| Übersicht Referate |
Die Leiden des jungen Werthers - Johann Wolfgang von Goethe |
BIOGRAPHIE
Seine Lebensdaten: 28.8.1749 bis 22.3.1832. Dazwischen sind viele Jahre wertvollen Schaffens. Die bekanntesten Werke sind wohl: Der Götz von Berlichingen(1773), Die Leiden des jungen Werthers(1774), Iphigenie auf Tauris(1787), Wilhelm Meisters Lehrjahre(1796), Metamorphose der Pflanzen(1798), Faust I(1808), Dichtung und Wahrheit(1833), Faust II(1832) und viele andere bemerkenswerte Werke. An
der Entstehungsgeschichte der Leiden des jungen Werthers
sind drei Begebenheiten aus Goethes Leben beteiligt, nämlich seine Liebe
zu Charlotte Buff, seine Neigung zu Maximiliane La Roche und der
Selbstmord des Legationssekretärs Carl Wilhelm Jerusalem: Als Goethe 1772 nach seinen Studium nach Wetzlar zog, lernte er auf einem Ball Charlotte Buff kennen, die mit dem Gesandtschaftssekretär Kestner so gut wie verlobt war. Goethe verliebte sich in Charlotte, und er war auch mit dem Verlobten gut befreundet. Charlotte zeigte jedoch Goethe, dass er nicht mehr, als "nur" Freundschaft zu erwarten hätte. Kestner
gilt als Vorbild Alberts. Am 11.9.1772 verließ Goethe Wetzlar, ohne sich von Charlotte und Kestner zu verabschieden. Danach besuchte er die Familie La Roche. Dort lernte er die 16-jährige Maximiliane kennen, die zwei Jahre später den Kaufmann Peter Brentano heiratete. Goethe befreundete sich mit Maximiliane und blieb ihr auch nach der Eheschließung noch verbunden. Doch ihr Mann verfolgte ihn mit Eifersucht. Daher musste sich Goethe zurückziehen. Charlotte
und Maximiliane sind Vorbilder der Lotte-Figur. Carl Wilhelm Jerusalem war wie Goethe als Jurist in Wetzlar tätig. Goethe hatte kein besonderes Verhältnis zu Carl. Dieser hatte oft Schwierigkeiten mit seinen Vorgesetzten, und außerdem verliebte er sich in eine verheiratete Frau, die seine Zuneigung nicht erwiderte. Darüber hinaus gelang ihm nicht sofort der Aufstieg in die hohen Gesellschaftsschichten. Carl erschoss sich in der Nacht vom 29. auf den 30.10.1772. Goethe bat Kestner um einen ausführlichen Bericht über Carls Ende. Viele Einzelheiten übernahm er in seinen Roman: Carl hatte sich Kestners Pistolen für eine Reise erboten. Da Kestner über dessen Probleme nichts wusste, machte er sich keine Gedanken darüber. Die Worte, mit denen Carl um die Pistolen bat, übernahm Goethe fast wörtlich. Auch
die Schilderung der letzten Stunden Carls übernahm er wahrheitsgetreu. Goethe schrieb den Briefroman im Februar und März 1774 in einem Zuge nieder. Die erste Fassung erschien 1774, die zweite 1787. Die
zweite, von Goethe überarbeitete Fassung, ist diejenige geworden, in der
die meisten Leser den Werther kennen lernten oder noch kennen lernen
werden. ZUSAMMENFASSUNG
DES BRIEFROMANS
Werther, ein gebildeter junger Bürger, der mit den geistigen Auseinandersetzungen seiner Zeit über Fragen der Philosophie, der Literatur und der Kunst vertraut ist, leidet unter der Eingeschränktheit der menschlichen Existenz und der Einschränkung der bürgerlichen Konventionen. Auch in der Liebe ist er nicht glücklich: er will auf die Liebe Leonores nicht antworten, da er mit ihr nicht glücklich ist. Daher verlässt er seinen Heimatort und zieht in eine andere Stadt. Da er nicht arbeiten muss, führen ihn seine Fragen zu Erlebnissen in der Natur und zur Kunst. In der neuen Stadt lernt er Lotte kennen. Sie ist mit Albert, einem Freund Werthers, schon so gut wie verlobt. Da Albert auf Reisen ist, verliebt sich Werther in Lotte, die seine Liebe erwidert. Doch als Albert von seiner Reise zurückkehrt, ändert sich alles grundlegend. Werther muss Albert als Verlobten Lottens anerkennen. Doch er leidet stark, weil die Liebeserfüllung mit Lotte nicht zu Ende führbar ist. Deshalb verlässt er Lotte fluchtartig. Der Versuch, der hoffnungslosen Liebe in einem Amt fern von Lotte zu entfliehen, scheitert am Hochmut der adeligen Gesellschaft und an Werthers Empfindlichkeit. Wegen Unstimmigkeiten mit seinen Mitmenschen, kehrt er wieder in die Nähe Lottens zurück. Die Liebe wird dadurch wieder stärker, obwohl sie in der Zwischenzeit geheiratet hat. Er trifft sich von neuem mit ihr. Diese wiederholten Treffen stoßen ihn immer weiter in den Abgrund, und seine Selbstmordgedanken werden immer zahlreicher. Er beginnt ernsthaft daran zu denken. Verzweifelt durch die aussichtslose Liebe versenkt er sich in die düstere Welt Ossians, dessen Gesänge er übersetzt hat, und die er Lotte beim letzten Zusammensein vor seinem Selbstmord vorließt. Werther
erschießt sich in der Nacht des 22. auf den 23. Dezember. DIE
HAUPTPERSONEN WERTHER UND LOTTE
Das Urbild Werthers ist, streng genommen, niemand anders als Goethe selbst, wie er sich in Dichtung und Wahrheit, abgesehen von einigen historischen Ungenauigkeiten, treffend schildert. Durchaus bezeichnend für Werthers Seelenleben ist sein Ausspruch, er halte sein Herzchen wie ein krankes Kind, jeder Wille werde ihm gestattet. An einer anderen Stelle lächelt er über einen hohen Gönner, der ihn, seiner Kenntnisse wegen, an sich zieht und von seinem Gemüt nicht viel Aufheben macht. Diese Gesinnung erscheint Werther völlig verkehrt, denn dieselben Kenntnisse könne jeder haben, aber sein Herz, habe nur er allein. Er sucht dauernd nach geistigen und seelischen Genüssen, ohne jedoch die Kraft zu besitzen, sich diese zu erringen. Er steigt voll Liebe zu dem gewöhnlichen Volk und zu den Kindern hinab und beschenkt diese regelmäßig. Trotzdem ist er eines wirklichen Opfers für seine Mitmenschen nicht fähig. Sein Hass gegen das Weltleben ist im Grunde nichts anderes als ein Hass gegen Arbeit und Unterordnung. Aber die Hochschätzung seitens vieler Menschen, beweist, dass Werther im Grund ein edler und wohl nur durch den Zeitgeist und andere eigenartige Umstände irregeleiteter Charakter ist. Ein erfreulicheres Bild gewinnen wir, wenn wir Werthers Verhältnis zur Natur betrachten. In ihr lebt er , ist in der innigsten Weise mit ihr verbunden. In die Natur flüchtet er sich aber nicht nur zu stillem Genießen, sondern auch, wenn es in ihm braust und gärt. So ist ihm die Natur die stille, vertraute Freundin in Freud und Leid. Was Werthers Verhältnis zu Gott anlangt, so können wir schon aus seinem Wesen einen Schluss ziehen, aber auch seine Briefe geben uns noch einige Andeutungen. Wohl nennt er Gott den Allwissenden, den Vater, aber wenn ihm dieser Vater eine Lehre erteilen will oder ihm einen Wunsch versagt, so klagt er ihn ebenso bitter an, wie er sich über den Undank der Welt beschwert, wenn ihm nicht jeder Wille erfüllt wird. Wenn
auf irgend jemand, so passt auf Werther das Wort von dem schwankenden
Rohr, das der Wind hin und her treibt. Goethe wollte ihn keineswegs als
Muster hinstellen; er wollte im Gegenteil schildern, wie ein Mensch, der
den Leidenschaften des Herzens ganz und gar nachgibt und schließlich
untergehen muss. Trotz der schweren Verantwortung, die auf Lotte ruht, trotz der mannigfachen Pflichten, die sie übernommen hat, bewahrt sie sich eine bestrickende Heiterkeit, einen harmlosen Frohsinn, wodurch sie alle Herzen im Sturm erobert. Anwandlung
von Schwermut oder Schwäche weiß sie energisch zu bekämpfen; ihr
Klavierspiel und ihr Gesang müssen ihr dazu dienen. Aber Lotte ist auch
ein Kind ihrer Zeit, jener schwärmerischen "Wertherzeit".
Lottens gutes Gemüt zeigt sich am deutlichsten in ihrem Verhalten
innerhalb der Familie. Nach dem Tode ihrer Mutter ist sie der eigentliche
Mittelpunkt der Familie geworden; sie bewährt sich als Hausfrau und
ersetzt den armen Kindern die allzu früh verstorbene Mutter. In der
Gesellschaft anderer jungen Leute, namentlich junger Mädchen, zeigt sie
eine unverkennbare Überlegenheit, eine Eigenschaft, die Goethe vermutlich
dem Charakter seiner eigenen Schwester entlehnt hat. Während aber Werther
nicht die Kraft besitzt, Maß zu halten und nur die Befriedigung seiner
Neigung erfüllt wissen will, bewahrt Lotte jederzeit strengste Mäßigung
und Selbstbeherrschung, und sie verdient deshalb sehr viel Achtung. ANALYSE
EINIGER THEMEN
DIE
LIEBE (vgl. Brief vom 24.11.1772)
In diesem Brief beschreibt Werther seine Liebe zu Lotte wie eine "Scheidewand". Sie steht zwischen ihr und ihm. Diese Wand, von der er spricht, entstand, als Albert ankam. Tatsächlich hatte sich Werther in Lotte verliebt, bevor sein Freund sie kennen lernte. Damals war er "wie ein Träumender, als [er] vor dem Lusthause [stillehielt]" (...) "Nie ist mir`s so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, dass alles rings umher verging(...)". Das Gefühl erlebte er als eine Naturkraft, die im Herzen beheimatet ist. Nach ihr verlangt sein ganzes Wesen, und so muss er von Lotte in allen Bereichen seiner Person angezogen werden. Trotzdem zeigt uns diese Traumwelt bald den unerforschbaren, immateriellen, geistigen Charakter der Liebe zwischen diesen beiden Personen. Es ist eine zurückhaltende, zurückdrängende, aber echte Liebe: "Warum dufte ich mich nicht ihr zu Füßen werfen? Warum durfte ich nicht an ihrem Halse mit tausend Küssen antworten?" Durch die ganze Geschichte hindurch erlebt man eine heilige, reine, brüderliche Liebe: es ist keine fleischliche, sondern eine gründliche und wirkliche platonische Liebe. Dennoch ist die Glut, die diese beiden Herzen erwärmt hat, die Spur einer Menge Leiden und Unhöflichkeiten, weil sie irgendwie eine unmögliche Liebe ist. Beide sind der Religion verschrieben und haben also viele moralische Werte, wie zum Beispiel Respekt, Zuverlässigkeit oder Treue. Tatsächlich wird Werther zwischen seiner Liebe zu Lotte und der Freundschaft zu Albert hin und her gerissen. Erst ganz am Schluss, bei der letzten Begegnung, bricht das Eis, und Werther kommt zu Umarmungen und Küssen. Die Gelegenheit, bei denen Werther und Lotte alleine sind, empfindet er zunehmend als qualvoll. Lottens Liebenswürdigkeit, ihre Sorge um ihn und ihre Güte peinigen ihn. Aber auch die Ambivalenz ihrer Haltung stellt ihn auf eine harte Probe. Trotzdem schildert Goethe uns die Gefühle der beiden durch ein Spiel der Blicke einerseits und durch die Musik (Lottens Klavierspiel) andererseits: das werden die hauptsächlichsten Mittel, aus denen die Glut ihrer Liebe hervorquillt: "Heute ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen". Dieser Blick ist sogar der wichtigste Punkt vor dem Dialog, vor ihrer Mitteilung: "(...) ich sagte nichts und sie sah mich an". Man kann vielleicht sagen, dass der Blick in diesem Fall der Spiegel ihrer Seele ist: es ist ein wunderlicher "herrlicher" Blick, "voll Ausdruck des innigsten Anteils, des süßesten Mitleidens". Später wird ihm auch durch diese Schwarzen Augen "(...) mit dem vollsten Blick der Liebe(...)" Anerkennung verliehen. In dem Brief vom 24.11.1772 nach der Szene des lieblichen Austausches durch die Blicke findet Lotte ihre Zuflucht bei dem Klavier. Mit diesem Instrument verleiht Lotte ihrem Gefühl Ausdruck. Tatsächlich wird das Instrument zu einem Liebesboten, zu einem Tröster, der die Vergangenheit wieder auferstehen lässt. Das
Klavier wird von nun an alle Liebes-Szenen begleiten, und es ist auch mit
Hilfe der Musik und des Tanzes gelungen, die Flamme zwischen Lotte und
Werther wieder lodern zu lassen (auf dem Ball). Man kann auch sehen, dass
die Musik das Symbol der Harmonie, der Freude, der Reinheit darstellt, und
somit das Symbol der Liebe ist. Die Liebe wird schlussendlich so tief und
rein, dass sie Werther zum Selbstmord führt. Er wollte nicht wahrhaben,
dass Lotte ihm nie gehören kann, und dass er nie das Vergnügen einer
Umarmung, ohne Sünde, kennen wird. Sich in der Nähe der Geliebten zu
befinden, wird für ihn unerträglich. Werther fasst eher den Tod ins
Auge, als fern von ihr leben zu müssen. DAS GLÜCK
(vgl. Brief vom 21.06.1771)
Der Brief vom 21.6.1771 zeigt Werther in einem Zustand des Glücks. Im Mai 1771 hat er darüber nachgedacht, was Glück, angesichts der Eingeschränktheit der menschlichen Existenz, sein könnte. Er hat zwei Möglichkeiten herausgefunden. Die erste ist das Glück als Täuschung. An anderer Stelle spricht Werther von dem "freundlichen Wahn, durch den Gott uns am glücklichsten mache". Die zweite Möglichkeit ist das Glück als Wendung ins eigene innere Glück, weil einer ein Mensch ist und "seine Welt aus sich selbst" bildet. Beide Wege haben sich für ihn als nicht gangbar erwiesen. Aber der erste gewinnt jetzt für ihn eine neue Bedeutung. Im selben Brief ist Werther glücklich, "und mit mir mag werden was will, so darf ich nicht sagen, dass ich die Freuden, die reinsten Freuden des Lebens nicht genossen habe". Werther kann nach wie vor in Wahlheim sein und dort das urtümlich-einfache Leben führen, das einen Teil seines Glückes ausmacht. Jetzt ist er doch etabliert. Er ist bei sich zuhause: "(...) dort fühl` ich mich selbst und alles Glück, das dem Menschen gegeben ist ", so sagt er. Sein Selbstwertgefühl ist davon abhängig, dass die Bedingungen der Außenwelt seinen inneren Wünschen entsprechen. In diesem Zustand verursacht ihm die "Einschränkung" des Menschen, seine alte Wunde, keine Qualen mehr. Er spricht von dem inneren Trieb, sich ihr "(...) willig zu ergeben, in dem Gleise der Gewohnheit so hinzufahren und sich weder um rechts noch um links zu bekümmern". Werther erfährt das Glück durch die Natur. "Es ist wunderbar (...) O könnte ich mich in ihnen verlieren". Aber Mitte August, der Sommer neigt dem Ende zu, ist eine neue Situation eingetreten. "Ich eilte hin und kehrte zurück und hatte nicht gefunden, was ich hoffte". Als Werther das Ziel erreicht, ist alles wie vorher, und er bleibt in seiner Armut, in seiner Eingeschränktheit. Viele Elemente zeigen, dass Werther mit diesem einfachen Leben glücklich ist. Zum Beispiel kocht er selbst sein Essen. Er macht es gern. Zwischendurch liest er Homer. "Wie wohl ist mir`s, dass mein Herz die simple harmlose Wonne des Menschen fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt" Er genießt alle in einem Augenblick. Die
Situation, in die Werther sich hineinbegeben hat, trägt aber von Anfang
an alle Züge des unlösbaren Konfliktes. DIE
NATUR
Werthers Verhältnis zur Natur ist sehr interessant zu betrachten. Er ist in innigster Weise mit ihr verbunden. In die Natur flüchtet er sich aber nicht nur zu stillem Genießen, sondern auch, wenn es in ihm gärt. So ist ihm die Natur die stille, vertraute Freundin in Freud und Leid. Seelig kann sich Werthers Gefühl im Anblick eines Frühlingsmorgens verträumen. Die Natur wandelt sich auch von der Herrlichkeit des erwachenden Frühlings zu der Trostlosigkeit eines alles begrabenden Winters. Einige Beweise, dass die Natur Werthers Verhalten beeinflusst: So schreibt er: "übrigens befinde ich mich hier gar wohl, die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz" Werthers Abkehr von der Gesellschaft bringt ihn zu höchster Erfüllung in der Natur, bei Gott, bei sich. Der Frühling füllt Werther mit Freude: "Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße" , hat er noch Wilhelm am 10. Mai geschrieben. Die Natur bringt ihm Freiheit in höchster subjektiver und emotionaler Steigerung. Dazu kommt die Bekanntschaft mit Lotte: Liebe und Natur in schwärmerischem Gefühlsempfinden. Am Ende des Sommers scheint uns Werther noch fröhlicher. Es nähert sich dem Herbst und dann dem Winter, und die Natur scheint ihm nicht mehr die gleiche zu sein. Am 18. August fragt er sich, warum "(...) das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elends" werde? "(...) mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt (...) Himmel und Erde und ihre webenden Kräfte um mich her: ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer." Jetzt wird es disharmonisch: nicht mehr das Lebendige der Natur steht für Werther im Vordergrund, sondern das Zerstörende. Natur als Spiegel des Seelenlebens! Ein Jahr später schreibt er in der gleichen Jahreszeit; "Wie die Natur sich zum Herbste neigt, wird es Herbst in mir und um mich her. Meine Blätter werden gelb, und schon sind die Blätter der benachbarten Bäume abgefallen". Während die Zeit vergeht, wird Werther immer trauriger. Am 3. November hat er geschrieben "(...) und bin elend (...)" "-0h! wenn da diese herrliche Natur so starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen und alle die Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn pumpen kann und der ganze Kerl vor Gottes Angesicht dreht wie ein versiegter Brunnen,(...)" Man kann die Entwicklung der Hauptperson genau beobachten: Werther nähert sich seinen Tod. Schließlich
befindet er sich im Winter und ist sehr unglücklich. Werther hat das
Leben satt. Die Natur ist genau so, wie Werther:: traurig und verzweifelt.
Am 12. Dezember schreibt Werther: "Wehe, wehe! Und dann schweife ich
umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen
Jahreszeit". Diese Abneigung gegenüber der Natur und der
Gesellschaft wird Werther einige Tage später zum Selbstmord führen. Der
Selbstmord (vgl.
Brief vom 12.8.1771)
Werther berichtet in diesem Brief über die Begegnung und Diskussion mit Albert, als er sich verabschieden wollte, um in die Berge zu reiten. Das Gespräch über den Selbstmord wird durch Werthers Bitte um Alberts Pistolen ausgelöst, welche dazu führt, dass er sich die Mündung der ungeladenen Pistole an die Stirn setzt. Das Motiv mit der Pistole tritt an dieser Stelle zum ersten Mal auf. Vom Selbstmord spricht Werther jedoch schon im Brief vom 22.5. Hier sieht er den Selbstmord als den Weg zur Freiheit. Das Gespräch mit Albert steht an zentraler Stelle im Buch, erlaubt daher einen Blick zurück und nach vorn. Werther hat früher den Selbstmord als letzten Ausweg aus der Eingeschränktheit der menschlichen Existenz erwähnt. Doch in diesem Brief rechtfertigt er ihn theoretisch. Da Werther sich mit der Gesellschaft nicht identifizieren kann, insofern seine Liebe unerfüllt bleibt, und er auch den Ausweg in eigener schöpferischer Tätigkeit nicht findet, kann sich der Leser das weitere Geschehen gut vorstellen. Werther nimmt sich das Leben. Mit dem Selbstmord Werthers stellt Goethe Grundlagen der Gesellschaft in Frage. Er will gegen die Beurteilung des Selbstmordes im 18. Jahrhundert kämpfen: Der Selbstmord stellte ein juristisches Verbrechen dar, und der Selbstmörder hatte kein Recht auf ein ordentliches Begräbnis. Die Familien eines Selbstmörders hatten oftmals mit Strafen zu rechnen. Als in Deutschland unter der Gesetzgebung Friedrichs des Großen erstmals eine Entkriminalisierung des Selbstmords eingeleitet wurde, hielten die Kirchen daran fest, dass der Selbstmörder mit Höllenqualen und Fegefeuer bestraft werde. Der Verlauf des Gespräches zeigt Albert als den aufgeklärten Bürger, der die Vorstellungen der Gesellschaft vertritt. Er begründet seine Position, indem er den Selbstmord als töricht und lasterhaft bezeichnet. Werther widerspricht ihm und verlangt, dass die menschliche Natur zum einzigen Maßstab der Bewertung gemacht wird. Man muss die Ursachen einer solchen Handlung erforschen und für die Beurteilung heranziehen. Er verlangt Mitleid, nicht Strafe für die Handlungen, die aus äußerster Not erfolgen, zum Beispiel Angst vor dem Hungertod, Liebe und Leidenschaft. Doch Albert antwortet, dass für ihn "(...) ein Mensch, den seine Leidenschaften hinreißen, alle Besinnungen verliert und als ein Trunkener, als ein Wahnsinniger angesehen wird". Für ihn sind diese Menschen unzurechnungsfähig. Ihr Handeln kann nicht entschuldigt werden. Werther läuft Sturm gegen diese Ansicht. Er sieht in den Trunkenen und Wahnsinnigen gerade jene außerordentlichen Menschen, "(...) die etwas Großes, etwas Unmöglichscheinendes wirkten", und wirft Albert vor, dass die sittlichen Menschen, die "Pharisäer", die "Nüchternen", die "Weisen", solche Menschen als Trunkene und Wahnsinnige abgestempelt haben. Goethe spricht hier als Anhänger der Sturm-und-Drang-Generation und des Geniekults. Albert lehnt Werthers Auffassung ab und stärkt seine Position, indem er den Selbstmord als Schwäche ansieht . "Denn freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen". Werther entwertet Alberts Argumente dadurch, dass er den Selbstmord erneut der Zuständigkeit rationaler Beurteilung entzieht. Er bezeichnet "(...) die sonst angenehme Bürde des Lebens (...)" als "Krankheit des Todes" Dieses Bild erscheint zum ersten Mal im Brief vom 8.8 und tritt dann immer wieder auf. Um seine Meinung zu erklären, erzählt er die Geschichte eines jungen Mädchens. Hier wird der Selbstmord als seelische Krankheit aufgefasst. Albert bleibt ruhig, begreift aber die leidenschaftliche Argumentation Werthers nicht, und er beruft sich weiterhin auf den Verstand. Dadurch, dass Werther auf die Natur des Menschen verweist, ist der Gegensatz unüberbrückbar. Werther bricht die Unterhaltung ab und geht. Keiner verstand den anderen, da Albert als Klassiker, Werther aber als Romantiker erscheint. Stilistik
Neben der Einleitung und dem Schluss hat Goethe für die Erzählung seines Romans die Form eines Briefromans gewählt. Die Handlung wird nicht in kontinuierlicher Erzählweise verständlich gemacht, sondern nur in datierten Ausschnitten aus dem Lebenslauf Werthers. Es ist eine sprunghafte, zerstückelte Form, welche jedoch aufzeigt, dass die unausgeglichenen, gefühlsstarken Erlebnisweisen des Helden es nicht zulassen, einen daseinserträglichen Halt zu finden. Es handelt sich somit um eine in Briefen abgefasste Selbstdarstellung des Romanhelden. Die Ich-Form zeigt die Kontaktarmut des Helden auf, seine Vereinsamung, seinen Verlust an Realitätsbewusstsein. Die
Briefe bleiben unbeantwortet, bzw. Goethe fügt keine Briefe des Empfängers
ein. So zeigt die Form auch, dass der tragische Weg des Helden in den
Freitod glaubwürdig und erschütternd zwingend ist. Werthers Sprache ist
emphatisch, lyrisch und weicht stark von der Alltagssprache des 18.
Jahrhunderts ab. Schlussfolgerungen
Das Erscheinen des Briefromans Die Leiden des jungen Werthers im Herbst 1774 war eine Sensation. Das Buch zog nicht nur ein großes Leserpublikum in Deutschland und im Ausland an. Es zeigt sich auch, dass sich die Anteilnahme am Schicksal des Helden bis zum "Wertherfieber" steigerte, was sogar zu Selbstmorden führte. Doch der eigentliche Werther-Kult blieb eine Sache der gebildeten Stände. Werthers Kleidung, sein Auftreten kamen in Mode. Seine exzentrische Sprachweise wurde zur Umgangssprache der Liebenden und versicherte die Außerordentlichkeit ihrer Beziehung. Vor dem Werther boten die Romane den Lesern einen Stoff an, welcher leicht nachvollziehbar war. Der Leser suchte in einem Roman immer einen Nutzen, d.h. der Roman musste den zeitgenössischen Wertvorstellungen entsprechen. Diese Auffassung änderte sich grundlegend nach der Veröffentlichung des Briefromans. So kam es, dass es in erster Linie der Stoff war, besonders der Selbstmord als anstößiges Ereignis, der die Wirkung des Buches ausmachte. Der
Roman durchbrach einige Tabus: dass sich Werther nicht auf die Wertvorstellungen der Zeit beruft, sondern auf den Menschen, auf das Herz; dass die Liebe und die Leidenschaft einen Menschen in den Tod stürzen können; dass
Selbstmord kein Verbrechen ist; dies
alles entsprach einer neuartigen Auffassung von Moral. Goethes
Werther wurde dadurch zum ersten Roman, der das veränderte Denken
und Empfinden, das sich über Jahrzehnte hin entwickelt hatte, leuchtend
darstellte. Ein Vergleich mit einer neueren Fassung des Stoffes, namentlich den Neuen Leiden des jungen W. (1972) von Ulrich Plenzdorf, zeigt, dass eine Abstraktion von den gesellschaftlichen Bedingtheiten möglich ist. In beiden Romanen wird der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft dargestellt. Konflikt und Lösung sind auf die jeweilige gesellschaftliche Wirklichkeit zu beziehen. Durch die Verwendung von Goethe-Zitaten wird Werthers Problematik auf die Moderne übertragen. Sie sind so gewählt, dass sie auf die jeweilige Situation Edgars passen. Es sollte klar werden, dass jede Zeit ihre speziellen Probleme hervorbringt, die sich auf den einzelnen auswirken, und dass es in jeder Zeit zu verschiedener Ausprägung von individuellen Konflikten kommt. Indem Plenzdorf Parallelen aufweist, hebt er den historischen Zusammenhang auf. Hierdurch macht er Goethe verständlich und setzt das historische Thema in die Gegenwart um. Er löst den Klassiker aus dem Betrachtungsrahmen des kulturellen Erbes, das nur für sich und die jeweilige Zeit spricht. |