Kritik

Home

Literaturgattungen

Kritik

Die Funktion der literarischen Kritik ist es, Informationen zu liefern und zwischen Autor und Publikum zu vermitteln. Es besteht eine enge Verbindung zur Ästhetik, Poetik und Literaturgeschichte - sie alle urteilen und werten; aber während die wissenschaftliche Betrachtungsweise distanziert und systematisch vorgeht, ist die Kritik subjektiv, engagiert, auf Beeinflussung des Publikums bedacht, oft polemisch. Der Kritiker kann seinem Gegenstand enthusiastisch oder sarkastisch, einfühlend oder reflektierend gegenüberstehen; das ergibt sich stets  aus seinem Temperament und dem Zeitgeist. Zu allen Zeiten haben Vorurteile nicht nur ästhetischer, sondern auch moralischer, religiöser, sozialer und politischer Art das Urteil mitbestimmt. Die Darstellungsformen der Kritik sind vielfältig: Brief, Essay, Impression, Lehrgedicht und Rezension sind nur einige davon; sie können in andere Werke eingestreut sein, z. B. in einen Roman, oder in fiktionale Formen verkleidet sein (Fabel, Farce, Satire, Parodie).

Kritik als Bezeichnung für eine literarische Form bedeutet heute in erster Linie die Rezension (Analyse und Wertung) in Tagespresse und Zeitschriften, und zwar von Neuerscheinungen auf dem Kunstmarkt: Bücher, Theater, Konzert, aber auch  Schallplatten, Kino, Fernsehen, Ausstellungen. Das Wort hat jedoch einen Bedeutungswandel durchgemacht. Ursprünglich wurde es umfassender gebraucht, es schloss allgemeine literarische Betrachtung und Streben nach einer normativen Poetik ein. Literarische Kritik in diesem Sinne hat eine lange Tradition, aber erst mit dem Aufkommen von Zeitschriften und Zeitungen gewann sie Breitenwirkung. Ein typisches Beispiel im 18. Jh. ist die lang andauernde Fehde zwischen den Anhängern des aus Frankreich kommenden strengen Klassizismus (Gottsched, Nicolai) und den Bewunderern der aus England stammenden regelfreien  Phantasiekunst Shakespeares und Miltons (die Züricher Bodmer und Breitinger, Lessing, Sturm und Drang, Romantik). 

Welche Machtstellung ein Literaturkritiker einnehmen konnte, zeigt Gottsched, der als allmächtiger, unduldsamer Diktator den Literaturbetrieb seiner Zeit beherrschte. Ungefähr ab der Mitte des 19. Jh.s spaltete sich literarische Kritik im alten Sinne ab - sie nannte sich jetzt Essay. Die Tagespublizistik im Feuilleton wurde zu einer eigenen literarischen Gattung; sie ist durch berühmte und einflussreiche Männer wie Bahr, Kerr, Polgar und K. Kraus vertreten. 

Literatur

Hamm, P. (Hrsg.), Kritik von wem, für wen, wie? Eine Selbstdarstellung deutscher

Kritiker, Reihe Hanser Bd. 12.

Weltbildverlag GmbH, Autorin: Dr. Annemarie van Rinsum, Friedrich Belzner; ISBN 3-89350-164-9