| Philosophiegeschiche |
Renaissance |
|
Zeit
des Übergangs DER
Beginn der Neuzeit Renaissance
und Humanismus Renaissance, Mittelalter, Neuzeit - mit diesen vertrauten Epochenbegriffen der europäischen Geschichte wird ein historisches Kontinuum gegliedert, indem verschiedene Kulturen von einander abgegrenzt werden. Die Möglichkeit dieser Abgrenzung wurde schon im 15. Jahrhundert zu Beginn der Neuzeit empfunden, während das Mittelalter andersartige Einteilungen der Geschichte gekannt hatte, die an biblischen und theologischen Aussagen orientiert waren und die man im abgeschlossenen Schöpfungsplan verankert glaubte. Im 18. Jahrhundert setzte sich endgültig die Überzeugung durch, seit etwa drei Jahrhunderten in einer neuen Epoche zu leben (der Epochenbegriff im heutigen Sinn bildete sich damals heraus). Tatsächlich kulminierten im 18. Jahrhundert viele Entwicklungen der heute oft so genannten frühen Neuzeit, der Zeit der Renaissance. Das nachmittelalterliche Staatensystem war etabliert, christliche und traditionell-feudalistische politische Werte wurden von den Denkern der Aufklärung gründlich relativiert, kulturelle Institutionen und das ganze Weltbild wurden säkularisiert (d. h. verweltlicht, von kirchlichen Bindungen und Dogmen abgelöst). Die Wissenschaften spielten eine entscheidende und selbständige Rolle, Reste scholastischer Begriffssysteme wurden eliminiert. Naturformen und Völker der ganzen Erde wurden verglichen und klassifiziert, das weltbürgerlich gesonnene Bürgertum kam zum Selbstbewusstsein einer breiten und tragenden Gesellschaftsschicht mit revolutionärem Potenzial, und das Individuum fand neuartige Ausdrucksformen des Ichs. Dieser
neuzeitliche Zustand des 18. Jahrhunderts
hatte seine frühneuzeitlichen
Wurzeln nicht zuletzt in entscheidenden praktischen Neuerungen (bzw. Anwendungsverbesserungen) des
14. Jahrhunderts, die Francis Bacon in einem
Buch von 1620 aufzählt: „die Buchdruckerkunst, das Schießpulver und
der Kompass. Diese drei haben nämlich die Gestalt und das Antlitz der
Dinge auf der Erde verändert, zahllose Veränderungen der Dinge sind
ihnen gefolgt,
und es scheint, dass kein Weltreich, keine Sekte, kein Gestirn eine größere
Wirkung und größeren Einfluss auf die menschlichen Belange ausgeübt
haben als diese mechanischen Dinge." Wirklich lassen sich die „drei Dinge" mit den historischen Gegebenheiten verbinden, die den Beginn der Neuzeit ausmachen: der Buchdruck mit der humanistischen Gelehrsamkeit der Renaissance und mit den Flugblättern und Schriften der Reformation, die Einführung der Schusswaffen mit dem Ende des Rittertums und damit auch mit der Entwicklung neuer Staatsformen und die Erfindung des Kompasses mit den epochalen geographischen Entdeckungen (Kolumbus, Vasco da Gama). Die
Renaissance Mit
„Entdeckung der Welt, Entdeckung des Menschen" fasste der französische
Historiker J. Michelet stichwortartig die Neuerungen des 15. und 16.
Jahrhunderts zusammen, als er 1854 in einer Geschichte Frankreichs zum
ersten Mal „Renaissance" („Wiedergeburt") als Epochenbegriff
gebrauchte. Eine
Wiederherstellung antiker republikanischer Staatsformen war bereits in
einer römischen Volkserhebung unter Cola di Rienzi (1347) versucht
worden. Der politische Theoretiker Machiavelli sprach im frühen 16.
Jahrhundert diesbezüglich von einer Wiedergeburt. Ebenfalls im 16.
Jahrhundert bürgerte sich die Rede von einer Wiedergeburt der
Antike in der zeitgenössischen Kunst ein. In Geographie, Astronomie und
Naturforschung erweiterten sich die Horizonte sprunghaft. 1543 wurden die
astronomischen Thesen des Kopernikus veröffentlicht, der die Sonne als
Mittelpunkt des Planetensystems sah. Der
Philosoph Giordano Bruno unterstützte die These und erweiterte sie, indem
er das Universum als unendlich ausgedehnt betrachtete. Der Buchdruck, von
Johannes Gutenberg um 1440 entwickelt, revolutionierte im Zusammenhang mit
einem Aufstieg von Stadtstaaten und ihres Bürgertums und einer auch
dadurch entstehenden Leserschaft das Bildungs- und Informationswesen. Die
durch den Thesenanschlag Luthers (1517) ausgelöste Reformation erstrebte
eine Renaissance ursprünglicher Überzeugungen und Religionsübungen des
christlichen Offenbarungsglaubens. Die
katholische Gegenreformation, verbunden u. a. mit einer Neuorganisation
der Inquisition, setzte mit dem Konzil von Trient (1545-1563) ein. Im
Humanismus, der sich wie die Renaissance überhaupt v a. in Italien
entwickelte, ging es seit Francesco Petrarca um die Lebensführung im
Geist einer Verbindung von kultivierter Sprache und Moralphilosophie auf
der Grundlage philologischer Kenntnisse der Antike. Die Philosophie der
Zeit des Übergangs
vom Mittelalter zur Neuzeit befasst sich zunehmend mit dem Menschen, der
Geschichte und der Natur. Francesco Patrizi versteht Geschichte als
Erinnerung, als inneres Verstehen der faktischen Welt und Vermittlung des
Subjektiven und Objektiven. Für
die Kunst und Architektur der Renaissance ist das Streben nach
vollkommener Harmonie und Schönheit kennzeichnend. In der Antike, so
glaubte man, seien diese ästhetischen Ideale bereits verwirklicht
gewesen. Die Wiederentdeckung antiken Wissens zeigt sich unter anderem in
der Malerei und Architektur. Man legte besonderen Wert auf ausgewogene
Verhältnisse und aufeinander abgestimmte Proportionen und erforschte die
Regeln, nach denen diese symmetrischen Verhältnisse zustande kommen. Die
zentralperspektivische Raumgestaltung der Idealstadt entspricht diesem
Harmoniestreben. In der Mitte des 16. Jahrhunderts veröffentlichte der Maler und Architekt Giorgio Vasari Lebensbeschreibungen berühmter Künstler, deren Reihe mit den ersten „Überwindern" des von Vasari so genannten barbarischen Stils der Gotik beginnt. Hier wird das Mittelalter als eine dunkle Epoche ausgegrenzt gegenüber der Antike und deren Wiedergeburt („Renaissance") in der italienischen Kunst des 14. Jahrhunderts (Giotto) und dann vor allem des 15. und frühen 16. Jahrhunderts (z. B. Leonardo, Michelangelo, Raffael). „Renaissance" wurde im 19. Jahrhundert als Begriff für eine ganze Kulturepoche geprägt, die ungefähr die Zeit von 1400 bis 1530 oder auch bis 1600 umfasst und die im wesentlichen auf Italien beschränkt ist oder doch in Italien ihren Ausgangspunkt hat. Relativ scharf umrissen ist der Renaissancebegriff seinem Ursprung gemäß am ehesten in der Kunstgeschichte, in anderen Bereichen fällt die Abgrenzung des Gemeinten gegen Mittelalter und Barock viel schwerer. Man
sieht heute die Renaissance nicht mehr als einheitliches
Gesamtkulturgebilde, sondern betrachtet sie eher als
„Schwellenzeit", in der herausragend Neues mit der
mittelalterlichen Tradition verwoben ist. Viele der epochemachenden
Neuerungen dieser Zeit findet man im Bereich der bildenden Kunst. Im frühen
15. Jahrhundert entdeckten Architekten und Maler die Zentralperspektive,
die eine bildliche Tiefenillusion schafft und es erlaubt, Mensch und Dinge
proportionsgetreu im Raum darzustellen. Gegenüber dem durch Symbole und
Bildformeln strukturierten Imaginationsverfahren der mittelalterlichen
Malerei beruht das perspektivische Abbildungsverfahren auf dem jeweils
bestimmten Verhältnis von Bildgegenstand, Bildfläche und Augenpunkt des
Beobachters und macht das Bild zur „Funktion"
dieser Elemente. Das Bild wird wissenschaftlich-rational definiert als
genaues Bild der Wirklichkeit, wie sie im Sehen erscheint. Hier deuten
sich neuzeitliche Rationalität mit ihrer mathematischen Auffassung von
Raum und Natur und ein vom (Betrachter-Subjekt ausgehendes Verstehen der
Welt als denkendes Herstellen der Welt an. Reformatorengruppe Wie das perspektivische Bild durch seinen immer mitgegebenen Augenpunkt auf das sehende Individuum zielt, so thematisiert die neue Gattung der Porträtmalerei das individuelle Gegenüber. Überhaupt werden in der Renaissance vielfach die Würde und Besonderheit des einzelnen Menschen hervorgehoben; auch hier beginnt ein Bruch mit dem Mittelalter, das mehr von der Idee der kollektiven Glaubensgemeinschaft im Sinne der Mönchsorden bestimmt war. Vor
allem ist neu, dass nicht nur Fürsten besungen und gekrönt werden,
sondern auch Dichter und „Handwerker" wie Giotto oder Michelangelo.
Der erste in antiker Tradition auf dem Kapitol in Rom mit Lorbeer bekränzte
Dichter der neuen Zeit war Francesco Petrarca, zugleich der erste große
Humanist. Humanismus als literarisch-philosophische Bewegung und Haltung
innerhalb der Renaissance meint gelehrte Bildung in den Künsten und
Wissenschaften, die das Menschliche
des Menschen herausbilden. „Humanistae" hießen im 1 5. Jahrhundert
Professoren, die
unter Heranziehung antiker Quellen
Grammatik, Rhetorik, Geschichte, Dichtung und Moralphilosophie lehrten. Die Humanisten waren Philologen der lateinischen und nach und nach auch der griechischen Literatur, zugleich aber meist auch selbst glänzende Stilisten und Rhetoriker. Petrarca forderte wie seine Nachfolger die Wiedergeburt des Menschen aus dem Geist der Antike und behauptete die Untrennbarkeit von vernünftigem Denken und kultivierter Sprache. Sein politisches Vorbild war die römische Republik; gleiches galt etwa für den Florentiner Humanisten Leonardo Bruni, der seine republikanische Überzeugung literarisch und in einem wichtigen Regierungsamt zugleich praktisch vertrat. Die Verbindung von Theorie und Praxis war überhaupt eine humanistische Forderung und führte zum Renaissanceideal des „uomo universale", des moralisch sicheren, universell gebildeten und auch in seinen Umgangsformen vollendet kultivierten Menschen. Der Humanismus war nicht auf Italien beschränkt. Der in seiner Zeit wohl beste Kenner der antiken und christlichen Literatur war Erasmus von Rotterdam, seine ausgiebigen Korrespondenzen erstreckten sich über ganz Europa. Sein tolerantes Denken suchte Ausgleich in Fragen menschlicher Leidenschaften, religiöser Konflikte und dem Widerstreit von Antike und Christentum. Auch
in England und Frankreich
wirkten
Humanisten, und in Deutschland konnte Ulrich von Hütten trotz aller
Wirren der Zeit ausrufen: „O Jahrhundert, o Wissenschaft, es ist eine
Lust zu leben! Die Wissenschaften blühen, die Geister regen sich." Nikolaus
von Kues Wissendes
Nichtwissen von der Unendlichkeit. Die bereits
neuzeitliche
Hinwendung
zur sprachlichen und geschichtlichen Wirklichkeit der menschlichen
Welt, die eine Parallele im Realismus der Renaissancekünstler hat,
führte die Humanisten immer wieder zur Kritik an der Scholastik mit ihrer
naturfernen, logisch ausgeklügelten Erkenntnismetaphysik und ihren
endlosen Aristoteleskommentaren. Petrarca führte gegen Aristoteles, durch
den man klüger, aber nicht besser werde, die ethisch ausgerichtete Lehre
von Platon ins Feld und stand damit am Anfang einer Entwicklung, die zur
Platonischen Akademie in Florenz führte. In Platons Philosophie und
besonders in seiner Idee des Guten gebe es eine Annäherung an die
göttliche
Wahrheit,
so Petrarca
in einer
Schrift „Über die eigene und anderer Leute Unwissenheit". Mit der
Unwissenheit ist die des Christen gemeint, dem die letzten Wahrheiten nur
im Glauben zugänglich sind. Dieser Punkt wird Programm
bei dem
Kirchendiplomaten, Kardinal,
Humanisten
und Philosophen
Nikolaus von Kues (oder Nikolaus Cusanus). In seinem Buch „De
docta Ignorantia" („Von der gelehrten
Unwissenheit"
oder „Vom
bewussten Nichtwissen",
1440) akzeptiert er die
Unbegreiflichkeit
der Unendlichkeit
Gottes und
nimmt diese negative Einsicht zum Ausgangspunkt für die positive
Bestimmung eben dieser Unbegreiflichkeit als solcher. Wenn die Unendlichkeit das gänzlich „andere" der geschaffenen Welt und der Einzeldinge ist, das „Absolute" im Gegensatz zum Relativen, so ist ihr mit dem logischen Apparat der Scholastik nicht beizukommen. Dieser Apparat beruht auf Gegensatz, Ausschließung bzw. Übereinstimmung, Einschließung. Im Absoluten können diese relativen Bezüge nicht vorkommen, es muss, so Cusanus, als dasjenige gedacht werden, in dem die Gegensätze zusammenfallen, Cusanus illustriert das an einem geometrischen Beispiel: Die Tangente an einen Kreis von bestimmter Größe berührt den Kreis in einem Punkt. Wird der Kreis aber unendlich groß, fällt er mit der Tangente zusammen. Das ist einsichtig, aber nicht wirklich vorstellbar. Es geht Cusanus darum, diese Grenze des Verstehbaren zu fassen, um so der eigenen Unwissenheit zuzusehen und sie in ihrem Wesen zu begreifen. Dazu untersucht Cusanus die Art unseres Erkennens überhaupt und gelangt dabei auf eine Verhältnisbestimmung menschlicher und göttlicher Geistestätigkeit. Melancholie Die
Lehre von den vier Temperamenten, ihren Mischungen und ihren kosmischen
Bezügen, die den menschlichen Charakter mit der Ordnung der Dinge
verbinden, war ein wiederkehrendes Thema der
Renaissancephilosophie. Das melancholische Temperament, beherrscht
vom Planeten Saturn, sah man einerseits dem Laster düsterer Trägheit
oder gar der geistigen Umnachtung zugeneigt, andererseits war es die
Bedingung schöpferischer Genialität. Dürers Allegorie zeigt gewiss
nicht nur einen psychischen Konstitutionstyp nach zeitgenössischen
Vorgaben, sondern ist eine Selbstdarstellung der mit Wissenschaft und
Philosophie verbundenen Kunst als einem Medium der Erzeugung
unerschöpflicher Bedeutungen. „Ein guter Maler", so Dürer, „ist
inwendig voller Figuren, und selbst wenn er ewig lebte, so hätte er aus
den inneren Ideen, von denen Platon schreibt, immer noch etwas Neues durch
sein Werk auszugießen." Der Verstand vergleicht und unterscheidet Dinge, stellt Zahlenverhältnisse her, misst und kalkuliert. Die so erlangte Kenntnis über die Dinge bleibt aber immer relativ und unvollkommen, da es zwischen den endlosen Dingen der Welt immer noch ein Mehr an Relationen zu finden gibt. Nur mit einem absoluten Maßstab würde sich das Einzelne abschließend bemessen lassen, nur aus der absoluten Einheit der Gegensätze heraus ließe sich die unabschließbare Differenzierung der Welt vollenden und aufheben. Nach Cusanus ist es die Vernunft, die den Verstand übergreift und das Absolute nicht erfasst, aber „berührt". Dank dieser Berührung kann die Vernunft Messbarkeit als solche und Einheit als solche denken, und diese Denkbarkeit ist die Grundlage der Verstandestätigkeit, die ohne sie nur ziellos unterscheiden würde. Dieser Zusammenhang von Vernunft und Verstand zeigt dem menschlichen Geist, wie er selbst sein Wissen ermöglicht, anstatt sich ganz der vorgeordneten Wirklichkeit der Dinge anzugleichen. Die
Einheit als Grundlage des Zählens und der Mathematik „setzt" der
Geist eigenständig ebenso wie z. B. alle Maßeinheiten, die Cusanus
„Hypothesen" (Setzungen) nennt. Mit Hypothesen erschließt der
Mensch den nie endgültig durchschaubaren Zusammenhang der
Dinge. Das ist eine schöpferische Tätigkeit analog zur Tätigkeit
Gottes: „Denn wie Gott der Schöpfer des wirklich Seienden und der
natürlichen Formen ist, so ist der Mensch Schöpfer des
gedanklichen Seienden und der künstlichen Formen; diese sind nichts
anderes als Ähnlichkeiten
seines Geistes, so wie die Geschöpfe Ähnlichkeiten des göttlichen
Geistes sind." Symbolische
Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Reproduktionen
dieser Illustration aus einem erfolgreichen populärwissenschaftlichen
Werk des 19. Jahrhunderts galten irrtümlich lange Zeit als Wiedergaben
eines authentischen Holzschnitts aus der Renaissance. Der mittelalterliche
Kosmos ist
in stilisierter Form als nicht mehr ernstzunehmendes Weltbild gestaltet,
weder was die flache Erde mit
der klar begrenzten Sternensphäre angeht, noch was deren Jenseits
betrifft. Ein neugieriger Forscher durchbricht das alte Lehrgebäude der
Scholastik und entdeckt jenseits des Horizonts, der bis dahin für die
Grenze der Welt gehalten wurde,
eine neue, fremde Welt Diese Grenze verschwand im 16. Jahrhundert ausdrücklich
in der Philosophie Giordano Brunos. Anders als Kopernikus, in dessen bereits
revolutionärem heliozentrischen System es noch die kugelförmige Außensphäre
der Fixsterne gab, hielt Bruno die Sterne für die Sonnen eigener Planetensysteme, die sich ohne Ende ins unbegrenzte Universum
erstrecken. Renaissance-Platonismus Ficino sah in Platons Philosophie eine ganz aktuelle Lehre, die alle widerstrebenden Tendenzen der Zeit zusammenzuführen erlaube. Sie könne Religion und Philosophie, Metaphysik und Wissenschaft, die überall auseinanderlaufen, miteinander versöhnen. Platons Denken enthalte nicht nur vorausweisend bereits die christliche Lehre, sondern vermittle auch zurückgreifend alte Urweisheiten, in denen die eine göttliche Grundoffenbarung vielleicht am reinsten ausgedrückt war. Ficinos „Platonische Theologie" (1474) will diese integrierende Kraft einer „philosophischen Religion" zeigen, indem sie Geist und Natur und alle Stufen des Seins als einziges Kontinuum darstellt. Als diese Stufen nennt Ficino in abgewandelter neuplatonischer (plotinischer) Tradition: Göttliches Sein; Sphäre der reinen Intelligenzen oder Ideen (Engelwelt); Seele; körperliche Qualitäten (Farbe, Wärme usw.); Körper (formloser Stoff, reine materielle Quantität). Die Mitte des Seins ist die Weltseele. Sie hat ihre Entsprechung und Repräsentanz in der Seele (dem Geist) des Menschen, der nun ins Zentrum des Universums rückt. Die menschliche Erkenntnisfähigkeit kann die Extreme Gott und Körper verbinden und spiegelt (und schafft in gewissem Sinne erst) die durchgängige Einheit des Seins. Wahrnehmen
und Erkennen ist für Ficino kein passives Aufnehmen und Verarbeiten,
sondern eine Anverwandlung der Seele an das Erkannte, die
nur möglich
ist, weil die
Seele an
allen Seinstufen teil hat Goethe hat diesen plotinischen Gedanken
der Entsprechung von Erkennendem und Erkanntem so ausgedrückt: „War
nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken; war
nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt uns Göttliches
entzücken?" Der Gedanke der
Chance der Seele zum erhabenen Aufschwung in der
Angleichung an Gott und eine ästhetische Sicht der Welt, deren
lichte Harmonie wir im Gleichklang unserer Seele erfahren, haben die
Lehre Ficinos oft als philosophische Entsprechung zur Kunst der
Renaissance erscheinen lassen. Die freie und zentrale Stellung des Menschen wird wie bei Ficino auch bei seinem Schüler Pico della Mirandola betont. In einer berühmt gewordenen Rede „Über die Würde des Menschen" lässt er Gottvater zu Adam sagen: „Den übrigen Wesen ist ihre Natur durch die von uns vorgeschriebenen Gesetze bestimmt und wird dadurch in Schranken gehalten. Du bist durch keinerlei unüberwindliche Schranken gehemmt. Ich habe dich zur Mitte der Welt gemacht, damit du von dort bequem um dich schaust, was es alles in der Welt gibt. Wir haben dich weder als einen Himmlischen noch als einen Irdischen, weder als einen Sterblichen noch als eignen Unsterblichen geschaffen, damit du als dein eigener, vollkommen frei und ehrenhalber schaffender Bildhauer und Dichter dir selbst die Form bestimmst, in der du leben möchtest". Der Mensch als Mitte der Welt: das ist hier offenkundig nicht so zu verstehen, dass der Mensch von vornherein als Ebenbild Gottes das Maß aller Dinge ist. Die Mitte ist hier vielmehr ein unbestimmter Ort im Gegensatz zum bestimmten Ort der übrigen Geschöpfe. Die Mitte bedeutet eine Richtungslosigkeit, die als positive Offenheit das Potenzial der Freiheit ist. Die
platonische Geistphilosophie stand in der Renaissance durchaus nicht
unwidersprochen da. So sah z. B. Christofero Landino den Menschen als
Einheit von Leib und Seele und als soziales Wesen. Der „vita
activa", dem tätigen Leben, gebühre der Vorrang vor der von den
Platonikern höher bewerteten „vita contemplativa", dem Leben in
geistiger Beschäftigung: „Die Natur
als trefflichste Mutter hat uns zur regen Teilnahme am geselligen Verkehr
und zur Wahrung der menschlichen Gemeinschaft hervorgebracht".
Besonders konsequent wurde die unauflösliche Faktizität der
Leib-Seele-Verbindung von dem aristotelisch geschulten Pietro Pomponazzi
betont. Er verwarf sogar die Möglichkeit der Unsterblichkeit der Seele,
ein für die damalige
Zeit enorm kühner Vorstoß. Selbstbildnis
im Konvexspiegel Das
Portrat als eigene Bildgattung hatte noch keine lange Geschichte als
Parmigianino sein noch heute geradezu modern wirkendes Selbstbildnis
malte. In der Entstehung der Portratmalerei war die in der Renaissance
auflebende Wertschätzung des Individuums zum Ausdruck gekommen. In
Künstlerselbstbildnissen wurde sie vom demonstrierten Selbstbewusstsein
echter schöpferischer Produktivität ergänzt Wahrend dem
mittelalterlichen Denken nach Gott schöpfungsmächtig war, der Künstler
jedoch nur real oder ideal schon Vorgeformtes herstellen konnte, gewann
jetzt der Künstler gottähnliche Züge. Parmigianino brilliert mit seiner
Fähigkeit die Stofflichkeit einer „Seifenblase", einer Erscheinung
im Spiegel, eines virtuellen Bildes dar zu stellen. Er malt
virtuos das gesehene Phänomen, ohne an der gewissermaßen rechtwinkligen Objektivität der „wirklichen" Welt zu
hängen. Er zeigt, wie der Künstler als subjektives Zentrum die Bedingung
für Phänomene ist und wie er die Phänomene auf sich hin orientiert und
sie als solche in ihrem Erscheinen erfahren und bewahren kann. Platon Die Wiederentdeckung Platons ist kennzeichnend für die Philosophie der Renaissance, im besonderen für die italienische Renaissance-Philosophie. Der Hauptvertreter dieser Richtung ist Marsilio Ficino, der sämtliche Schriften Platons ins Lateinische übersetzte und sie damit der europäischen Gelehrtenwelt zugänglich machte. Vor allem Platons Idee des Guten entsprach den humanistischen Tendenzen der Zeit. Für Ficino stellen Geist und Natur und alle Stufen des Seins ein einziges Kontinuum dar. Die oberste Stufe ist für Ficino, entsprechend der neuplatonischen Tradition, die des Göttlichen Seins (Sphäre der Ideen). In Cosimo de' Medici fanden die italienischen Renaissance-Philosophen einen wichtigen Förderer. 1459 gründet Cosimo die Platonische Akademie von Florenz, einen Gesprächszirkel nach dem antiken Vorbild - der Philosophenschule Platons. Quellen: Herausgb. Peter Delius, Autoren: Christoph Delius und Matthias Gatzemeier, Deniz Sertcan,Kathleen Wünscher; Könemann Verlagsgesellschaft m.b.H, Bonner Straße 126, D-50968; 2000 |