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Lyrik |
Die Lyrik umfasst sämtliche Arten des Gedichts, die Wortgebilde in »gebundener Rede« (Reim, Rhythmus usw.). Aber diese sind nicht alle »lyrisch«, d. h. gefühlsbetont. Es ist daher zu unterscheiden zwischen Gedichten, die im Kern unlyrisch sind, also nicht Empfindungen als Grundlage haben (Epigramm, Gedankenlyrik), und »lyrischer« Lyrik, für welche die Formel »subjektive Gefühlspoesie« verwandt wird. Auch heute noch verstehen die meisten unter Lyrik »solche Verse, in denen Gefühl und Stimmung schwingen, in denen sich Menschlich-Seelenhaftes empfindungsvoll verlautbart, in denen Mensch und Welt, Ding und Ich zu einer innigen Einheit verschmolzen sind« (Conrady). Gestärkt wird diese Auffassung durch Staigers Beschreibung des Lyrischen. Im Sinne der »subjektiven Gefühlspoesie« ist Lyrik der Monolog eines Menschen, der eine Empfindung in Worte fasst; Kennzeichen ist die Ich-Form. Das heißt jedoch nicht, dass der Dichter tatsächlich Erlebtes wiedergeben muss; er spricht nicht als Privatperson, sondern als »lyrisches Ich«. Äußert sich eine erfundene Gestalt, dann handelt es sich um ein Rollengedicht. Aus der Überschrift ergibt sich gewöhnlich, wer spricht (Das verlassene Mädchen), doch es kann sein, dass der Autor so tut, als sei er mit dem lyrischen Ich identisch. (»Ich zog mir einen Falken« spricht der Kürenberger in der Rolle einer Frau.) Die intensive Stimmung, der sich der Lyriker überlässt, fasst er in Worte. Was ihm zufließt, ist die Lautgestalt: Rhythmus, Klang, eine »Musik der Worte«. Die Sprache verrät in verschiedener Intensität die Herkunft aus der Empfindung und dem persönlichen Erlebnis. Es kommt nicht auf die logische Deutlichkeit an; daher herrscht die Parataxe vor, kausale oder finale Nebensätze sind selten. Dem Erlebnischarakter entsprechen Wörter, die in sich anschaulich sind oder etwas unmittelbar als Bild fassen können (> Metapher, s. Bd. 6). Der Klang ist jedoch wichtiger als die Bildlichkeit. Deshalb kann man die Wirkung eines Gedichts zerstören, wenn man Wörter auswechselt oder die Wortfolge ändert. Der Dichter verstößt manchmal um der musikalischen Wirkung willen gegen die Regeln der Sprache». . . Hier auch Lieb und Leben ist«). Als besonders lyrisch gelten in bestimmten Epochen (Expressionismus) aufgelöste Sätze; denn Andeutung und sprunghafte Abfolge sind Merkmale der Gefühlsbewegung. »Subjektive Gefühlspoesie« finden wir vor allem beim jungen Goethe, in der Romantik und ihrer Nachfolge. Nicht-lyrisch sind dagegen z. B. Gedichte, die aus der lateinischen Rhetorik kommen (Barock). Diese sind kein einsamer Monolog, sondern Anrede an ein Gegenüber; sie wollen nicht das Individuelle, sondern das Allgemeinmenschliche ausdrücken; sie bauen nicht auf dem Klang, sondern auf dem Bild auf. Das kann bis zu den metrisch-graphischen Spielereien der sog. Bilderlyrik gehen, Gedichte, die durch verschiedene Längen und eine bestimmte Druckanordnung eine gewollte äußere Form ergeben: Herz, Kreuz, Baum usw. Auch in unserem Jahrhundert tritt der Dichter in der Lyrik zurück. Er ist nicht mehr der Interpret seiner Gefühle und Stimmungen, er zeigt, was das Gedicht mit der Sprache zu leisten vermag. Dabei löst er die gebräuchlichen lyrischen Formen und Inhalte auf, er entpoetisiert die Poesie. Die Worte haben nicht mehr die Wörterbuchbedeutung, sondern viele mögliche Gehalte, »latente Potenzen«, wie Benn sie nennt. Technische Fachausdrücke werden Gegenstand der Lyrik, primitive Nominalaussagen, sogar Buchstabenfolgen ohne erkennbaren Sinn können vorherrschen. Die radikale Änderung der Sprache erweitert die Distanz zum Leser, denn die Lyrik wird unverständlich sie verwirrt und schockt. Das Gedicht lässt sich nicht mehr an der Wirklichkeit messen denn diese ist verfremdet und deformiert. Daneben gibt es große Bereiche von lyrischer Aussage, die ebenso wenig zu der charakterisierten Art der Lyrik passen vor allem die politisch-didaktischen Formen. Sie stammen nicht aus dem Gefühl und dem Erleben, sondern aus dem Willen zur Belehrung (Brecht). Literatur Asmuth, B., Aspekte der Lyrik, Düsseldorf (Westdeutscher Verlag) '1976. Best, 0. F., Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele, Fischer Taschenbuch 6478 (überarbeitete und erweiterte Neuauflage 1982). Geiger, H. und H. Haarmann, Aspekte des Dramas, Düsseldorf (Westdeutscher Verlag) Knörrich, 0. (Hrsg.), Formen der Literatur: in Einzeldarstellungen, Kröners Taschenausgaben Bd. 478,1981. Lämmert, E., Bauformen des Erzählens, Stuttgart (Metzler) 1967. Staiger, E., Grundbegriffe der Poetik, dtv. Bd. 4090-Auseinandersetzung mit den Grundbegriffen des »Lyrischen«, »Epischen«, »Dramatischen«. Weltbildverlag GmbH, Autorin: Dr. Annemarie van Rinsum, Friedrich Belzner; ISBN 3-89350-164-9 |