Atem

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Atem - Thomas Bernhard

Autor: 

geboren 1931 in Herleen/Holland als Nachkomme oberösterreichischer Vorfahren; er studierte 1951 bis 1956 Musik an der Akademie in Wien, dann Dramaturgie am Mozarteum in Salzburg, lebte dürftig von Gelegenheitsarbeiten, wurde dann Gerichtsberichterstatter Bibliothekar, seit 1956 lebt er allein in einem alten Bauernhof in Ohlsdorf bei Gmunden als freier Schriftsteller. Er erhielt 1968 den Österreichischen Staatspreis. Bernhard starb am 12. Februar 1989 in Gmunden, Lerchenfeldgasse 11 an Herzversagen. Am 16. Februar wird er auf dem Grinzinger Friedhof bei Wien in aller Stille beigesetzt. Sein Tod wird erst nach dem Begräbnis bekannt gegeben. Das Testament verfügt ein Verbot von Neuinszenierungen von Bühnenstücken.

Prosatexte:

"Frost" (1983) Roman
"Amras" (1964) Erzählung
"Verstörung" (1967) Roman
"Prosa" (1967) Texte
"Ungenach"
(1968) Erzählung
"An der Baumgrenze" (1969) Erzählungen
"Ereignisse" (1969) Texte
"Watten. Ein Nachlass" (1969) Erzählung
"Das Kalkwerk" (1970) Roman
"Midland in Stilfs"
(1971) Erzählungen
"Gehen" (1971) Text
"Die Korrektur" (1975) Roman
"Die Ursache" (1975) Eine Andeutung
"Der Keller" (1976) Eine Entziehung
"Der Atem" (1978), 
"Ja" (1978)
"Der Stimmenimitator" (1978)
"Die Billigesser" (1980)
"Die Kälte" (1981)
"Ein Kind" (1982)
"Beton" (1982)
"Wittgensteins Neffe" (1982)
"Der Untergeher" (1983)

Dramen: 
"Ein Fest für Boris" (1970)
"Der Italiener" (1970), Filmdrehbuch
"Der Ignorant und der Wahnsinnige" (1972)
"Die Jagdgesellschaft" (1973)
"Die Macht der Gewohnheit" (1974), 
"Der Präsi
dent" (1975),
"Die Berühmten" (1976)
"Minetti" (1976)
"Imma
nuel Kant" (1978)
"Vor dem Ruhestand" (1979)
"Der Weltverbesserer" 1979)
"Am Ziel" (1981)
"Über allen Gipfeln ist Ruh" (1981)
"Der Schein trügt" (1983)

Was Bernhard in seiner Rede anlässlich der Preisverleihung 1968 sagte, gilt für alle seine Texte: »Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben . . .Wir haben nichts zu berichten, als dass wir erbärmlich sind . . . Mittel zum Zweck des Niedergangs, Geschöpfe der Agonie, erklärt sich uns alles, verstehen wir nichts. Wir bevölkern ein Trauma, wir fürchten uns, wir haben ein Recht, uns zu fürchten . . . Was wir denken, ist nachgedacht, was wir empfinden, ist chaotisch, was wir sind, ist unklar ... wir sind auch nichts, wir verdienen nichts als das Chaos."

Zeitraum:
Das Werk "Atem" spielt in der ersten Monaten des Jahres 1949 

Das Werk
"Jetzt, da ich über den Berg sei, hätte ich selbst auch die Möglichkeit, den Krankenhausaufenthalt als einen Aufenthalt in einem Denkbezirk zu betrachten und diesen Aufenthalt entsprechend auszunützen . . . Der Kranke ist der Hellsichtige, keinem anderen ist das Weltbild klarer ... Der Künstler, insbesondere
der Schriftsteller, hatte ich von ihm gehört, sei geradezu verpflichtet, von Zeit zu Zeit ein Krankenhaus aufzusuchen, gleich, ob dieses Krankenhaus nun ein Krankenhaus sei oder ein Gefängnis oder ein Kloster. Es sei das eine unbedingte Voraussetzung."

So und ähnlich betrachtet der 18-jährige Bernhard zusammen mit seinem Großvater seinen Krankenhausaufenthalt in dem 3. Teil seiner Jugenderinnerungen "Der Atem", der damit die beiden vorausgegangenen Bände "Die Ursache" und "Der Keller" fortführt. 

Dieses Buch Bernhards berichtet von der langen Krankheit des kaum 18jährigen, die ihn zwang, seinen kaufmännischen Beruf bei Herrn Podlaha aufzugeben und seine musikalischen Studien abzubrechen. Zuerst von den Angehörigen nicht beachtet, von ihm selbst unterdrückt, bricht die Lungenkrankheit mit voller Wucht aus, so dass er ohnmächtig in das Salzburger Landeskrankenhaus eingeliefert wird, wo er mit 25 sterbenden Männern im so genannten Sterbezimmer untergebracht ist, weil auch er als Todeskandidat gilt. 

Dieser plötzliche Ausbruch seiner Krankheit riss ihn brutal aus der selbstverständlich gewordenen Umwelt und zwang ihn in eine Isolation, in der er notgedrungen allein mit der Krankheit und dem Tode leben musste. Täglich sterben Menschen aus diesem Zimmer weg, täglich erscheint der Krankenhausgeistliche mit der "Letzten Ölung". 

Wie immer bei Bernhard wird ein reibungslos funktionierender Mechanismus realistisch genau geschildert, in den Ärzte, Schwestern und Kranke eingespannt sind, ohne dass sie ihm entgehen können oder wollen. Es sind die Monate, die Bernhard zu seiner Selbstbestimmung finden lassen, nachdem er an die äußerste Lebensgrenze gekommen war. 

Denn hier in dem Sterbezimmer, wie auch anschließend in der Heilstätte Großgmain, hat er in dem für ihn wichtigsten Augenblick die Entscheidung für das Leben, vor allem für sein Leben getroffen. Gerade zu dieser Zeit ist sein Großvater, sein bester Freund und Erzieher in seiner Kindheit und Jugend, im selben Krankenhaus gestorben; in diesen Wochen aber trat er auch in eine innigere Beziehung zu seiner Mutter, die kurz vor seiner Entlassung aus der Heilstätte an Krebs stirbt. Auf sich allein gestellt, entscheidet er sich nun nicht für den Beruf eines Kaufmannes, wie es seine Verwandten erwarten, auch nicht für die Musik, die ihm seine Lungenkrankheit verbietet, sondern für sich und für sein allein ihm gehörendes Leben.