Russische Musik
Zum russischen Volkslied trugen alle slawischen Völker bei, dazu auch die Finnen, Kaukasier, Mongolen und Tataren. Der byzantinische Kirchengesang gewann in Russland eine eigene Form. Seit den Reformen Peters I. wuchs der Einfluss des Westens. Noch D. Bortnjanski (1751-1825) zeigt kaum Merkmale russischer Eigenart. Die höhere Musikkultur war eine Angelegenheit der Weissrussen und drang über aristokratische Kreise kaum hinaus. Das Volk besass einen reichen Schatz von Liedern. Steppenmelancholie wechselt mit dem Ausdruck unbändiger Heiterkeit. Neben alten Volksinstrumenten, z. B. der Bandura, kamen Balalaika und Ziehharmonika auf. Die Lieder des Volkes blieben in Russland stärker als in Mitteleuropa mit dem Volkstanz verbunden. Aus der Freude am Tanz erwuchs die hohe Tanzkultur Russlands im 19. Jahrhundert.
Michael Glinka schrieb die erste russische Oper "Das Leben für den Zaren", 1836; sie wurde als Beginn einer neuen Epoche empfunden: ein russischer Tonschöpfer schrieb zu einem russischen Stoff russische Melodien. Eine Gruppe junger russischer Tonschöpfer erkannte, dass original russische Musik nur nach Lösung vom Westen geschaffen werden konnte. Besinnung auf das eigene Wesen war der Hauptprogrammpunkt der im übrigen nur losen Verbindung »Das Mächtige Häuflein«. Zu diesem Kreis gehörten Alexander Borodin, Nikolai Rimski-Korssakow und als stärkste Persönlichkeit Modest Mussorgski. Er wird immer mehr als einer der kühnsten Neuerer der Musik im 19. Jahrhundert erkannt. Von seinen Werken gingen Anregungen für den Impressionismus und Expressionismus Europas aus. Neben diesen Vertretern der jungrussischen Schule standen andere Tonschöpfer, die die Verbindung zum Westen nicht lösten: Alexander Glasunow und vor allem Peter I. Tschaikowsky. Den Übergang zur Neuen Musik bildete Alexander Skrjabin. Prokofieff und Strawinsky bereicherten das Tonschaffen vielfach. Strawinsky, der Weltbürger, blieb im Westen. Unter den sowjetischen Tonschöpfern nimmt Dimitri Schostakowitsch den ersten Platz ein. Von den neueren Komponisten aus der ehemaligen Sowjetunion finden Edison Denissow, Alfred Schnittke und Arvo Pärt bei uns Beachtung.
Mussorgski, Modest
*Karewo (Pskow) 16. 3. 1839, †Petersburg 28. 3. 1881, russ. Komponist. Sein Vater war Gutsbesitzer. Mussorgski wurde für die Offizierslaufbahn bestimmt. 1856 lernte er Milji Balakirew kennen. Balakirew übernahm seine musikalische Ausbildung, die aber zu keinem Abschluss gelangte. Da er sein kleines Vermögen verlor, musste er eine untergeordnete Beamtenstellung annehmen. Sie ernährte ihn so schlecht, dass er sich aus Gram dem Alkohol ergab. Seine unzureichende Fachausbildung hatte den Vorteil, dass er sich auf keine Schule festlegte. Er war gezwungen, Eigenes zu suchen. Er wird oft als ein Vorläufer des Impressionismus und Expressionismus empfunden. Er entwickelte bis dahin unbekannten Realismus in der Musik.
Seine Oper "Boris Godunow", 1868, nach einer Dichtung von A. Puschkin entstanden, wurde 1874 in Petersburg aufgeführt. Dieses Werk entsprach dem damals in Russland verbreiteten Wunsch, russisches Leben auf die Bühne zu bringen. Der tiefe Eindruck dieses Werkes geht u. a. von der schonungslosen Schilderung aller Seelenqualen des sterbenden Zaren Boris Godunow und der Leiden des russischen Volkes aus.
Mussorgski schrieb eine wirkungsvolle Orchesterdichtung "Eine Nacht auf dem kahlen Berge" und die "Bilder einer Ausstellung" für Klavier. Er hat dieses Werk nie öffentlich gehört. Erst 1922 instrumentierte Maurice Ravel die Partitur, was diese musikalische Bilderfolge zu einem Erfolgsstück ersten Ranges gemacht hat.
Das Werk schildert die Eindrücke, die Mussorgski bei der Betrachtung von Zeichnungen des Malers Hartmann empfing. Es ist gegliedert in 10 Abschnitte und entsprechende Zwischenspiele – sogenannte "Proménades". Die einzelnen Bilder: