Verein KuKeLe

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KuKeLe - Die Furche Nr. 12/25.3.1999 S.5

Inuit trifft Jemen

Wie können Kinder fremde Religionen und Sitten besser verstehen lernen? Der Verein „KuKeLe“ versucht Vorurteile spielerisch im Unterricht abzubauen und Interesse für andere Kulturen zu wecken.

Für eine Gruppe von rund zehn Kindern steht an diesem Tag der Jemen im Mittelpunkt der etwas anders gestalteten Unterrichtseinheiten. Nicht nur von der islamischen Religion ist die Rede, sondern auch vom Alltagsleben in der Wüste, von Kinderspielen und Speisen (die natürlich auch verkostet werden). Besonders beeindruckt sind die Kinder davon, dass im Jemen die ersten Hochhäuser der Welt errichtet wurden. Ein weiteres faszinierendes Thema sind die Sandstürme in der Wüste. Auch hier wird ein Stück jemenitische Alltagskultur erlebbar gemacht: die Schülerinnen und Schüler lernen, die traditionellen Kopfbedeckungen zu binden, die nicht nur vor der Sonne, sondern auch vor Wind und Sand schützen.

Dieser aufregende Schultag ist das Ergebnis einer ungewöhnlichen Kooperation im Rahmen des Projektes „Ich und die anderen, die anderen und ich“. Eine Studentinnengruppe des Wiener Universitätsinstitutes für Ethnologie hat gemeinsam mit dem Verein KuKeLe ein Programm entwickelt, das den Schülern ermöglicht, im eigenen Klassenzimmer exotische Kulturen hautnah zu erleben.

Fremd = bedrohlich?

Der Vereinsname KuKeLe steht für Kulturen kennen lernen und bezeichnet eine Gruppe von Ethnologinnen und Ethnologen und einer Pädagogin, die sich im Mai 1998 zusammengetan haben. Durch Projekte an Schulen und Erwachsenenbildungsanstalten wollen die Vereinsmitglieder ethnologisches Wissen vermitteln und Vorurteile anderen Kulturen gegenüber abbauen. „Interkulturelles Lernen“ nennen sie ihre Reisen mit Schulkindern in andere Kulturen.

Die Neugier der Kinder ist die Basis des Projekts. KuKeLe geht es darum, den Kindern spielerisch das Leben und den Kinderalltag in anderen Kulturkreisen näherzubringen. Sie sollen sehen, dass es auch andere Lebensweisen als ihre eigene gibt, und dass „das Fremde“ nichts Bedrohliches ist, dem man mit Mißtrauen und Feindlichkeit begegnen muß. KeKeLe möchte das Verstehen und schließlich die Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Lebensweisen fördern.

„Wir arbeiten mit allen Sinneseindrücken“, sagt Vereinsobfrau Helga Hiebl, „mit Gerüchen, Bildern und Klängen. Wir wollen, dass die Kinder einen Eindruck davon bekommen, wie das Leben in anderen Kulturen aussieht, zum Beispiel, was dort als höflich oder unhöflich gilt, oder wie der Schulunterricht gestaltet ist.“ Der Jemen ist nicht der einzige Kulturraum, der den Schülerinnen und Schülern nahegebracht wird. Andere Gruppen beschäftigen sich mit dem Leben in der Arktis beziehungsweise im Regenwald. Was den Jemen so besonders macht, ist, dass die Kinder hier eine Kultur erleben können, die in Österreich vielfach mit Skepsis, um nicht zu sagen Ablehnung, betrachtet wird: Gerade hier ist also der Abbau von Vorurteilen besonders wichtig.

„Es ist sinnvoll, so früh wie möglich mit diesen Dingen anzufangen“, erklärt Helga Hiebl, „Kinder im Volksschulalter haben noch wenige Vorurteile. Vereinzelt haben sie Negativbilder aus den Medien oder von den Eltern mitbekommen, aber in der Regel sind sie sehr offen. Sie empfinden es als selbstverständlich, dass in anderen Kulturen eine andere Religion praktiziert wird. Wir Erwachsenen glauben oft, wir müßten dazu komplizierte theoretische Erklärungen liefern – aber das ist gar nicht notwendig.

Die Erstklassler aus der Währingerstraße bestätigen diese Aussagen durch ihr Verhalten: sie wollen mehr wissen, kommen mit Zwischenfragen und stellen Vergleiche an: etwa, dass der Muezzin, der zum Gebet ruft, dieselbe Funktion hat wie die Kirchenglocken in der christlichen Kultur. Allgemeine Erleichterung herrscht darüber, dass das Beten für die Christen weniger kompliziert ist, dass man zuvor keine bestimmten Waschungen vornehmen muß, und dass die Gebetszeiten nicht so streng vorgeschrieben sind wie im Islam.

Besonders spannend sind derartige Workshops für gemischtkulturelle Gruppen, in der auch muslimische Kinder anwesend sind. So berichtet ein Projektteilnehmer aus einer vierten Klasse nach seiner virtuellen Jemen-Reise: „Der Turgut weiß das am besten! Der Turgut ist Islam!“

Turgut ist das einzige türkischstämmige Kind in der Klasse. Bis jetzt war er eher der Außenseiter. Aber als einer der Ethnologen die Gebetshaltung vorzeigt und die Handhaltung nicht ganz richtig war, da war Turgut nicht mehr zu bremsen. An diesem Tag, als die Ethnologen von KuKeLe im Jemen-Workshop über den Islam erzählten, da hörten alle Kinder ihm zu. Er verbesserte die Gebetshaltung des Projektleiters, er erzählte von dem Großvater, er wußte genau, wie Datteln schmecken und er erzählte, dass Kichererbsen nicht seine Lieblingsspeise sind. Zum ersten Mal stand er im Mittelpunkt.

Die Aufgeschlossenheit der Kinder Turgut gegenüber ist auch der Lehrerin der 4B in der Volksschule Gilgegasse 12, Frau Raina Seboth, besonders ans Herz gegangen. „Er war wie ein Märchenerzähler“, sagt die Lehrerin, „und er war sich seiner Rolle ganz bewußt. Er hat die Aufmerksamkeit und die Neugier der anderen Kinder genossen.

Sie stellt allgemein fest, dass die Ausflüge in die fremde Kultur einen tiefen Eindruck bei den Kindern hinterließen. Die Lehrerin hat den Unterricht für Wochen auf dieses Projekt eingestellt, denn die Kinder malen auch in der Schule Szenen aus fremden Ländern, bringen Bücher mit, singen die gelernten Lieder in ihren unbekannten Sprachen.

Neulich hat eine Gruppe, „Inuit“ eine Gruppe „Jemeniten“ getroffen. Sie meint beobachtet zu haben, dass die Kinder neugieriger und auch offener geworden sind, wenn es um fremde Lebensweisen geht.

Der Jemen ganz nah

Das Projekt bleibt allerdings nicht auf den Raum Klassenzimmer beschränkt, in einem zweiten Schritt werden die Kinder an das Institut für Ethnologie eingeladen, wo sie am Gang malen und basteln.

In Zukunft sollen Projekte (dieser Art) Teil des Lehrplans am Institut für Ethnologie sein. Das Projekt „Ich und die anderen, die anderen und ich“ hat dazu beigetragen eine Brücke zwischen Universität und Volksschule zu schlagen und war so gesehen nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Organisatoren sehr spannend und lehrreich. Die Ethnologie-Studentin Gabi Poremba, Mitinitiatorin des Projektes, kann sich hier übrigens auch eine Zusammenarbeit mit der theologischen Fakultät, insbesondere mit den Instituten für Religionswissenschaft und Religionspädagogik, vorstellen.

Brigitte Krautgartner und Maria Harmer

Die Furche Nr 12/25.3.1999, S.5