Epos

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Epos

Das Epos ist eine Langform der Epik, die sich frühzeitig herausgebildet hat. Im 3. Jahrtausend v. Chr. entstand im Vorderen Orient das älteste bekannte, das Gilgamesch-Epos. Große Epen gab es in vorchristlicher Zeit u. a. in Indien (»Mahäbhärata«, 5. Jh. v. Chr.). Als die Epen schlechthin gelten Homers »Ilias« und »Odyssee«; sie sind Maßstab oder zumindest Ausgangspunkt der modernen Epentheorie. Aus den Sagenkreisen der Völkerwanderungszeit entwickelte sich im germanischen Bereich das Heldenepos: Beowulf in England, Nibelungen und Kudrun in Deutschland.

Aus der Situation der Frühzeit ergeben sich die meisten Charakteristika der Gattung. Zum großen Epos gehört der Mythos, der eine umfassende, geordnete, aber irrationale Weltvorstellung schafft, mit menschlichen und übermenschlichen Wesen. Darin hat jeder seinen festen Ort und seine naturhaften Bindungen. Athene steht Odysseus immer hilfreich zur Seite; Hagen wankt in seiner Treue sowenig wie Kriemhild in ihrer Rache.

Als Teil des harmonischen Weltgefüges betrachtet sich auch der Erzähler selbst; er überblickt es und schildert es mit Feierlichkeit und Ehrfurcht. Er erreicht Objektivität durch zeitliche und räumliche Distanz vom Geschehen. »Nenne mir, Muse, den Helden . . .« beginnt die »Odyssee«, und mit noch ausgeprägterem Abstand das Nibelungenlied: »Uns ist in alten maeren wunders vil geseit. . .« Seinen Standpunkt wechselt der Erzähler nicht. Er hat nicht das Ziel im Auge, sondern den Weg; deshalb sind breite Ausmalungen und Abschweifungen üblich. »Der Zweck des epischen Dichters liegt schon in jedem Punkt seiner Bewegung, darum eilen wir nicht ungeduldig zu einem Ziele, sondern verweilen uns mit Liebe bei jedem Schritte« (Schiller an Goethe, 21. 4.1797). 

Das Kompositionsprinzip ist daher die Anreihung; dabei bilden die Episoden selbständige Einheiten, die herauslösbar und zum Teil austauschbar sind. Der Schluss schneidet die Reihe oft nur ab; er ist nicht notwendige Folge des Vorausgegangenen. »Die Selbständigkeit seiner Teile macht einen Hauptcharakter des epischen Gedichtes aus« (Schiller, ebd.). Daher konnte man z. B. die Theorie vertreten, dass das Nibelungenlied sich aus zwanzig einzelnen Liedern zusammensetzt oder dass nicht allein Homer, sondern sieben Personen an Ilias und Odyssee gearbeitet haben. Der Held entwickelt sich nicht; er wird nicht einmal älter, obwohl die Zeit fortschreitet. Odysseus war zehn Jahre vor Troja, zehn Jahre auf Irrfahrt; er kehrt heim, wie er gegangen ist, und findet seine Frau unverändert vor. Erst Parzival, im höfischen Epos, macht eine seelische Entwicklung durch.  

Ein typischer Stilzug des Epos ist die Vorausdeutung. Sie dient zur Beglaubigung des Erzählers und gibt darüber hinaus die Gewissheit, dass die Welt auf einer sicheren Basis ruht. Das Prinzip des Gleichmaßes bestimmt auch die Sprache. Es äußert sich in der Reihung von Hauptsätzen (Parataxis) und in Wiederholungen. Gewisse Bild und Redeformen kehren immer wieder, denn Dinge und Menschen bleiben gleich, und von ihnen geht die gleiche Wirkung aus. Die Göttin Eos bei Homer ist immer rosenfingrig, Hektor helmumflattert; im Nibelungenlied sind die Helden kühn, die Königinnen edel. Sogar ganze Teile werden wörtlich wiederholt, wenn es die Situation nahe legt: Ein Bote bekommt etwas aufgetragen, und mit den gleichen Worten richtet er es aus. Unterstützt wird die Ausgewogenheit durch ein stets gleichbleibendes, gemessen fortschreitendes Versmaß. Das Epos wurde von Rhapsoden (Sängern) öffentlich mündlich vorgetragen. Die festen Formen, Formeln und Wiederholungen dienten ihm als Ruhepausen und Bedenkzeit.  

Sein Zuhörerkreis bestand aus Gleichdenkenden, die mit ihm einer gemeinsamen Lebensordnung unterworfen waren. Mit dem Schwinden der rhapsodischen Vortragsweise und dem Verlust der mythischen Mächte ändern sich Sprachform und Stoffkreise. Es gibt die Meinung, dass das Epos mit der Mythologie gestorben sei. Die christliche Heilslehre - oder später ein philosophisches System - traten an die Stelle des Mythos, konnten seine Poesie aber nicht erreichen, denn sie sind gedanklich bestimmt und setzen rechtliche Bindungen an die Stelle von natürlichen. Das Epos existiert zwar weiter, es gibt sogar Versuche, es zu erneuern, aber der Prosaroman hat es verdrängt. Das Heldenepos mit seinen germanischen Sagenstoffen und seinem archaischen Stil fand schon in den höfischen Kreisen des Mittelalters wenig Anklang. Einerseits wurde es, in Prosa aufgelöst, zum Volksbuch (Heldenbuch), andererseits führte es zu einer neuen Darstellungsart im höfischen Epos. Dieses nahm seine Stoffe aus orientalischen (Salomon), antiken (Alexander, Äneas) und keltischen Sagenkreisen (König Artus) und passte sie dem ritterlichen Gesellschaftsideal an. Das Tierepos (Reineke de Vos) nutzt die epischen Mittel in satirisch-belehrender Absicht. In der deutschen Klassik gelingt es noch einmal, ein geschlossenes Weltbild zu gestalten; allerdings nur noch als Idylle, als Schilderung einfacher Menschen in schlichtem Alltag (J. H. Voß, »Luise«; Goethe, »Hermann und Dorothea«). Die Romantik versuchte eine theoretische Neuordnung. Sie unterschied das verfasserlose Volksepos, ein »sich selbst dichtendes«, aus den Elementarkräften des Volkes entstandenes Werk, vom Kunstepos, hinter dem man ein schöpferisches Individuum vermutete oder kannte. Die moderne Forschung glaubt in beiden Fällen an die dichterische Leistung eines Einzelnen.

Weltbildverlag GmbH, Autorin: Dr. Annemarie van Rinsum, Friedrich Belzner;  ISBN 3-89350-164-9