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Aus
der DISKURS 3/99
Trans Queerrr - (you make me) feel like ...
Konstellationen
Warum ist plötzlich alles queer - und was soll das bitte schön
sein? Seit längerem taucht im weiten Feld der Geschlechterverhältnisse
vermehrt das q-Wort auf und wird dabei unterschiedlich verwendet, In den
schwul dominierten schwul-lesbischen Szenen ist es meist gleichbedeutend
mit homosexuell. So trägt die kommerziell ausgerichtete »Monatszeitung
für Schwule und Lesben« den Haupttitel Queer. Thematisch richtet
sie sich überwiegend an junge, fun-orien-tierte Schwule, politisch
geht es in der Regel um Forderungen nach bürgerlicher Gleichberechtigung,
sei es in Ehe oder Bundeswehr.
Über queer studies wird derzeit verstärkt in Uni-Kreisen diskutiert.
Während es in den gay and lesbian studies eher um Sichtbarmachung
von lesbischer und schwuler Geschichte und Identität geht, werden
hier auch die Ausschlüsse thematisiert, die mit der Konstruktion
solcher Identitäten einhergehen - wobei diese vielleicht noch um
einiges verzwickter funktionieren als die der Hetero-Welt. Die vorgebliche
Natürlichkeit der Heterosexualität soll in den queer studies
nicht in erster Linie dadurch angekratzt werden, daß die Lebensgeschichten
des >anderen Ufers< sichtbar gemacht werden. Vielmehr sind die lesbischen
und schwulen Welten nicht das gänzlich Andere, sondern selbst von
Linien der heterosexuellen Matrix geprägt. Es geht dann nicht nur
um eine spezifische Thematisierung von Existenzen, die aus diesen Rastern
herausfallen bzw. sie unterlaufen, sondern eher um die kritische Fokusierung
des >unmarkierten< Zentrums des gender-Regimes (weiß, hetero,....)..
Als queer oder ähnliches werden alltäglich Differenzen nicht
nur zum Hetero-Normalismus artikuliert, sondern auch zur ganz normalen
Homo-Welt; etwavyon der trash-Tunte, die womöglich gerne Kicker spielt
\md Dosenbier trinkt und in den normalen Umgangsweisen der schicken maskulinistischen
Szene keinen Platz hat. Oft wird aber geäußert, hierzulande
bestehe eine Kluft zwischen den (sub)akademisch ausgeloteten queeren Existenzweisen
und den täglich gelebten Praktiken. Das Thema >Geschlechterdurch-einander
zwischen Unidiskurs und Clubleben< wurde im Feuilleton von Die Zeit
bis Spex letztes Jahr u.a. anläßlich des Romans »Tomboy«
von Thomas Mei necke verhandelt. Das queer-Werden der Hauptperson besteht
weitgehend in der Beschäftigung mit trockener gender-Theorie; seitenweise
tagebuchartige Exzerpte einschlägiger Texte rund um den Butler-Boom
illustrieren diese Selbsttechnik. Gleichfalls stilisiert ist eine Trans-Figur
der Szenerie, die soweit wie möglich als Frau lebt, katholischer
Mystik frönt, sich ansonsten aber kaum um kopflastige Grübeleien
schert. Der Roman wurde vielfach als Ausdruck und Teil der Schwierigkeit
rezipiert, aus >Theorie< und >Leben< ein flirrendes Verhältnis
zu machen.1
Verbreitet ist die Einschätzung, queer sei entweder nichts anderes
als schwullesbischer mainstream oder ein neuer um Originalität bemühter
universitarer Trenddiskurs - eine Kopfgeburt ohne Bewegung also. Zumindest
würden kritische Reflektion und Alltagspraktiken auseinanderfallen.
In heterosexuell dominierten linken Kreisen ist denn auch der Verdacht
verbreitet, bei queer handele es sich wohl nicht um etwas sonderlich Radikales.
Zeitgeistgemäß wird mit »quer« ja gern alles bezeichnet,
was >so ein bißchen anders< ist, letztlich aber die Verhältnisse
nicht grundlegend in Frage stellt, wie etwa der Kommentar in der »Querspalte«
der taz.
Das Gerede über die Kluft zwischen queerer Theorie und Praxis ist
selber allzuoft von einem engen traditionellen Verständnis intellektueller
Produktion geprägt. Wissen von/über queer wird aber nicht nur
in akademisch-professionellen Texten generiert und weitergegeben, sondern
auch - entscheidender - in kleinen populären Fanzines, Flyern, Musiksendungen,
in Polit-Kabaretts, auf Performances bei Demos etc. Die Ankündigung
einer feministischen Arbeitsgruppe unter dem Label »querrr theory«
etwa markiert mit den vielen rrrs Differenz zur unaktivistischen Theoriehu-berei
und zum angepaßten Spaßterror - ähnlich wie die riot
grrrls sich von den netten girlies abgrenzen. Es wird eben auch nach Verbindungen
von queerrren Theorien und Politiken gesucht bzw. diese hergestellt, wie
zuletzt auch während der Frankfurter Tagung »Queer - beliebt
oder beliebig???« [www.copyriot. com/queer].
Queer soll dabei gerade nicht als neueste Mode auf dem Identitäten-Jahrmarkt
dienen. In der »queer«-Ausgabe der Tuntentinte heißt
es in einem Interview mit Organisatorinnen der Queer-Parties im Kreuzber-ger
SO 36: »Queer kann nicht heißen, ich wußte nie, wo ich
hingehöre, und jetzt bin ich halt queer. Das ist ein falscher Ansatz.«2
Es geht nun nicht um den Rückgriff auf vermeindlich vorgelagerte
homogene Miniatur-Identitäten, sondern um die Betonung des Gegensatzes
von queer zu straight, von verquer zu gerade. Vorbehalte gibt es, wenn
sich plötzlich alle möglichen Leute als queer bezeichnen, die
selber weitgehend in heteronormalen Verhältnisse leben und nicht
homo/transphober Diskriminierung ausgesetzt sind, queer also bloß
als gelegentlichen Freizeitgag betreiben (>queer for fun<). So gibt
es Stimmen, die die autonome »Homolandwoche« gegen eine Umbenennung
in »Queer Country Week« verteidigen, damit sich das erkämpfte
Homo-Selbstverständnis nicht in eine beliebige queere hipness auflöst.3
Queer ist eben selber ein differenziertes Feld, in dem um verschiedene
politische Haltungen gekämpft wird. Außerdem läuft auch
nicht jede queere Bewegung unter dem q-Label, sondern ist meist in erster
Linie in andere Kontexte eingebunden, da q ja auch nie isoliert von den
politischen Linien x, y oder z vorkommt. Zu nennen sind etwa die Edu-tainment-Shows
des Berliner Salon Oriental, eine Art Party-Travestie, die mit dem Projekt
kanak nttak verbunden ist, welches mit Nachdruck radikale anti-identitäre
antirassistische Politik propagiert4; oder aber der Block Queer Adventure
Tours bei der Ge-gen-Demonstration zum Nazi-Auf marsch am 1. Mai in Leipzig.
Bezeichnungen
Bei der Importierung queerer Konzepte aus dem US-amerikanischen Kontext
wurden hierzulande einige für die dortige Geschichte zentralen Elemente
an den Rand gedrängt. So war »queer« anfangs nicht zeitgeistig-unscharf
konnotiert sondern ein bad word, mit dem Haß ausgesprochen und Gewalt
verbunden war
gegen all jene, die nicht ganz richtig, nicht straight waren, also aus
der natürlichen Ordnung der Dinge< herausfielen.5 So etwas wie
eine queer Community wurde negativ vermittels Repression und Diskriminierung
formiert, durch Ausschluß der als »pervers + gefährlich
+ abschaumhaft = queer« Geltenden aus der nationalen Gemeinschaft.
Vor allem in den Kämpfen gegen die staatlich-zivilgesellschaftliche
Regulierung der sozialen Dimensionen von HIV und AIDS wurde queer in eine
positive, rotzige, Selbsbe-zeichnung verwandelt. In populären Aktionen
etwa von ACT UP protestierte Ende der 80er Jahre ein relativ breites Spektrum
betroffener Szenen gegen die US-AIDS-Politik.6 Die meisten dieser Projekte
gingen aber im Laufe der Zeit von Basis- zur Repräsentationspolitik
über; die Entwicklungen der bundesdeutschen AIDS-Hilfen verliefen
darin ähnlich.7 Bei der Gründung von »Queer Nation«
im US-Kontext war noch die Differenz zur Staatsnation angezeigt, anders
als in Deutschland, wenn derzeit in bürgerlichen Kreisen eine »LesBiSchwule«
oder »queere« Nation ausgerufen wird und der Haupt-stadt-CSD
triumphierend durch's Brandenburger Tor führt.
Mit dem eingedeutschten queer wird im Alltag meist kaum etwas Widerständig-Antibürgerliches
assoziiert. Anders ist dies schon bei Wörtern, die mit Transsexuellen
in Verbindung gebracht werden. Bei dem Wort »Transe« ist die
Bedeutung als Schimpfwort für abweichendes Verhalten deutlich und
die Umwandlungsarbeit in eine stolz-aggressive Selbstbezeichnung präsent.
Aber ist mit »transig« nicht meist etwas gemeint, was sich
von Mann zu Frau bewegt oder tuntig-schwul codiert ist? Darin tauchen
dann die Bewegungen der maskulinen Frauen, der drag kings, kessen Väter,
butches, Frau-zu-Mann-Transge-schlechtlichen etc. nicht auf, werden also
in der üblichen Wahrnehmung eher unsichtbar gemacht als offen gedisst.
Bei »trans(ig)« schwingt üblicherweise auch die weitverbreitete
Vorstellung mit, es gebe genau zwei Geschlechtspole - wie plus und minus
asymetrisch mächtig -, und auf einem festgelegten Transit-Weg seien
nur Wanderungen von einem zum anderen möglich. Nun gibt es aber auch
davon abweichende Trans-Aktionen, die nicht einen der Pole anpeilen, sondern
auf queeren Linien verlaufen und die Trans-Formation des ganzen settings
verfolgen. Statt aber derart die agents der heterosexuellen Matrix in
die Flucht schlagen zu können, werden solche Bewegungen weitgehend
ausgeschlossen. Die Zurichtung geschlechtlicher Subjekte per Gewalt nimmt
nicht ab (Maßregelung von "geschlechtsuntypischen" Kindern,
Homo/Transen...), auch wenn sich zumindest in den
Metropolen nicht-hetero-sexistische Schutzräume herausgebildet haben.
Zugenommen hat die einhergende Toleranz "anderer
Lebensweisen" bei der radikale Differenz abgetrennt wird von akzeptiertem
Anderssein. Die hegemonialen Männlich- und
Weiblichkeitsstereotypen sind dabei in bestimmten Maße flexibel,
auch in der kommerziellen Werbung werden bestimmte drag-
Elemente aufgenommen, dabei aber spezifisch umgewandelt, gewissermassen
entschärft (z.B. West). Androgyne Phantasien tauchen offenbar immer
wieder auch in hegemonialen Diskursen auf.8
Inwieweit flexibilisiert sich so die normale Geschlechter
ordnung?
Es kommt in queeren Praktiken/Politiken drauf an, mit den heterosexistischen
Keimzellen, wie dem Konzept Ehe/Kleinfamilie, zu brechen und diese nicht
einfach etwa in schwul/lesbischen Lebensgemeinschaften weiterzuführen
-sich also nicht um der lieben Anerkennung wegen zu assimilieren. Queer
würde eben auch bedeuten, die Trennung von einer >sexuellen<
Zweier-Beziehungen vs. allen anderen >platonischen< Verhältnissen
zu überwinden und eher zu knarzig-flirrenden Freund-schafts-Kontexten
zu gelangen.
Ereignisse
Wie können Praktiken sichtbar gemacht werden, Aktionen Räume
erschließen, in denen queer weder von der maskulinistisch dominierten
Homo- noch der Heten-Normalität vereinnahmt wird? Versuche der (Wieder-)Aneignung
von kweerrr gibt es ja genug. Eine Strategie besteht darin, der gängigen
Geschichtsschreibung
entgegenzuwirken. Rund um den alljährlich in vielen Großstädten
stattfindenden Christopher-Street-Day wird schwules/lesbisch/ queeres
/... Selbstverständnis und dessen Repräsentation verhandelt.
Die offiziellen Vertreter lesbischwuler Kultur in der bürgerlichen
Öffentlichkeit, wie die Funktionäre des LSVD (Lesben- und Schwulenver-band
Deutschland), tun dabei alles, die Erinnerung an die riots von 1969 rund
um die Kneipe Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street für
die Sehnsucht nach dem Trauschein zu vereinnahmen. »Stonewall«
taugt meist als bürgerliche Ikone; von radikalen linken Projekten
wie der Gay Liberation Front, die in den 70ern Politik machten, ist bei
den Feierlichkeiten heute selten die Rede.9
Dabei ging es den Straßenkämpferlnnen dieser Tage nicht um
eine Assimilation an die Bürgerlichkeit, sondern darum sich der Repression
zu wehren. Gegenwärtige radikale Aktivistinnen, die mit oliv-rosa
Realo-Politik nichts zu tun haben wollen, suchen diese CSD-Paraden zu
stören und eine andere Geschichte präsent zu machen; sei es
mit einem »Rattenwagen« in Berlin (bzw. einem Gegen-CSD),
Chaos-Transparenten wie »dafür« / »dagegen«
/ »Bildet Ghettos« in Frankfurt oder der Ankündigung
beim Kölner CSD-Büro, zum diesjährigen Jubiläumsumzug
eine Neuauflage der historischen Straßenschlacht zwischen Polizei
und Angry Queers zu inszenieren.10 Solche Einsätze wirken vielleicht
auf den ersten Blick marginal und chancenlos, die mediale Repräsentation
der we-are-family-and-nation-Mehrheit nachhhaltig zu stören. So werden
aber zumindest Ereignisse provoziert, bei denen klar gemacht wird »Wir
wollen weder Nation noch Familie - Stonewall was a riot!« und vielleicht
auch andauernde connections entstehen können.
Wo kommt transige queerness alltäglich vor?
Wenn es nicht eine feste identitäre Eigenschaft sein kann, die man
>hat< oder >ist<, geht es also eher um situative Verbindungen
oder eine fluide Haltung, in denen die asy-metrische Bipolarität
der Geschlechter zu Bruch geht oder zumindest Risse bekommt. Aber wie
unterscheidet sich das von den gängigen Praktiken, in denen ein ironischer
Umgang mit Geschlechtlichkeit gerade zur Stabilisierung derselben beiträgt?
Im Kölner Karneval etwa wird die Figur der »Jungfrau«
im »Dreigestirn« (es gibt noch »Prinz« und »Bauer«
...) traditionellerweise von einem Mann verkörpert, was der allgemeinen
Erheiterung dient. Dem haftet wenig Subversives an, eben durch die Art
der Inszenierung von >Weiblichkeit< durch jemanden, der dabei immer
als HeteroMann markiert bleiben will, wird die protonormalistische Ordnung
gestützt. Dies wurde bei einem Provinzverein erst dann zum Problem,
als der Darsteller im > wirklichen Leben< Männer liebte, was
seinen Ausschluß als Schwuler aus der traditionellen Performance
zur Folge hatte.
Männliche oder weibliche Codes werden von verschiedenen Positionen
und Kontexten angeeignet und umgearbeitet. Eine Lesbe, die als schwuler
Stripper in einem Club arbeitet11, bewegt sich anders durch Homo-Welten
in der heterosexuellen Matrix als ein schwules Transen-Kabarett. Es sind
eben auch die problematischen Elemente von konkreten cross dressings und
gender passings in den Blick zu bekommen. Während in Schwülen-Kreisen
die ironische Performance des Tuntigen schlechtestenfalls dazu beitragen
kann, über als feminin geltende Umgangsweisen zu lachen und sich
der eigenen Maskulinität zu versichern, gibt es in lesbischen Szenen
Diskussionen, inwieweit zur Schau gestelltes machistisches Verhalten u.U.
nicht nur die patriarchalen Gesten wiederholt, ohne sie zu brechen.12
Nicht an der Kleidung läßt sich ein queergrad ablesen, die
Haltung derselben, die Bezogenheit zum Körper, die Spiele mit Distanz
und Aneignung sind entscheidend. Glamor allein ist kein Kennzeichen von
Subversion, es zählt die gelebte Umeignung der Codes. Ob die gängigen
Repräsentationen heteronormalen Begehrens in dem konkreten Raum unterlaufen
werden können, liegt nun gerade nicht allein in den Händen von
drag kings/queens, Anzug- und Fummeltragenden oder deren profaneren Varianten.
Tendenziell werden Abweichungen wieder rückgebunden, sei es durch
weglachen, belächeln, ignorieren.
Auch in zwar um die Debatten >wissenden<, dadurch aber nicht unbedingt
dafür aufgeschlosseneren Kreisen, werden u.U. solche subversiven
Versuche gelangweilt abgetan; schnell ist das un-cool-Verdikt ausgesprochen
(»das ist nicht camp«), während man selbst in einem geschlechtermäßig
unangezwei-feltem outfit rumsteht (»wir sind hier nicht bei Paris
is burning, sondern in Bok-kenheim, Leute«). Es kommt auf Korrespondenzen
an, ob die erprobten quee-ren Elemente aufgenommen und weiterbearbeitet
werden -mehr auf kollektive, denn isolierte brillante Praktiken.
Entstehen also in einem solchen Geflecht aus Style und Umgangsweisen der
Leute, Raumausstattung und Musik etc. queere Plätze und Ereignisse?
Dabei lassen sich in der Art und Weise wie Szenen organisiert werden,
unterschiedliche Ziele und Vorstellungen von Kollektivität ausmachen.
Ist das Ganze so aufgezogen, daß nur das Konsumverhalten von vereinzelten
Partygrüppchen angeregt werden soll -oder ist es ein low budget Konzept,
bei dem es darum geht, neue kollektive Situationen zu provozieren? Eine
Garantie auf klare Differenz der Subkulturen vom kommerziellen mainstream
gibt es dabei bekanntermaßen nicht. Auch ist nicht alles, nur weil
es kommerziell organisiert wird, gleich unter hip-Aspekten zu verdammen
oder politisch zu verurteilen. Dem Laden Transformation (Bahnhofsviertel
FfM) etwa haftet zwar wenig antibürgerlicher Charme an, trotzdem
bieten die Verkaufsräume die geschützte Möglichkeit, sich
in die Schale des anderen Geschlechts zu schmeißen - allerdings
wie so oft nur von Mann zu Frau. Dies bietet angesichts einer überwiegend
transphoben Gesellschaft Schutzraum vor Gewalt. Mit dem Kommerzcharakter
des Ladens hängen aber die typischen Ausschlüsse bzw. Engführungen
des Programms zusammen. Angesprochen werden soll der zahlungskräftige
Mittelstandsmann, vorgesehen ist eine >ein-deutige< Verwandlung,
im teuren Transformationsmenü wird nur das Repertoire klassischer
Träume von Weiblichkeit angeboten. Vielleicht sind die Schmink-,
Schuh- und Anzugabteilungen der Kaufhalle geeignetere Treffpunkte...
Bewegungen
Wird nach queeren Praktiken gefragt, werden zumeist solche der auffälligen
Maskerade, der theatralischen Performance herangezogen. Wenn tranns-kweerrr
nun alltäglich stattfindet - oder eben nicht -, ginge es aber gerade
darum, jene unspektakulären Aktivitäten, die profanen Performanzen,
in den Blick zu bekommen. Dann läßt sich vielleicht auch der
Frage nachgehen, welchen gesellschaftlichen Bedingungen trans/queer-werden
unterliegt, weil es ja keine rein individuelle Entscheidung ist, so werden
zu wollen/können oder nicht.
Was sind nun die ordnenden Linien des profanen Lebens und wie können
sie verschoben werden?
Das Experimentieren mit bzw. Abweichen von geschlechtlichen Existenzweisen
ist je nach Räumen mit formierenden Zwängen konfroniert, sei
es beim Job, in den eigenen vier Wänden, in Kneipen und Kinos, auf
öffentlichen Plätzen oder auf staatlichen Ämtern. Die Trennung
in öffentliche und private Sphären wurde insbesondere von den
neuen Frauenbewegungen kritisiert und damit verbunden auch die herrschende
geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Auch wenn es Tendenzen zur Flexibilisierung
gibt, wird Heterosexualität weiterhin massiv durch das duale System
bezahlte Lohn- und unbezahlte Hausarbeit reproduziert. In den jeweiligen
Verhältnissen wird »sexuelle Arbeit« verrichtet, bei
denen geschlechtsspezifische Subjektivitäten gefordert und hergestellt
werden. Wichtig sind nicht nur Party-, sondern auch andere Lebens- und
Arbeitsräume, in denen die heterosexuelle Geschlechterordnung nicht
bruchlos reproduziert wird - und die womöglich noch zur Abschaffung
der abscheulichen Lohnarbeit beitragen. In einer lesbisch organisierten
Autowerkstatt entstehen z.B. andere soziale Verbindungen als in einem
heteronormalen Betrieb.13
Statt Betteln um Teihabe sind agressivere Töne angebracht: sich die
Räume zu nehmen und so auch Druck auf diejenigen auszuüben,
die vom Marsch durch die Institutionen nicht lassen wollen. Mit der Konstituierung
der Neuen Mitte ist auch der bürgerliche Teil der Schwulen- und Lesben-Bewegung
im Staatsprojekt angekommen. Gegen die Homo-Ehe als Kern-Issue dieser
Reformpolitik machen einige linke Gruppen Politik, z.B. Schlampagne oder
Beck-up (Volker Beck ist Vorsitzender des LSVD und grünes MdB). Sich
direkt an den Diskursen um Regierungspolitik abzuarbeiten, also sich mit
Fragen zu beschäftigen, die man sich nicht stellen will, kann aber
nicht nur ermüdend sein, sondern läßt oftmals radikale
Perspektiven untergehen.
Linke queere Politiken funktionieren wenn dann nur als temporäre
Verbindungen heterogener Szenen; woher die Leute sich jeweils annähern
ist höchst verschieden. Annahmen, im Kessel queeres hätten alle
die gleichen Positionen, macht Distanzierungen, auch optionalen identitären
Rückzug (als lesbische Transe, femme of color ...) nötig, um
sich nicht wider Willen in der falschen Konstellation im gleichen Boot
wiederzufinden.14
Der Vorstellung von einer queeren Bewegung anzuhängen ist deshalb
auch kontraproduktiv. Allzu leicht wird eine lineare Geschichte von Ursprungsmythos
(glorreiches Stonewall) und Niedergang (poprepressive Berliner Republik)
geschrieben; dabei werden spezifische Ausschlüsse derjenigen vorgenommen,
die in dieser homogenisierenden Erzählung nur einen Rand- oder gar
keinen Platz haben. Stattdessen geht es um ein unheroisches Bewegungsverständnis,
um Wahrnehmung und Kritik von internen Kämpfen um Meinungsführerschaft
und Repräsentation, Bündnissen, Widersprüchen und Differenzen.
Derart können dann connections ineinandergreifen, ohne unlösbar
miteinander verkettet zu sein. Nicht zuletzt können so Korrespondenzen
über die abschaffungswürdigen Zustände und entsprechende
Praktiken entstehen. Ob dies dann »queerrr« oder »trans«
oder noch was anderes ist, ist - so es denn passiert - nicht entscheidend;
Worte werden sich schon finden lassen.
Wolfgang Hörbe/Monika Mecha
l l l vgl. Manfred Hermes: Vivian rennt. »Tomboy« von Thomas
Meinecke, in Texte zur Kunst 32/99, S. 132-153; vgl. auch: Entgegnung.
Leserbrief von Thomas Meinecke, in Texte zur Kunst 33/99, S. 218 121 Tuntentinte
(Hg. v. Institut zur Verzögerung & Beschleunigung der Zeit, Berlin)
Nr. 16, S. 13
l 3 l Sascha Berlinskij: Kwier und wier, in Tuntentinte 16, S. 6 l 4 l
vgl. >Dieser Song gehört uns!< in diskus 1/99, S. 16 l 5 l
vgl. Sabine Hark: Queer Interventionen, in: Feministische Studien 2/1993;
S. 103-109
l 6 l vgl. Corinna Genschel: Umkämpfte sexualpolitische Räume.
Queer als Symptom, in: Etgeton/Hark (Hg.): Freundschaft unter Vorbehalt.
Chancen und Grenzen lesbisch-schwuler Bündnisse, Berlin (Quer Verlag)
1997; S. 77-98
l 7 l vgl. >Solidarität der Uneinsichtigen. Interview mit der
Aidshilfe Frankfurt*, in Die Beute 4/94, S. 107-113
l 8 l vgl. Ulla Link-Heer: Wird Androgynität normal? Zur Entfaltung
imaginierter Geschlechtlichkeit zwischen zwei Fins de Siecle, in: kul-tuRRevolution
Nr. 27/1992; S. 46-49
191 vgl. Georg Klauda: Sweet! Bullshit! In Gigi (Zeitschrift für
sexuelle Emanzipation, Hg. v. Förderverein des wissenschaftlich-humanitären
komitees, Berlin) Nr. 4/99, S. 14ff [www.whk.org/gigi] 1101 Gi£i2/99,S.10ff
l 11 l vgl. >Das Gespräch mit Andy Daim, schwuler Stripper und
Lesbe<, in Tuntentinte 16, S. 26ff
1121 vgl.^/fl« (Berliner Frauenzeitung) Nr. 18+19, S. 7ff [www.txt.de/
blau]
l 13 l vgl. Pauline Boudry/Brigitte Küster/Renate Lorenz: I cook
for sex - Einführung, in dies. (Hg.): Reproduktionskonten fälschen!
Heterosexualität, Arbeit & Zuhause, Berlin (b_books) 1999; 6-35
1141 vgl. Maria del Mär Castro Varela: Queer the Queer! Queer Theory
und politische Praxis am Beispiel Lesben im Exil, in: beitrage zur feministischen
theorie und praxis Nr. 52/1999 (»Lesbenleben quer gelesen«),
S. 29-40; vgl. auch Antke Engel: Verqueeres Begehren, in: Hark (Hg.):
Grenzen lesbischer Identitäten, Berlin (Quer Verlag) 1996; S. 73-95
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