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::: kanada 2003 - eine radtour von calgary nach yellowknife... :::
 
Dieser Reisebericht wurde im Juni 2005 von reiseberichte.com als Reisebericht des Monats ausgewählt. Viel Spaß beim Lesen...
Im Sommer 2003 habe ich mit meinem Studienkollegen Peter eine 5-wöchige Radtour durch den Norden Kanadas unternommen. Von Edmonton aus ging es durch die Interior Plains bis nach Yellowknife, dem Regierungssitz der Northwest Territories auf dem Kanadischen Schild in 62,5°N und anschließend über die Fußhügelzone der Rocky Mountains wieder zurück nach Calgary, wo meine Cousine und mein Cousin mit ihren Familien inzwischen wohnen. Wenn Du mehr über unsere Route wissen willst und weitere Bilder von der Strecke sehen willst, findet Du hier einen Flash Movie. Er ist z.Z. noch nicht optimiert (2,2mb), also besser nur bei Standleitung anschauen...
Route
Schritt für Schritt findest Du hier die Erlebnisse unseres Reiseabenteuers, wobei ich auch auf Naturraum und die Orte gelegentlich genauer eingehe. Gelegentliche Infoboxen informieren dabei noch detaillierter über Geologie, Klima, Vegetation und andere geographische Prozesse. Wen es interessiert, der ließt sie mit, sonst könnt ihr sie auch einfach überspringen. Die Bilder stammen von mir oder von Peter Knaus. Um die Dateigröße klein zu halten sind sie im Text recht klein. Du kannst sie durch Anklicken aber auch in Großversion betrachten. Viel Spaß beim Lesen!
Per Flieger geht es zunächst von Graz nach Frankfurt und direkt weiter nach Calgary, dem eigentlichen Startpunkt unserer Reise. Die ersten vier Tage bestehen aus Familientratsch, Stadttourismus und Reisevorbereitung in Calgary, bevor es mit dem Greyhound nach Edmonton geht.
Calgary gefällt uns beiden gut. Die Stadt ist jung, dynamisch und pulsierend. Der Bow River, der durch Calgary fließt, und Erholungsräume wir Prince Island Park, geben der Stadt ihren eigenen Charme. Vom „Calgary Tower“ hat man bei schönem Wetter einen tollen Blick auf die Rockies und die Plains und natürlich auch schwindelerregende Ausblicke hinunter auf die typisch quadratisch angelegte Stadt. Der „downtown“ Bereich wurde im Zuge eines Baubooms in den 1960ern komplett umgestaltet und ist heute v.a. von modernen Bürokomplexen und Shopping-Malls geprägt. Durch die Modernisierung konnte die Abwanderung von Büros und Kaufhäusern effektiv gebremst werden. Auch der öffentliche Nahverkehr wurde ausgebaut und stellt heute ein Musterbeispiel für Nahverkehr in Nordamerika dar. Da auch der Motorisierungsgrad hoch ist findet immer noch ein gigantisches suburbanes Wachstum statt. Große Appartementanlagen und Einzelhauskomplexe werden in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft und es entstehen laufend neue Satellitenstädte. Ein extensives Autobahnnetzwerk verbindet diese mit der Innenstadt. Mehr über Geschichte und Wirtschaft von Calgary und Edmonton findest Du in der Infobox - Calgary und Edmonton – die Städte des Erdöls -
Calgary

Entspannung mitten in der Innenstadt

Calgary

Blick vom Calgary Tower auf die Innenstadt

Neben der Stadtbesichtigung müssen wir in Calgary auch unsere Reise vorbereiten und uns um die fehlende Ausrüstung kümmern. Das waren zuerst einmal unsere Räder, denn wir hatten beschlossen uns in Kanada welche zu mieten oder zu kaufen. Nach ein paar aussichtslosen Telefonaten mit Radverleih-Geschäften (die glaubten alle ich wolle sie auf den Arm nehmen...) machen wir uns auf die Suche im Geschäft. Bei einem Besuch bei WalMart werden wir fündig, auch wenn die Angestellten ziemlich blöd dreinschauen als wir erzählen wofür wir die Räder haben wollen. Zugegeben die Räder sind ziemlich schwer und nicht unbedingt ideal für lange Touren, aber für 120€ sehen sie doch ganz gut aus und mehr wollen wir einfach nicht ausgeben. Problem ist jedoch, dass sie bereits montiert sind, da wir sie im Greyhound nur verpackt mitnehmen dürfen. Erst nach langem hin und her (mind. eine Stunde) und zähen Verhandlungen mit 4 (!) WalMart-Mitarbeitern (sehr treffend finden wir dahingehend auch den Aufdruck auf der WalMart-Uniform: „Our people make the difference!“) erklären sie sich endlich bereit uns die Räder wieder zu zerlegen und zu verpacken. Die nächste Hürde gibt es dann im Outdoor-Geschäft, wo wir nach „bear protection“ fragen und man uns nur äußerst komisch anschaut. Also belassen wir es bei unserer mitgebrachten steirischen Kuhglocke zur Lärmerzeugung, einer Trillerpfeife und einer Menge „Ziplocks“ für unser Essen. Dafür lassen wir uns noch ein „bug shirt“ und ein „bug spray“ gegen Moskitos und Co. andrehen, wofür ich dem Verkäufer heute noch dankbar bin. Damit sind wir dann startklar!
das Rad

unsere Räder

Kuhglocke

die steirische Kuhlglocke

Zu Mittag geht es dann ab zum Greyhound-Bus-Terminal und 3 Stunden später kommen wir in Edmonton an. Das Abholen der Räder gestaltet sich dann etwas schwieriger als gedacht. Geschlagene anderthalb Stunden müssen wir warten bis die Räder aus dem Bus ausgeladen, registriert und zum Abholschalter gebracht werden. Dann kommt der Moment der Wahrheit: Ob wirklich alle Radteile in den Kisten sind? Ob unser Werkzeug auch überall passt? So ganz wollen wir den WalMart Angestellten noch nicht trauen. Doch wir haben Glück! Nach 2 Stunden Montage und viel Smalltalk mit interessierten Passanten (die uns u.a. auch über unseren „Austrian right-wing president“ Jörg Haider ausfragen...!) geht es endlich los. Vollbepackt stürzen wir uns in den downtown-rushhour-Verkehr und fahren Richtung nördliche Suburbs. Den ersten Campingplatz erreichen wir aufgrund der hereinbrechenden Dunkelheit nicht mehr, also muss kurzerhand ein Kohlrabi-Feld herhalten. Bereits am ersten Abend sind wir umringt von Moskitos und machen uns ernsthaft Sorgen, wie es dann wohl erst im Norden sein wird. Wir beschließen vorsichtshalber mal die Löcher im Innenzelt zu überkleben.
Am nächsten Tag geht es weiter, der erste Test für Räder und Fahrer, 130km bis Athabasca, einem kleinen aber nett gelegenen Ort am Athabasca River. In einem kleinen Café erkundigen wir uns nach den Straßenverhältnissen zum nördlich gelegenen „Calling Lake“ und weiter zum „Sandy Lake“, denn wir wollen gerne einen Abstecher durch die dortigen „Pelican Mountains“ machen. Man versichert uns, dass sie Straße super ausgebaut sei - und wir glauben es... aber dazu gleich! Der Campingplatz direkt am Fluss gelegen ist zumindest sehr nett und nach einigen Nachstellungen der Schaltung von Peter´s Rad geht es wohlverdient ins „Bett“. Am nächsten Morgen ist die Lust am Aufstehen nicht mehr ganz so groß, denn es regnet vor sich hin und es ist saukalt. Doch positiver Dinge fahren wir los Richtung „Calling Lake“. Kaum haben wir den Athabasca River überquert und eine Kurve durchfahren ist es aus mit der Abwechslung. Monotoner Regen, eisige Kälte, monotoner Wald und 60km schnurgerade Straße! Im Ort Calling Lake angekommen wollen wir erst mal was einkaufen und was warmes trinken. Der dortige Supermarkt ist ca. 20m² groß, aber es gibt zumindest aufgewärmten Kaffee. Als wir von unserer Route erzählen schaut man uns nur ungläubig an und erklärt uns, dass die Straße nur mehr ca. 10km asphaltiert und ab dann eine reine Schlammpiste sei. Wir wollen es nicht glauben, aber angesichts der neuen Tatsachen halten wir es dann doch für klüger wieder zurück nach Athabasca zu fahren und die südlichere Route zum „Lesser Slave Lake“ zu wählen. So geht es die beschriebenen 60km im Regen wieder zurück – und damit wird „Calling Lake“ der Inbegriff aller Qualen und Sinnlosigkeit auf unserer weiteren Reise (und bleibt es wohl auch weiterhin...).
Straße nach Calling Lake

die Straße nach Calling Lake

Calling Lake

Calling Lake

Am nächsten Tag ist das Wetter zwar etwas besser, aber nicht mein Knie, dass sich durch Anstrengung, Kälte und Regen (kurz „Calling Lake“) leicht entzündet hat. Nach halber Tagesstrecke entschließen wir uns daher per Autostopp voran zu kommen. Wir sind erstaunt wie gut das geht! Ein Förster nimmt uns mit und kurze Zeit später sind wir im Ort Lesser Slave. Der Ort scheint Großteils von der Forstwirtsschaft zu leben und die Bewohner wirken dementsprechend robust, um es mal dezent zu formulieren. Ein Stück nördlich entdecken wir einen netten Campingplatz an einem kleinen Bach und lassen uns dort nieder. Tags darauf geht es am highway nr.2 am Lesser Slave Lake entlang, jedoch leider ohne Blick auf den See, den wir erst am Abend am Campingplatz im Örtchen Joussard zu sehen bekommen. Unsere Versuche ein Feuer zum aufwärmen anzuzünden scheitern am nassen Holz, doch kanadische Camper wissen Rat und schütten einen halben Liter Spiritus aufs Holz. Schon geht es! Aufgrund des Regens der vergangenen Tage entschließen wir uns nicht den uns zugeteilten Zeltplatz zu benutzen, sondern stellen unser Zelt in der überdachten aber offenen Picknick-Holzhütte auf. Eine weise Entscheidung, denn mitten in der Nacht ist es aus mit der Nachtruhe. Ein Wahnsinns-Gewitter tobt sich über uns aus und es gießt aus allen Kübeln und donnert stundenlang. Wie wir am nächsten Tag erfahren, ist nur wenige km entfernt ein Tornado durchgezogen und hat mehrere „Recreation Vans“ umgeworfen. Bei soviel Regen und Unwetter wird’s vielleicht Zeit für ein paar Klimainfos. Mehr dazu also in der Infobox - Klima
Lesser Slave Lake

Lesser Slave Lake

Joussard

die Hütte war unsere Rettung in Joussard

Unser nächstes Ziel ist der „Winagami Lake“, ein Naturschutzgebiet westlich des Lesser Slave Lake. Auf dem Weg dorthin gibt es fast nur eins zu sehen: ewige Rapsfelder! So weit das Auge reicht! Ab und zu auch ein paar Getreidefelder und Rinder. Am Winagami Lake angekommen trifft uns erst einmal der Schlag. Es wimmelt nur so von riesigen Mücken. Voller Panik kramen wir unsere bug shirts aus den Radtaschen und laufen so zum ersten mal wie als Imker verkleidet herum. Dann spazieren wir zum See, der wirklich wunderschön ist. Nach so einer Stunde fällt uns auf, dass eigentlich niemand ein bug shirt trägt und wir erfahren, dass die großen Mücken zwar wie Moskitos ausschauen, aber nicht stechen. Woher soll man das denn wissen? Nachdem wir dann noch einige Biber, Adler und andere Vögel beobachtet haben, genießen wir (nach erneuten Regenschauern) noch einen wunderschönen Sonnenuntergang am See.
Rapsfeld

überall Raps

bug shirt

Peter im "bug shirt"

Winagami Lake

Sonnenuntergang am Winagami Lake

Tags drauf geht es weiter nach Peace River, mit 3500 Einwohnern einer der größten Orte auf unserer Route. Unterwegs nur Raps, wie am Vortag. Es ziehen immer wieder Regenwolken durch, aber wir schaffen es immer bei irgendeinem Farmhaus Unterschlupf zu finden wenn es anfängt zu schütten und werden sogar zu einer Cola eingeladen. Unser Glück verlässt uns dann aber kurz vor unserem Ziel und bei heftigem Regen, Geblitze und Donner düsen wir hinunter ins Tal des Peace River. Der Campingplatz liegt in einem Waldgebiet auf der anderen Seite des Flusses und hat sogar eine Dusche mit Warmwasser zu bieten! Die ist auch dringend nötig! Da wir recht erschöpft sind, beschließen wir uns den Ort Peace River auf der Rückfahrt anzuschauen.

Am nächsten Tag geht es die letzten 40km des highway nr.2 entlang bis wir an der Kreuzung mit dem „Mackenzie Highway“ ankommen. Diese 1949 gebaute und asphaltierte Straße soll für die nächsten paar hundert Kilometer nun unser Begleiter in den Norden werden. Durch leicht hügelige, bewaldete und noch agrarisch genutzte Landschaft geht es weiter bis nach Manning, wo wir unser Zelt am Campingplatz aufbauen. Unsere „Nachbarn“, ein altes Rentnerpaar, laden uns auf eine erfrischende Limonade ein. Am Abend entpuppt sich der Campingplatz als „der“ Treffpunkt der „Dorf-Jugend“ und bei ein paar Bier lernen wir einiges Neues über praktische Anwendungen von Sprengstoff kennen, denn ein Großteil der ansässigen Bevölkerung arbeitet hier in der Erdölindustrie, v.a. am Pipeline-Bau, und da braucht man das Zeug. Außer Dinge in die Luft zu sprengen, gibt es in Manning nicht viel zu tun und so sind wir Österreicher natürlich eine willkommene Abwechslung.

MacKenzie Highway

Schild: Mackenzie Highway

Ab Manning sind Siedlungen nun nur mehr Mangelware. Ein paar einzelne Farmen mit dem anpassungsfähigen Raps gibt es zwar von Zeit zu Zeit noch, aber es dominieren eindeutig der Wald und der Sumpf und die Landschaft wird immer monotoner. Der nächste Campground nach unserem Routenplan liegt bei Keg River, doch dieser existiert leider nicht und so fahren wir noch 50km weiter und kommen nach 160km völlig erschöpft an einer dreckigen Highway-Raststätte bei Paddle Prairie an. Während ich das Essen vorbereite, pennt Peter im Zelt schon ein und ich gieß mir glatt das heiße Kochwasser über die Hand. Wir beschließen in Zukunft unser Tages-Pensum definitiv auf 100km zu beschränken!

Ab jetzt gibt es wirklich nur mehr Wald, Sumpf, Wald, Sumpf und die Autodichte beschränkt sich auf ein paar wenige Autos pro Stunde. Weiter geht es nach High Level, mit ca. 3000 Einwohnern ein eher großer Ort in Albertas Norden. Es regnet wieder den ganzen Tag, was sonst. Der große Supermarkt ist jedoch Gold wert und wir füllen unsere Reserven auf. Das hebt die Gemüter. Um uns die Campingplatzgebühren zu sparen, schlagen wir unser Zelt auf dem Schulgelände in der Innenstadt auf und verstecken uns hinter einem kleinem Gerätehäuschen oder so etwas ähnlichem. Wie wir am Abend feststellen müssen mitten unter einem Flutlicht, aber das war uns dann auch schon wurscht.
Am nächsten Morgen tut mein Knie wieder höllisch weh und ich muss heute etwas kürzer treten, im doppelten Sinn, und einen Ruhetag einlegen. Da es mal wieder regnet war also erst mal ein Kaffee zum Frühstück angesagt. Leider haben die Fast-Food-Ketten alle noch geschlossen. Aber im Nobel-Hotel spendiert uns der Portier gleich einen gratis Kaffee, wohl in der Hoffnung, dass wir stinkenden Landstreicher dann schneller wieder gehen. Nächstes Ziel ist die Fast-Food-Kette „Subway“. Wir bestellen einen weiteren Kaffee und nach ein paar Minuten kommt eine Verkäuferin am Tisch vorbei und legt uns zwei frische Zimtschnecken hin. Das tut gut. Als ich gleich noch zwei kaufen will meint sie, dass sei nicht nötig, sie würde uns noch zwei bringen – geht aufs Haus. Ich glaub wir müssen schon ziemlich heruntergekommen ausgesehen haben. Peter drängt es dann weiter! Mich und mein Knie eigentlich nicht. Also probieren wir es per Anhalter. Doch mitten im Ort ist das aussichtslos. Also „schleppt“ mich der gute Peter per Seil einige Kilometer aus dem Ort raus und wir probieren es erneut. Mit Erfolg! Ein Pickup hält, mit zwei grimmig dreinschauenden Männern drinnen, die sich jedoch als hoch interessant entpuppen sollten. Wir bitten sie uns beim 60ten Breitengrad, der Grenze zwischen Alberta und den Northwest Territories, aussteigen zu lassen. Die Stunde Fahrt bis dorthin ist äußerst amüsant. Die beiden sind Farmer in der Nähe von High Level, welche im Winter, wenn es nichts zu ernten gibt, mit ihren großen Trucks die Diamantenminen in den Northwest Territories beliefern. Die Minen liegen noch einige hundert Kilometer nordöstlich von Yellowknife und sind nur per Flugzeug oder während 2-3 Monaten im Winter über Ice-Roads zu erreichen. Alle Ausrüstung, Lebensmittel etc. müssen während dieser Zeit hinaufgebracht werden, was pro Mine mehrere Tausend (!) Truck-Ladungen ausmacht. Die beiden waren schon oft in den NWT, aber bislang immer im Winter. Jetzt wollen sie die Gegend auch mal im Sommer sehen und haben sich daher 1 Woche freigenommen, um einen Abstecher nach Yellowknife zu machen. Glück für uns! Am 60ten Breitengrad angekommen sind wir erst mal ein bisschen enttäuscht, denn außer einem kleinen Visitor Center und einem kleinen Campground gibt es nichts. Der Mäander des vorbeifließenden Hay River ist jedoch sehr beeindruckend. Außerdem kann der Campground den bisherigen Mücken-Rekord mit Abstand überbieten. Wir lernen auch endlich mal die anderen kleinen Biester kennen: Black-Flies und Sand-Flies... Ohne bug-shirt wären wir wohl verzweifelt. Positiv ist jedoch, dass wir nun das Manitoba, Saskatchewan und Slave Tiefland erreicht haben und es von nun an noch ebener dahin gehen sollte. Mehr zur Geologie auf unserer Route findest Du in der Infobox: Geologie 1 -
60er Breitengrad

Ankunft in den Northwest Territories

Am nächsten Tag leider keine Besserung des Knies. Also versuchen wir per Anhalter nach Hay River zu kommen, dem nächst größeren Ort, am Great Slave Lake gelegen. Dort würde es zumindest einen Arzt geben, falls nötig. Doch mal wieder das selbe Problem: beim Visitor Center keine Chance. Allerdings treffen wir „Craig“ aus Yellowknife, der uns einlädt bei ihm in Yellowknife zu übernachten, falls wir es rauf schaffen sollten. Auf die Frage wie wir ihn erreichen können, meint er wir sollen zur „Church of Christ“ gehen und nach Craig fragen, das sei am einfachsten – doch dazu später mehr. Die altbewährte Technik auf der Straße irgendwo im Niemandsland zu stoppen klappt auch diesmal wieder. Eine Familie aus Hay River, die vom Shopping aus Edmonton (800km !) zurückkommt, bringt uns bis zum Campground von Hay River. Dieser liegt einige Kilometer außerhalb der Zentrums auf einer Insel im Mündungsdelta des Hay River direkt am Ufer des Great Slave Lake, der mit XXX km² fast doppelt so groß wie die Steiermark ist. Ein Nordufer ist daher von Hay River aus nicht zu sehen und auch der rege Wellengang lässt eher vermuten man wäre an einem Meer angelangt.
Great Slave Lake

Peter am Great Slave Lake

Wir nutzen also mal das schöne Wetter des folgenden Tages aus um ein wenig am Strand zu dösen und den Ort ein wenig anzuschauen. Die „Native-Canadian“-Angestellte im Tourist Center erzählt uns ein paar gruselige Geschichten von bösen Geistern, welche hier plötzlich auf den Straßen und in den Häusern auftauchen und auch von einigen Bärensichtungen in den letzten Tagen, was uns zu ihrem erstaunen deutlich mehr beunruhigt. Wir erhalten aber auch ein paar nützliche Infos und immerhin gratis Kaffee. Der Ort selbst hat eigentlich nicht viel zu bieten; einen nett gestalteten Lehrpfad zu borealen Nadelwäldern und immerhin zwei „berühmte“ Gebäude: das weithin sichtbare und höchste Hochhaus der NWT und die komplett lilafarbene Schule. Interessant ist jedoch, dass das Ortszentrum bis vor einigen Jahren auf der Insel lag, wo heute der Campground ist. Eine totale Überflutung im Jahre xxxx veranlasste dann Bürger und Stadtregierung den Ort aufs sicherere Festland zu verlegen. Nur ein paar ausgefallene Bürger weigerten sich zu übersiedeln und schwören weiterhin auf ihr „Old Hay River“, das heute vorwiegend für die Lagerung von Erdöl und anderen Gütern dient, welche in den Norden verschifft werden sollen. Hay River ist heute ein großer Umschlagplatz für Waren in und aus dem Norden. Es gibt dafür auch eine direkte Eisenbahnanbindung an Edmonton. Diese wurde ursprünglich für die ehemalige Zink-Blei-Kupfer-Mine bei Pine Point östlich von Hay River gebaut, welche heute jedoch aufgegeben ist. Gigantische Schiffe liegen im Hafen und fahren über den Mackenzie River nach Norden bis ins Polarmeer und weiter.
Hay River

die Sehenswürdigkeiten von Hay River: Schule und Hochhaus

Schiff - Hay River

ein Schiff auf dem Weg Richtung Norden

Es geht weiter, oder besser es geht zurück, denn durch die Autofahrt nach Hay River haben wir die „Twin Falls Gorge“ mit den “Louise Falls“ und den „Alexandra Falls“, welche entlang des Mackenzie-Highways liegen, verpasst. Doch der Abstecher lohnt sich! Der Hay River frisst sich hier durch die Kalkwände und Sandsteinwände der „Escarpment Formation“ und der „Twin Falls Formation“, welche vor ca. 360 Mio. Jahren während des Devons hier abgelagert wurden (vgl. Infobox Geologie 1 ). Damals lag hier ein gigantischer Inlandsee mit Brackwasser und abgestorbene Schalentiere bildeten die Grundlage für die Kalkablagerungen. An den resistenteren Kalksteinschichten haben sich heute die Wasserfälle herausbilden können und stürzen mehrere Meter tief in die Schlucht. Die Wasserfälle sind übrigens auch ein heiliger Ort der früher hier ansässigen Dene Indianer. Um zu ihren Jagdgründen zu gelangen zog der gesamte Stamm jedes Jahr nach Norden und musste dabei auch die Wasserfälle passieren. Angesichts der wunderschönen Landschaft bleiben wir gleich noch einen zweiten Tag und liegen faul am Ufer des Hay River in der Sonne.
Louise Falls

die Louise Falls

Alexandra Falls

die Alexandra Falls

Unser nächstes Ziel ist ein weiterer Wasserfall, die Lady Evelyn Falls. Zuvor füllen wir unsere Essens-Reserven noch im kleinen Örtchen Enterprise auf. Dann geht es bei Regen und Sonnenschein durch die endlosen borealen Wälder des Nordens dahin. Grund genug an der Stelle auch ein paar Worte zur Vegetation zu sagen – also ab zur Infobox Vegetation
Auch die Lady Evelyn Falls sind äußerst beeindruckend. Der Campingplatz liegt einige Kilometer abseits des highway, direkt oberhalb des Kakisa River. Dort angekommen ergibt sich ein lustiges Bild: Neben unserer Minimalisten-Ausstattung aus Rädern und Zelt steht die durchaus übliche Version eines Kanadischen Campers. Riesiger „Truck“ (LKW!) mit 15m langem ausfahrbaren „Trailor“ hintendran. Was man nicht alles so braucht, wenn man zu zweit in die Natur will. Der Campground ist jedoch super, mit Dusche und Bad und allem dabei, was generell für die Campgrounds in den NWT (hier übrigens Territorial Parks genannt) sehr positiv anzumerken ist. Wir fahren dann noch ein Stück weiter den Forstweg entlang durch den Wald, der langsam etwas lichter wird, und kommen zum Ort Kakisa, einer Indianer-Siedlung. Dort sitzen wir eine Weile am schönen Kakisa-Lake und finden einige tolle Fossilien, Brachiopoden und Korallen, aus dem Devon.
Lady Evelyn Falls

die Lady Evelyn Falls

Canadian Camping

die Kanadische Version des Campings

Devonian Fossils
Brachiopoden und Korallen aus dem Devon
Angesichts der Tatsache, dass mein Knie immer noch nicht 100% wieder fit ist, dass wir etwas besorgt sind, ob wir mit er Zeit über die Runden kommen und aus Respekt vor den Bisons im Bison Sanctuary, welches wir auf dem Weg nach Yellowknife durchqueren müssen, probieren wir es mal wieder per Anhalter. Wir werden auch gleich mitgenommen, allerdings nur ein kurzes Stück bis zur Abzweigung nach Fort Providence. Vorher geht es noch per Fähre über den Mackenzie River, der hier schon ausgesprochen breit ist. Angeblich ist der Bau einer riesigen Brücke geplant, um die Minen von Yellowknife und Umland besser ans Straßennetz anzuschließen. Zur Zeit der Schneeschmelze und des frühen Winters ist der Fluss momentan weder per Fähre noch per Auto (im Winter übers Eis) passierbar und man kommt nur per Flugzeug nach Yellowknife oder hinaus. Die Weiterfahrt nach Yellowknife gestaltet sich dann schwieriger als erhofft. Die Warterei auf einen Pickup-Fahrer, der uns mitnimmt, wird zur Qual. Fort Providence gilt allgemein als die Mücken-Hölle der Slave Region und wir lernen schnell warum. So sitzen wir bei ca. 30°C schwitzend in unseren bug-shirts am Straßenrand. Die Autodichte ist so ungefähr 5 Autos pro Stunde. Nach ca. 3 Stunden des Wartens wird ein Pickup langsamer, fährt zögernd vorbei und juchhu, dreht dann doch noch um. Endlich! Allerdings hat das junge Pärchen nur Platz für eine Person und die 2 Fahrräder. Also halten wir den nächsten Campingwagen an und Peter kann dort mitfahren. Und ab geht es nach Yellowknife! Die Fahrt ist lustig und unterhaltsam und ein paar Bisons gibt es auch gelegentlich zu sehen. Sonst passiert landschaftlich nicht viel, bis wir bei Rae am Nordarm des Great Slave Lake vorbeikommen. Hier beginnt der Kanadische Schild und das Landschaftsbild ändert sich radikal. Statt ebenen Waldflächen nun nur mehr wenige Bäume auf gletschergeschliffenem Granitgestein. Doch viel schauen können wir nicht. Peters Fahrer hat es ziemlich eilig (er kommt gerade aus Edmonton!) und brettert mit Wahnsinns-Tempo über die Piste. Die letzten 70km vor Yellowknife sind noch nicht asphaltiert und die „dirt road“ ist alles andere als in einem guten Zustand. Gut durchgeschüttelt kommen wir in Yellowknife an. Der Campingplatz ist total überfüllt, denn es findet gerade das jährliche „Folk on the Rocks“-Festival statt.
Fähre über den MacKenzie

die Fähre über den Mackenzie River

Am nächsten Tag beschließen wir erst mal die nähere Umgebung ein wenig zu erkunden. Hinter dem Campground ist ein geologischer Weg (Prospector´s Trail) angelegt, der zwar schlecht beschildert, aber sehr interessant ist. Beim Campground gibt es einen sehr informativen Führer. Zwei Stunden schlendern wir also über den Kanadischen Schild und schauen uns die vulkanischen Gesteine, Quarzadern, Dikes (Intrusivgänge) und Findlinge an. Die präkambrischen vulkanischen Gesteine bei Yellowknife entstanden vor ca. 2,7 Milliarden Jahren, als aus einer tiefliegenden Magmakammer Magma an die Oberfläche trat und dort mehrere Schichten von insgesamt ca. 10km Mächtigkeit bildete. Die Plutone (Tiefengesteine) sind ca. 100 Millionen Jahre jünger. Rund 300 Kilometer nördlich von Yellowknife sind übrigens die bislang ältesten Gesteine der Erde gefunden worden, der „Acasta Gneis“ ist knapp 4 Milliarden Jahre alt. Mehr zur Geologie des Kanadischen Schilds in der Infobox – Geologie 2 -
Prospectors Trail

auf dem "Prospector´s Trail"

Nach unserem geologischen Rundgang machen wir uns auf in die Stadt und versuchen den bereits erwähnten „Craig“ ausfindig zu machen, der uns ja zu sich eingeladen hatte, sollten wir es nach Yellowknife schaffen. Unser einziger Anhaltspunkt ist die „Church of Christ“. Jedoch ist diese Sonntags geschlossen, aber wir haben Glück und ein Mitarbeiter macht uns auf und wir erzählen ihm, dass wir einen gewissen Craig suchen. Diesen ruft er an und meint dann wir sollen Craig am Nachmittag noch mal anrufen, er würde etwas für uns organisieren, da er bei sich gerade mit dem Umbau im Keller begonnen hat und das wohl nicht sehr bequem sei für uns. Also machen wir uns erst mal auf in die Altstadt, so man diese so nennen kann. Die „Old Town“ der 18000 Einwohner-Stadt Yellowknife ist heute vorwiegend Wohnort von Millionären mit riesigen Villen oder ausgefallen Hippies mit heruntergekommen Holzhütten. Man muss schon zugeben, das hat einen eigenen Charme. Einige alte Hütten der Goldgräber von 1930 sind auch noch erhalten. Die Hauptattraktionen der Altstadt sind „the Rock“, ein Felsen im Zentrum der Oldtown, auf dem heute eine Piloten Statue steht wo früher der Wasserturm für die Wasserversorgung von Yellowknife stand, die Ragged Ass Road, das Wildcat Café, ein uriges wiederhergerichtetes Café im Stil der 1930er, übrigens 1939 auch erste Eisdiele Yellowknifes, und dann noch Weaver and Devore Warehouse and Logstore, in dem heute das hervorragende und urige Restaurant Bullocks frische Fischgerichte serviert. Außerdem ist in Yellowknife auch das Prince of Wales Northern Heritage Center (www.pwnhc.ca) sehr sehenswert mit Exponaten zu Geschichte und Natur der NWT. Sehr schön ist auch eine Umrundung des Frame Lake nördlich des Zentrums, an dem das moderne und futuristisch anmaßende Regierungsgebäude steht. Auch die Architektur sollte man sich mal genauer anschauen, denn diese ist teilweise auf die Permafrostbedingungen angepasst. Viele Häuser stehen auf Stelzen, um zu verhindern, das die warmen Unterseiten der Häuser den Permafrostboden auftauen lassen und damit der Untergrund des Hauses instabil wird. Mehr über Permafrost in der Infobox – Permafrost
Yellowknife

Ankunft in Yellowknife

Yellowknife

Blick auf Yellowknife "Old Town"

Hippies in Old Town
Yellowknife
Villen in Old Town
Ragged Ass Road
Ragged Ass Road
Wildcat Cafe
das Wildcat Café
Peter Knaus mit Bier
Peter genießt ein kühles Yukon Bier bei Bullocks
Yellowknife
Yellowknife "downtown"
Soviel zum Sightseeing, doch wir brauchten ja auch ein Dach über dem Kopf, also rufe ich Craig an und er erzählt mir, dass er versucht einen Freund zu erreichen, der gerade auf Urlaub ist, um zu fragen, ob wir nicht sein Haus für ein paar Tage benutzen dürfen (!). Das ist uns dann doch des Guten ein bisschen zuviel und wir einigen uns, dass wir doch erst mal zu ihm nach Hause kommen, uns würde ja auch ein Hintergarten reichen. So verbringen wir die nächsten paar Nächte also im Keller (das war dann letztlich der Kompromiss), bei der Familie Robinson, das sind Craig und Vicki und ihre drei Kinder, sowie noch einige andere Kinder, die hier in den Familienkindergarten gehen. Sie nehmen uns unter anderen mit zum Motorbootfahren auf einem der vielen Seen um Yellowknife, in denen man im Sommer sogar schwimmen kann. Außerdem lernen wir von der sehr religiösen Familie (wie so viele in Kanadas Norden) auch so einige neue und teils etwas befremdende Ansichten kennen, wie „George-Bush-Enthusiasmus“ oder die christliche Version von Eminem, dessen Texte angeblich weniger schädlich sind, wenn er ins Mikro rappt: „I want a Coke and a Frie and a Cheeseburger!“. Naja, wie man´s eben so nimmt. Aber ansonsten haben wir eine schöne Zeit zusammen und der Abschied fällt dann doch ein wenig schwer. Mit ein paar Brocken goldhaltigem Quarz aus einer der Goldminen, die wir noch von einem Freund Craigs geschenkt bekommen, müssen wir wieder Richtung Calgary aufbrechen, stolze 1800km. Doch unsere Zeit wird nicht ausreichen, um die ganze Strecke zurückzuradeln, also entschließen wir uns per Anhalter nach Fort Providence zu gelangen und von dort den Greyhound nach Peace River zunehmen, um dann im Süden über die Fußhügelzone der Rockies nach Calgary fahren zu können.
Craig Robinson

zu Hause bei Familie Robinson

Der Plan läuft zunächst ganz gut und wir werden von einem Dogrib-Indianer über die „dirt road“ bis nach Edzo am Nordarm des Great Slave Lake mitgenommen. Er erzählt uns einiges über die Unzufriedenheit der Eingeborenen mit der momentanen politischen und wirtschaftlichen Situation und über die traditionelle Jagd der Indios. Es ist interessant auch mal die Meinung der anderen Seite zu erfahren. Bei ihm zu Hause zeigt er uns noch eine traditionelle Indianertracht, die seine Frau hergestellt hat. Danach ist unser Erfolg für den Tag leider schon vorbei. Es will uns niemand mehr mitnehmen und so bleibt uns nichts anderes übrig als auf einer „day rest area“ mitten im Bison-Reservat unser Zelt aufzuschlagen. Am Abend kommen noch ein paar besoffene Jugendliche Indios vorbei und wir trinken ein paar Bier zusammen. Sie arbeiten alle bei einer der Diamantenminen und haben gerade eine Woche frei, in der sie nun nach Yellowknife zum feiern und trinken fahren. Am nächsten Morgen erleben wir dann ein unangenehmes Erwachen. Von einem lauten Schmatzen werde ich geweckt und denke mir da Frühstückt wohl jemand etwas lautstark. Nach einer Weile kommt mir das doch etwas komisch vor und ich öffne die Zelttür. Da steht nur ein paar Meter von uns entfernt ein riesiges Wald-Bison und grast vor sich hin. Etwas nervös liegen wir mucksmäuschenstill eine halbe Stunde im Zelt, bis das Bison weiterzieht. Doch auch nach einigen Kilometern auf der Straße begegnen wir einem Bison, das wir vorsichtig umfahren. Die Tiere scheinen jedoch erstaunter zu sei als wir und so können wir selbst an ganzen Herden vorbeifahren ohne große Zwischenfälle. Als ein Bison mit einem halben Baum in den Hörnen aus dem Wald tritt wird uns allerdings doch wieder etwas mulmig. Nach ein paar Stunden auf dem Rad, merken wir, dass unsere Wasserreserven langsam ausgehen und wir die fehlenden 130km bis Fort Providence heute unmöglich schaffen können, also bleibt uns nichts als Autostoppen. Doch es ist wieder wie verhext. Erst nach gut 2 Stunden hält ein Pickup, der uns mitnehmen könnte. Doch während wir die Räder aufladen wollen, gibt er Gas und fährt davon. Das war derb! Doch wenn man ganz unten angekommen ist kann es nur bergauf gehen und nur 10 Minuten später hält der nächste Pickup. Wir steigen ein und erfahren, dass „Sultan“ unterwegs nach Edmonton ist, um seinen Sohn, der dort das Wochenende bei der Oma war, abzuholen. Wir fragen gleich, ob er uns auch bis nach Peace River mitnehmen würde, denn da wollen wir ja eigentlich hin. Kein Problem und die nächsten 8 Stunden fliegen wir förmlich über den Mackenzie Highway und sind heilfroh das Ganze nicht noch einmal mit dem Rad fahren zu müssen. Während Sultans Hund den guten Peter von Kopf bis Fuß ableckt, weil er das Mückenspray so lecker findet, reden wir über Rockmusik und ungarisches Gulasch, denn wie sich rausstellt sind Sultans Großeltern aus Ungarn.
Dogrib mit Elch-Jacke

der Dogrib Indianer in Elch-Jacke

Bison-Warnschild

Beginn des Wald Bison Reservats

Waldbisons

zwei Bisons jagen über die Straße

Party mit Natives

abendliche Party mit den Natives auf der day rest area

Am nächsten Tag treffen wir den ersten europäischen Touristen auf unserer Reise, einen Holländer, der ebenfalls mit dem Rad unterwegs ist, und schauen uns dann Peace River an. Wir fahren einen Aussichtsberg hinauf zur Statue des „Twelve-Foot-Davis“, der Legende von Peace River. Auf einem 12 Fuß großen Claim soll er soviel Gold gefunden haben, dass er damit einen Warenhandel in Peace River starten konnte und anschließend sehr reich geworden ist und sich auch um das Wohl des Ortes gekümmert hat. Der Ausblick von hier oben auf den Peace River ist fantastisch. Das Wetter ebenfalls und es sollte bis Calgary so bleiben. Auf der Weiterfahrt nach Süden wählen wir die kleine Straße 744 und umgehen damit den stark befahrenen Highway nr.2. Es geht mitten durch eine Agrarlandschaft mit Raps, Getreide und Futterpflanzen. Die Region südlich von Peace River ist einst von französischen Gruppen besiedelt worden, was die Ortsnamen gleich verraten: Marie Reine, Jean Coté, Normandville und Girouxville um ein paar Beispiele zu nennen. Auch die Ortsschilder und Werbetafeln und ähnliches sind in Französisch verfasst. Außerdem fallen die vielen Erdölpumpen auf den Feldern auf. Jeder Bauer schient hier sein eigenes Öl zu pumpen. Kurz hinter Girouxville dann der erste und einzige Platten. Also flicken wir den Schlauch und Pumpen wie blöd und weiter geht die Fahrt. Den angepeilten Campground am Little Smoky River verpassen wir irgendwie und wollen daher auf einem Feld übernachten. Um nicht unhöflich zu sein wollen wir vorher noch den Bauern um Erlaubnis bitten. Während des Gesprächs möchte ich ihn auf den vielen Raps ansprechen und sage daher nach bestem (englischen) Wissen zu ihm: „You have quite a lot of rape in the area!“, worauf er uns entgeistert anschaut und das gar nicht lustig findet! Nach einigem Erklären meinerseits verbessert er mich dann, und meint dass Raps in Kanada "Canola" heißt und verweist uns auf einen Campground 15km weiter! So kann es gehen.
Peace River

Peace River. Im Vordergrund der Campground im Wald

Peace River

Blick von der "Twelve Foot Davis" Statue auf den Peace River

Am nächsten Tag passiert nicht viel und wir ereichen diesmal den richtigen Campground, der ebenfalls am Little Smoky liegt. Am Abend kommt ein Wärter vorbei und sagt uns, dass wir aufpassen sollen, da die letzen drei Nächte ein Schwarzbär im Lager gewesen sei. Inzwischen haben wir ja schon fast nicht mehr an Bären geglaubt, nachdem wir bislang keinen gesehen hatten, aber diese Nacht schlafen wir doch eher unruhig. Allerdings gibt es wieder keinen Bären zu sehen.
Der Highway 745 Richtung Edmonton wird immer ungemütlicher zu fahren. Der Verkehr ist ziemlich stark und die Straße gleicht einer Europäischen Autobahn. Die großen Trucks brettern mit über 100km/h an einem vorbei, aber es ist die einzige Straße, die wir fahren können. Vorbei an der Öl-Siedlung Fox Creek geht es nach Whitecourt, einem Ort mit großer Holz- und Papier-Industrie. Hier überqueren wir wieder den Athabasca River, der sich hier aus dem Bergland hinausschlängelt. Wir machen ein großes Barbecue mit Steak und Kartoffeln, das tut gut! Die nächste Etappe ist kurz und erneut recht unspektakulär bis Mayerthorpe, wo wir auf einem Golfplatz übernachten. Der Sonnenuntergang ist super, aber das war es auch schon. Der Highway 22, auf dem es jetzt bis fast nach Calgary weitergeht, ist nicht ganz so stark befahren und gemütlicher. Kurz hinter Drayton Valley nehmen wir ein Bad im Sasketchewan River, während die Kanadier neben uns mit Motorbooten um die Wette düsen. Dann geht es weiter zum Buck Lake, wo wir einen netten Campground finden, der so gar nicht ist wie all die anderen in Kanada. Die Wohnmobile sind klein, fast wie in Europa, und wir sind endlich mal nicht die einzigen Zelter. Unsere Nachbarn Erwin und Ruth laden uns gleich auf einen Kaffee ein und wir sind überrascht, als Erwin plötzlich super Deutsch spricht. Seine Familie stammte aus den Sachsendörfern in Rumänien und ist im Zweiten Weltkrieg nach Österreich ausgewandert. Als er größer war zog es ihn und seinen Bruder dann nach Kanada. Wir fahren mit seinem Boot auf den See hinaus, denn Erwin ist leidenschaftlicher Fischer – leider fängt er diesmal nichts. Abends essen wir zusammen und werden auch am nächsten Morgen gleich mit einer Tasse Kaffe von Ruth empfangen. Welch ein Service! Dann geht es weiter über unzählige Hügel nach „Rocky Mountain House“, wo nix los ist weil Feiertag ist, aber der Supermarkt hat zumindest offen. Also sitzen wir mit einer 12er-Packung Donuts da und schauen zu wie die „Pushcart-Angestellten“ den dicken Kanadiern die Einkaufswagen zum Auto fahren. Wäre ja zuviel verlangt, dass man das selber macht. Außerdem fällt uns auf, dass jeder 20te männliche Bewohner ausschaut wie Elvis. Wir beschließen, dass das wohl mit dem Ortsnamen zu tun hat. Außerdem sehen wir unseren ersten Bären; ausgestopft im Museum!
Fox Creek

das Erdöl-Museum in Fox Creek

Barbecue

Barbecue in Whitecourt

Mit Erwin am Buck Lake

Bootstour mit Erwin am Buck Lake

Peter und der Bär

unser einziger Bär auf der Reise wirkte eher harmlos

Auf der Weiterfahrt nach Sundre überholen uns unzählige Trucks, mit Baumstämmen beladen. Hier ist wieder eine Hochburg der Holzindustrie. In Sundre herrscht strengstes Feuerverbot, denn es hat seit Tagen nicht geregnet und in Banff und Jasper, den Nationalparks der Rockies, brennen bereits unzählige Feuer. Der Himmel über Sundre ist trüb vor Asche und man sieht kaum die Sonne. Dann die vorletzte Etappe hinein nah Cochrane, nur wenige Kilometer westlich von Calgary. In der Ferne sieht man bereits schon die Rocky Mountains. Cochrane lebt von der Holzindustrie und der halbe Ort besteht aus gestapelten Holzstämmen. Früher war die Gegend um Cochrane für Pferde und Cowboys berühmt. Heute ist sie beliebtes Baugebiet für Rentnersiedlungen. Diese scheußlichen Anlagen wirken wie der perfekte Kommunismus im kapitalistischen Amerika. Eine große Baufirma kauft den Grund und entwickelt ein Konzept mit 4-5 Häusertypen, aus denen man sich dann eins aussuchen kann. Leichte Änderungen sind möglich, aber eigentlich schaut alles komplett gleich aus. Jeder kriegt seine Garage und jeder seinen privaten Hinergartenzugang zum Golfplatz, dem „kulturellen“ Zentrum der Anlage. Ich persönlich finde das ausgesprochen hässlich, aber Geschmäcker sind ja verschieden. Die letzen paar Kilometer nach Calgary sind schnell gefahren. Überall wird gebaut und gebaut und bald ist der Olympia Park in Sicht; wir wissen wir sind zurück. Unsere Bilanz: 2300km auf dem Rad, 1500km per Anhalter, kein Bär, aber viel Abenteuer! Die letzen Tage in Calgary verbringen wir noch mit meiner Familie, meine Schwester Jelena und mein Vater stoßen auch noch dazu, dann geht es zurück nach Österreich.
Holztransporter

Holzztransporter in Caroline

Sundre

Asche verdunkelt den Himmel in Sundre

Waldbrand in Banff

Waldbrände in Banff

Rockies

ein erster Blick auf die Rockies

Golf Community

Eine Rentnersiedlung oder Golfcommunity in Cochrane

Familie

Familientreff in Calgary

Für die, die sich bis zum Schluss durchgelesen haben, hoffe ich, es hat Spaß gemacht und ihr habt einen Eindruck von diesen weiten und touristisch kaum besuchten Regionen Kanadas mitnehmen können. Vielleicht probiert ihr im nächsten Urlaub ja auch mal eine Radtour.
Euer Janik