Dramatik

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Dramatik

Die Dramatik ist eine der Grundformen der Dichtung. Mit der Lyrik hat sie gemeinsam, dass Personen ihr Erleben unmittelbar aussprechen können, mit der Epik, dass ein Vorgang mit sprachlichen Mitteln wiedergegeben wird. Ausgangspunkt für die Entwicklung des Dramas sind Kultlied, Kulttanz und Kulthandlung. Sie werden unterstützt durch den Drang des Menschen zur Schaustellung und zum Rollentausch; Sich-Verwandeln hat magischen Reiz. Verwandlung und Überhöhung werden unterstrichen durch Podium und Masken; Monolog und Dialog kommen hinzu: so entsteht das Drama in der Antike, so wird es aus christlichem Geist wiedergeboren im Mittelalter. Die Struktur des Dramas ergibt sich aus seiner Zugehörigkeit zu zwei Kunstgebieten: der Dichtung und dem Theater. Zum Drama gehört die Darbietung: das, was Spieler, Regisseur und Bühnenbildner leisten. Es gibt zwar sog. Lesedramen (Buchdramen), die vom Dichter nicht für die Aufführung gedacht sind (Hroswitha von Gandersheim; »Faust II«); dennoch bestimmt die Rücksicht auf die Aufführbarkeit in der Regel Länge, Personenzahl, Gliederung und Konzentration des Stoffes. 

Das Drama setzt ein Gegenüber voraus, dessen Verhältnis zum Schauspieler damit zu einer der Grundfragen wird. Entweder entsteht eine Gemeinde, und der Zuschauer wird zum Mitwirkenden (religiöse Spiele, barocke Hoffeste, Volksspiele, Living Theatre), oder beide stehen sich gegenüber (Guckkastenbühne); in einer dritten Form agiert der Schauspieler zwar vor dem Publikum, aber er versucht, es ins Geschehen hineinzuziehen und die Trennung zwischen Bühnengeschehen und Realität aufzuheben (episches Theater). Die dramatische Handlung entsteht aus Aktion und Reaktion zweier gegensätzlicher Kräfte politischer, weltanschaulicher, ethischer Art, die aufeinanderstoßen (Konflikt). Eine Gegenhandlung kann zunächst parallel ablaufen und dann auf den zentralen Konflikt einwirken (die Intrige des Präsidenten in »Kabale und Liebe«); Nebenhandlungen beleuchten die Haupthandlung, verdeutlichen den Charakter des Helden oder zeigen die Grundzüge des Konflikts auf einer anderen Ebene (die Dienerhandlung in »Minna von Bamhelm«). 

Die einander widerstreitenden Kräfte und die Erwartung, dass sich der Konflikt am Ende löst, rufen im Zuschauer Spannung hervor. Diese wird erhöht durch das direkte Erleben des dramatischen Vorgangs: kein Erzähler schiebt sich zwischen Zuschauer und Text (außer im epischen Theater - das ja episch und nicht dramatisch sein will); die Probleme sind in die Personen hineinversetzt, die sich in der Szene unmittelbar gegenüberstehen in Dialog und Handeln. Selbst der Monolog - wichtig für die Selbstdarstellung einer Person - kann Spannung hervorrufen wegen der Vorahnung künftigen Geschehens. Ereignisse, die nicht darstellbar sind (Schlachten, Schiffsuntergänge), werden einbezogen durch Botenbericht oder durch Mauerschau (Teichoskopie), indem jemand erhöht steht (auf Turm, Hügel, Mauer) und berichtet, was er im Hintergrund sieht. 

Es lassen sich zwei Grundkonzeptionen des dramatischen Aufbaus herausstellen. 

l. Ein Ereignis, das vorher stattgefunden hat, wird im Drama allmählich aufgedeckt. Dann sind die Einzelheiten nicht folgerichtig verknüpft, sondern lose aneinandergereiht bis zum Erkennen der Wahrheit: Enthüllungsdrama oder analytisches Drama (»Ödipus«).  

2. Ein Vorgang zu Beginn des Dramas hat Folgen, die das Geschehen sich entfalten lassen. Dann sind alle Schritte eng verbunden und folgerichtig auf das Ende ausgerichtet: Zieldrama  (»Lear«).  

Bei aller Freiheit im Einzelnen treten in der Handlungsentwicklung drei Kennzeichen mit Regelmäßigkeit auf: 

 l. Die Einführung (Exposition). Die Handlung setzt nicht plötzlich ein. Der Zuschauer wird in die Grundsituation eingeführt, und die Personen werden vorgestellt. Was für das Verständnis des Geschehens wichtig ist, im Zieldrama die Vorgeschichte, wird in die ersten Szenen verflochten, selten in Prolog oder Vorspiel mitgeteilt.  

2. Die Entwicklung der Handlung setzt nach der Exposition ein mit steigernden und retardierenden (verzögernden) Momenten, der Peripetie, dem unerwarteten Umschlagen - oft im Mittelakt.  

3. Die Katastrophe bringt die endgültige Wendung  Der Ablauf der Handlung ist in der Regel in Szenen (Auftritte) und Akte (Aufzüge) gegliedert. Fünf Akte sind die klassische Norm, daneben gibt es dreiaktige Dramen und Einakter. Eine eigene Form bilden die Stationendramen (vor allem im Expressionismus); sie sind nach Bühnenbildern eingeteilt. Es gibt auch mehrteilige Dramen, wobei jedes einzelne ein geschlossenes Ganzes ist jedoch inhaltlich ein Zusammenhang besteht (Shakespeares Königsdramen) Ein in der deutschen Dramaturgie seit dem 18. Jh. immer wieder aufgegriffenes Problem ist die Frage nach der Berechtigung der 3 Einheiten: der Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung. Mit Berufung auf Aristoteles hatte der französische Klassizismus die drei Einheiten zum Gesetz erhoben- eine Zeitdauer von nicht mehr als 24 Stunden, nur ein einziger Schauplatz, eine geschlossene Handlung ohne Episoden. In Deutschland wurden diese Forderungen übernommen, angezweifelt und mit verschiedenen Variationen wieder aufgenommen. Bis heute setzen sich Autoren für die geschlossene Form des Dramas ein; andere ziehen die offene Form vor (Brecht, Frisch).

Die moderne Dramatik ist von der überlieferten Gattungsform her nur schwer fassbar. Sie rückt entscheidend vom aristotelischen Theater ab. Aus dem nach strengen Regeln gebauten Drama wird ein loses Nebeneinander von einzelnen Bildern, die sog. »offene Form«. Die Verbindung zwischen den Teilen muss das Publikum selbst herstellen, oder sie erfolgt in Form der Erzählung durch einen Ansager oder einen Schauspieler. 

So werden epische Elemente in die dramatische Form eingefügt. Ansätze dazu gab es schon bei Shakespeare (Kommentare der Narren, Prologe), bei den Romantikern und in »Faust II«. Aber immer ging es nur darum, das Drama zu erweitern, die Rolle des Zuschauers wurde nicht angetastet, und die Bühne blieb ein Guckkasten, in dem eine überhöhte Wirklichkeit ablief. Das epische Theater  von Brecht will den Abstand zwischen Bühne und Zuschauerraum verringern. Der Zuschauer soll sich immer bewusst bleiben, dass nur Spiel ist, was er sieht; er soll über Sinn und Zweck des Theaterstücks nachdenken. Ebenso wenig wie der Zuschauer darf sich der Schauspieler mit dem Bühnenhelden identifizieren. Er stellt nicht nur dar, sondern tritt aus dem Spiel heraus, sagt an, erklärt, was er vorführt. Er übernimmt zusätzlich die Funktion des Erzählers. Aus dem Darstellen wird ein Zeigen. 

Die Bühne hat eine didaktische Aufgabe: Das moralische und soziale Verhalten des Menschen wird durchleuchtet, die Gesellschaft entlarvt, ein besseres Dasein propagiert. Lyrische Verse, von Musik begleitete Songs, unterbrechen den Ablauf der Szene (retardierendes Moment) und rufen zum Nachdenken auf. Die Erkenntnis, die das Theater vermittelt hat, soll auf das alltägliche Leben des Publikums zurückwirken. Die Stücke sollen nicht nur Kritik hervorrufen, sondern auch aktiven Einsatz zur Veränderung der Welt.  

Entsprechend ist der »Held« in Brechts Stücken der selbstbewusste Proletarier, nicht der Vertreter einer gebildeten Oberschicht. Die Neuorientierung wird möglich durch die Distanzierung, diese durch die Vernichtung der Illusion, hinter welcher der Verfremdungseffekt  (V-Effekt) steht, d. h., Selbstverständliches wird in einem neuen Licht gezeigt. »Damit ein Mann seine Mutter als Weib eines Mannes sieht, ist ein V-Effekt nötig, er tritt zum Beispiel ein, wenn er einen Stiefvater bekommt« (Brecht).

Zu der völligen Veränderung des Theaters haben verschiedene Einflüsse beigetragen: Piscator, der neue Inszenierungsprinzipien einführte (filmische und andere technische Mittel, Aufführung ohne Pausen usw.); Pirandello, der verlangte, dass der Schauspieler sich jederzeit von außen sieht (»Sechs Personen suchen einen Autor«); Claudel, der aus Tokio Elemente der No-Spiele mitbrachte (der No-Spieler spricht die Zuschauer direkt an, ein Chor kommentiert).

Literatur

Asmuth, B., Aspekte der Lyrik, Düsseldorf (Westdeutscher Verlag) '1976.

Best, 0. F., Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele, Fischer Taschenbuch 6478 (überarbeitete und erweiterte Neuauflage 1982).

Geiger, H. und H. Haarmann, Aspekte des Dramas, Düsseldorf (Westdeutscher Verlag)  

Knörrich, 0. (Hrsg.), Formen der Literatur: in  Einzeldarstellungen, Kröners Taschenausgaben Bd. 478,1981.

Lämmert, E., Bauformen des Erzählens, Stuttgart (Metzler) 1967.

Staiger, E., Grundbegriffe der Poetik, dtv. Bd. 4090-Auseinandersetzung mit den Grundbegriffen des »Lyrischen«, »Epischen«, »Dramatischen«.

Weltbildverlag GmbH, Autorin: Dr. Annemarie van Rinsum, Friedrich Belzner; ISBN 3-89350-164-9