von Stärke und Überlegenheit nährt.
So ließe sich sagen, daß das reale Verhalten von Männern
die Aufführung der Fiktion Männlichkeit ist.
4. Männlichkeit ist Effekt und Prozeß ihrer Darstellung10
Die zentrale Bedeutung von Repräsentationen im Prozeß gesellschaftlicher
Transformationen hängt zweifellos mit dem Zustand unserer gegenwärtigen
Kultur zusammen. Postmoderne KulturtheoretikerInnen beschreiben die spätkapitalistische
Gesellschaft als eine, in der reale Prozesse zunehmend als symbolische
Transaktionen stattfinden, die Zirkulation von Zeichen sich beschleunigt,
die eindeutige Unterscheidbarkeit von Wirklichkeit und Darstellung sich
auflöst, wir also in einer "medialisierten Welt", einer
"Gesellschaft des Spektakels", der "Ära der Simulakra"
leben. Es verwundert daher auch nicht, daß viele Männlichkeitsanalysen
der letzten Jahre aus dem Bereich der Film- und Medientheorie kommen.
Repräsentation wird in den aktuellen Debatten nicht nur zu einem
der zentralen gesellschaftsanalytischen Begriffe, sondern markiert auch
einen der wesentlichsten Schauplätze politischer Kämpfe.
Wenn Judith Butler argumentiert, daß es keine grundlegenden sexuellen
Identitäten gibt, sondern Bezeichnungs- und Darstellungspraxen erst
die Illusion von Identität erzeugen, liefert sie eine Theorie der
"Repräsentativität" von Geschlecht. Geschlechterrepräsentationen
sind keine Widerspiegelungen natürlicher oder jedenfalls gegebener
Identitäten, sondern erzeugen diese erst als Effekt von Äußerungs-
und Handlungsakten, die ihre vermeintliche Grundlage performativ hervorbringen.11
In diesem Sinne bezeichnen wir mit dem Begriff der Männlichkeitsrepräsentationen
alle Vor- und Darstellungen, Be- und Festschreibungen, durch die Männer
zirkulieren, bezeichnet und konstruiert werden.
Da Repräsentationen also produktiv sind, weil sie etwas erzeugen
und nicht etwas wiedergeben, läßt sich die Bedeutung von Männlichkeitsdarstellungen
neu entwerfen. Die Darstellungen von Männlichkeit sind eine Produktionsstätte
von Geschlechterhierarchien und deshalb eine notwendige Arena politischer
Auseinandersetzung. Auf diesen zwei grundlegenden Einsichten bauen Forschungsarbeiten
auf, die Männlichkeit als "Spektakel", "Maskerade"
oder "Zeichen" ohne existentielle Grundlage beschreiben.12 Männlichkeit
wird in diesen Arbeiten nicht mehr als das unerschütterliche Fundament
der patriarchalen Gesellschaftsordnung begriffen, sondern als Montage
miteinander konkurrierender Repräsentationsformen.
"Male Trouble", so der programmatische Titel einer Ausgabe von
Camera Obscura13, macht die Ver-Störung des und die Schwierigkeit
mit dem Männlichen vor allem auf zwei Ebenen aus. Einerseits heben
die Autorinnen hervor, daß die dominanten heterosexuellen Männlichkeitsbilder
immer wieder durch "perverse", "feminine", "homosexuelle"
oder sonstwie "unmännliche" Darstellungen überlagert
werden; womit sie andererseits der Annahme widersprechen, die medial vermittelte
Männlichkeit erfülle stets ein eindeutiges und homogenes patriarchales
Ideal. Die Darstellung des männlich-heterosexuellen Helden erweist
sich vielmehr als gebrochen und instabil, von masochistischen, feminisierenden
oder homoerotischen Elementen durchsetzt. Wenn die medialen Männlichkeiten
jedoch nicht durchgängig einem einfachen Schema von sexistischer
Dominanz, souveräner Handlungsfähigkeit und gesicherter sexueller
Identität entsprechen, muß das Funktionieren des Patriarchats
grundlegend überdacht werden. Denn wie reproduziert sich die Männerherrschaft,
wenn sich Männlichkeiten offensichtlich gebrochen und instabil repräsentieren?
Subvertieren solche Darstellungen die bestehende Ordnung? Läßt
sich das Patriarchat durch die Repräsentation "anderer"
Männlichkeiten tatsächlich stören? Sind diese "unmännlichen"
Bilder gar zu einem utopischen Modell anti-patriarchaler Männlichkeit
zu verdichten?
5. Männlichkeit ist der unabschließbare Prozeß ihrer
Herstellung
Die Thesen "Der Mann existiert nicht" und "Männlichkeit
ist Effekt und Prozeß ihrer Darstellung" gehen beide davon
aus, daß Identität weder ganz und einheitlich noch eine Gegebenheit
ist. Männer und Frauen bzw. die Identitäten männlich und
weiblich werden demnach weder durch eine biologische Essenz (die Anatomie)
definiert noch durch einen kulturellen Block (das Patriarchat), sondern
durch die historisch und kulturell spezifische Fixierung der sie bestimmenden
Differenzen. D.h. sie sind keine statischen Gegebenheiten, sondern flexible
Prozesse, keine gefestigten Errungenschaften, sondern prekäre Subjektpositionen,
die als Pole einer dichotomischen Hierarchie ermöglicht und wiederholt
werden. Die beständige Wiederholung dominanter Geschlechterrepräsentationen
zeigt dementsprechend weniger die Unveränderlichkeit als die Grundlosigkeit
der sexuellen Identität an, die ihre rituelle, im alltäglichen
doing gender institutionalisierte Bestätigung erforderlich macht.
Auch die Männlichkeit ist also keine natürliche, gleichsam in
die Wiege gelegte Substanz, sondern das Produkt einer performativen Herstellung,
das sich seiner selbst in der Differenz zum imaginierten Anderen immer
wieder aufs Neue versichern muß. In diesem Sinne ist die Herstellung
von Männlichkeit eine "Crisis" in buchstäblichem Sinne:
eine notwendige Entscheidung mit offenem Ausgang.
Aus dieser Einsicht zu folgern, Geschlechtsidentitäten seien allmorgendlich
frei wählbar, verkennt freilich völlig die Macht kollektiver
Ordnungen, die die Zustimmung zu und Übereinstimmung mit dominanten
Repräsentationen unaufhörlich einfordern. Die Repräsentationen
geschlechtlicher Subjekte stehen in einem dialektischen Zusammenhang mit
sozioökonomischen Verhältnissen, die selbst beständigen
Transformationsprozessen unterworfen sind, sodaß die gebrochene
und instabile Konstruktion patriarchaler Männlichkeit der heterogenen
Funktionsweise der spätkapitalistischen Gesellschaftsordnung untrennbar
verbunden bleibt. Folgt frau/man postmarxistischen TheoretikerInnen ist
mit der natürlichen Substanz des geschlechtlichen Subjekts jedenfalls
auch das monolithische Wesen kapitalistisch-patriarchaler Herrschaftsverhältnisse
grundlegend in Frage zu stellen.14 Die Gesellschaft läßt sich
so wenig zu einer totalen Ordnung zusammenfügen wie die Männlichkeit.
Beide sind vielmehr durch die grundsätzliche "Offenheit des
Sozialen" geprägt und damit durch die Unmöglichkeit der
Festlegung einer endgültigen Bedeutung.15 Dieses Fehlen einer letzten
Bedeutung verbietet es, die bestehenden Machtstrukturen als zwangsläufige
Produkte eines allumfassenden Gesetzes - sei es ein ökonomisches
oder ein politisches - zu betrachten. Auch das Patriarchat hat keine Essenz
und die es bestimmenden Geschlechterverhältnisse sind nicht als einheitliche
und universelle, sondern nur als heterogene und diskontinuierliche zu
denken. Angesichts der beständigen Untergrabung bzw. Überschreitung
jedweder Identität ist auch das offensichtliche Funktionieren geschlechtsspezifischer
Dominanz nicht durch ein allgemeingültiges Gesetz zu erklären,
sondern nur über spezifischen Formen herrschaftlicher Fixierung,
die die prinzipielle Offenheit der sexuellen Realitäten an bestimmten
Punkten verknoten und zur dominanten Fiktion natürlicher Identitäten
verdichten. Die Dominanz von Männern über Frauen reproduziert
sich durch vielfältige Praxen innerhalb unterschiedlicher gesellschaftlicher
Institutionen; die Effekte dieser widersprüchlichen, einander aber
auch ergänzenden und verstärkenden Praxen koordinieren sich
zur sexistischen Dominanz.
Es ist der Begriff der Hegemonie, mit dem angloamerikanische ForscherInnen
diese spezifische Koordination zu umfangen und den relationalen Charakter
der durch sie konstituierten Identitäten zu ergründen versuchen.
"Männliche Hegemonie" oder "hegemoniale Männlichkeit"16
bezeichnet jene herrschaftliche Systematik, die die differenzierten Subjektpositionen
bündelt und zu einer fiktiven Einheit zusammenzuschnüren sucht.
Geachtet aller Differenzen zwischen Männern gibt es verbindende und
verbindliche Knotenpunkte: die klassen- und kulturübergreifende Dominanz
von Männern über Frauen; die ökonomische Vormachtstellung
von Männern; die symbolische (sprachliche, juristische, wissenschaftliche,
mediale, etc.) Repräsentativität des männlichen Subjekts;
die Normativität von Heterosexualität; oder die Idealisierung
männerkörperlicher Virilität.
Die hegemoniale Männlichkeit reproduziert sich in Differenz und legt
damit immer zugleich eine herrschaftliche Hierarchie fest. Mit den Positionen
von Männlichkeit, Heterosexualität und Potenz fixiert sie stets
auch die Positionen von Weiblichkeit, Homosexualität und Impotenz
(als unterlegenes Anderes und Negativ des Männlichen); und zudem
vermag sie diese Festlegungen auch immer wieder zu reartikulieren und
die sie bestimmenden Differenzen neu zusammenzusetzen. Frau/man denke
hierbei etwa an die ständige Veränderung der Körperrepräsentation
durch Kleider- und Haarmode (Stichwort: androgyner Chic), an die postmoderne
Feminisierung der Männlichkeitsikonographie (Stichwort: der narzißtische
Mann in der Werbung), an die Vereinnahmung transvestitischer Elemente
in die Pop-Mainstream-Kultur (Stichwort: Vogueing in der Madonna-Show)
oder auch an die partielle Umbewertung der Bedeutung des männlichen
Berufslebens im Zuge der ökonomischen und sozialen Verselbständigung
von Frauen (Stichwort: Neuer Vater).
Das System der hegemonialen Männlichkeit offenbart sich also als
überaus flexibles Gefüge, das letztlich keinen ausgewogenen
Zustand kennt, sondern nur die historisch kontinuierliche Veränderung
seiner Praxen und Institutionen. Dementsprechend beschäftigen sich
die verschiedenen Arbeiten zur hegemonialen Männlichkeit sowohl mit
den unterschiedlichen Herrschaftsaufträgen, die Männer als Agenten
sexistischer Machtstrukturen ausführen, als auch mit jener vielfältigen
Institutionalisierung geschlechtsspezifischer Ungleichheit, die dem Patriarchat
ungeachtet seiner substantiellen Krisen das Überleben sichert. Denn
diese Krisen werden - der Flexibilität hegemonialer Macht entsprechend
- beharrlich in die politische und symbolische Ökonomie des Bestehenden
integriert. Einerseits werden antagonistische und potentiell widerständige
Elemente umgedeutet und vereinnahmt und andererseits verworfen und bis
zur physischen Vernichtung ausgeschlossen. Daher sind diese Krisen nicht
nur bedrohliche Störungen der patriarchalen Ordnung, sondern auch
Motoren ihrer beständigen Erneuerung.
6. Unverändert männlich?
Gerade die Analysen der patriarchalen Hegemonie aktualisieren die fundamentale
Frage nach dem politischen Nutzen der aktuellen Männlichkeitsstudien.
Rücken sie nicht einmal mehr Männer ins Zentrum der Aufmerksamkeit?
Stellen sie nicht eine besonders raffinierte Strategie dar, um die offensichtliche
Krise der Männlichkeit abzuwickeln? Gar ein Projekt des anti-feministischen
roll-back?
"Part of the Problem or Part of the Solution?", fragen Joyce
E. Canaan und
Christine Griffin skeptisch und verweisen mit Nachdruck auf die unterschiedlichen
Erkenntnisinteressen, vor allem aber auf die unterschiedlichen politischen
Kontexte von feministisch-lesbischen, schwulen und männlich-heterosexuellen
MännlichkeitskritikerInnen.17 Während die Kritik an ersteren
vor allem den strategischen Wert für das jeweilige Emanzipationsprojekt
bezweifelt, verdienen letztere eine weit umfassendere Skepsis. Heterosexuelle
Forscher stellen sich in die Traditionen feministischer und lesbisch-schwuler
Wissenschaft, können jedoch deren politische Öffentlichkeit,
deren Ziele und Lebenszusammenhänge nicht für sich in Anspruch
nehmen. Sie stehen in keinem den Frauenbewegungen analogen Kontext und
haben auch keinen Kampf um Emanzipation zu führen, der eine Befreiungsrhetorik
rechtfertigen würde: "The group that holds predominant social
power cannot be 'liberated'."18
Was aber sind dann überhaupt die Perspektiven und die Intentionen
von männlich-heterosexuellen Männlichkeitskritikern? Uns geht
es nicht darum, eine "neue Männlichkeit" zu propagieren
oder das Mann-Sein mit anderen "Inhalten" zu füllen. Da
die symbolische Kategorie und die reale Identität "männlich"
das Produkt eines hierarchischen sexistischen Gesellschaftssystems sind,
ist - zumindest aus unserer gegenwärtigen Position als heterosexuelle
Männer in einer patriarchalen Gesellschaft - keine utopische Projektion
einer anderen, besseren Männlichkeit möglich, die nicht unweigerlich
eine Affirmation der bestehenden Geschlechterordnung wäre. Eine Beschäftigung
mit Männlichkeit, die sich als kritische versteht, kann als utopisches
Projekt nur die Auflösung der identitätsstiftenden und gesellschaftsordnenden
Kategorie Männlichkeit ins Auge fassen.
Unsere eigene Veränderungsarbeit führt uns allerdings vor Augen,
daß dieses Projekt immer nur lokal und fragmentarisch praktiziert
werden kann, da die Totalität der eigenen Männlichkeit nicht
erfaßt werden kann. Mögliche Eingriffe, etwa die Selbstbeschränkung
im Redeverhalten, die Auflösung von Konkurrenzsituationen oder die
Befreiung vom sexuellen Leistungsdruck bleiben punktuell und erlösen
uns nicht von dem ganzen Ausmaß, in dem wir männlich bestimmt
und bestimmend sind. Zudem bleibt der Erlösungswunsch zwiespältig,
da sich ihm in der Praxis sowohl unbewußte Mechanismen als auch
soziale Zwänge entgegenstellen. So wurde beispielsweise unser bewußtes
Bemühen, dominantes Redeverhalten zu vermeiden, durch den geradezu
reflexartigen Versuch konterkariert, die Macht durch dominantes Schweigen,
abfällige Mimik oder demonstrative Unbeteiligtheit auf einer anderen
Ebene wiederherzustellen. Und das bewußte Bemühen, die Rolle
des sexuell Aktiven zugunsten eines passiven Genießens aufzugeben,
ließ uns noch nicht den Anspruch auf die Definitionsmacht über
den Geschlechtsakt aufgeben. Vielleicht sind diese unbewußten Widerstände
gegen konkrete Veränderungen eine Reaktion auf den drohenden Verlust
männlicher Identität; zwanghafte Reflexe, um dem offenen Scheitern
an der konstitutiven Fiktion Männlichkeit zu entgehen; oder Mobilisierungen
gegen die Erfahrung von Verlust und Passivität, die geradezu existentielle
Ängste wecken kann.
In jedem Fall ist das Identitätsbedürfnis, auf das diese Ängste
verweisen, kein natürlich existentielles, sondern durch soziale Zwänge
konstruiert. Doch auch wenn wir der Kritik an der patriarchalen Identitätslogik
zustimmen, gilt es andererseits, nicht dem Pathos der Nicht-Identität
zu verfallen, da diese angesichts der realen und für das Subjekt
existentiellen Zwänge nicht ohne weiteres lebbar ist. Schließlich
folgt aus der Einsicht, daß so etwas wie Identität für
das psychische und soziale Überleben notwendig ist, noch nicht, daß
es diese, diese eine, diese eine geschlechtliche Identität sein muß.
Es scheint unumgänglich, daß wir heterosexuelle Männer
uns immer wieder aufs Neue auf das paradoxe Projekt eines Entwurfes von
Identitäts- und Beziehungspraxen einlassen, die nicht von Männlichkeit
und Heterosexualität determiniert sind - Entwürfe, in denen
die eigene Identität nicht länger als normativ begriffen wird,
sondern als die einer Minderheit unter anderen; Entwürfe, die etwa
die stattfindenden Veränderungen in heterosexuellen Beziehungen oder
auch die anderen Lebens- und Liebesformen in schwulen und lesbischen Kulturen
sicht- und vorstellbar machen.
Der Eingriff in die Wissenschaftskultur, den wir mit der kritischen Forschung
zur heterosexuellen Männlichkeit vornehmen wollen, darf sich nicht
darauf beschränken, daß wir mit dem Thema uns selbst in den
patriarchalen Betrieb hineinhieven. Die von uns argumentierte Bedeutung
der Männlichkeit für individuelle Subjektivität und die
Ordnung der Gesellschaft unterstreicht die Forderung, Geschlecht und Sexualität
zu entscheidenden Kategorien jeder sozial- und geisteswissenschaftlichen
Forschung zu machen. Da Männlichkeit nicht nur das Objekt der Forschung
bestimmt, sondern auch die Institutionen, Subjekte und Praxen der Forschung,
fordert die Kritik an Männlichkeit auch die Veränderung des
wissenschaftlichen Arbeitens auf.
Auch wenn der politisch-ethische Forderungskatalog, den David Morgan und
Jeff Hearn in "The critique of men" für heterosexuelle
Männerforscher aufstellen, sehr allgemein bleibt, ist seine konsequente
Befolgung die unerfüllte Grundlage der Veränderung der patriarchalen
Verhältnisse: daß feministische Wissenschaft und Frauenforschung
in der eigenen Forschung und in den Institutionen zu unterstützen
ist; daß die Kritik an Männlichkeit sich nicht der Frauenforschung
gleichsetzen kann; daß Männer sich nicht um Forschungsgelder
und Universitätsposten bewerben sollen, die für Geschlechterforschung
ausgeschrieben wurden; und daß das Ziel der Kritik an Männlichkeit
wir Männer selbst sind.19 Ein Ziel, das freilich auch in den Männerbeziehungen
des Wissenschaftsbetriebes und aller anderen gesellschaftlichen Institutionen
ins Auge gefaßt werden muß, um Formen politischer Beziehungen
entwickeln zu können, die sich nicht zu patriarchalen Männerbünden
verdichten.
Fußnoten:
1 Vgl. David Jackson, Unmasking Masculinity. A Critical Autobiography,
New York/London 1990 (Critical Sutdies on Men and Masculinities), Peter
M. Nardi (ed.), Men´s Friendships, Newbury Park 1992 (Research on
Men and Masculinites 2), Victor J. Seidler (ed.), The Achilles Heel Reader.
Men, Sexual Politics and Socialism, New York/London 1991 (Male Orders),
Victor J. Seidler (ed.), Men, Sex and Relationships. Writings From Achilles
Heel, New York/London 1992 (Male Orders), Michael S. Kimmel (ed.), Changing
Men: New Directions in Research on Men and Masculinity, Newbury Park 1987.
Michael S. Kimmel, Michael A. Messner (eds.), Men´s Lives, New York
1989.
2 Vgl. R. W. Connell, Gender and Power. Society, the Person, and Sexual
Politics, Palo Alto 1987.
3 Das avancierteste oder zumindest aufsehenerregendste von ihnen war zweifellos
Judith Butlers Gender Trouble, New York/London 1990. Vgl. hierzu auch
Judith Butler, Bodies That Matter, New York/London 1993 und den von Barbara
Vinken herausgegebenen Sammelband Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft
in Amerika, Frankfurt/Main 1992.
4 "Das Herstellen von Geschlecht (doing gender)", so die Definition
von West/Zimmerman, "umfaßt eine gebündelte Vielfalt sozial
gesteuerter Tätigkeiten auf der Ebene der Wahrnehmung, der Interaktion
und der Alltagspolitik, welche bestimmte Handlungen mit der Bedeutung
versehen, Ausdruck weiblicher oder männlicher "Natur" zu
sein." Geschlechtsidentität "hat" frau/man also in
striktem Sinne nur, indem frau/man sie "tut" und indem dieses
"Tun" von anderen als adäquates, dem unterstellten sexuellen
"Sein" entsprechendes an-erkannt wird. Vgl. Candace West, Don
H. Zimmerman, "Doing gender", in: Judith Lorber, Susan A. Farell
(eds.), The Social Construction of Gender, Newbury Park 1991, S. 14.
5 Joan Rivière, "Womanliness as a Masquerade", in: Hendrik
M. Ruitenbeek (ed.), Psychoanalysis and Female Subjectivity, New Haven
1966.
6 Eve Kosofsky Sedgwick, The Epistemology of the Closet, Berkeley 1990.
7 Vielleicht funktionieren auch andere hierarchische Differenzierungen
zwischen Männern auf ähnlich widersprüchliche Weise identitätsbildend.
So scheint die klare sozioökonomische Hierarchie zwischen bürgerlichen
und proletarischen Männern der populären Imagination zu widersprechen,
die eine proletarische Virilität einer bürgerlichen Verweichlichung
gegenüberstellt. Und auch die systematische Diskriminierung von Menschen
nicht-weißer Hautfarbe steht auf den ersten Blick in einem seltsamen
Gegensatz zur besonderen Popularität farbiger Supersportler oder
Musikstars.
8 Vgl. Thomas DiPiero, "The Patriarch is Not (Just) a Man",
in: Camera Obscura, Vol. 25-26 (1992), S. 101-124.
9 Vgl. Michael Roper, John Tosh (eds.), Manful Assertions. Masculinities
in Britain Since 1800, J. Mangan, J. Walvon (eds.), Manliness and Morality.
Middle Class Masculinity in Britain and America, 1800-1940, Manchester/England
1987, Nancy Lindisfarne, Nancy Cornwall, Dislocating Masculinity. Comparative
Ethnographics, New York/London 1993 (Male Orders).
10 Vgl. Teresa de Lauretis, Technologies of Gender. Essays On Theory,
Film, and Fiction. Bloomington 1987, S. 5: "The construction of gender
is both the product and the process of its representation."
11 Vgl. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/Main
1991, insbes. S. 189ff.
12 Vgl. Steve Neale, "Masculinity as Spectacle. Reflections On Men
and Mainstream Cinema", in: Screen 24, 6 (1983), Chris Holmlund,
"Masculinity as Multiple Masquerade", in: Steven Cohan/Ina Rae
Hark (eds.), Screening the Male. Exploring Masculinities in Hollywwod
Cinema, New York/London 1993, S. 213-229, Diana Saco, "Masculinity
as Signs: Poststructural Feminist Approaches to the Study of Gender",
in: Steve Craig (ed.), Men, Masculinity, and the Media, Newbury Park 1992,
S. 23-40.
13 Camera Obscura. A Journal of Feminism and Film. No. 17 (1987). Vgl.
auch Constance Penley, Sharon Willis (eds.), Male Trouble. Minnesota 1993
14 Vgl. Teresa L. Ebert, "The Romance of Patriarchy: Ideology, Subjectivity,
and Postmodern Feminist Cultural Theory." In: Cultural Critique (Fall
1988); Jeff Hearn, The Gender of Oppression. Men, Masculinity, and the
Critique of Marxism, New York 1987, Jeff Hearn, David Morgan (eds.), Men,
Masculinities and Social Theory, Boston 1990, Michael Kaufman (ed.), Beyond
Patriarchy. Essays by Men on Pleasure, Power, and Change, Toronto 1987.
15 Vgl. Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie.
Zur Dekonstruktion des Marxismus, Wien 1991, insbes. S. 139ff.
16 Der Begriff der "hegemonic masculinity" taucht das erste
Mal auf in T. Carrigans, R.W. Connells and J. Lees Aufsatz "Hard
and Heavy. Toward a New Sociology of Masculinity", in: Michael Kaufman
(ed.), Beyond..., a.a.O., S. 139-192. Vgl. R.W. Connell, Gender and Power.
Society, the Person, and Sexual Politics, Palo Alto 1987 und Robert Hanke,
"Redesigning Men. Hegemonic Masculinity in Transition", in:
Steve Craig (ed.), Men, ...., a.a.O., S. 185-198.
17 Joyce E. Canaan, Christine Griffin, "The new men´s studies:
part of the problem or part of the solution?", in: Jeff Hearn, David
Morgan (eds.), Men..., a.a.O., S. 206-214.
18 R. W. Connell, Gender and Power, a.a. O., S. 276
19 Jeff Hearn and David Morgan, "The critique of men", in: Diess.
(eds.), Men, Masculinities & Social Theory, London 1990, S. 203-206.
"Offensichtlich männlich" © 1994 Kaltenecker/Tillner
Erstveröffentlichung: Texte zur Kunst, 5. Jg., Nr.17 (Februar 1995,)
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