Film_Theater

Home

Literaturgattungen

Film & Theater

Der Film hat eine Mischform zwischen dem Dramatischen und dem Epischen  hervorgebracht, wobei die Struktur aus der Dramatik, die innere Form aus der Epik stammt. Man brauchte einige Zeit, um dorthin zu kommen. Zunächst glaubte man, der Film sei lediglich ein photographiertes Theater, bis man herausfand, dass jede Übertragung eines Bühnenwerks auf die Leinwand grundlegende Veränderungen notwendig machte. Der dramatische Dialog ließ sich nicht in Bilder umsetzen. Er ist im Film von untergeordneter Bedeutung.  

Auch die starre Bühne erwies sich als unangebracht. Dagegen konnte der Film viele epische Stilmittel übernehmen: den bewegten Raum, die Gestik und Psychologie  (Großaufnahme), Stimmungsmalerei durch Symbole und freie Behandlung der Zeit (Rückblende, Vorausnahme). Diese epischen Mittel beschleunigt der Film und nähert sich damit wieder dem Dramatischen, das eine spannende, übersichtliche und konzentrierte Handlung verlangt. So durchdringen sich die beiden Gattungen. Zeitweise glaubte man sogar, das Gesamtkunstwerk gefunden zu haben, weil Bild, Sprache, Ton, Bewegung hier zusammentreffen. In praktischer Arbeit und Erfahrung wurden die eigenen Gesetze der Bildkunst gegenüber der Wortkunst entdeckt: der rasche Wechsel der Szenen und das schnellere Tempo, die Spannung erzeugenden Brüche, Kontraste und Andeutungen, die Großaufnahme und die Zeitlupe zur Verdeutlichung der Gebärden und der Gestik, die Neigung zu Vereinfachung und Vordergründigem, der große Anschein der Realität. Obwohl die unterschiedliche Basis von Wort und Bild der Verfilmung eines literarischen Werkes Grenzen setzt, haben in Frankreich bekannte Schriftsteller an Filmen mitgewirkt (Sartre, Giraudoux, Anouilh, Cocteau, Robbe-Grillet); in Deutschland ist das die Ausnahme. 

Das Drehbuch spielt in der Regel nur eine geringe Rolle und ist, ohne künstlerische Ambitionen, rein handwerklich hergestellt. Es hat eine Zweckfunktion, ist eine Art »Regiebuch«, das während des Drehens ständig verändert wird, wenn die Technik es erfordert. Diese Probleme ergeben sich aus der Stellung zwischen Literarischem und Technischem.

Inzwischen haben sich Drehbücher als literarische Texte selbständig gemacht und erschienen als Bücher (Spectaculum, Texte moderner Filme). Wichtiger als der Drehbuchautor sind Regisseur und Darsteller. Im Idealfall erfüllt einer alle drei Funktionen (Chaplin). Gewöhnlich kauft man dem Schriftsteller einen Stoff ab und lässt daraus von einer Gruppe versierter Filmleute ein Drehbuch herstellen. 

Inzwischen hat der Film auf das Drama und die epischen Formen zurückgewirkt. Die Bühne gewann neue Arten der Regie (Piscator); das epische Theater (Brecht) greift die Überblendung auf. Als technisches Mittel dient der Film der Hintergrundillustration oder der Verfremdung des Dramas (Kriegsgeschehen, marschierende Truppen), in beiden Fällen also der Bereicherung des Bühnenbildes. Das moderne Theater hat sich dem Film genähert: pausenloser Ablauf, bewegliches Bühnenbild, Verwandlung bei offenem Vorhang usw. Ein wesentliches Gestaltungsmittel der modernen Epik ist die dem Film abgesehene Montagetechnik (Döblin).

Für das Fernsehspiel trifft das über den Film Gesagte weitgehend zu; Unterschiede sind bedingt vor allem durch die geringe Größe der Bildröhre, die Hintergrund und schnelle Bewegung in ihrer Wirkung vermindert. Folglich ist das Fernsehspiel stärker auf die Nahaufnahme und damit zugleich wieder auf das Wort zurückverwiesen. Es hat soziologisch die Funktion des Films übernommen; Schichten, die das Theater des Bürgertums nicht aufsuchen, sitzen zu Millionen jeden Abend vor den Fernsehgeräten. Daraus ergibt sich ein ungeheurer Bedarf an Fernsehspielen und der Zwang, sie in Massen zu produzieren. Über die Theorie eines mediengerechten Spiels nachzudenken, hat man noch kaum Zeit gefunden. Eindeutig strebt das Fernsehspiel weg vom Theater und der Literatur und hin zu Journalismus, Tagesereignissen und Dokumentation.

Es sieht seine Aufgabe im Didaktischen, in der Erziehung der Massen zu politischem und zeitgemäßem Denken. Der Fernsehproduzent kann zeitkritische Themen bringen, an die sich die Spielfilmproduktion nicht wagen darf, weil sie auf volle Kassen angewiesen ist. Da das Fernsehspiel umgeben ist von Wirklichkeit (Nachrichten, Werbung), sieht das Publikum auch im fiktiven Spiel leicht reine Realität.

So schon 1938, als Orson Welles in einer fiktiven Rundfunkreportage über die Landung von Marsmenschen berichtete (2 Millionen sollen die Sendung für wahr genommen haben); eine ähnliche Wirkung hatte das »Millionenspiel« von W. Menge, 1971. Das mediengerechte Stück für das Fernsehen scheint das Dokumentarspiel zu sein. Kipphardt hat die »Geschichte von Joel Brand« und »In der Sache J. Robert Oppenheimer« als Fernsehspiele entworfen, beide Stücke erst später für das Theater umgearbeitet und damit ihrer Wirkung geschadet. 

Literatur

Knilli, F. u.a., Literatur in den Massenmedien, Demontage von Dichtung?, München (Hanser) 1976.

Weltbildverlag GmbH, Autorin: Dr. Annemarie van Rinsum, Friedrich Belzner;  ISBN 3-89350-164-9