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Trivialliteratur |
Trivialliteratur (trivial = vereinfacht, abgedroschen, alltäglich) ist Gebrauchsliteratur, Literatur, die in der Regel einmal gelesen und dann weiter gegeben oder weg geworfen wird. Infolgedessen gelten für sie die Gesetze des Konsums, nicht die der Ästhetik: Die Ware, die das Interesse der größten Anzahl weckt, ist besser als ein Ladenhüter; die Qualität liegt in der Verkaufsquote, die sie erzielt, nicht in der Ware selbst. Werke dieser Art erscheinen nicht nur in Buchform, sondern auch als Fortsetzungsfolgen in Illustrierten und als Heftchen. Die Serie ist geradezu Kennzeichen der Trivialliteratur (auch im Fernsehen); die Schablonenhaftigkeit macht es möglich, dass oft nicht ein einzelner, sondern ein Team das Serienwerk verfasst (Jerry Cotton). Die Produktion der Trivialliteratur richtet sich nach dem Geschmack des Publikums; wer den Markt kennt und ausnützt, hat Erfolg. Aus diesem Grund stellt sich der Autor oder das Autorenteam auf den Markt ein; sie produzieren Literatur, die von einer Altersgruppe, einer Schicht, oder in einem bestimmten Bildungsstand bevorzugt wird, und bemühen sich darum, möglichst viele aus der jeweiligen Zielgruppe anzusprechen. Daraus ergeben sich die Charakteristika der Gattung: Konservativismus, Klischees, Abwechslungsreichtum, Ersatzbefriedigung. Der Konservativismus resultiert daraus, dass Trivialliteratur Leser nicht verändern, sondern finden will; sie muss daher so denken und empfinden, wie es die Zielgruppe tut. Die Gestalten entsprechen den Vorbildern und Leitbildern der Konsumenten. Vielfach wird ein Berufsstand von hervorragender öffentlichen Geltung (Ärzte, Ingenieure, früher Adelige, Beamte) auf einen jungen Helden projiziert, der schnell und erfolgreich in ihm aufsteigt. Die Feindgestalten wollen eine bestehende Ordnung zerstören; die James Bonds, Supermen, die Techniker in Science-Fictions erhalten sie aufrecht. Da die Leser sich bestätigt sehen wollen, müssen sie Durchschnittserfahrungen wiederfinden. Das führt zu Vereinfachung, Gemeinplätzen und Klischees. Der naive Glaube an Gerechtigkeit sucht Befriedigung, also siegt das Gute, und das Böse wird bestraft; auch scheinbare Ausweglosigkeit ist nur vorläufig, ein Happy-End ist eingeplant, und der Leser weiß, dass es kommt. Die Gestalten sind Typen, entweder gut oder böse (Schwarzweißmalerei); selten gibt es gemischte Charaktere, da das Plakathaft-Einfache erwartet wird. Zum Einfachen stilisiert wird auch die Landschaft. Ihre Teile sind Requisiten, die beliebig zusammengesetzt werden zu einer Kulisse ohne Eigenart. Der Himmel ist blau, die Bäume blühen, die Berge locken: eine Reiseprospektlandschaft. Der Vereinfachung des Inhalts zu festen Schablonen entspricht die Sprache; es ist häufig so, dass sie nicht ganz dem Sprachniveau der Zielgruppe entspricht, sondern dem ihrer Leitbilder angenähert ist. Daher war sie im 19. Jh. gekünstelt und blumig (Stil der »Gartenlaube«). Es kam zu Wortbildungen und Vergleichen wie »Spätherbstblumeneinsamkeit« (A. Günther) oder »der Lilien sammet ihrer Wangen« (Clauren). Jetzt enthält sie oft einen komplizierten Spezialwortschatz z. B. aus Technik oder Medizin. Der Abwechslungsreichtum führt zu einer breiteren Publikumsstreuung, weil verschiedenen Erwartungen entsprochen wird; er ist aber zugleich ein Einstellen auf den Konsumenten überhaupt, da dieser von der Lektüre Handlungen, Veränderungen, Sensationen erwartet. Aus demselben Grund sind die Texte stark dialogisiert. Der Dialog ist Lesehilfe und Leseanreiz, verspricht Spannung und dramatische Entwicklung. Der Erfolg der Comics ist teilweise darauf zurückzuführen, dass diese Elemente darin verstärkt auftreten. Comics sind gezeichnete Dramen. Die Episoden sind austauschbar, weil der Gang der Handlung nur selten zwingend eine bestimmte Abfolge verlangt. Die Spannung geht aus den Einzelepisoden hervor, nicht aus einem inneren Geschehen oder den Charakteren (vgl. die Reiseromane Karl Mays). Trivialliteratur erhebt den Anspruch, das wirkliche Leben widerzuspiegeln, bietet aber eine Traumwelt und Ersatzbefriedigung. Was der Leser selbst nicht erlebt und erreicht, erlebt und erreicht stellvertretend für ihn der Held: Er wird in unglaubliche Abenteuer gestürzt, besteht sieghaft den Feind oder eine komplizierte Aufgabe (als Pilot, Chirurg) und findet sein Glück (in der Ehe, in verantwortlicher Stellung, in der Anerkennung durch Beförderung). Arten der Trivialliteratur sind: Krimi, Western, Abenteuerroman, Heimatroman, Frauenroman, Gesellschaftsroman, Science-Fiction, Comics, Tatsachenroman und popularisierendes Sachbuch. Dabei kann jede Art Beispiele enthalten, die über das Triviale hinauswachsen; triviale Stoffe und Motive werden von Autoren aufgegriffen, die sie entweder ironisieren (H. C. Artmann), den Konsum zum Endziel der Literaturproduktion erklären (Bazon Brock) oder mit ihrer Hilfe im Konsumenten Veränderungen hervorrufen wollen (K. A. von Meysenbug). Literatur Ruckdäschel, A. und Zimmermann, H. D., Trivialliteratur, München (Fink) 1977. Texte zur Trivialliteratur, Stuttgart (Klett) 1971. Weltbildverlag GmbH, Autorin: Dr. Annemarie van Rinsum, Friedrich Belzner; ISBN 3-89350-164-9 |