| Literaturepochen | Die Zeit des Barock (1600-1750) |
Der (das) Barock als Epoche umfasst grob gesprochen das 17. Jh. Er deckt sich nicht mit dem Stilbegriff Barock, der im Sprachkunstwerk Formenreichtum und -fülle bedeutet (Antithetik, Häufung, Pointierung, Wortspiele, Gleichnisse). Viele, aber nicht alle Dichter, die in der Epoche geschrieben haben, bedienen sich dieser Stilelemente. (Sie fehlen z. B. bei der gesamten Volksdichtung.) Der Barockstil im engeren Sinne ist auf ausländische Einflüsse zurückzuführen, besonders auf die aus dem Romanischen (aus Italien, Spanien, Portugal, Frankreich); daraus erklärt sich seine besonders nachhaltige Wirkung auf die Kunst Österreichs und des südlichen Deutschlands.
Eine enge Verbindung besteht zur vorausgehenden Epoche. Zunächst wird noch die neulateinische Dichtung gepflegt. Im protestantischen Nord- und Mitteldeutschland verliert diese schnell an Boden zugunsten der deutschsprachigen, während sie sich im katholischen Bayern und Österreich noch lange hält (Jesuitendrama). MystikIm Anschluss an die Mystik des 16. Jh. s entstanden aus dem Wunsch nach dem »wahren Christentum« geheime Bruderschaften (z. B. die Rosenkreuzer). Mittelpunkt der Bewegung wurden Schlesien und die Oberlausitz, wo die Wiedertäufer und Sozianer wirkten (Sekten, die sich gegen Riten und Glaubensgrundsätze der christlichen Hauptreligionen wehrten, gegen die Taufe Unmündiger bzw. gegen die Dreieinigkeit). Hier schrieb der Schuster Jakob Böhme (1612) seine »Aurora«, Gesichte, die den Sinn des menschlichen Lebens und des Kampfes zwischen Gut und Böse erklären wollten. Für die Literaturgeschichte wurde Böhme bedeutend, weil er sich um die »Natursprache« bemühte, die in seinen Augen durch den Sündenfall verlorengegangen war. Er meint damit den Symbolgehalt der Dinge. »Denn an der äußerlichen Gestaltnis aller Kreaturen, an ihrem Trieb und Begierde, item [ebenso] an ihrem ausgehenden Hall, Stimme und Sprache, kennet man den verborgenen Geist, denn die Natur hat jedem Dinge seine Sprach (nach Essenz und Gestaltnis) gegeben, denn aus der Essenz urständet die Sprache oder der Hall . . , Ein jedes Ding hat seinen Mund zur Offenbarung. Und das ist die Natursprache, daraus jedes Ding aus seiner Eigenschaft redet und sich immer selber offenbaret und darstellet, wozu es gut und nütz sei« (»De signatura rerum«). Der Mensch kann auf den Grund der Dinge sehen durch göttliche Eingebung, durch Imagination und Inspiration. »Gott hat mir das Wissen gegeben. Nicht ich, der ich der Ich bin, weiß es, sondern Gott weiß es in mir.« Im Sinne der modernen Tiefenpsychologie würde man von Aktivierung des »Unbewussten« sprechen (C. G. Jung). Böhmes Erfahrungen und Vorstellungen verbreiteten sich in ganz Schlesien, Sachsen, der Lausitz und Böhmen, obwohl er selbst kaum etwas dazu beigetragen hat. Es bildeten sich Zirkel aus allen Gesellschaftsschichten, die seine Gedanken pflegten und durch »Theosophische Sendbriefe« miteinander Verbindung hatten. Über diese Mittlerschaft gehen sie in die Dichtung über. Besondere Breitenwirkung hatten die Sinngedichte des
»Cherubinischen Wandersmann« (Angelus Silesius).
Die geistige Grundlage des Barock ist trotz aller Verbindung völlig anders als die der Renaissance. Nicht mehr Optimismus, sondern Pessimismus prägt das Lebensgefühl. Die Zeitereignisse (Dreißigjähriger Krieg) haben den mittelalterlichen Dualismus zwischen Diesseits und Jenseits wiederbelebt und zu einer vertieften Frömmigkeit geführt, deren Hauptelement die Vergänglichkeitsstimmung ist, die
Vanitas-Skepsis: »Vanitas, vanitatum, et omnia vanitas/Es ist alles gäntz
eytel« (Gryphius). Die Dichtungstheorie .... der Zeit ist niedergelegt in den Poetiken, deren wichtigste das »Buch von der Deutschen Poeterey« von Martin Opitz (1624) ist; dieses Werk fördert und rechtfertigt gleichzeitig die deutschsprachige Dichtung. Voraussetzung für jede Dichtung war im Barock die Kenntnis der Poetik, die ihrerseits von der -> Rhetorik (s. Bd. 6) abhing, von der sie die Anweisungen für Inhalt, Argumentation und Stil nahm. »Diesem nach ist die Poeterey und Redekunst miteinander verbrüdert und verschwestert / verbunden und verknüpfet/dass keine sonder die andere gelehret/erlernet/getrieben und geübet werden kann« (Harsdörfer »Poetischer Trichter«, 1653). In beiden geht es um verba und res (Wörter und Sachen). Sachen sind das, was wir heute Themen nennen. Damals waren diese eng mit den Gattungen verbunden, denn bestimmte Stoffe durfte man nach den Gesetzen der Poetik und Rhetorik nur in bestimmten Gattungen behandeln. Das Wesentliche war jedoch nicht das Thema, sondern die Formulierung: die Auswahl der Wörter und Figuren. Die Poetik setzt sich wie die Rhetorik zusammen aus der Lehre von der Invention (Erfindung), der Disposition (Sachen und Gattungen) und der Elokution Sprache und Stil Da man die Poesie für lernbar und lehrbar hielt, wurden den Poetiken noch Reimlexika angefügt und Sammlungen von Sentenzen antiker Autoren, in Latein und in Übersetzung, angereichert mit allegorischen und mythologischen Blütenlesen. Zu negativem Ruhm gekommen ist die Poetik von Georg Philipp Harsdörfer: »Poetischer Trichter/Die Teutsche Dicht- und Reimkunst/ohne Behuf der lateinischen Sprache/in VI Stunden einzugießen.« Der Dichter entnimmt seine Themen und Motive den Lehrbüchern; seine eigene künstlerische Leistung liegt in der Variation der Benennung, in der Vielgestaltigkeit (Amplifikation) des Formalen. Er beschreibt also nicht, sondern umschreibt, erweitert und beleuchtet von verschiedenen Seiten. Das führt zu einer Schreibweise, die wir heute als überladen und schwülstig empfinden, wenn wir nicht beachten, dass sie aus einem anderen Kunstwollen stammt. Martin Opitz umschreibt z. B. die Sterne: Ihr Fackeln dieser Welt/ jhr ewig brennend
Fewer/ Einer Dichtung, die auf der Nachahmung von Gedankengängen und Redewendungen aufgebaut ist, muss der Begriff des Plagiats (des Diebstahls fremder Einfälle) fremd sein. Inhalt und davon abhängige Gattungen bestimmen die Stilebene. Es gibt den hohen Stil für den Hof und die Geschichten von Göttern, Helden, Königen (Tragödie), den niederen für Bauern und Bedienstete (Komödie) und dazwischen einen mittleren Stil für die Bürger (Gesellschafts- und Kirchenlied). Eine wichtige Rolle spielt im Barock die Emblematik, die »Sinnbildkunst« (Harsdörffer). Sie geht aus von der 1531 in Augsburg gedruckten lateinischen Emblemsammlung des italienischen Rechtsgelehrten Andrea Aiciati. Die Embleme bestehen aus einem Holzschnitt (Imago oder Pictura), das Pflanze, Tier oder Szene aus dem Menschenleben, der Mythologie oder Bibel darstellt, mit einer Überschrift (Lemma). Ein Epigramm (Subscriptio) erklärt die tiefere Bedeutung des Bildes. Dem Werk Aiciatis folgte eine Flut von ähnlichen Sammlungen, die neue Embleme fanden und bekannte abwandelten. Ein Emblem, das sich bis in unsere Zeit erhalten hat, ist "Die Krokodilsträne", noch heute Sinnbild für geheuchelten Schmerz. Die Emblematik wird im Barock zur Mode. Neu entstehen Widmungsembleme, die Wesen und Leistung eines Freundes wiedergeben und Titelembleme, die den Inhalt eines Werkes symbolhaft vorausdeuten. Das Barockdrama hat oft zwei Titel, der erste bestimmt den Inhalt, der zweite erklärt die Idee, sie verhalten sich wie Pictura und Subscriptio
Devorat, et deplorat Da der Barock eine eigenständige deutsche Kunstrichtung anstrebte, bemühte er sich um eine Literatursprache. Diese musste sich sowohl vom Lateinischen als auch von der Umgangssprache abheben. Es bildeten sich Sprachgesellschaften nach Muster der italienischen »Accademia della Crusca«, als erste in Weimar die »Fruchtbringende Gesellschaft« (später Palmenorden genannt) um den Fürsten Ludwig von Anhalt-Cöthen. Ihr Motto hieß »Alles zum Nutzen «, ihr Sinnbild war die Kokospalme, die dem Menschen alles gibt, was er braucht. Neben einer nützlichen und verträglichen Handlungsweise wurde von den Mitgliedern die Pflege der hochdeutschen Sprache verlangt. Die Werke der Mitglieder waren gegen ungesetzlichen Nachdruck geschützt. Bedeutende Sprachgelehrte gehörten der »Fruchtbringenden« an; sie veröffentlichten eine deutsche Sprach- und Rechtschreiblehre. Einige damals eingedeutschte grammatikalische Ausdrücke sind noch heute in Gebrauch: Zeitwort, Mit- und Selbstlaut u. a. Die Reinigung der Sprache von Fremdwörtern führte zu Übertreibungen, die schon damals belächelt wurden (Fenster = Tageleuchter; Poet = Dichtmeister), aber auch zu Formulierungen, die sich durchgesetzt haben (Adresse = Anschrift; .Kontrakt = Vertrag; Moment = Augenblick). Die bevorzugten Gattungen des Barock sind solche, die sich durch Formenreichtum und -strenge auszeichnen. Das "Sonett" ist die beliebteste in der Lyrik. Es verlangt mit der Reimgleichheit der beiden Quartette und der Gebundenheit der Terzette eine außerordentliche Beherrschtheit und Treffsicherheit der poetischen Mittel. Das Sonett erreicht nach unserer heutigen Meinung seine höchste Ausformung bei Gryphius, dessen Gedichte von der Vergänglichkeitsidee beherrscht sind; dem Geschmack der Zeitgenossen entsprachen mehr galante Dichter (Hofmann von Hofmannswaldau). Drei Arten des Romans blühen auf: der Schäferroman in Anlehnung an antike Hirtenromane (Opitz, »Schaefferey von der Nimphen Hercinie«); der heroische Roman, der Idealmenschen aus dem Kreis der Fürsten und Heerführer darstellt (Zesen, »Adriatische Banise«); der Schelmen- oder Picaroroman, der von den unteren Schichten der Bettler, Räuber, Dirnen, Soldaten handelt und in Hans Jakob Christoffel von Grimmeishausens »Simplicissimus Teutsch« gipfelt. Die Gebrauchsliteratur ist im mittleren Sprachstil abgefasst, der schlichter ist; deshalb werden viele Kirchenlieder, katholische und protestantische, noch heute gesungen (Verfasser: Friedrich von Spee, Angelus Silesius, Paul Gerhardt). Der Österreicher Abraham a Santa Clara wendet sich in seinen Kanzelreden mit gewaltiger Sprachkraft an das Gewissen der Höflinge und des Volks, wobei er groteske Bilder und niederen Sprachstil nicht scheut.
Das Hauptgebiet der Barockdichtung war das Theater. Die Tragödie wurde in Latein gepflegt von den Jesuiten, auf deutsch von der schlesischen Schule (Lohenstein, Gryphius). Die Bühne wurde jedoch nahezu völlig beherrscht von Oper
und Singspiel; um 1700 entfiel (nach einer Information von Gottsched) auf zwölf Opern nur ein Schauspiel. Die Prachtentfaltung, das Rituelle kamen dem Geist der Zeit entgegen, die formale Repräsentation der Singbühne beeinflusste die Sprechbühne, die von ihr die Kulisse übernahm, um eine schnelle Verwandlung und eine große Illusionswirkung zu erzielen.
Dichter und Publikum....gehören meist dem Beamtentum des absolutistischen Staates an (Gryphius) oder dem Patriziat der Städte (Harsdörfer, Hofmannswaldbau). Der einzige Berufsdichter der Epoche ist Philipp von Zesen. Gelehrte wenden sich an ein gebildetes Publikum; beide müssen geschult sein in Rhetorik und im humanistischen Bildungsgut. |