Börsenreport 09.03.2002

Plattenbörse in der Wiener Stadthalle, 09.03.02.


Ob Zufälle gibt oder nicht, darüber kann man lange philosophieren, Tatsache ist jedenfalls, daß nur ein paar Tage, nachdem ich meinen Review über „If I Where A Carpenter", dem großartigen Tribute-Album zu Ehren der Carpenters online gestellt habe, fällt mir prompt deren selbstbetiteltens 1971er-Album in die Hände, noch dazu als amerikanische Pressung mit dem originellem „Umschlag-Cover". Weiters fielen mir je 2 feine Scheiben von den Beatles und den Kinks, eine gesungene Version des Instrumentalklassikers „Popcorn" und eine kuriose Sammlung deutscher Versionen von ABBA-Hits in die Hände, über die man demnächst hier mehr erfahren kann.

Singles

Anarchic System - Popcorn (vocal)/(instrumental)
Beatles - All My Loving/Thank You Girl
Beatles - Lady Madonna/The Inner Light
Blondie - X Offender/Man Overboard
Roy C. - Shotgun Wedding
Christie - Everything’s Gonna Be Alright/Inside Looking Out
Maxine Nightingale - Love Hit Me/Life Has Just Begun
Cliff Richard - Marianne/Mr. Nice
Springwater - Listen Everybody/Guiding Light

LPs


Carpenters - Carpenters
Deep Purple - Mark I & II (2 LP)
Drupi - Greatest Hits
Kinks - The Kinks
Kinks - The Kinks (Kinda Kinks)
Slade - Slade Alive!
Barry White - No Limit On Love
Various Artists - Fernando & 11 weitere ABBA-Hits

CDs

Lali Puna - Scary World Order
Sade - Lovers Live
Stereo MC’s - Connected
Various Artists - Big City Soul 4 - 60 Northern Soul Classics (2 CD)

Anarchic System - Popcorn (vocal)/(instrumental) (1972, Single)

1969 komponierte Gershon Kingsley, gemeinsam mit Jean Jacques Perrey („E.V.A", 1970) einer der wichtigsten Pioniere der elektronischen Musik, angeblich in nur 30 Sekunden die Basis für den Instrumentalklassiker „Popcorn", der im selben Jahr in seiner Urform ohne weiteres Aufsehen auf Kingsley’s Album „Music To Moog By" erschien. Erste Popularität erlangte der Song dank einer Synthesizer-Combo namens First Moog Quartett, die bei ihren Konzerten „Popcorn" immer als Zugabe brachten. Der routinierte Studiomusiker Stan Free, Jahrgang 1922 und ein Viertel dieser Formation, war von den Hitqualitäten des Titels überzeugt nahm schließlich den Song 1972 mit 6 Musikerkollegen unter dem Pseudonym Hot Butter auf und löste damit globale Popcorn-Euphorie aus. (1972, A # 1, D # 1, UK # 5, US # 9). Von dieser wollten natürlich viele profitieren und so tauchten plötzlich unzählige, großteils völlig identisch klingende „Popcorn"-Versionen auf wie beispielsweise von einem jungen Talent namens Jamie Jefferson, hinter dem kein Geringener als Jean-Michel Jarre steckte. Meist wurden die zahllosen „Popcorn"-Adaptionen allerdings von Herren in der Alterklasse von Stan Free eingespielt, die sich hinter Namen wie Mister K oder Fresh Cream versteckten. Selbst Gershon Kingsley, der Dank des reichen Tantiemenflusses ohnehin am Popcorn-Kuchen kräftig mitnaschte, ließ es sich nicht nehmen, seine persönliche Popcorn-Variante als „Pop-Corn Makers"erfolgreich unters (deutsche) Volk zu bringen. (1972, D # 7).

Eine der originellsten Popcorn-Geschmacksrichtungen lieferten Anarchic System (1972; D # 13). Hinter diesem Bandnamen verbarg sich keine Politrock-Formation, sondern höchstwahrscheinlich eine Studioband, die einen simplen Trick anwandte, um aus der Masse der Popcornköche hervorzustechen, nämlich dem Instrumentaltrack einen Text zu verpassen. Das ist aber auch schon das einzig Nennenswerte an dieser Single, abgesehen von der Tatsache, daß der Text derart genuschelt wird, daß er fast zur Gänze unverständlich ist.

Zum Thema Popcorn leisteten aber nicht nur Gershon Kingsley, Hot Butter & Co. einen wesentlichen Beitrag, sondern auch James Brown, der sich 1969 als wahrer Popcorn-Junkie entpuppte, in dem er einen eigenen Tanz kreierte und mit den dazugehörigen Singles „The Popcorn" (1969; US # 33), „Mother Popcorn (1969; US # 7), „Lowdown Popcorn" (1969; US # 42), „Let A Man Come In And Do The Popcorn (Pt.1)" (1969; US # 26), „Let A Man Come In And Do The Popcorn (Pt.2)" (1969; US # 56) einige Hits landen konnte.

(vocal 4/10, instrumental 5/10)

Beatles - All My Loving/Thank You Girl (1964, Single)
Beatles - Lady Madonna/The Inner Light (1968, Single)

Auch wenn die Beatles die am genauesten dokumentierte und analysierte Band seit Menschengedenken sind tauch rund um John, Paul, George und Ringo immer wieder interessante Aspekte auf, die selbst eingefleischte Kenner überraschen: Wer hätte zum Beispiel gedacht, daß der Branchenriese EMI in Indien bis 1968 noch Platten im 78 RPM-Format presste, darunter auch zahlreiche von den Beatles, für die gut betuchte Beatles-Sammler bis zu 500 Euro hinblättern?

Immerhin noch zwischen 50 und 100 Euro wert ist die italienische Pressung von „All My Loving/Thank You Girl", das allerdings nur im Bestzustand. Davon kann bei der mir vorliegenden Single nicht die Rede sein, denn diese Single hat oberflächlich bereits deutliche Spuren eines allzu intensiven Plattenlebens, weshalb ich dafür auch nur 50 Cent hinblättern mußte. Akustisch betrachtet ist die Soundqualität mehr als ausreichend ist, um auf meinen alten Philips-Kofferplattenspieler besser zu klingen als auf der modernsten Hifi-Anlage.

Das sicherlich allseits bekannte „All My Loving" erschien erstmals Ende 1963 auf dem Album „With The Beatles" und wurde bereits kurz nach der Veröffentlichung von so unterschiedlichen Interpreten wie Count Basie, der britischen Beatcombo Dowlands, die damit ihren einzigen kleinen Hit landen konnte (1964; UK # 33), Herb Alpert, Duke Ellington und Frank Sinatra gecovert, selbst Didi & His ABC Boys, die fleißigsten germanischen zeitgenössischen Beatlesadepten, wagten eine deutsche Version namens „Schließ die Augen".

Weniger Popularität blieb „Thank You Girl", vorbehalten, das ich erstmals 1982 im Abspann der „Kottan ermittelt"-Folge „So Long, Kottan" hörte und danach lange Zeit vergeblich suchte, weil dieser Titel im Prä-CD-Zeitalter nur auf der Original-Single von „From Me To You" (1963; UK # 1) erhältlich war und auf den meist schwer aufzutreibenden Compilations „Rarities" (1979) und „Past Masters Vol. 1" (1988) wiederveröffentlicht wurden. Interessanterweise dürfte niemand gewagt haben, diesen typischen frühen Beatlessong mit den prägnanten „Oh"s im Refrain zu covern.

„All My Loving" und "Thank You Girl" wurden nur in Italien auf einer Single veröffentlicht und sind ein gutes Beispiel für die verwirrende Veröffentlichungspolitik ihres Stammlabels Parlophone/EMI bzw. deren jeweilige Länderniederlassungen und darüberhinaus den diversen Labels, die am Höhepunkt der Beatlemania Platten der Fab Four veröffentlichten. So war auf der B-Seite von „All My Loving" in Deutschland und Holland „I Wanna Be Your Man" (1964; D # 32), in Norwegen, Finnland und Schweden „I Saw Her Standing There", in Frankreich "It Won’t Be Long", in Japan „Love Me Do", in Neuseeland „Roll Over Beethoven", in Argentinien „Please Mr. Postman", und in Kanada und in den USA „This Boy" (1964; US # 32).

Etwas übersichtlicher sieht es bei „Thank You Girl" aus, das erstmals 1963 als B-Seite von „From Me To You" (1963; UK # 1, US # 116) erschien und später nur ein weiteres mal mit „Do You Want To Know A Secret" gekoppelt wurde (1964; US # 2), wobei sich „Thank You Girl" ebenfalls separat in den US-Charts plazieren konnte (1964; US # 39).

Bevor die Beatles allerdings Amerika erobern konnten sahen sie sich mit dem Problem konfrontiert, daß man anfangs bei Capitol Records, der amerikanischen EMI-Tochter, trotz der Erfolge der Beatles in Europa der Meinung war, daß sich ihre Platten in den USA nicht verkaufen würden. Daher überließ man die Vertriebsrechte dem kleinen Chicagoer Label Vee-Jay, das vorwiegend Soulinterpreten wie Gene Chandler ("Duke Of Earl", 1962; US # 1) unter Vertrag hatte und mit Frankie Valli & The Four Seasons ("Sherry", 1962; UK # 8, US # 1) eines der erfolgreichsten amerikanischen Gegenpole zur britischen Beatinvasion aufwarten konnte. Allerdings war die Betreuung des Quartetts aus Liverpool anfangs eher sorglos, denn die Promotion war eher zurückhaltend und darüberhinaus prangte auf den ersten Pressungen von „Please, Please Me/Ask Me Why", der ersten von Vee-Jay veröffentlichten Single, der Bandname „Beattles" …

1963 schien Amerika tatsächlich noch nicht reif für die Beatles zu sein, denn die Bitte „Please, Please Me" stieß vorerst auf taube Ohren. Etwas besser erging es der Nachfolgesingle „From Me To You/Thank You Girl", von der zumindest rund 9.000 abgesetzt werden konnten, was in den US-Charts für Platz 116 reichte. Außerdem dürfte jemand bei Big Top Records die Qualität von „From Me to You" erkannt haben und ließ Del Shannon („Runaway"; 1961; UK # 1, US # 1) davon eine Coverversion davon aufnehmen, die im Juli 1963 immerhin bis Platz 77 kletterte und damit dafür sorgte, daß erstmals eine Lennon/McCartney-Kompositon in der amerikanischen Hitparade vertreten war.

Da Vee-Jay im Sommer 1963 mit den Tantiemenzahlungen an den Musikverlag Transglobal, der die Beatles in den USA betreute, in Rückstand geriet, verlor das Label kurzfristig die Lizenz zur Veröffentlichung von Platten der Beatles. Deshalb blieb auch das Album „Introducing The Beatles", das im Juli 1963 herauskommen hätte sollen, vorläufig in der Schublade. Dabei handelte es sich um die amerikanische Version vom Beatles-Debutalbum „Please, Please Me", bei dem allerdings die zuvor als Single ausgekoppelten „Please Please Me" und „Ask Me Why" durch "Love Me Do" and "PS I Love You" ersetzt wurden.

Währenddessen hatten die Beatles mit „She Loves You" (1963; UK # 1; 1964; A # 7, D # 7, US # 1) eine weitere Hitsingle in Europa, die auch in Amerika veröffentlicht werden sollte. Wie schon bei „Please Please Me" und „From Me To You" suchte Transglobal dafür lange vergeblich einen Vertrieb, selbst mehrere große Plattenfirmen waren an dem Song nicht sonderlich interessiert. Erst das Kleinlabel Swan Records aus Philadelphia, das auf Teenagerstars wie Freddie Cannon („Talahassie Lassie"; 1959; US # 6, UK # 17) spezialisiert war, opferte sich und brachte im September 1963 „She Loves You/I’ll Get You". Der Ausbruch der Beatlemania ließ in den USA aber weiter auf sich warten, und so hielten sich auch hier die Verkäufe in Grenzen.

Ende 1963 nahm das Presseecho über die Fab Four bereits aufsehenerregende Ausmaße an, weshalb bei Capitol endlich die Alarmglocken schrillten und man „I Want to Hold Your Hand/I Saw Her Standing There" veröffentlichte. Zusätzlich versuchte man verzweifelt, die Rechte an allen Beatlessongs zu erwerben, nur hatte dummerweise Transglobal weitere Lizenzen an Beatlestiteln an MGM und Atco vergeben. Auch bei Vee-Jay, wo man inzwischen die austehenden Tantiemen an Transglobal überwiesen hatte, wollte man nicht untätig zusehen und brachte mit „Please, Please Me/From Me To You" eine Kopplung der A-Seiten der im Frühjahr dieses Jahres noch völlig unbeacheten Singles heraus. Gleichzeitig wollte man nun auch das im Archiv schlummernde Album „Introducing The Beatles" veröffentlichen, aber Capitol Records, das um jeden Preis die Rechte für den gesamten Beatleskatalog erwerben wollte, untersagte das kurzfristig mittels gerichtlicher Verfügung, gegen die Veröffentlichungsrechte für die „Please Please Me",Ask Me Why", „From Me To You", und „Thank You Girl" konnte Capitol allerdings keine Rechtsmittel einbringen. Vee-Jay nutze diesen Umstand nicht nur zur Veröffentlichung von „Please, Please Me/From Me To You", sondern wollte auch ein dazugehöriges Album auf den Markt bringen. Da 4 Songs für ein Album doch etwas zu mager waren griff man zu einer Notlösung: In der durchaus realistischen Meinung, daß die amerikanischen Teenies alles kaufen würden, was aus England kam, spannte man die Fab Four kurzerhand mit 8 Titeln eines weiteren britischen Stars aus dem Vee-Jay-Stall zusammen. Dabei handelte es sich allerdings um den jodelnden Crooner Frank Ifield und der hatte mit Beat soviel am Hut wie Dieter Bohlen mit Musik, konnte aber dafür immerhin mit „I Remember You" (1962; D # 39, UK # 1), „Lovesick Blues" (1962, UK # 1, US # 44),„The Wayward Wind" (1963; UK # 1) und „Confessin’" (1963; UK # 1, US # 58) 4 Nummer 1-Hits in England vorweisen.

Diese LP erschien im Februar 1964 unter dem Titel "Jolly What!" und wurde als "England's Greatest Recording Stars - The Beatles & Frank Ifield On Stage" beworben. Letzterer Hinweis entsprach aber nicht ganz der Wahrheit, denn es handelte sich ausschließlich um Studioaufnahmen und die einzige Gemeinsamkeit von Ifield und den Beatles war deren Auftritt als seine Vorgruppe am 10. Februar 1963 im Embassy Cinema in Petersborough. (Damit hättet ihr aber nciht gerechnet, oder?)

Auf dem Cover von frühen Pressungen dieser Platte war übrigens eine Zeichnung eines typischen Engländers mit Bart, Brille und Pilzkopf abgebildet, die später durch ein Foto von John, Paul, George & Ringo ersetzt wurde, was fälschlicherweise der Eindruck erweckte, es handle sich dabei auschließlich um Material der Beatles

Als wäre das nicht bemerkenswert genug, prangt auf beiden Ausgaben dieser LP auf der Rückseite folgende Aufschrift: "It is with a good deal of pride and pleasure that this copulation has been presented." Selbst wer zu denjenigen gehört, deren Englischkennntisse nicht die berühmtesten sind, dürfte das Wort „copulation" hier etwas deplaziert erscheinen. Dabei handelt es sich aber nicht um einen Fehler des Setzers, der für die Beschriftung des Covers verantwortlich war, vielmehr stand „copulation" bereits auf dem Originaltelegramm, auf dem der Albumtext angewiesen wurde. Der Sender des Telegrammes läßt sich zwar nicht mehr eruieren, aber offenbar dürften ihm (oder ihr?) die Hormone durchgegangen sein und diesen Freudschen Verschreiber ausgelöst haben ....

Kurz nach der Veröffentlichung von „Jolly Good" gab es ein Übereinkommen zwischen Vee-Jay und Capitol, wonach Vee-Jay doch noch „Introducing... The Beatles" wiederveröffentlichen durfte, wobei allerdings „Love Me Do" und „P.S. I Love You" wiederum durch „Please, Please Me" und „Ask Me Why" ersetzt werden mußten. Zusätzlich wurde die Single daraus „Twist & Shout/There’s a Place" (1964; US # 1) ausgekoppelt, die auf Tollie, einem Sub-Label von Vee-Jay erschien. So finanziell einträglich die Veröffentlichungsrechte für Vee-Jay waren, hatten sie nur einen Schönheitsfehler, denn sie waren nur bis zum Oktober 1964 befristet.

Mit Capitol, Vee-Jay, Swan, MGM & Atco konkurrierten sich Anfang 1964 also insgesamt 5 Labels mit Beatlessingles in den amerikanischen Charts und bedingt durch die Tatsache, daß sich neben den A-Seiten auch deren Rückseiten in den Charts plazierten und durch diese Konstellation war es möglich, daß sich in einer Wertungswoche bis zu 12 Beatlessingles in den US-Charts tummelten. Höhepunkt der Beatlesdominanz war sicherlich der 31. März 1964, als die Top 5 der US-Billboard-Charts folgendermaßen aussahen:

1. Beatles - Can’t By Me Love (Capitol)
2. Beatles - Twist & Shout (Tollie)
3. Beatles - She Loves You (Swan)
4. Beatles – I Want To Hold Your Hand (Capitol)
5. Beatles - Please Please Me (Vee-Jay)

Vier Jahre später sah die Sache schon etwas anders aus, denn ein derart gehäuftes Aufkommen an Beatlessingles war aufgrund der geordneten Veröffentlichungspolitik von EMI/Parlophone, dem Stammlabel der Beatles, nicht mehr möglich, da seit 1966 höchstens jeweils 3 Singles jährlich auf den Markt kamen. Anfang 1968 lief allerdings der Vertrag mit EMI/Parlophone aus und bevor John, Paul, George & Ringo ihr eigenes Label Apple starten konnten, waren sie vertraglich dazu verpflichtet, noch eine Single für EMI/Parlophone herauszubringen. Viele Bands hätten zu diesem Behufe älteres Material ausgegraben, nicht aber so die Beatles, die Fans und Kritiker mit dem Rock’n’Roll-Song „Lady Madonna" (1968; A # 1, D # 2, UK # 1, US # 4) überraschten. Damit leiteten sie eine regelrechte Rock’n’Roll-Renaissance ein, im Zuge derer man sich unter anderem auch kurzfristig wieder Fats Domino erinnerte, der sich aber erfolglos an „Lady Madonna" versuchte.

Auf der Rückseite verbirgt sich mit der George Harrison-Komposition „The Inner Light" eine weitere Rarität, die wie „Thank You Girl" auch erst 1988 mit der Compilation „Past Masters", diesmal aber der zweiten Ausgabe wiederveröffentlicht wurde. Harrison spielte diesen von seiner religiösen Erleuchtung und den zahlreichen Lehrstunden bei Sitarstar Ravi Shankar geprägten Titel fast zur Gänze in Bombay mit indischen Musikern ein, einzig die Gesangsparts wurden von den übrigen Beatles in London aufgenommen. Ursprünglich hätte eigentlich John Lennons „Across The Universe" die B-Seite von „Lady Madonna" werden sollen, aber Lennon war bis zuletzt mit der Abmischung unzufrieden, weshalb man schließlich „The Inner Light" den Vorzug gab.

Wenn man 4 Beatlessongs auswählen müßte, um die Zeitspanne von 1963 - 1968 in ihrer Bandbreite zu dokumentieren, wären diese hier sicherlich geeignete Kandidaten.

All My Loving (9/10)
Thank You Girl (9/10)
Lady Madonna (8/10)
The Inner Light (8/10)

Blondie - X Offender/Man Overboard (1977, Single)

Wozu sicher selber lange überlegen, was man über eine Platte schreiben soll, wenn das ohnehin schon jemand erledigt hat, in diesem Fall auf der Coverrückseite dieser Single:

„Wenn man sich einen riesigen Trichter vorstellt, in den man die Musik der Shangri-Las-Ventures-Chrystals (Anm: Damit sind wohl die Crystals gemeint)-Ronetts (Anm: Heißen die nicht Ronettes?) plus einer Prise Beach Boys hineinschüttet, kräftig schüttelt und mixt, als Endprodukt käme dabei Blondie heraus.

Blondie zählt zur neuen Rockwelle und strahlt jene Frische und neugeborene Energie ab, die für New Wave-Bands typisch ist. Mit Deborah Harry, die in Amerika als „Marilyn Monroe des Punk Rock" gilt, hat man eine Leadsängerin, die nicht nur wegen ihres Aussehens sämtliche Titelseiten der Fachpresse füllt. Ihr Debutalbum riß Kritiker zu ehrlicher Begeisterung hin. Produzent Richard Gottehrer („Hang On Sloopy") war die optimale Ergänzung deren musikalischer Ziele."

Abgesehen von den doch etwas peinlichen Schreibfehlern hat der unbekannte Autor dieses Promotextes dennoch fast den Punkt getroffen. „X Offender" beginnt einem gesprochenen Intro ganz im Stil der Ronettes oder Chiffons, danach fühlt man sich an Bruce Springsteens „Burn To Run" (1975, US # 22) erinnert, unterbrochen vom obligaten Surfgitarrensolo.

Dem textliche nicht ganz jugendfreie „X Offender", auf deren Rückseite sich mit „Man Overboard" feinster New Wave-Pop versteckt, war zwar kaum Erfolg vergönnt, ebnete aber den Weg für den Durchbruch mit der Nachfolgesingle „Denis" (1978; A # 10, D # 9, UK # 2), einer geschlechtsumgewandelten Coverversion von „Denise",des einzigen Hits von Randy & The Rainbows (1963; US # 10).

X Offender (8/10)
Man Overboard (8/10)

Roy C. - Shotgun Wedding (1966, Single)

Ray Charles Hammand, der sich Roy C. nannte, um Verwechslungen mit dem großen Ray Charles vorzubeugen, konnte bereits als 16-jähriger als Mitglied der Formation Genies mit „Who’s That Knocking" (1959; US # 71) einen kleinen Hit verbuchen. Danach sollte er aber nie wieder auch nur an die US-Charts anklopfen und auch das erstmals 1965 erschiene „Shotgun Wedding" konnte an dieser Tatsache auch nichts ändern. In Europa fand man allerdings Gefallen an dem für damalige Verhältnisse bereits anachronistischen Soulsong mit stilechten Schüssen und Hochzeitsfanfaren und „Shotgun Wedding" (1966; A # 18, D #14, UK # 6, 1972; UK # 8) beschehrte Roy C. kurzfristige Popularität. Danach verzeichnete er erfolgsmäßig nur mehr Rohrkrepierer und auch gelungene Comebackversuche wie etwa mit dem gelungenen „I'm Bustin' My Rocks" (1973) scheiterten, was ihn aber nicht davon abhielt, bis heute unverdrossen Platten aufzunehmen.

(5/10)

Christie - Everything’s Gonna Be Alright/Inside Looking Out (1971, Single)

Die Band rund um Jeff Christie konnte bereits mit ihrer Debutsingle, dem ewigen Sommerklassiker „Yellow River" (A # 1, D # 2, UK # 1, US # 20), das er für die Tremeloes geschrieben hatte, die den Song ursprünglich auch aufnehmen hätten sollen, einen Welthit landen, und die Nachfolgesingle „San Bernadino" (1970; A # 4, D # 5, UK # 7) sorgte dafür, daß die Band kein One-Hit Wonder blieb.

Diesen beiden Titel wurde übrigens die fragwürdige Ehre zuteil, von deutschen Schlagerstars gecovert zu werden. So ließ Bernd Spier „Yellow River" zu „Fremde Augen" mutieren und Roberto Blanco versuchte sich an „San Bernadino".

Die Singles, die Christie nach diesen beiden Hits veröffentlichten blieben aufgrund der relativen Erfolglosigkeit der Originale von einer Germaniserung verschont. „Man Of Many Faces" (1971; A # 10) schaffte es nur in Österreich in die Charts, dem „Iron Horse" (1972, D # 47, UK # 47) ging rasch die Puste aus.

Nachdem sie erfolgsmäßig mit dem nicht sonderlich vor Originalität sprühenden „Everything’s Gonna Be Alright" inklusive deren deutlich „Yellow River" nachempfundene Rückseite "Inside Looking Out" durch die Finger schauten und auch die Nachfolgesingles „The Dealer" (1973) und „Alabama"(1974) kaum Käufer fanden löste Jeff Christie desillusioniert seine Band auf.

Everything’s Gonna Be Alright (5/10)
Inside Looking Out (6/10)

Maxine Nightingale - Love Hit Me/Life Has Just Begun (1977, Single)

Nach Erfolgen in den Musicals „Hair", „Jesus Christ Superstar" und „Godspell" landete Maxine Nightingale mit dem im Motownbeat gehaltenen und für den Soundtrack des Eishockeyfilms „Snapshot" mit Paul Newman verwendeten "Right Back Where We Started From" (1976; D # 38, UK # 8, US # 2) einen Überraschungshit, der ihr eine Grammynominierung einbrachte

In ähnlicher Manier ist der Nachfolgehit „Love Hit Me" (1977, UK # 11) gehalten, der aber schon deutlich weniger Interesse fand. Zumindest konnte sie auf der jazzigen Rückseite „Life Has Just Begun" ihre stimmlichen Talente eindrucksvoll unter Beweis stellen, die durchaus mit denen von Minnie Riperton („Lovin’You", 1975; UK # 2, US # 1) vergleichbar sind.

Die Plattenkäufer zeigten sich allerdings davon wenig beeindruckt, denn sämtliche danach veröffentlichten Platten verkauften sich eher mäßig. Einzig "Lead Me On" (1979; US # 5) brachte Maxine Nightingale in den USA zumindest kurzfristig wieder ins Rampenlicht bzw. auf die Tanzflächen zurück, seither tingelt sie mit diversen Jazzbands durch die Lande.

Love Hit Me (5/10)
Life Has Just Begun (8/10)

Cliff Richard - Marianne/Mr. Nice (1968, Single)

Mit der durchaus netten orchestralen Ballade „Marianne" (1968; UK # 22) landete der Peter Pan des Pop Hitsingle Nummer 46 in den britischen Charts. Nett auch die überaus passend betitelte Rückseite „Mr. Nice" mit den typischen zeitgenössischen Bläsersätzen und nettem Mellotron. Nett alleine ist aber bekanntlich zuwenig und deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, daß sich nach dem September 1968 niemand mehr an diese Single erinnern konnte.

Marianne (5/10)
Mr. Nice (6/10)

Springwater - Listen Everybody/Guiding Light (1972, Single)

Unter dem Namen Springwater landete der in England lebende amerikanische Multiinstrumentalist Phil Cordell mit dem voller jauchzender Gitarren und Synthisizer gespickten Instrumentalklassiker „I Will Return" (1971; D # 3, UK # 5) einen Riesenhit, dem schon bald eine deutschen Version von Michael Holm namens „Du weinst um mich" (1972; A # 5, D # 17) folgte.

Mit der gleichen Erfolgsformel versuchte er auf den durchaus gelungenen Nachfolgesingles „Listen Everybody/Guiding Light" (1972) und „Jerusalem/Amazing Graze" an diesen Hit anzuschließen, aber die Quelle des Erfolgs schien vorerst ausgetrocknet.

Einem darauffolgenden Labelwechsel von Polydor zur britischen Tochterfirma von Motown folgte auch eine Änderung des Pseudonyms auf Dan The Banjo Man. Der Einfachheit halber nannte er die erste Single unter diesem Namen schlicht „Dan The Banjo Man" und konnte mit diesem von Synthesizer dominierten Ohrwurm vor allem in Deutschland seinen größten Hit landen. (1974; A # 8, D # 1). Im Sog dieser Hitsingle konnte sich auch „Black Magic" (1974; D # 34) in den deutschen Charts plazieren, danach war aber der Zauber auch schon wieder vorbei.

Bis Anfang der 80er versuchte Cordell an die alten Erfolge anzuschließen, aber daran konnten weder die unter seinem eigenem Namen veröffentlichten Singles als auch die als Springwater veröffentlichte „Move A Little Bit Closer", auf dem Cordell übrigens in Beach Boys-Manier sang, etwas ändern

Listen Everybody (8/10)
Guiding Light (8/10)

Carpenters - Carpenters (1971, LP)

Nach den Hits „(They Long To Be) Close To You (1970; UK # 6, US # 1)" und „We've Only Just Begun (1970; UK # 28, US # 2)" galt es für Richard und Karen Carpenter mit ihrem dritten Album ihre führende Position in den Wohnzimmern nichtprogressiver US-Bürger zu sichern. Allerdings brachte der Erfolg mit sich, daß Richard Carpenter kaum noch Zeit fand, neue Songs zu schreiben und deshalb auf dieser LP nur 3 Titel aus seiner Feder vertreten sind: Ist das von Karen gesungene und bereits 1967 von ihm geschriebene „One Love" noch im typischen Carpenterssound gehalten beweist Richard bei den beiden anderen Songs für Carpentersverhältnisse durchaus Mut zum Risiko: Nicht nur, daß er hier selbst zum Mikrophon greift, unterscheidet sich sein Arrangement grundsätzlich von dem, was man von den beiden gewohnt ist. Bei „Saturday" glaubt man, im Hintergrund würde Herb Alpert und seine Tijuana Brass aufmaschieren und das spinettlastige „Druscilla Penny" könnte man fast unter Baroque-Pop einreihen. Allerdings können diese Songs qualitativ kaum mit den restlichen Titeln des Albums mithalten, die fast zur Gänze von der Songwriterelite Amerikas wie Henry Mancini („Sometimes"), Paul Williams („Rainy Days And Mondays", „Let Me Be The One") oder Leon Russel („Superstar") stammen. Natürlich dürfen auch Burt Bacharach & Hal David nicht fehlen, die hier mit einem Medley aus "Knowing When To Leave/Make It Easy On Yourself/(There's) Always Something There To Remind Me/I'll Never Fall In Love Again/Walk On By/Do You Know The Way To San Jose" vertreten sind. Zusätzlich gibt es mit dem zuvor als Single „For All We Know" (1971; UK # 18, US # 3) und „(A Place To) Hideaway". So qualitativ hoch das ausgewählte Material auch ist, sind es erst Richards gediegene Arrangements und vor allem Karens Stimme, die daraus kleine Popmeisterwerke machen, deren Stellenwert vielerorts vernachläßgt oder gar belächelt wurde.

Daß nicht alle so dachten beweist die hier bereits rezensierte Tributealbum „If I Were A Carpenter", auf dem nicht weniger als 4 Titel vom Album „Carpenters" vertreten sind und die darauf enthaltenen Interpretationen von so unterschiedlichen Bands wie Sonic Youth ("Superstar"), Betty Serveert („For All We Know"), Matthew Sweet („Let Me Be The One") und Cracker („Rainy Days And Mondays") eröffneten sicherlich vielen eine völlig neue Perspektiven zu dem Repertoire der Carpenters.

Aber nicht nur musikalisch ist das Album „Carpenters" interessant, sondern auch wegen des Covers, das wie ein Umschlag gestaltet ist. Wenn man diesen öffnet kommt nicht etwa die Platte zum Vorschein, sondern ein Portrait der Beiden, das wie ein Foto von Kindern wirkt, wie es Eltern gerne auf der Kommode austellen. Kein Wunder also, daß Karen & Richard Carpenter in unzähligen US-Haushalten zumindest musikalisch Familienanschluß fanden...

(6/10)

Deep Purple - Mark I & II (1973, 2 LP)

Der amerikanische Blue-Eyed Soul-Shouter oder besser gesagt -Krächzer Billy Joe Royal landete mit „Down In The Boondocks" (1965; UK # 38, US # 9), „I Know You When" (1965; US # 12), „I’ve Got To Be Somebody" (1965; US # 33) und „Cherry Hill Park" (1969; US # 15) immerhin eine Handvoll Hits in den US-Charts, die jedoch in der Popgeschichte eine mehr als untergeordnete Rolle spielen. Im Gegensatz dazu steht seine Interpretation des Joe South-Songs „Hush" (1967; US # 48; 1968; D # 12), die 1968 Deep Purple zu einer Coverversion animierte und damit die Initialzündung für deren Karriere auslöste. Der Erfolg beschränkte sich zunächst allerdings vornehmlich auf die USA, wo neben „Hush" (1968; US # 4; 1988; UK # 62) auch „Kentucky Woman" (1968; US # 33; Originalversion: Neil Diamond; 1967; US # 14), „River Deep-Mountain High" (1969; US # 38; Originalversion: Ike & Tina Turner, 1966; UK # 3, US # 88) und „Emmaretta"(1969; US # 93) in die Charts kletterten und sich auch die Alben relativ gut verkauften.

Dieser Karrierephase bzw. Bandbesetzung, die von Fans auch als „Mark I" bezeichnet wird, ist die erste LP dieses Doppelalbums gewidmet. Neben den Hitsingles „Hush" und „Emmeretta" finden sich hier mit „Mandrake Root", das mit psychedelischen und klassischem Einflüssen aufwarten kann, dem Bluesrocker „Why Didn’t Rosemary" und dem von einem Percussiongewitter begleitete „Chasing Shadows" eine Reihe von erstklassigen Tracks, bei denen die Band eindrucksvoll unter Beweis stellt, daß sie mehr zu bieten hatte als Rock/Pop-Standards zu covern. Das soll allerdings die Qualität ihrer stilistisch von Vanilla Fudge („You Keep Me Hanging On" (1967; US # 48, UK # 18, 1968; US # 6) inspirierten, interessant arrangierten Bearbeitungen von „Hey Joe" oder „Help", bei denen sich Gitarrist Richie Blackmore und Keyboarder Jon Lord sich so richtig austoben konnten, keineswegs schmälern.

„Mark II" bzw. Plattenseiten 3 und 4 beleuchten den weltweiten Durchbruch von Deep Purple, der aus einigen personellen Umbesetzungen und stark erhöhtem musikalischen Härtegrad resultierte. Das Album „In Rock" (1970) katapultierte die Band zu Superstars ihres Genres und Singles wie das das großartige „Speed King" (1970; D # 38), „Black Night" (1970; A # 2, D # 2, UK # 2, US # 61; 1980; UK # 43), „Strange Kind Of Woman" (1971; A # 12, D # 8, UK # 8), „Woman From Tokyo" (1973; D # 16; US # 54) und natürlich „Smoke On The Water" (1973; A # 3, D # 20; 1977; UK # 21, US # 2) unterstrichen diesen Status. Neben diesen Hits sind auf „Mark I & II" auch die Albumtracks „Into The Fire" (von „In Rock"), „Highway Star" (von dem Livealbum „Made In Japan", 1972) und die Ballade „When A Blind Man Cries" (das hier erstmals auf einer LP auftaucht und zuvor nur auf der B-Seite der Single „Never Before" (1972; A # 7, D # 20, UK # 35) zu finden war) enthalten, die beweisen, daß man Deep Purple keinesfalls auf die Band reduzieren darf, die irgendwann mal „Smoke On The Water" aufgenommen hat, wie es heute so manche Opinionleader suggerieren, die bisweilen aufgrund oberflächlicher Arroganz und mäßig vorhandener musikalischer Vorbildung Deep Purples Euvre ins Lächerliche zu ziehen versuchen.

(7/10)

Drupi - Greatest Hits (1976, LP)

Sein überraschender Sieg beim legendären San Remo-Festival, der italienischen Variante des Eurovisionssongcontests, mit „Vado Via" (1973; UK # 17) brachte dem einstigen Moto-Cross-Fahrer und Tauchlehrer Drupi nicht nur in Italien den Durchbruch, auch in England konnte man sich kurzfristig dem Charme seiner Reibeisenstimme nicht entziehen. Dort dürfte knapp 20 Jahre später Jason Pierce, Mastermind von Spiritualized Platten von Drupi gehört haben, denn auf deren Single "Let It Flow" (1995; UK # 30) sind deutlich Elemente von Drupis geschmackvoll arrangierteren Italopop mit prägnanten Synthesizereinsatz, den für viele italienische Hits charakteristischen Backgroundchören („Oh-uh-oh-uh-oh") und gelegentlichem Hang zum Bombast erkennbar.

Mit knapp einjähriger Verspätung entdeckte man Drupi auch im deutschen Sprachraum und seither gehören die allesamt sommerliche Atmosphäre versprühenden „Piccola e Fragile"(1974; A # 8; D # 24), „Sereno E" (1975; A # 13; D # 43), „Due" (1975; A # 13) oder „Sambario" (1976) zu den Klassikern des gehobenen Italopop. Diese Titel sind auch auf diesem „Greatest Hits" Album vertreten, die restlichen 8 Songs sind allerdings bestenfalls als Belanglosigkeiten einzureihen.

Da nach 1976 die Qualität seiner Songs deutlich nachließ und seine bis in die 90er hinein aufgenommenen Platten auch kaum mehr Käufer fanden, hat sich Drupi wieder seiner Vergangenheit als Wassersportler zurückbesonnen. Anstatt aber Tauchstunden zu geben, führt er heute ein Fachgeschäft für Anglerbedarf und wenn schon erfolgsmäßig Flaute herrscht, kann er wenigstens auf diese Weise dicke Fische an Land ziehen.

(6/10)

Kinks – Kinks (1973; LP)
Kinks - Kinks (1965; LP)


Nein, hier handelt es sich um keinen Schreibfehler, diese beiden Kinks-LPs haben tatsächlich den gleichen Titel, sind aber keineswegs identisch.

Das erste Album ist eine Wiederveröffentlichung des 1964 erschienen Debutalbums der Kinks vom englischen Billiglabel Hallmark. Allerdings musste offenbar aus rechtlichen Gründen wirklich gespart werden, denn im Gegensatz zur ebenfalls selbstbetitelten Originalausgabe fehlen hier „Got Live If You Want It“ und ausgerechnet „You Really Got Me“ (1964; D # 39, UK # 1, US # 7), was aber zu verschmerzen ist, da dieser Klassiker ohnehin ein fixer Bestandteil jeder Kinks-Best Of-Compilation ist.

Auf ihrem Erstling widmen sich die Kinks wie nahezu alle britische Beatbands vorwiegend dem amerikanischen R & B und dementsprechend sind hier hauptsächlich Coverversionen ihrer Vorbilder zu finden wie „Cadillac“ von Bo Diddley oder „Too Much Monkey Business“ von Chuck Berry. Bei „So Mystifing“, „Just Can’t Go To Sleep“, „I Took My Baby Home“ und „Stop Your Sobbing“, mit dem Jahre später die Pretenders, deren Sängerin Chrissie Hynde einst die bessere Hälfte von Kinks-Boss Ray Davies gewesen war, ihren Debuthit landeten (1979, UK # 34), lässt dieser erstmals seine Brillianz in Sachen Songwriting aufblitzen.

Hinter dem zweiten schlicht „Kinks“ betitelten Album verbirgt sich „Kinda Kinks“, die zweite LP der Kinks. Warum der Originaltitel ihres deutschen Labels Vogue nicht zugesagt hat lässt sich nicht mit Sicherheit nachvollziehen, ist aber nicht weiter ungewöhnlich, da es in den 60ern durchaus eine gängige Praxis war, dass Plattenfirmen Albentitel als auch Tracklisting von Land zu Land unterschiedlich gestalteten.

Im konkreten Fall unterscheiden sich die Tracks glücklicherweise nicht von „Kinda Kinks“, weshalb hier auch ein „echtes“ Kinks-Album vorliegt und man deutlich den musikalischen Quantensprung nachvollziehen kann, den die Band seit ihrem Debutalbum machte, nämlich den R & B hinter sich zu lassen und ihre eigene unverwechselbare Variante des British Beat in Szene zu setzen . Hauptanteil daran hat natürlich Ray Davies, von dem mit Ausnahme von „Dancing In The Street“ (Originalversion: Martha Reeves & The Vandellas, 1964; UK # 28, US # 2, 1969; D # 36, UK # 4) und „Naggin’ Woman“ (Lazy Lesters) nicht weniger als 10 der 12 Songs auf diesem Album stammen, allen voran natürlich die Hitsingle „Tired Of Waiting For You“ (1965; D # 13, UK # 1, US # 6), dem deutlich von den Beatles inspirierten "So Long", der Akustikballade "Nothin' In The World Can Stop Me Worryin' Bout That Girl", "Don't Ever Change", "Come On Now" und „Something Better Beginning".

Kinks (6/10)
Kinks (=“Kinda Kinks“) (8/10)

Slade - Slade Alive! (1972, LP)

Daß Slade weit mehr zu bieten hatten als Glamrock-Mitstampfsongs, bei deren Titel die englische Rechtschreibung grob vernachlässigt wurde, stellten sie Anfang 1972 mit diesem Livealbum eindrucksvoll unter Beweis. Bereits ein Blick auf die Tracklist verblüfft sicherlich so manchen, der die Band bislang nur als beständigen Hitlieferanten der frühen 70er kannte, denn sie eröffnen mit „Hear Me Calling“ der Bluesrocker Ten Years After, überraschen mit einem exzellenten Cover von Lovin’ Spoonfuls „Darling Be Home Soon“ inklusive Rülpser von Sänger bzw. Krächzer Noddy Holder und beschließen den Gig mit einer der wohl raffiniertesten Versionen von Steppenwolfs ”Born To Be Wild”.

Weiters ist hier mit der Little Richard-Coverversion ”Get Down And Get With It” auch die erste Hitsingle von Slade in voller Länge von 6:04 Minuten inkludiert und Little Richard wird nochmals in „Keep On Rocking“, einer Art Medley, in dem neben Gary US Bonds „New Orleans“ seine Klassiker„Tutti Frutti” und “Oh My Soul” zitiert werden, gewürdigt. Nicht unterschlagen werden sollten auch die beiden Eigenkompositionen „In Like a Shot From My Gun“ und „Know Who You Are“ von ihrem zweiten Album „Play It Loud“, die live um einiges explosiver wirken als in der Studioversion und den hochklassigen Coverversionen durchaus ebenbürtig sind.

“Slade - Alive!” ist sicherlich eines der besten Livealben der frühen 70er und dokumentiert ein Konzert, bei dem man nur allzu gerne dabeigewesen wäre, sofern man nicht ausgerechnet neben einen jener Fans gestanden ist, deren Alkoholgehalt im Blut dem Gegröhle nach zu urteilen unüberhörbar beängstigend hoch gewesen sein muß.

(8/10)

Barry White - No Limit On Love (1974, LP)

Spätestens seit „You’re My First, My Last, My Everything" (1974; A # 7, D # 9, UK # 1, US # 2) hatte Barry White mit einem aphrodisierenden Soulsound endgültig weltweit unzählige Schlafzimmer als auch Tanzflächen erobert und schien für viele praktisch aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Tatsächlich war White aber alles andere als Newcomer, spielte er doch bereits mit 11 Jahren Klavier auf zahlreichen R &B-Singles und schrieb Soulklassiker wie den legendären „Harlem Shuffle" (1964; US # 44, 1969; UK # 7) für Bob & Earl, den Jahre später die Rolling Stones Jahre wieder ausgruben (1986; A # 11, D # 11, UK # 13, US # 5) . Er kreierte auch „The Duck" für Jackie Lee (1966; US # 14), bei dem es sich übrigens um den Earl von Bob & Earl handelte und den White auch managte. Danach arbeitete er bei dem kleinen Soullabel Mustang und komponierte unter anderem „It May Be Winter Outside (But In My Heart Is Spring)", mit dem Felice Taylor einen Achtungserfolg landen konnte (1967; US # 39). Dieser Song sollte sieben Jahre später erneut in den Charts auftauchen, diesmal aber interpretiert von Love Unlimited (1974, UK # 11, US # 90), einem von White entdeckten Gesangstrio, deren Debuthit „Walkin’ In The Rain With The One I Love" (1972; UK # 14, US # 9) schließlich auch für seinen Durchbruch sorgte. Aber nicht nur seine Talente als Songwriter und Arrangeur erregten einiges Aufsehen, sondern auch insgesamt 13 Wörter, die er im Zuge eines imaginären Telefongesprächs am Ende des Songs mit seiner prägnanten Baßstimme ins Mikrophon brummte. Nicht Wenige wollten damals noch mehr von Whites unverwechselbarem Timbre hören, aber es sollte fast ein knappes Jahr dauern, bis er auf seiner Solosingle „I'm Gonna Love You Just A Little Bit More Baby" (1973; UK # 23, US # 3) zumindest ein kleines bißchen mehr dazu Gelegenheit gab und damit eine Hitlawine auslöste, die ihm bereits Ende 1975 alleine in den USA sechs goldene Singles und sieben goldene Alben einbrachten, deren Verkäufe dementsprechend jeweils die Millionengrenze überschritten .

Daß der 1974 erschienenen LP„No Limit On Love" dieses Schicksal nicht vergönnt war liegt daran, daß es sich dabei um kein reguläres zeitgenössisches Barry White-Album handelte, sondern auschließlich um Material, daß er Ende der 60er bei Mustang aufgenommen hatte und danach unbeachtet in den Archiven schlummerte, bis Scepter Records die Rechte dafür erwarb und die Platte auf seinem Sublabel Supremacy veröffentlichte, um an der allgemeinen Barry White-Hysterie mitzunaschen.

Beim ersten Reinhören schein der frühe Barry White noch nicht so recht seine musikalische Linie gefunden zu haben. Neben den eher durchschnittlichen Soulsongs wie „I’ve Got The World To Hold Me Up", „Your Heart And Soul", „All In The Run Of A Day" sind hier eine gelungene Motown-Kopie („I Owe It All To You"), ein Instrumental, das wie der Backingtrack für eine frühe Katja Ebstein-Single klingt („Long Black Veil") und mit „Out Of The Shadows Of Love" einen Titel mit jeder Menge Phil Spector-Bombast. Bei den „Fragile - Handle With Care", dem großartigen „Come On In, Love" und vor allem bei „Where I Can Turn To" sind schon deutlich die Ansätze zu dem charakteristischem Sound zu erkennen, den White ein paar Jahre später perfektionieren sollte. Außerdem ist mit dem hier im Uptempo-Motownbeat gehaltenen „Under The Influence Of Love" ein Song in seiner Urform enthalten, der 1973 einem Album von Love Unlimited den Titel geben sollte.

Da die Verkäufe von „No Limit On Love" auch ziemlich limitiert waren verschwand die LP schon bald von der Bildfläche. In den letzten Jahren wurde diese Songs allerdings wieder aus den Archiven ausgegraben und unter den Titeln „Your Heart & Soul: The Love Album" oder „Under The Influence Of Love" wiederveröffentlicht.

(6/10)

Abba - Fernando und 11 weitere ABBA-Hits (1976?, LP)

Was haben die Beatles, die Supremes und Abba gemeinsam? Sie gehören zu denjenigen, denen die damals von den Plattenfirmen aufoktruierte zweifelhafte Ehre zuteil wurde, einige ihrer Hits höchstpersönlich einzudeutschen. Abgesehen von den Beatles ( „Komm gib mir deine Hand" (1964; D # 5; Originalversion: „I Want To Hold Your Hand") und „Sie liebt dich" (1964; D # 7; „She Loves You") schaffte es aber kaum eine Band, mit ihren Germanisierungen einen auch nur annährend ähnlichen Eindruck zu hinterlassen als die dazugehörigen Originalversionen.

Abba oder besser gesagt Bjorn & Benny, Anna & Frida, wie sie sich bis 1974 noch nannten ging es auch nicht viel besser, denn ihre deutschen Versionen von „Ring Ring" und „Waterloo" waren verkaufsmäßig Letzteres. Da sich nach diesen 1973/74 aufgenommen Titeln Abba nur mehr vereinzelt in fremdsprachige Gefilde wagten wie etwa der spanischen Version von „Ciquitita" (1979) mußten notgedrungen andere Interpreten für deutsche Versionen von Abbahits aufgetrieben werden. Fündig wurde schon bald in Lena Andersson, einer Sängerin aus dem direkten Umfeld von Abba, die von Björn & Benny produziert wurde und auch bei einigen Abba-Tourneen im Background sang. Sie wagte sich 1974 mit der Single „Heute treffen sich die Leute/Hasta Manana" erstmals auf das dünne Eis des fragwürdigen Prädikats „Deutsche Originalaufnahme". Wie so oft hat der deutsche Text nichts mit dem Originaltext fast nichts gemeinsam und so wird aus „Nina, Pretty Ballerina", einer frühen Betrachtung der „Dancing Queen"-Thematik, ein Bericht über ein „rauschendes Sommerfest im alten Stadtpark", bei dem „die feineren Herren promenieren, um zu sehen, wen man heute wohl trifft und halten Ausschau nach der Weiblichkeit, um den Abend nicht allein zu bleiben" (Den kompletten Text gibts hier). Im Gegensatz dazu orientiert sich „Hasta Manana" textlich am Original (Text), aber beide Titel haben ein Manko, nämlich daß man aufgrund Lena Anderssons starkem Akzent den Text auch nach mehrmaligen Hören phasenweise nicht versteht. Ähnliches gilt auch für die Nachfolgesingle „SOS" (Text) und „Fernando" (und der Himmel war zum Greifen nah), wobei bei letzterer Single das textliche Niveau durchaus überrascht.

Zitat:

„Sie war lang die Nacht, Fernando
denn sie hatte viel zu sagen in dem Schutz der Dunkelheit
Eine bange Nacht Fernando
denn sie hatte was zu wagen und nur bis zum Morgen Zeit
und sie ließ die Wellen schlagen an die Ufer der Interessenlosigkeit"

Wer würde so etwas, speziell die zuletzt genannte Textzeile, schon in einem für den Schlagermarkt zugeschnittenen deutschen Coverversion erwarten? Vielleicht gerade deshalb erhielt „Fernando" im Gegensatz zu den anderen Singles von Lena Andersson deutlich mehr Aufmerksamkeit und kam damit zumindest in die deutschen Airplaycharts. Außerdem wurde „Fernando" auf dem in Österreich sehr erfolgreichen Schlagersampler „Hithaus mit Herz" inkludiert wurde, wo Lena in der erlauchten Gesellschaft von Waterloo & Robinson, Vicky Leandros, Freddy Quinn und Julio Igleasias zumindest für 4:15 Minuten Popularität genoß.

Hielt sich Lena Anderssons Bekanntheitsgrad schon in Grenzen, war der von dem Milan, Paul und Ela überhaupt nicht existent. Überaus passend daher zu der Karriere des Trios ist „Sing, wenn du mal traurig bist", die deutsche Version des Albumtracks „Bang-A-Boomerang" von der LP „ABBA" (1975), (1975 auch ein Hit für das von Björn & Benny produzierte und kompositorisch versorgte schwedische Duo Sven & Charlotte („Sandy", 1973; A # 19) und den Meisten sicherlich bekannt durch seine Inkludierung auf dem Stars On 45-Abba-Medley „Stars On 45 Vol.2" (1981; A # 4, D # 2, UK # 2 (Dort wurde dieses Studioprojekt unter dem Namen „Starsound" veröffentlicht), US # 65). „Geh’ an den Rosen nicht vorbei", im Original „Dance (While The Music Still Goes On)" von der LP „Waterloo" (übrigens auch eine Single von Sven & Charlotte) als auch „Das ist OK" („SOS"; 1975; A # 2, D # 1, UK # 6, US # 10) fanden die deutschsprachigen Plattenkäufer auch nicht OK, weshalb die Singles wie auch das Trio vom Markt verschwanden. Interessant zumindest die Tasache, daß sich ihre Version von „SOS" textlich von Lena Anderssons Bearbeitung völlig unterscheidet und Lena über das Originalplayback singen durfte, während sich Milan, Paul & Ela mit einem gänzlich anderen Arrangement zufrieden geben mußten.

Aber nicht nur im deutschsprachigen Raum entdeckte man verhältnismäßig früh die Qualität von Abbasongs, sondern auch in England, wo der Orchesterchef Arthur Greenslade, der unter anderem Klassiker wie "Je Taime" von Serge Gainsbourg & Jane Birkin (1969; A # 1, D # 3, UK # 1, US # 69) oder "Out Of Time" von Chris Farlowe (1966; UK # 1) arrangierte, bereits Ende 1974 das Album „Arthur Greenslade & His Orchestra Play The Best Of ABBA" . Der Titel ist etwas irreführend, handelte es sich doch großteils frühe Albumtracks wie „Cecilia", „Better to Have Loved" and „To Live With You". Auf „Fernando und 11 weitere Abba-Hits" ist Greenslade mit im enervierenden James Last-Sound gehalten Versionen von „What About Livingstone" und „Honey Honey" vertreten, bei denen man immer den Tonarm des Plattenspielers zum nächsten Titel schwenken muß, da man sich diese beiden Titel (zumindest im nüchternen Zustand) einfach nicht in voller Länge anhören kann. Das gilt aber nicht für die restlichen Tracks dieses Albums, denn die haben durch die unfreiwillige Komik von Text und Interpretation doch einigen Unterhaltungswert.

(6/10)

Exklusiv für
Sade - Lovers Live (2002, CD)

Various Artists –Big City Soul 4 (1995, 2CD)

Tracklisting:

1. Charts - Fell In Love With You Baby (1966)
2. Shirelles - Wait Till I Give The Signal (1968)
3. Ronnie Milsap - When It Comes To My Baby (1966)
4. Platters - Not My Girl (1966)
5. Shirley & Jesse - You Can't Fight Love (1967)
6. Billy T. Soul - Call On Billy (1968)
7. Alan Bruce - I Feel Better (1965)
8. Nella Dodds - To Get Your Love Back (1965)
9. Dean Parish – Bricks, Broken Bottles & Sticks (1967)
10. Honeybees - Never In A Million Years (1967)
11. Harold Hopkins - Glamour Girl (1966)
12. Roscoe Robinson - How Much Pressure Do You Think I Can Stand (1966)
13. Candy & The Kisses – Mr. Creator (1967)
14. Ernestine Eady - Change (1965)
15. Porgy & The Monarchs - Think Twice Before You Walk Away (1966)
16. Inez & Charlie Foxx - Never Love A Robin (1968)
17. Freddie Hughes - Tonight I'm Gonna See My Baby (1967)
18. Chuck Jackson - I've Got To Be Strong (1966)
19. Audrey Freeman - Three Rooms (1966)
20. Diplomats - Jerkin' Time (1966)
21. J.B. Troy - Ain't That The Truth (1968)
22. Barbara & Brenda - If I'm Hurt You'll Feel The Pain (1969)
23. Marie Knight - You Lie So Well (1967)
24. Intruders - I've Got Love For You (1965)
25. Nella Dodds - First Date (1965)
26. Esquires - Woman (1967)
27. Porgy & The Monarchs - Hey Girl (1966)
28. Donnie Wells - You've Got My Love (1966)
29. Judy Clay - Upset My Heart (Got Me Upset) (1965)
30. Tommy Hunt – Lover (1964)

DISC TWO:

1. Candy & The Kises - Tonight's The Night (1966)
2. Anglos - Since You've Been Gone (1967)
3. Melba Moore - Magic Touch (1966)
4. Ray Crossen - Try Some Soul (1968)
5. Shirelles - You Could Be My Remedy (1966)
6. Inez & Charlie Foxx - No Stranger To Love (1966)
7. Curtis Blandon - In The Long Run (1970)
8. J.B. Troy - Live On (1968)
9. Wand Orchestra - Hand It Over [Instrumental] (1965)
10. Jerry Fischer & The Nightbeats – I’ve Got To Find Someone To Love (1967)
11. Nella Dodds – Honey Boy (1965)
12. Jimmy Radcliffe - There Goes A Forgotten Man (1965)
13. Marie Knight - That's No Way To Treat A Girl (1966)
14. Platters - Fear Of Losing You (1966)
15. J. J. Barnes - Just One More Time (1964)
16. Chuck Jackson - Silencer (1965)
17. Diplomats - There's Still A Tomorrow (1966)
18. Candy & The Kisses - Are You Trying To Get Rid Of Me Baby (1966)
19. Tommy Hunt - Words Can Never Tell (1965)
20. Charts - Nobody Made You Love Me (1965)
21. Porgy & The Monarchs - Keep A Hold On Me (1966)
22. Platters- Doesn't It Ring A Bell (1967)
23. Billy T. Soul - The Way To A Woman's Heart (1967)
24. Chancellors - All The Way From Heaven (1967)
25. Maurice Williams - Nobody Knows (1966)
26. Maxine Brown - Anything You Do Is Right (1965)
27. Shirelles - No Doubt About It (1966)
28. Judy Clay - Your Kind Of Lovin' (1966)
29. Glen Watts - My Little Plaything (1968)
30. Big Maybelle - If I Had You (1965)

Nach Liberty/United Artists/Minit, Verve und MGM hat das renommierte britische Soullabel Goldmine/Soul Supply hat für die vierte Ausgabe der „Big City Soul" aus den Archiven der Label Wand/Scepter, Musicor und diverser dazugehöriger Sublabel zahlreiche Raritäten ausgegraben und verspricht laut Untertitel stolze „60 Northern Soul Classics", wobei allerdings zumindest meiner bescheidenen Meinung nach nur ein Bruchteil der Tracks diesem Prädikat tatsächlich gerecht werden.

Dazu gehören beispielsweise einige Songs des kongenialen Songwriterduos Burt Bachrach & Hal David, die zum großen Teil erstmals auf Wand/Scepter veröffentlicht wurden, was aber nicht weiter verwunderlich ist, da Bachrach dort Teilhaber war. Neben Dionne Warwick, deren Interpretation vielen der Bachrach/David-Songs erst so richtig Leben einhauchte, waren dort auch heute weitgehend vergessene Soulsänger wie Tommy Hunt und Chuck Jackson unter Vertrag. Letztere verbindet eine der vermutlich interessantensten Fälle von Recycling im Musikgeschäft, denn für Hunts 1964 veröffentlichte Single „Lover" wurde einfach das Playback von Chuck Jacksons größten Hit „Any Day Now (My Wild Beautiful Bird)" (1962; US # 23) wieder ausgegraben und auf diesem Fundament ein völlig neuer Song konstruiert, was allerdings nicht verhindern konnte, daß „Human" (1961; US # 48) sein einziger nenneswerter Hit blieb. Etwas erfolgreicher war dagegen Chuck Jackson, der in den USA über 20 Chartsingles landen konnte, darunter den absoluten Northern Soul-Klassiker „Hand It Over" (1964; US # 92), dessen rare Instrumentalversion auf „Big City Soul 4" vertreten ist, und einige Duette mit Maxine Brown, die ihrerseits auch hier mit dem Bläser- und Schlagzeuggeladenen „Anything You Do Is Alright" überrascht. Mit „There Goes A Forgotten Man" ist ein weiterer Bachrach/David-Song inkludiert, dessen Interpret Jimmy Radcliffe vielen fortgeschrittenen Northern Soul-Fans geläufig sein sollte, denn sein 1964 erschienenes „Long After Tonight Is All Over" bildete den Abschluß unzähliger Northern Soul-„Allnighter".

Dieses Doppelalbum kann aber nicht nur mit weiteren exzellentem Songmaterial anderer legendärer Songwriterteams wie Ashford & Simpson (Candy & The Kisses - „Mr. Creator", Are You Trying To Get Rid Of Me Baby") oder Holland/Dozier/Holland (Nella Dodd - Honey Boy") aufwarten, sondern auch mit einigen zumindest kommerziell gescheiterten Versuchen zweier einst überaus populären Gesangsgruppen, die mit zeitgenössischen Soul an die großen Erfolge anzuschließen versuchten: Während die Platters noch über ein Jahrzehnt nach „Only You" (1955; US # 5; 1956; A # 9,D # 13, UK # 5) mit „I Love You 1.000 Times" (1966; US # 30) und „With This Ring" (1967; US # 18) zumindest in die US Top 40 verstoßen konnten, waren die seit 1958 erfolgreichen Girlgroup Shirelles („Will You Still Love Me Tomorrow"; 1960; UK # 4, US # 1) nach 1964 nur mehr in den untersten Regionen der US-Charts zu finden. Das trifft auch auf ihre letzte dort plazierte Single „Last Minute Miracle"(1967; US # 99) zu, deren zweifellos gelungene Rückseite „No Doubt About It" durchaus mehr Beachtung verdient hätte, was aber auch für einige Songs gänzlich unbekannter Interpreten auf „Big City Soul 4" wie etwa „I Feel Better" von Alan Bruce oder „Never In A Million Years" der Honeybees gilt.

Der Großteil der Acts auf Scepter/Wand stammte aus New York, aber wie viele Plattenfirmen wurden auch immer lizensierte Songs von Kleinlabels aus ganz Amerika herausgebracht, darunter die von Jerden Records in Seattle geleasten Kingsmen (Details dazu hier) oder Shirley & Jesse aus New Orleans. Hinter diesem Duo stecken Shirley Goodman und Jesse Hill, zwei legendäre Größen des New Orleans-Sounds der 50er Jahre. Während sich Jesse Hills Erfolge ausschließlich auf „Ooh Poo Pah Doo, Part 2" (1960; US # 28) beschränken, landete Goodman gemeinsam mit Leonard Lee ab 1952 eine Reihe von R & B-Hits, darunter das oftmals gecoverte „Let The Good Times Roll" (1956; US # 27) und meldete sich nach Jahren der Erfolglosigkeit rund 20 Jahre später kurzfristig mit neuem Sangespartner Jesus Alvarez als Shirley & Company mit dem Discosmash „Shame, Shame, Shame" (1975; A # 1, D # 1, UK # 6, US # 18) zurück. Die Beiden wurden vermutlich deshalb zusammengespannt, um aus New Orleans ein Pendant zu Otis Redding & Carla Thomas („Tramp", 1967; UK # 18, US # 18) aufbieten zu können, aber der rasante R & B-Stomper „You Can't Fight Love" blieb gegen die Konkurrenz aus Memphis chancenlos.

Ein Manko von „Big City Soul 4" ist die teilweise inferiore Tonqualität zahlreicher Tracks, die offenbar entweder direkt von der Platte oder von beschädigten Bändern überspielt sein dürften. Wer sich aber intensiver mit Material aus dem Hause Wand/Scepter auseinandersetzen will und darüberhinaus Wert auf rauschfreie Aufnahmen von den Masterbändern legt, dem sei die die überaus empfehlenswerte Compilation "Dancing 'Til Dawn") empfohlen, wo tatsächlich fast alle der 25 Titel würdige Träger des Prädikats „Northern Soul Classic" sind.

(6/10)


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