Nach dem ereignisreichen Vortag mit meinem Debut als Interviewer der Nu Metaller Taproot für noize.cc und den anschließenden Konzerten von Linkin' Park (von denen ich allerdings aus organisatorischen Gründen nur mehr in den Genuß vom abschließenden "One Step Closer" kam) und den Deftones konnte ich mich wider eigenem Erwarten dazu aufraffen, zur Plattenbörse in die Wiener Stadthalle zu pilgern.
Trotz meiner geringen Ausgaben, die über einen sensationellen wie einen historischen Tiefststand von knapp über öS 250 nicht hinauskamen, konnte ich wieder einige Schätze wie beispielsweise eine Jugendsünde von Thomas Gottschalk überraschend günstig ergattern, die ich hier im Laufe der Zeit präsentieren werde.
Singles:
G.L.S. United - Rapper's Deutsch
Simon & Garfunkel - Cecilia
Maxis
Sade - Love Is Stronger Than Pride
Unknown Cases - Masimba Belle
LPs
Neil Diamond - Shilo
Kinks - Face To Face
Pick-Ups - Keep On Dancing II
Various Artists - Soul Power
Various Artists - Black Gold (2 LP)
MCD
![]()
G.L.S. United – Rapper’s Deutsch (1980, Single)
Bekanntlicherweise mußte „Wetten Daß"-Aushängeschild Thomas Gottschalk seine Teilnahme an der Vorausscheidung zum diesjährigen Eurovisions-Songcontest aufgrund Schiebungsgerüchte zurückziehen, was ihn allerdings nicht daran hinderte, gemeinsam mit den „Besorgten Vätern" das besorgniserregende Machwerk „What Happened To Rock’n’Roll" (2001; D # 4) zu veröffentlichen. Im Zuge dieses Erfolgs wurde in letzter Zeit öfters Gottschalks musikalische Vergangenheit mit der Formation „G.L.S United" in Erinnerung gerufen. Hinter diesem ominösen Namen verbirgt sich der bislang einzige musikalische Ausflug von 3 Stars der damaligen deutschen Medienszene: Thomas Gottschalk, der damals nur den Äther unsicher machte und Sekunden vor seinem Durchbruch als TV-Star stand, Frank Laufenberg, Moderator und Autor von Büchern wie dem „Pop & Rock Almanach" und die deutsche Radiolegende Manfred „Sexi" Sexauer.
Gemeinsam versuchten sie sich als erste im deutschen Sprachraum an dem Phänomen namens Rap, das um 1980 erstmals weltweit Aufmerksamkeit erregte. Die alles entscheidende dafür Initialzündung kam von der auf dem Disco-Smash „Good Times" von Chic (1979, D # 36, UK # 5, US # 1) basierenden Single „Rapper’s Delight" der Sugarhill Gang (1979; A # 5, D # 3, UK # 3, US # 45). Der überraschende Erfolg dieses Hits brachte mit sich, daß die deutsche Plattenindustrie auch nicht daran vorbei gehen konnte und eine deutsche Version auf den Markt warf.
Im Gegensatz zum Original, wo es über Ghetto-Beschreibungen und Dancefloorabenteuer geht, tragen Gottschalk, Laufenberg und Sexauer eine Art musikalischen Generationskonflikt aus. Während Laufenberg großteils aufzählt, wer wann wo in den 60ern gespielt hat und Sexauer sich in eher peinlichen Schwärmereien über die 50er verliert, ist Gottschalks Wortspende einigermaßen gelungen:
„Ich steh auf Boomtown Rats, XTC, Devo, Patti Smith,
(Dr.) Feelgood, AC/DC, Kiss, Blondie und auch Slits
Ich bin der New-Wave-Man, Nick-Nack Man, kein Guru, kein Punker, kein Freak,
Leg mich nicht auf irgendwas fest, ich hab die Scheuklappen dicht,
‘Ne gute Disco, Mann, so dann und wann, da bin ich immer dabei,
schau die Girls mir an auf der Rollerbahn, das gibt mir ‘nen wonnigen Drive
Bin kein Spinner, Mann, haß den Flimmerkram, wann tust du dir das endlich rein,
Mensch Manni, Mensch Frank, in der Rock’n’Rollzeit, da war ich noch viel zu klein
Ich sag’ Bam-Shubidua, Suck it To Me, When I Need You By My Side,
Schubidubidua, A Bappapschuba ist Musik der neuen Zeit
Kein Honky Tonk, kein Geigensound, ein Knaller muß es sein
und bei gutem Rock, bei Rock’n’Roll, da paßt auch Maffay rein
Shake!
Auch wenn es manche oberflächlich betrachtet möglicherweise bezweifeln, handelt es sich hier um eine textliche Meisterleistung, denn in welchem Produkt aus deutschen Plattenschmieden werden schon Größen wie XTC, AC/DC oder Kiss, aber auch längst vergessenes wie die britische Allgirl-Punkgroup Slits erwähnt?
Gelungen auch das „Schubidubidua, A Bappapschuba"-Zitat, das aus „Pop Muzik" von M (1979; A # 4, D # 1, UK # 2, US # 4) stammt und den Kontext des Songs eigentlich auf den Punkt bringt.
Angeblich sollte „Rapper’s Deutsch" übrigens unter dem Namen „Die Fantastischen Drei" veröffentlicht werden hätte sollen, was den 3 Protagonisten aber zu größspurig erschien und sie sich auf das eher unoriginelle Kürzel „G.L.S. United" einigten. Belohnt wurde dieses erste deutschsprachige Rapversuch immerhin mit Platz 49 der deutschen Charts und verschwand danach ebensoschnell von der Bildfläche, wie er aufgetaucht war.
Gottschalk, Laufenberg und Sexauer als Urväter des deutschen Hip-Hop zu bezeichnen ist wohl doch etwas zu hoch gegriffen, ging es hier doch einzig und allein ums Abcashen von einem damals als kurzfristig eingestuften Trend. Daher war nicht „Rapper’s Deutsch" Wegbereiter für spätere Hits wie „Der Kommissar" von Falco (1982; A # 1, D # 1) oder aber auch dem „Alpenrap" von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (1983; A # 3, D # 36), sondern natürlich „Rapper’s Delight", das selbst heute noch Inspirationsquelle für manche deutschsprachige Rapper ist.
(6/10)
P.S. (23/3/01)
Kürzlich entdeckte ich auf der Hülle der Single "Funk You Up Pt.2" der Sugarhill Gang eine Definition des Rap, die sogar mch eines besseren belehrte:
Dieser außerordentlich rhytmische Sprechgesang begeisterte schon 1965 die Musikfans in Amerika, als Shirley Ellis "The Clapping Song" und "The Name Game" veröffentlichte und damit wochenlang in den Charts vertreten war"
Man lernt also nie aus ...
![]()
Simon & Garfunkel - Cecillia/The Only Living Boy In New York (1970, Single)
Schon lange vor ihrem Durchbruch mit "Sounds Of Silence" (1966; A # 3, D # 9, US # 1) konnten Simon & Garfunkel unter den Pseudonymen Tom & Jerry ("Hey, Schoolgirl"; 1957; US # 64) und Tico & The Triumphs ("Motorcycle", 1961; US # 99) kleinere Erfolge feiern. Von "Motorcycle" gibt es übrigens eine deutsche Version von Benny Quick namens "Motorbiene" (1962; D # 27).
Ihr Album "Bridge Over Troubled Water" gilt als einer der erfolgreichsten Alben aller Zeiten, denn es setzte nicht nur qualitativ und produktionstechnisch, sondern auch quantitativ neue Maßstäbe, was alleine die Tatsache beweist, daß die Platte für ganze 28 (!) Wochen die Spitze der österreichischen Albumcharts blockierte.
Nicht nur die darauf enthaltenen Hitsingles "The Boxer" (1969; A # 4, D # 19, UK # 6, US # 3), "El Condor Pasa" (1970; A # 1(12 Wochen), D # 1 (7), US # 13), "Bridge Over Troubled Water" (1970; A # 3, UK # 1 (3), US # 1 (5)) und Cecillia (1970; A # 6, D # 2, US # 1) wurden in der Folge fleißig von einer Vielzahl von Interpreten gecovert, sondern auch Albumtracks wie "Keep The Customer Satisfied" (Marsha Hunt; 1970; D # 30, UK # 41) und natürlich auch "The Only Living Boy In New York".
Die Single "Cecillia", an der sich Madness-Sänger Suggs (1995; A # 28, UK # 4) erfolgreich versuchte, ist mit seiner fast schon bombastischen Percussion, "xylophonischen" Mittelteil und Mitsingrefrain ein zeitloser Sommerklassiker.
Dreht man die Platte um, geht es auf "The Only Living Boy In New York" etwas gemächlicher zur Sache. Der Song, bei dem es inhaltlich um den Abflug von Teilzeit-Schauspieler Art Garfunkel zu den Dreharbeiten für den Kriegsfilm "Catch 22" nach Mexico geht, besticht durch die eingängige Melodie und unaufdringlichem Bombast, den Everything But The Girl bei ihrer gelungenen Version noch dezenter gestaltet haben.
Zwei zeitlose Songs, die am Erfolg des Albums "Bridge Over Troubled Water" sicherlich großen Anteil haben.
Cecillia (7/10)
The Only Living Boy In New York (7/10)
![]()
Sade - Love Is Stronger Than Pride (1988, Maxi)
Nach ihren erfolgreichen Alben „Promise" (1984) und „The Sweetest Taboo" (1985) meldete sich Sade nach 3-Jähriger Abstinenz aus der Öffentlichkeit mit dem Album „Stronger Than Pride" wieder zurück. Das Album verkaufte sich wie warme Semmeln, aber die erste Singleauskoppelung „Love Is Stronger Than Pride" (1988; D # 51, UK # 44) blieb großteils in den Regalen der Plattengeschäfte stehen. Der Grund dafür dürfte einfach darin zu suchen sein, daß der Song einfach viel zu schön für diese Welt und auch den Charts war. Das genaue Gegenteil gilt für das öde dahindümpelte Instrumental „Super Bien Total" auf der Rückseite.
Von „Love Is Stronger Than Pride" gibt es übrigens ein herrliches Mad Professor Reggae-Remix, daß auf der B-Seite von „Feel No Pain" (1992; D # 80, UK # 56) versteckt ist.
Auch wenn „Love Is Stronger Than Pride" eigentlich schon in voller Pracht auf „Stronger Than Pride" zu hören ist, lohnt sich die Anschaffung dieser Maxi alleine schon wegen des herrlichen Covers ...
Stronger Than Pride (8/10)
Super Bien Total (2/10)
![]()
Unknown Cases - Masimbabele (Maxi, 1983)
Lange bevor Bands wie Massive Attack Dance-Grooves und Ethnoklänge kombinierten und der Begriff „World Music" im musikalischen Sprachgebrauch überhaupt exisitierte, bastelte die deutsche Studioformation Unknown Cases rund um Helmut Zerlett, dem jetzigen musikalischen Leiter der Harald Schmidt-Show, den für damalige Verhältnisse bahnbrechenden und mit percussionlastigen Elementen afrikanischer Musik vollgepackten Tanzflächenfüller „Masimbabele". Im Laufe von nunmehr fast 2 Jahrzehnten konnten sie davon mehr als 120.000 Exemplare absetzen, ohne sich aber in den Charts zu plazieren.
Da die Unknown Cases nur ein Projekt und keine Band im eigentlichem Sinn waren, wurden nach „Masimbabele" nur sporadisch weiter Platten veröffentlicht, darunter 3 Maxis und schließlich 1995 mit „Cuba" das bislang einzige Album. Allerdings konnte keine der nachfolgenden Platten den legendären Status von Masimbabele" streitig machen.
(8/10)
![]()
Neil Diamond – Shilo (1970, LP)
Viele durchzuckt bei Nennung des Namens Neil Diamond vermutlich ein kalter Schauer des Entsetzens, war er doch seit Mitte der Siebziger berüchtigt für seichte und dahindümpelnde Mainstream-Unterhaltung. wie dem Soundtrack zur „Möwe Jonathan".
Vor dieser Zeit war er jedoch ein anerkannter Songwriter, dessen Kompositionen zahlreichen anderen Acts zu Hits verhalfen wie beispielsweise die beiden Monkees-Klassiker „I’m A Believer" (1967; A # 1, D # 1, UK # 1 US # 1) und „A Little Bit Me, A Little Bit You" (1967; A # 2, D # 7, UK # 3, US # 1).
Daneben baute er sich eine erfolgreiche Karriere auf und konnte jede Menge Hits landen, die des öfteren gecovert wurden. Viele davon finden sich auf dem Album „Shilo", dessen Tracklisting sich sehen lassen kann:
Shilo (1970; US # 25, 1971; A # 11, D # 21)
Kentucky Woman (1967; US # 14); Coverversion: Deep Purple (1968; US # 33)
Girl, You'll Be A Woman Soon (1967; US # 8); Coverversion: Urge Overkill (1994; UK # 37, US # 59; aus „Pulp Fiction")
You Got To Me (1967; US # 20)
Monday Monday Originalversion: Mamas & The Papas (1966; A # 2,D # 2, UK # 3, US # 1)
Cherry, Cherry (1966; US # 5)
Solitary Man (1966; US # 57; 1970; US # 16)
I'm A Believer (1971; A # 6, D # 23, US # 45)
Red Red Wine (1968; US # 55); Coverversion: UB 40 (1983; A # 5, UK # 1, US # 34; 1988; US # 1)
I Thank The Lord For The Night Time (1967; US # 10)
I'll Come Running (1966)
I Got The Feelin’ (Oh No, No) (1966; US # 23)
Auf dem ersten Blick könnte man glauben, es handle sich hier um eine Greatest Hits-Compilation, doch dem ist nicht so. „Shilo" ist eine der verschiedenen Albumvariationen, auf denen Diamonds Plattenfirma Bang, ein Sub-Label von Atlantic, die 25 Titel, die er für dieses Label aufgenommen hatte, zwischen 1966 und 1970 veröffentlichte. Diese Aufnahmen unterschieden sich je nach Veröffentlichung oftmals durch unterschiedliche Abmischung oder Versionen, die hier überaus detailiert beschrieben werden. Um die kommerzielle Zugkraft von Neil Diamond gnadenlos auszuschlachten wurden auch immer wieder Bang-Singles veröffentlicht, die sich bis Anfang der 70er mit den Neil Diamond-Singles auf seinem neuen Label Uni mitunter gleichzeitig in den Charts konkurrierten.
„Shilo" ist eine interessante Werkschau über das große Songwritertalent des frühen Neil Diamond, wobei die zahlreichen oben genannten Coverversionen seine Bedeutung für die Pop- & Rockmusik der späten 60er deutlich unterstrichen wird.
(7/10)
![]()
Kinks - Face To Face (LP, 1966)

Man schreibt das Jahr 1966: Die psychedelischen Einflüsse in der populären Musik sind nicht mehr zu überhören, das Medium LP gewinnt immer mehr an Bedeutung gegenüber der Single und entwickelt sich ab diesem Zeitpunkt von einer Ansammlung von Hitsingles und Füllmaterial zu einem eigenständigen Medium, dem Konzeptalbum. Diese Faktoren schlugen sich beispielsweise unüberhörbar in dem Beatles-Album „Revolver" nieder. Daneben veröffentlichten in diesem Jahr die Beach Boys mit „Pet Sounds", die Rolling Stones mit „Aftermath" und Bob Dylan mit „Blonde On Blonde" weitere akustische Meilensteine. Während diese Alben heute einen legendären Stellenwert genießen, hat „Face To Face" von den Kinks einen zu Unrecht untergeordneten Status.
Mit dieser Platte schaffte die Band rund um Kinks-Mastermind Ray Davies den Sprung aus der Masse der zahllosen englischen Beatgruppen hin zu den wichtigsten Chronisten des damaligen britischen Zeitgeschehens. Davies’ Songs reflektieren das England der Swinging Sixties mit all seinen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und modischen Auswüchsen und so Manches hat noch immer seine Gültigkeit behalten: Die bereits damals schon zunehmende Kommerzialisierung der Urlaubsparadiese („Holiday In Waikiki"), Mütter, die um ihre flügge gewordenen Töchter trauern („Rosie Won't You Please Come Home"), Orientierungslosigkeit („ Too Much In My Mind") und der Aufstieg („House In The Country") und Fall („Most Exclusive Residence For Sale") der Neureichen. Herausragend sind besonders „I’ll Remember", „Fancy" mit seinen psychedelisch-indischen Anklängen und das atmosphärische „Rainy Day In June".
Verpackt sind die meist ironischen Texte in überaus eingängigen Melodien, wobei mitunter starke Anleihen bei der Konkurrenz genommen werden, so erinnert beispielsweise „Party Line" stark an den Beatles-Song „She’s A Woman". Darüberhinaus kreieren die Kinks das Genre des „Baroque-Pop", wo das Chembalo, eine Frühform des Klaviers, an vorderster Front eingesetzt wird, wie etwa bei „Rosie Won't You Please Come Home", „Too Much In My Mind" und „Session Man". Mit letzterem Titel wird übrigens der Studiomusiker Nicky Hopkins, der hier wie auch auf unzähligen anderen Platten der 60er sein Talent bei der Bedienung von Tasteninstrumenten unter Beweis stellte, unter anderem mit den Worten „He’s Not Paid To Think, Just Play" augenzwinkernd gewürdigt.
Ursprünglich war geplant, zwischen den einzelnen Titeln Dialoge einzubauen und das Album mit mehr Soundeffekten, Echos usw. aufzufetten. Leider wurde dieser Plan verworfen und die einzigen akustische Belege von diesem Vorhaben blieben das Intro zum rockenden Opener „Party Line", authentisches Meeresrauschen und die Hawaiigitarren auf „Holiday In Waikiki" und Gewittersounds auf „Rainy Day In June".
Manches auf „Face To Face" ist nahezu visionär und seiner Zeit voraus. Das fast schon jazzige „Little Miss Queen Of Darkness" ist sicher eines der ersten Songs, in denen das Wort „Discotheque" erwähnt wird und sich 10 Jahre vor ABBA jemand mit einer "Dancing Queen" auseinandersetzt. Auf die Bedeutung der Kinks für den Britpop muß man nicht weiter hinweisen, kupferten doch zahlreiche englische Bands der 90er den Kinkssound ab und „House In The Country" diente Blur eindeutig als Vorlage für ihren Hit „Country House" (1995; UK # 1).
Die bekanntesten Titel auf „Face To Face" sind der zeitlose Sommerhit „Sunny Afternoon" (1966; A # 8, D # 7, UK # 1, US # 14) und natürlich "Dandy" (1966; A # 5, D # 1), das viele für eines der größten Ärgernisse der 60er halten. Interessanterweise wurde „Dandy" weder in England noch in den USA, wo Herman‘s Hermits mit ihrer Version punkten konnten (1966; US # 8), als Single ausgekoppelt, sondern nur im deutschen Sprachraum, wo er neben „Lola" (1970; A # 2, D # 2, UK # 2, US # 9) zu den bekanntesten akustischen Aushängeschilder der Kinks gehört.
Die Inkludierung dieser beiden Klassiker konnte allerdings nicht verhindern, daß sich „Face To Face" eher mäßig verkaufte und auch den durchaus gelungenen Nachfolgealben wie „Something Else" (1967) und „The Village Green Perservation Society" (1968) war ähnliches Schicksal beschienen. Die Ursache dafür lag in der Weigerung der Kinks, sich dem von den Beatles mit „Sgt. Pepper’s Lonley Hearts Club Band" ausgelösten Psychedelic-Boom anzuschließen, weshalb die Band von vielen Plattenkäufern als zu wenig hip und altmodisch angesehen wurde. Erfolgreicher blieben hingegen ihre Singles wie „Dead End Street" (1966; A # 12, D # 5, UK # 5; US # 73) „Mr. Pleasant" (1967; D # 12, US # 79), „Waterloo Sunset" (1967; A # 11, D # 7, UK # 2), „Autumn Almanac" (1967; A # 9, D # 13, UK # 3) und „Days" (1968; D # 28, UK # 12), auf denen sie die mit „Face To Face" begonnenen zeitgeschichtlichen Beobachtungen fortsetzten.
Wer wie ich eine Original-Vinylpressung dieses Album besitzt, muß leider auf die 7 Bonustracks verzichten, die sich auf der wiederveröffentlichten CD-Edition von „Face To Face" befinden. Neben den Hits „Dead End Street" und „Mister Pleasant" gibt es hier nicht nur deren B-Seiten „Big Black Smoke" und „This Is Where I Belong" und mit „I'm Not Like Everybody Else" die Rückseite von „Sunny Afternoon", sondern als besonderes Zuckerl die bisher unveröffentlichten Titel „Mr. Reporter" und „Little Women". Diese Songs geben erneut Zeugnis für die exzellenten Songwriterqualitäten von Ray Davies und passen musikalisch wie thematisch perfekt in das Gesamtbild des Original-Albums, weshalb man diese CD für jeden, der die Wurzeln des Britpop ergründen will, unentbehrlich ist.
Trotz des Fehlens der 7 Bonustracks ist mein Exemplar von „Face to Face" dennoch etwas ganz besonderes, denn es scheint ziemlich in der Weltgeschichte herumgekommen zu sein und des öfteren den Besitzer gewechselt zu haben. Es handelt sich dabei um eine französiche Originalpressung, die sich laut dem Stempel auf dem Label irgendwie nach Berlin verirrt hat. Im Laufe der Zeit ging leider die Originalhülle verloren, weshalb einer der Vorbesitzer aus dem nächstbesten Karton eine neue Hülle bastelte. Dann dürfte die Scheibe bei einem Second Hand-Plattenhändler gelandet sein, der sie vermutlich auf zahlreiche Plattenbörsen mitnehmen mußte, bis ich sie schließlich um 30 Schilling auf der Wiener Plattenbörse ergatterte. Zugegeben, die Platte kracht und grammelt ziemlich, und das selbstgebastelte Cover mag für manche lächerlich wirken, aber bei dieser LP kann man guten Gewissens sagen, sie hat gelebt, während man das von einer doch eher sterilen CD nie behaupten wird können.
(9/10)
![]()
Pick-Ups - Keep On Dancing II (1967, LP)

Was hat das legendäre Kinks-Album „Face To Face" mit diesem musikhistorisch mehr als unbedeutenden Coverversionsalbum der unvergleichlichen Kopier-Kombo Pick-Ups gemeinsam? Auf den ersten Blick natürlich überhaupt nichts. Einzig ich bin in der Lage, den größten gemeinsamen Nenner zwischen den beiden Platten herzustellen, da ich sie am selben Stand auf der Plattenbörse gekauft. Kaufen ist im Fall der Pick-Ups aber nicht ganz korrekt, denn mein Hinweis auf einen gröberen Kratzer hatte zur Folge, daß mir der Verkäufer, offenbar aus Freude und Erleichterung darüber, sie endlich loszuwerden, mit den Worten „Ach, die geb ich dir so dazu" mir die Platte als Gratisdraufgabe zusätzlich zu den 6 anderen bei ihm gekauften Platten, überließ.
Dabei würden fanatische Albencover- und Kuriositätensammler für diesen vermeintlichen Schrott einiges springen lassen, denn alleine das Cover ist bemerkenswert. Dem Betrachter springt vermutlich nicht zuerst das Covermodel (oder vielmehr deren unauffällig gelüfteten Bauchnabel) ins Auge, sondern der unübersehbare Button mit der Aufschrift „I Like Sex". Daß die Platte im Frühjahr 1967 mit diesem für damalige Verhältnisse gewagtem Slogan zu diesem Zeitpunkt in die Plattenhandel kam, überrascht den zeitgeschichtlich einigermaßen bewanderten doch etwas. Die sexuelle Revolution lag noch in den Windeln, das Wort „Sex" galt in der Öffentlichkeit als auch in den Medien als verpönt und Oswald Kolle ahnte noch nicht, daß er zum Aufklärer der 60er werden sollte. Aber nicht nur diese Parole war durchaus seiner Zeit voraus. Leider auf dem Bild nicht gut erkennbar, bieten die anderen Buttons auch wegweisende Slogans und Statements:
Martin Humer, Österreichs Pornojäger Nr.1, dürfte dem Slogan „Pornography Is Fun" eher kaum was abgewinnen, „High" ist unmißverständlich als Aufforderung zum Drogenkonsum zu erkennen und wer sich von diesen drei Schlagworten bzw. Aufforderungen noch nicht angesprochen fühlt, kann darüber nachdenken, was es mit „Sex Before Finals" auf sich hat.
Wie nicht anders zu erwarten ist die Musik auf „Keep On Dancing II", mit dem ich nunmehr nach Keep On Dancing IV
das zweite Exponat aus dem Repertoire der Pick-Ups besitze, nicht so aufregend wie das Cover, aber dennoch haben die Aufnahmen einen nicht unbeachtlichen Unterhaltungswert.
Dieser ergibt sich großteils aus dem knapp bemessenen Budget, das ihr Label Metronome für die Aufnahmen bereitstellte. Deshalb mußte auf die von den Originalen bekannten aufwendigen Arrangements mit Orgel und Bläsersätze verzichtet und durch verstärkte Gitarrentätigkeit ersetzt werden. In Verbindung mit teilweise kuriosen bis grotesken gesanglichen Darbietungen:resultieren daraus uninspirierte bis überraschend gelungene Coverversionen der untenstehenden Hits:
„High Time"" (Originalversion: Paul Jones, 1966; D # 36, UK # 4)
„No Milk Today" (Herman’s Hermits, 1966; A # 4, D # 2, UK # 7, US # 29)
„Bend It" (Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, 1966; A # 2, D # 1, UK # 2)
„That’s Nice" (Neil Christian, 1966; UK # 14)
„Mellow Yellow" (Donovan, 1966; A # 17, D # 16, UK # 8, US # 1)
„Black Is Black" (Los Bravos, 1966; A # 9, D # 4, UK #27, US # 2)
„Green, Green Grass Of Home" (Tom Jones, 1966; A # 2, D # 6, UK # 1, US # 12)
„Semi Detached Surburban Mr. James" (Manfred Mann, 1966; D # 16, UK # 2)
„Green, Green Grass Of Home" (Tom Jones, 1966; A # 2, D # 6, UK # 1, US # 12)
„Hanky Panky" (Tommy James & The Shondells, 1966; A # 5, D # 3, UK # 38, US # 1)
„Dear Mrs. Applebee" (David Garrick, 1966; A # 3, D # 1, UK # 22)
„Sunshine Superman" (Donovan, 1966; A # 11, D # 7, UK # 2, US # 1)
„Winchester Cathedral" (New Vaudeville Band, 1966; A # 7, D # 15, UK # 4, US # 1)
„Dandy" (Kinks ,1966; A # 5, D # 1)
Obwohl man die Pick-Ups nicht wirklich als musikalisch innovativ bezeichnen kann sorgen sie mitunter für arrangementmäßige Überraschungen: Bei „Semi Detached Surburban Mr. James" beispielsweise wirft gegen Ende eine viel zu sehr in den Vordergrund gemischte Fuzzgitarre den Hörer fast vom Hocker, bei „I’m A Believer" ersetzen die Gitarren überraschend kongenial die Orgelriffs, „Sunshine Superman" besticht durch flottes, unorthodoxes Arrangement und interessante Gitarrenarbeit, „Winchester Cathedral", einer der meistgehaßten Oldies der 60er, gleicht beinahe dem Original und mit „Dandy" findet sich hier die zweite Gemeinsamkeit mit den Kinks.
Höhepunkt der Platte ist aber zweifellos „Hanky Panky", wo der Sänger (?) die Textzeile „My Baby Does The Hanky Panky" in unnachahmlicher Weise als „Ma Baibe Da The Hänkipänki" zum Besten (?) gibt und so für unfreiwillige Komik sorgt.
Stellenweise könnte man auch den Eindruck gewinnen, „Keep On Dancing II" wäre bei einer Karaokeveranstaltung aufgenommen worden, denn besser könnte ich beispielsweise „Green Green Grass Of Home" auch nicht interpretieren.
Pflichtplatte für alle Karaokejunkies.
(Musik 6/10, Cover 9/10)
![]()
Sisqo – Thong Song (2000, MCD)
Sisqo, wegen seiner Haarfarbe auch bekannt als „Platinium Playboy" und im Hauptberuf Leadsinger der Soul-Boygroup Dru Hill, die mit „In My Bed" (1997; D # 14, UK # 16, US # 4) und „How Deep Is Your Love" (1998; D # 8, UK # 9, US # 3) zwei Hits landen konnte, liefert auf der Radioversion eine raffinierte Nu Soul-Nummer, auf der im Hintergrund ein Streichquartett „Eleonor Rigby" von den Beatles nachzuspielen scheint.
Passend zum Dance-Trend des Jahres 2000 hat Sisqo oder vielmehr sein Manegement die britischen 2-Step-Pioniere Artful Dodger für ein wenn auch eher mäßiges Remix engagiert. Als Zuckerl gibt es neben dem Video auch die Instrumentalversion von „Thong Song".
Sisqos bisheriges Schaffen als Solokünstler ist gekennzeichnet von jeder Menge versteckter bis unverhohlener sexueller bzw. sexistischer Anspielungen, die nicht nur in „Thong Song", sondern auch im Titel seines Albums „Unleash The Dragon" („ Hol den Drachen raus") ersichtlich sind, was bei politisch überkorrekten Mitmenschen und Frauenverbänden für Entsetzen sorgt, alle anderen sehen darin natürlich augenzwinkernde und niveauvolle Unterhaltung. Who Let The Dogs Out?
Radio Version (8/10)
Artful Dodger-Remix (6/10)