Ballade

Home

Literaturgattungen

Ballade

Die Ballade schildert das Schicksal eines Menschen an einem entscheidenden, meist tragischen Wendepunkt (vgl. Novelle, Drama). Dabei ist die Art der Darbietung teils erzählend (»Wir singen und sagen vom Grafen so gern . . .«), teils dialogisierend (»Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot? Edward, Edward!«). Sie entsteht aus einer häufig düsteren Stimmung und ist meist strophisch gegliedert. 

Die Ballade ist also gattungsmäßig eine Mischform; deshalb hat Goethe sie als das »Ur-Ei« der Poesie bezeichnet, »weil hier die Elemente noch nicht getrennt, sondern wie in einem lebendigen Ur-Ei zusammen sind . . .!« 

Man unterscheidet: 

  • Volksballade 
    Kunstballade

Volksballaden sind kurze strophische Erzähllieder, eine Weiterbildung germanischer »Heldenlieder, und drehen sich oft um historische oder sagenhafte Personen (»Es waren zwei Königskinder . . .«). Aber nicht das Heldenhafte interessiert, sondern das Menschliche, das Rührende. Typische Motive sind: der Abschied, das Wiedersehen, der Tod des Geliebten, Treue und Untreue, Verbrechen und Rache; formale Kennzeichen: sprunghafte verkürzende Erzählweise, oft Dialogform, formelhafte Gebärden (Ring überbringen, vom Finger ziehen, in den Schoß werfen), ständige Wiederholungen, Typisierung des Menschen. Die Verfasser sind Einzelne, nicht ein Kollektiv; aber das Volk hat die Lieder mündlich weitergegeben, und sein Geschmack bestimmte die Auswahl der Symbole, Bilder und Motive. Die mündliche Art der Überlieferung führte zu Veränderungen,  dem  »Zersingen«,  und zu vielen Variationen  eines Themas. 

Die Volksballade erhielt neue Impulse durch das Zeitungslied (15./16. Jh.). Dieses wurde von Sängern öffentlich vorgetragen und anschließend als Flugblatt verkauft. Es berichtete, den Wünschen des Publikums entsprechend, über Verbrechen, Unglücksfälle, über alles, was Gruseln machte und rührte, und zwar mit genauer Angabe von Ort, Zeit und Personen. Als die regelmäßige Zeitung auf den Markt kam, übernahm sie die Verbreitung der tatsächlichen Geschehnisse; dem Zeitungslied blieb das verstärkte Herausarbeiten der Sensation. Das Ereignis (die Moritat) wurde von einem Bänkelsänger vorgetragen (er stand auf einer kleinen Bank, um besser sichtbar und hörbar zu sein); dabei wies er mit einem Zeigestock auf großflächige Illustrationen zu seinem Text (»Sabinchen«). Das Bänkellied endete mit einer »Moral von der Geschicht«. 

Der Bänkelsang bekam im 20. Jh. wieder literarische Bedeutung; Wedekind entwickelte ihn neu für das Kabarett (»Der Tantenmörder«); Brecht verjüngte die Sprache, ganz der Gattung gemäß, durch drastische Elemente der Gossensprache und revolutionierte so die Ballade »von unten«. Viele Brechtsche Balladen sind als Songs gedacht (Ballade von der »Judenhure« Marie Sanders: »In Nürnberg machten sie ein Gesetz . . .«).

Die Kunstballade verdankt ihre Entstehung Percys »Reliques of Ancient Poetry« (1765). Durch diese angeregt, schrieb Hölty »Adelstan und Röschen« (1771), die erste deutsche Kunstballade. Trotzdem gilt als ihr Begründer Bürger mit seiner »Lenore« (1773), denn er entfaltete die neue Form in ihrer ganzen Breite. Ihre Merkmale sind leidenschaftliche Bewegtheit, Anschaulichkeit,  Hineinspielen des Irrationalen, Schaurigen, Überwiegen des Tragischen. 

So wird die Kunstballade zu einer Form, die für den Sturm und Drang charakteristisch ist. Herder überträgt englische Balladen und nimmt sie in seine Volksliedersammlung auf. Auch Goethes frühe Balladen wurzeln hier, sie verstärken das Lyrische (»Das Veilchen«, »Der König in Thule«) oder die naturmagische Grundtendenz der Ballade (»Erlkönig«, »Der Fischer«). 1797, im »Balladenjahr«, verfassten Goethe und Schiller in gemeinsamem Impuls Balladen, die als Ideenballaden gelten. An erdachten, märchen- oder sagenhaften Situationen stellt Goethe, an historisch orientierten Situationen Schiller eine moralische Idee dar (Goethe: »Der Schatzgräber«, »Der Gott und die Bajadere«, »Der Zauberlehrling«; Schiller: »Der Taucher«, »Der Ring des Polykrates«, »Die Kraniche des Ibykus«).

Im Laufe der weiteren Entwicklung der Kunstballade kann man zwei Hauptstränge erkennen:

l. die Geheimnisballade, welche die irrationalen Hintergründe des Schicksals aufreißt, und

2. die Heldenballade, die von heldenhafter Bewährung erzählt. Es gibt aber eine Fülle von Zwischenformen, die sich einer systematischen Ordnung entziehen. Heute wählt man die Bezeichnung »Erzählgedicht« für Texte, die in der Nähe der Ballade stehen (Krolow, »Robinson«). 

Literatur

Hinck, W., Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht, Kleine Vandenhoeck-Reihe, Bd..273.

Riha, K., Moritat, Bänkelsang, Protestballade. Kabarett-Lyrik und engagiertes Lied in Deutschland, Königstein/Ts. (Athenäum) 21979.

Weißert, G., Ballade, Sammlung Metzler Bd. 192,1980.

Weltbildverlag GmbH, Autorin: Dr. Annemarie van Rinsum, Friedrich Belzner; ISBN 3-89350-164-9