Börsenreport 02.09.2000

Plattenbörse in der Wiener Stadthalle, 02.09.2000


Nach der langen Sommerpause hatten Plattensammler am 2/3. September 2000 in der Wiener Stadthalle wieder Gelegenheit, sich durch das üppige Angebot an Tonträgern aller Art zu wühlen. Speziell eine große Menge frisch aus den USA importierten Alben in großteils erstklassigen Zustand zum Dumpingpreis von öS 25,- lockte viele an und da konnte natürlich auch ich nicht widerstehen, wie Blondies “Eat To The Beat” und die beiden Bread-Alben belegen. Was ich sonst noch alles gekauft habe verrät ein Blick auf das untenstehende Foto und die dazugehörigen Detailinformationen.

Singles:

Gigliola Cinquetti - Non Ho L’eta
Hot Butter -Popcorn
Jeanette - Porque Te Vas
Maggie Mae - I'm On Fire

Maxis:

The Original Fast Remix Poidln - Alle meine Lieda

LPs:

ABBA - The Visitors
Blondie - Eat To The Beat
Bread - The Best Of
Bread - The Best Of Vol. 2
Titanic - Titanic
Barry White - Can’t Get Enough
Various Artists - Disco Raritäten Vol. 3

CDs:

Dauerfisch - Crime Of The Century
Junkie XL - Saturday Teenage Kick
Pearl Jam - 10
Pearl Jam - vs.
Terranova - Close The Door
Various Artists - Youth Club Classics 1961-63

Jeanette - Porque Te Vas (1974, Single)

Im Herbst 2000 belegte „Porque Te Vas" der Spanierin Jeannette in einer Auflistung der meistgehaßten Hits aus den Siebzigern den stolzen achten Platz. Für mich ist völlig unverständlich, warum dieser Titel überhaupt in diesem Ranking aufscheint, denn nervig war in den 70ern so manches aber ganz bestimmt nicht diese Single. Hier stimmt schließlich fast alles: Der mäßige Rhythmus, der sich plötzlich und unerwartetet beim Refrain zum Reggae entwickelt, die prägnanten Hi-Hat-Einspritzer, der Tenorsaxophon-Übergang vor jeder Strophe und die bestechend fetten Bläsersätze. Ok, Jeannettes Lolita-Stimme ist nicht jedermanns Sache, aber die macht schließlich den Charme dieses Klassikers aus und wen das wirklich nervt, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Nach „Porque Te Vas", von dem auch eine erfolglose deutsche Version namens ".. und du willst geh'n" einer bestimmten Sabrina erschien, konnte sich Jeanette auf der mitteleuropäischen Showbühne nicht mehr durchsetzen und konnte ihre Hits nur mehr auf die iberische Halbinsel beschränken. Keine Ahnung, ob sie später auch in Frankreich gepunktet hat, aber zumindest besitze ich mit der Single „Il me plait bien ton frere" (1976) einen Hinweis, warum es mit Nachfolgehits bei uns nicht mehr geklappt hat: Der Song ist eine typisch unoriginelle, Song-Contesttaugliche Ballade, die höhepunktslos vor sich hinplätschert und nicht einmal Jeanettes Stimme kann daran was retten. Wenn ihre Nachfolgesingles nach diesem Schema gestrickt waren, wundert der ausbleibende Erfolg im nichtiberischen Raum nicht im Geringsten.

(8/10 Musik)

Maggie Mae - I'm On Fire (1975, Single)


Einer der großen Disco-Hits des Jahres 1975 war "I’m On Fire" von 5000 VOLTS (A # 7, D # 1, UK # 4, US # 26) Dabei handelte es sich um ein Studioprojekt des Produzenten TONY EYERS, der ein Paar Marionetten, darunter Sängerin TINA CHARLES, die selber mit „I Love To Love" 1976 einen Riesenhit hatte (A # 20, D # 6, UK # 1) , ins Hitparadenfeld schickte. Die Gruppe nannte sich übrigens zuvor AIRBUS, wogegen aber der gleichnamige Flugzeughersteller protestierte und man sich zu 5000 VOLT unbenennen mußte. Obwohl nicht allzuviele AIRBUS-Singles in den Handel gelangten, konnte ich mir ein Exemplar unter den Nagel reißen.

Wie die meisten großen Hits blieb auch „I’m On Fire", dessen Intro übrigens große Ähnlichkeiten mit dem LOS BRAVOS-Klassiker „Black Is Black" hat (1966; A # 9, D # 4, US # 4, UK # 2) , das schwere Schicksal einer deutschen Coverversion nicht erspart. In diesem Fall zeichnet dafür die hierzulande völlig zu Recht unbekannte MAGGIE MAE verantwortlich. Die 1960 geborene Sängerin (?) kam 1974 bereits als 14-Jährige mit ihrer Coverversion des MILLIE-Klassikers „My Boy Lollypop" (1964; A # 6, D # 5, UK & US # 2) bis auf Platz 17 der deutschen Charts. Dem Coverfoto ihrer Version von „I’m On Fire" nach zu schließen war sie ganz auf lolitaesques brünettes Dummchen getrimmt, was sie auf der Platte sehr überzeugend rüberbringt.

Aber als wäre der Gesang (?) nicht schon schlimm genug ist der Text auch atemberaubend und den will ich hier keineswegs vorenthalten:

Du rennst nach den Mädchen in der ganzen Stadt
Jeder sagt der Junge ist ein Nimmersatt
Ausgerechnet dich, nur dich habe ich mir ausgesucht
lichterloh, lichterloh, brennt mein Herz
Jaa, jaaaaaaaaaaaaah!

Hinter Sonnengläsern seh ich oft nach dir
Meine Stiefel finden ganz allein die Tür
Wo du immer bist, wo du wohnst, ja das weiß ich alles längst
Lichterloh, lichterloh, brennt mein Herz
Jaa, jaaaaaaaaaaaaah!

Irgendetwas muß geschehn
I’m On Fire
Jeder sieht mein Feuer
Hast du es noch nie gesehen, dieses Feuer
I’m On Fire, Baby
Lauf dir nicht die Hacken ab
I’m On Fire
Sag wann fühlst du Baby
Das ich dich so gerne hab
I’m On Fire
I’m On Fire, Baby

Gottseidank es gibt den Zufall immer noch
Denn heut fiel ich beinah in ein Straßenloch
Du hast mich gefangen und wir beide lachen und du hast gespührt
Lichterloh, lichterloh, brennt mein Herz
Jaa, jaaaaaaaaaaaaah

Irgendetwas ist geschehn
I’m On Fire
Jeder sieht mein Feuer
Hast du es noch nie gesehen, dieses Feuer
I’m On Fire, Baby
Lauf dir nicht die Hacken ab
I’m On Fire
Sag wann fühlst du Baby
Das ich dich so gerne hab
I’m On Fire
I’m On Fire, Baby

Zu diesem metaphergeladenen Meisterwerk würde Siegmund Freud sicher so einiges einfallen..

Zur tangolastigen B-Seite namens „Arthur Infernale" bleibt nur zu sagen, daß sie schlicht infernal schlecht ist.

Trotz aller hier geleisteten Bemühungen schaffte es Maggie nicht mit dieser Single oder allen danach veröffentlichten Machwerken zu verhindern, daß man bei der Erwähnung von „Maggie Mae" sofort an Rod Stewart denkt.

Dennoch ist „I’m On Fire" einer der Gründe, warum ich Platten sammle, dann derartiges wird leider (noch) nicht auf CD wiederveröffentlicht und sollte nicht in Vergessenheit geraten, wofür ich hier hoffentlich beigetragen habe.

(2/10 Musik, 9/10 Peinlichkeitsfaktor)

The Original Fast Remix Poidln - Alle meine Lieda (1990, Maxi)

Wer glaubt, daß erst mit „Wickie, Slime & Paiper" die 70-er Nostalgiewelle auf Österreich hereingebrochen ist, der irrt, denn tatsächlich passierte das schon bereits im Sommer 1990. Damals tummelten sich auf den vorderen Rängen der österreichen Hitparade keine Geringeren als „Der schreckliche Sven und seine tollkühnen Plattenreiter" mit „Hey Wickie" und kämpften sich bis auf Platz 3 vor. Ihm knapp auf den Fersen waren die Protagonisten der hier vorliegenden Maxi-Single, die immerhin bis auf Platz 6 kletterte, allerdings urplötzlich aus den Charts verschwand. Was war geschehen? „Alle meine Lieda" ist ein Potpourri mehrer Titelmelodien legendärer Kinderfernsehsendungen wie etwa „Wickie", „Heidi", „Pippi Langstrumpf", „Pumuckl" und „Kli-Kla-Klawitterbus" ( bei uns aus unerfindlichen Gründen austriasiert zum „Knallroten Autobus"), das ganze unterlegt mit Housebeats und den damals obligaten Samples wie etwa „To The Batmobile, Let’s Go".

Im Großen und Ganzen also eine ganz nette Sache. Weniger nett fanden es die Inhaber der Rechte des Titelsongs von „Wickie". Während „Der schreckliche Sven" brav die Tantiemen überwies, verabsäumten das die Remix Poidln und wurden daher gerichtlich dazu gezwungen, „Alle meine Lieda" aus den Plattenregalen nehmen zu lassen.

Um die Einnahmequelle nicht versiegen zu lassen und die sentimentalen 70-er Jahre Fans weiterhin in den Genuß aller ihrer Lieder kommen zu lassen, mutierten die „Original Fast Remix Poidln" kurzerhand zum „Austrian Mix Project", ersetzen das zuvor versendete Originalsample von „Wickie" durch eine neu eingespielte Version und warfen „Alle meine Lieda" im neuen Kleid auf den Markt. Leider geschah das einige Wochen zu spät, denn mittlerweile war der Zenit der Orginalität dieser Scheibe überschritten und so kletterte diese Version nur mehr bis auf Platz 21.

So verklangen alle meine Lieda und verschwanden ebenso wie die Original Fast Remix Poidln respektive Austrian Mix Project in der Versenkung. Dort bekamen sie einige Zeit später Gesellschaft vom schrecklichen Sven und seinen tollkühnen Plattenreitern, die mit ihrer Version von „Heidi" nochmals kurzfristig in die Hitparade bis auf Platz 24 ritten.

Die B-Seite von "Alle meine Lieda" ist ein eigenartiges Funk/House-Gemisch, das typisch österreichisch seicht produziert ist, aber dennoch nicht ganz uninteressant klingt.

Ich bin schon mal gespannt, wie lange es noch dauert, bis irgendwer die derzeitige Wickie, Slime & Paiper-Hype ausnutzt und ein aktuelles Remix von „Alle meine Lieda" rausbringt....

(5/10 Musik, 7/10 Patriotismusfaktor)

ABBA - The Visitors (1981, LP)


Wer auf einem Flohmarkt oder in einem Antiquariat die von Siegfried Schmidt-Joos herausgegebene Artikelsammlung „Idole 8" in die Finger kriegt, sollte sie sich unbedingt zulegen. Neben informativen Artikeln über David Bowie, Can und Nina Hagen ist besonders der Beitrag über ABBA bemerkenswert. Görd Kaa und Sasa Merts bringen in ihrem mit „Die Besucher oder: Vom Irrsinn der Normalität über ABBA" betitelten Essay völlig neue und unerwartete Aspekte über das schwedische Quartett, daß ihr Gesamtwerk in einem völlig neuem Licht erscheinen läßt und aus dem ich auch zitieren möchte. Das ich dieses Buch hier erwähne liegt daran, da dieses letzte „echte" ABBA-Album sicherlich ihr reifstes ist und eine Vielzahl von esoterischen und methaphysischen Andeutungen enthält und Basis für diesen Artikel war.

ABBA waren übrigens die erste Band, bei der mich nur nicht nur die Musik, sondern auch das drumherum interessierte. Hauptverantwortlich war, daß es in meiner Schulklasse 3 Fraktionen gab: die Fans von Kiss, den Teens und ABBA.

Ein ABBA-Fan, 1980 Kiss, die damals ihr von den Drogenexzessen gezeichnetes Antlitz hinter Tonnen von Make-Up verbargen, was auch zu argen Mutmaßungen führte („Wirst sehen, die kriegen irgendwann alle Hautkrebs"), überzeugten mich damals außer mit „I Was Made For Lovin’ You" nicht wirklich und der musikalische Output von den Teens war eher sehr mäßig. So blieben nur ABBA, wo Agnetha mit von der Partie war und so ein zusätzliches Interesse bewirkte, aber das ist eine andere Geschichte ... Meine Begeisterung ging soweit, daß ich mir für alle Artikel, Fotos usw. die ich auftreiben konnte, ein Sammelheft anlegte und ich, wie auf nebenstehenden Foto ersichtlich, versuchte, Björn von ABBA frisurmäßig zu kopieren. Außerdem war die allererste Single, die ich mir (gebraucht) kaufte, "Take A Chance On Me".

ABBA - Super Trouper Im Gegensatz zum Vorgängeralbum „Super Trouper", wo sie auf dem Cover als eine Art Hauptattraktion inmitten zahlreicher Zirkusartisten abgebildet sind,was vermutlich ihre Vormachtstellung auf dem Popsektor vermitteln soll, vermittelt das Coverfoto von „The Visitors" ein gänzlich anderen Eindruck. Kaa/Merts sehen das folgendermaßen:

„Auf dem Cover ein großer klassischer Raum (vielleicht in einem Schloß, Palast o.a.). Die vier ABBAs klein vor einem überdimensionalen Engelbild. Agnetha blättert in einem riesigen Buch (dem „history book"?), alle vier schauen in Richtung eines goldenen Lichtscheins. Unter dem riesigen Engelsbild eine Bildunterschrift, von der allerdings wegen der davor befindlichen Stühle nur der Buchstabe S zu sehen ist. Die vier tragen außergewöhnliche Kleidung und wirken sehr klein vor dem Bild, um das noch 30 weitere kleine Bilder gruppiert sind. Auf der Rückseite des Covers ist die Vorderseite eines der kleinen Bilder, Abbild des Abbildes. Diese mystische Covergestaltung rundet das Bild der Gruppe als Träger einer Botschaft ab, sei es als bewußte Überbringer (ABBA sind Außerirdische) oder als unbewußte Träger der Message (ABBA sind ein Medium unter dem Einfluß von Außerirdischen)."

ABBA als Marionetten von Außerirdischen? Darüber kann man sicher streiten, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit sind die „Visitors" Außerirdische und dem Text des Titelsongs scheint das Cover eine Momentaufnahe von dem Augenblick zu sein, als die Außerirdischen bei ABBA an die Tür klopfen. Neben extraterristischen Lebensformen ist das Grundthema dieses Albums Abschied und Tod, was deutlich bei „When All Is Said And Done"und „Like An Angel Passing Through My Room" zu hören ist. Auch soziale Phänomene wie Hörigkeit gegenüber Autoritäten („Soldiers") oder die Oberflächlichkeit der Upper-Class („Head Over Heals") werden aufs Korn genommen. Alles wird aber überstrahlt von „One Of Us": Das Mandolinen-Intro, der prägnante Baß und die engelsgleiche Stimme von Agnetha machen diesen Song zur letzten großen ABBA-Hymne. Allerdings gibt es mit „I Let The Music Speak" und „Slipping Through My Fingers" 2 Schwachpunkte auf diesem Album, da sie leider in Richtung Musical tendieren.

Erwähnenswert ist sicherlich die etwas unorthodoxe Veröffentlichungspolitik von ABBAs Label Polydor: In Europa koppelte man mit „One Of Us" (1981; A # 1, D # 1, UK # 3) und "Head Over Heals" (A # 3, D # 19, UK # 25) eindeutig als Hits erkennbare Titel als Singles aus, während man in den USA mit „The Visitors" (1982; USA # 63) und „When All Is Said & Done" (1982, USA # 27) eher Albumtracks als Singles auf den Markt warf, deren Eingängigkeit und somit verbundenen Hitchancen verhältnismäßig gering waren.

Auch nicht verschwiegen werden sollten 2 „Verhörer" meinerseits bei diesem Album, die ich peinlicherweise erst vor Kurzem beim Durchlesen des Textes bemerkte: In „Head Over Heals" gibt es die Textzeile „Her Man Is One To Admire". Ich hingegen glaubte „Her Man Is an Admiral" zu hören. Bei „One Of Us" interpretierte ich „One Of Us Had To Go" als „And The Bus Had To Go" ...

Die Vermutung von Kaa/Merts, daß ABBA nicht von dieser Welt sind, ist nicht so ganz von der Hand zu weisen, denn beispielsweise hält sich ihr Album „Abba Gold" schon seit 1992 ununterbrochen in den britischen Charts und schafft es immer wieder sogar in die Top 10 vorzustoßen und ihr Einfluß immer noch allgegenwärtig ist. Falls tatsächlich Außerirdische hinter ABBA stecken sollten und mit ihnen die Botschaft einer positiven Lebenseinstellung und von Friede, Freude,Eierkuchen usw. propagieren wollen, scheint die Saat zumindest musikalisch aufgegangen zu sein, denn wer ABBA mag, ist höchstwahrscheinlich als friedvoller Mensch einzustufen, denn es sind keine Fälle überliefert, wo sich Politiker, Rechtsanwälte oder Terroristen als ABBA-Fans outeten. Das im Windschatten von ABBA auch Unkraut in Form von Epigonen wie den unnötigen A*Teens sprießt, ist logische kommerzielle Konsequenz, die aber, wie sich immer wieder zeigt, nur kurzfristig bezahlt macht und schon nach kurzer Zeit mit Vergessenheit bestraft wird. Gut so.

(6/10)

Bread - The Best Of (1973, LP)

Bread - The Best Of Vol. 2 (1974, LP)


Wie schon zuvor erwähnt wurde die Plattenbörse von unzähligen US-Pressungen zu Dumpingpreisen überschwemmt. Darunter entdeckte ich unter anderem diese beiden Compilations, an denen ich einfach nicht vorbeigehen konnte.

Bread gehören zu der Vielzahl von Gruppen wie etwa America („A Horse With No Name", 1972; UK & US # 5), die Anfang der 70er in den USA wirklich groß waren, aber heute weitgehend großteils zu Unrecht vergessen sind. Die Band um Leadsänger und Songschreiber David Gates waren die Meister des Softrocks und lieferte ab 1970 scheibchenweise die Hits ab:„Make It With You" (1970; UK # 5, US # 1), „It Don’t Matter To Me", (1970; US # 6), „If „ (1971; US # 4), „Baby I’m A Want You" (1971; UK # 14, US # 3), „Everything I Own " (1972; UK # 32; US # 5), und „Guitar Man" (1972; UK # 16, US # 11). Dabei handelt es sich fast durchwegs um Balladen , die auf den diversen Kuschelrock-Samplern vertreten sein könnten, hätte es die schon damals gegeben. Kompositorisch kann man eigentlich fast nichts gegen die meist gutstrukturierten Songs einzuwenden, aber sie könnten um einiges besser sein, wäre David Gates stimmlich nicht des öfteren ins Falsett abgedriftet.

Dem interessierten Musikkonsument kommen sicher einige Brotsorten äh Bread-Titel irgendwie bekannt vor, wenn auch in anderen Versionen. Wer jetzt rätselt, wer da was gecovert hat, dem kann geholfen werden:

Der erste, der sich einem Bread-Song bediente war kein geringerer als Isaac Hayes mit seiner leider etwas substanzlosen Version von „Baby I’m A Want You", (1972; US # 69). Wesentlich erfolgreicher war der Versuch von Ken Boothe, „Everything I Own" in Reggae zu transferieren (1974 UK # 1), was 13 Jahre später Boy George zu ähnlichem animierte (1987 A # 4, D # 8, UK # 1). Selbst Kojak Telly Savalas veranlaßte der Bread-Song „If" (1975; A # 14, D # 4, UK # 1), anstatt dem Lolly zum Mikrofon zu greifen und so seinen größten Hit zu landen

Die beiden vorliegenden Compilations beleuchten die Jahre 1969-1973.

„Best Of Bread" hat mit „Make It With You", ",Baby I’m A Want You"„It Don’t Matter To Me", und „If" die höhere Hitdichte, auf der B-Seite sind ausschließlich eher schwache Albumtracks, auf denen sich die Band mit mäßigem Ergebnis am Westcoastsound versucht.

Auf „Best Of Vol.2" sind die Hits mit „Guitar Man" (1972; UK # 16, US # 11), Sweet Surrender (1973; US # 11) und Aubrey (1973; US # 11) eher spärlicher gesät. Dafür sind umso fulminantere Songs wie etwa dem epochalen „Been Too Long On the Road" (1970) , dem fast schon funkigen „Fancy Dancer (1972) und „Friends And Lovers" (1969), das wie ein Konglomerat aus Crosby, Stills, Nash & Young und den Beach Boys klingt. Den Rest des Albums bestimmen unoriginelle Beatlesblaupausen.

Nach der Single „Lost Without Your Love" (1976; UK # 27, US # 10) waren wegen bandinterner Zwistigkeiten der Ofen aus und somit auch der Hitreigen vorbei.

Da es glücklicherweise immer noch Musikfans gibt, die sich auf gute Songs zurückbesinnen oder eine niveauvolle Alternative zu „Kuschelrock" suchen, verkaufen sich Greatest Hits-Compilations wie etwa „Essentials" immer noch gut genug, daß Bread in den USA immer noch durch die Lande touren. Auch altes Brot kann manchmal noch schmackhaft sein.

Bread - The Best Of (6/10)
Bread - The Best Of Vol. 2 (6/10)

Titanic - Titanic (1970, LP)


Bekanntlicherweise liegt die Titanic am Grund des Meeres und rottet vor sich hin. Ähnliches Schicksal drohte dem Debutalbum der gleichnamigen Band in der 10 Schilling-Ramschschachtel, in der es völlig zu Unrecht vergammeln zu drohte.

Die norwegisch-britische Formation Titanic, die ihre Zelte in Paris aufgeschlagen hatte, ist hierzulande gänzlich unbekannt oder längst vergessen. Wer sich jedoch in den frühen 70ern alt in die Disco verirrte, dem konnte leicht passieren, daß er die Titanic-Hits „Sultana" (1971, UK # 5) oder „Santa Fe" (1971, D # 36) zu hören bekam. Discotauglich waren diese beiden Titel hauptsächlich wegen der Fülle von Percussionelementen, für die ganze 2 Schlagzeuger verantwortlich zeichneten, und den prägnanten Sounds und Effekten.

So grooved beim Instrumental „Sultana" die Orgel gemütlich dahin, begleitet von am Anfang und Ende intonierten bedeutungsschwangeren „Ooo ooo eee ooo oy" und bei „Santa Fe" erwecken die Stereoeffekte den Eindruck als würde der Santa Fe Express quer durch das Wohnzimmer bzw.die Disco dampfen.

Als Besitzer einer „Best Of" von Titanic, auf der neben den beiden genannten Titeln hauptsächlich nur mieser uninspirierter 70er Jahre-Mainstreamrock vertreten ist, interessierte mich, wie die Band vor den paar Minuten ihres Ruhmes klang und wie sich herausstellte, waren die 10 Schilling eine mehr als lohnende Investition.

Grundsätzlich ist dieses Album ein Konglomerat der wichtigsten rockmusikalischen Elemente der späten 60er, das es verdient , Stück für Stück genauer unter die Lupe genommen zu werden:

Searchin’

1970 veröffentlichte die heute auch schon kaum mehr bekannte amerikanischen Formation Rare Earth, die als eine der wenigen weißen Künstler ihre Platten auf Motown veröffentlichten, das legendäre Album „Get Ready". Darauf lieferten sie auf einer Seite eine 21:30 Minuten lange Coverversion dieses Smokey Robinson-Songs, die alle anderen Versionen in den Schatten stellt. Dieser Track besticht durch die gelungene Mixtur aus Hardrock, Psychedelic und Soul, wie sie vorher und nachher kaum auf Platte gebannt worden ist. Speziell die Orgel, Bass- und Gitarrensoli und der nur durch ein Iron Butterfly („In-A-Gadda-Da-Vida"; 1968 US # 30)-ähnliches Schlagzeugsolo unterbrochene Beat machen „Get Ready" nicht nur zu einem Rock-, sondern auch zu einem Discoklassiker, denn hier wird schon das Tonträgerformat der Maxisingle vorweggenommen. Allerdings wird wie bei den meisten Maxis der Song nicht nur bloß in die Länge gezogen und Riffs laufend wiederholt, sondern scheint von Minute zu Minute immer neue Facetten zu entwickeln und an Tiefe zu gewinnen.

Mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit haben sich Titanic dürften sich nach diesem Muster orientiert und begeben sich mit „Searchin’ " auf ähnliches Terrain: Tolle Orgel, Gitarre, Beat und die soulige Stimme von Leadsinger Roy Robinson prägen dieses 7 Minuten-Epos, auf dem auch schon erste Anzeichen der Percussionüberflutung, die sich ein Jahr später bei „Sultana" oder „Santa Fe" bemerkbar machen sollten, hörbar sind und somit „Searchin" auch tanzflächentauglich machen. DJs und Fans der DJ-Compilationserie „Ultimate Breaks & Beats" dürften hier erstmals brauchbares Material finden.

(7/10)

Love Is Love

Ähnlich wie bei „Searchin’ " wieder jede Menge Orgel und erneut ein sampleverdächtiger Beat, diesmal verteilt auf „nur" 4:16 Minuten

(6/10)

Mary Jane

Diese von Streichern und Klavier ertränkte unnötige Ballade ist leider der erste Tiefpunkt des Albums

(4/10)

Cry For A Beatle

Ein weiterer Tiefpunkt ist dieser mißlungene Versuch, die späten Beatles zu imitieren. Dem Text kann ich leider nicht entnehmen, ob sie bereits 10 Jahre vor John Lennons Ermordung dessen Tod beklagt haben, aber so manchem Beatlesfanatiker könnte hier das Heulen kommen

4/10

Something On My Mind

Bedeuteten die letzten beiden Titel auf der A-Seite einen ziemlichen Absturz, so erhört sich das Niveau dieses Albums schlagartig wieder mit diesem Song. Mäßiger Beat, der gut auf Trip-Hop-Platten passen würde, dem Organist scheint hier eine Rauchpause verordnet worden zu sein, denn hier bestimmt ausschließlich die Fuzzgitarre das Geschehen. Grandios!

(9/10)

Firewater

Unorigineller Jazz/Bluesrock mit im Shufflerhythmus ganz nach Art von Alexis Corner

(2/10)

Schizmatic Mind

Pseudophilosophisches Psychpopliedchen, daß sich mit dem Infragestellen des Seins nach zu übermäßigen Drogenkonsum beschäftigt.

(5/10)

I See No Reason

Ich sehe auch keinen Grund, hier zu verheimlichen, daß dieser Track wie eine Mischung aus Vanilla Fudge („You Keep Me Hanging On"; 1967 UK # 18; 1968 US # 9) und Procul Harum („A Whiter Shade Of Pale"; 1967 A # 5, D # 1, UK # 1, US # 5) klingt. Konkret bedeutet das wieder mäßiges Tempo, unterbrochen vom obligaten Gitarrenriff, und einer den Song bestimmenden schwermütigen Orgel.Besonders erwähnenswert ist hier die Tatsache, daß hier Titanic-Leadsänger Roy Robinson stimmenmäßig zum Procul Harum-Leadsänger Gary Brooker mutiert.

Diese Ode über die Sinnlosigkeit erstreckt sich über 8:15 Minuten und ist erneut eine Fundgruppe für Trip-Hop-DJs, die den richtigen Beat suchen. Leider wird der Track von den furchtbaren Background-Falsettstimmen der übrigen Bandmitglieder versaut.

(6/10)

Fazit:

Durchaus gelungenes, wenn auch unausgegorenes Debutalbum einer nicht untalentierten Band, aus der vielleicht mehr hätte werden können, wären sie nicht auf den Kommerzzug aufgesprungen und letztlich an ihrer Mittelmäßigkeit gescheitert .

(6/10)

Various Artists - Disco Raritäten Vol. 3 (LP)


Unter der Bezeichnung „Disco" laufen bekanntlicherweise nicht nur Dorftanztempel, sondern auch Nachtclubs und legendäre Lokale wie etwa das U4 oder Camera Club in Wien oder auch das Jazz Pub in Wiesen. Ein gutes Zeugnis dafür, was dort so alles gespielt wurde und teilweise immer noch gespielt wird ist diese vorliegende Compilation, zu der allerdings einige einleitende Worte nötig sind:

Mitte der 80er entwickelte sich diese Szene zu einem guten Boden für die dort gespielten Platten, sodaß etliche es sogar hierzulande in die Charts schafften. Meist handelte es sich dabei um One- oder maximal 2-Hit-Wonders , die bald wieder in der Versenkung verschwanden. Hier nur einige Beispiele:

Tullio de Piscopo - Stop Bajon (1984; A # 4, D # 12)
Toni Esposito – Papa Chico (1986; A # 1)
Georgie Red - If I Say Stop Than Stop (1985; A # 4), Help The Man (1986; A # 6)
Stretch - Why Did You Do It, (UK 1975; UK # 16, 1985 A # 3)

„Disco Raritäten Vol. 3" bietet einen guten Querschnitt durch diese Szene und bietet daher Grund genug, die Titel einzeln zu begutachten:

Elkin & Nelson – Jibaro (1974)

Zu den oben genannten kommerziell erfolgreichen Austro-Discoklassikern zählt auch dieses spanische Groovemonster, daß ich schon lange gesucht hatte und deshalb Hauptgrund für den Kauf von „Disco-Raritäten Vol. 3" war. Bereits 1974 erschienen, blieb dieser es über ein Jahrzehnt ein Geheimtip, für den so manche beachtliche Beträge hinblätterten, bis er endlich 1986 regulär erhältlich war und es in den österreichischen Charts bis auf Platz 19 schaffte. Prägnantes Pianoriff, fette Bläsersätze, ein unwiderstehlicher Groove und tonnenschwere Percussionelemente machen „Jibaro" zu einem dieser Discohämmer, deren Zauber man sich fast nicht entziehen kann. Besonders interessant wird es gegen Ende dieses 7:25 dauernden Tanzflächenfüllers, wenn man plötzlich den Eindruck hat, daß jemand den Geschwindigkeitsregler des Plattenspielers von 33 auf 45 umgelegt hat, die Bläser plötzlich die von Fußballplätzen bekannte "La Cucaracha"-Fanfaren anstimmen und sich der Song mit einem Finale furioso verabschiedet. Aber nicht nur in Österreich wurde man auf „Jibaro" aufmerksam, sondern auch in England, wo Electra auf dem ersten Höhepunkt der Acid-House/Balearic Beat-Welle den Track coverten und einen kleinen Hit landeten (1988; UK # 54). Wer mehr über diese Version wissen will, kann in meiner Plattenbörse näheres dazu erfahren. Elkin und Nelson sind zwar längst in der Versenkung verschwunden, haben sich aber zumindest mit „Jibaro" einen „Fixplatz im Disc-Jockey-Koffer" (Coverzitat) erkämpft.

(9/10)

Taj Mahal - Black Jack Davey (1974)

Der hochtalentierte gebürtige Jamaikaner Taj Mahal lieferte seit Ende der 60er eine Fusion aus Reggae, afrikanischer Musik und Soul und sorgt mit seiner Interpretation dieses Reggae-Standards für gute Stimmung, bei der das Bier oder was auch immer besser mundet

(8/10)

Asha Puthli - The Devil Is Loose (1976)

Der Teufel ist hier nicht auf Hufen, sondern auf Sanftpfoten unterwegs. Dieser Song klingt fast wie eine Barry White-Produktion mit Phillysound-Streichern, dazu gibts funky Gitarren, du beim ersten Hören irgendwie unpassend wirken und nicht zuletzt die Wahnsinnsstimme der indischen Jazzsängerin Asha Puthli. Bei ihr handelt es sich übrigens nicht die Asha, die im Cornershop-Flop „Brimful Of Asha" (1997 UK # 60) besungen wurde, der bekanntlicherweise erst nach dem Norman Cook-Remix zum Hit wurde (1998 UK # 1, D # 84), denn diese Dame heißt Asha Bhosle.

„The Devil Is On The Loose" ist zweifelsohne eine Pflichtplatte für die After Hours.

(8/10)

Chairmen Of The Board - Skin I’m In (1973)

Diese Band startete als typische Motownsound-orientierte Band aus dem Stall der Ex-Motown Songwriter Holland-Dozier-Holland und hatten auf derem Invictus-Label eine Reihe von Hits, von denen „Give Me Just A Little More Time" (1970; US # 8, UK # 3), das sogar von Kylie Minogue gecovert wurde (1992; UK # 2, D # 51). 1973 schienen sie von der Kommerzschiene die Kurve zum niveauvolleren Soul gekratzt zu haben und präsentierten sich auf ihrem mittlerweile rarem Album „Skin I’m In" gereifter und sozialkritischer, eine Entwicklung also, wie sie die Temptations ein paar Jahre zuvor durchgemacht hatten. Der großartig groovende und dicht produzierte Titeltrack besticht durch die fast unmerkliche Mutation vom Funk zum Reggae.

(9/10)

Time Bandits - Endless Road (High Energy Dance Mix) (1985)

Auf den ersten Blick hier völlig passender Titel, der dem Namen dieser holländischen 08/15-Synthiepop Band völlig gerecht zu sein scheint, denn beim ersten Mal Hören scheint "Endless Roads" enem die Zeit zu stehlen. Nach einigen Durchläufen Hören dieses auf einem „zischendem" Soundeffekt aufgebauten Song vollzieht sich aber eine Geschmackswandlung, die ich wohl nur auf sentimentale Gründe zurückführen und diesen Track mit gutem Gewissen in die Katetorie „ganz nett, kann man ohne rot zu werden auf einer 80er Jahre-Party spielen" einreihen kann

(6/10)

Wild Cherry - Play That Funky Music (1976)

Sicherlich der bekannteste Song auf diesem Sampler. Ursprünglich mehr eine Hardrockformation im Stile der legendären Grand Funk Railroad wurde die Band während eines Auftritts mit der Aussage „Play That Funky Music" eines Fans konfrontiert. Dieser Aufforderung kamen sie prompt nach und landeten so ihren einzigen nennenswerten Hit (1976; US # 1, UK # 7, D # 42), an dem sich Jahre später sogar Schmalspurrapper Vanilla Ice vergriffen hat (1991; A # 19, D # 19, UK # 10, US # 4). Was die Band auch immer danach veröffentlichte floppte, darunter unter anderem auch die Single „Hold On" (1977; US # 61), das übrigens für Interessierte in meiner Plattenbörse erhältlich ist.

(8/10)

People’s Choice - Boogie Down U.S.A./Do It Any Way You Wanna (1975)

Mitte der 70er war dirigierten nicht mehr Motown oder Stax, sondern Philadelphia International Records den Soul und kreierte den Phillysound, den bekanntlich Barry White perfektionierte. Dicke Streichersätze und gute Beats waren das Hauptmerkmal der Produkte aus den Sigma Studios in Philadelphia, wo speziell das Songwriter/Producer-Duo Kenny Gamble & Leon Huff dem Sound ihren Stempel aufdrückten.

People’s Choice liefern auf ihrer großartigen LP „Boogie Down U.S.A" (1975) ein gutes Beispiel dafür, wie gut die oben genannten Ingredenzien harmonieren können. Neben einigen leider vergessenen Soulklassikern wie „I’m Leaving You" oder „Party Is A Groovy Thing" begründet sich der Ruhm der Band auf die beiden Instrumentals „Boogie Down U.S.A." und „Do It Any Way You Wanna" wobei letzters sich zu einem Hit entwickelte (1975;US # 14, UK # 36). Während „Boogie Down U.S.A." durch den Uptempo-Beat und die groovende Orgel so richtig discomäßig klingt, gehen People’s Choice bei „Do It Any Way You Wanna", das auch in meiner Plattenbörse zu finden ist, nur scheinbar etwas gemächlicher ans Werk und machen durch ein prägnantes Bassriff und einigen leicht jazzigen Elementen diesen Titel zum Discoklassiker.

Für „Disco Raritäten Vol. 3" „hat man sich die Freiheit genommen, die Titel zusammenzuhängen, damit in den Discos die Wirkung voll zur Geltung kommt" (Coverzitat)

Besser hätte auch ich es nicht beschreiben können.

(8/10)

Wer also Jugenderinnerungen aus einer Zeit auffrischen will, als man beim Nennen von Ecstasy in der Disco nur die Band XTC einfiel wird mit „Disco Raritäten Vol. 3" sicher seine Freude haben.

(8/10)

Dauerfisch - Crime Of The Century (1999, CD)


Was wäre das Leben ohne FM4? Vieles an erstklassiger deutscher Popmusik würde uns entgehen, „Tocotronic" wäre für viele ein elektronisches Taschenspiel aus den früheren 80ern , „Element of Crime" ein Begriff aus der Täterprofilforschung und „Dauerfisch" überhaupt ein großes Mysterium.

Mysteriös ist auf jeden Fall, daß Dauerfisch trotz des großartigen Albums „Crime Of The Century" der große Durchbruch bislang verwehrt blieb.

1997 kam mir die Band dank ihres Beitrages „Bitte gehn Sie weiter!" auf dem Deutschpop-Sampler "RO 3003 - A Spectacular Collection Of German Clubpop" (Trick 17 anwenden) erstmals zu Ohren. Danach war 2 Jahre Funkstille, bis ich Mitte 1999 in der legendären FM4-Sendung „Morgengrauen" mit Stermann/Grissemann den song „So gut" hörte und der eigentlich noch viel besser ist, als man dem Titel entnehmen könnte. Leider konnte ich das Lied nicht mit Dauerfisch in Verbindung bringen und daher war ich lange Zeit ratlos, wer da wohl „So gut" singt. Dasselbe passierte mit „Endlich vögeln" (näheres dazu weiter unten) und so dauerte es fast ein Jahr, Stermann/Grissemann im „Doppelzimmer", nachdem ich es schon ewig nicht mehr gehört hatte, neuerlich „Endlich vögeln" spielten. Der Rest war Formsache. Mittels der Music Info Disc,die ich allen, die mal in Platten reinhören wollen, ohne lange im Internet herumzusuchen, ans Herz legen möchte, hörte ich mich durch „Crime Of The Century" und sofort war mir klar, daß ich die Schreibe haben mußte und prompt bei dieser Plattenbörse ein Promotionexemplar ergatterte.

Die Bandbreite der Band ist sensationell und sehr abwechslungsreich: Groovige, interessante und teilweise spaßige Miniaturen („Superdenktest", „Och, Menno!" „Trip On A Train") treffen auf Moloko-ähnliche Songs („Whole Lotta Weasel", Ride My Bike, inkl. Sample des Pink Floyd Songs „Bike" (1967) ganz am Schluß) und die Instrumentals „Amateur’s Anthem", „Gemüse", „Mr. Breeze" würden auf das Album „Pet Sounds" (1966) von den Beach Boys passen.

Höhepunkt ist sicher das zuvor erwähnte „Endlich vögeln". Einfältige würden hier vielleicht „Anton-aus-Tirol"-artiges erwarten, aber tatsächlich handelt es sich um einen Bossa Nova, der aus der Feder von Antonio Carlos Jobin („The Girl From Ipanema", ein legendärer Klassiker von Stan Getz und Astrud Gilberto aus dem Jahre 1963, UK # 29, US # 8) stammen könnte und mit einem herrlich metaphergeladenen Text versehen ist, den ich nicht vorenthalten möchte:

Angenommen die Liebe ist ein Schnellzug
und Sex ist ein Düsenjet
dann sollten wir den Verkehr
immer mehr und mehr
von der Luft auf die Schiene verlegen

Du sagst das leben ist eine Autobahn
und die Zeit sind die weißen Striche in der Mitte
Du strengst dich an so sehr
doch du fährst nur hinterher
Ich komm dir als Geisterfahrer entgegen

Angenommen die Freiheit ist ein Vogel
und die Seele ein großer Klumpen Quittengelee
Vertrauen ist ein Binnenmeer
Leidenschaft ein Luftgewehr
dann sollten wir nun
endlich vögeln

Nochmals Bossa Nova gibts bei dem „Leise tickt die Uhr", das Instrumentel „I’m On Fire" klingt wie der Soundtrack zu einer 70er Jahre Science Fiction TV-Serie und beim atmosphärische „Im Haus der Ahnungslosen" wird „School" (1974) von Supertramp gesampled. „Etchi na frutsu sarada" ist nichts anderes als die japanische Version von „Endlich vögeln", diesmal allerdings Pizzicato Five-mäßig arrangiert. Genial auch die Konsole-artig gesungenen Album Credits.

Es ist sicher eines der größten Verbrechen in der deutschen Popgeschichte, daß dieses Album in den Regalen verstaubte, aber vielleicht kann meine Kritik diesen Umstand ändern ...

Nicht unerwähnt sollte auf jeden Fall die großartige Dauerfisch-HP bleiben, auf die ich schon in meinen Linx hingewiesen habe (9/10)

Junkie XL - Saturday Teenage Kick (1997, CD)


Traurigerweise regiert derzeit in Österreich Dorfdiscokaiser Gigi D’Agostino mit seinem Album „L’Amour Toujour" die LP-Charts und die Gründe dafür ist für mich einfach nicht nachvollziehbar. Jahrelang gab es immer wieder Dancefloor- und Tranceacts, die ein, bestensfalls 2 Riesenhits hatten, aber auf ihren zugehörigen Alben verdientermaßen sitzenblieben. Die Tatsache, daß es Gigi geschafft hat, mit seinen traumatischen Trancehits wie etwa „Bla Bla Bla" oder „The Riddle" österreichs Jugendlichen dazu zu bewegen, ihr Taschengeld für ein Doppelalbum (!) seiner Trancedramen aus dem Fenster zu schmeißen, läßt in mir die Befürchtung hochkommen, das entgültig die östereichsiche Drogenpolitik versagt hat. Oder gehen die Sanktionen auf italienischer Seite doch noch weiter, mit Gigi als verblödende Geheimwaffe? Wer weiß...

Bevor ich mich hier in die Niederungen der Politik begebe, auf zu den musikalischen Höhenflügen von Junkie XL. Die Niederländer laden mit „Saturday Teenage Kick" zu einer 70-minütigen Reise durch das Wunderland des Big Beat. Vieles klingt auf den ersten Blick wie ein Abklatsch Essenz der Prodigy-Alben „Music for The Jilted Generation" bzw. „Fat Of The Land". Dennoch kann man hier nicht nicht von einer Kopie sprechen, denn Junkie XL nehmen die Ideen von Prodigy als Grundlage und garnieren die 12 Tracks mit jeder Menge House-, 70er Jahre Disco-, Ambient- und Drum’n’Basseinflüsse. Das Ergebnis ist stellenweise sogar um einiges spannender und trickreicher als die Prodigy-Basis, wenn auch mitunter etwas unausgegoren. Ähnliches gilt auch für das sträflich unterschätzte Nachfolgealbum „Big Sounds Of The Drags" (1999).

Im Gegensatz zu Prodigy hat es für Junkie XL für größere Hits bisher leider noch nicht gereicht, obwohl „Billy Club" (1997) und „ Zerotonine" (2000; UK # 63) des öfteren auf FM4 laufen. Vielleicht ist es aber besser so, denn Junkie XL haben es sicher nicht nötig, sich mit Gigi D’Agostino und anderem Abschaum um gute Chartsplazierungen zu duellieren.

(7/10)

Terranova - Close The Door (1999, CD)


Wer erstmals in "Close The Door" reinhört, glaubt ein Produkt aus der britischen Trip-Hop Metropole Bristol zu hören und würde nie darauf tippen, dass dahinter 3 Berliner DJs stecken, die schon seit geraumer Zeit für gediegene Downbeatgrooves sorgen.

Auf „Close The Door" eröffnet sich dem Hörer ein vielschichtiges Klanguniversum aus manchmal wohlklingenden, aber mitunter auch verstörten Melodien und Sounds, prägnaten Hooks und Beats, deren Spektrum von harten Hip-Hop bis zerbrechlichem Trip-Hop reicht und bei denen Terranova produktionstechnisch von den Stereo MC’s und Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten unterstützt wurden. Bereits beim Opener „X-Files" zeigt sich das Potential des Trios: Was sich auf den ersten Blick wie ein durchschnittlicher Hip-Hop-Titel mit Rasco als Gastrapper anhört, enpuppt sich als facettenreicher Trip-Hop-Song inklusive Beck-ähnlichen Vocodersounds und Anklängen an „Sour Times" von Portishead.

Neben den atmosphärischen Instrumentals „Sugarhill", "Millenium Bug" und „Close The Door", die allerdings ihre Wirkung erst nach mehreren Durchläufen entwickeln sind es vor allem die erlesenen Gaststimmen, die den Songs Tiefe und Dynamik. Stereo MC’s-Stimme Cath Coffey haucht „Sweet Bitter Love", „Just Enough" und vor allem dem als Single ausgekoppelten „Midnight Melodic (Chase The Blues)" nicht nur Leben ein, sondern garantiert auch für Gänsehaut und Nicole "Coco" Krebitz beweist auf den großartigen Tracks „Never" und „Plastic Stress", daß sie stimmlich Portishead-Sängerin Beth Gibbens um nichts nachsteht. Zu alldem gibt auch kein geringener als Trip-Hop Gott Tricky auf „Bombing Bastards" ein äußerst gelungenes Gastspiel.

Alle diese Ingredienzien machen "Close The Door" zu einem Album, dem eigentlich nur Superlativen gerecht werden können und deshalb ohne weiteres in die gleiche Trip-Hop-Kategorie wie „Dummy" von Portishead oder „Mezzanine" von Massive Attack gehört.

(9/10)

Various Artists - Youth Club Classics 1961-63 (1990, CD)


Tracklisting:

Valerie Mountain – Some People (1962)
Joe Brown – A Picture Of You (1962; UK # 2)
Brook Brothers – Warpaint (1961; UK # 5)
Mark Wynter – Venus In Blue Jeans (1962; UK # 5; Originalversion: Jimmy Clanton, 1962; US # 7)
Petula Clark – Sailor (1961; UK # 1; Originalversion: Lolita – Seemann, deine Heimat ist das Meer, 1960; A # 1, D # 2, US # 5)
Jimmy Justice – When My Little Girl Is Smiling (1962; UK # 9; Originalversion: Drifters, 1962; UK # 31, US # 28)
Eagles – Bristol Express (1962)
Joe Brown – Your Tender Look (1962; UK # 31)
Viscounts – Who Put The Bomp (1962; UK # 21; Originalversion: Barry Mann, 1961; US # 7)
Danny Storm – Honest I Do (1962, UK # 42)
Petula Clark – Ya Ya Twist (1962; UK # 14; Original Version: Lee Dorsey, 1961; US # 7)
Eagles – Johnny’s Tune (1962)
Brook Brothers – Ain’t Gonna Wash For A Week (1961; UK # 13)
Lonnie Donegan – Pick a Bale Of Cotton (1962; UK # 11)
Mark Wynter – Go Away Little Girl (1962; UK # 6; Originalversion; Steve Lawrence; 1962; US # 1)
Saints – Wipe Out (1963; Originalversion: Surfaris, 1963; D # 46, UK # 5, US # 2, 1966; US # 11; 1970; US # 97)
Joe Brown – It Only Took A Minute (1962; UK # 6)
Jimmy Justice – Spanish Harlem (1962; UK # 20; Originalversion: Ben E. King, 1961; US # 10)
Brook Brothers – Welcome Home Baby (1962; UK # 33)
Julie Grant – Up On The Roof (1962; UK # 33; Originalversion: Drifters, 1962, US # 5)
Eagles – Desperadoes (1962)
Eagles – Dance On (1962; Originalversion: Shadows, 1962, UK # 1; 1963; D # 45)
Joe Brown – That’s What Love Can Do (1963; UK # 3)
Mark Wynter – It’s Almost Tomorrow (1963; UK # 12)
Valerie Mountain – Too Late (1962)
Brook Brothers - Trouble Is My Middle Name (1963; UK # 38; Originalversion: Bobby Vinton; 1963, US # 33)
Jimmy Justice – Ain’t That Funny (1962; UK # 8)
Julie Grant – Count On Me (1963; UK # 24)
Eagles – Pipeline (1963; Originalversion: Chantay’s, 1963; UK # 16, US # 4)

Zwischen 1960 und dem Beginn der Beatlemania schien die Entwicklung der populären Musik zumindest oberflächlich betrachtet zu stagnieren. Elvis schien durch seinen Militärdienst musikalisch kastriert worden zu sein, einstige Leitfiguren des Rock’n’Rolls wie Buddy Holly, Eddie Cochran, Gene Vincent, Jerry Lee Lewis oder Bill Haley weilten nicht mehr unter uns oder die Karriere war aufgrund widriger Umstände wie Verkehrsunfälle oder Sexskandale ins Stocken geraten. In Ermangelung von wirklichen Innovationen waren daher die Charts hauptsächlich mit pflegeleichten, farblosen Teeniestars oder Modetänze wie dem Twist überflutet.

So bieder wie ein Großteil der damals veröffentlichten Musik gestaltete sich auch das Freizeitverhalten vieler britischer Jugendlichen. Der einzige Höhepunkt schien der örtliche Jugendclub zu sein, wohin man am Wochenende pilgerte, um entweder der lokalen Instrumentalcombo zu lauschen oder zu Platten zu tanzen, die, wenn man Glück hatte, von musikbegeisterten USA-Reisenden mitgebracht worden waren. Diese Eigenimporte waren neben Radio Luxemburg oftmals meist die einzige Möglichkeit, amerikanische Hits zu hören, die oftmals keinen Vertrieb jenseits des großen Teiches fanden und gleichzeitig auch Entwicklungshelfer in Sachen Soul, denn es sollte beispielsweise bis 1965 dauern, bis die erste Motownsingle in England erschien.

Die britische Plattenindustrie zeigte sich Anfang der 60er alles andere als experimentierfreudig, was auf „Dance On - Youth Club Classics 1961-63“ dokumentiert wird. Neben der Sparte des Instrumentalrocks, die von den Shadows dominiert wurde und von Bands wie den Eagles oder Saints hier repräsentieren vertraute man hauptsächlich auf die Qualitäten der äußerst produktiven Songwriter des “Brill Building-Pop” wie Howard Greenfield, Gerry Goffin, Carole King, Barry Mann, Neil Sedaka oder Jerry Leiber, deren Songs wie „Venus In Blue Jeans“, „When My Little Girl Is Smiling“, „Who Put The Bomp“, „Go Away Little Girl“, “Spanish Harlem” oder “Up On The Roof” von britischen Interpreten mehr oder weniger überzeugend neu eingespielt wurden und damit die Originalaufnahmen ausstach. Mitunter konnte es auch schon mal vorkommen, dass sich mehrere britische, stilistisch unterschiedlich arrangierte Coverversionen gleichzeitig in den Charts konkurrierten wie etwa im Fall von „Up On The Roof“, wo die dankenswerterweise hier nicht vertretene, überaus lahme Version von Kenny Lynch die Nase in den Charts vorn hatte (1962; UK # 10), während die weitaus sympathische Variante von Julie Grant es nur bis auf Platz 33 schaffte.

Die Arrangements unterschieden sich meist nicht von den Originalen, aber es konnte schon mal vorkommen, dass man im Studio improvisieren musste, wie etwa bei “Spanish Harlem” von Jimmy Justice, wo das Saxophon im Original durch eine Trompete ersetzt wurde. Darüberhinaus dienten diese Songs als Orientierungshilfe für die Arbeit von Produzenten und Songwritern wie Tony Hatch oder Les Vandyke, die nach dieser stilistischen Vorgabe Hits wie „Ain’t That Funny“ von Jimmy Justice oder „Count On Me” von Julie Grant bastelten. Darüberhinaus beschränkte sich das Kopieren aber nicht nur auf das Songmaterial, manchmal wurden sogar die amerikanischen Originalinterpreten reproduziert wie etwa im Fall der Brook Brothers, die als englisches Pendant der Everly Brothers aufgebaut wurden.

Aber nicht nur gediegener Brill Building Pop wurde zur Zielscheibe englischer Produzenten, auch europäische Hits oder früher Soul von britischen Coverversionen nicht verschont. So versuchte sich beispielsweise Petula Clark an Lolitas unsterblichen „Seemann, deine Heimat ist das Meer“ als auch an Lee Dorsey’s „Ya Ya“, das von ihr zwecks Eroberung französischsprechender Absatzgebiete entsprechend interpretiert wurde. Neben Clark sind mit Lonnie Donegan, der mit „Pick a Bale Of Cotton” war im Sommer 1962 die letzte seiner über 30 Chartsingles in den britischen Charts plazieren konnte und Joe Brown, dem Vater von Sam Brown („Stop“, 1988, A # 1, D # 7, UK # 52, 1989; UK # 4, US # 65) sind auf diesem Album zwei weitere Interpreten vertreten, die die britische Musikszene der späten 50er und frühen 60er dominierten, heute aber fast gänzlich in Vergessenheit geraten sind. Der Grund dafür waren die vier Pilzköpfe aus Liverpool, die ab Anfang 1963 fast sämtliche Karrieren der auf „Dance On“ vertretenen Interpreten schlagartig im Sand verlaufen ließen.

(6/10)