| Literaturgattungen |
Novelle |
Der Begriff kommt aus dem römischen Recht (vgl. Gesetzesnovelle). Die Bedeutung wurde erweitert zu Neuigkeit allgemein und diente in der Renaissance als literarischer Gattungsname für eine nicht zu lange Prosaerzählung, die etwas Neues pointiert berichtet. Dabei muss nicht der Stoff neu sein, es konnte auch Bekanntes anders dargestellt werden. Die Gattung Novelle hat zwei Erscheinungsbilder, eine frühe Erzählform und eine künstlerische verfeinerte Spätform. Nach Vorläufern im Orient begründete Boccaccio, der »Vater der europäischen Novelle«, die Gattung. In seinem »Decameron« (1353) erzählen sich zehn Personen, die vor der Pest auf ein Landgut geflohen sind, in zehn Tagen hundert Geschichten, um sich Zeit und Angst zu vertreiben. Es entsteht dabei eine Sammlung von neu erfundenen Erzählungen, gemischt mit altbekannten Motiven und Formen: Fabeln, Märchen, Schwanken, Legenden. Den überkommenen Stoffen wird ein neuer Reiz beigemischt, indem sie durch den Charakter des Erzählers gesehen und gefärbt sind. Die Novelle ist gesellschaftsbezogen: es gehört zu ihr, dass sie in einer Gesellschaft erzählt wird und sich an deren Geschmack und Moral hält. Das Publikum der Rahmennovelle bestimmt die Form der Geschichte und die Art der Pointe; mündliche Erzählbarkeit beeinflusst die Sprache. In der deutschen Literatur wirkt der gesellschaftsbezogene Erzählanlass bis zu Goethes »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten« (1795). Der Begriff Novelle wird in Deutschland erstmals von Wieland angewandt für »Don Sylvio und Rosaiva« (1764). In der 2. Aufl. von 1772 versucht Wieland eine Begriffsbestimmung: »Novellen werden vorzüglich eine Art von Erzählungen genannt, welche sich von den großen Romanen durch die Simplizität des Plans und den kleinen Umfang der Fabel unterscheiden oder sich zu demselben verhalten wie die kleinen Schauspiele zu der großen Tragödie oder Komödie.« Später musste er gegen die märchenhafte Erzählung der aufkommenden Romantik abgrenzen; er betonte, dass »die Begebenheiten zwar nicht alltäglich sind, aber sich doch, unter denselben Umständen, allenthalben zutragen könnten.« Dies war der erste Versuch einer Abgrenzung und Definition, einer Novellentheorie. In der Folge wurden zahlreiche Ansätze unternommen, theoretisch und praktisch eine spezifische Kunstform Novelle zu entwickeln, diese widersprechen sich häufig. Dabei treten die gesellschaftliche Unterhaltung und das geistvolle Spiel mit der Form zurück; der Gehalt wird wichtig. In der Romantik dringen Wunderbares, Märchen und Traummotive. Symbolhaftes in die Novelle ein, also Züge der Boccaccionovelle. Der Realismus richtet das besondere Augenmerk auf die Bewältigung von Lebensfragen; sie behandeln die »tiefsten Probleme des Menschenlebens« (Storm). Für den Bau der Novelle verlangt Tieck einen »Wendepunkt«, »von welchem aus sie sich unerwartet völlig umkehrt und doch natürlich, dem Charakter und denUmständen angemessen, die Folge entwickelt« (1812). Goethe sieht als Kern »eine sich ereignete unerhörte Begebenheit« (1827). Heyse entwickelte die sog. Falkentheorie: Der Falke, der in einer Novelle des Boccaccio die überraschende Wende verursacht, ist »das Spezifische, das diese Geschichte von tausend anderen unterscheidet« (1871). In der Gegenwart wird der Begriff ohne entschiedene Definition verwendet, und die Grenzen zum Roman und zur Kurzgeschichte sind fließend. Eine allgemeine und allzeit gültige Definition der Novelle lässt sich wegen der Wandlungen in Theorie und Praxis nicht geben. Ihre Formelemente kann man zwar aufzählen, man wird aber immer Novellen finden können, die sich ihnen nicht unterwerfen. Die Struktur der Novelle ergibt sich am besten aus der Abgrenzung zum Roman. Sie unterscheidet sich nicht nur durch die relative Kürze davon, sondern auch durch die Betonung des Ereignisses, und zwar eines Ereignisses, statt des Menschen. Die Person ist nur wichtig, weil sie auf das Ereignis bezogen ist. Ein Einzelfall wird wiedergegeben, der nicht in eine Weltordnung eingebettet ist; es findet eine plötzliche, sprunghafte Umkehr statt, nicht eine kontinuierliche Entwicklung. In ihrer ganzen Geschichte verleugnet die Novelle ihren Ursprung aus der Neuigkeit, der Sensation, nicht; sie liebt das Einfache, Unerwartete, Schicksalhafte. Der Berichtstil ist nahezu objektiv, der Erzähler mischt sich nicht ein - es sei denn, es handelt sich um eine Rahmennovelle oder chronikalische Erzählung. Die Verwandtschaft der Novelle zum Drama ist größer als die zum Roman. Storm sieht in ihr die »strengste Form der Prosadichtung« und eine »Schwester des Dramas«. Beide verlangen eine geschlossene Form und einen tektonischen Aufbau mit Exposition, Peripetie und Ausklang. Literatur Theorie der Novelle, Reclam, RUB Bd. 9524 Wiese, B. v., Novelle, Sammlung Metzler Bd. 27 Weltbildverlag GmbH, Autorin: Dr. Annemarie van Rinsum, Friedrich Belzner; ISBN 3-89350-164-9 |