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Philosophiegeschiche

Renaissance

Zeit des Übergangs  

DER Beginn der Neuzeit 

Renaissance und Humanismus

Renaissance, Mittelalter, Neuzeit - mit diesen vertrauten Epochenbegriffen der europäischen Geschichte wird ein historisches Kontinuum gegliedert, indem verschiedene Kulturen von einander abgegrenzt werden. Die Möglichkeit dieser Abgrenzung wurde schon im 15. Jahrhundert zu Beginn der Neuzeit empfunden, während das Mittelalter andersartige Einteilungen der Geschichte gekannt hatte, die an biblischen und theologischen Aussagen orientiert waren und die man im abgeschlossenen Schöpfungsplan verankert glaubte. 

Im 18. Jahrhundert setzte sich endgültig die Überzeugung durch, seit etwa drei Jahrhunderten in einer neuen Epoche zu leben (der Epochenbegriff im heutigen Sinn bildete sich damals heraus). Tatsächlich kulminierten  im  18. Jahrhundert viele Entwicklungen der heute oft so genannten frühen Neuzeit, der Zeit der Renaissance. Das nachmittelalterliche Staatensystem war etabliert, christliche und traditionell-feudalistische politische Werte wurden von den Denkern der Aufklärung gründlich relativiert, kulturelle Institutionen und das ganze Weltbild wurden säkularisiert (d. h. verweltlicht, von kirchlichen Bindungen und Dogmen abgelöst). Die Wissenschaften spielten eine entscheidende und selbständige Rolle, Reste scholastischer Begriffssysteme wurden eliminiert. Naturformen und Völker der ganzen Erde wurden verglichen und klassifiziert, das weltbürgerlich gesonnene Bürgertum kam zum Selbstbewusstsein einer breiten und tragenden Gesellschaftsschicht mit revolutionärem Potenzial, und das Individuum fand neuartige Ausdrucksformen des Ichs. 

Dieser neuzeitliche Zustand des 18. Jahrhunderts  hatte seine frühneuzeitlichen  Wurzeln nicht zuletzt in  entscheidenden  praktischen Neuerungen (bzw. Anwendungsverbesserungen) des 14. Jahrhunderts, die Francis Bacon in einem Buch von 1620 aufzählt: „die Buchdruckerkunst, das Schießpulver und der Kompass. Diese drei haben nämlich die Gestalt und das Antlitz der Dinge auf der Erde verändert, zahllose Veränderungen der Dinge sind ihnen gefolgt, und es scheint, dass kein Weltreich, keine Sekte, kein Gestirn eine größere Wirkung und größeren Einfluss auf die menschlichen Belange ausgeübt haben als diese mechanischen Dinge."  

Wirklich lassen sich die „drei Dinge" mit den historischen Gegebenheiten verbinden, die den Beginn der Neuzeit ausmachen: der Buchdruck mit der humanistischen Gelehrsamkeit der Renaissance und mit den Flugblättern und Schriften der Reformation, die Einführung der Schusswaffen mit dem Ende des Rittertums und damit auch mit der Entwicklung neuer Staatsformen und die Erfindung des Kompasses mit den epochalen geographischen Entdeckungen (Kolumbus, Vasco da Gama).

Die Renaissance 

Mit „Entdeckung der Welt, Entdeckung des Menschen" fasste der französische Historiker J. Michelet stichwortartig die Neuerungen des 15. und 16. Jahrhunderts zusammen, als er 1854 in einer Geschichte Frankreichs zum ersten Mal „Renaissance" („Wiedergeburt") als Epochenbegriff gebrauchte. 

Eine Wiederherstellung antiker republikanischer Staatsformen war bereits in einer römischen Volkserhebung unter Cola di Rienzi (1347) versucht worden. Der politische Theoretiker Machiavelli sprach im frühen 16. Jahrhundert diesbezüglich von einer Wiedergeburt. Ebenfalls im 16.  Jahrhundert bürgerte sich die Rede von einer Wiedergeburt der Antike in der zeitgenössischen Kunst ein. In Geographie, Astronomie und Naturforschung erweiterten sich die Horizonte sprunghaft. 1543 wurden die astronomischen Thesen des Kopernikus veröffentlicht, der die Sonne als Mittelpunkt des Planetensystems sah. 

Der Philosoph Giordano Bruno unterstützte die These und erweiterte sie, indem er das Universum als unendlich ausgedehnt betrachtete. Der Buchdruck, von Johannes Gutenberg um 1440 entwickelt, revolutionierte im Zusammenhang mit einem Aufstieg von Stadtstaaten und ihres Bürgertums und einer auch dadurch entstehenden Leserschaft das Bildungs- und Informationswesen. Die durch den Thesenanschlag Luthers (1517) ausgelöste Reformation erstrebte eine Renaissance ursprünglicher Überzeugungen und Religionsübungen des christlichen Offenbarungsglaubens. 

Die katholische Gegenreformation, verbunden u. a. mit einer Neuorganisation der Inquisition, setzte mit dem Konzil von Trient (1545-1563) ein. Im Humanismus, der sich wie die Renaissance überhaupt v a. in Italien entwickelte, ging es seit Francesco Petrarca um die Lebensführung im Geist einer Verbindung von kultivierter Sprache und Moralphilosophie auf der Grundlage philologischer Kenntnisse der Antike. Die Philosophie der Zeit des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit befasst sich zunehmend mit dem Menschen, der Geschichte und der Natur. Francesco Patrizi versteht Geschichte als Erinnerung, als inneres Verstehen der faktischen Welt und Vermittlung des Subjektiven und Objektiven.  

Für die Kunst und Architektur der Renaissance ist das Streben nach vollkommener Harmonie und Schönheit kennzeichnend. In der Antike, so glaubte man, seien diese ästhetischen Ideale bereits verwirklicht gewesen. Die Wiederentdeckung antiken Wissens zeigt sich unter anderem in der Malerei und Architektur. Man legte besonderen Wert auf ausgewogene Verhältnisse und aufeinander abgestimmte Proportionen und erforschte die Regeln, nach denen diese symmetrischen Verhältnisse zustande kommen. Die zentralperspektivische Raumgestaltung der Idealstadt entspricht diesem Harmoniestreben. 

In der Mitte des 16. Jahrhunderts veröffentlichte der Maler und Architekt Giorgio Vasari  Lebensbeschreibungen berühmter Künstler, deren Reihe mit den ersten „Überwindern" des von Vasari so genannten barbarischen Stils der Gotik  beginnt.  Hier  wird  das  Mittelalter als eine dunkle Epoche ausgegrenzt gegenüber der Antike und deren Wiedergeburt („Renaissance") in der italienischen Kunst des 14. Jahrhunderts (Giotto) und dann vor allem des 15. und frühen 16. Jahrhunderts (z. B. Leonardo, Michelangelo, Raffael). „Renaissance" wurde im  19. Jahrhundert als Begriff für eine ganze Kulturepoche geprägt,  die  ungefähr  die  Zeit  von  1400  bis  1530 oder auch bis 1600 umfasst und die im wesentlichen auf Italien beschränkt ist oder doch in Italien ihren Ausgangspunkt hat. Relativ scharf umrissen ist der Renaissancebegriff seinem  Ursprung  gemäß  am  ehesten  in der Kunstgeschichte, in anderen Bereichen fällt die Abgrenzung des Gemeinten gegen Mittelalter und Barock viel schwerer. 

Man sieht heute die Renaissance nicht mehr als einheitliches Gesamtkulturgebilde, sondern betrachtet sie eher als „Schwellenzeit", in der herausragend Neues mit der mittelalterlichen Tradition verwoben ist. Viele der epochemachenden Neuerungen dieser Zeit findet man im Bereich der bildenden Kunst. Im frühen 15. Jahrhundert entdeckten Architekten und Maler die Zentralperspektive, die eine bildliche Tiefenillusion schafft und es erlaubt, Mensch und Dinge proportionsgetreu im Raum darzustellen. Gegenüber dem durch Symbole und Bildformeln strukturierten Imaginationsverfahren der mittelalterlichen Malerei beruht das perspektivische Abbildungsverfahren auf dem jeweils bestimmten Verhältnis von Bildgegenstand, Bildfläche und Augenpunkt des Beobachters und macht das Bild zur „Funktion" dieser Elemente. Das Bild wird wissenschaftlich-rational definiert als genaues Bild der Wirklichkeit, wie sie im Sehen erscheint. Hier deuten sich neuzeitliche Rationalität mit ihrer mathematischen Auffassung von Raum und Natur und ein vom (Betrachter-Subjekt ausgehendes Verstehen der Welt als denkendes Herstellen der Welt an.  

Reformatorengruppe
Die durch Luthers Thesenanschlag (1517) ausgelöste Reformation richtete sich gegen die von der Bibel entfernte spätscholastische Theologie und gegen die Finanzpraktiken der Kirche. Sie verfolgte das Ziel einer Erneuerung der Kirche im Sinne des Evangeliums. Der Einzelne steht für Luther in einem unmittelbaren, persönlichen Verhältnis zu Gott, weshalb die beanspruchte Mittlerfunktion der katholischen Kirche entfällt. Luther greift die Prädestinationslehre des Augustinus auf, nach der Erlösung und Verdammnis von Gottes Willen vorherbestimmt sind. Wegen dieser Einschränkung der menschlichen Willensfreiheit geriet er in Streit mit einigen Humanisten, wie z. B. Erasmus von Rotterdam, für den die Selbstbestimmung des Menschen die Grundlage einer humanen Kultur bildet Auch Philipp Melanchthon, ein enger Mitarbeiter Luthers, betont den freien Willen des Menschen und versucht, den christlichen mit dem humanistischen  Denkansatz zu verbinden.
 

Wie das perspektivische Bild durch seinen immer mitgegebenen Augenpunkt auf das sehende Individuum zielt, so thematisiert die neue Gattung der Porträtmalerei das individuelle Gegenüber. Überhaupt werden in der Renaissance vielfach die Würde und Besonderheit des einzelnen Menschen hervorgehoben; auch hier beginnt ein Bruch mit dem Mittelalter, das mehr von der Idee der kollektiven Glaubensgemeinschaft im Sinne der Mönchsorden bestimmt war. 

Vor allem ist neu, dass nicht nur Fürsten besungen und gekrönt werden, sondern auch Dichter und „Handwerker" wie Giotto oder Michelangelo. Der erste in antiker Tradition auf dem Kapitol in Rom mit Lorbeer bekränzte Dichter der neuen Zeit war Francesco Petrarca, zugleich der erste große Humanist. Humanismus als literarisch-philosophische Bewegung und Haltung innerhalb der Renaissance meint gelehrte Bildung in den Künsten und Wissenschaften, die das  Menschliche des Menschen herausbilden. „Humanistae" hießen im 1 5. Jahrhundert Professoren,  die  unter  Heranziehung  antiker  Quellen Grammatik, Rhetorik, Geschichte, Dichtung und Moralphilosophie lehrten.

Die Humanisten waren Philologen der lateinischen und nach und nach auch der griechischen Literatur, zugleich aber meist auch selbst glänzende  Stilisten und Rhetoriker. Petrarca forderte wie seine Nachfolger die Wiedergeburt des Menschen aus dem Geist der Antike und behauptete die Untrennbarkeit von vernünftigem Denken und kultivierter Sprache. Sein politisches  Vorbild  war  die  römische  Republik; gleiches galt etwa für den Florentiner Humanisten Leonardo Bruni, der seine republikanische Überzeugung literarisch und in einem wichtigen Regierungsamt zugleich praktisch vertrat. 

Die Verbindung von Theorie und Praxis war überhaupt eine humanistische Forderung und führte zum Renaissanceideal des „uomo universale", des moralisch sicheren, universell gebildeten und auch in seinen Umgangsformen vollendet kultivierten Menschen. Der Humanismus war nicht auf Italien beschränkt. Der in seiner Zeit wohl beste Kenner der antiken und christlichen Literatur war Erasmus von Rotterdam, seine ausgiebigen Korrespondenzen erstreckten sich über ganz Europa. Sein tolerantes Denken suchte Ausgleich in Fragen menschlicher Leidenschaften, religiöser Konflikte und dem Widerstreit von Antike und Christentum. 

Auch in England und Frankreich wirkten Humanisten, und in Deutschland konnte Ulrich von Hütten trotz aller Wirren der Zeit ausrufen: „O Jahrhundert, o Wissenschaft, es ist eine Lust zu leben! Die Wissenschaften blühen, die Geister regen sich." 

Nikolaus von Kues

Wissendes Nichtwissen von der Unendlichkeit. Die bereits  neuzeitliche  Hinwendung  zur sprachlichen und geschichtlichen Wirklichkeit der menschlichen Welt, die eine Parallele im Realismus der Renaissancekünstler hat, führte die Humanisten immer wieder zur Kritik an der Scholastik mit ihrer naturfernen, logisch ausgeklügelten Erkenntnismetaphysik und ihren endlosen Aristoteleskommentaren. Petrarca führte gegen Aristoteles, durch den man klüger, aber nicht besser werde, die ethisch ausgerichtete Lehre von Platon ins Feld und stand damit am Anfang einer Entwicklung, die zur Platonischen Akademie in Florenz führte. In Platons Philosophie und besonders in seiner Idee des Guten gebe es eine Annäherung an die  göttliche  Wahrheit,  so  Petrarca  in  einer Schrift „Über die eigene und anderer Leute Unwissenheit". Mit der Unwissenheit ist die des Christen gemeint, dem die letzten Wahrheiten nur im Glauben zugänglich sind. Dieser Punkt wird Programm  bei  dem  Kirchendiplomaten, Kardinal,  Humanisten  und  Philosophen  Nikolaus von Kues (oder Nikolaus Cusanus). In seinem Buch „De docta Ignorantia" („Von der gelehrten  Unwissenheit"  oder  „Vom  bewussten Nichtwissen",  1440) akzeptiert er die  Unbegreiflichkeit  der  Unendlichkeit  Gottes  und nimmt diese negative Einsicht zum Ausgangspunkt für die positive Bestimmung eben dieser Unbegreiflichkeit als solcher. 

Wenn die Unendlichkeit das gänzlich „andere" der geschaffenen Welt und der Einzeldinge ist, das „Absolute" im Gegensatz zum Relativen, so ist  ihr  mit  dem  logischen  Apparat  der  Scholastik nicht beizukommen. Dieser Apparat beruht auf Gegensatz, Ausschließung  bzw. Übereinstimmung, Einschließung. Im Absoluten können diese relativen Bezüge nicht vorkommen, es muss, so Cusanus, als dasjenige gedacht werden, in dem die Gegensätze  zusammenfallen, Cusanus illustriert das an einem geometrischen Beispiel: Die Tangente an einen Kreis von bestimmter Größe berührt den Kreis in einem Punkt. Wird der Kreis aber unendlich groß, fällt er mit der Tangente zusammen. Das ist einsichtig, aber nicht wirklich vorstellbar. Es geht Cusanus darum, diese Grenze des Verstehbaren zu fassen, um so der eigenen Unwissenheit zuzusehen und sie in ihrem Wesen zu begreifen. Dazu untersucht Cusanus die Art unseres Erkennens überhaupt und gelangt dabei auf eine Verhältnisbestimmung menschlicher und göttlicher Geistestätigkeit.

Melancholie

Die Lehre von den vier Temperamenten, ihren Mischungen und ihren kosmischen Bezügen, die den menschlichen Charakter mit der Ordnung der Dinge verbinden, war ein wiederkehrendes Thema der  Renaissancephilosophie. Das melancholische Temperament, beherrscht vom Planeten Saturn, sah man einerseits dem Laster düsterer Trägheit oder gar der geistigen Umnachtung zugeneigt, andererseits war es die Bedingung schöpferischer Genialität. Dürers Allegorie zeigt gewiss nicht nur einen psychischen Konstitutionstyp nach zeitgenössischen Vorgaben, sondern ist eine Selbstdarstellung der mit Wissenschaft und Philosophie verbundenen Kunst als einem Medium der Erzeugung unerschöpflicher Bedeutungen. „Ein guter Maler", so Dürer, „ist inwendig voller Figuren, und selbst wenn er ewig lebte, so hätte er aus den inneren Ideen, von denen Platon schreibt, immer noch etwas Neues durch sein Werk auszugießen."

Der Verstand vergleicht und unterscheidet Dinge, stellt Zahlenverhältnisse her, misst und kalkuliert. Die so erlangte Kenntnis über die Dinge bleibt aber immer relativ und unvollkommen, da es zwischen den endlosen Dingen der Welt immer noch ein Mehr an Relationen zu finden gibt. Nur mit einem absoluten Maßstab würde sich das Einzelne abschließend bemessen lassen, nur aus der absoluten Einheit der Gegensätze heraus ließe sich die unabschließbare Differenzierung der Welt vollenden und aufheben. 

Nach Cusanus ist es die Vernunft, die den Verstand übergreift und das Absolute nicht erfasst,  aber  „berührt".  Dank  dieser  Berührung kann die Vernunft Messbarkeit als solche und Einheit als solche denken, und diese Denkbarkeit ist die Grundlage der Verstandestätigkeit, die ohne sie nur ziellos unterscheiden würde. Dieser Zusammenhang von Vernunft und Verstand zeigt dem menschlichen Geist, wie er selbst sein Wissen ermöglicht, anstatt sich ganz der vorgeordneten Wirklichkeit der Dinge anzugleichen. 

Die Einheit als Grundlage des Zählens und der Mathematik „setzt" der Geist eigenständig ebenso wie z. B. alle Maßeinheiten, die Cusanus „Hypothesen" (Setzungen) nennt. Mit Hypothesen erschließt der Mensch den nie endgültig  durchschaubaren  Zusammenhang  der Dinge. Das ist eine schöpferische Tätigkeit analog zur Tätigkeit Gottes: „Denn wie Gott der Schöpfer des wirklich Seienden und der natürlichen Formen ist, so ist der Mensch Schöpfer des gedanklichen Seienden und der künstlichen Formen; diese sind nichts anderes als Ähnlichkeiten seines Geistes, so wie die Geschöpfe Ähnlichkeiten des göttlichen Geistes sind."

 

Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes,

Reproduktionen dieser Illustration aus einem erfolgreichen populärwissenschaftlichen Werk des 19. Jahrhunderts galten irrtümlich lange Zeit als Wiedergaben eines authentischen Holzschnitts aus der Renaissance. Der mittelalterliche Kosmos ist in stilisierter Form als nicht mehr ernstzunehmendes Weltbild gestaltet, weder  was die flache Erde mit der klar begrenzten Sternensphäre angeht, noch was deren Jenseits betrifft. Ein neugieriger Forscher durchbricht das alte Lehrgebäude der Scholastik und entdeckt jenseits des Horizonts, der bis dahin für die Grenze der Welt gehalten wurde, eine neue, fremde Welt Diese Grenze verschwand im 16. Jahrhundert ausdrücklich in der Philosophie Giordano Brunos. Anders als Kopernikus, in dessen bereits revolutionärem heliozentrischen System es noch die kugelförmige Außensphäre der Fixsterne gab, hielt Bruno die Sterne für die Sonnen eigener  Planetensysteme, die sich ohne Ende ins unbegrenzte Universum erstrecken.  

Renaissance-Platonismus
Mit seiner Annahme eines absoluten Prinzips (Gott), dem letztlich - dank der Berührung der Vernunft mit diesem Absoluten - alles Erkennbare und alle Erkenntnis entspringt, nahm Cusanus (neu-)platonische Gedanken auf. Damit stand er nicht allein, es kam im 15. Jahrhundert zu einer regelrechten Platonrenaissance. Die humanistischen Quellentextjäger hatten seit der Zeit Petrarcas alle Schriften Platons in der Originalsprache aufgespürt; Marsilio Ficino übersetzte sie erstmals sämtlich ins Lateinische und machte sie so allen europäischen Gelehrten zugänglich. Ficino und ihm gleichgesonnene Humanisten hatten einen bedeutenden Förderer in Cosimo de' Medici, dem Großbankier, Mäzen und inoffiziellen Herrscher der offiziellen Republik Florenz. Man traf sich seit den späten 1450er Jahren hin und wieder auf einem Landsitz Cosimos zu einem Gesprächszirkel, der seither als Platonische Akademie von Florenz
bekannt ist. 

Ficino sah in Platons Philosophie eine ganz aktuelle Lehre, die alle widerstrebenden Tendenzen der Zeit zusammenzuführen erlaube. Sie könne Religion und Philosophie, Metaphysik und Wissenschaft, die überall auseinanderlaufen,  miteinander  versöhnen.  Platons  Denken enthalte nicht nur vorausweisend bereits die christliche Lehre, sondern vermittle auch zurückgreifend alte Urweisheiten, in denen die eine göttliche Grundoffenbarung vielleicht am reinsten ausgedrückt war. Ficinos  „Platonische Theologie" (1474) will diese integrierende Kraft einer „philosophischen Religion" zeigen, indem sie Geist und Natur und alle Stufen des Seins als einziges Kontinuum darstellt. Als diese Stufen nennt Ficino in  abgewandelter neuplatonischer (plotinischer) Tradition: 

Göttliches Sein; Sphäre der reinen Intelligenzen oder Ideen (Engelwelt);  Seele;  körperliche  Qualitäten  (Farbe, Wärme usw.); Körper (formloser Stoff, reine materielle Quantität).  Die  Mitte des Seins  ist die Weltseele. Sie hat ihre Entsprechung und Repräsentanz in der Seele (dem Geist) des Menschen, der nun ins Zentrum des Universums rückt. Die menschliche Erkenntnisfähigkeit kann die Extreme Gott und  Körper verbinden und spiegelt (und schafft in gewissem Sinne erst) die durchgängige Einheit des Seins. 

Wahrnehmen und Erkennen ist für Ficino kein passives Aufnehmen und Verarbeiten, sondern eine Anverwandlung der Seele an das Erkannte, die  nur  möglich  ist, weil  die  Seele  an  allen Seinstufen teil hat Goethe hat diesen plotinischen Gedanken der Entsprechung von Erkennendem und Erkanntem so ausgedrückt: „War  nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken; war nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt uns Göttliches entzücken?" Der Gedanke der Chance der Seele zum erhabenen Aufschwung in der Angleichung an Gott und eine ästhetische Sicht der Welt, deren lichte  Harmonie wir im Gleichklang unserer Seele erfahren, haben die Lehre Ficinos oft als philosophische Entsprechung zur Kunst der Renaissance erscheinen  lassen. 

Die freie und zentrale Stellung des Menschen wird wie bei Ficino auch bei seinem Schüler Pico della Mirandola betont. In einer berühmt gewordenen Rede „Über die Würde des Menschen" lässt er Gottvater zu Adam sagen: „Den übrigen Wesen ist ihre Natur durch die von uns vorgeschriebenen Gesetze bestimmt und wird dadurch in Schranken gehalten. Du bist durch keinerlei unüberwindliche Schranken gehemmt. Ich habe dich zur Mitte der Welt gemacht, damit du von dort bequem um dich schaust, was es alles in der Welt gibt. Wir haben dich weder als einen  Himmlischen  noch  als einen  Irdischen, weder als einen Sterblichen noch als eignen Unsterblichen geschaffen, damit du als dein eigener, vollkommen frei und ehrenhalber schaffender Bildhauer und Dichter dir selbst die Form bestimmst, in der du leben möchtest".

Der Mensch als Mitte der Welt: das ist hier offenkundig nicht so zu verstehen, dass der Mensch von vornherein als Ebenbild Gottes das Maß aller Dinge ist. Die Mitte ist hier vielmehr ein unbestimmter Ort im Gegensatz zum bestimmten Ort der übrigen Geschöpfe. Die Mitte bedeutet eine Richtungslosigkeit, die als positive Offenheit das Potenzial der Freiheit ist. 

Die platonische Geistphilosophie stand in der Renaissance durchaus nicht unwidersprochen da. So sah z. B. Christofero Landino den Menschen als Einheit von Leib und Seele und als soziales Wesen. Der „vita activa", dem tätigen Leben, gebühre der Vorrang vor der von den Platonikern höher bewerteten „vita contemplativa", dem Leben in geistiger Beschäftigung: „Die Natur als trefflichste Mutter hat uns zur regen Teilnahme am geselligen Verkehr und zur Wahrung der menschlichen Gemeinschaft hervorgebracht". Besonders konsequent wurde die unauflösliche Faktizität der Leib-Seele-Verbindung von dem aristotelisch geschulten Pietro Pomponazzi betont. Er verwarf sogar die Möglichkeit der Unsterblichkeit der Seele, ein für die damalige Zeit enorm kühner Vorstoß. 

Selbstbildnis im Konvexspiegel

Das Portrat als eigene Bildgattung hatte noch keine lange Geschichte als Parmigianino sein noch heute geradezu modern wirkendes Selbstbildnis malte. In der Entstehung der Portratmalerei war die in der Renaissance auflebende Wertschätzung des Individuums zum Ausdruck gekommen. In Künstlerselbstbildnissen wurde sie vom demonstrierten Selbstbewusstsein echter schöpferischer Produktivität ergänzt Wahrend dem mittelalterlichen Denken nach Gott schöpfungsmächtig war, der Künstler jedoch nur real oder ideal schon Vorgeformtes herstellen konnte, gewann jetzt der Künstler gottähnliche Züge. Parmigianino brilliert mit seiner Fähigkeit die Stofflichkeit einer „Seifenblase", einer Erscheinung im Spiegel, eines virtuellen Bildes dar zu stellen. Er malt virtuos das gesehene Phänomen, ohne an der gewissermaßen rechtwinkligen Objektivität der „wirklichen" Welt zu hängen. Er zeigt, wie der Künstler als subjektives Zentrum die Bedingung für Phänomene ist und wie er die Phänomene auf sich hin orientiert und sie als solche in ihrem Erscheinen erfahren und bewahren kann. 

Platon

Die Wiederentdeckung Platons ist kennzeichnend für die Philosophie der Renaissance, im besonderen für die italienische Renaissance-Philosophie. Der Hauptvertreter dieser Richtung ist Marsilio Ficino, der sämtliche Schriften Platons ins Lateinische übersetzte und sie damit der europäischen Gelehrtenwelt zugänglich machte. Vor allem Platons Idee des Guten entsprach den humanistischen Tendenzen der Zeit. Für Ficino stellen Geist und Natur und alle Stufen des Seins ein einziges Kontinuum dar. Die oberste Stufe ist für Ficino, entsprechend der neuplatonischen Tradition, die des Göttlichen Seins (Sphäre der Ideen). In Cosimo de' Medici fanden die italienischen Renaissance-Philosophen einen wichtigen Förderer. 1459 gründet Cosimo die Platonische Akademie von Florenz, einen Gesprächszirkel nach dem antiken Vorbild - der Philosophenschule Platons.

Quellen: Herausgb. Peter Delius, Autoren: Christoph Delius und Matthias Gatzemeier, Deniz Sertcan,Kathleen Wünscher;  Könemann Verlagsgesellschaft m.b.H, Bonner Straße 126, D-50968; 2000