Mitwandern
15.6.-15.9.2005 Kulmer Alpe
8820 Neumarkt / Steiermark
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Wanderschäfer sein das heißt für mich sich der Natur aussetzen.
Den Fliegen, wenn sie gleich beißen, kurz vorm Gewitter, den bluthungrigen
Stechmücken, der sengenden Hitze, dem Hagelsturm. Den Krallen des Dornenbusches,
denn du musst die Windschutz suchenden Lämmer aus dem Unterholz fischen.
Dem kratzenden Almenrausch und den schlagenden Steinen, denn du darfst das
Bein des in den Abgrund flüchtenden Schafes nicht auslassen; sie lässt
ja ihr Neugeborenes nicht trinken und ein zweites Mal wirst du sie nicht
so bald erwischen.
Wanderschäfer sein das heißt auch, sich den Menschen aussetzen.
Es gibt ja weit und breit keinen zweiten, das sieht man ja nicht alle Tage.
Die übertriebene Bewunderung, die dich vom ersten Moment an auf ein
Podest, in einen Käfig stellt und sofort musst du den Erwartungen entsprechen,
könnens einmal herschaun, bitte, jetzt stehnbleiben, ein bissel nach
links, sonst hab ich den Telegrafenmasten drauf, das schaut nicht gut aus,
so, und den Hut ein bissel mehr in die Höhe, sonst sieht man ja gar
nichts vom Gesicht. Oder die aggressive Ablehnung durch verbitterte, gehetzte
Mitglieder unserer modernen Gesellschaft: Was haben denn die Schafe auf
der Straße verloren, wo kommen wir denn da hin, da ruf ich gleich
die Polizei. Da könnts aber nicht durch, weil da machen wir nächste
Woche unsere Treibjagd. Das gehört ja verboten, was ihr mit die armen
Viecher machts, die haben ja gar keinen Stall und müssen immer gehen,
diese armen! Wir sind hier ein Nobel-Kurort, da können wir so einen
Wirbel nicht brauchen..
Wanderschäfer sein heißt heute, Autos, die mit hundertzwanzig
Stundenkilometer auf der Landstraße daher-rasen, zum Stehen zu bringen.
Fremde, begeisterte Kinder vor fremden frühlings-tollen Motorradfahrern
an den Straßenrand in Sicherheit zu bringen. In der von Geschäftemachern
und Medien angestachelten Seuchen-Panik eines ganzen Staates der Drohung
eines Amtstierarztes, die Herde würde amtlich in Verwahrung genommen,
zu widerstehen und weiter Richtung Alm zu marschieren, zu einen Zeitpunkt,
wo die deutschen Schäfer schon wieder mit ihren Tieren ziehen dürfen,
bis der Polizei-Jurist die Verordnung des Gesundheitsministeriums für
verfassungswidrig erkennt und der Amtstierarzt dir gute Wanderschaft wünscht.
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