Ein Tag wie jeder andere und doch anders! Wie immer schaltete ich den Computer an und suchte meine Lieblingsinternetseiten auf.
Nichts Neues in der elektronischen Welt und doch trieb mich ein vages Gefühl weiter durch das Netz. Eine Gästebuchseite, auf welcher sich viele Menschen mit schriftstellerischer Ambition tummeln, hielt mich dann länger auf, als ich dachte.
Ein neues Gesicht? Wobei ich kein Gesicht sehen konnte, aber der Name war mir fremd und erregte meine Neugierde!

Ein Gespräch entspann sich, über den Teufel, über Gott über die Frage, ob ich meine Seele an den ersteren verkaufen würde. Verrückte Welt!
Aber dieser Mensch regte meine Gedanken an. Würde jemals in meinem Leben eine Situation eintreffen, in der ich sie wirklich verkaufen würde, meine Seele?
Ich sagte nein und auch heute denke ich noch so darüber, aber die Gedankensprünge meines elektronischen Gegenübers waren gewaltig, entlockten mir Geheimnisse, die ich niemals einem Außenstehenden offenbart hätte.

Manche Aussagen waren hart und ich spürte Tränen der Verzweiflung und des Unglücks über meine Wangen laufen und doch konnte ich nicht einfach das Forum verlassen. Etwas hielt mich fest und wir vergaßen die Welt ringsum, ja, selbst die Tatsache, dass unsere Gedanken und Gefühle für jeden öffentlich zu lesen waren, der diese Seite besuchen würde.
Aus unerfindlichen Gründen blieben wir in dieser Nacht unbehelligt. Kein Kommentar, keine ätzenden Bemerkungen von Leuten, die dieses Thema für Tabu erklären oder sich einfach nicht damit beschäftigen, kein Lächerlichmachen störte unsere Eintracht. In dieser Nacht waren wir die einzigen Menschen auf der Welt!

Es war zwar mühsam, die Seite immer wieder zu aktualisieren, um zu sehen, ob mein Gesprächspartner bereits reagiert hatte oder ob ich noch mehr endlose Minuten auf eine Antwort warten musste und doch konnte ich mich nicht davon lösen.
Stunde um Stunde "redeten" wir so miteinander, vergessen von der Welt, vergessen von der Zeit.
Uns offenbarte sich hier eine andere Dimension, eine nicht reale Ebene, ohne dass wir es begriffen. Ohne es zu wissen, brachte ich diesen mir immer noch fremden Menschen zum Weinen, mit meiner Offenheit und meiner Liebe zum Leben und zu den Menschen, die mich umgeben. Er gestand es mir erst viel später, dass er mich vom ersten Augenblick an dafür bewundert hatte.

Erst am nächsten Tag sahen wir, was wir getan hatten, lasen die Reaktionen der anderen Forumsteilnehmer und wunderten uns immer noch, wie wir so offen zu einander hatten sein können. In einer Zeit, in denen die Leute aneinander vorbeihasten, ohne Blick, ohne Gruß, ohne ein Lächeln! Warum vertraute ich einem Typen, der weiß Gott was von sich behaupten könnte und erzählte ihm Dinge, die niemanden etwas angingen?

Ich bin eine schlechte Lügnerin und jeder der mich kennt, weiß das auch. Aber dieses Gefühl des Vertrauens, sich zu kennen, hielt an und selbst im so genannten anonymen Internet konnte ich nicht eine Lüge nach der anderen erfinden, war nicht fähig, ein Gespinst aus Träumen zu weben und diese für wahr zu erklären.
Einzig im Forum wurden wir nicht mehr offen zueinander, sondern wir mailten uns.

Es kam ein Tag, an dem im Forum beschlossen wurde, dass extra für "off topic"-Themen ein Chat eröffnet werden sollte, weil der Forumsinhaber ein Zumüllen seines Gästebuches verständlicherweise verhindert wollte. Gesagt, getan! Kurze Zeit später gab es neben dem Gästebuch nun auch die Möglichkeit zu chatten, die auch rege genutzt wurde. Beinahe täglich waren dieser fremde (und doch nicht fremde) Mann und ich im Channel und quatschten über alles mögliche. Meist von 8 Uhr abends bis 2 oder gar 3 Uhr morgens konnten wir die Tastatur und unsere Gedanken nicht ruhen lassen, täglich, wöchentlich, beinahe ohne Ruhepause!

Unsere Herzen und auch unsere Seelen kannten sich, freuten sich über ein Wiedersehen, wenn es auch lediglich auf elektronischer Basis passierte und unser Geist war darüber verwirrt, konnte kaum Schritt halten und schließlich war die Liebe da! Plötzlich, greif- und spürbar, hartnäckig und unwiderlegbar ...
Wir verstricken uns in diesem überwältigenden Gefühl, schmiedeten Pläne für ein Treffen und wussten doch im Grunde unseres Herzens, dass dies nie stattfinden würde.
Zu gefangen waren wir beide in unseren so unterschiedlichen Leben, aber allein die Vorstellung, sich einmal persönlich zu sehen, zu hören, zu spüren hielt uns aufrecht.

Und dann kam es.... das Ende! Unerwartet und schnell schlug das Schicksal zu.
Gehirnblutung und Koma. Ein Freund von ihm rief mich eines Tages völlig überraschend an und teilte es mir mit. Ein Schock, der nicht nur mein Herz, sondern auch meine Seele erzittern ließ.
Eine Woche später hatte er den Kampf um sein Leben aufgegeben und verstarb.
Und ich verschloss meine Liebe in der Knospe einer schwarzen Rose, in der sie ewig auf ihn wartet!


(Copyright by Lightdancer)
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