| Philosophiegeschichte | Aufklärung - Vernunft & Freiheit |
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Thomas
Paine, der bekannteste politische Autor seiner Zeit, aktiv involviert
in die Amerikanische Revolution (1773-1783) und die
Französische Revolution (1789- 1792), schrieb gegen Ende
des Jahrhunderts zwei Bücher „Das Zeitalter der Vernunft" und
„Die Rechte der Menschen". Der erste Titel kann zur Bezeichnung des
18. Jahrhunderts dienen, der zweite nennt eines der wichtigsten Themen
dieser Zeit. In seinem Werk .Über den Geist der Gesetze" (1748), der
zentralen staatstheoretischen
Untersuchung der Aufklärung, analysiert Charles de
Montesquieu zivile und politische Gesetzestypen in ihrer Abhängigkeit von
Zeit und Gesellschaft. Einflussreich wurde seine These, politische
Freiheit setze Gewaltenteilung und gegenseitige Kontrolle der Gewalt
voraus. Im „aufgeklärten Absolutismus" werden Reformen im juristischen, bildungs- und wirtschaftspolitischen Bereich vorgenommen. Friedrich II. (Preußen) und Katharina II. (Russland) verfolgen intensiv das philosophische und literarische Geschehen in Frankreich. In seinen „Persischen Briefen" stellt Montesquieu die Gesellschaft seiner Zeit satirisch aus der Sicht von Nichteuropäern dar. Diese
Relativierung herrschender Sitten und Verhältnisse ist typisch für die
Aufklärung und geht einher mit dem vergleichenden Studium fremder
Kulturen. Konsequente Aufklärungsphilosophie wird vor allem in Frankreich
betrieben. Hier geht es um die Ablehnung aller überkommenen Autorität,
um die Inthronisation der
Vernunft bei Ablehnung rationalistischer Metaphysik, um die Begründung
einer theologieunabhängigen Moral, die Überzeugung von Menschheitsfortschritt durch
Wissenschaftsentwicklung, den Glauben an die Erklärbarkeit
der Seele, bzw. des Erkenntnis- und Empfindungsapparats und die Möglichkeit,
sämtliche Phänomene aus den Eigenschaften der Materie zu erklären. In
den 80er Jahren übt Immanuel Kant Kritik an der vorausgehenden
Erkenntnistheorie und lässt auch die diesbezüglichen Thesen der
Aufklarung hinter sich. In seiner Philosophie verbinden sich die
kontroversen Haltungen des Rationalismus und Empirismus. Das
Licht der Öffentlichkeit In der wohl berühmtesten Definition dessen, was Aufklärung heißt, geht es nicht um eine bestimmte zeitliche Epoche: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlossenheit und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. "Habe
Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen ist also der Wahlspruch der
Aufklarung." Auch manche heutige Autoren geben allgemeine
Begriffsbestimmungen der Aufklärung im weiten Sinn und sehen sie als
einen Prozess, der sich in der Geschichte ständig ereignet oder aber in
einigen Epochen besonders auffällt,
z. B.
in. der Zeit von Sokrates
und Platon und in der
Neuzeit. Zu diesem sich immer erneuernden Prozess gehört die Lösung von
Vorurteilen, die Destruktion von Mythen, der Wille zur Befreiung von natürlichen
oder gesellschaftlichen Fesseln und seitens der aufklärerischen Vorkämpfer
ein emanzipatorischer pädagogischer Impetus. Meist
allerdings wird „Aufklärung" als ein Epochenbegriff gebraucht, der
das 17. und 18. Jahrhundert oder speziell das 18. Jahrhundert umfasst.
Tatsächlich gab es in der Zeit von der englischen Revolution 1688 bis zur
französischen, Revolution 1789 - um mit diesen wichtigen
Daten einen
Zeitrahmen für die Aufklärung im engeren Sinn zu setzen - bereits
in wachsendem Maß das Bewusstsein, in einer philosophisch und
wissenschaftlich neugeprägten Epoche zu leben. In Frankreich, Italien und
Deutschland war vom erleuchteten Jahrhundert die Rede. Zunächst ging es
darum, „dunkle" und verworrene Begriffe und Geister zu erhellen.
Im Laufe
des 18.
Jahrhunderts kam dann das Substantiv „Aufklärung" in Gebrauch. Zum „Selbstdenken", zur Hinterfragung des Überlieferten, so fährt Kant in seiner schon zitierten Begriffsbestimmung fort, gehört die „Freiheit, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen". Gemeint ist der Vernunftgebrauch, „den jemand als Gelehrter vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht". Diese Art des „Vernunftgebrauchs" hatte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts gemeinsam mit dem Umfang der „Leserwelt" auf ein zuvor ungekanntes Maß gesteigert. In ganz Europa wurde das Publikum durch die Presse über Kriege, Katastrophen, exotische Entdeckungen und Tagespolitik informiert. Vor allem aber gab es auch „moralische Wochenschriften", „Intelligenzblätter" und Gelehrtenzeitschriften, in denen es immer wieder um die von Kant angesprochene „Vernunft" ging. Dieses Zauberwort der Aufklärung benannte das allen Menschen Gemeinsame, in dessen Zeichen sich eine neu erwachende „Weltbürgerschaft" formieren sollte. Damit war zwar nicht die Aufhebung nationaler Grenzen und selten die radikale Veränderung der Regierungsformen gefordert, aber das Motto der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" zeichnete sich hier und da ab oder fand, nach vollendeten Tatsachen, außerhalb Frankreichs sein Echo. Offenen
Meinungsaustausch mit revolutionären Untertönen gab es natürlich nicht
nur in gedruckten Worten. Der Titel der fortschrittlichen Mailänder
Literatenzeitschritt „Il caffe" (erschienen 1764-65) bezeichnete eine in Europa neue Institution: Der Kattee war das Modegetränk der
Zeit, in Kaffeehäusern wurde räsoniert und wurden die neuesten
Nachrichten und Ideen nachgelesen, es gab Verständigung über
Standesgrenzen hinweg. Hier trafen sich auch freischaffende Literaten, „gens
de lettres", d. h. „Leute der Künste und Wissenschaften",
sachkundige Autoren, die angesichts des gestiegenen Lesebedarfs vom
Schreiben leben konnten und als geistreiche Plauderer auch Zutritt zu den
„Salons" und Tischgesellschatten der Adligen hatten. Diese
Intellektuellen nannten sich im Frankreich des 18. Jahrhunderts „Philosophes",
was sich in diesem
Zusammenhang ohne
weiteres mit
„Aufklärer" übersetzen
lässt. Ihre
Lebensform und ihr Auftreten machten regelrecht Schule, und mehr
oder weniger sachkundig fundierter „Esprit" konnte auch zum
Selbstzweck werden. Ein fiktiver Randläufer und Parasit dieses
Philosophenwesens, „Rameaus Neffe" (Titelheld eines Dialogs von
Diderot), ähnelt bereits den psychologisch scharfsichtigen und zuweilen
nihilistischen Bohemiens des 19. Jahrhunderts. Er
verkörpert die zynische Kehrseite einer progressiven aufklärerischen
Durchleuchtung von Traditionen und Werten, einer allgemeinen
Relativierungstendenz, die fortschrittsoptimistisch auf praktische
Veränderung der Verhältnisse gerichtet war. Dieser kritische, auf
Öffentlichkeit gerichtete Praxisbezug und die schon ideologisch zu
nennende Polemik in der rhetorischen Pointierung von Thesen, die nicht
immer eigentlich neu waren,
ist bei vielen Aufklärern bemerkenswerter als
die Stringenz
philosophischer Problemlösungen.
Deshalb haben auch manche „Fachphilosophen" rückblickend etwas
abfällig von den „Philosophes" gesprochen. Nichtsdestoweniger kann
man sagen, dass die europäische Kultur weder zuvor noch später so stark
von philosophischen Diskussionen geprägt war wie im 18. Jahrhundert. Bürgerliche
Vernunft- und Gefühlskultur Eine Gesellschaftsschicht,
die jenes Motto der Freiheit und Gleichheit in
letzter Konsequenz keinesfalls hätte akzeptieren können, trug
dennoch nicht wenig zur Förderung der Aufklärung bei: Teile des
europäischen Adels diskutierten freizügig über Toleranz in
Religionsfragen, über Atheismus, Materialismus und das Naturrecht. Ein zentrales Buchprojekt zur Verbreitung aufklärerischen Wissens, die vielbändige französische Enzyklopädie, konnte nur dank einer großen Zahl wohlhabender, meist adliger Besteller verwirklicht werden. Enzyklopädisch interessiert waren aber ebenso Angehörige der traditionellen bürgerlichen Schicht (z. B. Handwerksmeister) und vor allem des „höheren" Bürgertums, das u. a. aus der neuen Klasse der kapitalistischen Wirtschaftsunternehmer, aus nichtadligen Beamten, Rechtsanwälten, Predigern und Professoren bestand. In
der konstitutionellen Monarchie Englands spielte das Bürgertum bereits
seit dem 1 7. Jahrhundert selbstbewusst eine unangefochtene Rolle. Aus
England kamen denn auch die wichtigsten Impulse zu politischer und
religiöser Liberalität (und ebenso zu technisch-praktischen Innovationen
der
Gewerbeindustrie und der Volkswirtschaft). Aber
auch in den anderen Ländern gewann das Bürgertum entscheidend an
Bedeutung. Es wurde trotz unverhältnismäßig geringem politischen
Einfluss zum Motor gesellschaftlicher Veränderungen und zum Träger der
Aufklärungskultur. Ein bedeutender Beitrag dazu war die Schaffung, einer
Öffentlichkeit für neue Formen der Literatur und des Theaters (in
Deutschland z. B. des „bürgerlichen Trauerspiels"). In einer Flut
von Romanen verwandelten sich die extrovertierten
oder auch
melancholisch verwirrten Abenteurer der Barockliteratur in distanziert
überlegende und vernünftig planende, dabei aber nicht selten zugleich
gefühlsbetonte und leidenschaftliche
Mitmenschen. Sie hatten kleine und private Erlebnisse, deren Beschreibung
gleichwohl in weltbürgerlicher Absicht das menschlich-typisch Allgemeine
demonstrierte, oder sie erlitten wüste Schicksale, die sie gleichwohl
nicht hinderten, den Selbstbezug menschlichen Moralempfindens gegenüber
dem Außermenschlichen zu kultivieren. Im Theater (und in der Malerei) opferten sich auf der einen Seite historische Heroen in staatsbürgerlicher Tugend für die republikanische Gemeinschaft, auf der anderen Seite zerbrachen zeitgenössische bürgerliche Helden an den Widersprüchen, Ungerechtigkeiten und Anachronismen der noch feudal geprägten Gesellschaft. Parallel zur „galanten" (teils höfischen, teils aber auch bürgerlichen) Rokokokunst formulierte die sogenannte Empfindsamkeit in der Literatur ein Selbstbewusstsein „stiller" bürgerlicher Individualität, das sich zum nicht geringen Teil aus der protestantischen Suche nach Gottesunmittelbarkeit im Rückzug auf das eigene Ich herleitete. Die empfindsame Reflexion erschöpfte sich nicht in einem - später von Hegel so charakterisierten - „Verglimmen der schönen Seele in sich selbst", sondern die „schöne Seele" (ein häufig gebrauchter Ausdruck der Zeit) wusste sich auch zu entäußern und mit der Kunst vernünftig-einfühlender Argumentation ins Gespräch einzutreten. Dies
zeigt sich in vielen Briefromanen, deren Form besondere Beliebtheit gewann
und einer zuweilen schon romantisch anmutenden
Subjektivität entgegenkam. Auch in anderen Textgattungen wurde
Wert auf persönliche Ansprache, Gefühl und Spontaneität gelegt, so
wurden zahllose Lehrschriften und philosophische Abhandlungen in
Dialogform verfasst. Geist
und Materie In
seinem Vorwort zur französischen Enzyklopädie (1750) und seinen
„Elementen der Philosophie" (1759) stellt Jean Le Rond d'Alembert
einen Stammbaum des modernen Wissens auf. Er beginnt mit dem Ende des
Mittelalters, das als dunkle Zeit der kommenden Aufklärung
entgegengestellt wird. In der Renaissance, so d`Alembert, begann die
Belebung der Geister mit literarisch-künstlerischer
Gelehrtheit und
Antikenbegeisterung. Im 16. Jahrhundert brach mit der Reformation die
religiös geschlossene Welt des Mittelalters auseinander. Im 17.
Jahrhundert erneuerte Descartes die Philosophie und die philosophische
Grundlegung der Wissenschaft. Im 18. Jahrhundert hat sich die
wissenschaftliche Kenntnis vom Menschen
und der Natur, vor allem im Gefolge von Newtons Entdeckungen und
seiner „philosophischen" Methode (keine spekulativen Hypothesen,
sondern empirische), sprunghaft erweitert und ist in ihr „modernes"
Stadium eingetreten. Die
Aufklärung des 18. Jahrhunderts steht also nach eigener Einschätzung in
der Linie des aufklärerischen Denkens
im weiteren
Sinn der neuzeitlichen
Auflösung des christlich-scholastischen Weltbildes. Zugleich gibt es aber
Brüche in dieser Linie und klare
Gegenpositionen zum Rationalismus des Barock. So folgen d'Alembert und
seine Zeitgenossen zwar Descartes, wo er methodische Vernunft und die
Analyse physikalischer Vorgänge gegen die Scholastik und gegen ein oft
nur durch Analogiebildungen geordnetes Sammelsurium von Naturerklärungen
setzt. Sie
folgen aber
nicht seiner
„idealistischen" Auffassung der Vernunft, nach der sich das
„System" der vernünftigen und der materiellen Welt gemäß
vorgebildeten Denkmöglichkeiten
errichten lässt und das Wesen der res cogitans das Wesen der res extensa
offenbart. Wie
David Hume verneinen die Aufklärer auf dem
Kontinent skeptisch die Möglichkeit metaphysischer Wesenserkenntnis, und
wie Hume bauen sie auf Lockes Empirismus auf. Auch
Descartes' Dualismus von Geist und Materie, demzufolge der Mensch dank
seiner Teilhabe an der denkenden Substanz aus der Natur herausgehoben ist,
wird abgelehnt. Die Materialisten unter den Aufklärern verhalten sich
dabei genau konträr zu Berkeley. Der hatte den Dualismus zugunsten des
Geistes aufgehoben, indem er den Begriff „Materie" für leer
erklärte und fallen ließ. Diderot, Helvetius, La Mettrie und d'Holbach
gestehen umgekehrt dem Geist kein unabhängiges Wesen zu und erklären die
geistigen Phänomene als Effekte der Materie. So heißt es bei La Mettrie: „Ich halte das Denken für so wenig unverträglich mit der organisierten Materie, dass es mir eine ihrer Eigenschaften zu sein scheint, ähnlich wie die Elektrizität, die Bewegungsfähigkeit, die Undurchdringlichkeit, die Ausdehnung usw." In dem Buch „L'Homme machine" („Der Mensch eine Maschine", 1748) fordert La Mettrie die Rückführung aller psychischen Vorgänge auf physische Vorgänge und erklärt den gesamten Menschen mechanistisch. Der
Mechanismus des Barock, der an der elementaren physikalischen
Bewegungslehre orientiert war, verliert allerdings jetzt an
Überzeugungskraft. Schließlich war er auch nicht - außer etwa bei
Hobbes - zur Erklärung der physischen und psychischen Phänomen
konzipiert und ließ im übrigen hinsichtlich jeder Form des
„Lebens" alle Fragen offen. Diderot und andere ergänzen das
mechanistische Bild der Natur durch den Begriff organischer Einheiten,
deren Möglichkeit auf einer Art prinzipieller Sensibilität und
Organisationsbereitschaft der Materie beruht. Sensualismus Auf
erkenntnistheoretischer Seite entspricht dem Materialismus ein strenger
Sensualismus (lat „Sensus" = „Sinn"), wie ihn
Etienne Bonat de Condillac in seiner „Abhandlung über die
Empfindungen" (1754) an einem recht zeittypischen Gedankenmodell
demonstriert: Die leblose Statue eines Menschen wird mit zunächst nur
einem der fünf Sinne begabt und entwickelt durch die Entstehung von
Gedächtnisspuren (die mit der bloßen Möglichkeit von menschlicher
Empfindung verbunden zu denken sind) und daraus resultierenden
Differenzierungen usw. einen ganzen ausgewachsenen psychischen
Apparat. Der
Sensualismus unterscheidet sich von Lockes Empirismus darin, dass er die
Wahrnehmung von Dingen und Zusammenhängen und die Grundlagen des
geistigen Begriffsapparats ohne Spontaneität (Aktivität) des Verstandes
zustande kommen lässt. Bei Locke zeigten die „reflections",
die Wahrnehmungen
des inneren Sinnes,
eine solche Aktivität des Verstandes an und waren nicht durchweg quasi
automatisch an die passive Aufnahme der äußeren Empfindung gebunden. Bei
Condillac fallen die reflections weg, alle ursprünglichen einfachen
Eindrücke kommen von außen. Das heißt nicht, dass
wir nicht denkend operieren, niemand könnte das leugnen. Aber das
Material und die Fähigkeit zu diesen Operationen bilden sich, modern
gesagt, durch Umweltreize. Religionskritik
und Deismus „Der
Mensch ist nur darum unglücklich, weil er die Natur verkennt", so
beginnt das „System der Natur" (1770) von Paul Heinrich Baron von
Holbach. Gemeint ist eine Verkennung, die in empirisch nicht begründeten
Jenseitserwartungen, Behauptungen transzendenter Normen und darin
begründeten falschen Glücksvorstellungen liegt. Holbach will eine
diesseitsorientierte Moral „physikalisch" auf körperlichen
Affekten und
soziologischen Nützlichkeitsforderungen
gründen. Hier hat sich ein mechanistischer Materialismus endgültig vom Rationalismus mit seiner Vorstellung einer ursprünglichen Eigenständigkeit des Geistes getrennt und alle Theologie und Religion verabschiedet. Das kann man als vorläufigen Abschluss eines Emanzipationsprozesses der Philosophie (und Wissenschaft) sehen, der schon im Mittelalter mit der vorsichtigen Annahme einer „doppelten Wahrheit" von Vernunfterkenntnis und Glaubenswahrheit begann. Im 17. Jahrhundert hatten sich Descartes und Leibniz im Bewusstsein dieser Spaltung noch bemüht, Naturwissenschaft und Theologie, die bei ihnen freilich philosophisch durchsetzt war, für vereinbar zu halten. Bei Hobbes dagegen war diese Verbindung aufgehoben. Spinoza trennte zentrale Glaubensnotwendigkeiten, die er mit einem nicht eben traditionell christlichen Gottesbegriff verband, vom Bereich einzelner Glaubensinhalte und Meinungen und forderte für diesen Bereich nachdrücklich Toleranz. Damit
war er vorbildlich für die Aufklärer, die Toleranz auch gegenüber der
freien Forschung verlangten und nach den Erfolgen Newtons fast überall
Gott aus der Naturwissenschaft herauszuhalten suchten. Die extreme
Position des Materialismus blieb dabei allerdings eine Ausnahme, die nicht
nur bei der katholischen Staatsmacht in Frankreich auf schärfste
Reaktionen stieß, sondern
auch von
vielen Aufklärern
bekämpft wurde. Gleichwohl bringt sie eine Überzeugung zum Ausdruck, die
in weniger strenger Form auch aus anderen Ansatzpunkten der Aufklarung
spricht und die sich auf eine einfache Formel bringen lässt: Der Mensch
ist Natur, und die Natur ist nicht Abbild einer zeitlosen Ideenwelt oder
Verwirklichung eines immer schon abgeschlossenen Schöpfungsplans. Das
muss allerdings weder heißen, dass der menschlichen Natur keine
Sonderstellung zukomme und dass die geistig-moralische Welt nicht trotz
ihrer Gründung in der physischen Welt doch eine ganz eigene Sphäre sei,
noch ist damit der Schöpfungsgedanke in jeden Form verworfen. So ist die
Philosophie der Aufklärung zwar praktisch immer direkt oder indirekt mit
Religionskritik verbunden, aber nur sehr selten mit Atheismus wie bei
Holbach. Im
Zentrum der allgegenwärtigen religionskritischen Fragen, Zweifel und
Attacken stand weniger die Existenz Gottes und die religiöse Beziehung zu
einem Gott überhaupt als vielmehr die sogenannte positive Religion, die
wie z. B. der Katholizismus in strenger Ausgrenzung anderer Religionen
einen Kanon von konkreten Glaubensartikeln mit absolutem Wahrheitsanspruch
aufstellt und sich auf Offenbarungszeugnisse wie die Bibel stützt. Den positiven Religionen wird schon im 17. Jahrhundert die Annahme einer (auch schon früher aus scholastisch-christlicher Sicht konstatierten) „natürlichen" Religiosität gegenübergestellt, die allein auf den geistigen oder moralischen Anlagen des Menschen beruht und nicht auf einer historischen Offenbarung durch einen Propheten oder Messias. Der
natürliche Gottesglaube, den zunächst vor allem englische Freidenker ins
Recht zu setzen suchten, entsteht danach - und entstand danach schon
längst vor dem Christentum und älteren Religionen - aus unumgänglichen
Fragen nach dem Grund aller Dinge, einem Gefühl
der Unvergänglichkeit
der Einzelseele und dem Bedürfnis nach einer aller menschlichen Willkür
entzogenen Begründungsinstanz des Gerechten. Diese Glaubensgründe meinte
man im Gegensatz zu den Glaubensinhalten der traditionellen Religion
(Wunder; konkrete, oft anthropomorphe Eigenschaften Gottes usw.) bruchlos
mit Vernunft und Wissenschaft vereinbaren zu können. Deshalb konnte die
Naturreligion ebenso Vernunftreligion
heißen, als regelrechte „Religion der Aufklärung" wird sie
auch „Deismus" genannt. Das
Wort ist nach „Deus" („Gott") gebildet und bezeichnet
einfach den Gottesglauben, den eine Religion ohne Kult und Überlieferung
mit den traditionellen Religionen gemeinsam hat. Oft wird zum Deismus die
Auffassung gezählt, dass Gott die Welt und die Naturgesetze geschaffen
habe, aber in den Ablauf des kosmischen „Uhrwerks" dann nicht mehr
eingreife. Voltaire Wollte man ihn mit Hume und Kant vergleichen, so war Voltaire kein großer Philosoph des 18. Jahrhunderts. Aber er war ein Phänomen philosophischen Geistes, der größte intellektuelle Publizist der Zeit, ein Literat mit enormer Wirkungskraft und der Inbegriff eines Aufklärers. Mehrfach verhaftet und aus Frankreich verwiesen konnte er - bei unangefochtenen und glänzenden Erfolgen als Dramendichter und Romancier - viele seiner philosophischkritischen Schriften nur mit Hilfe wagemutiger Verleger und komplizierter Winkelzüge und Maskeraden drucken lassen (man zählt 1 75 Pseudonyme Voltaires!). Oft
wurden die Bücher dennoch schnell verboten und beschlagnahmt, ein
Exemplar wurde dann nach damals üblichem Brauch vor der Treppe des
Pariser Justizpalastes vom Henker zerrissen und verbrannt. Voltaires
Kritik ist überall mit Witz, brillanter Ironie und Einschüben universal
gelehrter Zitate klassischer wie auch exotisch entlegener Beispiele und
Meinungen ohne Trockenheit vorgetragen. Sie gilt Zuständen des
absolutistischen Staates, die angesichts eines längst nicht mehr auf
vereinzelte Utopisten beschränkten Menschenrechtsbewusstseins absurd
waren. Vor allem auch die absolutistische katholische Kirche ist Voltaires Angriffsziel.
Seine Anklage
lautet auf repressiven Dogmatismus,
menschenverachtenden Fanatismus und Fesselung des Volkes im Stande des
Aberglaubens (als den er die meisten Inhalte der Religion versteht).
„Zerschlagt die Schändliche" ist dabei der Schlachtruf. Dabei
ist Voltaire durchaus kein Atheist: „Wenn es Gott nicht gäbe, müsste
man ihn erfinden. Aber die ganze Natur ruft uns zu, dass Gott
existiert". Warum
müsste Gott
notfalls erfunden
werden? Nicht zuletzt weil Voltaire glaubt, dass die Tugendhaftigkeit oder
einfach die Menschlichkeit der Menschen ein Zentrum, einen Anhalt oder, so
wörtlich, einen „Zügel" braucht. Der zweite Satz des
Ausspruchs zeigt jedoch, dass hier nicht nur aus Zweckmäßigkeit, zum
Nutzen der Gesellschaft, religiöser Anstand gefordert werden soll,
sondern dass Voltaires liberaler und im Vergleich selbst zu aufgeklärtem
Christentum leger zu nennender Deismus durchaus auf Überzeugung beruht.
Voltaire hat mit der literarischen Verknüpfung und dialogischen
Individualisierung einer Fülle historischer und zeitgenössischer
Denkversuche ein Klima geschaffen, in dem
philosophische Systeme wie Dichtungen wirken können, die
Aberglauben und Vernunft, Optimismus und Pessimismus in erhabene oder auch
lächerliche Gleichnisse fassen. Damit hat er Möglichkeiten zu kritischer
Distanzierung freigesetzt, die wesentlich zur Relativierung verhärteter
und irrationaler Werte
beitrugen. Jean-Jacques
Rousseau Immanuel Kant beschreibt sich einmal im Rückblick als jungen Gelehrten, der nichts kannte als Bücher, Erkenntnisdurst und Wissenschaft. „Es war eine Zeit, da ich glaubte, dies alles könnte die Ehre der Menschheit machen, und ich verachtete den Pöbel, der nichts weiß. Rousseau hat mich zurecht gebracht. Dieser verblendete Zug verschwindet, ich lerne den Menschen ehren, und ich würde mich viel unnützer finden als die gemeinen Arbeiter, wenn ich nicht glaubte, dass diese Betrachtung allen übrigen einen Wert geben könnte, die Rechte der Menschheit herzustellen." Kant versteht Rousseau als Aufklärer, denn Rousseau fordert die „Rechte der Menschheit" energischer ein als die Mehrzahl der „Philosophes". Ihr politisches Ziel ist meist eine liberale konstitutionelle Monarchie; Rousseau entwirft ein demokratisches Ideal. Im Zuge der Französischen Revolution wird sein Andenken fast kultisch verehrt werden. Sein Roman „Emile oder die Erziehung" macht die Rechte des Individuums in Kindheit und Jugend geltend und gibt bis weit ins 19. Jahrhundert hinein Anstöße zu pädagogischen Innovationen. Er „entdeckt" eigentlich erst die Kindheit, ähnlich wie die Aufklärung in den „edlen Wilden" der „Naturvölker" das zuweilen verklärte Gegenbild zur Zivilisation entdeckte. Ebenso starken Eindruck wie auf Kant hat Rousseau auf Denker und Dichter der Romantik gemacht, und dabei wirkten Züge seines Werks, die mit der Aufklärung kaum zu vereinen sind. Rousseau beschwört als erster den Abgrund, der zugleich der nie ganz verdeckte Grund romantischer Versöhnung und Einheit ist: heillose Entzweiung des Menschen mit seiner Natur (die auch eine gesellschaftliche Natur ist) und die Ekstase der Gefühle eines Ichs, das alles zu sagen sucht und sich dabei selbst zu verfehlen droht. Ursprünglich
ist der Mensch für Rousseau frei und gut. Er lebt seiner Umwelt und
Arbeit zugewandt und ist relativ autonom (Rousseau entwirrt im
Prinzip das Bild freien bäuerlichen Daseins). Seine Gefühle
entspringen einer positiven Selbstliebe, die ihn mit sich selbst und
zugleich mit anderen eint Fehlgeleitete gesellschaftliche Organisation
verkehrt die die Selbstliebe in negative, selbstsüchtige Eigenliebe (amour
propre), die den Menschen mit sich und anderen entzweit. Diese
Organisation beschreibt Rousseau ähnlich wie Locke, dessen Idee des
Gesellschaftsvertrags aber unter genau umgekehrten Vorzeichen die positiv
bewertete Sicherung des Eigentums gewährleistet. Bei Rousseau dagegen
heißt es: „Der erste, dem es in den Sinn kam, ein Grundstück
einzuhegen und zu behaupten: Das gehört mir', und der Menschen fand, einfaltig genug, ihm
zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft.
Wie viel Verbrechen, Kriege, Mordtaten, Elend und Scheußlichkeit hätte ein Mann dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: "Hütet
euch, diesem Betrüger zu glauben! Ihr seid
verloren, wenn
ihr vergesst, dass die
Früchte allen gehören und die Erde niemandem!'" Das Eigentum führt
zu Arbeitsteilung, Abhängigkeit und Entfremdung. Ähnliches geschieht auf
geistigem Gebiet: Der Übergang von der Natur zur Kultur löst die
unmittelbare Weltbezogenheit des psychischen Lebens, der Mensch gerät ins
Grübeln. Rousseau gebraucht hier starke Worte, die ihn innerhalb der
Aufklärung isolieren: „Der Zustand des Denkens ist ein
widernatürlicher", „der
reflektierende Mensch ein entartetes Tier". Im „Gesellschaftsvertrag" („Du contrat social", 1754/62) entwirft Rousseau das Bild eines Staates, in dem - mit Worten Kants - die Kultur durch „vollkommene Kunst wieder Natur wird, welches das letzte Ziel der sittlichen Bestimmung der Menschengattung ist" (Kunst bedeutet hier einfach das „Gemachte" im Gegensatz zum natürlich Gewordenen). Es
ist ein Staat,
in dem das Volk souverän ist und durch Abstimmung entscheidet und in dem
der „Einzelne, obgleich er sich mit allen vereint, gleichwohl nur sich
selbst gehorcht und so frei bleibt wie vorher". Dies Letzte ist ein
kaum mögliches Kunststück,
und Rousseaus Konzept wird auch nicht völlig klar. In jedem Fall besteht
die Freiheit in der freiwilligen Unterwerfung unter eingesehene Gesetze,
die dem „Gemeinwillen" entstammen. Der Gemeinwille ist nicht
dasselbe wie der „Wille Aller" (der Summe aus den
Willensentscheidungen aller Einzelnen, mit der z.
B. eine
einstimmige Wahl entschieden
wird). Er ist vielmehr auf das Gemeinwohl gerichtet wie der individuelle Wille auf das eigene Wohl und kann sich im Gegensatz zum Willen Aller, der wie ein Mehrheitswille von Parteilichkeit oder Fehleinschätzungen usw. geleitet sein kann, niemals irren. So ähnelt der Gemeinwille fast einer ins Soziale gewendeten pantheistischen Gott-Natur, die Eins und Alles ist. Der Einzelne ist frei, indem er den eigenen völlig individuellen Willen als völlig aufgehoben im Gemeinwillen und mit ihm identisch erkennt. Der Mensch ist Staatsbürger (citoyen) und gleichwohl wieder ganz bei sich. Immanuel
Kant
Die
Kritik der reinen Vernunft
Metaphysik und Transzendentalphilosophie. Mit David Hume, dem er nach eigener Auskunft viel verdankt, verwirft Kant radikal die Metaphysik als vermeintliche Wissenschaft vom Übersinnlichen, d. h. als die scheinbar logische und sachhaltige Lehre von dem, was jenseits der Erfahrung liegt. Dennoch gesteht Kant, in die Metaphysik verliebt zu sein. Nach seiner Überzeugung ist sie unverzichtbar, denn Fragen nach den allgemeinsten Bestimmungen aller Wirklichkeit, nach der prinzipiellen Erkennbarkeit der Natur, nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit der Seele drängen sich geradezu auf: „Die menschliche Vernunft geht unaufhaltsam bis zu solchen Fragen fort, die durch keinen Erfahrungsgebrauch der Vernunft und daher entlehnte Prinzipien beantwortet werden können." Fragen, die nicht „a posteriori" (vom Späteren, im nachhinein) aus der Erfahrung beantwortet werden können, verlangen Erkenntnisse „a priori" (vom Früheren, im vorhinein), die zum einen von der Erfahrung unabhängig sind und zum anderen nicht aus Sätzen bestehen, deren Wahrheit sich einfach aus der Bedeutung der verwendeten Worte ergibt wie etwa in dem Satz „Dreiecke haben drei Seiten". Einen solchen Satz nennt Kant ein „analytisches Urteil": das Prädikat „dreiseitig" ergibt sich aus der Analyse des Subjektbegriffs „Dreieck". Der Satz erweitert die Erkenntnis nicht, im Gegensatz zu einem „synthetischen Urteil", etwa: „Manche Hunde sind für Menschen gefährlich". Das ist ein Erfahrungssatz, ein synthetisches Urteil a posteriori. Die Metaphysik nun hat es mit „synthetischen Urteilen a priori" zu tun. Nur wenn sie in solchen Urteilen über Grundsätze einzelner Wissenschaften oder über gewisse Bedingungen oder auch nur Leitmotive der Erkenntnis spricht, etwa über die „Idee" des Unendlichen, und dabei keine erkennbare Unendlichkeit behauptet, ist Metaphysik als „Wissenschaft" möglich, und zwar als „Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft". In dieser Grenzbestimmung folgt Kant nicht der Skepsis Humes. Gegen ihn ist er der Meinung, dass die Erfahrung, die aus denkender Verarbeitung von Wahrnehmungen entsteht, ihre Prinzipien nicht wiederum aus der Erfahrung schöpfen kann. Gegen manche Rationalisten ist Kant andererseits der Meinung, dass alle Erkenntnis mit der Erfahrung beginnt und sich in jedem Fall auf Erfahrung beziehen muss. Sie kann es allerdings mit bloß „möglicher" Erfahrung zu tun haben und untersucht dann allein durch Denken die subjektiven Erkenntnishandlungen, deren Möglichkeit der Erfahrung vorhergeht und die für alles, was überhaupt Gegenstand werden kann, bestimmend sind. Diese Untersuchung ist die Aufgabe der von Kant entwickelten „Transzendentalphilosophie". „Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, insofern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt". Die Transzendentalphilosophie ist also vom Erkennen her die formale Grundstruktur alles dessen, was für uns Wirklichkeit sein kann. Weil sie zu apriorischen und allgemeingültigen Aussagen kommt, die sich auf notwendige Merkmale der Wirklichkeit beziehen, nennt Kant sie in dieser Hinsicht weiterhin auch Metaphysik Raum und Zeit als reine Anschauungen. Die Rationalisten waren der Ansicht, dass sich Lehrsätze, die mathematisch oder logisch aus Definitionen oder „einfachsten" ursprünglichen Begriffen abgeleitet sind, auf die Gegenstände der Wahrnehmung anwenden lassen und dabei zugleich etwas über die von unserer Wahrnehmung unabhängige und als Übersinnliche Ganzheit gedachte Welt an sich aussagen. Dies sei möglich, weil gewisse einfache Evidenzen und Grundbegriffe des Denkens dank der Fügung Gottes, der uns nicht betrügt, oder aus anderen metaphysisch entwickelten Gründen die (geistig erkennbare) wahre Realität beträfen. Kant
lehnt mit Hume diese Position ab. In
einer 1 770 nach seiner Berufung zum Professor geschriebenen Dissertation
(„Von der
Nach Kant (wie
nach
Descartes) ist der Raum keineswegs eine Vorstellung, die aus der
Wahrnehmung räumlicher Gegenstände abstrahiert wäre. Denn die
dreidimensionale Ausdehnung ist keine sinnlich
unterscheidbare
Eigenschaft von
Dingen, sondern bereits eine Voraussetzung dafür, dass wir etwas
als etwas an einem Ort „außer" uns befindliches, als Gegenstand,
der uns entgegensteht, wahrnehmen
können. „Raum" ist auch nicht ein - wie Descartes sagen würde
- eingeborener Begriff, vielmehr überhaupt kein Begriffe sind „allgemeine" Vorstellungen, unter die vieles Einzelne
fallen kann. „Einzelne" oder „besondere" Vorstellungen, die
„unmittelbar auf Gegenstände gehen", also sinnliche Wahrnehmungen,
heißen bei Kant empirische „Anschauungen". Die Raumvorstellung ist
nun nach Kant, obgleich sie eben nicht aus der Erfahrung stammt, eine
Anschauung, „eine einzelne Vorstellung, denn was man mehrere Räume
nennt, sind nur Teile desselben unermesslichen Raumes" eben unserer
Vorstellung, soll heißen, Außerdem: „Dass es im Raum nicht mehr als drei Abmessungen gibt, dass zwischen zwei Punkten nur eine einzige Gerade ist dass aus einem gegebenen Punkt auf einer Ebene mit einer gegebenen Gerade ein Kreis zu beschreiben sei usw.: das kann nicht aus irgendeinem allgemeinen Begriff des Raumes geschlossen, sondern nur in ihm gleichsam in concreto "geschaut" werden." Da der Raum aber kein Wahrnehmungsgegenstand ist, ist er keine empirische, sondern eine zur Ausstattung des menschlichen Empfindungs- und Erkenntnisvermögens gehörige „reine" (vor aller Erfahrung gegebene) Anschauung, etwas, das in gewisser Weise Wahrnehmungsgegebenheiten ähnelt und jedenfalls entscheidende Eigenschaften mit ihnen gemeinsam hat. Kurz, der Raum ist
„nicht durch Empfindungen zusammengebracht, sondern die Grundform aller Da nun der Raum als „Grundform" aller äußeren
Erscheinungen ganz unserem eigenen sinnlichen Erkenntnisvermögen angehört,
wäre es sinnlos, zu sagen, die Dinge an sich seien ausgedehnt oder befänden
sich im Raum. Das hieße, die Bedingungen unserer Erkenntnis mit
unerkennbaren Bedingungen zu verwechseln, unter denen der höchstens als Daher bestreitet Kant definitiv, dass der Raum eine reale Bestimmung der Dinge an sich sei (die ganze Argumentation, das ist hier anzumerken, führt Kant in analoger Weise auch für die ebenfalls reine Anschauung der „Zeit" durch). Die „kopernikanische Wende" der Philosophie. Die oben angesprochenen synthetischen Urteile a priori gibt es nicht nur in der Metaphysik, sondern zunächst und vor allem auch in der reinen (erfahrungsunabhängigen) Mathematik und Naturwissenschaft. Die Ausgangsfrage der „Kritik der reinen Vernunft" (1781), Kants erstem berühmten Hauptwerk, ist nun die nach der Möglichkeit solcher Urteile, die eine Wissenschaft als solche erst ausmachen. Für die Geometrie und Arithmetik ist diese Frage durch die geschilderte Lehre von Raum und Zeit weitgehend gelöst. Dass die Winkelsumme im Dreieck 180 Grad beträgt, ist für Kant wie andere Lehrsätze der Geometrie ein „synthetischer" Satz. Er ergibt sich nicht einfach logisch aus Definitionen und Axiomen, wir müssen viel mehr, wie gesagt, gleichsam im Geist konstruieren. Dies geschieht im Raum als reiner Anschauung, deshalb ist der Satz „apriorisch". Ähnliches gilt für die Arithmetik, in der wir etwa bei Additionen nach Kants Meinung in der Zeit etwas zusammensetzen müsse. Wie steht es aber mit der „reinen" Naturwissenschaft? Zunächst einmal: Ist die Hauptgrundlage dessen, was wir in der Erfahrung an Regelmäßigkeit kennen, nämlich das Kausalitätsprinzip, a priori gültig? Nach Hume stammt es ausschließlich aus der Erfahrung. Dass es als apriorischer Begriff der notwendigen Verknüpfung von Ursache und Wirkung erscheint, hat für ihn nur psychologische Gründe. Nach Kant handelt es sich hier aber tatsachlich um einen apriorischen Begriff; „dass" er auf alle überhaupt möglichen physikalischen Vorgänge, die in der Erfahrung gegeben sein können, notwendig anwendbar ist, davon überzeugen uns die Erfolge der Newtonschen Physik. „Warum" dies aber möglich ist, muss gezeigt werden. Die Argumentation verläuft dabei ähnlich wie die Begründung der Übereinstimmung der euklidischen Geometrie mit der „Außenwelt". Während Wahrnehmungen durch die Formen der Sinnesauffassung (Raum und Zeit) bestimmt sind, sind Erkenntnisse, die Wahrnehmungen durch das Denken, durch Begriffe auf objektive Zusammenhänge beziehen, durch die „Form" des Verstandes, durch „reine Verstandesbegriffe" bestimmt. „Erfahrung
ist eine Erkenntnisart, die Verstand erfordert, dessen Regeln ich in mir,
noch ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin a priori, voraussetzen
muss, und welche in Begriffen a priori ausgedrückt werden, nach denen
sich also alle Gegenstände der Erfahrung notwendig richten und mit ihnen
übereinstimmen müssen." Mit
dieser Einsicht ist es „ebenso, als mit den ersten Gedanken des
Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der
Himmelsbewegungen nicht recht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze
Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser
gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die
Sterne in Ruhe ließ". „Wie
die Bewegung der Sterne eine „Erscheinung" ist, die auf der
Bewegung des „Zuschauers" beruht, so werden die Gegenstände der
Erfahrung durch unsere Erkenntnisleistungen als Erscheinungen
„konstituiert", d. h. erzeugt. Dabei wirken die „Rezeptivität"
(Empfänglichkeit) der „Sinnlichkeit" (des Wahrnehmungsvermögens) und
die „Spontaneität" (Aktivität) des „Verstandes" immer
zusammen. Diese zwei „Stämme" unseres Erkenntnisvermögens sind je
für sich genommen gewissermaßen nutzlos: „Anschauungen ohne Begriffe
sind blind, Begriffe ohne Anschauungen sind leer." Verstand
und Vernunft
Wie sind reine Verstandesbegriffe oder „Kategorien" aufzufinden? Da sie Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis sind, müssen sie in Urteilen (Sätzen), die verschiedene Vorstellungen zur Einheit einer Erkenntnis verknüpfen und auch selbst wiederum zur Bildung von Begriffen führen, gerade diese Verknüpfung ermöglichen. Nun gibt es eine Reihe von Urteilsformen, die sich durch die Art der Verknüpfung von Subjekt und Prädikat unterscheiden. Das Prädikat (z. B. „vergammelt" oder „Melone") kann demjenigen, was vom Satzsubjekt (z. B. „Hut") bezeichnet wird, zugesprochen oder abgesprochen werden, es kann einer Vielheit oder einem Einzelnen zugesprochen werden, mehrere Prädikate können disjunktiv mit „oder" verknüpft werden usw. Die traditionelle „formale" Logik hat diese Formen bereits eingeteilt, sie aber nicht in einer transzendentalen Logik, die auch die Möglichkeit des „inhaltlichen" Bezugs wahrer Aussagen auf Gegenstände überhaupt untersucht, auf ursprüngliche synthetische Handlungen des Verstandes zurückgeführt. Kant
leitet nun aus
der Tafel der Urteile die
Tafel der Kategorien ab. Die
Kategorie der Kausalität etwa wird als Bedingung der Verknüpfung in
sogenannten hypothetischen Urteilen („wenn ... dann...")
angenommen. Anschließend unternimmt Kant die „transzendentale Deduktion
der reinen Verstandesbegriffe", die den „Rechtsanspruch" der
Kategorien in ihrem
Gegenstandsbezug mit Hilfe der oben schon dargestellten
„kopernikanischen Wende" erklärt:
Nicht die
Erkenntnis richtet
sich nach den Gegenständen,
sondern umgekehrt. Kant zeigt im Einzelnen, wie die Zusammensetzung, die
Synthesis des
Vielfältigen der
Wahrnehmung zur Einheit des Urteils und des Begriffs nicht aus dem
Objekt, sondern nur aus dem
Subjekt entspringen kann. Die kritische Metaphysik als „Wissenschaft von den Grenzen der menschlichen Vernunft" wird in der „Kritik der reinen Vernunft" vor allem in der „transzendentalen Dialektik" entfaltet. Hier geht es um die „kosmologische Idee" von einem Weltganzen, um die Frage nach einem möglichen Anfang der Welt in der Zeit, um die These der Unsterblichkeit der Seele und andere metaphysische Fragen. Sie stellen sich der „Vernunft", die den Verstand, der die Begriffsbildung und die Erkenntnis von Gesetzmäßigkeiten ermöglicht, in Richtung auf das Unbedingte übergreift und ihm Erkenntnisziele vorgeben kann. Hier ist jetzt die Vernunft als spezielles „Vermögen" verstanden, während sie im Titel des Werkes den Inbegriff aller psychischen oder geistigen Fähigkeiten und Mittel des Menschen meint Während die Sinnlichkeit das „Vermögen der Anschauungen" und der Verstand das „Vermögen der Begriffe" und der Regeln ist, ist die Vernunft „das Vermögender Ideen". Mit den „Vernunftideen" des Unbedingten und der absoluten Einheit aller Erkenntnisse entstehen metaphysische Thesen, die sich unweigerlich aufdrängen und doch immer nur einen Schein von Wahrheit haben, sie können nie zu Erkenntnissen werden. So entstehen aus der Idee der Totalität der Dinge und Bedingungen „Antinomien", das sind Widersprüche, die sich aus dem jeweils schlüssigen Beweis zweier genau entgegengesetzter Behauptungen ergeben. Kant
löst die Antinomien auf, indem er sie auf falsche Fragestellungen zurückführt.
Aber ihre Argumente und Beweise gelten ihm deshalb nicht für wertlos. Die
Metaphysik erzeugt „transzendentalen Schein" und „notwendige
Illusionen", die zwar von der reinen Vernunft selbst durchschaut
werden, aber wie eine optische Tauschung
trotzdem weiter funktionieren. Und das ist nicht nur negativ zu sehen,
denn erst durch die regulativen Ideen des Unbedingten kommt die Erfahrung
zur systematischen Einheit. Kritik der praktischen VernunftIn der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (1785) und der „Kritik der praktischen Vernunft" (1788), Kants zweiter großer Hauptschrift nach der „Kritik der reinen Vernunft", geht es um die Ethik. Die praktische, d. h. handlungsleitende Vernunft wird mit dem freien, selbstbestimmten Willen gleichgesetzt. Sie ist von der theoretischen Vernunft nicht prinzipiell verschieden, zeigt jedoch einen anderen Vernunftgebrauch und ein anderes Gebiet. Der erste Satz der „Grundlegung" lautet: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben, zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille'." Hier geht Kant vom zentralen ethischen Begriff des Guten aus und behauptet, es gebe ein „ohne Einschränkung", d. h. „unbedingt" Gutes. Alles, was nicht an und für sich, sondern für einen Zweck oder in einem bestimmten Zusammenhang, also durch Umstände „bedingt", gut ist, taugt nicht zur entscheidenden Kennzeichnung der Moralität. Damit
ist der Nützlichkeitsethik, dem Utilitarismus (lat. utilitas"
= „Nützlichkeit")
widersprochen, nach dem wir
gut nennen, was dem Wohl der Menschheit oder einem anders formulierten
Zweck dient. Handlungen können für Kant nicht nach ihren letztlich immer
unberechenbaren Folgen beurteilt werden. Wonach wird aber der gute Wille
beurteilt, was charakterisiert ihn? Nicht zuletzt die Unabhängigkeit von persönlichen Neigungen und Bedürfnissen und darüber hinaus die Unabhängigkeit von Neigungen überhaupt, seien sie auch frei von unmittelbar erkennbarem Eigennutz und pragmatisch gesehen von allgemeinem Nutzen, wie etwa die Menschenliebe. Der nicht von Neigungen bestimmte Wille unterstellt sich der „Pflicht". Pflichtgebote äußern sich in imperativischen Handlungsregeln („Tue das und das"). Ein moralisch für jedes denkbare Vernunftwesen zu jeder Zeit verpflichtendes Gebot bzw. Gesetz nennt Kant einen „kategorisierten" unbedingten, situationsunabhängig gültigen) Imperativ. Wenn es ein oberstes praktisches bzw. moralisches Prinzip gibt, das als apriorischer Satz nicht aus der Erfahrung zu gewinnen ist, muss es ein solcher kategorischer Imperativ sein. Er darf in seiner Allgemeinheit und Freiheit von vorgesetzten Zwecken keine inhaltlichen Bestimmungen haben, kann sich also nur auf die „Form" von Handlungsregeln beziehen. Er lautet (in einer der verschiedenen Fassungen, die Kant angibt): „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Zur Erläuterung: Maximen sind subjektiv selbstgegebene Handlungsregeln des Einzelnen wie etwa die Regel: „Sage immer die Wahrheit". Bei
„Gesetz" ist in diesem Zusammenhang nicht an Recht und Legislative
zu denken, sondern an die notwendige Gültigkeit von Naturgesetzen. Für
Kant ist der kategorische Imperativ, das Gesetz, das den Willen, der sich
nach ihm
bestimmt, uneingeschränkt gut macht, uns allen vollkommen
vertraut, wenn auch nur in irgendeiner nicht unbedingt ausdrücklichen
Form. Das Bewusstsein des Gesetzes ist also ein Faktum, und zwar „das einzige Faktum der reinen Vernunft, die sich dadurch als ursprünglich gesetzgebend ankündigt." Dies feiert Kant in einem berühmten Satz: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir." Kritik der UrteilskraftIn
seinem dritten Hauptwerk (1790) befasst sich Kant mit dem apriorischen
Prinzip der „Urteilskraft", die es erlaubt, Einzelnes wie z.
B. Wahrnehmungen unter gegebene allgemeine Begriffe zu subsumieren (unterzuordnen) bzw. allgemeine Regeln aufzufinden, die eine
Vielheit von Einzelnem umfassen. Dieses Prinzip ist die in speziellem Sinn
verstandene „Zweckmäßigkeit". So betrachtet die Naturwissenschaft, insbesondere etwa die Biologie, die es mit organisch ineinandergreifenden Zusammenhängen zu tun hat, auf der Suche nach Gesetzmäßigkeiten die Natur immer so, als ob sie gewissermaßen konstruiert sei, d. h. von einem Verstand erdacht, der frei ist, Zwecke zu setzen. Den ersten Teil der „Kritik der Urteilskraft" bildet Kants epochemachende Ästhetik. Das Schöne in Kunst und Natur ist Gegenstand von „Geschmacksurteilen", in denen sich in herausgehobener Weise die Funktion der reflektierenden Urteilskraft zeigt. Diese sucht, wenn wir etwas Schönes als solches mit „interesselosem Wohlgefallen" (d. h. ohne alles begehrende Interesse am schönen „Objekt") wahrnehmen, zum Besonderen dieser einzelnen Anschauung eine allgemeine Regel der Einheit des Mannigfaltigen, einen Begriff, in gewissem Sinne eine „Erklärung", ohne allerdings etwas derartiges je abschließend zu finden. Dabei entfaltet sich ein „freies Spiel" der Erkenntniskräfte Einbildungskraft und Verstand. Beide müssen in bestimmter Weise in jeder objektiven „Erkenntnis", die etwas Wahrgenommenes vermittels des Denkens in einem Zusammenhang beurteilt,' zusammenwirken (die Einbildungskraft hat dabei eine die „Sinnesdaten" der Wahrnehmung zu einem Ganzen fügende Funktion). Das Geschmacksurteil drückt aber „keine" Erkenntnis aus, die Schönheit ist keine objektive Eigenschaft des Wahrgenommenen. Wohl aber wird in diesem Urteil ein harmonisches, in sich selbst zweckmäßiges, obgleich zu keinem Ende kommendes Zusammenspiel von Verstand und Einbildungskraft „bewusst". Dieses „Spiel", das den Gegenstand als „ästhetischen" Gegenstand überhaupt erst „erzeugt", gründet in einer allein in Hinsicht auf unser Urteil gegebenen Zweckmäßigkeit des wahrgenommenen Schönen, das keinen tatsächlichen Zweck hat. Beurteilt wird also eine „Zweckmäßigkeit ohne Zweck", d. h. die bloße „Form" der Zweckmäßigkeit, und dieser Urteilsprozess wird auf unser „Vermögen der Lust oder Unlust" bezogen: Schön ist dasjenige, dessen Wahrnehmung indirekt, nämlich als Auslöser jenes „Spiels", Lust erzeugt. Genaugenommen urteilt also das Geschmacksurteil über die Lust am Urteilen. Die Kritik der ästhetischen Urteilskraft befasst sich des weiteren mit dem „Erhabenen", mit „ästhetischen Ideen", mit dem „Genie" und der „Schönheit als Symbol der Sittlichkeit". Beim zuletzt genannten Thema zeigt sich noch einmal die Zielstrebigkeit des Kantischen Unternehmens, die „Vermögen des Gemüts" in Übereinstimmung zu bringen und so aus der Kritik illegitim einheitsstiftender Welterklärungen der Metaphysik heraus dennoch die Welt unserer Erfahrung als Sinnzusammenhang darzustellen. Quellen: Herausgb. Peter Delius, Autoren: Christoph Delius und Matthias Gatzemeier, Deniz Sertcan,Kathleen Wünscher; Könemann Verlagsgesellschaft m.b.H, Bonner Straße 126, D-50968; 2000 |