Gwenyfar schlendert gemütlich über die grünen Wiesen Irlands und spielt gedankenverloren mit ihrer Halskette - ein verschlungenes Muster, ähnlich wie es die heutigen Trible-Tattoos sind, mit einem schimmernden, kleinen weißen Stein im unteren Drittel des Motivs. Sie ist auf der Suche nach ihren Wurzeln, zeigt aber dabei keinerlei Hast und Eile. Denn, da sie magische Ambitionen hat, weiß sie, dass der Ursprungsort sich ihr offenbaren wird.
Eines hat sie nach langen Recherchen herausgefunden, dass ihr Herkunftsland auf alle Fälle Irland ist und das macht sie stolz. Stolz deshalb, weil sie damit wahrscheinlich druidisches Blut in den Adern hat und die Druiden sind seit Menschengedenken bekannt und berühmt. Die Sonne scheint und lässt das Grün der Wiesen noch klarer erscheinen. Die Luft ist rein und voller würziger Düfte erfüllt. Ein tiefer Atemzug füllt Gwens ansonst Stadtluft gewohnte Lungen. Ein Sehnen steckt in ihrer Brust und mit beinahe unsichtbarer Händen werden ihre Schritte gelenkt. Sie unternimmt nichts dagegen, lässt sich leiten und genießt einfach nur in vollen Zügen die Umgebung. ´Das ist doch ganz was anderes als Wien!´, denkt sie bei sich. Die Stadt ist wunderschön, aber ihre Freizeit zwischen Hochhäusern, zu kleinen Parks und in der Atmosphäre von den jährlich mehr werdenden Autos konnte sie noch nie wirklich genießen.
Wieder füllte sie die Lungen mit einem tiefen Atemzug mit dieser herrlich klaren und nach Kräutern und Meer schmeckenden Luft. Irland! Es war schon immer das Land ihrer Träume. Sie hatte jetzt monatelang gespart um sich diese Reise - egal wie lange sie dauern würde - leisten zu können und sie ist froh darüber!
Noch nie hatte sie sich freier, willkommener und geliebter gefühlt. Schon bei ihrer Ankunft am Flughafen von Cork fühlte es sich richtig an. Ja, sie gehört hierher!
Die Fahrt mit dem Zug durch die wunderbare Landschaft Richtung Caragh Lake war lang, aber doch herrlich erfrischend und Gwen hat sich in Ruhe mit der ungewohnten Freiheit und der Weite der Wiesen und Haine vertraut gemacht. Aus diesem Grund hat sie sich auch für den Flughafen in Cork entschlossen, um sich die Gegend so richtig einverleiben zu können. In Caragh Lake selbst ist Gwen nicht allzu lange geblieben. Im Prinzip ist es eine Stadt wie jede andere und nach 2 Tagen hat sie den Bus Richtung .... genommen. Die Straße führt entlang der Dingle Bay und so hatte Gwen auch einen wunderschönen Blick auf das Meer. In .... stieg sie aus und hatte bald eine billige, kleine Pension entdeckt, die aber an Komfort und gutem Essen nicht mangeln ließ.
Nun ist sie schon fast eine Woche hier und durchstreift, wie jeden Tag, die Gegend.
Ein kleiner Hain taucht vor ihr auf und wieder fühlt sie diese magische Kraft, die ihren Schritt direkt darauf zulenkt. Beinahe wie eine Schlafwandlerin geht sie hinein. Zwischen den Bäumen schimmert eine Lichtung hindurch, ihr Schritt wird nun doch etwas schneller und ihr Herz beginnt zu flattern. ´So vertraut, als ob ich nach Hause gekommen bin!´, denkt sie. Sie betritt die Lichtung, die beinahe kreisrund unter dem offenen Himmel liegt. Immer noch zieht keine Wolke über den Himmel, was eigentlich eher untypisch für Irland ist, das Land der Regen und Winde! Auf dem Wiesenboden sind seltsame Eindellungen, als ob da jahrhundertlang große, schwere Steine gestanden hätten und irgendwann für einen anderen Zweck weggenommen wurden. Plötzlich flirrt die Luft vor Gwens Augen und sie sieht einen Steinkreis vor sich, ähnlich wie Stonehenge, aber nur aus einem Ring bestehend. Sie betritt ehrfürchtig den Kreis und sieht sich staunend um. Ein großer dunkler Stein, der quer über zwei anderen liegt, steht mit einem Mal vor ihr. Ein uralter Altarstein!
´Was geschieht mit mir? Und wer bin ich?´ Gwen´s Bewusstsein wird immer weiter zurückgedrängt und durch ein anderes, freundliches, strahlendes ersetzt. Hier steht Gwen und doch auch nicht! Sie sieht und sieht auch nicht! Die Geräusche ringsum erklingen lauter als sonst und doch nimmt sie sie nur zur Hälfte wahr. Eine völlig veränderte Gwen stellt sich vor den Altarstein und erhebt die Arme. Sanfte Töne verlassen ihren Mund, in einer Sprache die Gwen völlig fremd wäre, würde sie sich völlig in Griff haben. Ein Singsang aus kehligen Silben, kaum aussprechbar, aber sie kommen mühelos über ihre Lippen.
Angeregt von diesen sanften Gesang kommen Tiere aller Art, beobachten das Schauspiel, dass nie jemals vorher in diesem Jahrhundert gesehen wurde. Gwens Bewusstsein erwacht ein wenig und sieht sich erstaunt um. Sie empfindet keine Angst über das fremde Wissen in ihr. "Sei gegrüßt meine Tochter!", hört sie da eine Stimme in ihren Kopf, die ihr seltsam vertraut vorkommt. "Wer bist du?", fragt Gwen stumm zurück. "Sei still, meine Tochter. Bald wirst Du alles erfahren!"
Der Singsang hallt immer lauter durch den Steinkreis, steigert sich in Höhen, die wie Kaskaden über die Lichtung ausbreiten und alles in helles Licht tauchen. Dieses Licht wird immer heller und heller, bis es fast schon grell wirkt, aber ohne, dass es wirklich in den Augen wehtut. Und in dieser Helle beginnen zuerst winzig kleine Pünktchen zu strahlen und zu funkeln, die bald schon größer werden und Gwen einhüllen. Sie fühlt sich empor gehoben und doch so gehalten, als liege sie in den Armen ihrer Mutter. Und dann ist plötzlich Finsternis um sie herum...


* * * *



Als Gwen endlich erwacht, ist es immer noch dunkel. Sie fühlt sich seltsam matt und erschöpft, als wäre sie tagelang gelaufen oder hätte sonst eine schwere Arbeit verrichtet. Sie wähnt sich immer noch in den Steinkreis und ist überrascht, dass es offenbar mittlerweile Nacht geworden ist. Wann war sie spazieren gegangen? War es denn nicht am Vormittag gewesen? Wo war die Zeit abgeblieben? Etwas verwirrt richtet sich sie auf um von einer sanften, volltönenden Stimme daran gehindert zu werden. "Herrin, ihr müsst euch noch ausrasten. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und die Anrufung hat länger gedauert als sonst!" Gwen dreht den Kopf und versucht die Dunkelheit zu durchdringen um feststellen zu können, wer da bei ihr ist. Doch so sehr sie sich auch bemüht, sie kann nichts erkennen.
"Wer ist da?" "Herrin, ich bin´s, Shimera, eure unwürdige Diener! Erkennt ihr mich nicht?" Eine Art Erinnerung blitzt durch Gwen´s Gehirn. Shimera, eine junge Dienerin und Priesterin-Anwärterin. Knapp 19 Jahre alt, ungewöhnlich blond und rehbraune Augen. Gwen fühlt einen Schwindel aufkommen und legt sich deshalb wieder zurück, aber an ausruhen ist nicht mehr zu denken.
´Was passiert hier? Wo bin ich, wer bin ich überhaupt und vor allem wann bin ich?´ Diese Fragen schießen Gwen durch den Kopf und erzeugen wegen ihrer Aussichtslosigkeit nur Kopfschmerzen, bieten aber keine Antworten. ´Das kann alles nur ein Traum sein. Ja, so wird es sein, ich träume, während ich in diesem magischen Steinkreis liege!´ Während ihr dieser Gedanke kommt, wird der Raum, in dem sie liegt, heller und durch einen Türspalt fällt ein zarter, erster Sonnenstrahl herein.
Shimera steht auf um ihre üblichen morgendlichen Arbeiten zu verrichten und der Hohepriesterin dienlich zu sein. Sie geht zu der Tür um dort eine Art Wolldecke von dem Eingang wegzuheben und durchzuschlüpfen.
´Hohepriesterin? Ich bin eine Priesterin in höchsten Ehren? Und warum gibt es keine Türe?´ Erschreckt weiten sich die Augen Gwens. "Sei still, mein Kind! Lass Deine Gedanken endlich ruhen. In dir steckt das Wissen von tausend Frauen vor dir, welches mündlich weitergegeben wurde. Nimm einfach das Geschenk an und erlebe es mit allen deinen Sinnen!" "Geschenk?", fragt Gwen verwirrt. "Welches Geschenk denn? Ich habe um nichts gebeten....", reagiert sie jetzt doch ein wenig wütend. Doch die Stimme ist verstummt und gibt ihr keine Antwort.
Gwen überlegt, was nun zu tun sei und beschließt erst mal aufzustehen. Doch kaum hat sie sich ein wenig aufgerichtet, erfasst sie wieder dieser Schwindel, den sie nicht ganz versteht. Sie will sich schon wieder hinlegen, als ihr ein befremdlicher Gedanke durch den Kopf geht. ´Was denn? Hat dich der Trance-Wein so fertig gemacht? Aufgestanden! Du bist ein Vorbild für alle hier. Nun zeig auch, was du wert bist!´
Wie von einer Tarantel gestochen, springt sie auf, schüttelt verwundert den Kopf und blickt sich um. Doch der Raum ist bis auf ihre Person leer. Sie will gerade fragen, ob sich außer ihr noch jemand hier aufhält, als Shimera mit einer Schale, einem Tuch und einem kleinen Flakon aus Ton hereinkommt. Ganz automatisch weiß Gwen plötzlich, was es damit auf sich hat und setzt sich auf den Bettrand.
Das junge Mädchen neigt am Türeingang den Kopf, kommt leise und bedächtig auf Gwen zu und kniet sich nieder um ihr die Hände und die Füße zu waschen, danach trocknet sie sie ab und betupft sie mit einem öligen Substanz aus dem Flakon. Diese wird dann beinahe liebevoll in die Haut massiert und dabei summte sie lieblich vor sich hin.
Gwen lässt dies alles geschehen, als würde es ihr jeden Tag passieren, dass eine junge Frau sie wie eine Königin behandelt. ´Was geschieht hier bloß?´ Shimera steht auf, verneigt sich nochmals vor Gwen und beträufelt vorsichtig die Augenlider, die Lippen und die Stirn mit demselben Öl, welches sie schon für die Hände und die Füße benutzt hat und spricht dabei: "Ich küsse die Augen, die alles sehen. Ich küsse die Lippen, die die Stimme der Götter hervorbringen und ich küsse die Stirn, in welcher alles Wissen steckt!"
Sobald dies erledigt ist, verbeugt sich das junge Mädchen abermals, dreht sich um und geht aus dem Raum. Gwen bleibt ruhig sitzen und harrt der Dinge, die da jetzt gleich folgen werden.
Plötzlich war der ganze Raum erfüllt von Leben. Immer mehr junge Frauen drängen herein, verneigen sich ehrerbietig und bieten Gwen Speisen und Trank an. Gwen greift herzhaft zu und meidet dabei alle Speisen, die ihr heute nicht erlaubt sind. ´Was soll das? Warum wird mir etwas angeboten, was ich nicht essen darf?´ Wieder blitzt eine Erinnerung in ihr auf.
Es ist als eine Art Probe gedacht, um zu sehen, ob ihr der Trance-Wein einen Schaden zugefügt hat oder ob sie dieses Gemisch aus teilweise giftigen Pflanzen heil überstanden hat. ´Woher kommt all das Wissen in mir?´ Gleichzeitig als sie sich diese Frage stellt, weiß sie, dass sie bald auch dieses Rätsel gelöst haben wird. Sobald Gwen gesättigt ist, nehmen die Frauen die restlichen Speisen und Tränke wieder auf und verlassen das Gemach.
Shimera bleibt alleine mit ihr zurück und Gwen weiß, das sie nun angekleidet wird. Die junge Priesterin streift ihr das dünne Hemd über den Kopf, legt es sanft auf dem Bett ab und zieht der Hohepriesterin ein weißes, feines Leinengewand über, dass am unteren Rand und an den Enden der Ärmel dunkelviolette Abschlüsse aufweist. Ein Gürtel und ein schwerer, silbriger Halsreif, der kein Muster und keine Verzierung erkennen lässt, sondern nur einen einsamen weißen Stein in der Mitte trägt, vervollständigt Gwens Bild. Der Stein erinnert Gwen an etwas, aber so schnell wie der Gedanke aufkommt, verschwindet er auch wieder.
Nachdem sie fertig gekleidet worden ist, geht Gwen hinaus in die Welt der Priesterinnen und sieht sich staunend um. Die Hütten stehen dicht gedrängt am Rande eines Wäldchens. Jede wurde aus Holz gebaut, die Hütte der Hohepriesterin aber war aus Stein. Vor jeder Türe hängt ein wollener Vorhang um Wind und Kälte ein wenig abzuhalten. Ziemlich in der Mitte des Dorfes steht ein Brunnen, aus dem man klares, reines Wasser schöpfen kann. Gleich dahinter steht das Küchengebäude, in dem auch gegessen wird. Nebenan ist der große Schlafsaal für die Anwärterinnen gebaut worden. Das gesamte Dorf der Priesterinnen wird von einer Palisadenwand eingegrenzt. "Zum Schutz der Priesterinnen!", ertönt sarkastisch wieder die Stimme in ihr. "Als ob wir jemals diesen brauchen würde, wenn wir doch unter dem Schutz der Götter stehen." Gwen zuckt lediglich die Schultern und schlendert weiter.
Das Tor, durch welches man das Priesterinnen-Dorf betreten und verlassen kann, steht offen und Gwen durchschreitet es. Dahinter wächst alles, was man zum Priesterinnen-Leben braucht. Kräuter, Obst, Getreide, Gemüse! Alles liebevoll gehegt und gepflegt von den jungen Anwärterinnen und den bereits ausgebildeten Priesterinnen.
Unbehelligt schreitet Gwen vorbei und geht einen Weg entlang, der in den Wald führt. Vor einer Gabelung bleibt sie stehen. "Willst Du mehr über Dich wissen, dann gehe rechts! Willst Du aber mehr erfahren über diese Welt, dann gehe links!", lässt sich die Stimme wieder vernehmen. Und Gwen schlägt den rechten Weg ein...
Dieser Weg führt nach geraumer Zeit zu einer Art Höhle. Der Fels, in dem diese Höhle ist, wirkt klein und uralt. Wesentlich älter jedenfalls als der Wald ringsum. Der Eingang ist schmal und niedrig. Eine wahre Kunst in den Felsen zu gelangen... Aber Gwen weiß instinktiv wie sie ihren Körper biegen und drehen muss, damit sie ohne einen einzigen blauen Fleck oder Schaden an ihrem Gewand hineinschlüpfen kann. Und schon steht sie in der kleinen Höhle, die eigentlich nichts anderes ist, als eine etwas größere Nische, in der gerade mal zwei Frauen Platz haben. Gwens Hände wissen trotz der hier herrschenden Dunkelheit, wo was liegt und ertastet daher ohne Probleme eine Fackel, die sie anhand der ihr magischen Fähigkeiten ohne einem Hilfsmittel zum Entflammen bringt.
Im flackernden Schein der Fackel besieht sich Gwen die Höhle näher an und entdeckt Löcher die etwas größer sind, als eine Frauenfaust. Unter jedem dieser Löcher stehen Schriftzeichen, die Gwen kennt und auch lesen kann. Jedes dieser Löcher enthält das Leben der Hohepriesterinnen, die vor ihr gelebt haben und zu dem letzten Loch geht nun Gwen, greift ohne Zögern in die Öffnung, tastet suchend den Boden ab, bis sie etwas weiches spürt, schließt ihre Faust darüber und zieht es heraus. Es ist ein Stück Leder, dass ihr alles über ihr Leben erzählt. In dem steht, dass sie Aylisha heißt, einzige Tochter von einem Bauer und seiner Frau ist und das die Götter schon im zarten Alter von 5 Jahren sicher waren, dass sie ihnen einst dienen wird.
Es ist ungewöhnlich, dass eine Tochter von armen Leuten bei den Priesterinnen aufgenommen und auch noch ihre Hohepriesterin wird. Aber es ist geschehen....
Gwen/Aylisha rollt das Stück Leder wieder zusammen und schiebt es in die Öffnung zurück. Und wieder fährt suchend ihre Hand über den Boden des Loches und wird auch tatsächlich fündig. Eine Kette liegt kalt in ihren Fingern und behutsam zieht sie sie an das Licht. Die Kette ist aus Silber und der Anhänger sieht aus, wie wildgewordene, sich windende Striche, die sich zärtlich und doch fest aneinander schmiegen. Am unteren Ende sitzt ein weißer, in allerlei Farben schimmernder Stein. Klein, zart und doch voller Feuer scheint er das Gebilde zusammenzuhalten.
Gwen erkennt ihn sofort, denn das ist ihre Kette. Auch Aylisha kennt ihn sehr gut, denn ihr wurde er einst von einer mächtigen Hohepriesterin geschenkt und erhielt die Weisung, die Kette mitsamt Anhänger gut zu verwahren, weil er alle Geheimnisse birgt, die eine Priesterin Leben für Leben erlangen konnte. Dieser Anhänger ist der Schlüssel....


* * * * *



Aylisha bereitet sich wie immer auf das abendliche Ritual vor, indem sie in ihrem Raum sitzt und meditiert. Shimera hat ihr Wasser auf den Tisch gestellt, von dem sie hin und wieder trinkt, damit ihre Kehle nicht völlig austrocknet. Eine knappe halbe Stunde vor dem Ritualbeginn kommt die junge Priesterin um Aylisha umzukleiden und die Hohepriesterin lässt es geschehen. Dann lässt sie die nur um einige Jahre ältere Priesterin wieder alleine und Aylisha nützt diese Gelegenheit etwas zu tun, was sie bisher nur einmal gemacht hat. Sie geht zu ihrem Bett, greift unter den Polster und zieht die mitgenommene Kette hervor.
Bedächtig legt sie sich diese selbst an und versteckt sie unter dem Gewand. Nur kurze Zeit später wird sie von der Prozession abgeholt. Sie legt sich den dunkelvioletten Umhang um die Schulter, Shimera befestigt noch einen Schleier vor ihrem Gesicht, dann tritt sie in das klare Mondlicht hinaus und geht an ihren Platz, der so ziemlich in der Mitte des Zuges ist.
Die ältesten Priesterinnen gehen an der Zugsspitze, danach die Priesterinnen, die noch nicht so lange dabei sind, dann kommt Aylisha. Hinter ihr die Anwärterinnen und ganz zum Schluss wieder ein paar der ältesten. Summend gehen die Priesterinnen durch das Dorf, bei dem Palisadentor hinaus, neben den Kräuter- und Gemüsebeeten vorbei in Richtung Wald.
Sobald die erste Priesterin den Waldrand erreicht hat, stimmt sie ein uraltes Mondlied an und die gesamte Gruppe fällt darin ein. Der Weg war derselbe den Gwen heute Vormittag gegangen ist, doch bei der Weggabelung selbst, betritt die Prozession den linken Weg. Den Weg, der zum Steinkreis führt....
Die vorderen älteren Priesterinnen teilen sich links und rechts innerhalb des Steinkreises auf, die jüngeren bilden einen inneren Kreis, während Aylisha zu dem Steinaltar schreitet, die Anwärterinnen gehen zwischen den jüngeren und den ältesten hindurch und bilden so einen dritten Kreis. Die Priesterinnen die ganz am Schluss gehen, schließen den äußeren Ring. Aylisha/Gwen hebt die Arme und ruft die Götter an, heute hat sie keinen Trance-Wein zu sich genommen, denn dieser ist nur üblich bei Vollmond und bei Feiertagen. Die Priesterinnen beginnen in einem tiefen Ton zu summen, dieser steigert sich einige Zeit später zu nächsthöheren Oktave und wieder einige Zeit später noch eine Oktave höher. Sobald dieser Ton verklungen ist, fängt der äußere Kreis wieder mit dem tieferen Ton an, der zweite Kreis fällt mit dem mittleren Ton an und gleich darauf der dritte Kreis mit dem höheren Ton.
Dieser Dreiton hilft Aylisha in die Trance. Die Hohepriesterin fängt das Gebet zu intonieren an, der Dreiton ist noch eine zeitlang dabei, doch dann fällt er in sich zusammen und die Priesterinnen beten gemeinsam. Kurz vor dem Höhepunkt des Rituals fasst Aylisha nach dem Anhänger, der unterem Gewand sicher und warm auf ihrer Haut ruht. Diese Berührung löst eine Feuer aus, dass sich schnell durch Gwens Bewusstsein bewegt. Unaufhaltsam, feurig und doch voller Liebe!
"Geh nun, meine Tochter! Vergiss nicht, wer du bist!"


* * * * *



Gwen öffnet die Augen. Alle Glieder schmerzen ihr, wegen der unbequemen Lage in der ihr Körper auf dem Boden liegt. Sonnenlicht flutet in ihr noch leicht vernebeltes Bewusstsein. Allerdings der Stand der Sonne, die knapp oberhalb der Baumgrenze noch zu sehen ist, zeigt an, dass es nicht am Morgen, sondern früher Nachmittag ist. Behutsam steht Gwen auf, versucht die steife Haltung ihrer Extremitäten zu lockern.
´Hab ich bloß geträumt? Bin ich hingefallen und war ohnmächtig?´ Aber die Erlebnisse dieses einen Tages sind zu lebhaft in ihrem Kopf, dass es keine Trugbilder sein können. Um sicher zu gehen, sucht Gwen den Weg, findet ihn auch tatsächlich. Allerdings war er über die vielen Jahrhunderte hinweg nicht mehr benutzt worden und deshalb ziemlich mit Gras überwuchert. Mühevoll folgt sie ihm trotzdem und meint nach einiger Zeit die Weggabelung gefunden zu haben. Um ihr Unbehagen zu überdecken, beschreitet sie den anderen Weg schnell und geht beinahe wieder wie eine Schlafwandlerin zu dem Felsen.
Diesen Weg ist Aylisha so oft gegangen. Nicht ganz so leichtfertig und flink zwängt sich Gwen durch den Spalt hindurch und steht tatsächlich in der Höhle. Eine Fackel kann Gwen nicht finden, also tastet sie langsam die Wand ab, erfühlt die Schriftzeichen, die schon so lange Zeit in den Stein geritzt sind und findet schließlich die richtige Öffnung. Zaghaft steckt sie die Hand hinein und tastet darin herum.....
Und wirklich, ihre Finger spüren das Leder. Sehr behutsam zieht Gwen es heraus und gleitet wieder durch den Spalt in den Wald hinaus. Im restlichen Tageslicht öffnet sie vorsichtig das hartgewordene Leder und die ersten Worte, die ihr entgegenleuchten, lauten:

Der Anhänger ist der Schlüssel. Komm, wann immer du willst!


(Copyright by Lightdancer)

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