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Was
ist Sexismus?
Wörterbuchdefinitionen:
Duden (1990): Haltung, Grundeinstellung, die darin besteht, einen Menschen
allein auf Grund seines Geschlechts zu benachteiligen; insbesondere diskriminierendes
Verhalten gegenüber Frauen.
The Wordsworth Dictionary of Sex (1987): Ein Muster der Diskriminierung
eines bzw. einer Einzelnen (normalerweise einer Frau) oder einer Gruppe,
welches auf vorurteilsbeladene Annahmen und Haltungen zurückzuführen
ist. Beispiele sind „Eine Frau gehört ins Haus“, „Frauen
– das schwache Geschlecht“, „Frauen sind zu emotional
für Leitungspositionen“ oder „Frauen halten dem Wettbewerb
nicht stand“. (Übers. D.F.)
Feministische Definitionen:
Sexismus: „definiert die diskriminierenden Ideologien und Praktiken
einer Gesellschaft, die sich in dem Spielraum niederschlagen, der einem
Individuum zur Selbstverwirklichung gestattet wird, wobei das Geschlecht
die Basis für selektive Auswahl oder Zurückweisung ist“.
(Stoll 1973, zitiert in H. Schenk, 1979)
„Das gemeinsame Element des Sexismus ist besteht darin, dass eine
Festlegung auf eine sozial definierte Geschlechtsrolle und damit eine
Einengung erfolgt“. (H. Schenk, 1979, S. 139)
Sexismus „ist Menschen aufgrund ihres Geschlechts zu stereotypisieren,
sowie wie der Rassismus die Stereotypisierung von Menschen nach der Rasse
ist“. (Sara Delamont, 1980)
„Sexismus bezeichnet sowohl die allgemeine Vorurteilshaltung: Menschen
vor allem durch die Brille von Geschlechtsstereotypen zu sehen; wie auch
den konkreten Inhalt des Vorurteils: sich aufgrund des eigenen männlichen
Geschlechts für besser, klüger oder wichtiger als Frauen zu
halten.“ (Frauenhandlexikon, 1983)
Sexismus wird überall dort deutlich, wo Frauen zuerst als Geschlechtswesen
und dann erst als Menschen betrachtet und behandelt werden. (Projekthandbuch:
Gewalt und Rassismus, 1993)
Sexismus als Rassismus-Analogon
Historisch gesehen wurde der Begriff „Sexismus“ in den 60er
Jahren von der us-amerikanischen Frauenbewegung in Analogie zum Begriff
des Rassismus entwickelt und sollte ein Unterdrückungsverhältnis
überhaupt erstmals benennbar machen. Ebenso wie es die vorrangige
Politik des US-Antirassismus war zunächst den Ausschluss von Schwarzen
aus gesellschaftlichen Räumen und Institutionen anzuprangern (Woolworth
- Blockade), konzentrierte sich die Sexismus-Kritik auf die Benachteiligungs-
und Ausschlussriten von Frauen als FRAUEN. Es ist festzuhalten, dass allgemein
bis vor nicht allzu langer Zeit, die Begriffe Frauen und Geschlecht nahezu
synonym gebraucht wurden, da – mit Monique Wittig gesprochen –
nur Frauen als Menschen mit einem Geschlecht gesehen wurden, als Abweichung
von der Norm MANN, welcher geschlechtlich nicht markiert wurde. Dies galt
und gilt jedoch nur für den heterosexuellen Mann.
Sexismus steht also in einem Verhältnis zu
Heterosexismus
Der Heterosexismus naturalisiert Heterosexualität und setzt diese
– als einzige, oder einzig „normale“– Sexualität
überall voraus. Dabei werden bei weitem nicht nur Homosexuelle unsichtbar
gemacht bzw. als „nicht normal“ dargestellt, sondern alle,
die dem heterosexistischen Mann/Frau – Bild nicht entsprechen.
Es ist allerdings zu kurz gegriffen, Heterosexismus als eine Ideologie
zu verstehen, die nur Homosexuelle angreift. Heterosexismus trifft auch
und gerade Heterosexuelle, die durch die Drohung mit Schwulen oder Lesben
gleichgesetzt zu werden, an Geschlechternormen angepasst werden. Ebenso
ist es ein Trugschluss zu meinen, nur Heterosexuelle seien heterosexistisch,
Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgenders könnten aufgrund ihrer
Sexualität überhaupt nicht heterosexistisch sein. Nicht nur
braucht Heterosexualität ein konstitutives Außen, um sich,
in der Abgrenzung von allen anderen Sexualitäten, überhaupt
als Norm setzen zu können – ohne Homo- gäbe es keine Heterosexualität.
Darüber hinaus ist unserer Kultur eine heterosexuelle Matrix eingeschrieben,
die nicht äußerlich bleibt, sondern vielmehr aktiv verlernt
werden muss.
Heterosexuelle Matrix nach Butler:
„Der Begriff heterosexuelle Matrix steht [...] für das Raster
der kulturellen Intelligibilität, durch das die Körper, Geschlechtsidentitäten
und Begehren naturalisiert werden. [...] Es geht darum, ein hegemoniales
diskursives/ epistemisches Modell der Geschlechter-Intelligibilität
zu charakterisieren, das folgend unterstellt: Damit die Körper eine
Einheit bilden und sinnvoll sind, muß es ein festes Geschlecht geben,
das durch die zwanghafte Praxis der Heterosexualität gegensätzlich
und hierarchisch definiert ist. (Butler 1991, S. 220, Fn6; Hervorh. d.A.)
Wenn zuvor gesagt wurde, dass nur das Konzept des heterosexuellen Manns
unmarkiert in der Geschlechterordnung bleibt, so muss weiter präzisiert
werden, dass dies nur für die Idealkonstruktion des heterosexuellen,
weißen, bürgerlichen Mittelstandsmann gilt. Sexismus verschränkt
sich nämlich nicht nur mit Heterosexismus, sondern auch mit allen
anderen sozialen Kategorisierungen.
Sexismus im Verhältnis zu anderen sozialen Kategorisierungen:
In feministischen Theorien wurde dies weitgehend vernachlässigt,
bis sowohl lesbische als auch postkoloniale Feministinnen vehement gegen
die Annahme einer universalen Kategorie „Frau“, welche als
Opfer des Sexismus betrachte wurde, protestierten. Elisabeth Spelman formuliert
diese Vorgehensweise folgendermaßen:
„... wenn wir verstehen wollen, wie sich Sexismus auf die Art und
Weise, in der Frauen behandelt werden auswirkt, untersuchen wir zunächst
das Leben von Frauen, deren Situation nicht noch weiter durch ihre Klassen-
oder rassisierte oder religiöse oder sonstige Identität verkompliziert
wird: denn wenn diese Frauen schlecht behandelt werden, muss das am Sexismus
liegen und an nichts anderem. Und damit haben wir dann begonnen, auch
dem Leben anderer Frauen Rechnung zu tragen, insofern sie dem Sexismus
unterworfen sind, unabhängig von den anderen Formen der Unterdrückung,
denen sie unterliegen mögen.“ (Spelman 1988, S. 51; Übers.
D.F.)
Postkoloniale Feministinnen warfen dem Feminismus daher vor, dass dessen
Bestimmung des ‘Frau-Seins’ aus der Perspektive weißer
Mittelschichtsfrauen verfasst sei. Die Kategorie ‘Frau’ schließe
alle nicht-weißen Frauen aus. Zwar berücksichtigten feministische
Theorien auch andere Faktoren der Diskriminierung als Geschlecht, wie
‘Rasse’ oder Klasse, diese würden jedoch dem Geschlecht
untergeordnet. Hierzu abermals Elizabeth Spelman:
Wenn wir verstehen wollen, wie Sexismus funktioniert, reicht es daher
nicht aus, nach einer Diskriminierung qua Geschlecht zu fragen. Alle anderen
sozialen Kategorien müssen vielmehr mitbedacht werden.
Sexismus als Synonym für sexuelle Belästigung
Darüber hinaus wird der Begriff Sexismus heute oft synonym für
„sexuelle Belästigung von Frauen“ verwendet. In der Regel
ist eine/r sich jedoch bewusst, dass sexuelle Belästigungen nur einen
Teil des offenen Sexismus darstellen, Sexismus selbst aber die zugrundeliegende
Struktur der Geschlechterordnung bezeichnet, die sich vor allem als strukturelle
Gewalt im latenten Sexismus manifestiert. Damit ist es freilich auch problematisch,
Sexismus auf offen beanstandete Diskriminierungen und empfundene Misshandlungen
zu reduzieren. Schließlich bindet Sexismus Opfer und TäterInnen
– wenn auch unterschiedlich und vor allem mit gänzlich verschiedenen
Effekten – in einer gemeinsamen sexistischen Struktur ein, die von
beiden reproduziert wird. Sexismus ist dort am erfolgreichsten, wo er
klaglos funktioniert.
Sexismus als Minderbewertung aufgrund des Geschlechts
Diese Definition setzt durch die Bezugnahme auf „Minder-“
und „Höherbewertung“ einen Wertemaßstab voraus.
Aussagen wonach Menschen eines Geschlechts pauschal unterstellt wird,
dass sie stark, schön, durchschlagskräftig oder bescheiden sind
oder sein sollten, wären demnach nur dann sexistisch, wenn die entsprechenden
Attribute als abwertend empfunden werden.
Eine Sexismus-Definition, die eine Minderbewertung voraussetzt setzt,
erfordert aber nicht nur ein gemeinsames Verständnis davon, was als
minderwertig qualifiziert wird, sondern davon, welche Aspekte in die Bewertung
einbezogen werden.
Sexistische Klassifikationen basieren schließlich wesentlich häufiger
auf vermeintliche Positivbewertungen, da diese von den GeschlechtsträgerInnen
leichter angenommen werden. Wenn Männer mit Verweis auf „typische
männliches Verhalten“ die Sau heraushängen lassen, werden
sie nicht als „Eber“, sondern als „urwüchsig“
bezeichnet.
Genauso wird gerade die Idealisierung einer „Weiblichkeit“
dazu verwendet, Frauen an normative Geschlechtsmuster anzupassen. Typische
Beispiele dafür sind Ritterlichkeit und Gegensexismus. Unter Ritterlichkeit
versteht man Pseudo-Antithesen zu sexistischen Ideologien, die vor allem
von Männern formuliert werden (Frauen sind hübsch, sparsam,
sauber, mütterlich, blablabla) während Gegensexismus vor allem
von Frauen eingebracht wird (Frauen sind sozialer, sensibler, weniger
wehleidig, in einer stärkeren Beziehung zur Göttin, blablabla).
In beiden Fällen werden Angehörige eines Geschlechts in ein
normatives Korsett „typischer Weiblichkeit“ eingebunden.
Wir können Sexismus nicht offen legen, solange wir ein möglicherweise
sexistisches Wertemuster zu seiner Identifikation anlegen wollen.
Sexismus als Bewertung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts
Wie die Definition über die „Minderbewertung“ referiert
auch diese Formulierung unmittelbar auf die wesentliche Leistung des Sexismus,
nämlich die Wertung. Durch den Sexismus erhält der mögliche
Gebrauchswert des Geschlechts einen Marktwert. Die Sexismus-Definition
verweist damit unmittelbar auf die Produktion des Geschlechts durch menschliche
Arbeit. Geschlecht wird produziert.
Jede Anti-Sexistische Kritik setzt an diesem gesellschaftlichen Produktionsprozess
an: der Bildung der Differenz durch Aus- und Abgrenzung und der Fusion
zu Subjekten molarer Geschlechterkategorien. Antisexismus hebt sich fundamental
von sexistischen Ansätzen dadurch ab, dass sozial relevante Geschlechtsdifferenzierungen
nicht mehr auf angeborene Charakteristika zurückgeführt werden
können (J. Schönert, 1996).
In diesem Sinn kann Judy Butler als radikale Anti-Sexistin gelesen werden:
„Dass die Geschlechterrealität durch aufrechterhaltende gesellschaftliche
Performance geschaffen wird, bedeutet gerade, dass die Begriffe der wahren
und unvergänglichen Männlichkeit und Weiblichkeit ebenfalls
konstituiert sind.“ (1991, S.208)
Wir wissen, dass die Produktionstechnologien von Geschlecht auch recht
ungesund sein können; zumindest allgergieerregend. Die wesentliche
Frage ist aber sicherlich, inwieweit diese Produktion selbstbestimmt sein
kann und ob die Bewertung aufgrund der Geschlechtsperformance nicht zwangsläufig
Entfremdung impliziert.
So fundamental diese Aspekte für jede antisexistische Kritik sind,
so selten werden sie ausformuliert. Vielleicht sollten wir – nach
all den vorangegangenen Definitionen - noch eine weitere Definition von
Sexismus anbieten, die darauf deutlicher Bezug nimmt:
Sexismus ist von anderen zu erwarten/zu verlangen, dass sie Geschlechternormen
verkörpern.
Diese Definition ist freilich insofern eingeschränkt, als das Hauptgewicht
auf dem Sexismus gegenüber anderen legt und die produktive Leistung
der eigenen Stilisierung des Geschlechts sowie der eigenen Geschlechterrepräsentation
auf die Geschlechtsbilder anderer nur andeutet.
Als erster an- und umstößlicher Entwurf mag sie aber dazu beitragen,
den Blick auf die wesentlichen Fragen des Sexismus freizugeben:
o Wie stark diskriminieren und unterscheiden wir Menschen noch aufgrund
ihres Geschlechts? Wofür?
o Und auf welcher Grundlage?
o Warum werden normative Geschlechtsregulierungen nach wie vor aufrecht
erhalten?
Wie wär’s?
Wollen wir den Sexismus nicht einfach radikal überwinden?
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