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Autobiographie |
Die Autobiographie ist die Rekonstruktion des eigenen Lebens oder eines Lebensabschnitts. Um das Ich im Mittelpunkt gewinnt auch die Umwelt Kontur. Der Autor gibt die Vergangenheit wieder von einem Standpunkt der Gegenwart; dieser bestimmt die Auswahl dessen, was er für erwähnenswert hält. Die einfachste Form der Autobiographie reiht äußeres Geschehen aneinander (Götz von Berlichingen, »Lebensbeschreibung«). Bekenntnis und Selbstbesinnung enthalten Augustins »Confessiones« (um 400), die eine lange Tradition der religiösen Autobiographie einleiten. Aus der Darstellung religiöser Berufungen erwächst im Pietismus in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s die allgemeine Erforschung der inneren Haltung und Entfaltung. So entsteht die Bildungs- und Entwicklungsgeschichte der eigenen Person. Sie kann Rechtfertigung sein, Beichtcharakter haben wie Rousseaus »Bekenntnisse«. Er berichtet, wie er ein Dienstmädchen eines Diebstahls bezichtigt hat, den er selbst begangen hatte. »Diese Last liegt also bis heute ohne Erleichterung auf meinem Gewissen, und ich kann sagen, dass der Wunsch, sie einigermaßen von mir zu wälzen, viel zu dem Entschluss beigetragen hat, meine Bekenntnisse zu schreiben.« Autobiographie als Entwicklungsgeschichte sieht das eigene Leben in einem größeren Zusammenhang, wird zum zeit- und kulturgeschichtlichen Dokument, wie Goethes »Dichtung und Wahrheit«. Goethe sollte ursprünglich darstellen, wie und wann die einzelnen Dichtungen entstanden waren. Die Besinnung auf die formenden Einflüsse führte zu einer tieferen Einsicht in das eigene Leben, in die Wechselwirkung zwischen angeborenem Charakter und den Umständen. »Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abspiegelt« (aus dem Vorwort von »Dichtung und Wahrheit«). Auch die Autobiographie mit sozialen Aspekten geht zurück auf die pietistische Tradition (-»Aufklärung); denn in dieser Zeit war die Neigung zur Selbsterforschung besonders groß und damit der Versuch, sich im Rahmen der sozialen Bezüge zu sehen. Heinrich Jungs (Jung-Stilling) Schilderung seiner bäuerlichen Kindheit wird zu einem Volksbuch (1777/78). Ulrich Bräker schreibt zehn Jahre später seine Lebensgeschichte eines armen Schweizer Geißbuben, der in preußische Militärdienste gerät und in der ersten Schlacht (Lobositz) desertiert. Die Autobiographie des 19. Jh.s steht im Zeichen des Historismus. Die alten sozialen Gemeinschaften, die Sitten und die Verhaltensweisen zerfallen unter dem Einfluss der Industrialisierung. Die Väter suchen sie für ihre Enkel festzuhalten (z. B. der Sozialwissenschaftler Karl Bücher). Unser Jahrhundert hat eine Flut von Autobiographien von Verbannten, Flüchtlingen und Emigranten gebracht als Ergebnis der Weltkriege, Bürgerkriege und Revolutionen, in denen die Verfasser ihre Position vertreten und rechtfertigen (»Ein Gott, der keiner war«, dtv-Taschenbuch Bd. 741 Zuckmayer, »Als wär's ein Stück von mir«). Wer das Leben eines Autors erforschen will, kann dessen Autobiographie nur begrenzt glauben. Sein Gedächtnis hat Lücken; außerdem misst er leicht früheren Erlebnissen aus der Rückschau eine Bedeutung zu, die sie nicht gehabt haben. Es besteht die Gefahr, dass das Ich idealisiert oder stilisiert wird und dass manches verschwiegen wird, um noch lebende Personen zu schützen. So ist die Verfälschung der Wahrheit notwendig ein Wesensmerkmal der Autobiographie; andererseits ist es aufschlussreich, die Einstellungen und deren Gründe zu untersuchen. Eine klarere Auskunft kann die Biographie geben. Sie geht vom Porträt aus, verschmäht die Darstellung des Äußeren nicht und berichtet das Verwirklichte der Person statt ihrer Möglichkeiten. Daten, Schilderungen der Zeitgenossen dienen als Kontrolle. Es gibt Biographien, die als Kunstwerk gelten (z. B. Stefan Zweig, »Joseph Fouche«, Golo Mann, »Wallenstein«). Autobiographischen Charakter haben auch andere Darstellungsformen. Am wenigsten deutlich ist die Grenze zwischen Autobiographie und Memoiren, denn beide stellen persönliche Erlebnisse chronologisch dar und reflektieren sie (Bismarck, »Gedanken und Erinnerungen«). Der Verfasser konzentriert sich aber stärker auf die Menschen, denen er begegnet ist, als auf sich selbst. Im Tagebuch blickt der Autor nicht von einem bestimmten Standpunkt in der Zeit zurück, sondern er geht mit der Zeit vorwärts. Es hält fest, was dem Verfasser an dem gegenwärtigen Erleben wesentlich erscheint. Es fehlt die Verknüpfung der Ereignisse, die sich erst aus der Retrospektive ergibt (Kafka, Frisch). Im autobiographischen Roman verkleidet der Autor seine Selbstzeugnisse mit einem anderen Namen (K. Ph. Moritz, »Anton Reiser«), oder er nimmt Stoff aus seinem eigenen Leben, um ein bestimmtes Verhalten zu demonstrieren; dann schreibt er nicht in einer autobiographischen Absicht. Viele Romane übernehmen lediglich die Form der Autobiographie (Proust). Literatur Boemer, P., Tagebuch, Sammlung Metzler Bd. 85 Weltbildverlag GmbH, Autorin: Dr. Annemarie van Rinsum, Friedrich Belzner; ISBN 3-89350-164-9 |