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OFFENSICHTLICH MÄNNLICH
Zur aktuellen Kritik der heterosexuellen Männlichkeit

Von Georg Tillner und Siegfried Kaltenecker

---Einleitung
1. Unwissentlich männlich
2. Männlichkeit ist eine Konstruktion
3. Der Mann existiert nicht
4. Männlichkeit ist Effekt und Prozeß ihrer Darstellung
5. Männlichkeit ist der unabschließbare Prozeß ihrer Herstellung
6. Unverändert männlich?
---Fußnoten

Männliche Sexualität, schrieb der britische Filmtheoretiker Richard Dyer einmal, sei ein bißchen wie Luft: Du atmest sie die ganze Zeit über und nimmst sie doch kaum wahr. Freilich ist das von Dyer pointierte Paradox zwischen der Allgegenwart von Männlichkeit und ihrer sonderbaren Unsichtbarkeit alles andere als ein natürliches. Ihre "lebensstiftende" Funktion ist vielmehr das Produkt einer patriarchalen Kultur, die Männlichkeit eben nicht als spezifisches Geschlecht mit einer spezifischen Sexualität begreift, sondern als ein universelles, gleichsam naturhaft herrschendes Prinzip. Es ist ein Verdienst der Frauenbewegungen, diese "unsichtbare" Männlichkeit ins Auge gefaßt und ihre geschlechterpolitischen Effekte unübersehbar gemacht zu haben: als Organisationsprinzip des öffentlichen wie des privaten Lebens, als Repräsentantin sexistischer Unterdrückung und Ausbeutung, nicht zuletzt aber auch als Verkörperung eines rationalen Diskurses, der eben nur ein Subjekt kennt.
So wie Feministinnen systematisch zur Rede stellten, was die längste Zeit über als unhinterfragte Grundlage unserer Gesellschaftsordnung galt, leisteten auch die Lesben- und Schwulenbewegungen einen entscheidenden Beitrag zur kritischen Erforschung dieses "blinden Flecks". Indem Homosexuelle die vielfältigen Normierungsprozesse aufdeckten, die das heterosexuelle Begehren zum selbstverständlichen Fundament patriarchaler Liebes- und Lebensverhältnisse machen, entlarvten sie als kulturelle Konstruktion, was sich stets als natürlicher Maßstab des Menschlichen gesetzt hatte: das weiße, bürgerliche, männlich-heterosexuelle Subjekt.
Es waren die Emanzipationsbewegungen der Frauen, der Lesben und der Schwulen, die die kritische Auseinandersetzung mit den soziokulturellen Bedeutungen von "Mann" und "Männlichkeit" in Gang setzten und eine differenzierte Reflexion der sie bestimmenden Strukturen vorantrieben. Was sich in der englischsprachigen Wissenschaftskultur im Laufe der 80er Jahre an neuer Männlichkeitskritik herauskristallisierte, läßt sich jedoch keineswegs als einheitliches Forschungsfeld begreifen. Männlichkeitskritik wird von unterschiedlichen Subjekten mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen in unterschiedlichen politischen Kontexten betrieben: von heterosexuellen und lesbischen Feministinnen, von schwulen, in den letzten Jahren aber auch zunehend von heterosexuellen Forschern, die sich auf die Traditionen feministischer und lesbisch-schwuler Theorie beziehen. Zudem bildet die aktuelle Männlichkeitskritik auch in methodologischer Hinsicht ein Kaleidoskop, in dem sich interdisziplinäre Ansätze und Argumentationslinien in verschiedenen Studienschwerpunkten wie Women's bzw. Gender und Queer Studies konzentrieren: psychoanalytische Geschlechterforschungen, die die Natürlichkeit sexueller Verhältnisse dekonstruieren, poststrukturalistische Untersuchungen, die die patriarchalen Subjektrepräsentationen kritisieren, oder postmarxistische Gesellschaftsanalysen, die sich mit dem effektiven Zusammenspiel von Identität, Ideologie und Ökonomie auseinandersetzen.
Im folgenden wollen wir versuchen, aus der Vielfalt dieser theoretischen Perspektiven uns wesentliche Themenkreise der aktuellen Männlichkeitskritik zu bestimmen und in sechs Thesen vorzustellen. Sechs Thesen, die weder Anspruch auf repräsentative Vollständigkeit noch auf äußere Abgeschlossenheit erheben. Sie stellen keine Endpunkte einer Analyse dar, sondern ein Zwischenresumée unserer bisherigen Theorierezeption und verfolgen zumindest ein dreifaches Interesse: ein wissenschaftliches Interesse, die sexualpolitischen Funktionsweisen gesellschaftlicher Prozesse zu begreifen und in die männliche Wissenschaftsproduktion einzubringen; ein selbstaufklärerisches Interesse, unsere eigenen Männlichkeitserfahrungen und die Reflexion dieser Erfahrungen zu theoretisieren; und ein politisches Interesse, im Wechselspiel von theoretischer Reflexion und kritischer Selbstvergewisserung unsere stets versagenden Veränderungsversuche neu zu orientieren.
1. Unwissentlich männlich
Selbsterfahrungsgruppen von Männern, die sich seit den 70er Jahren als mehr oder minder direkte Folge der Frauen- und Schwulenbewegungen gebildet hatten, wurden öfters belächelt als besucht. Daß Männergruppen lächerlich wirken, liegt allerdings weniger an dem tatsächlichen Verlauf solcher Gesprächsrunden, als an herrschenden Männerbildern, die regeln, was Männer tun sollen und können und was nicht. Publikationen, die solche Selbsterfahrungen reflektieren, behandeln immer wieder ein Leiden an geschlechtsspezifischen Erwartungen und den Kampf mit herrschenden Rollenzuschreibungen. Kritische Reflexionen der eigenen Lebensgeschichte, Oral History-Interviews zu den geschlechtsspezifischen Arbeits- und Beziehungspraktiken, Theorien über den männlichen Sozialisationsprozeß oder Arbeiten über Männerfreundschaften und Männerbünde unterstreichen nicht nur die Vielfältigkeit, sondern auch die oft schmerzliche Mühsal kapitalistisch-patriarchaler Mannwerdung.1 Dabei offenbaren viele Autoren allerdings auch, daß ihnen die symbolische und reale Macht, die sie als Männer ausüben, anscheinend nicht bewußt ist, da sie selbst sich als ohnmächtig und unterdrückt darstellen. Dieses scheinbare Paradox muß aber weder die Aufhebung der feministischen Kritik an der tatsächlichen und potentiellen Gewalt aller Männer gegen Frauen noch die Diffamierung männlichen Unbehagens bedeuten. Es läßt vielmehr erahnen, wie kompliziert und facettenreich der Zusammenhang von struktureller und praktizierter Macht ist - daß sich die Macht niemals vollständig personifiziert, daß es den "totalen Herren" nicht gibt, daß die Geschlechterherrschaft vielmehr durch ihre Träger hindurchgeht und sie in der Ermächtigung auch unterwirft.
Wie aber praktizieren Männer diese in sich widersprüchliche Macht? Sie bejahen die patriarchalen Strukturen vielleicht nicht offen mit einer biologistischen Begründung ("Männer sind Frauen von Natur aus überlegen"); sie üben diese Macht möglicherweise auch nicht zynisch aus ("Ich weiß sehr wohl, daß die Privilegien der Männer keine Legitimation in der Natur haben, aber solange ich die Vorteile genießen kann, tu ich so als ob"), sondern vielmehr naiv, d.h., sie nehmen weder ihre alltäglichen Privilegien als solche wahr noch die strukturelle Dominanz, die sie mit unreflektierter Selbstverständlichkeit über Frauen ausüben. Für uns beruht diese naive Machtausübung auf einem doppelten Übersehen: Zum einen übersehen wir, daß die individuellen Praktiken weder natürlich noch frei gewählt sind, sondern auf kollektiven Machtstrukturen beruhen; zum anderen übersehen wir, daß diese Strukturen erst durch individuelle Praktiken produziert und bestätigt werden. So folgen beispielsweise die individuellen Arbeits- und Lohnverhältnisse stets einer Struktur geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, die die Praxen von männlicher Lohnarbeit und weiblicher Reproduktionsarbeit, bzw. von ungleicher Bezahlung bestimmt.2 Ein anderes Beispiel für diese gesellschaftskonstitutive Dialektik von Praxis und Struktur ist, daß als so intim und individuell wahrgenommene Dinge wie romantische Verliebung, sexuelles Lustempfinden und die Verheimlichung von Homoerotik immer schon von einer heterosexuellen Matrix bestimmt werden, durch die Heterosexualität naturalisiert, Genitalität fixiert, Monogamie normiert und Homosexualität tabuisiert wird. Und schließlich sind auch die selbstverständlichen Verhaltensformen in der Universität, dem Parlament, den Gerichten oder den Sportklubs von deren männerbündischer Struktur geprägt.
Mit Althusser kann das systematische Übersehen der eigenen Partizipation an Strukturen geschlechtlicher Ungleichheit als ideologisches und damit zugleich als notwendiges verstanden werden. Ideologisch, weil die Individuen ihre praktische Affirmation patriarchaler Machtstrukturen verkennen; und notwendig, weil erst dieses Verkennen die Illusion einer autonomen männlichen Identität ermöglicht. Dieses doppelte Verkennen bestimmt das Ausmaß, in dem wir durch die Kategorie Männlichkeit bestimmt sind; seine Aufklärung ist daher der unumgängliche Anfang jeder antisexistischen Männerpolitik. Diese aufklärerische Absicht wird jedoch dadurch kompliziert, daß das naive Verkennen der eigenen Macht und das darin implizierte Verkennen der gesellschaftlichen Strukturen möglicherweise nicht nur eine Variante männlicher Machtausübung darstellt, sondern eine Grundlage jeder männlichen Identität.
2. Männlichkeit ist eine Konstruktion
In den letzten Jahren haben poststrukturalistische TheoretikerInnen die identitätslogischen Kategorien "Frau" und "Weiblichkeit", bzw. "Mann" und "Männlichkeit" radikal in Frage gestellt. Es gibt, so das Credo dieser anti-essentialistischen, gegen jede "Metaphysik der Substanz" gerichteten Dekonstruktionsprojekte3, keine Natur des Geschlechts (im Sinne des englischen sex), die nicht immer schon diskursiv fixiert und damit gesellschaftlich bestimmt (also von Anfang an gender) ist. Statt nach einem Ursprung des Geschlechts zu fahnden, steht die Suche nach jenen regulativen Verfahren im Zentrum, die das Geschlecht (gender) in einer Vielzahl signifikanter Diskurs- und Darstellungsformen als Effekt hervorbringen. Dabei geht es einerseits darum, den Körper nicht mehr länger als Garanten eines "wahren" geschlechtlichen Seins zu begreifen, sondern als für kulturelle Einschreibungen offene Oberfläche und damit zugleich als Bühne geschlechtsspezifizierender Selbst-Darstellungen; und andererseits darum, jene unendlichen Wiederholungen des doing gender zu verdeutlichen, die die dominanten Geschlechtsvorbilder tagtäglich effektiv befestigen.4
Wenn wir nun einen poststrukturalistischen Blick auf die Männlichkeit werfen, ist es nicht mehr relevant, welche soziokulturellen "Ausprägungen" eine männliche "Natur" annimmt, sondern wie und zu welchem Zweck Männlichkeit überhaupt konstruiert wird - und das heißt vor allem: wie die patriarchale Zweiteilung in Männer und Frauen ("Mann" und "Frau") erfolgt. Diesem Paradigmenwechsel entsprechend wird Geschlecht nicht mehr als additive Häufung distinktiver Merkmale (wie Aktivität-Passivität, Rationalität-Sensibilität, Autorität-soziale Verantwortung etc.) verstanden, sondern als Folge einer strukturellen Unterscheidung, die immer schon ein Machtverhältnis impliziert. Die geschlechtsspezifische Dominanz resultiert nicht aus der Geschlechterdifferenz, sondern sie (re-)produziert letztere als ihr Mittel und ihre Legitimation. Die Machtunterschiede zwischen Männern und Frauen sind also nicht nachgängig zu den feststellbaren sozialen und psychischen Unterschieden; diese werden vielmehr von Anfang an als Machtunterschiede definiert. Sie sind dementsprechend auch nicht die sekundären Effekte einer ursprünglichen sexuellen Differenz, sondern diese Differenz wird mit den kulturellen Bedeutungen des Geschlechterunterschieds aufgeladen und in ihrem Rahmen konstruiert. Mit anderen Worten: die kulturellen Geschlechterunterschiede, die immer ein Machtverhältnis beinhalten und festlegen, erzeugen die sexuelle Differenz.
3. Der Mann existiert nicht
Es ist eine grundlegende These der Psychoanalyse, daß sich Weiblichkeit und Männlichkeit in unterschiedlichen Prozessen konstituieren. Von Freuds Ödipuskomplex über Joan Rivières Maskeradentheorie5, Lacans segregation urinoire oder das freudomarxistische Entwicklungsmodell der Kritischen Theorie bis hin zu den feministischen sex-gender-Debatten galt es als ausgemacht, daß es eine natürliche Differenz zwischen Mann und Frau gibt, auf deren Basis sich die kulturellen Erscheinungsbilder von Männlichkeit und Weiblichkeit formieren. Trotz aller Unterschiede ist diesen Theorien gemein, Männlichkeit als idealtypische Entwicklung einer vollständigen und stabilen Geschlechtsidentität, Weiblichkeit hingegen als defizitär und wesensmäßig unabgeschlossen zu begreifen. Erst in den letzten Jahren haben psychoanalytische Gendertheorien die konstitutive Relationalität der Geschlechterkonstruktion aufgezeigt. Männlichkeit und Weiblichkeit entwickeln sich nicht unabhängig voneinander, sondern in einem bipolaren und hierarchischen Verhältnis. Die Vorstellung einer vollständigen und stabilen männlichen Geschlechtsidentität kann überhaupt nur durch die konsequente Verwerfung des "Nicht-Männlichen" Gestalt annehmen, das als Anderes imaginiert und als existentieller Mangel auf die Frau projiziert wird.
Psychoanalytische Gendertheorien heben hervor, daß sich Männlichkeit immer nur in Differenz zur Frau als Anderer produziert. Doch sind die realen Männlichkeiten tatsächlich so homogen, wie dieser Produktionsprozeß nahelegt? Einander so ähnlich? Oder sind nicht auch die Unterschiede zwischen Männern konstitutiv für die Produktion von Männlichkeit? Eine solche Sichtweise wird von queer theorists wie Teresa de Lauretis, bell hooks, Kobena Mercer, Sandy Stone, Eve Kosofsky Sedgwick oder Ray Navarro nahegelegt, die zusätzlich zum Geschlecht auch sexuelle Orientierung, Klasse und Ethnie zu zentralen Analysekategorien erheben. Ihre Arbeiten lassen vermuten, daß die produktive Differenzierung von heterosexueller und homosexueller Männlichkeit ähnlich funktioniert wie ihre Differenzierung von Weiblichkeit. Patriarchale Verhältnisse werden nicht nur durch die Verwerfung und Projektion von Nicht-Männlichem auf Frauen, sondern auch von Nicht-Heterosexuellem auf Schwule hergestellt. Derart wird eine "reine" Kategorie von Männlichkeit extrahiert, die sich auf paradoxe Weise zugleich in einer heterosexuellen Paarbeziehung und in einem "homosozialen Verband"6 institutionalisiert. Paradox, weil dieser Verband nur auf der Basis eines heimlichen Begehrens zwischen heterosexuellen Männern funktioniert, sodaß erst die verworfene Homosexualität ihren herrschaftlichen Zusammenhalt garantiert und doppelt paradox, weil die gesellschaftliche Normierung der Heterosexualität den homoerotischen Bezeichnungs- und Handlungspraxen in den gesellschaftskontrollierenden Männerbünden (in Wirtschaft, Politik, Sport, Kunst und Wissenschaft) widerspricht.7
Der homosoziale Verband bindet sich wesentlich durch eine Vielzahl einander überlagernder, ergänzender, aber auch widersprechender interner Differenzierungen. So sind etwa wir als lohnarbeitslose Akademiker den gleichaltrigen Yuppies sozial untergeordnet, gleichzeitig aber durch unser symbolisches Kapital als Intellektuelle privilegiert; während wir als inländische Männer über einen leichteren Zugang zum Wissenschaftsbetrieb verfügen, wird das Thema und die Art unserer wissenschaftlichen Arbeit marginalisiert. Die scheinbar eindeutige Kategorie Männlichkeit etabliert sich als Montage vielfältiger Positionen innerhalb hierarchischer Differenzen. Die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit dieser Positionen verunmöglicht, daß ein Mann je in allen Differenzierungen die dominante Position einnimmt und eine vollständige, ungebrochene Identität erreicht. Mit anderen Worten: je nach seiner Position in der sozioökonomischen Hierarchie wird jeder Mann immer auch verworfen, untergeordnet und ausgeschlossen.
Die repräsentative Kategorie Männlichkeit ist nichts als eine patriarchale Fiktion: Der Mann existiert nicht. Nichtsdestoweniger ermächtigt die Möglichkeit, sich dieser fiktiven Kategorie zugehörig zu erklären, das männliche Individuum, indem sie ihm eine vollständige Subjektivität verspricht, auch wenn diese immer unerreichbar bleibt. "Der Patriarch" ist kein lebendiger Mann, er ist jenseits der realen Erfahrungen von Männern; als Phantom der Vollständigkeit konfrontiert er diese vielmehr mit ihrer eigenen Mangelhaftigkeit und ihrem In-Differenz-Sein.8 Gerade darin liegt aber die zentrale Funktion dieser Fiktion: das zwangsläufige Scheitern jeder vollständigen Identifikation mit dem Idealbild des Patriarchen liefert die Motivation, ihm beharrlich nachzueifern. Erst ihre Unerreichbarkeit scheint der patriarchalen Kategorie Männlichkeit ihre besondere Effektivität zu verleihen; sie wirkt durch die scheiternden Versuche, sie zu verwirklichen.
Zweifellos ist diese Kategorie selbst überaus vielfältig und beständiger Veränderung unterworfen. Abseits poststrukturalistischer und psychoanalytischer Analysen haben historische und ethnographische Männlichkeitsstudien deutlich gemacht, daß sich die Bilder und Bedeutungen von Männlichkeit in den verschiedenen Kulturen (auch denen innerhalb einer Gesellschaft) und geschichtlichen Epochen grundlegend unterscheiden können:9 die bürgerlichen des 19. Jahrhunderts von denen der späten 80er von denen der afroamerikanischen Mittelschicht von denen der ländlichen Unterschicht in Österreich, usw. Dabei gilt es zu bedenken, daß sich - obwohl in allen bekannten Kulturen die Unterscheidung der Geschlechter eine der wesentlichsten und zumeist die grundlegende soziokulturelle Differenzierung darstellt - nicht nur die konkreten Erscheinungsformen von Männlichkeit ändern, sondern auch ihre Bedeutung und bedeutende Wirkung. Was "Männlichkeit" jeweils wie und wozu ist, kann nicht als geklärt vorausgesetzt werden. Trotz dieser notwendigen historischen, klassen-, ethnien- und generationenspezifischen Differenzierung der Männlichkeiten dürfen allerdings die Kontinuitäten und Ähnlichkeiten der Funktionsweisen von Macht und Differenz nicht aus den Augen verloren werden.
Wie läßt sich das Paradox begreifen, daß Männlichkeit eine Fiktion ist, die unsere Wirklichkeit bestimmt? Und wie funktionieren die praktischen Ein- und Ausübungen von Männlichkeit? Ein möglicher Ansatzpunkt für die Beantwortung dieser für uns zentralen Fragen ist das konkrete Wechselverhältnis zwischen der phantasmatischen Zuschreibung und der realen Ausübung patriarchaler Macht. Wesentlich erscheint uns zu bedenken, daß sich die phantasmatische Zuschreibung stets in historisch konkreten materiellen Formen institutionalisiert. In Institutionen wie Ehe, Kirche, Partei, Polizei, Sportverein, Arbeitsplatz, etc. werden Männern von vornherein bestimmte Machtpositionen zugewiesen. Diese Machtpositionen sind allerdings nicht statische Besitztümer, sondern konstituieren sich in standardisierten, sich alltäglich wiederholenden Praktiken, die in Althusserschem Sinne als Rituale verstanden werden können. Der Begriff des Rituals erlaubt, jenes komplexe Zusammenspiel von Fremd- und Selbstermächtigungen zu umreißen, aus dem sich der Machtanspruch des männlichen Individuums speist. In den ritualisierten Machtausübungen wird die Identifikation mit der Kategorie Männlichkeit aktiv praktiziert und in beständigen Wiederholungen verwirklicht. So wird etwa Männern in allen möglichen institutionalisierten Gesprächssituationen von Frauen ein vorrangiges Rederecht eingeräumt; dieses selbstverständlich in Anspruch zu nehmen, erlaubt es Männern, sich als souveräne Sprach- und Handlungssubjekte zu imaginieren. Und die Fiktion der symbolischen Bedeutung von Männern - die sowohl als Fremd- als auch als Selbstbild in die jeweiligen sozialen Situationen eingebracht wird - unterstützt unter anderem ihre reale Besetzung von öffentlichen Räumen, die wiederum ihre Phantasien von Stärke und Überlegenheit nährt. So ließe sich sagen, daß das reale Verhalten von Männern die Aufführung der Fiktion Männlichkeit ist.
4. Männlichkeit ist Effekt und Prozeß ihrer Darstellung10
Die zentrale Bedeutung von Repräsentationen im Prozeß gesellschaftlicher Transformationen hängt zweifellos mit dem Zustand unserer gegenwärtigen Kultur zusammen. Postmoderne KulturtheoretikerInnen beschreiben die spätkapitalistische Gesellschaft als eine, in der reale Prozesse zunehmend als symbolische Transaktionen stattfinden, die Zirkulation von Zeichen sich beschleunigt, die eindeutige Unterscheidbarkeit von Wirklichkeit und Darstellung sich auflöst, wir also in einer "medialisierten Welt", einer "Gesellschaft des Spektakels", der "Ära der Simulakra" leben. Es verwundert daher auch nicht, daß viele Männlichkeitsanalysen der letzten Jahre aus dem Bereich der Film- und Medientheorie kommen. Repräsentation wird in den aktuellen Debatten nicht nur zu einem der zentralen gesellschaftsanalytischen Begriffe, sondern markiert auch einen der wesentlichsten Schauplätze politischer Kämpfe.
Wenn Judith Butler argumentiert, daß es keine grundlegenden sexuellen Identitäten gibt, sondern Bezeichnungs- und Darstellungspraxen erst die Illusion von Identität erzeugen, liefert sie eine Theorie der "Repräsentativität" von Geschlecht. Geschlechterrepräsentationen sind keine Widerspiegelungen natürlicher oder jedenfalls gegebener Identitäten, sondern erzeugen diese erst als Effekt von Äußerungs- und Handlungsakten, die ihre vermeintliche Grundlage performativ hervorbringen.11 In diesem Sinne bezeichnen wir mit dem Begriff der Männlichkeitsrepräsentationen alle Vor- und Darstellungen, Be- und Festschreibungen, durch die Männer zirkulieren, bezeichnet und konstruiert werden.
Da Repräsentationen also produktiv sind, weil sie etwas erzeugen und nicht etwas wiedergeben, läßt sich die Bedeutung von Männlichkeitsdarstellungen neu entwerfen. Die Darstellungen von Männlichkeit sind eine Produktionsstätte von Geschlechterhierarchien und deshalb eine notwendige Arena politischer Auseinandersetzung. Auf diesen zwei grundlegenden Einsichten bauen Forschungsarbeiten auf, die Männlichkeit als "Spektakel", "Maskerade" oder "Zeichen" ohne existentielle Grundlage beschreiben.12 Männlichkeit wird in diesen Arbeiten nicht mehr als das unerschütterliche Fundament der patriarchalen Gesellschaftsordnung begriffen, sondern als Montage miteinander konkurrierender Repräsentationsformen.
"Male Trouble", so der programmatische Titel einer Ausgabe von Camera Obscura13, macht die Ver-Störung des und die Schwierigkeit mit dem Männlichen vor allem auf zwei Ebenen aus. Einerseits heben die Autorinnen hervor, daß die dominanten heterosexuellen Männlichkeitsbilder immer wieder durch "perverse", "feminine", "homosexuelle" oder sonstwie "unmännliche" Darstellungen überlagert werden; womit sie andererseits der Annahme widersprechen, die medial vermittelte Männlichkeit erfülle stets ein eindeutiges und homogenes patriarchales Ideal. Die Darstellung des männlich-heterosexuellen Helden erweist sich vielmehr als gebrochen und instabil, von masochistischen, feminisierenden oder homoerotischen Elementen durchsetzt. Wenn die medialen Männlichkeiten jedoch nicht durchgängig einem einfachen Schema von sexistischer Dominanz, souveräner Handlungsfähigkeit und gesicherter sexueller Identität entsprechen, muß das Funktionieren des Patriarchats grundlegend überdacht werden. Denn wie reproduziert sich die Männerherrschaft, wenn sich Männlichkeiten offensichtlich gebrochen und instabil repräsentieren? Subvertieren solche Darstellungen die bestehende Ordnung? Läßt sich das Patriarchat durch die Repräsentation "anderer" Männlichkeiten tatsächlich stören? Sind diese "unmännlichen" Bilder gar zu einem utopischen Modell anti-patriarchaler Männlichkeit zu verdichten?
5. Männlichkeit ist der unabschließbare Prozeß ihrer Herstellung
Die Thesen "Der Mann existiert nicht" und "Männlichkeit ist Effekt und Prozeß ihrer Darstellung" gehen beide davon aus, daß Identität weder ganz und einheitlich noch eine Gegebenheit ist. Männer und Frauen bzw. die Identitäten männlich und weiblich werden demnach weder durch eine biologische Essenz (die Anatomie) definiert noch durch einen kulturellen Block (das Patriarchat), sondern durch die historisch und kulturell spezifische Fixierung der sie bestimmenden Differenzen. D.h. sie sind keine statischen Gegebenheiten, sondern flexible Prozesse, keine gefestigten Errungenschaften, sondern prekäre Subjektpositionen, die als Pole einer dichotomischen Hierarchie ermöglicht und wiederholt werden. Die beständige Wiederholung dominanter Geschlechterrepräsentationen zeigt dementsprechend weniger die Unveränderlichkeit als die Grundlosigkeit der sexuellen Identität an, die ihre rituelle, im alltäglichen doing gender institutionalisierte Bestätigung erforderlich macht. Auch die Männlichkeit ist also keine natürliche, gleichsam in die Wiege gelegte Substanz, sondern das Produkt einer performativen Herstellung, das sich seiner selbst in der Differenz zum imaginierten Anderen immer wieder aufs Neue versichern muß. In diesem Sinne ist die Herstellung von Männlichkeit eine "Crisis" in buchstäblichem Sinne: eine notwendige Entscheidung mit offenem Ausgang.
Aus dieser Einsicht zu folgern, Geschlechtsidentitäten seien allmorgendlich frei wählbar, verkennt freilich völlig die Macht kollektiver Ordnungen, die die Zustimmung zu und Übereinstimmung mit dominanten Repräsentationen unaufhörlich einfordern. Die Repräsentationen geschlechtlicher Subjekte stehen in einem dialektischen Zusammenhang mit sozioökonomischen Verhältnissen, die selbst beständigen Transformationsprozessen unterworfen sind, sodaß die gebrochene und instabile Konstruktion patriarchaler Männlichkeit der heterogenen Funktionsweise der spätkapitalistischen Gesellschaftsordnung untrennbar verbunden bleibt. Folgt frau/man postmarxistischen TheoretikerInnen ist mit der natürlichen Substanz des geschlechtlichen Subjekts jedenfalls auch das monolithische Wesen kapitalistisch-patriarchaler Herrschaftsverhältnisse grundlegend in Frage zu stellen.14 Die Gesellschaft läßt sich so wenig zu einer totalen Ordnung zusammenfügen wie die Männlichkeit. Beide sind vielmehr durch die grundsätzliche "Offenheit des Sozialen" geprägt und damit durch die Unmöglichkeit der Festlegung einer endgültigen Bedeutung.15 Dieses Fehlen einer letzten Bedeutung verbietet es, die bestehenden Machtstrukturen als zwangsläufige Produkte eines allumfassenden Gesetzes - sei es ein ökonomisches oder ein politisches - zu betrachten. Auch das Patriarchat hat keine Essenz und die es bestimmenden Geschlechterverhältnisse sind nicht als einheitliche und universelle, sondern nur als heterogene und diskontinuierliche zu denken. Angesichts der beständigen Untergrabung bzw. Überschreitung jedweder Identität ist auch das offensichtliche Funktionieren geschlechtsspezifischer Dominanz nicht durch ein allgemeingültiges Gesetz zu erklären, sondern nur über spezifischen Formen herrschaftlicher Fixierung, die die prinzipielle Offenheit der sexuellen Realitäten an bestimmten Punkten verknoten und zur dominanten Fiktion natürlicher Identitäten verdichten. Die Dominanz von Männern über Frauen reproduziert sich durch vielfältige Praxen innerhalb unterschiedlicher gesellschaftlicher Institutionen; die Effekte dieser widersprüchlichen, einander aber auch ergänzenden und verstärkenden Praxen koordinieren sich zur sexistischen Dominanz.
Es ist der Begriff der Hegemonie, mit dem angloamerikanische ForscherInnen diese spezifische Koordination zu umfangen und den relationalen Charakter der durch sie konstituierten Identitäten zu ergründen versuchen. "Männliche Hegemonie" oder "hegemoniale Männlichkeit"16 bezeichnet jene herrschaftliche Systematik, die die differenzierten Subjektpositionen bündelt und zu einer fiktiven Einheit zusammenzuschnüren sucht. Geachtet aller Differenzen zwischen Männern gibt es verbindende und verbindliche Knotenpunkte: die klassen- und kulturübergreifende Dominanz von Männern über Frauen; die ökonomische Vormachtstellung von Männern; die symbolische (sprachliche, juristische, wissenschaftliche, mediale, etc.) Repräsentativität des männlichen Subjekts; die Normativität von Heterosexualität; oder die Idealisierung männerkörperlicher Virilität.
Die hegemoniale Männlichkeit reproduziert sich in Differenz und legt damit immer zugleich eine herrschaftliche Hierarchie fest. Mit den Positionen von Männlichkeit, Heterosexualität und Potenz fixiert sie stets auch die Positionen von Weiblichkeit, Homosexualität und Impotenz (als unterlegenes Anderes und Negativ des Männlichen); und zudem vermag sie diese Festlegungen auch immer wieder zu reartikulieren und die sie bestimmenden Differenzen neu zusammenzusetzen. Frau/man denke hierbei etwa an die ständige Veränderung der Körperrepräsentation durch Kleider- und Haarmode (Stichwort: androgyner Chic), an die postmoderne Feminisierung der Männlichkeitsikonographie (Stichwort: der narzißtische Mann in der Werbung), an die Vereinnahmung transvestitischer Elemente in die Pop-Mainstream-Kultur (Stichwort: Vogueing in der Madonna-Show) oder auch an die partielle Umbewertung der Bedeutung des männlichen Berufslebens im Zuge der ökonomischen und sozialen Verselbständigung von Frauen (Stichwort: Neuer Vater).
Das System der hegemonialen Männlichkeit offenbart sich also als überaus flexibles Gefüge, das letztlich keinen ausgewogenen Zustand kennt, sondern nur die historisch kontinuierliche Veränderung seiner Praxen und Institutionen. Dementsprechend beschäftigen sich die verschiedenen Arbeiten zur hegemonialen Männlichkeit sowohl mit den unterschiedlichen Herrschaftsaufträgen, die Männer als Agenten sexistischer Machtstrukturen ausführen, als auch mit jener vielfältigen Institutionalisierung geschlechtsspezifischer Ungleichheit, die dem Patriarchat ungeachtet seiner substantiellen Krisen das Überleben sichert. Denn diese Krisen werden - der Flexibilität hegemonialer Macht entsprechend - beharrlich in die politische und symbolische Ökonomie des Bestehenden integriert. Einerseits werden antagonistische und potentiell widerständige Elemente umgedeutet und vereinnahmt und andererseits verworfen und bis zur physischen Vernichtung ausgeschlossen. Daher sind diese Krisen nicht nur bedrohliche Störungen der patriarchalen Ordnung, sondern auch Motoren ihrer beständigen Erneuerung.
6. Unverändert männlich?
Gerade die Analysen der patriarchalen Hegemonie aktualisieren die fundamentale Frage nach dem politischen Nutzen der aktuellen Männlichkeitsstudien. Rücken sie nicht einmal mehr Männer ins Zentrum der Aufmerksamkeit? Stellen sie nicht eine besonders raffinierte Strategie dar, um die offensichtliche Krise der Männlichkeit abzuwickeln? Gar ein Projekt des anti-feministischen roll-back?
"Part of the Problem or Part of the Solution?", fragen Joyce E. Canaan und
Christine Griffin skeptisch und verweisen mit Nachdruck auf die unterschiedlichen Erkenntnisinteressen, vor allem aber auf die unterschiedlichen politischen Kontexte von feministisch-lesbischen, schwulen und männlich-heterosexuellen MännlichkeitskritikerInnen.17 Während die Kritik an ersteren vor allem den strategischen Wert für das jeweilige Emanzipationsprojekt bezweifelt, verdienen letztere eine weit umfassendere Skepsis. Heterosexuelle Forscher stellen sich in die Traditionen feministischer und lesbisch-schwuler Wissenschaft, können jedoch deren politische Öffentlichkeit, deren Ziele und Lebenszusammenhänge nicht für sich in Anspruch nehmen. Sie stehen in keinem den Frauenbewegungen analogen Kontext und haben auch keinen Kampf um Emanzipation zu führen, der eine Befreiungsrhetorik rechtfertigen würde: "The group that holds predominant social power cannot be 'liberated'."18
Was aber sind dann überhaupt die Perspektiven und die Intentionen von männlich-heterosexuellen Männlichkeitskritikern? Uns geht es nicht darum, eine "neue Männlichkeit" zu propagieren oder das Mann-Sein mit anderen "Inhalten" zu füllen. Da die symbolische Kategorie und die reale Identität "männlich" das Produkt eines hierarchischen sexistischen Gesellschaftssystems sind, ist - zumindest aus unserer gegenwärtigen Position als heterosexuelle Männer in einer patriarchalen Gesellschaft - keine utopische Projektion einer anderen, besseren Männlichkeit möglich, die nicht unweigerlich eine Affirmation der bestehenden Geschlechterordnung wäre. Eine Beschäftigung mit Männlichkeit, die sich als kritische versteht, kann als utopisches Projekt nur die Auflösung der identitätsstiftenden und gesellschaftsordnenden Kategorie Männlichkeit ins Auge fassen.
Unsere eigene Veränderungsarbeit führt uns allerdings vor Augen, daß dieses Projekt immer nur lokal und fragmentarisch praktiziert werden kann, da die Totalität der eigenen Männlichkeit nicht erfaßt werden kann. Mögliche Eingriffe, etwa die Selbstbeschränkung im Redeverhalten, die Auflösung von Konkurrenzsituationen oder die Befreiung vom sexuellen Leistungsdruck bleiben punktuell und erlösen uns nicht von dem ganzen Ausmaß, in dem wir männlich bestimmt und bestimmend sind. Zudem bleibt der Erlösungswunsch zwiespältig, da sich ihm in der Praxis sowohl unbewußte Mechanismen als auch soziale Zwänge entgegenstellen. So wurde beispielsweise unser bewußtes Bemühen, dominantes Redeverhalten zu vermeiden, durch den geradezu reflexartigen Versuch konterkariert, die Macht durch dominantes Schweigen, abfällige Mimik oder demonstrative Unbeteiligtheit auf einer anderen Ebene wiederherzustellen. Und das bewußte Bemühen, die Rolle des sexuell Aktiven zugunsten eines passiven Genießens aufzugeben, ließ uns noch nicht den Anspruch auf die Definitionsmacht über den Geschlechtsakt aufgeben. Vielleicht sind diese unbewußten Widerstände gegen konkrete Veränderungen eine Reaktion auf den drohenden Verlust männlicher Identität; zwanghafte Reflexe, um dem offenen Scheitern an der konstitutiven Fiktion Männlichkeit zu entgehen; oder Mobilisierungen gegen die Erfahrung von Verlust und Passivität, die geradezu existentielle Ängste wecken kann.
In jedem Fall ist das Identitätsbedürfnis, auf das diese Ängste verweisen, kein natürlich existentielles, sondern durch soziale Zwänge konstruiert. Doch auch wenn wir der Kritik an der patriarchalen Identitätslogik zustimmen, gilt es andererseits, nicht dem Pathos der Nicht-Identität zu verfallen, da diese angesichts der realen und für das Subjekt existentiellen Zwänge nicht ohne weiteres lebbar ist. Schließlich folgt aus der Einsicht, daß so etwas wie Identität für das psychische und soziale Überleben notwendig ist, noch nicht, daß es diese, diese eine, diese eine geschlechtliche Identität sein muß. Es scheint unumgänglich, daß wir heterosexuelle Männer uns immer wieder aufs Neue auf das paradoxe Projekt eines Entwurfes von Identitäts- und Beziehungspraxen einlassen, die nicht von Männlichkeit und Heterosexualität determiniert sind - Entwürfe, in denen die eigene Identität nicht länger als normativ begriffen wird, sondern als die einer Minderheit unter anderen; Entwürfe, die etwa die stattfindenden Veränderungen in heterosexuellen Beziehungen oder auch die anderen Lebens- und Liebesformen in schwulen und lesbischen Kulturen sicht- und vorstellbar machen.
Der Eingriff in die Wissenschaftskultur, den wir mit der kritischen Forschung zur heterosexuellen Männlichkeit vornehmen wollen, darf sich nicht darauf beschränken, daß wir mit dem Thema uns selbst in den patriarchalen Betrieb hineinhieven. Die von uns argumentierte Bedeutung der Männlichkeit für individuelle Subjektivität und die Ordnung der Gesellschaft unterstreicht die Forderung, Geschlecht und Sexualität zu entscheidenden Kategorien jeder sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung zu machen. Da Männlichkeit nicht nur das Objekt der Forschung bestimmt, sondern auch die Institutionen, Subjekte und Praxen der Forschung, fordert die Kritik an Männlichkeit auch die Veränderung des wissenschaftlichen Arbeitens auf.
Auch wenn der politisch-ethische Forderungskatalog, den David Morgan und Jeff Hearn in "The critique of men" für heterosexuelle Männerforscher aufstellen, sehr allgemein bleibt, ist seine konsequente Befolgung die unerfüllte Grundlage der Veränderung der patriarchalen Verhältnisse: daß feministische Wissenschaft und Frauenforschung in der eigenen Forschung und in den Institutionen zu unterstützen ist; daß die Kritik an Männlichkeit sich nicht der Frauenforschung gleichsetzen kann; daß Männer sich nicht um Forschungsgelder und Universitätsposten bewerben sollen, die für Geschlechterforschung ausgeschrieben wurden; und daß das Ziel der Kritik an Männlichkeit wir Männer selbst sind.19 Ein Ziel, das freilich auch in den Männerbeziehungen des Wissenschaftsbetriebes und aller anderen gesellschaftlichen Institutionen ins Auge gefaßt werden muß, um Formen politischer Beziehungen entwickeln zu können, die sich nicht zu patriarchalen Männerbünden verdichten.
Fußnoten:
1 Vgl. David Jackson, Unmasking Masculinity. A Critical Autobiography, New York/London 1990 (Critical Sutdies on Men and Masculinities), Peter M. Nardi (ed.), Men´s Friendships, Newbury Park 1992 (Research on Men and Masculinites 2), Victor J. Seidler (ed.), The Achilles Heel Reader. Men, Sexual Politics and Socialism, New York/London 1991 (Male Orders), Victor J. Seidler (ed.), Men, Sex and Relationships. Writings From Achilles Heel, New York/London 1992 (Male Orders), Michael S. Kimmel (ed.), Changing Men: New Directions in Research on Men and Masculinity, Newbury Park 1987. Michael S. Kimmel, Michael A. Messner (eds.), Men´s Lives, New York 1989.
2 Vgl. R. W. Connell, Gender and Power. Society, the Person, and Sexual Politics, Palo Alto 1987.
3 Das avancierteste oder zumindest aufsehenerregendste von ihnen war zweifellos Judith Butlers Gender Trouble, New York/London 1990. Vgl. hierzu auch Judith Butler, Bodies That Matter, New York/London 1993 und den von Barbara Vinken herausgegebenen Sammelband Dekonstruktiver Feminismus. Literaturwissenschaft in Amerika, Frankfurt/Main 1992.
4 "Das Herstellen von Geschlecht (doing gender)", so die Definition von West/Zimmerman, "umfaßt eine gebündelte Vielfalt sozial gesteuerter Tätigkeiten auf der Ebene der Wahrnehmung, der Interaktion und der Alltagspolitik, welche bestimmte Handlungen mit der Bedeutung versehen, Ausdruck weiblicher oder männlicher "Natur" zu sein." Geschlechtsidentität "hat" frau/man also in striktem Sinne nur, indem frau/man sie "tut" und indem dieses "Tun" von anderen als adäquates, dem unterstellten sexuellen "Sein" entsprechendes an-erkannt wird. Vgl. Candace West, Don H. Zimmerman, "Doing gender", in: Judith Lorber, Susan A. Farell (eds.), The Social Construction of Gender, Newbury Park 1991, S. 14.
5 Joan Rivière, "Womanliness as a Masquerade", in: Hendrik M. Ruitenbeek (ed.), Psychoanalysis and Female Subjectivity, New Haven 1966.
6 Eve Kosofsky Sedgwick, The Epistemology of the Closet, Berkeley 1990.
7 Vielleicht funktionieren auch andere hierarchische Differenzierungen zwischen Männern auf ähnlich widersprüchliche Weise identitätsbildend. So scheint die klare sozioökonomische Hierarchie zwischen bürgerlichen und proletarischen Männern der populären Imagination zu widersprechen, die eine proletarische Virilität einer bürgerlichen Verweichlichung gegenüberstellt. Und auch die systematische Diskriminierung von Menschen nicht-weißer Hautfarbe steht auf den ersten Blick in einem seltsamen Gegensatz zur besonderen Popularität farbiger Supersportler oder Musikstars.
8 Vgl. Thomas DiPiero, "The Patriarch is Not (Just) a Man", in: Camera Obscura, Vol. 25-26 (1992), S. 101-124.
9 Vgl. Michael Roper, John Tosh (eds.), Manful Assertions. Masculinities in Britain Since 1800, J. Mangan, J. Walvon (eds.), Manliness and Morality. Middle Class Masculinity in Britain and America, 1800-1940, Manchester/England 1987, Nancy Lindisfarne, Nancy Cornwall, Dislocating Masculinity. Comparative Ethnographics, New York/London 1993 (Male Orders).
10 Vgl. Teresa de Lauretis, Technologies of Gender. Essays On Theory, Film, and Fiction. Bloomington 1987, S. 5: "The construction of gender is both the product and the process of its representation."
11 Vgl. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/Main 1991, insbes. S. 189ff.
12 Vgl. Steve Neale, "Masculinity as Spectacle. Reflections On Men and Mainstream Cinema", in: Screen 24, 6 (1983), Chris Holmlund, "Masculinity as Multiple Masquerade", in: Steven Cohan/Ina Rae Hark (eds.), Screening the Male. Exploring Masculinities in Hollywwod Cinema, New York/London 1993, S. 213-229, Diana Saco, "Masculinity as Signs: Poststructural Feminist Approaches to the Study of Gender", in: Steve Craig (ed.), Men, Masculinity, and the Media, Newbury Park 1992, S. 23-40.
13 Camera Obscura. A Journal of Feminism and Film. No. 17 (1987). Vgl. auch Constance Penley, Sharon Willis (eds.), Male Trouble. Minnesota 1993
14 Vgl. Teresa L. Ebert, "The Romance of Patriarchy: Ideology, Subjectivity, and Postmodern Feminist Cultural Theory." In: Cultural Critique (Fall 1988); Jeff Hearn, The Gender of Oppression. Men, Masculinity, and the Critique of Marxism, New York 1987, Jeff Hearn, David Morgan (eds.), Men, Masculinities and Social Theory, Boston 1990, Michael Kaufman (ed.), Beyond Patriarchy. Essays by Men on Pleasure, Power, and Change, Toronto 1987.
15 Vgl. Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, Wien 1991, insbes. S. 139ff.
16 Der Begriff der "hegemonic masculinity" taucht das erste Mal auf in T. Carrigans, R.W. Connells and J. Lees Aufsatz "Hard and Heavy. Toward a New Sociology of Masculinity", in: Michael Kaufman (ed.), Beyond..., a.a.O., S. 139-192. Vgl. R.W. Connell, Gender and Power. Society, the Person, and Sexual Politics, Palo Alto 1987 und Robert Hanke, "Redesigning Men. Hegemonic Masculinity in Transition", in: Steve Craig (ed.), Men, ...., a.a.O., S. 185-198.
17 Joyce E. Canaan, Christine Griffin, "The new men´s studies: part of the problem or part of the solution?", in: Jeff Hearn, David Morgan (eds.), Men..., a.a.O., S. 206-214.
18 R. W. Connell, Gender and Power, a.a. O., S. 276
19 Jeff Hearn and David Morgan, "The critique of men", in: Diess. (eds.), Men, Masculinities & Social Theory, London 1990, S. 203-206.


"Offensichtlich männlich" © 1994 Kaltenecker/Tillner
Erstveröffentlichung: Texte zur Kunst, 5. Jg., Nr.17 (Februar 1995,)