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| KuKeLe - Presse: Wiener Zeitung 30.6.1999 |
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Kunst kennen lernen, um alte Vorurteile gegenüber fremden Kulturen gar nicht erst aufkommen zu lassen – Volksschüler gehen im Klassenzimmer auf Entdeckungsreise zu fremden Kulturen
Wie aus Kindern weltoffene Menschen werden sollen, machen zwei Wiener Volksschulklassen vor: Sie gehen auf Entdeckungsreise zu fremden Kulturen. „Kunst kennen lernen“ heißt das Programm, Kukele, und die Kinder stehen im Mittelpunkt der Weltreise zu fremden Kulturen.
Mit der Ruhe auf der ehrwürdigen Universität ist es vorbei als die Kinder auftauchen. Thomas, David und einige andere haben beschlossen, heute durch den Regenwald zu reisen, ihre Reiseutensilien sind Fingerfarben, Stoffe, Papier und Klebstoff. Die kleinen Künstler malen Bäume, bekleben sie mit Früchten aus Filz; auf das Haus aus Karton hat sich ein Giftfrosch verirrt. Ob Menschen auch auf das Bild kommen, muß erst besprochen werden.
Die Volkschulkinder verwandeln für zwei Tage die Gänge des Institutes für Ethnologie an der Wiener Universität in einen Mal- und Bastelworkshop. Das es dabei auch mal lauter zugeht, macht nichts: Die Kinder stehen im Mittelpunkt des Projekts „Ich und die anderen – die anderen und ich“.
Gemeinsam mit dem Verein „Kulturen kennen lernen“ (Kukele) haben Studentinnen der Ethnologie dieses Projekt entwickelt, um Vorurteile gegenüber fremden Kulturen abzubauen bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen.
Spielerisch lernen
Eine Woche lang vertauschten die Wiener Volksschüler der vierten Klasse Gilgegasse und der ersten Klasse Währingerstraße ihren Schulalltag gegen das Leben in anderen Klimazonen, sie schlüpften in die Rollen von Kindern in der Arktis, Indonesien, der Anden und des Jemens. Unter der Leitung der Mitarbeiter von Kukele, alles ausgebildete Ethnologen, bauten sie ihre Klassenzimmer in Regenwaldhäuser um, erlebten Sandstürme in der Wüste; es gilt die Parole: alles ist machbar. Von diesen Weltreisen verspricht sich Kukele sozial verantwortungsvolle Menschen – wie es scheint zu Recht.
Helga Hiebl, Obfrau des Vereins, erzählt von Turgut, einem türkischstämmigen Kind in der vierten Klasse. In sich zurückgezogen, galt der Muslim als Außenseiter. Als das Gespräch auf die islamische Religion kommt, steht Turgut im Mittelpunkt: Er verbessert die Ethnologen bei der Gebetshaltung, gibt den Mitschülern Tips und wir so zum Spezialisten: „Der Turgut weiß das am besten“. Für Markus ist das Problem mit dem Islam mit ein paar Übungen aus der Welt geräumt: „Es ist schon ein bisschen unangenehm. Aber nichts gegen den Islam, wenn ich es öfters tun würde, würde es schon gehen, aber so beim ersten Mal, habe ich schon ein bisschen Kopfweh beim Bücken, weil ich immer anstoß’!“
Interkulturelles Lernen
Bestehende Fremdenfeindlichkeit und wachsende Ängste vieler Menschen macht es dringend notwendig, Informationslücken über fremde Kulturen zu füllen. Kinder im Volkschulalter haben noch wenige Vorurteile, sie sind sehr offen. Man muß nicht viel erklären, „sie nehmen es so, wie es ist“, berichtet Helga Hiebl von ihren Erfahrungen.
Die Kinder jedenfalls begeistern sich von Anfang an für die Kulturreisen. Eine Gruppe ist beispielsweise mit viel Energie darum bemüht, einen Iglu aus Bänken, Sesseln und Tüchern zu bauen. Andere haben nun spanische Namen wie Raul oder Alfonso und bereiten sich auf die Fahrt mit dem selbstgebauten Kanu vor.
Michael versucht, dem Ydaki, einem Blasinstrument aus Australien, ein paar Töne zu entlocken indem er hineinlacht, während David seinem Vorhaben, sich eine Turban zu binden, schrittweise näher kommt. Ein intensiver Geruch breitet sich aus: das mitgebrachte Männerparfüm aus dem Jemen erfreut sich großer Beliebtheit.
Die Kinder durchleben den Alltag in der jeweiligen Kultur mit allen Sinnen – vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Da darf das Essen natürlich nicht fehlen, Weitgereiste haben nun mal Hunger: Maiswaffeln aus den Anden, Kichererbsen aus dem Jemen, gegessen wird vorzugsweise mit den Händen, das alleine ist schon eine Faszination für sich.
Selbstverständliches wird Ungewöhnlich
Auseinandersetzung mit dem Fremden bedeute nicht „seid nett zueinander“, sondern die andere Kultur als gleichberechtigt zu akzeptieren. Hiebl: „Erst wenn wir in ein anderes Land reisen, erleben wir mitunter, dass wir mit unserem scheinbar ganz natürlichen Verhalten andere schockieren und dass wir das Verhalten anderer mißverstehen“. Im Jemen die nackte Fußsohle zu zeigen, ist eine Beleidgung, auch muß der Jüngere immer den Älteren zuerst grüßen; die Kinder sind vor allem von den Benimmregeln begeistert.
Befürchtungen, gewisse Verhaltensweisen seien den Schülern nur schwer zu erklären, haben sich nicht bestätigt. Sie empfinden es als ganz selbstverständlich, dass es andere Religionen und andere Wertvorstellungen gibt. Verschleierte Frauen im Islam werden etwa so dokumentiert: „Frauen tragen den Schleier am Markt und die Männer müssen daher ganz brav sein, weil sie nicht wissen, welche Frau es ist.“
Anfragen, weitere Projekte an Schulen durchzuführen, gäbe es genug, allein es mangelt am Geld. Diesmal sprang die Österreichische Hochschülerschaft ein, unterstützt von Firmensachspenden. Wie denn die zukünftige Finanzierung aussehen soll? Obfrau Hiebl hofft auf das Budget der betreffenden Schulen und Elternvereine, vor allem aber auf Privatsponsoren. Der Stadtschulrat steht inhaltlich hinter der Projektidee, hat jedoch kein Geld dafür, ein Ansuchen beim Integrationsfond blieb bislang unbeantwortet.
Beim Tun lernen
Die Schüler hat es an einen einsamen Strand verschlagen, ihr Schiff ist auf Grund gelaufen. Kein Grund zur Panik, dort sind ein paar Einheimische, die könnte man doch fragen, nach Werkzeugen für die Reparatur… Aber wie mit ihnen Kontakt aufnehmen, wie mit ihnen kommunizieren? Mit Händen und Füßen versuchen die Schiffbrüchigen sich mitzuteilen.´Ziel des Spiels ist es, Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu finden. Um so stolzer sind die Buben und Mädchen auf ihre erlernten Fremdsprachenkenntnisse. „As Salam Alaykum Salam“.
Die Kinder seien regelrecht ins Spielen gekippt und hätten sich Dinge gemerkt, die bei einem reinen Vortrag wohl untergegangen wären, freut sich die Ethnologin Helga Hiebl. Das setzt natürlich auch ein großes Engagement der Klassenlehrer voraus, die ihre Schüler schon Wochen vorher auf das Projekt vorbereitet haben.
Und was machen junge Weltreisende, wenn sie mal müde werden? Sie lesen Mickymousehefte, auf arabisch, von hinten nach vorn, wo Onkel Dagobert Onkel Gold heißt.
Elisabeth Goerner
Wiener Zeitung, 30.6.1999