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Philosophiegeschichte

Antike

Der Ursprung der abendländischen Philosophie liegt im antiken Griechenland. Angefangen zu philosophieren haben die Griechen ca. 600 v. Chr. Diese Zeit ist gekennzeichnet durch tiefgreifende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen, die zu einer Krise des Adelsstaates und schließlich zu neuen politischen Herrschaftsformen (Tyrannis, Demokratie) führten. Zeitgleich  mit diesen Veränderungen erfolgt auch der so genannte  Übergang vom Mythos zum Logos, d. h. an die Stelle der mythologisch-religiösen Weltdeutung (z. B. Göttergeschichten, die von der Entstehung und dem Verlauf der Welt und der Dinge erzählen),  tritt zunehmend eine philosophisch-wissenschaftliche, rationale Welterklärung. Dieser Übergang vollzieht sich jedoch ganz allmählich, so dass Einflüsse des Mythos bei vielen antiken Denkern noch spürbar sind. Die antike Philosophie beginnt mit den Vorsokratikern (ca. 650- 500 v. Chr.), zu denen die Philosophen von Milet (Thales, Anaximander), die Pythagoreer, die Eleaen (Xenophanes, Parmenides) und die Atomisten (Leukipp, Demokrit) gehören.

 

Im Zentrum der vorsokratischen Philosophie steht die Frage nach dem die Welt durchdringenden Grundprinzip und der Ursubstanz, aus der die Welt und die Dinge entstanden sind. Die nachfolgende klassische Periode (von ca. 480- ca. 320 v. Chr.) ist die Zeit  der höchsten Blüte, in der die Griechen die größten Leistungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst (Ausbau der Akropolis unter Perikles, bedeutende Bildhauer Myron, Phidias, Polyklet), Dichtung (Zeit der  größten Repräsentanten der attischen Tragödie:  Äschylus, Sophokles, Euripides) und Philosophie (Sokrates, Platon, Aristoteles) vollbrachten. 

Athen wird in dieser Zeit zum Zentrum der Philosophie, und hier gelangt auch die neue Staatsform der Polis zur vollen Entfaltung.

Der Hellenismus (323-ca. 1. Jh. v, Chr.) ist die Epoche, in der durch die Aufnahme orientalischer Elemente eine Mischkultur entsteht, wobei jedoch das Griechische bestimmend bleibt.  Die Griechen herrschen in dieser Zeit bis in Gebiete des mittleren Ostens  und bis nach Nordindien, Wissenschaften und Handel erleben einen erheblichen Aufschwung, Die Zentren der Kultur sind Alexandria und Pergamon. Kennzeichnend für die Kunst und  Architektur ist das Nebeneinander unterschiedlicher Stilrichtungen. Literatur und Philosophie zeichnen sich durch eine kosmopolitische  Haltung aus. Es entstehen neue Philosophenschulen (Stoiker, Epikureer).

 

Anfänge der Philosophie - Die Antike 

Vom Mythos zum Logos

„Das Staunen veranlasste schon von Beginn an die Menschen zum Philosophieren und tut es auch jetzt noch." Dieses auf Platon zurückgehende, bis heute gültige Diktum des Aristoteles, der unter dem „philosophischen Staunen" die Verwunderung über unerklärliche Erscheinungen und Begebenheiten versteht, aus der sich " dann die Frage nach den Ursachen ergibt, spricht zugleich das Problem des Ursprungs  und Anfangs der Philosophie an: Nicht nur die schulgebundene, die professionelle Philosophie  enthält philosophisches Wissen, sondern auch  der Mythos, denn auch er ist durch das verwunderte, nach Erklärung suchende Fragen motiviert. Und in der Tat ist die Grenze zwischen Mythos, vorphilosophischem Denken  und Philosophie nicht so leicht zu ziehen, wie es die Einteilungen der Philosophiegeschichten nahe legen. Die Inhalte, mit denen sie sich jeweils beschäftigen, d. h. die Frage nach dem Ursprung der Welt, die Erklärung von Naturerscheinungen und gesellschaftlichen Normen und Institutionen, sind ihnen allen gemeinsam; sie unterscheiden sich allerdings in der Art und Weise, wie sie diese Themen behandeln, genauer: in der jeweils besonderen Art, diese Dinge zur Sprache zu bringen. Der vielzitierte Übergang vom Mythos zum Logos ist markiert durch den Unterschied von Götter- und Heldengeschichten erzählender (narrativer) und streng argumentierender Sprache.

 

Anstelle der Erklärung der Welt durch Götter wird mehr und mehr eine rationale Form der Weltbewältigung gesucht. Aristoteles verdeutlicht diesen  Unterschied folgendermaßen: „Mythologen haben nur in der ihnen fassbaren Art nachgedacht und auf uns wenig Rücksicht genommen. Denn wenn sie Götter zu Prinzipien machen, alles durch Götter entstehen lassen und behaupten,  alles, was nicht Nektar und Ambrosia genösse, sei sterblich, dann ist klar, dass sie damit etwas für sie Verständliches sagen, während sie gerade über das Wirken dieser Ursachen etwas für uns ganz Unverständliches gesagt haben.

 

Aber über mythische Erkenntnisse  braucht man keine ernsthaften Überlegungen anzustellen. Auskunft holen muss man sich dagegen bei denen, die  mit Beweisen  argumentieren."  Der Ursprung der Philosophie im engeren Sinne ist die Entdeckung des Arguments. Die griechische Philosophie entsteht nicht auf dem Festland (nach Athen kommt sie erst in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, in Sparta wird sie nie heimisch), sondern in den griechischen Kolonien Kleinasiens (Milet) und Unteritaliens (z. B. Kroton und Elea). Dies hat seinen Grund darin, dass dort die Konfrontation mit neuen Fragen und Problemen und mit an deren Denkweisen eher Anregungen zur theoretischen Auseinandersetzung  bieten als im Mutterland; die Bedürfnisse des weit über die Grenzen der Polis hinausgehenden Verkehrs, besonders des Handels, erzwingen geradezu neue, verlässliche und transparente sprachliche und methodische Argumentations- und Kommunikationsformen. Die thematischen  Schwerpunkte der griechischen Philosophie umfassen die drei Gebiete Physik (Naturtheorie),  Ethik und  Logik.  Dabei zählt zur Physik nicht nur die Erklärung der Gestirnswelt und der Erde, der Naturerscheinungen, der Zeit, des Raums und der Bewegung, sondern auch die Theologie, verstanden als Lehre von den Göttern, die sich aus der Naturbetrachtung ergibt.

 

Diese drei Gebiete werden von antiken Philosophiehistorikern mit einer historischen Zuordnung derart versehen, dass die Vorsokratiker als Begründer der Physik, Sokrates und Platon als Urheber der Ethik und Aristoteles als Erfinder der Logik gelten.

 

Gruppe von Philosophen

Die "Sieben Weisen", zu denen bei wechselnden Gruppierungen insgesamt weit mehr als sieben Staatsmänner des 7. und 6. Jahrhunderts v. Chr. gezählt wurden, galten in der griechischen Tradition als Begründer eines erst später philosophisch systematisierten, durchaus praktisch ausgerichteten Denkens und

Handelns nach Regeln. Von ihnen sind sinnspruchartige Lebensweisheiten überliefert wie „Erkenne dich selbst", „Maßhalten ist das Beste", „Herr der Lust sein", „Alles zur rechten Zeit", „Die meisten Menschen sind schlecht".

Ob das Pompejiesche Mosaik, das wahrscheinlich einem hellenistischen Vorbild folgt, die „Sieben Weisen" zeigt, ist fraglich, aber nicht ganz ausgeschlossen, denn es gibt tatsächlich antike Darstellungen dieses Motivs (z. B. in Köln). Das Mosaik wird zuweilen auch als Bild der Platonischen Akademie angesehen. Platon wäre dann der Sitzende unter dem

Baum, der mit einem Stab in den Sand zeichnet oder auf eine Kugel deutet, die als Armillarsphäre bzw. als Himmelsglobus mit den Planetenbahnen zu identifizieren sein dürfte. In jedem Fall demonstriert das recht lebendig mit Bedeutung aufgeladene Bild einer Gruppe von „Weltweisen" im Gespräch das fortlebende Interesse gebildeter Römer an der im Ursprung griechisch geprägten Philosophie.

 

 

Die Vorsokratiker

Der Übergang vom Mythos zum Logos vollzieht sich nur allmählich. Eine Gruppe von  Denkern, die philosophische Fragen nach dem Ursprung der Dinge und einem einheitlichen Weltprinzip zwar noch in der Sprache des Mythos, aber doch in  erkennbar  metaphorischer  Verwendung  von  Götternamen und in allegorischer Umdeutung der Mythen aufwerfen, sind beispielsweise die Orphiker, benannt nach dem mythischen Sänger Orpheus.  Diese Fragen machen dann auch den Kern der in  Milet beheimateten Ionischen  Naturphilosophie aus, die sich jetzt in konsequenter Abkehr von der Sprache des Mythos um eine streng rationale Welterklärung bemüht.

 

Für Thales bildet das Wasser, für Anaximander das qualitätslose und ewige Unendliche und für Anaximenes die als göttlich, dynamisch und  lebenspendend angesehene Luft den Entstehungsgrund, den Ursprung, das Prinzip (Arche) der Welt. Allen diesen Denkern, mit denen nach Aristoteles die griechische Philosophie im engeren Sinn beginnt, ist das Anliegen  gemeinsam, eine einzige Erklärung für den Ursprung der Welt zu finden.

Die Pythagoreer sehen die Zahl als Prinzip sowohl der materiellen als auch der gesellschaftlichen Welt an. Die Natur der Dinge scheint ihnen den Zahlen nachgebildet zu sein. Die Zahlen ordnen den Kosmos, indem sie das Unbestimmte abgrenzen und damit bestimmen. Die Pythagoreer etablieren den Kanon der vier Pythagoreischen Wissenschaften mit Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Akustik (rationale Harmonielehre), die später als Quadrivium die Basis  der Sieben Freien Künste bilden sollen. Sowohl theoretisch wie auch lebenspraktisch befassen sie sich intensiv mit ethischen und politischen Problemen und setzen damit einen philosophischen Schwerpunkt, der erst später bei den Sophisten und Sokrates sowie Platon wieder explizit  aufgenommen wird.

 

Sokrates, 470-399 v. Chr., In den unteren Teil dieser Herme sind der Name des Sokrates und ein Zitat aus seinen von Platon überlieferten letzten Gesprächen eingemeißelt. So erlaubt die Skulptur die Identifikation zahlreicher an derer Exemplare des Porträts, deren Vorbild wohl von den Schülern des kritischen Atheners in Auftrag gegeben wurde. Das Zitat bezieht sich auf die Macht vernünftiger Argumente und die moralische Verpflichtung, ihnen zu folgen. Mit der geduldigen und  gründlichen Diskussion dieser Haltung setzte Sokrates einen neuen Akzent gegenüber den vor allem naturphilosophischen Betrachtungen früherer Denker. 

Der Diskuswerfer von Myron, um 450 v. Chr., Römische Kopie, Museo delle Terme, Rom In dem berühmten Gedankenexperiment, das Achilles mit einer Schildkröte um die Wette laufen lasst, weist Zenon von Elea auf Schwierigkeiten der begrifflichen Fassung von Zeit und Bewegung hin. Achilles gibt der Schildkröte einen Vorsprung, sie startet an Punkt A Wenn Achilles A erreicht, befindet sich die Schildkröte an einem Punkt B, wenn Achilles B erreicht an einem Punkt C usw. Demnach kann Achilles die Schildkröte nie einholen, wenn auch der Abstand immer kürzer wird. Zenon will zeigen, dass die Erfahrung von  Mannigfaltigkeit und Bewegung auf Schein beruht und deshalb der Logik widerspricht.

 

Der Verstand soll zu der Einsicht führen, dass das Wahre nur das eine Unwandelbare ist "Der Diskuswerfer" ist genau in einem Augenblick des Stillstandes gezeigt: Die Ausholbewegung geht in den Abschwung zum Wurf über. Aber dieser Augenblick enthält für jeden Betrachter die  vorausgehende und die nachfolgende Bewegung in sich. Diese dynamische Auffassung von Zeit und Bewegung, in der ein punktueller Augenblick nur ein Übergang und kein real isoliertes Moment ist, führt über Zenons Paradoxien hinaus.

 

 

Die Basis jeglicher Erkenntnis ist für Heraklit, den Einzelgänger unter den Vorsokratikern, die empirische Beobachtung der Vielheit der Dinge, die ihn zu der Überzeugung führt, dass die gesamte Welt aus Gegensätzen besteht. Alles Geschehen ist Ausdruck des Verhältnisses von Gegensätzen. Der Vater aller Dinge ist der Krieg, d.  h.  der  Kampf der Gegensätze,  die jedoch schließlich in der ewigen Weltvernunft (Logos) zu einer umgreifenden Einheit gelangen. „Aus Allem wird Eins und aus Einem wird Alles."

 

Eine radikale Kritik an Sitte und Tradition, insbesondere an anthropomorphen Gottesvorstellungen übt Xenophanes, der Begründer des erkenntnistheoretischen Skeptizismus. Mit seiner These von der Einheit, Unbeweglichkeit und Ewigkeit des Alls kann er als Wegbereiter des Eleatismus angesehen werden, dessen Begründer Parmenides aus Elea (in kritischer Abkehr von Heraklit) aufgrund der folgenden streng logischen und sprachphilosophischen Argumentation eine statische, monistische Seinslehre (Ontologie) entwickelt.

 

Sein erkenntnistheoretischer Grundsatz, dass Denken und Sein dasselbe sind, besagt, dass Denkunmögliches nicht existieren kann. Da Aussagen über Veränderungen stets die nicht-Existenz eines Zustandes implizieren (des vorhergehenden oder des nachfolgenden), kann es keine Veränderung geben, denn nicht-Existenz kann nicht gedacht und nicht einmal sinnvoll ausgesagt werden. Also kann das Sein nur als unveränderliche, ungewordene und unvergängliche Einheit (Monismus) gedacht werden. Daraus ergibt sich ein Widerspruch, denn im Alltag beobachtet man ständig Veränderungen. Diesen Widerspruch löst Parmenides, indem er die Wahrnehmung gegenüber dem Denken als Schein, Trug und bloße Meinung (Doxa) ansieht.

 

Damit werden Denken und empirische Erfahrung streng getrennt.  Empedokles' Elemente-Theorie stellt eine Vermittlung von Heraklit und Parmenides dar. Das Seiende ist nicht einheitlich, sondern besteht letztlich aus den qualitativ verschiedenen  Formen von Feuer, Wasser, Erde und Luft, deren unterschiedliches Mischungsverhältnis zu einer Vielheit empirischer Gegenstände führt.  Das Phänomen der offenkundig erfahrbaren Veränderung erklärt und rettet Empedokles, indem er es als Trennung bzw. Vereinigung von Elementen deutet, die nicht mechanistisch oder zufällig zustande kommt, sondern durch die den gesamten Kosmos beherrschenden Kräfte Liebe und Streit.

 

Anaxagoras nimmt nicht vier, sondern eine unendliche Anzahl unveränderlicher und unsichtbarer Grundstoffe an, deren Mischung und Zusammenwirken durch den das ganze Universum beherrschenden Geist (Nus) gelenkt wird. Auch die Atomisten Leukipp und Demokrit versuchen, die Gegensätzlichkeit der Positionen von Heraklit und Parmenides zu überwinden, allerdings unter Verzicht auf ein den Kosmos  leitendes geistiges bzw. metaphysisches Prinzip.  Sie postulieren kleinste unteilbare Urbestandteile, Atome,  die  sich  durch  Gestalt  und  Anordnung unterscheiden. Rein mechanisch und zufällig zustande kommende Änderungen dieser Konstellationen bewirken die Zustandsvariationen der Welt.

 

Mit den Sophisten setzt eine neue Epoche der griechischen Philosophie ein: Der Interessenschwerpunkt verlagert sich von naturphilosophischen, kosmologischen und ontologischen Fragen hin zu ethisch-gesellschaftlichen Problemen. Sie bringen die Philosophie nach Athen und provozieren nicht zuletzt wegen ihrer enormen Breitenwirkung die Gegenbewegung der  sokratisch-platonischen und der Aristotelischen Philosophie, die hauptsächlich durch den erkenntnistheoretischen und ethischen Skeptizismus der Sophisten motiviert ist.

 

Aus der pragmatischen Erfahrung der Relativität und Subjektivität von  Erkenntnissen  und  Wertungen heraus gelangen die Sophisten zu der allgemeinen Einstellung, dass generell gesichertes Wissen nicht möglich ist: konsequenterweise geben sie den Wahrheitsanspruch der Philosophie auf und setzen an die Stelle der Überzeugung durch Argumente die Überredung durch Redekunst.

 

Die Entwicklung und der Ausbau der kommunikationstheoretischen  Philosophie verdankt sich dieser Vorrangstellung der Rhetorik Die Sophisten waren Wanderlehrer, die in vielen Städten Griechenlands insbesondere die heran wachsende Jugend mit politischen Ambitionen gegen zum Teil enormes Honorar (wogegen Sokrates und Platon heftig polemisieren) mit der Parole die Kunst des Redens lehrten, sie könnten im Gerichtsprozess oder in der politischen Auseinandersetzung die schwächere Position zur stärkeren machen.

 

Zu den bekanntesten Sophisten zählt Protagoras, der die Relativität  der  Dinge  besonders  hervorhebt.  Nach seiner Auffassung kann eine Aussage in der einen Situation wahr und in der anderen falsch sein. Daraus folgt der bekannte Homo-Mensura-Satz, der die Basis jeglicher Erkenntnis in die Subjektivität des  Menschen  verlegt:  „Der Mensch ist das Maß aller Dinge: für die seienden, dass sie sind, für die nicht seienden, dass sie nicht sind." Die Sophistik übte einen großen Einfluss auf die nachfolgende Periode der klassischen griechischen Philosophie (Sokrates, Platon, Aristoteles) aus.

 

 

Sokrates

Sokrates, der 399 v. Chr. hauptsächlich wegen des Vorwurfs, er verderbe mit seinem sophistischen Philosophieren die Jugend, zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt und hingerichtet wurde, setzt der Wortstreitkunst (Eristik) der Sophisten, die nur auf den Gewinn im Streit, nicht auf Wahrheit ausgerichtet ist, seine Konzeption der wahren Unterredung, des nichtmonologischen, gemeinsamen philosophischen Gesprächs entgegen. Die Grundlage seiner Dialektik ist das Sokratische Fragen, durch das der Gesprächspartner über den Nachweis von Widersprüchen zunächst dazu veranlasst wird, seine bisher als selbstverständlich  angenommenen theoretischen und praktischen Überzeugungen zu reflektieren und zu revidieren, um dann von sich

aus ein begründetes Wissen über sich selbst und über das moralische und politische Leben zu erarbeiten.

 

In diesen Gesprächen stellt sich Sokrates zunächst als Unkundigen, der Belehrung Bedürftigen dar, damit sich der Gesprächspartner ohne Scheu auf eine Unterredung einlässt. Durch gezieltes Fragen gelingt es Sokrates, sein Gegenüber zur kritischen Sicht auf die besprochene Thematik zu bewegen. Dieses Gespräch ist für Sokrates auch dann sinnvoll, wenn es zu keinem eindeutigen Ergebnis kommt und die Problematik lediglich aufgezeigt und einer Lösung näher geführt wird. Auf viele Gesprächspartner wirkte diese Art des Dialogs abschreckend, aber einige erkannten auch ihren erzieherischen Wert. Sokrates versteht seine philosophische Tätigkeit nicht als Lehre, sondern als Geburtshilfe (Mäeutik)  zur  kritischen  Selbstreflexion;  für  sich  behauptet er selbstironisch, nur dies zu wissen, dass er nichts wisse. Obwohl er keine philosophischen Schriften verfasste (seine Philosophie kennen wir vor allem durch Platon und andere Zeitgenossen), war seine Wirkung außerordentlich  groß.  Etliche Sokrates-Schüler  gründeten eigene Philosophenschulen: Platon die Akademie, Antisthenes die Schule der Kyniker und Aristipp die hedonistische Variante der kyrenaischen Schule.

 

Im Jahre 399 v. Chr. wurde Sokrates wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend angeklagt und zum Tode verurteilt. Eine von seinen Freunden arrangierte Möglichkeit zur Flucht lehnte er ab, weil er damit sein Unrecht eingestanden hatte. Über die letzten Stunden des Sokrates berichtet Platon in seinen Dialogen „Kriton" und „Phaidon". Da es sich dabei um eine verklärende Darstellung handelt, ist der historische Wahrheitsgehalt der Beschreibung schwer überprüfbar. Historisch ist jedoch zweifellos die Gelassenheit, mit der Sokrates seinem Tod entgegensah, sowie die Tatsache, dass er die letzten Stunden im Gefängnis mit seinen Freunden und Schülern verbrachte. Es entsprach der hellenistischen Vorstellung, dass der Dienst an den Freunden Vorrang vor familiären Verpflichtungen hatte. Sokrates erlitt den Tod durch das Schierlingskraut Wie berichtet wurde, soll er den Giftbecher ohne Angst und mit heiterer Miene genommen haben. Selbst seine Ironie ging ihm in dieser Stunde nicht verloren, denn bevor er den Becher leerte, fragte er, ob er einige Tropfen von dem Trunke den Göttern opfern solle. 

 

Die Platonischen Körper in der Zuordnung zu den antiken Elementen, aus: Johannes Kepler, „Harmonices Mundi", libri V, Linz 1 61 9, Bayrische  Akademie der Wissenschaften, Kepler-Kommission In seinem Dialog „Timaios" legt Platon sein Bild von Entstehung und Beschaffenheit des Kosmos dar. Schon vor der physischen Existenz der fünf Elemente Feuer, Luft, Wasser, Erde und Äther strukturiert sich die Form annehmende Materie, so Platon, gemäß idealen geometrischen Körpern, deren Flächen gleichseitig und gleichwinklig sind und deren Ecken auf einer Kugel liegen. Nur genau fünf Körper erfüllen diese Bedingungen. Die mathematischen Beziehungen dieser Körper und die Beziehungen der Elemente untereinander erlauben viele spekulative Analogiesetzungen.

 

Platon

Grundzüge der Philosophie

Platon erarbeitet seine philosophische Position oft in kritischer  Auseinandersetzung mit seinen Vorgängern, insbesondere mit Pythagoras, Heraklit und Parmenides sowie mit den Sophisten. Aufgrund seines dialogischen Philosophie-Verständnisses vermeidet er es weitgehend, inhaltliche Aussagen als sicheres Wissen darzustellen; methodische Einsichten (erkenntnistheoretischer, logischer und sprachphilosophischer Art) präsentiert er dagegen in der Regel als bleibende Erkenntnisse.

 

An gesicherten Wissensinhalten finden wir allgemeine Äußerungen der Art, dass es Ideen, besonders die Idee des Guten, geben müsse, dass Unrecht tun schlimmer sei als Unrecht zu erleiden, dass die Möglichkeit von Lernen und Erkenntnis angenommen werden müsse und dass ein Leben der Vernunft einem unvernünftigen Leben vorzuziehen sei. Ein auffälliges Charakteristikum Platonischer Philosophie sind die zahlreichen Mythen und Gleichnisse, die jedoch keineswegs einen Rückfall in mythisches Denken bedeuten; sie dienen der Illustration, der Erläuterung oder der Ergänzung der Argumentation, nicht als deren Ersatz, und stehen nie im Widerspruch zu ihr.

 

Schwerpunkt seiner Philosophie ist die Ethik, Hauptanliegen der Nachweis der Möglichkeit gesicherten Wissens. Während die ethischen  Dispute des Sokrates sich überwiegend auf Probleme der Individualethik beziehen, rückt Platon den umgreifenden Aspekt der Sozialethik, den des politisch-sozialen  Handelns, in den Vordergrund, in dessen Kontext auch die  Frage nach der richtigen Erziehung und Bildung eine erhebliche Rolle spielt.

 

Platons Ideenlehre

Die Ideenlehre Platons dient dem Zweck, gegen den Subjektivismus und Relativismus der - Sophisten eine philosophische Basistheorie bereit zustellen, aus der sich die Möglichkeit objektiver Wahrheitserkenntnis  ergibt. Ausgangspunkt seiner Überlegungen hierzu ist die erkenntnistheoretische Grundannahme, dass Gleiches nur durch Gleiches erkannt wird, d. h. dass die Gegenstände der Erkenntnis dem Erkenntnisvermögen entsprechen (und umgekehrt), was insbesondere bedeutet, dass die Sicherheit der Erkenntnis von den jeweiligen Gegenständen abhängt, weshalb die sich verändernden Gegenstände der empirischen Welt niemals zu einem dauerhaft gesicherten Wissen führen können.

Damit nun ein solches möglich ist, postuliert  Platon  die  Existenz von  Ideen  als  Erkenntnisgegenstände besonderer Art, die (analog  zum  Seinsbegriff des  Parmenides)  als unveränderlich, ewig  und (im Gegensatz zur wandelbaren Sphäre der Empirie) als nicht der Wahrnehmung  zugänglich, sondern nur durch Vernunft erfassbar gesetzt werden. Wer diese Ideen erkennt (was Platon übrigens nie für sich in Anspruch genommen hat), verfügt über unwandelbares, auf Dauer gesichertes Wissen im Unterschied zur bloßen Meinung (Doxa), mit der sich die breite Masse zufrieden gibt und die für den gesamten Bereich der Wahrnehmungsurteile das Optimum an Erkenntnismöglichkeit darstellt. Ideen gibt es für die verschiedensten Erkenntnisbereiche: für Naturdinge (z. B. Bäume und  Tiere), für  künstlich  hergestellte  Gegenstände (z.  B. Tische), für ethisch-politische  Sachverhalte (z. B. Tugenden  und Staatsformen) und  nicht zuletzt für die Gegenstände  der Geometrie (z. B. Kreis und Dreieck).

Vor  allem in Bezug auf letztere,  nach  deren  Vorbild  Platon  offensichtlich seine Ideenlehre konzipiert hat, aber auch hinsichtlich  gesellschaftlicher  Gegebenheiten  erscheint es unmittelbar einsichtig, dass die empirischen Realisierungen niemals dem Ideal entsprechen, weshalb sie eine apriorische Konstruktion  von  Ideen  geradezu  herausfordern. Auf diese Weise gewinnt Platon mit seiner Ideenlehre zugleich ein kritisches Instrumentarium  gegenüber den herrschenden Zuständen von Moral, Tradition und Staat.

Um die Erkenntnismöglichkeit der Ideen plausibel zu machen, erzählt Platon einen Mythos, nach dem die als unsterblich angenommenen Seelen in ihrem vorgeburtlichen Zustand alle Ideen geschaut haben: durch die Geburt sei dieses Wissen verschüttet worden, man könne es aber durch Wiedererinnerung (Anamnesis) aktivieren;

Lernen ist für ihn nicht das Anfüllen einer Tabula rasa, sondern ein Voranschreiten in der Wiedererinnerung.  Erkenntnispsychologisch beginnt der Weg zur Erkenntnis der Ideen mit verschiedenen Wahrnehmungseindrücken derselben Art (z. B. von schönen Gegenständen oder Menschen), bis schließlich die umgreifende und einheitliche Idee des Schönen selbst aufscheint. Den erkenntnistheoretischen Weg beschreibt Platon als Stufenfolge von fünf Schritten:

1. Name bzw. Benennung;

2. Begriff oder Definition;

3. Abbild;

4. Einsicht und Wissenschaft;

5. nicht erzwingbares, plötzliches Aufleuchten der Idee.

Die letzte Stufe, die Ideenschau, ist nur erreichbar, nachdem man alle anderen durchlaufen hat, und sie ist nur dem zugänglich, der im Verein mit anderen eine lange Zeit hindurch eine philosophische Lebensform praktiziert hat.

 

Die Ontologie, die Theorie verschiedener Seinsarten und -bereiche, ergibt sich unmittelbar aus der Ideenlehre: An der Spitze der Seinshierarchie stehen die Ideen; nur sie sind im eigentlichen Sinn an sich und wahrhaft seiend; sie dienen der Sinnenwelt als Ur- oder Vorbilder. Die empirische Welt der körperlichen, wahrnehmbaren, vergänglichen Sinnendinge sieht Platon dagegen nicht als selbständig, sondern nur durch ihre Teilhabe an den Ideen als seiend an; sie existieren nur als Nachahmungen oder Abbilder der Ideen.

 

Dieser Aufteilung der Seinsbereiche entspricht die der Erkenntnisvermögen in Denken und Wahrnehmung. Die damit gegebene strenge und  unvermittelte Trennung von Seins- und Erkenntnisbereichen hebt Platon (z.T. wenigstens) auf, indem er in seinem Spätwerk „Timaios" den bestimmungsfreien Raum bzw. die qualitätslose Materie oder die (aus pythagoreischer .Tradition  übernommenen) idealen Zahlen als vermittelnde Instanzen zwischen Ideen und Sinnenwelt einführt und zwischen der den Ideen und dem Denken zugeordneten Wahrheit und der sich auf die empirische Welt beziehenden bloßen Meinung die richtige, die wahre Meinung einfügt.

 

Platons Ethik und Staatsphilosophie

Die Leitvorstellung allen individuellen und gesellschaftlichen  Handelns,  aber auch jeder theoretischen Bemühung ist die an der Spitze des Ideenkosmos stehende bzw. alle Ideen überragende Idee des Guten (die Platon übrigens an keiner Stelle inhaltlich näher bestimmt). Als Meta-ldee fällt ihr die Aufgabe zu, die Existenz der anderen Ideen und damit auch der gesamten Welt zu sichern, die Nützlichkeit der Ideen in Wissenschaften und Handlungen zu garantieren, den Missbrauch von Kenntnissen und Fähigkeiten zu verhindern sowie in konkreten Anwendungsfallen das angemessene Ziel-Mittel-Verhältnis auszuloten. Die in den Frühdialogen entwickelten Analysen zu verschiedenen sozialen Tugenden (Tapferkeit, Gerechtigkeit usw.) halten der (in Platons Augen völlig verdorbenen) gesellschaftlichen Praxis ein normatives Idealbild entgegen, das zugleich der Vorurteilskritik  und  der  Desillusionierung  verbreiteter Wertungen, vor allem der Meinungen der Sophisten und Politiker, dient.

 

Die im Dialog „Menon" vorgetragene These von der Lehrbarkeit der Tugend beruht auf der Voraussetzung, dass Tugend Wissen sei und niemand wider besseres Wissen handeln könne. Eine ähnliche Argumentationsfigur liegt seiner Ethik- und Politiktheorie  insgesamt zugrunde: Niemand, der über hinreichende Einsicht verfügt, kann sich aufgrund seines anthropologischen Selbstverständnisses als Vernunftwesen angesichts der Alternative, ein Leben der Vernunft oder der Unvernunft zu führen, für die Lebensform der Unvernunft entscheiden. Wichtigstes Erziehungs- und Bildungsziel ist daher die Aufklärung des Menschen über sich selbst. 

 

In dem sehr umfangreichen Werk „Der Staat" entwirft Platon eine umfassende Bildungs-, Gesellschafts- und Verfassungstheorie. Den Staat gliedert er in drei Stände (Klassen, Schichten):

 

1. Dem Herrscherstand der Wächter obliegt die Staatsführung; ihm wird ein Höchstmaß an Bildung in allen Wissensbereichen abverlangt; Platon erörtert ausführlich die Ausbildung der Wächter in Gymnastik und Musik (Dichtung, Musiklehre, Rhythmustheorie) sowie in den vier Pythagoreischen Wissenschaften, denen er noch die Stereometrie anfügt; erst mit Beginn des 50. Lebensjahres ist diese umfassende Bildung als Vorbereitung auf die Staatslenkung abgeschlossen.

 

2. Der Kriegerstand, eine Kombination aus Polizei  und  Militär, hat für die äußere und innere Sicherheit zu sorgen.

 

3. Der Erwerbsstand ist für Ernährung, Handel und Handwerk zuständig.

 

Diesen drei Ständen werden jeweils die Einsicht, die Tapferkeit und das Maßhalten als Tugenden zugeordnet; die vierte Kardinaltugend, die Gerechtigkeit, umgreift die anderen und somit auch alle Stände, indem sie den Zusammenhalt und das Verhältnis der Tugenden und Gesellschaftsschichten zueinander regelt. Für die beiden ersten Klassen postuliert Platon Güter-, Frauen- und Kindergemeinschaft, weil nur so, d. h. durch den völligen Verzicht auf Privateigentum und Privatansprüche, die größten Übel für den Staat, das Mehrhabenwollen und die daraus resultierenden Streitigkeiten vermieden werden könnten.

 

Aufgrund ihrer allseitigen Ausbildung, die nicht der bloßen Wissensvermittlung, sondern  durchgängig  der Hinführung zu den Ideen dient, erwerben die Wächter das Recht und die Pflicht, dem Staat als Philosophenkönige zu dienen, ein Amt, das Platon ausdrücklich auch für Frauen vorsieht. Im Kontext der Erörterungen zur Bildungstheorie formuliert Platon  eine  harsche  Dichterkritik. Er will die Dichter in seinem Staat nicht zulassen, weil und insofern sie

 

1. lügen, d. h. die Wahrheit weder kennen noch verbreiten,

2. Kinder und Jugendliche durch falsche Vorstellungen verführen und von der Erkenntnis der Ideen abhalten,

3. nicht die Ideen und auch nicht ihre Abbilder, sondern nur Abbilder von Abbildern (d. h. Artefakte) darstellen bzw. nachahmen.

 

Wie sein Lehrer Sokrates war Platon der Ansicht, dass Wahrheit nicht  gleichsam in Formeln gebracht und somit jederzeit situationsneutral weitergegeben werden könne, sondern in jeweils eigener, dabei aber nicht von unverzichtbar notwendigen Gesprächspartnern isolierter Aneignung zu erfahren sei. So sind seine Schriften stets Dialoge, in denen sich zwei oder mehrere Personen unterhalten. Dasjenige, worauf sich wahre Einsichten richten, liegt allerdings für Platon nicht im Bereich des Situationsabhängigen. Das Werdende und Vergehende ist vielmehr durch eine prinzipielle Kluft vom zeitlosen Bereich der Ideen getrennt, die als  tatsächliche Wesenheiten und als Urbilder der empirischen Dinge unabhängig von ihrem Gedachtwerden existieren.

 

Platons „Höhlengleichnis" findet sich in seinem Dialog „Politeia" („Der Staat"): Lebenslang in einer Höhle gefesselte Menschen sehen beständig im Feuerschein die Schatten von Dingen, die sie nicht sehen, und sie halten die Schatten für die Dinge selbst.  Diese aber sind ihrerseits nur Abbilder eines idealen Seins, dessen Bild wiederum die außerhalb der Höhle strahlende Sonne ist. Mit diesem Gleichnis beschreibt Platon den Weg der Erkenntnis zu den Ideen, die als Urbilder der Realität der Welt der realen Dinge übergeordnet sind. Die sichtbaren, realen Dinge sind diesen Ideen nachgebildet. Den abgebildeten Stich hat ein gelehrter Amsterdamer Humanist in Auftrag gegeben und im Konzept auch entworfen, wobei sich die wandelbare zeitgenössische Aktualisierbarkeit einprägsamer klassischer Bilder und Gleichnisse zeigt.  

 

Platons Naturphilosophie

Die Ursachenlehre und die Erklärung der Weltentstehung sind die  Hauptthemen der Naturphilosophie Platons. Als Ursachen, die für eine  vollständige Erklärung des Geschehens in der Welt herangezogen werden müssen, gibt er an:

1.  die  Materie,  aus  der  etwas  besteht; 

2.  die physikalische Ursache, die eine Wirkung herbeiführt;

3. den Zweck, den  ein Vorgang, ein Prozess erfüllen soll;

4. die Ideen, denen gemäß letztlich  alles Geschehen  in  der Welt vor sich geht.

Hiermit ist die (von Aristoteles ausführlicher erörterte) klassische Vier-Ursachen-Lehre grundgelegt: Material-, Wirk-, Zweck- und Formursache (Causa materialis, efficiens, finalis und formalis). Ursache im eigentlichen Sinn ist für Platon die Vorstellung des Besten, d. h. die Idee des Guten.  

Zur Erklärung der Weltentstehung bedient er sich der mythischen Darstellung: Ein Weltbaumeister (Demiurg) ordnet das ursprünglich gegebene Chaos zu einem Kosmos, d. h. zu einem wohlgeordneten einheitlichen Ganzen, und zwar in der Weise, dass er im steten Blick auf die Ideen aus dem vorgegebenen Material die schönst- und bestmögliche aller Welten zusammenfügt. Leibniz greift später diesen Gedanken auf. Es handelt sich hier nicht um eine Schöpfung aus dem Nichts (Creatio ex nihilo) - diese Vorstellung ist der gesamten griechischen Philosophie fremd, denn sowohl die Weltmaterie  als  auch  die  Ideen  sind  dem   Demiurgen vorgegeben.

Die Struktur der Welt erklärt Platon im Rückgriff auf die Vier-Elementen-Lehre des Empedokles, der er als Vorstufe immaterielle geometrische Gebilde, genauer: die fünf regulären Polyeder (Tetraeder, Oktaeder, Ikosaeder, Würfel, Dodekaeder, die später Platonische Körper genannt werden) voranstellt, die er dann auf zwei Urdreiecke zurückführt. Vor diesen  bestimmen die Zahlen und vor ihnen die Ideen den Aufbau der Welt, so dass sich folgende ontologische Hierarchie des Kosmos ergibt: Ideen, Zahlen, geometrische Körper, Elemente, konkrete Dinge. 

 

Aristoteles 

Grundzüge der Philosophie

Die Philosophie des Aristoteles ist thematisch außerordentlich breit und enzyklopädisch angelegt.  Sie  lässt  erstmals  in  der  Philosophiegeschichte eine Binnendifferenzierung erkennen, die in der Folge zur Etablierung separater Wissenschaftszweige führt (z. B. Psychologie, Logik, Zoologie). In allen Bereichen ist eine sorgfaltige, streng  durchgeführte  Methodik zu  erkennen, die konsequent mit den von Aristoteles einer Geschichtsschreibung ansehen, denn fast zu jeder Thematik zitiert, kritisiert und rekonstruiert er ausführlich die Theorien anderer Philosophen; damit ist sein Werk zugleich eine Fundgrube für die weitgehend  verlorenen  Schriften  der Vorsokratiker. 

 

Von Platon übernimmt er nur sprachphilosophische und logische Theorieansätze sowie die Annahme einer durchgängigen Zweckbestimmtheit (Teleologie) nicht nur des Handelns, sondern auch des Naturgeschehens. Die Ideenlehre lehnt er radikal ab; er bezeichnet sie als leere Worte und poetische Metaphern. An die Stelle der transzendenten Ideen setzt er die in den Dingen immanent wirkenden Formen als Grundprinzipien der Welt.

Ein weiterer bedeutsamer Unterschied zu Platon besteht im dezidierten Interesse des Aristoteles an der Einzelerforschung der Natur, dabei insbesondere an der Analyse und Erklärung des Problems der Veränderung und des Werdens, in dessen Kontext er die berühmten geschichtswirksamen Unterscheidungen von Materie und Form sowie von Akt und Potenz entwickelt.

 

Die griechischen Symposien waren abendliche Trinkgelage unter Männern. Bei diesen Anlässen wurde ein „Symposiarch" bestimmt, der  Gesprächsthemen (über deren Verhandlung es oft zum Streit kam) vorgab und entschied, in welchem Moment wie viel und in welchem Verhältnis von Wein und Wasser getrunken wurde. Oft wurde zweifellos über die (Knaben-)Liebe gesprochen, und um Eros, allerdings als daimonische, zwischen Göttlichem und Menschlichem vermittelnde Macht, geht es auch im

berühmtesten Werk des literarischen Genres des Symposion, nämlich in Platons Wiedergabe einer solchen Unterhaltung.

 

Nach einer eindrucksvollen Steigerung und Vertiefung der Überzeugungskraft aufeinander folgender Argumente erscheint Eros hier als Band, das den Kosmos zusammenhält, und als Bedingung der Erkenntnis der Idee des Schönen, die mit der höchsten Idee des Guten verschmilzt. Aus philosophischen Gründen

der Weltdeutung durch Mythen prinzipiell abgeneigt, fasst Platon im „Symposion" dennoch Auffassungen, die anders schwer darstellbar sind, in eine von Sokrates vorgetragene mythische Erzählung. So wird, durchaus dem Thema des Dialogs angemessen, auch die Poesie ins Recht gesetzt.

 

Logik und Sprachphilosophie

Die Schriften zur Logik fasst man unter dem Sammelbegriff Organen (Werkzeug) zusammen. Aristoteles größte Leistung auf dem Gebiet der Logik ist die Entdeckung der Schlusslehre, der Syllogistik, und damit verbunden die Einsicht, dass  bestimmte Schlüsse allein  aufgrund ihrer Form als gültig angesehen werden können.

 

Ein Syllogismus besteht aus zwei Vordersätzen (Prämissen) und einen Schlusssatz (Konklusion). Zum Beispiel:

 

Erste Prämisse: „Alle Menschen sind sterblich";

Zweite Prämisse: „Alle  Könige  sind  Menschen"; 

Konklusion:  „Alle Könige sind sterblich".

 

Dabei ist „Mensch" der Mittelbegriff, der in der Konklusion wegfällt. Die Folgerung ist notwendig wahr, wenn die Prämissen wahr sind. Syllogismen dieser Art nennt Aristoteles apodiktisch oder beweisend. Ist die Wahrheit der Prämissen nicht beweisbar, wie es in der ethischen und rhetorischen Argumentation in der Regel der Fall ist, so nennt er sie dialektische oder Wahrscheinlichkeitsschlüsse. Für das Grundproblem der Syllogistik, die Gewinnung der ersten, ihrerseits nicht ableitbaren wahren Aussagen, verweist Aristoteles auf unsere Fähigkeit, bei einfachen, unmittelbaren Wahrnehmungen etwas als etwas zu erkennen, z.  B. einen  Gegenstand  als den  Menschen  Kallias  zu  identifizieren  und  diese  Erkenntnisleistung als Wahrnehmungsurteil formulieren zu können.

 

In der Sprachphilosophie übernimmt Aristoteles von Platon die Bestimmung des wahrheitsfähigen Satzes als aus Subjekts- und Prädikatsausdruck bestehend. Darüber hinaus entwickelt er in der Kategorienschrift eine Theorie, nach der alle in Behauptungen möglichen Ausdrücke in die folgenden zehn Prädikationstypen (Kategorien) eingeteilt werden können:

 

Substanz, Quantität

Qualität

Relation

Ort

Zeit

Lage

Haben

Wirken

Leiden

 

Bei der Substanz unterscheidet er eine erste, die sich auf konkrete Einzeldinge bezieht, und eine zweite Substanz, die das Wesen (oder die Definition) einer Sache ausdrückt. Priorität hat (im Unterschied zu Platons Ontologie) die erste Substanz, weil ohne deren Vorhandensein alles andere weder existieren noch ausgesagt werden kann.

 

Aristoteles' Naturtheorie

Da Aristoteles die Natur als den Bereich derjenigen Dinge definiert, die in sich selbst das Prinzip (den Ursprung) der Bewegung und der Ruhe haben, worunter er nicht nur die physikalischen Körper, sondern auch die vier Elemente versteht, ergibt sich für ihn hier als primäres Problem, das Phänomen der Bewegung (gemeint ist damit nicht nur die Ortsbewegung, sondern jegliche Art der Veränderung) zu analysieren und zu erklären. Parmenides hatte behauptet, dass man „Bewegung" nicht denken

kann. Diese Auffassung widerlegt Aristoteles, indem er die Unterscheidung zwischen der Negation von Existenz und Prädikation einführt, die die Möglichkeit eröffnet, dass bei Aussagen über die Bewegung nicht die Existenz, sondern nur das Zukommen eines Prädikats negiert wird.

 

Somit erhält er folgende Analyse des Bewegungsvorgangs:

1. Es gibt etwas Beharrendes, den gesamten Bewegungsprozess Überdauerndes: die Materie (Stoff; Hyle);

 

2. zusätzlich gibt es zwei Formbestimmungen, nämlich

a. eine für den Beginn des Prozesses und b. eine für deren Ende. Da sich nach Aristoteles alle natürlichen Veränderungen ziel- und zweckgerichtet (teleologisch) vollziehen, ist das Anfangsstadium jeweils ein Noch-nicht, ein Fehlen, eine Beraubung (Privation) der endgültigen Bestimmung, das Endstadium dagegen markiert das Erreichen des Zieles (bzw.  Zwischenzieles). Anders formuliert: Der Beginn ist der Zustand der Möglichkeit (Dynamis; Potenz), der Abschluss der der Wirklichkeit (Energeia; Akt) bzw. der Verwirklichung (Entelechie). Aristoteles erläutert dies am Beispiel des Satzes „Ein Mensch wird gebildet", dessen vollständige Ausformulierung alle genannten Elemente erkennen lässt: Aus einem ungebildeten (Formbestimmung als Privation; Möglichkeit) Menschen (Materie) wird ein gebildeter (Formbestimmung als Ziel; Wirklichkeit) Mensch (Materie).

 

Um eine Einteilung der Wissenschaften in verschiedene Gebiete, wie sie von Aristoteles vorangetrieben wurde, bemühten sich zuvor schon Platon und die Sophisten. Sie hatten dabei vor allem die sinnvolle Lehrbarkeit der  Wissenschaft und Philosophie im Blick. In der Spätantike und im Mittelalter entwickelte sich dann der Disziplinenkanon der Artes liberales („freie Künste"), nach dem der Lehrstoff an Schulen und schließlich an Universitäten organisiert war. Diese Künste waren:

Grammatik
Rhetorik
Dialektik
Logik
Geometrie
Arithmetik
Musik
Astronomie.

Das Relief vom Glockenturm des Doms in Florenz steht in einer Folge von Darstellungen dieser Künste und zeigt die Philosophie oder speziell die Logik szenisch als erregten Disput zwischen Platon und Aristoteles. 

Die Metaphysik des Aristoteles

Aristoteles kennt keine transzendenten Wesenheiten wie die Idee. Den platonischen Dualismus von Idee und realem Gegenstand will er überwinden. Für ihn liegt das Wesen der Dinge in  ihnen  selbst, wobei  dieses Wesen  nur der Möglichkeit nach in den Dingen angelegt ist. Durch eine konkrete Form gewinnt dieses Wesen Aktualität, d. h. im Gegenstand verbinden sich Stoff und Form zu einer Einheit. Als Seinsarten unterscheidet er Belebtes und Unbelebtes und differenziert das Belebte nach unterschiedlichen Seelenfähigkeiten  in  Pflanzen  (Ernährungs- und Wachstumsfähigkeit), Tiere (außerdem Bewegungs- und  Wahrnehmungsfähigkeit) und Menschen (dazu die Denkfähigkeit).

Die Metaphysik, die allgemeine Weisheitslehre oder erste Philosophie, ist die Grundlagentheorie der ersten Ursachen und Prinzipien des Seins und des Denkens (Erkennens). In Bezug auf das Sein erörtert Aristoteles die (von Platon her bekannte) Vier-Ursachen-Lehre und die allgemeinsten Eigenschaften des Seienden, wie

Einheit
Identität
Substanzialität
Möglichkeit
Wirklichkeit
Materialität
Formbestimmtheit;

diese Grundbestimmungen  sind  zugleich  Eigenschaften der Dinge und Prinzipien des Denkens. 

 

Wenn man die Kette der Ursachen im Weltgeschehen immer weiter verfolgt, so gerät man in die Gefahr des methodisch nicht akzeptierbaren unendlichen Regresses. Um diesen zu vermeiden, postuliert Aristoteles  die  Existenz »eines Wesens, das Ursache für alles andere, selbst aber nicht verursacht ist: den unbewegten Beweger. Er ist ewig, unveränderlich, unbewegt, Gegenstand des Strebens (und dadurch Bewegung auslösend), reine Aktualität (ohne Potentialität),  immateriell,  Vernunft.   Es   handelt  sich um ein philosophisches Grundprinzip der Welterklärung, das Aristoteles zwar Gott nennt, das aber nicht die Welt erschaffen hat und lenkt oder irgendwie an ihr Anteil nimmt.  

 

Aristoteles war zwanzig Jahre lang Mitglied in Platons Akademie und anschließend Lehrer von Alexander dem Großen, bevor er in Athen eine eigene Philosophenschule gründete. An Platons Philosophie kritisiert er die unüberwindbare Kluft zwischen Idee und Erfahrungswelt, zwischen Wesen und realem Gegenstand. Für ihn liegt das Wesen der Dinge in ihnen selbst und nicht in einer transzendenten Idee von ihnen. Die platonische Theorie von der Ideenschau ist für ihn die Kenntnis des Allgemeinen, die eine Ergänzung der Erfahrung als Kenntnis des Einzelnen darstellt. Aristoteles gilt als großer Systematiker der Philosophie. Die Vielfalt der Erscheinungen zu ordnen und zu klassifizieren war ein wichtiges Anliegen seiner Schule. 

Die Ethik und Staatsphilosophie

Die Ethik des Aristoteles ist eine Glücks- und Tugend-Ethik. Ausgehend  von  der Tatsache, dass allem (theoretischen, praktischen und politischen)  Handeln eine Zielvorstellung zugrunde liegt, die als Leitidee die jeweilige Tätigkeit bestimmt, definiert er das Gute als das Ziel des Handelns (nicht, wie Platon, als transzendente Größe). Die Frage nach einem alle einzelnen Handlungsziele umgreifenden, allgemeinen Guten führt ihn zur Einteilung von Handlungen in solche, die wir um weiterer Ziele willen verfolgen, und solche, die wir nur um ihrer selbst willen vollziehen. Nur letztere können als allgemeine Handlungszwecke dienen, und nur das Glück, die Glückseligkeit (die Eudaimonie) erfüllt die Bedingungen eines höchsten, um keines anderen guten Willen angestrebten Ziels. Die inhaltliche Bestimmung des Glücks findet Aristoteles, indem er nach den für den Menschen als Mensch spezifischen Tätigkeiten und Fähigkeiten fragt; sie liegen  in  besonderen, über die Tierwelt hinausragenden Seelenveranlagungen.

Somit ergibt sich als Definition der Glückseligkeit: Sie  ist eine Tätigkeit der (menschlichen) Seele aufgrund der ihr spezifischen Befähigung, nämlich der Vernunft. Dabei vergisst Aristoteles  nicht, darauf hinzuweisen, dass ein Mindestmaß an äußeren Glücksgütern (wie Besitz und Gesundheit) für die Erreichung des vollkommenen Glücks unerlässlich ist.

Die Vernunfttätigkeit kann sich auf den Bereich des praktischen Handelns oder auf den der Theorie beziehen, so dass sich eine Zweiteilung der Tugenden in ethische und dianoetische ergibt. Die ethischen Tugenden (neben den vier Kardinaltugenden analysiert Aristoteles eine ganze Reihe weiterer praxisbezogener Verhaltensweisen) bestehen in der Einhaltung der rechten Mitte zwischen zwei Extremen, bei der Tapferkeit z. B. in der Mitte zwischen Feigheit und Draufgängertum. Unter den dianoetischen, den Verstandes-Tugenden, versteht er die fünf Arten wissenschaftlicher Tätigkeit, weshalb er diese auch  in seiner Nikomachischen Ethik diskutiert; sie werden nicht durch einen Mittelwert, sondern durch das jeweils erreichbare Optimum definiert. 

Seine Staatsphilosophie ist im Gegensatz zum Platonischen Idealstaat, dessen Güter- und Frauengemeinschaft Aristoteles dezidiert ablehnt, pragmatisch konzipiert. Auch er erörtert ausführlich Erziehungsprobleme, insbesondere die musische Bildung, widmet aber einen großen Teil seiner Politica,  Fragen der Ökonomik, der Bürgerrechte sowie der Ämter- und Behördeneinteilung. Als Elemente der Staatsgewalt unterscheidet er die neuzeitliche Gewaltenteilung  antizipierend,  Legislative,  Exekutive und Gerichtsbarkeit. Den Staat bestimmt er von seinem ethischen Ziel her als autarke und autonome Gemeinschaft von Gleichen zum Zweck des bestmöglichen Lebens, d. h. zur Ermöglichung der Eudaimonie der Bürger.

 

Die beste Staats- oder Verfassungsform, d. h. die für die meisten Menschen zuträglichste mit der geringsten Gefahr des Missbrauchs für egoistische Zwecke, sieht er ebenfalls unter pragmatischer Perspektive und unter Anwendung des Prinzips der Mitte in einer Mischform aus Demokratie und Oligarchie, in der extreme Armut und übermäßiger Reichtum vermieden und der mittleren Bürgerschicht die meisten Rechte eingeräumt werden.

 

Die Stoa ist eine öffentliche Wandelhalle, die man in der Antike an Kultbauten und großen Platzanlagen findet. Die damals bekannteste Wandelhalle Athens war die „Stoa Poikile" („Bunte Halle"), die mit vielen Gemälden berühmter Maler geschmückt war und zum Treffpunkt der nach ihr benannten stoischen Philosophenschule wurde. Da die Gründer der stoischen Schule nicht genügend Geld besaßen, um Grundstücke zu erwerben, nutzten sie dieses öffentliche Gebäude für den Unterricht. Nach Auffassung der Stoiker ist die gesamte Natur vom göttlichen Vernunftprinzip durchdrungen. Nur wer im Einklang mit diesem Prinzip lebt, kann Glückseligkeit erlangen. Das Leben in Übereinstimmung mit sich selbst und der Natur erreicht der Mensch, indem er sich freimacht von Affekten (Furcht, Begierde), die die erstrebte Gemütsruhe stören. Die Freiheit von solchen Affekten - die Apathie (Leidenschaftslosigkeit) - gehört zu den höchsten Idealen der Stoiker.

 

 

Die Philosophie des Hellenismus

Zusammen mit der von Platon gegründeten Akademie und der von Aristoteles gegründeten peripatetischen Schule bilden der Garten Epikurs und die Stoa die vier großen antiken Philosophenschulen. Daneben gibt es noch einige andere Schulen, wie z. B. die der Kyniker, die auf den Sokrates-Schüler Antisthenes oder auf den Pythagoreer Diodoros von Aspendos zurückgeht. Wegen seines schamlos-provozierenden Auftretens gab man Diodoros den Beinamen „kyon" (Hund), wonach die Schule benannt ist. Aber

erst mit Diogenes von Sinope etabliert sich die Schule und erhält sich bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. Kennzeichnend für den Kynismus ist die beißende, zynische Kritik an Sitten, Institutionen und religiösen Meinungen sowie der Rückzug in die private, von gesellschaftlichen Zwängen freie, mit den eigenen Überzeugungen übereinstimmende Lebensform.

 

Oberstes Lebensziel ist das Glück, das man erlangt durch Vermeidung von Unglück, und ein Leben der Selbstverwirklichung, verstanden als ein Leben nach der Maxime „Zurück zur Natur" und damit als Autarkie gegenüber herrschenden Vorstellungen von äußeren Glücksgütern wie Ehre, Reichtum und Gesundheit. Ermöglicht wird diese Einstellung durch Ausbildung der Vernunftfähigkeit, Bedürfnisreduzierung (Askese) und Vermeidung der Hauptursachen des Unglücks, nämlich Unwissenheit, Luxusstreben und unreflektiertes Ausleben der Begierden.

 

Epikur gründet seine Schule um 307 v. Chr. In Athen in Konkurrenz zur Akademie und zum Peripatos, der Schule des Aristoteles. Auch der Epikureismus ist eine individuelle eudaimonistische Philosophie. Das Glück besteht in einem Leben der Freude und Lust und in der Abwesenheit von Schmerz und Unruhe. Grundbedingung dafür ist die Ataraxie, die unbeirrbare Gemütsruhe, die vor allem durch philosophische Einsicht und ein zurückgezogenes Leben erreicht wird; der verbreitete Vorwurf der ausschweifenden Zügellosigkeit ist unberechtigt. Das Verstehen der Zusammenhänge und Ablaufe der Natur vermittelt nicht nur theoretische Kenntnisse, sondern vor allem auch praktische Aufklärung, die von der Furcht vor den Göttern und vor dem Tod befreit.

 

Nach Epikurs Erkenntnistheorie, die auf den Atomismus und auf die Wahrnehmungslehre Demokrits zurückgeht, kommen Sinneseindrücke durch Ausfluss aus den Gegenständen, die aus Atomen zusammengesetzt sind, zustande. Auch die menschliche Seele, die mit dem Tod vergeht, besteht aus Atomen. Götter werden als unvergängliche Atomkonstellationen aufgefasst  Zenon von Kition gründet um 300 v. Chr. in der Stoa Poikile, einer bunt ausgemalten Wandelhalle in Athen, die Stoiker-Schule, die bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts  n. Chr. fortbesteht.

 

Das Prinzip der Lust, das die Grundlage des Glücks bildet, definiert Epikur als Abwesenheit von körperlichem und seelischem Schmerz. Das Ideal der epikureischen Philosophie besteht in einem einfachen Leben, das es dem Menschen ermöglicht, grundlegende Bedürfnisse zu befriedigen und schweren Schicksalsschlagen mit Gleichmut zu begegnen. Die von Epikur gepriesene Lust hat allerdings nichts zu tun mit Sinneslust und Schwelgerei. Der Mensch soll auch Erlebnisse vermeiden, die zwar ein momentanes Glück garantieren, jedoch Schmerz und Unglück zur Folge haben könnten.

 

Die frühe Stoa zeigt starke Affinitäten zum Kynismus und sieht sich wie dieser in der Nachfolge des Sokrates und in kritischer, zum Teil polemischer Opposition zur Akademie und zum Peripatos. Wie Sokrates versucht auch Zenon, in einer Welt der vor allem durch den Skeptizismus der Sophisten verursachten erkenntnistheoretischen Verunsicherung und der politisch-gesellschaftlichen Instabilität ein Denkgebäude zu entwerfen, das  theoretische Sicherheit und praktische Verlässlichkeit gewährleistet.

 

Sein Hauptanliegen ist es, ein  philosophisches System  individueller Lebenshilfe und, im Unterschied zu Epikureern und Kynikern, politischer Festigkeit zu entwerfen.  Das  Glück, zugleich  das  Ziel  des  Menschen, besteht darin, ein Leben der Übereinstimmung mit sich selbst und mit der Natur zu führen, und dies erreicht man, indem man die Gesetze der Natur erforscht und sich konsequent an der Vernunfterkenntnis orientiert, falsche Vorurteile und Neigungen sowie das Streben nach bloß äußeren Gütern überwindet und nur die Tugend als Richtschnur des Handelns zulässt.  Grundlage der Erkenntnis ist die Wahrnehmung, die untrüglich wahre Vorstellungen liefert, von denen aus mit Hilfe der Logik weitere sichere Schlussfolgerungen möglich sind. Die Welt, den Kosmos, deutet er als einheitlichen,  lebendigen  Organismus,  der vom Feuer als allgemeinem Weltprinzip und vom göttlichen Pneuma (Lufthauch, Atem) des Logos völlig durchwaltet und durch göttliche Fügung oder Vorsehung in seiner Entwicklung gänzlich determiniert ist.

 

Da der allgemeine Welt-Logos auch das politische Leben bestimmt, ergibt sich von hier aus zwangsläufig für die Staatstheorie eine Überwindung des griechischen Polis-Denkens und eine Ausweitung des Blickfeldes zum Kosmopolitismus. Chrysipp gilt, weil er die philosophische Position neu formulierte und systematisierte, als zweiter Begründer der Stoa. Sein Interessenschwerpunkt ist die Dialektik, verstanden als logische und argumentationstheoretische Grundlagenwissenschaft, die neben der formalen Logik die Sprach- und Semantiktheorie, die Definitionslehre, die Erkenntnistheorie und die Rhetorik umfasst. Die berühmte Stoische Logik geht im wesentlichen auf ihn zurück.

In  der Erkenntnistheorie verbindet er Empirismus und Rationalismus: Ausgehend vom (möglicherweise trügerischen) Sinneseindruck, aus dem der. vernunftbegabte Seelenteil eine Vorstellung (Phantasia) entwickelt, entsteht Wahrheit und Erkenntnis, aber erst dann, wenn diese Vorstellung von der Vernunft selbst überprüft worden ist.

 

Mit Hilfe des Gedächtnisses, des Vergleichungs- und des Abstraktionsvermögens bilden wir aus den geprüften Vorstellungen Erfahrungserkenntnisse, die zu Definitionen und Begriffen führen.  Die stoische Grundmaxime der Übereinstimmung mit der Natur bezieht Chrysipp unmittelbar auf die Vernunftnatur des Menschen. Obwohl der Mensch grundsätzlich dem alles determinierenden Welt-Logos unterworfen ist, hat er doch die Möglichkeit, sich durch freie Willensentscheidung eine autarke Selbstbestimmung zu bewahren.

 

Wie die anderen Stoiker unterteilte er die Wissenschaft in Physik, Ethik und Logik und sah alle Natur von einem vernünftigen Prinzip hervorgebracht In zahlreichen Schriften systematisierte er die Thesen seiner Vorgänger. Sehr eindrucksvoll zeigt die Statue den individualisierenden Realismus der hellenistischen Kunst. Ein Moment der Konzentration ist wiedergegeben, suggestiv besonders im Blick und der „sprechenden" Hand, ohne dass das Überindividuell-typische der Haltung, der gewissermaßen allgemeinen Formel eines denkenden Menschen, vernachlässigt wäre. Diese auch auf eine Situation des

Lehrens vor Zuhörern zu beziehende Formel bürgerte sich für  Philosophendarstellungen ein; wenn sich später bestimmte römische Kaiser so porträtieren ließen, unterstrichen sie ihren Anspruch als Philosophenkaiser

Mit Panaitios, dem  Begründer der mittleren Stoa, beginnt die Orientierung der griechischen  Philosophie am römischen Weltreich-Denken. Er befasst sich weniger mit Dialektik und Physik, den Schwerpunkten seiner Vorgänger, sondern vor allem mit Problemen der Ethik, und dies  insbesondere unter pragmatischen und politischen Aspekten. Er lehnt den ethischen Rigorismus der Stoa mit Askese und Triebunterdrückung ab und bewertet die Lust sowie den Besitz äußerer Güter positiv. Im Gegensatz zum bisher vorherrschenden Ideal des weltfremden stoischen Weisen entwickelt er eine praxisbezogene politische Pflichtenlehre, mit der er bei der politischen und intellektuellen Elite Roms (Cicero, Scipio) großen Anklang findet.

 

Bewahrung des Griechischen

Die Philosophie der römischen Antike orientiert sich ohne  nennenswerte Originalität weitgehend an der griechischen und tritt nicht in der Form kontinuierlicher Schulbildung auf. Wirkungsgeschichtlich besteht ihr Hauptverdienst darin,  dem  römischen  Weltreich  philosophisches Denken vermittelt und eine lateinische Fachsprache der Philosophie entwickelt zu haben, die die Basis der Verbreitung der Philosophie im Mittelalter wurde.

Lukrez schreibt ein Lehrgedicht über die Natur der Dinge, in dem er die Lehre Epikurs mit dem Atomismus Demokrits verbindet. Das ganze Werk durchzieht das Anliegen, die Naturprozesse durchgängig rational zu erklären, um auf diese Weise die Menschen von Todesangst, Götter- und Priesterfurcht zu befreien.

 

Cicero verbindet in seinem Werk verschiedene philosophische Richtungen der Antike. In der Erkenntnistheorie schließt er sich der skeptischen Variante der Akademie an, in Ethik, Anthropologie und Theologie der Stoa. Ihm verdankt die griechische Philosophie die Anerkennung bei den Römern, die dem philosophischen Denken eher ablehnend gegenüberstehen. Er verdient vor allem als Übersetzer und Vermittler griechischer Philosophie Beachtung.  Die griechischen Theorien zur Ethik und Staatsphilosophie übertragt er auf das römische Imperium. Als reflektierter und zugleich pragmatischer Politiker sieht er das Lebensideal in einer Synthese von Philosophie und Rhetorik, und zwar stets im Dienst des Staates, den er als Zusammenschluss auf der Grundlage einer Rechtsvereinbarung und einer Gemeinsamkeit von Interessen definiert. Um den Missbrauch der Rhetorik zu verhindern, verlangt er vom Redner nicht nur rhetorisches Können, sondern vor allem auch moralische Dignität. In der Erkenntnistheorie negiert er die Möglichkeit absolut  gesicherten  Wissens  und  spricht sich  konsequenterweise  gegen  jede  Art  von Dogmatismus aus, verlangt aber stets die genaue Prüfung des eigenen Urteils durch sorgfältiges Abwägen  aller möglichen  Gegenargumente 

Seneca, ebenfalls aktiv an der Politik Roms beteiligt,  Lehrer  und  Erzieher Neros,  auf  dessen Befehl er später Suizid begeht, lehnt den Atomismus dezidiert ab und orientiert sich vor allem an der alten Stoa, dem Kynismus und dem Epikureismus. Hauptanliegen  seiner Philosophie ist die  lebenspraktische, zum Teil  recht volkstümlich vorgetragene Ethik auf der Grundlage der stoischen Güterlehre. Als  Lebensziel propagiert er das Ideal des unerschütterlichen stoischen Weisen, der sich insbesondere durch  Beherrschung der Leidenschaften und Gefasstheit gegenüber dem Tod  auszeichnet. Wie Lukrez stellt er die Erforschung der Natur in den Dienst von Aufklärung und Ethik. 

Marc Aurel, der „Philosoph auf dem Kaiserthron",  folgt weitgehend  der  stoischen  Ethik und Staatsphilosophie. Seine Verknüpfung von Ethik und Religion führt zu der These, dass Unvernünftigkeit mit Ungehorsam gegenüber Gott gleichzusetzen sei. Aus der Vernunftidentität aller Menschen  leitet er ein  kosmopolitisches Staatsideal ab, das zugleich  die ideologische  Legitimationsinstanz des  römischen  Herrschaftsanspruches bildet. 

Die Spätantike

Mit dem Neuplatonismus (3.-6. Jahhundert), der bis zur Wiederentdeckung der Aristotelischen Schriften im Mittelalter zur beherrschenden geistigen Macht wird und die anderen philosophischen Schulen und Richtungen fast völlig verdrängt, erfährt die antike Philosophie eine grundlegende Erneuerung. Sein Begründer Plotin entwirft in der Hypostasen-Lehre ein alle Bereiche des Seins und des Denkens umfassendes einheitliches Erklärungsmodell, das im Anschluss an Platons Ontologie, aber mit nicht unerheblichen Veränderungen die Welt in die hierarchisch geordneten Seinsstufen (Hypostasen = Grundlagen, Stützen des Seins) Eins, Geist und Seele aufgliedert. Die niedere Stufe geht jeweils durch Emanation (Ausfließen) bzw. Ausstrahlung aus der höheren hervor,  ohne  dass  die  höhere  dadurch  eine Seinsminderung erfährt:

1. Grund und Ursprung alles Seienden ist das Eine, das Ur-Eine, auch als das Gute oder das Göttliche bezeichnet; es existiert jenseits allen Seins und Denkens, ist unkörperlich und eigenschaftslos;

2. die Weltvernunft oder der Geist (Nus) bildet den Ort der Vielheit und der Ideen und damit des wahrhaft Seienden;

3. die Seele ist teils als allgemeine Welt-, teils als individuelle Menschen-, Tier-  oder  Pflanzenseele  konzipiert;  dadurch, dass sie die gesamte Welt durchwirkt, gestaltet sie den Kosmos zu einem einheitlichen Organismus. Es folgen die unvollkommenen Hypostasen der Körperwelt, der konkreten Dinge, die Plotin ontologisch abwertet, indem er die Materie als das Böse qualifiziert; hiermit legt er den Grund für eine lange Tradition der Leibfeindlichkeit. Das höchste ethische und geistige Ziel des Menschen besteht im überrationalen Einswerden mit dem Ur-Einen, einer Art Unio mystica (mystischen Vereinigung), deren Voraussetzung eine nur durch strenge Askese erreichbare Loslösung von allem Körperlichen ist. Boethius betrachtet wie auch viele Neuplatoniker die Philosophie Platons und Aristoteles' als eine Einheit und sieht seine Aufgabe hauptsächlich darin, deren Werke ins Lateinische zu übersetzen und zu kommentieren.

Mit seinen Schriften zum Organen des Aristoteles wird er zum Vermittler der antiken Logik für die mittelalterliche Philosophie. Nach seiner Verurteilung wegen Hochverrats durch Theoderich verfasst er im Kerker die Schrift „Trost der Philosophie", in der er alle  irdischen  Güter als wertlos  bezeichnet und Gott als das höchste Gut preist.

 

Quellen: Herausgb. Peter Delius, Autoren: Christoph Delius und Matthias Gatzemeier, Deniz Sertcan,Kathleen Wünscher;  Könemann Verlagsgesellschaft m.b.H, Bonner Straße 126, D-50968; 2000