Tag 4 nach dem schicksalshaften 11.09.2001. Die Erde dreht glücklicherweise immer noch und so werden es auch die tausenden Platten tun, die an diesem Samstag auf der gut besuchten Plattenbörse den Besitzer wechselten.
Wie vermutlich viele andere auch habe ich einige Kindheitserinnerungen aufgefrischt, wie etwa mit Daniel Boones Klassiker „Beautiful Sunday", aber auch lange gesuchtes entdeckt wie ein Album des zu Unrecht vergessenen Beck-Epigonen Bobby Sichran, endlich wieder mal eine Ausgabe der 60s Garagepunk-Compilationserie „Back From The Grave" und natürlich noch viel mehr, über das ich hier berichten werde, sofern der Albumtitel „Dann macht es Bumm" vom NDW-Quartett Bärchen und die Milchbubies sich nicht verwirklicht.
Singles:
Daniel Boone - Beautiful Sunday
Gary Glitter - I’m The Leader Of The Gang
Harley Quinne - New Orleans
Hawkwind - Silver Machine
Hotlegs - Neanderthal Man
Mezzoforte - Garden Party
Fausto Papetti - Goldfinger
Wilson Pickett - Hey Jude
Mitch Ryder & The Detroit Wheels - Jenny Take A Ride
Steppenwolf - Born To Be Wild/Magic Carpet Ride
T.Rex - Solid Gold-Easy Action
Uriah Heep - Lady In Black
Maxis:
Depeche Mode - Just Can’t Get Enough
Tolga Flim Flam Balkan - Joint Mix
Tolga Flim Flam Balkan - Shall We Do It Again
LPs:
AC/DC - Highway To Hell
Bärchen und die Milchbubis - Dann macht es Bumm
Fire Escape - Psychotic Reaction
Don Henley - Building The Perfect Beast
George Mc Crae - Rock Your Baby
Osmonds - Crazy Horses
Johnny Rivers - At The Whisky a Gogo
U2 - Under A Blood Red Sky
Various Artists - 24 Superhits der 60er Jahre (2 LP)
Various Artists - The Golden Era Of Hits Vol. 2 (2 LP)
Various Artists - The Soul Decade (2 LP)
CDs:
Bluetones - Science & Nature
Massive Attack - No Protection
Bobby Sichran - From A Sympathetical Hurricane
Various Artists- Back From The Grave Vol. 4
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Daniel Boone - Beautiful Sunday (1972; Single)
In den USA wird der Name Daniel Boone in erster Linie mit einem legendären Trapper (1734-1820) assoziert, dessen Biographie genug Stoff für Fernsehserien und Filme lieferte und sogar Vorbild für eine Figur in James F. Cooper’s Roman „Lederstrumpf" wurde. Hierzulande fällt fast jedem über 30 bei der Nennung dieses Namens sofort der Klassiker „Beautiful Sunday" ein, der im deutschprachigen Raum zum Standardrepertoire jedes Oldiesenders gehört.
Für den Schreiber dieser Zeilen war dieser Titel richtungsweisend, denn er öffnete mir die Tür zur wunderbaren Welt des Pop. Dieser Ohrwurm begeisterte mich im zarten Kindergartenalter dermaßen, daß ich ihn nicht nur ohne Vorwarnung und Zuhilfenahme eines Tennisschlägers vor meiner verblüfften Verwandtschaft des öfteren intonierte, sondern auch nicht davor zurückschreckte, ihn im Kindergarten anzustimmen. Allerdings schien meine Interpretation dem Musikverständnis meiner Kindergartentante zu widersprechen, weshalb sie wortwörtlich meiner Mutter mitteilte: „Er soll damit aufhören, das gefällt den Kindern nicht". Somit mußte ich meine Rockstarambitionen notgedrungen zurückstellen, durfte aber einige Jahre später zumindest in einem Chor singen, was sich aber heute kaum jemand, der meine Singstimme kennt, vorstellen kann.
Musikalisch weitaus erfolgreicher war dagegen Daniel Boone, mit bürgerlichem Namen Peter Lee Sterling, der bereits 1958 seine erste Band „Beachcombers" gründete und ein paar Jahre später gemeinsam mit der Formation Bruisers den Hit „Blue Girl" (1963: UK # 31) landete.
Ab 1965 arbeitete er als Sessionmusiker und Songwriter und stieß Ende der 60er zum Produktionsteam von Larry Page, der unter anderem für den Erfolg der Troggs verantwortlich war und mit Page One und Penny Farthing zwei erfolgreiche Labels führte. Page war es auch, der eine Demoaufnahme Sterlings namens „Daddy, Don’t You Walk So Fast" mit Streichern aufpeppte, ihm das Pseudonym Daniel Boone verpaßte und so zu seinem Chartdebut verhalf (1971; UK # 17). Der Titel wurde im folgenden Jahr auch in den USA ungemein populär, allerdings schnappte ihm dort erntete der Crooner Wayne Newton den Ruhm (1972, US # 1).
Während Newton heute wohl nur den Wenigsten bestenfalls als Las Vegas-Entertainer ein Begriff ist, wurde Daniel Boone mit seinem Gassenhauer „Beautiful Sunday" (1972; A # 1, D # 1, UK # 21, US # 15) fast unsterblich. Dieser Erfolg brachte natürlich eine unvermeidliche deutsche Version von Henner Hoier (1972; D # 31) mit sich, die aber kaum Anklang fand. Umso beliebter war „Beautiful Sunday" dagegen in Japan, wo der Song 1976 als Signation für eine Fernsehreihe verwendet wurde, was dazu führte, daß die Single ganze 4 Monate an der Spitze der dortigen Charts blieb und über eine Million Exemplare verkaufte.
Nach „Annabelle" (1972; D # 16, US # 60), „Sunshine Lover" (1973; A # 4, D # 36) und „Sky Diver" (1973; A # 10, D # 30), die zumindest im deutschen Sprachraum einigermaßen erfolgreich waren, verschwand er von der völlig Bildfläche, um in den letzten Jahren zumindest kurzfristig für Auftritte bei Oldienächten und 70er Starnächten aus der Versenkung aufzutauchen.
(9/10)
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Gary Glitter - I’m The Leader Of The Gang (I Am!) (1973, Single)
Bevor Gary Glitter neben Sweet, T.Rex und Alvin Stardust zu einer der wichtigsten Ikonen der Glam Rock-Welle wurde, nahm er ab 1960 erfolglos unter den Pseudonymen Paul Raven und Paul Monday zahlreiche Platten auf. Erst als er in seine Glitteranzügen schlüpfte, stellte sich mit „Rock’n’Roll Pt. 1 & 2 (1972; D # 4, UK # 2, US # 7), das unter anderem die Timelords bei „Doctorin’ The Tardis" (1988; D # 28, UK # 1, US # 66) und die Sterne („Big In Berlin", 1999) sampleten, der Erfolg ein.
„I’m The Leader Of The Gang (I Am!)" (1973; A # 3, D # 6, UK # 1) ist zweifellos sein bekanntester Titel und gleichzeitig ein passendes Synonmym für seine damalige Vormachtstellung in der Glitterrockbranche.
Neben Gary war aber auch seine Begleitband, die originellerweise Glitter Band benannt war mit „Angel Face" (1974; D # 6, UK # 4), „Just For You" (1974; D # 35; UK # 10, „Goodbye My Love" (1975; D # 32, UK # 2), „The Tears I Cried" (1975; D # 35, UK # 8) und „People Like You and People Like Me" (1976; D # 14, UK # 5) auch überrraschend erfolgreich.
Nach 1975 hatte es aber ausgelittert, die Singles belegten, mit Ausnahme von „ Another Rock And Roll Christmas" (1984, UK # 7), wenn überhaupt nur mehr die hinteren Ränge der Charts, dennoch tourte aber seither ständig durch England. Seit 1999 kann er aber höchstens in Gefängnissen auftreten, da er wegen Verführung Minderjähriger eine mehrjährige Haftstrafe ausfaßte.
(7/10)
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Harley Quinne - New Orleans (1972, Single)
Seinen einzigen Hit „New Orleans" (1972; A # 3, D # 27, UK # 19), einer Neuauflage eines Hits von Gary US Bonds (1960; UK # 16, US # 6) verdankt das längst völlig vergessene britische Trio Harley Quinne dem Produzenten- und Songwriterduo Roger Greenaway und Roger Cook.
Die Beiden bildeten in den 60ern und frühen 70ern eines der erfolgreichsten Songwriterduos, deren kreativer Output sich mit dem von den Konkurrenten Burt Bacharch & Hal David zwar nicht qualitativ, aber durchaus quantativ messen kann, was die eindrucksvolle Auflistung aller gemeinsamen Erfolgstitel, darunter zahlreiche Mainstream-Klassiker, auf der Homepage von (Roger Cook beweist.
Die Rückseite „In A Moment Of Madness" ist eine ihrer typischen Kompositionen, die allerdings für 1972 völlig anachronistisch klingt und bereits 1969 aufgenommen worden hätte können.
Neben dem Komponieren von Songs und Werbejingles nahmen die beiden immer wieder solo oder gemeinsam unter zahlreichen Pseudonymen Platten auf. Das erfolgreichste gemeinsame Projekt lief unter dem Namen David & Jonathan, wo sie mit dem Beatles-Cover „Michelle" (1966; UK # 11, US # 18) und „Lovers Of the World Unite" (1966; UK # 7) 2 Hits landen verbuchen konnten, alle weiteren Singles, darunter mit „She’s Leaving Home" eine weitere Beatles-Coverversion, blieben unbeachtet.
Etwas mehr Beachtung dürften Cook/Greenaway bzw. David & Jonathan jedoch bei Belle & Sebastian gefunden haben, die kürzlich die Single „Jonathan David" (2001, UK # 31) veröffentlichten, die von manchen nicht nur wegen des Titles, sondern speziell wegen der vielfältig zu interpretierenden Textzeile „I Was Jonathan To Your David" als Referenz auf David & Jonathan gesehen wird .
New Orleans (5/10)
In A Moment Of Madness (5/10)
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Hawkwind - Silver Machine (1972, Single)
Der Weltraum - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 1972. Das aus ehemaligen Roadies bestehende Science Fiction-Fanatiker-Kollektiv Hawkwind ist mit seiner 8 Mann starken, oftmals varierenden Besatzung inklusive dem späteren Motörhead-Gründer Lemmy Kilminister und einer Stripperin schwebt rund 3 Jahre durch die britischen Undergroundszene, bis es mit der Spacerock-Hymne „Silver Machine" (1972; A # 2, D # 6, UK # 3; 1978; UK # 34; 1983; UK # 67) in Chartgalaxien vorstößt, in denen sie niemand zuvor erwartet hätte.
Selbst auf „Seven By Seven", der Rückseite dieser Single klettern Hawkwind musikalisch fast noch einige Sphären höher, denn hier scheint die Band etwas zu viel Led Zeppelins „Stairway To Heaven" gehört zu haben.
Weniger Spacig, aber die Punkwelle der späten 70er vorwegnehmend, war ihre Nachfolgesingle „Urban Guerilla" (1973; UK # 39), die nur deshalb kein größerer Hit werden konnte, da in der selben Woche der Veröffentlichung die IRA in London Bombenattentate verübte, die Single als Aufruf zur Gewalt interpretiert und deshalb von Hawkwinds Label aus dem Verkehr gezogen wurde.
Ihre LPs verkauften sich einigermaßen gut, allerdings dürften es nur die wenigsten Hörer geschafft haben, ein ganzes Hawkwind-Album ohne irgendwelche Rauschmittel in einem Zug durchzustehen, weshalb man die homöopatische Hawkwind-Dosis in Form der Single „Silver Machine" vorziehen sollte.
Dennoch haben es Hawkwind oder vielmehr Gründungsmitglied Dave Brock und unzählige wechselnde Musiker im Gegensatz zu vielen anderen 1969 formierten Bands geschafft, sich bis ins 21. Jahrhundert hinüberzuretten und beweisen immer noch auf ihren Touren, daß die Silver Machine nach wie vor gut läuft.
Silver Machine (9/10)
Seven By Seven (8/10)
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Hotlegs - Neanderthal Man (1970, Single)

Anläßlich meiner Rezension Elton Johns Coverversionsalbum "Chartbusters Go Pop" bin ich bereits kurz auf den „Neanderthal Man" eingegangen. Während bei seiner Coverversion aus budgetären Gründen das Arrangement eher sparsam ausfiel, nutzen die Hotlegs, hinter denen sich Kevin Godley, Lol Creme und Eric Stewart verbargen, die wenig später gemeinsam mit Graham Gouldman 10 CC gründen sollten, die vollen technischen Möglichkeiten ihres eigenen Studios. Mittels verstärktem Synthesizereinsatz, überaus eingängigem Flötenriff , prägnantem stampfenden Beat und simplen, ständig wiederholtem Text („I’m A Neanderthal Man/You’re An Neanderthal Girl/Let’s Make Neanderthal Love/In The Neanderthal World") bastelten sie sich ein klassisches One-Hit-Wonder (A # 7, D # 4, UK # 2, US # 22), die einzige Nachfolgesingle „Ladie Sadie" (1971; A # 13 konnte sich interessanterweise nur in Österreich in den Charts plazieren.
Wie so oft zeigt die Rückseite einer Single das wahre Gesicht einer Band und genauso verhält es sich mit „You Didn’t Like it Because You Didn’t Think Of It", denn bei den leicht jazzige Elementen, Bluesrock und einem hohen Anteil an Beatlesesquen Klängen erkennt man deutlich den Sound, den Godley, Creme, Stewart und Gouldman einige Jahre später als 10 CC prägen sollten.
Neanderthal Man (7/10)
You Didn’t Like it Because You Didn’t Think Of It (8/10)
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Mezzoforte - Garden Party (1983; Single)
Lange vor Björk & Co. waren Mezzoforte Islands erfolgreichster Musikexportartikel. Ihr an Herb Alpert angelehntes Mainstream Jazz-Funk-Instrumental „Garden Party" (1983; D # 36, UK # 17) blieb zwar der einzige Hit, aber dafür erhielten sie über Jahre hinaus hohe Tantiemeneinkünfte, da der Titel von zahllosen Radiosendern als Sendungssignation eingesetzt wurde und als Draufgabe noch von keinem Geringeren als Herb Alpert (1983; US # 81) gecovert wurde.
(6/10)
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Fausto Papetti - Goldfinger (1965, Single)
Für viele ist "Goldfinger" eindeutig der beste James Bond-Film, wobei der brilliante Soundtrack von John Barry sicherlich einen Großteil dazu beigetragen hat. Dieser war besonders in den USA äußerst erfolgreich, wo er sogar die Beatles von der Spitze der Albumcharts verdrängte. Darüberhinaus erfreute sich auch das "Goldfinger"-Thema unglaublicher Beliebtheit, denn neben Barrys Original (1965; A # 10, US # 6) waren auch weitere instrumentale Bearbeitungen von dem Pianisten Jack LaForge (1965; US # 6) und Billy Strange & His Orchestra (1965; US # 6) als auch die altbekannte Vokalversion von Shirley Bassey (1964; UK # 21, 1965; A # 14, D # 8, US # 6) in den US-Singles-Charts zu finden.
Letztlich ist aber John Barrys Originalversion sicherlich die musiklisch interessanteste, denn hier komprimieren sich auf 2:05 Minuten eine Twangy Guitar, die Duane Eddy blaß aussehen läßt, ein gnadenlos rattender Bass, treibende Beats, das alles eingebettet in ein großartiges Bombastarrangement mit jeder Menge bedrohlichen Bläsersätzen und dramatischen Streichern, die gegen Ende den Song fast schon psychedelische Ansätze zeigen.
Natürlich breitete sich das „Goldfinger-Fieber" auch nach Österreich aus, wo sich Shirley Bassey und John Barry bis ins Mittelfeld der Charts vorarbeiten konnten. Die goldene Nase verdiente sich allerdings der italienische Saxophionist Fausto Papetti mit seiner „Goldfinger"-Interpretation (1965, A # 2). Diese bleib hierzulande zwar sein einziger Hit, aber diesen Umstand konnte er als schwerverdienender Superstar in Italien sicherlich verschmerzen. Seine mittlerweile über 50 Alben, auf denen er großteils Coverversionen aktueller Hits neu einspielte, überzeugen großteils aber nicht nur durch musikalische Finesse, sondern vor allem wegen der äußerst freizügigen Albencover, mit denen er die Frauenbewegung um einige Jahrhunderte zurückwarf. Danke Fausto
John Barry - Goldfinger (10/10)
Fausto Papetti - Goldfinger (6/10)
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Wilson Pickett - Hey Jude (1968, Single)
Während die runden Geburtstage so mancher abgetakelter Stars oftmals dazu Anlaß geben, überflüssige TV-Specials zu gestalten und die Plattenfirmen entsprechende Greatest Hits-Compilations auf den Markt werfen, scheint der 60er des einstigen Soulsuperstars Wilson Pickett offenbar nur im engsten Familenkreis gefeiert worden zu sein. Dabei gehört „Wicked Pickett", wie man ihn wegen seines inbrünstigen bis aggressiven Gesangsstils nannte, zweifellos in dieselbe Klasse wie Otis Redding oder James Brown, weshalb ihm sicherlich mehr Aufmerksamkeit gebühren würde.
Pickett begann seine Karriere in mehreren Detroiter Doo-Wop-Formationen, bis er bei den Falcons landete, die mit ihm als Leadsänger mit dem von ihm geschriebenen „I Found A Love" (1962; US # 75) einen kleinen Hit landeten. Danach versuchte er sich anfangs fruchtlos solo, bis er mit „If You Need Me" (1963; US # 64), „It’s Too Late" (1963, US # 49) und „I’m Going Down To My Last Heartbreak" (1963; US # 95) erste Früchte des Erfolges ernten konnte, die durch die Tantiemen für „If You Need Me", das unter anderem von den Rolling Stones und Soloman Burke (1963; US # 37) gecovert wurde, noch zusätzlich versüßt wurden.
Die dadurch gewonnene Reputation brachte ihm einen Vertrag mit Atlantic Records ein, wo er mit dem Soulstandard „In The Midnight Hour" (1965; UK # 12, US # 21) den verdienten Durchbruch schaffte. In der Folge konnte er bis hinein in die 70er über 30 Singles in den US-Charts plazieren, darunter Klassiker wie „Mustang Sally" (1966; UK # 28; US # 16) und seine atemlose Interpretation von „Land Of 1000 Dances" (1966; UK # 22, US # 6), auch bekannt als „Na na-na-na-na na-na-na-na-na-na-na-na-na-na na-na-na-na", von dem viele glauben, daß Pickett die Originalversion aufnahm, da seine Version sicherlich die legendärste ist. Tatsächlich stammt die ursprünglich im eher gemächlichen New Orleans-Rhythmus gehaltene Nummer von Chris Kenner (1962; US # 75), die ein paar Jahre später von unzähligen US-Garagenrock-Bands wie Cannibal & The Headhunters (1965; US # 25) oder Thee Midnighters (1965; US # 67) popularisiert wurde.
„Hey Jude" (1968; A # 19, UK # 16, US # 17) verschaffte Pickett auch in Österreich kurzfristige Bekanntheit, woran die Popularität des Originals von den Beatles (1968; A # 1, D # 1, UK # 1, US # 1) natürlich nicht unbeteiligt war. Auf den ersten Blick scheint die Wahl Picketts, ausgerechnet diesen Song zu covern, durchaus logisch, kommt doch in der Beatlesversion bekanntlich im Refrain „Na na na na-na na na, na-na na na" vor, was natürlich bestens zu dem von „Land Of 1000 Dances" bekannten „Na na-na-na-na na-na-na-na-na-na-na-na-na-na na-na-na-na" passen würde. Daraus wurde es aber nichts, denn Pickett ließ seine Na-Phase hinter sich und machte aus „Hey Jude" einen energiegeladenen, explosiven Soulsong, bei dem nicht nur die bewährten Muscle Shoal Horns ihre unverkennbaren Bläsersätze beisteuern, sondern auch kein Geringerer als Duane Allman die Gitarre spielte, der für diese Leistung prompt von Atlantic einen Plattenvertrag angeboten bekam, was letztlich zur Gründung der Allman Brothers Band führte.
Nach „Hey Jude" konnte er bis 1972 noch einige Hits verbuchen, darunter die von den späteren Philly-Sound-Meistern Kenny Gamble und Leon Huff produzierten Singles „Engine Number 9" (1970; US # 13) und „Don’t Let The Green Grass Fool You" (1971; US # 13) und überraschte 1969 viele mit seiner Teilname am Schlagerfestival von San Remo mit dem italienisch gesungenen „Un’avventura". Mit dem Wechsel von Atlantic zu ABC 1973 und dem aufkeimenden Phillysound verebbte schlagartig Picketts Karriere, einzig mit „Groove City" (1980; D # 75) wurde er von der Discowelle kurzfristig wieder in die Charts gespült. Nachdem er für fast 10 Jahre völlig von der Bildfläche verschwunden war, meldete er sich 1999 mit dem äußerst gelungenen, im Stile seiner frühen Aufnahmen gehaltenen Album „It’s Harder Now" zurück.
(9/10)
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Mitch Ryder - Jenny Takes A Ride (1966, Single)
Mit Detroit verbindet so mancher musikuninteressierte TV-Junkie vermutlich nur die Heimatstadt des ungekrönten Heimwerkerkings Tim Taylor, Musikfans dagegen denken natürlich in erster Linie die schwarze Plattenschmiede Motown oder vielleicht sogar an rockhistorisch wichtige Bands wie Iggy Pop & The Stooges, MC5 oder aber auch Mitch Ryder & The Detroit Wheels, die 1966/67 mit ihrem explosiven Mixtur aus Rock’n’Roll & Soul Plattenverkäufe in der Höhe von insgesamt über 6 Millionen erzielten.
Mitch Ryder, mit bürgerlichen Namen William Levine Jr. und mit einer überaus souligen Stimme gesegnet, begann seine Karriere als einziger Weißer in den farbigen R & B-Gruppen Tempest und Peps, nahm 1962 als 17-jähriger unter dem Pseudonym Billy Lee seine erste Solosingle auf und gründete 1964 seine eigene Begleitband namens Riverias.
Die Band erspielte sich schon bald eine mehr als eindrucksvolle Livereputation, die soweit ging, daß so mancher etablierte Motownsstar nur das Vorprogramm bestritt, was für eine Gruppe, die noch nicht einmal einen Plattenvertrag besaß, mehr als bemerkenswert war. Diesen Umstand änderte der Erfolgsproduzent und Songwriter Bob Crewe, der schon die Four Seasons zu mehr als 30 Hits wie „Rag Doll" (1964; D # 6, UK # 2, US # 1) verholfen hatte und Billy Lee & den Riverias für sein Label New Voice unter seine Fittiche nahm.
Bevor die Hits bzw. der Rubel so richtig rollen konnten, mußte die Band ihren Namen ändern, um Verwechslungen mit der gleichnamigen Formation zu vermeiden, die mit „California Sun" (1964, D # 15, US # 5) ihren einzigen Hit landete. Passend zur Automobilmetropole Detroit benannten sich die Rivieras in Detroit Wheels um und aus Billy Lee wurde mit Hilfe des Telefonbuchs Mitch Ryder.
Während die Debutsingle „I Need Help" hilflos unterging, verschaffte „Jenny Take A Ride" (1966; UK # 33, US # 10), ein Medley der beiden Rock’n’Roll/R&B-Klassiker „C. C. Rider" von Chuck Willis (1957; US # 12) bzw. „Jenny Jenny" von Little Richard (1957; UK # 11, US # 14), der Band den verdienten Durchbruch.
Nicht minder uninteressant übrigens die stark an den Rolling Stones-Hit „It’s All Over Now" (1964; D # 14, UK # 1, US # 30) erinnernde und von Crewe und Ryder verfaßte exzellente Rückseite „Baby Jane (Mo-Mo Jane)".
Die mit „Jenny Take A Ride" gefundenen Erfolgsformel, ältere R & B-Songs partymäßig zu arrangieren, nutzten Mitch Ryder & die Detroit Wheels äußerst erfolgreich für die Alben „Take A Ride" und „Break Out" als auch für die Nachfolgesingles „Little Latin Lupe Lu" (1966; US # 17), im Original von den Righteous Brothers (1963; US # 49) und „Devil With A Blue Dress On/Good Golly Miss Molly" (1966; US # 4), ein weiteres Medley, bestehend aus „Devil With A Blue Dress On" von Shorty Long (1964) und Little Richards „Good Golly Miss Molly" (1958; UK # 8, US # 10).
Nach dem zweideutigen „Sock It To Me" (1967; US # 6), das auf vielen Radiosendern auf der schwarzen Liste landete und dem großteils auf dem gleichnamigen Hit der Motown-Girlgroup Marvelettes (1964; US # 25) basierenden „Too Many Fish In The Sea/Three Little Fishes" montierte Ryder auf Anraten Bob Crews seine Räder aus Detroit ab, um eine Solokarriere zu starten.
Ohne seinen fahrbahren Untersatz blieb der Erfolg allerdings auf der Strecke, denn der von Crewe verordnete Streichersirup und Las Vegas-Bombast verschreckte viele Fans und wirkte unglaubwürdig bis lächerlich. Einzige nenneswerte Ausbeute war „What Now, My Love" (1967; US # 30), seine Version von Gilbert Becauds oftmals gecoverten „Et Maintenant" (1962).
Dieses künstlerische als auch finanzielle Fiasko bescherte im eine Reihe von Rechsstreitigkeiten als auch einen riesigen Berg Schulden. Um diesen abzuarbeiten nahm er gemeinsam mit der Stax-Hausband Booker T. & The MGs das Album „Detroit Memphis Experiment" (1969) auf, das ebenso scheiterte wie die Arbeit mit der Hardrock-Formation Detroit (1971), bei der unter anderem der ehemalige Detroit Wheel-Schlagzeuger Johnny "Bee" Badanjek trommelte.
1973 zog sich Mitch Ryder frustiert vom Musikgeschäft zurück und verdiente seine Brötchen als Gelegenheitsarbeiter. Daneben begann zu malen und Romane zu schreiben. Fünf Jahre später zog es ihn jedoch wieder auf die Bühne bzw. ins Studio, aber keine seiner bis heute veröffentlichten Platten auch zahlreiche Touren konnten seine Karriere wieder ins Rollen zu bringen.
Jenny Takes A Ride (8/10)
Baby Jane (Mo-Mo Jane) (8/10)
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Steppenwolf - Born To Be Wild/Magic Carpet Ride (1968, Single)
Wenn es in den Medien darum geht, das Klischee von der Freiheit auf 2 Rädern zu strapazieren, ist meist „Born To Be Wild" (1968; A # 20, D # 20, UK # 30, US # 2; 1999; UK # 18) nicht weit und deshalb muß man diese „Easy Rider"-Hymne wohl nicht weiter vorstellen. Der von Steppenwolf dem Roman „Naked Lunch" von William S. Burroughs für den Text dieses Klassikers entliehene Ausdruck „Heavy Metal Thunder" ist übrigens verantwortlich für die Genrebezeichnung Heavy Metal. Borroughs ist natürlich nicht der einzige literarische Bezug der 1967 gegründeten kanadisch-amerikanischen Formation, da sich ihr Name vom Titel von Hermann Hesses gleichnamigen Roman ableitet.
Nicht minder explosiv, aber ungerechterweise weit weniger prominent ist das facettenreiche, psychedelische „Magic Carpet Ride" (1968; A # 12, D # 11, US # 3), die Rückseite dieser hier vorliegenden Single aus der „Double Hit"-Reihe, die hier 2 unverzichtbare Rockklassiker versammelt, die in keiner gutsortierten Jukebox fehlen sollten.
Born To Be Wild (10/10)
Magic Carpet Ride (10/10)
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T. Rex - Solid Gold Easy Action (1972, Single)
1972 erreichte die „T-Rextasy" ihren Höhepunkt: „Telegram Sam" (1972; A # 3, D # 4, UK # 1, US # 67), „Metal Guru" (1972; A # 1, D # 1, UK # 1), „Children Of The Revolution" (1972; A # 1, D # 4, UK # 2) und „Solid Gold Easy Action" (1972; A # 3, D # 6, UK # 2) plazierten sich weltweit an der Spitze der Charts, die regulären T.Rex Alben „Bolan Boogie" und „The Slider" als auch die Platten, die Bolan als Tyrannosaurus Rex aufgenommen hatten, verkauften sich ebenfalls ausgezeichnet, kein geringerer als Ringo Starr drehte über die Band eine Dokumentations namens „Born To Boogie" und darüberhinaus starteten T.Rex mit „T Rex Wax Co" ihr eigenes Label.
Der unter „T Rex Wax Co MARC 3" erschienene Uptempo-Rocker „Solid Gold Easy Action" geriet im Gegensatz zu den anderen frühen frühen Hits von Marc Bolan & Co. relativ bald in Vergessenheit. Daran konnte die einprägsame Textzeile „I Can't Get No Satisfaction, All I Want Is Easy Action Baby" als auch die laufend skandierten „Hey Hey Hey"-Chören nichts ändern.
Auf der Rückseite „Born To Boogie", dem Titelsong zum eingangs erwähnten Film, wünscht Marc Bolan seinen Fans anfangs „I’d like to wish you a superfunk Christmas and a golden New Year", um dann in bester Bluesrockmanier weiterzurocken.
1973 war allerdings das letzte goldene Jahr für T.Rex, denn trotz der Hitsingles „20th Century Boy" (1973; D # 8, UK # 3, 1991; UK # 13), „The Groover" (1973; D # 5, UK # 4) und „Truck On (Tyke)" (1973; D # 17, UK # 12) begann die Popularität der Band begann unaufhörlich zu schwinden.
Solid Gold Easy Action (6/10)
Born To Boogie (6/10)
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Uriah Heep - Lady In Black (1971, Single)
„Wenn diese Platte ein Erfolg wird bringe ich mich um"
„Das ist die schlechteste Musik, die ich je in meinem Leben gehört habe"
Diese 2 Kritikermeinungen über Uriah Heep-Platten jüngeren Datums stehen stellvertretend für das schlechte Image, das der Band, die sich nach einer Figur aus Charles Dickens’ Roman „David Copperfield" nannte, schon seit jeher anhaftet. Kein Wunder, denn ihr großteils anachronistischer Rock mit Texten über Dämonen, Zauberer, Gnomen und ähnlichen wundersamen Figuren verlor bereits Anfang der 70er sein Appeal, was sie allerdings nicht davon abhielt, bis heute Alben zu veröffentlichen, die allerdings außerhalb ihrer Fangemeinde kaum Käufer fanden. Vor rund 30 Jahren lagen die Dinge aber völlig anders, denn Anfang der 70er waren sie Superstars, konnten vor allem in Deutschland hohe Plattenumsätze erzielen und nicht weniger als 13 Singles in die Charts bringen, darunter natürlich ihre Hymne „Lady In Black" (1971; D # 24, 1975; D # 44, 1977; D # 5) auch bekannt als „A a a a-a a a-a a, a a-a a a-a a". Interessanterweise konnte sich der Titel trotz seiner immensen Popularität weder in ihrer englischen Heimat, wo sie gänzlich ohne Charterfolg blieben, noch hierzulande in den Hitparaden plazieren, dafür aber ihr Hardrockklassiker „Easy Livin’" (1972; A # 3, D # 15, US # 39) und die überflüssige Ballade „Free Me" (1978; A # 8, D # 9).
Ob Zufall oder nicht, aber zur gleichen Zeit, als ich bei der Plattenbörse die Originalsingle gekauft habe, brachten Uriah Heep eine höchst überflüsige und mißlungene Remixversion von „Lady In Black" heraus, die völlig zu Recht auf die schwarze Liste vieler Radiostationen und Fans gekommen sein dürfte.
(9/10)
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Depeche Mode - Just Can’t Get Enough (1981, Maxi)

Als am 19.09.1981 „Just Can’t Get Enough" (1981; UK # 8) in die britischen Charts einstieg, hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, daß Depeche Mode 2 Dekaden später immer noch existieren und fast auf den Tag genau 20 Jahre später, dem 11.09.2001 in der Wiener Stadthalle ein ausverkauftes Konzert geben würden. Bekanntlich wurde dieser Tag von den Terroranschlägen in den US überschattet und so mancher fand es doch etwas ungewöhnlich, daß Dave Gore & Co. im Gegensatz zur Vorgruppe , den Elektropionieren Fad Gadget, dazu keinerlei Stellungnahme abgaben.
1981 war aber die Welt halbwegs noch in Ordnung, „Just Can’t Get Enough" nach „Dreaming Of Me" (1981; UK # 57) und „New Life" (1981; UK # 11) ihr dritter von mittlerweile über 60 Hits in den UK-Charts, Vince Clarke (Yazoo, Erasure) noch mit von der Partie und seine Handschrift unverkennbar.
Das Cover gestaltete übrigens kein geringerer als Stardesigner Neville Brody, der unter anderem Anfang der 90er für den Relaunch des ORF verantwortlich zeichnete.
(7/10)
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Tolga Flim Flam Balkan - Joint Mix (1988, Maxi) Tolga Flim Flam Balkan - Shall We Do It Again (1989, Maxi)
Nach der „kleinen" Single von Tolga Flim Flam Balkan’s Joint Mix (1988; A # 6, D # 4) konnte ich bei dieser Plattenbörse nunmehr deren großen Bruder als auch die erfolglose Nachfolgesingle „Shall We Do It Again" auftreiben.
Auf dem Label der Maxi vom „Joint Mix" sind dankenswerterweise einige der verwendeten Samples namentlich aufgelistet, die es mir ermöglichten, einige der fehlenden Mosaiksteinchen in der untenstehende Liste der verwendeten Titel fast zu komplettieren:
George Krantz - Trommeltanz (DinDaDa)
Michael Jackson - Bad
Steve „Silk" Hurley - Jack Your Body
Odyssey - Going Back To My Roots
Bangles - Walk Like An Egyptian
S-Express - Theme From S-Express
Doug E. Fresh - The Show
Harold Faltermeyer - Axel F.
Tyrone Brunson - The Smurf
James Brown - Sex Machine
M/A/R/R/S - Pump Up The Volume
Mozart - Eine kleine Nachtmusik
K.C. & The Sunshine Band - That’s The Way I Like It
Pig Bag - Papa’s Got A Brandnew Pig Bag
Jimmy Bo Horne - Spank
Karen Young - Hot Shot
Man Parrish - Male Stripper
B B & Q Band - On The Beat
Liaisons Dangereuses - Los Ninos De La Noches
Stretch - Why Did You Do It
? - I Dream Of Jeanny
Bei „Shall We Do It Again (Yeah, Yeah)" wurde statt auf Disco und Funk großteils, wie unschwer anhand der verwendeten Songs erkennbar, auf die um 1988 ihre erste Hochblüte erlebende Housemusic gesetzt:
D-Train - You’re The One For Me
S.Express - Theme From S.Express
Kenny Jason - Can U Dance
Art Of Noise f/ Tom Jones - Kiss
Royal House - Can You Party
Marshall Jefferson - Move Your Body
Nachdem die Plattenkäufer die Frage „Shall We Do It Again" eindeutig verneinten und die Platte in den Regalen verstaubte, verschwand Tolga Flim Flam Balkan ebensoschnell von der Bildfläche, wie er, wer auch immer dahinter stand, aufgetaucht war.
Tolga Flim Flam Balkan - Joint Mix (6/10) Shall We Do It Again (6/10)
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Bärchen & die Milchbubis - Dann macht es Bumm (1982, LP)

Kaum jemand hätte 1982 wohl damit gerechnet, daß die Neue Deutsche Welle 2 Jahrzehnte eine derartige Renaissance erleben würde: Der mittlerweilezu PeterLicht mutierte Meinrad Jungblut räckelte sich am Sonnendeck, Zweiraumwohnung mit dem NDW-Urgestein Inga Humpe (Neonbabies, DÖF) trafen sich in einem Garten und zuletzt versuchten sich die belgischen Edelpopper Das Pop an dem NDW-Klassiker „Dreiklangdimensionen" (1981; D # 22) von Rheingold.
Ob die längst vergessene NDW-Formation Bärchen und die Milchbubies nun auch ein Revival erlebt ist eher unwahrscheinlich, denn ihre pophistorische Bedeutung hält sich eher in Grenzen. Dennoch kann man ihre LP „Dann macht es Bumm" so etwas wie Referenzplatte für die NDW, denn auf diesen 14 Titeln ist alles verteilt, was die NDW kennzeichnete: Banale bis gesellschaftskritische Texte, sparsame, aber effektvolle Instrumentierung, starke Orientierung an New Wave und Punk.
Bereits mit der 1980 erschienenen Debutsingle „Jung kaputt spart Altersheim" erregte das Quartett aus Hannover rund um ,äh, Sängerin (?)„Bärchen" Annette „Miabella" Grotkasten und lieferte gleichzeitig einen Denkanstoß zur Sicherung unseres Pensionssystems.
Die Nachfolgesingle „Muskeln" verschaffte der Band auch überegionale Bekanntheit, die sogar bis nach Österreich reichte, wo der Titel des öfteren in der damals noch ohne schlechtes Gewissen hörbaren Ö3-Jugendsendung „Treffpunkt Ö3" gespielt wurde. Die Beliebtheit dieses Songs begründet sich vermutlich an der sympathischen Refrainzeile „Wenn mich schon keiner mag, warum soll ich euch mögen?". Weniger sympathisch ist allerdings der Außenseiter, in dessen Haut Bärchen im Text schlüpft, denn der läßt nicht nur gern seine Muskeln spielen, sondern tritt offenbar mißliebige Mitmenschen gerne und hat überdies noch einen Hang zum Sadismus. Wie aufmerksame Zeitgenossen diese Zeilen interpretieren muß wohl nicht näher erklärt werden...
„Muskeln" ist auch der Eröffnungstitel zu ihrem Albums „Dann macht es Bumm", dessen 14 Titel angeblich innerhalb von nur 48 Stunden aufgenommen und abgemischt worden sein soll. Damit haben Bärchen und die Milchbubis das Prinzip ad absurdum geführt, das guter Pop nur Resultat monatelanger bis jahrelanger Studiotüfteleien sein kann, denn die LP klingt keineswegs dillettantisch, sondern begeistert vielmehr durch ihre unverbrauchte Frische und die Songs haben trotz des Ungesangs von „Bärchen" Miabella fast durchwegs Ohrwurmqualität .
Ein erster Blick auf Cover und Albumtitel vermittelt natürlich Infantilität, bei näherer Betrachtung geht es hier alles andere als kindisch zu. Da werden in „Fernet" Saufgelage beschrieben, „Manager" beleuchtet Zukunftaängste, bei „Tagebuch" demselbigen geschlechtliche Orientierungslosigkeit anvertraut („Ich habs heut mit ‘ner Frau versucht/aber ich weiß noch nicht"), „Oh" beschreibt morgendliche postkoitale Depression und bei „Schweinekram" wird der Hörer mit der völlig unkindlichen Gedankenwelt Miabellas überrascht („Seh ich einen schönen Mann/Denk ich nur an Schweinekram").
Glücklicherweise geben sich Bärchen und die Milchbubies auch harmloser: „Ich will nicht älter werden" könnte durchaus als inoffizielle Hymne der No-Future-Generation durchgehen ( „Wenn ich mal 30 bin/ist alle Pracht dahin/Vom Altwerden Krieg ich nur Beschwerden/.../Da Trieft die Nase, ich krieg ein Raucherbein/Die Zähne fallen aus, ich krieg ‘nen Heiligenschein"), man braust mit dem „Motörrad" (hehe) durch die Stadt und für den krönenden Abschluß sorgt das punkige „Pogo liebt dich" („Wer hat mir den Verstand geklaut, er wurd´ mir einfach rausgeschraubt"), das in der Auslaufrille endet.
Nach „Dann macht es bumm" bastelte die Band Ende 1982 im Studio an einem neuen Album. Aus Geldmangel reichte es nur zu 2 neuen Songs namens "DNS" und "Bites", die den Titeln nach zumindest eine „erwachsenere" Richtung der Band andeuteten. Die pekunären Probleme waren es auch, warum es für Bärchen und die Milchbubis, die ihren entwaffnend kindlich-naiven Charme abgelegt hatten, 1983 letztendlich auch „Bumm" machte.
(8/10)
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Don Henley - Building The Perfect Beast (1984, LP)

Nach der Auflösung der Eagles 1982 konnten Glenn Frey und Don Henley, die als Songwriter bzw. Sänger das Kreativzentrum der Band bildeten, im Gegensatz zu den anderen Ex-Adlern zu erfolgreichen Alleinflügen, deren Flugbahnen sich 1985 mehrere Male in den vorderen Rängen der US-Charts kreuzten.
Frey landete mit tatkräftiger Unterstützung von Film und Fernsehen mit „The Heat Is On“ (1985; D # 4, UK # 12, US # 2, aus “Beverly Hills Cop“) „Smuggler’s Blues“ (1985; UK # 22, US # 12) und „You Belong To The City“ (1985; US # 2, aus “Miami Vice”) seine größten Hits, Henley brachte mit „The Boys Of Summer“ (1985; D # 18, UK # 12, US # 5; 1998; UK # 12), „All She Wants To Do Is Dance“ (1985; US # 9), „Not Enough Love In The World“ (1985; US # 34) und „Sunset Grill“ (1985; US # 22) gleich 4 Singles in die Charts. Dabei handelte es sich um Auskopplungen aus seinem zweiten Soloalbum “Building The Perfect Beast”, das Henley gemeinsam mit dem Produzenten und legendären Sessiongitarristen Danny Kortchmar eingespielt hatte. Als Gastmusiker konnte er erlesene Gäste wie J.D. Souther, der einst für die Eagles den Hit „New Kid In Town" (1976; D # 44, UK # 16, US # 3) geschrieben hatte, die noch von ihrer Solokarriere träumende Belinda Carlisle, Fleetwood Mac-Gitarristen und Sänger Lindsay Buckingham, Sam Moore von Sam & Dave, Starbassist Pino Palladino und Patty Smyth (mit der er Jahre später zu der Ansicht „Sometimes Love Just Ain't Enough" (1992; A # 28, D # 51, UK # 22, US # 2) kam) gewinnen, darüber hinaus ließ er sich für das Cover von Starfotografen Herb Ritts ablichten.
Das Rolling Stone Magazine zeigte sich von diesem Staraufgebot als auch von Henleys Auseinandersetzung mit Themen wie Genmanipulation oder Armut offenbar sehr beeindruckt, denn dort wurde “Building The Perfect Beast“ unter einer Auflistung der 100 besten Alben der 80er immerhin auf Platz 73 gereiht, was allerdings nicht wirklich für dieses einst angesehene Musikmagazin spricht, denn in den 80ern wurden tausende weit bessere und stilprägende LPs veröffentlicht. Natürlich sind das mit einen Grammy ausgezeichnete „The Boys Of Summer“ und „All She Wants To Do Is Dance“ exzellente, gut produzierte, synthesizerlastige Popsongs, aber die restlichen Titel dieses Albums sind trotz der sozialkritischen Ansätze bestenfalls Durchschnittsware, was aber, wie auch auf seinen danach veröffentlichten Alben wie „The End Of The Innocence“, kein Hindernisgrund für Platinauszeichnungen war.
(6/10)
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Fire Escape - Psychotic Reaction (1967, LP)

Daß in der Musikindustrie die Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Tagesgeschäft gehört, sollte nicht erst seit dem Milli Vanilli-Skandal bekannt sein. Ein frühes Beispiel dafür ist das Projekt Fire Escape, hinter dem kein Geringerer als der legendäre Produzent und Songwriter Kim Fowley steckte, der unter anderem für Frank Zappas Debutalbum mit den Mothers Of Invention verantwortlich zeichnete.
Den Musikfans sollte mit dem Album „Psychotic Reaction" und den dazugehörenden Liner Notes vorgegaukelt werden, es wäre von einer neuen coolen Band aus San Franciso aufgenommen worden. Tatsächlich waren Fire Escape eine Gruppe von Sessionmusikern aus Los Angeles, mit der Fowley von der damaligen Begeisterung rund um den San Francisco-Sound, den u.a. Jefferson Airplane oder Grateful Dead popularisierten, profitieren wollte.
Um Fire Escape die Reputation einer „großen" Band zu verschaffen, ließ man sich für die Liner Notes ihres Albums „Psychotic Reaction" eine nette Legende einfallen: Bei einem Aufenthalt in San Francisco wurden die beiden Produzenten Larry Goldberg & Hank Levine immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob sie schon Fire Escape gehört hatten. Nachdem das nicht der Fall war und sie neugierig geworden waren, machten sie sich auf die Suche und fanden zunächst heraus, daß Fire Escape in einem kleinen Nachtklub namens The Gutter spielten. Dieser war allerdings dermaßen obskur war, daß sie ihn erst nach langwierigen Recherchen mit viel Geduld und Taxispesen in der Höhe von $ 51,72 in einem Vorort von San Franciso entdeckten. Nach übertriebenen Geheimniskrämereien konnten Goldberg und Levine endlich zu Fire Escape vordringen, die gerade vor einer begeisterten Schar handverlesener Fans spielten. Dort hörten Goldberg & Levine Musik, wie sie die beiden angeblich noch nie zuvor gehört hatten und nun freundlicherweise mit dem Hörer dieses Albums teilen.
„They’re great - they’re now - they’re different - they’re the Fire Escape" enden die Liner Notes, die ein gewisser Don Doughty oder wer auch immer hinter diesem Pseudonym steht, verfaßt hat und dieser Schlußsatz ist natürlich viel zu hoch gegriffen. Wirklich herausragend war aber zweifellos das Repertoire der Band, daß sich ausschließlich aus Songs zusammensetzte, die schon im Titel starke Drogenbezüge hatten und somit für die meist jugendlichen Käufer deshalb durchaus ansprechend wirkten. Das sich diese Thematik immer wieder gut ankommt, beweist derzeit Afroman mit seinem Kiffer-Hit „Because I Got High" (2001; UK # 1).
Auf „Psychotic Reaction" liefern Fire Escape kompetente, wenn auch nicht außergewöhnliche Coverversionen einer Reihe populärer Psychedelic Rock-Hits, die es unerwartet weit in die Charts schaften wie „Psychotic Reaction" von Count Five (1966; US # 5), „Talk Talk" von Music Machine (1967; US # 15) und „96 Tears" von Question Mark & The Mysterians (1966; A # 11, D # 27, UK # 37, US # 1). Darüberhinaus coverten sie 2 Titel der legendären texanischen Psychedelic-Rocker Seeds („Trip Maker", Pictures And Designs"), Kim Fowleys’ „The Trip" (1966), und Benny Spellmans „Fortune Telller" (1962), das unter anderem auch die Rolling Stones 1964 coverten. Goldberg und Levine, die Helden der Liner Notes, steuern das psychedelische Instrumental „Blood Beat", dessen Beat scheinbar von Herzklopfen getragen wird, als auch „Journey’s End" bei und die auf dem Frontcover aufgeführte Abkürzung „L.S.D." entpuppt sich auf der Rückseite als harmloses „Love Special Delivery".
Ein Indiz dafür, daß bei der Produktion bzw. der Covergestaltung von „Psychotic Reaction" offenbar auch Drogen im Spiel waren, könnte der Aufdruck „Phychotic Reaction" sein, der stolz auf der Rückseite prangt. Allerdings ist dem gerissenen Kim Fowley zuzutrauen, daß diese falsche Schreibweise durchaus beabsichtigt war, um das Drogenimage der Band zu vervollkommnen.
Music (8/10)
Cover (8/10)
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George McCrae - Rock Your Baby (LP, 1974)
Im Frühjahr 1974 hätte die Karriere von Gwen McCrae , die seit Anfang der 70er gemeinsam mit Gatten George bei TK Records aus Miami/Florida erfolglos Platten veröffentlichte, eine entscheidende Wendung nehmen können. Harry Wayne Casey und Richard Finch, Produzenten & Songwriter für TK und später verantwortlich für die Erfolge von K.C. & The Sunshine Band bastelten speziell für sie den Song „Rock Your Baby“, was sie allerdings nicht zu würdigen wusste und sich weigerte, ihn aufzunehmen. Das sollte sich aber schon bald als gravierender Fehler herausstellen, denn George McCrae zeigte weit weniger Skrupel und leitete mit „Rock Your Baby“ (1974, A # 1, D # 1, UK # 1, US # 1) nicht nur seinen eigenen kurzfristigen Aufstieg zum König der Tanzflächen, sondern vor allem den Siegeszug der Discoära ein.
Um den globalen Erfolgslauf McCraes mit Nr. 1-Hits in nicht weniger als 82 Ländern aufrecht zu erhalten folgte schon bald ein gleichnamiges Album, dass neben einer 6:20 Minutenversion von „Rock Your Baby“ mit „I Can’t Leave You Alone“ (1974; A # 11, D # 3, UK # 9, US # 90) und dem funkigen “I Get Lifted” (1974, US # 46) zwei weitere Hitsingles enthielt, die dafür sorgten, daß McCrae der Status eines One-Hit-Wonders erspart blieb. Den anderen Titeln dieser LP ist allerdings deutlich anzuhören, dass es nur darum ging, neben den ausgekoppelten Singles möglichst rasch Füllmaterial aufzunehmen. Dementsprechend hielt sich auch die Kreativität von Harry Wayne Casey und Richard Finch eher in Grenzen, denn “You Got My Heart”, “You Can Have It All” and “Make It Right” sind nichts anderes als Variationen von “Rock Your Baby”. Einziger Lichtblick ist “Look At You”, eine Art Vorstufe des späteren K.C. & The Sunshine Band-Hits "(Shake Shake Shake) Shake Your Booty” (1976; D # 23, UK # 22, US # 1).
Bis 1976 konnte McCrae mit “You Can Have It All” (1974; UK # 23), “Sing A Happy Song” (1975; D # 13, UK # 38), “It’s Been So Long” (1975; D # 27, UK # 4), “I Ain’t Lyin’ (1975; D # 35, UK # 12) und “Honey I” (1975; UK # 33, US # 87) noch vom “Rock Your Baby”-Bonus zehren, danach gelangen trotz laufender Veröffentlichungen bis ins Jahr 2000 nur mehr längst vergessene Achtungserfolge wie “One Step Closer (To Love) (1985; UK # 57) oder “Rock Your Baby” (1987; D # 42), diesmal allerdings im Remix von Paul “19” Hardcastle.
Im Sog von „Rock Your Baby“ gelang Gwen McCrae letztlich aber auch ein Hit mit “Rockin’ Chair” (1975; US # 10) und auch wenn sich darüber hinaus keine ihrer Platten sich nennenswert verkauft hat, dürfte sie das Bankkonto ihres Gatten versöhnlich gestimmt haben.
(5/10)
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Osmonds - Crazy Horses (LP, 1972)

Der sensationelle Erfolg der Jackson Five 1970 mit 4 Nr. 1 Hits in den USA („I Want You Back" (1970; A # 9, UK # 2, US # 1), „ABC" (1970; UK # 8, US # 1), „The Love You Save" (1970; UK # 7, US # 1), „I’ll Be There" (1970; A # 14, UK # 4, US # 1) brachte zwangsläufig mit sich, daß die Plattenindustrie mit einem weißen Gegenstück darauf reagieren mußte, um die an Motown verlorenen Marktanteile zurückzuholen und vielen musikalisch eher anspruchslosen Teenagern, denen es nach dem Ende der Beatles nach neuen Idolen durstete, ein passendes Objekt der Begierde aufzuwarten. Außerdem sollten auch jene konservativen Käuferschichten älteren Semesters angesprochen worden, die einen pflegeleichten Gegenpol zu den exzessiven Rockstars der frühern 70er suchten
Die aus der Mormonenhochburg und nunmehrigen Olympiastadt Salt Lake City/Utah stammenden Brüder Alan, Wayne, Merrill, Jay und Donny Osmond, die bereits seit den frühen 60ern als Dauergäste in der Fernsehshow ihres Entdeckers Andy Williams bereits zu einiger Bekanntheit gelangt waren, schienen für diese Aufgabe geradezu prädestiniert, denn sie waren keine gecastete Marionettenband, sondern postertaugliche und durchaus talentierte Musiker, die sich die meisten ihrer Songs selbst schrieben und produzierten. Darüberhinaus mußten sie wegen ihres mormonischen Glaubens vielen Annehmlichkeiten des Rockbusiness wie Alkohol, Zigaretten und natürlich auch Drogen entsagen (oder sich zumindest nicht erwischen lassen), sogar dem Kaffee wurde abgeschworen, Sex-Skandale gab es aufgrund des jugendlichen Alters ohnehin keine oder sie wurden gut vertuscht
Dank dieser Ingredienzien und vor allem mit dem gewieften Management ihres Vaters George im Rücken katapultierten sich die Gebrüder Osmond mit ihrem deutlich am Jackson Five-Sound orientierten Debuthit „One Bad Apple" (1971, A # 14, US # 1) praktisch aus dem nichts in den Superstarstatus. Gleichzeitig wurde Mädchenschwarm Donny Osmond zum Solostar und aufgebaut und kam nur einige Wochen nach dem Osmondschen Debuthit mit „Sweet & Innocent" (1971; US # 5), einer Coverversion eines Roy Orbison-Titels in die US-Charts.
Diese beiden Hits waren der Beginn einer Osmondhysterie, die bis 1976 dauern sollte und sich nicht nur auf Alan, Wayne, Merrill, Jay und Donny Osmond beschränkte: Schwesterchen Marie konnte beispielweise sowohl solo mit „Paper Roses" (1973; UK # 2, US # 4) als auch im Duett mit Donny mit „I’m Leaving It All Up To You" (1974; A # 6, UK # 2, US # 4) einige Hits landen und das zum Zeitpunkt seines größten Hits „Long Haired Lover From Liverpool" (1972; D # 35, UK # 1, US # 48) erst neunjährige Nesthäckchen „Little" Jimmy hält mit diesem Song in England immer noch den Rekord als jüngster Interpret, der dort je die Chartspitze erreicht hat.
Mit den Nachfolgesingles „Double Lovin" (1971; US # 10), „Yo-Yo" (1971; US # 1), (beide geschrieben von Joe South, von dem auch Klassiker wie „Rose Garden" für Lynn Anderson oder „Games People Play" stammen) und „Down By The Lazy River" (1972; UK # 40. US # 3) konnten die Osmonds nahtlos an den Erfolg von „One Bad Apple" anschließen und sorgten vorrangig in den USA für kreischende Teenies und klingende Kassen.
Aber nicht nur blitzsaubere und harmlose Unterhaltung war in den frühen 70ern ein Erfolgsgarant, sondern auch härtere Klänge, wie die hohen Plattenumsätze von Black Sabbath, Led Zeppelin und Deep Purple eindrucksvoll bewiesen. Das dürfte vermutlich der Grund gewesen sein, daß die Osmonds zum Großangriff auf das Taschengeld jugendlicher Rockfans starteten und offenbar nach genauen Studium von Led Zeppelin- und Deep Purple-Platten 1972 das Album „Crazy Horses" aufnahmen. So mancher Osmondfan, der entspannt dem Opener „Hold Her Tight" (1972; US # 10), gleichzeitig die erste ausgekoppelte Single, lauschen wollte, dürfte vermutlich schon nach wenigen Akkorden die Nadel von der Platte genommen und verwundert nachgeschaut haben, ob da nun wirklich ein Osmonds-Album auf dem Plattenteller lag, klang dieser Titel keineswegs nach den altbekannten Mitklatschsoulschlagern, sondern eher nach dem „Immigrant Song" (1970; A # 1, D # 6, US # 10) von Led Zeppelin. Letztere schienen überhaupt eine der Hauptinspirationsquelle bei diesem Album gewesen zu sein, denn die Osmonds orientierten sich nicht nur an deren Sound, sondern stellenweise auch am Gesangsstil ihres Sängers Robert Plant, den Alan Osmond einigermaßen gelungen immitierte, was er eindrucksvoll bei „Life Is Hard Enough Without Goodbyes" unter Beweis stellt, bei dem sicherlich niemand beim ersten „blinden" Hören auf die Osmonds tippen würde. Dennoch bestand grundsätzlich keinerlei Verwechslungsgefahr mit Led Zeppelin, denn die unübliche Kombination von Hardrock und Bläsersätzen blieb den Osmonds vorbehalten. Allerdings würde bei „Life Is Hard Enough Without Goodbyes" beim „blinden" Hören garantiert niemand auf die Osmonds tippen.
Während von „Hold Her Tight",das mit einigen gelungenen Gitarren- und Percussionelementen aufwarten konnte, nach 1972 niemand mehr Notiz nahm, erregte der als zweite Single ausgekoppelte Titelsong des Albums ungleich mehr Interesse. Die Grund dafür dürfte in dem seltsamen, einzigartigen „Wiehern" liegen, das sich durch den ganzen Song zieht und über dessen technischen Ursprung sich seither jede Menge Legenden ranken. Was immer es auch ist, sei es ein verfremdeter Gitarreneffekt oder irgendeine andere Studiospielerei, es führte dazu, daß „Crazy Horses" (1972; D # 2, UK # 2, US # 22), bei dem anstatt Led Zeppelin Deep Purple soundmäßig Pate gestanden haben dürften, im Gegensatz zu fast allen anderen Osmondshits nicht in den Sog der Vergessenheit geraten ist. Das unterstreichen zahlreiche Remixe bzw. Verwendung in Werbespotsmit deren Hilfe sich der Song in den britischen Charts plazieren konnte. (1995; UK # 50; 1999; UK # 34).
Inhaltlich wurde ein für eine (vermeintliche) Teenypop-Band anno 1972 eher ungewöhnliches Thema aufgegriffen, nämlich, wie bereits auf dem Plattencover unschwer erkennbar, die Umweltverschmutzung. Diese dürfte offenbar 1972 schon derartige Ausmaße angenommen haben, daß die Osmonds die „Crazy Horses" vermutlich als Sinnbild für die Pferde der Reiter der Apocalypse einsetzten und so vor einer globalen Katastrophe warnten. Interessanterweise erhielt dieser Song in Südafrika Radioverbot, da dort „Crazy Horses" mit Heroin assoziert wird, angesichts des drogenfreien Image der Mormonen-Aushängeschilder Osmonds eine fast lächerliche Widersprüchlichkeit
Auf dem dazugehörigen Album lassen aber nicht nur Led Zeppelin oder Deep Purple als Vorbilder grüßen: Bei „Girl", wo mit einer Falsettstimme gesungen wird, die die Bee Gees fast schon erblaßen läßt, und „What Could It Be" hatte man eindeutig die späten Beatles im Hinterkopf, „We All Fall Down" nimmt starke Anleihen beim Bluesrock der Marke Bad Company. Der Rest von „Crazy Horses" sind unorginelle Rocksongs („Utah", „Hey Mr. Taxi", „Julie") und zwei der oftmals gefürchteten typischen Osmondsballaden („And You Love Me", „That’s My Girl").
Abgeschlossen wird „Crazy Horses", wie es sich gehört, mit einem „Big Finish", das allerdings nur 18 Sekunden dauert und durchaus bemerkenswert ist: Hier bekommt man zunächst eine Hawaii-Gitarre zu hören, die in einen mit hoher Geschwindigkeit eingespielten Tusch einer Blaskappelle übergeht, darin eingebettet der Refrain von „One Bad Apple". Diese frühe Sample-Miniatur wirkt so, als wolle man sich bei den „alten" Fans, die vielleicht durch dieses Album vergrämt wurden, mitteilen, daß nach diesem Außreißer ein Album folgen wird, das den gewohnten Ansprüchen wieder genügen sollte.
Genau das passierte auch im folgenden Jahr, als sie die im Vergleich mit „Crazy Horses" gemäßigtere LP „The Plan" veröffentlichten, mit dem sie mehr oder weniger unterschwellig bislang religiös unbescholtenen Osmonds-Fan die Religion der Mormonen näherbringen wollten. Dieser Plan ging nicht wirklich auf, aber zumindest konnten sie mit Balladen wie „Let Me In" (1973; UK # 2, US # 27) oder „Love Me For A Reason" (1974; D # 39, UK # 1, US # 9), die eine Generation später von den britischen Boygroups OTT und Boyzone gecovert wurden, ihre Hitserie fortsetzen, die schließlich mit der Regentschaft von König Disco endete.
(8/10)
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Various Artists - 24 Superhits der 60er Jahre (197?, 2 LP)
Tracklisting:
1. Heidi Brühl - Wir wollen niemals auseinandergehen (1960; A # 1, D # 1)
2. Blue Diamonds - Ramona (1960; A # 1, D # 1, US # 72)
3. Lys Assia - Ein Schiff wird kommen (1960; Originalversion: Melina Mercouri; 1960; A # 16, D # 8), Deutsche Hitversion: Lale Andersen, 1960; A # 1, D # 1)
4. Willy Hagara - Pepe (1961; D # 9); Originalversion: Duane Eddy (1960; D # 26, UK # 2, US # 18)
5. Peter Beil - Corinna, Corinna (1961; A # 5, D # 6); Original Version: Joe Turner - Corrinne Corrina (1956; US # 41); Peter Beils Version orientiert sich allerdings an der Hitversion von Ray Peterson (1960; US # 9; 1961; A # 28, D # 7, UK # 41)
6. Gerhard Wendland - Tanze mit mir in den Morgen (1961; A # 1, D # 1)
7. Ricky-Boys - Hello, Mary-Lou (1961; D # 9; dahinter steckt Peter Beil, der hier mit sich selbst im Duett singt) Originalversion: Ricky Nelson, 1961; A # 2; D # 2, UK # 2, US # 9)
8. Johnny Hallyday - Let’s Twist Again (1962; Originalversion: Chubby Checker; 1961; A # 1, D # 12, US # 8, UK # 2; 1976; A # 11, D # 13, UK # 5)
9. Vivi Bach & Dietmar Schönherr - Sole-Sole-Sole (1964; Originalversion: Siw Malmkvist & Umberto Mercato, 1964; A # 8, D # 22, US # 61)
10. Siw Malmkvist - Liebeskummer lohnt sich nicht (1964; A # 1, D # 1)
11. Dutch Swing College Band - Hello Dolly (1964; Originalversion: Louis Armstrong, 1964; A # 4, D # 8, UK # 4, US # 1)
12. Ian & The Zodiacs - A Hard Day’s Night (1965; Originalversion: Beatles, 1964; A # 2, D # 2, UK # 1, US # 1)
13. Horst Jankowski - A Walk In The Black Forest (1965; UK # 3, US # 9)
14. Five Tops - Rag Dolls (1965; D # 4; Originalversion: Four Seasons, 1964; D # 6, UK # 2, US # 1)
15. Roy Etzel - Il Silenzio (1965; Originalversion: Nini Rosso, 1965; A # 1, D # 1, UK # 8, US # 101)
16. Vico Torriani - Rot ist der Wein (1968; Originalversion (instrumental): Bert Kaempfert, 1965; US # 93; Originalversion (vokal): 1966; D # 18; Al Martino, 1966; D # 3; US # 11; 1967; D # 14; 1973; UK # 5), Deutsche Hitversion: Ivo Robic - Rot ist der Wein (1966; A # 13, D # 14)
17. Esther & Abi Ofraim - Noch einen Tanz (1965; A # 3, D # 32; englische Verion „One More Dance"; 1968; UK # 13)
18. Peter Thomas Sound Orchester - Raumpatrouille (1967; A # 6, D # 27)
19. Vicky Leandros - Blau wie das Meer (1967; deutsche Version von „L’amour est bleu" (1967; A # 18, D # 27); Instrumentalversion: Paul Mauriat (1968; A # 19, D # 32, UK # 12, US # 1)
20. Cascading Strings - Somewhere My Love (1967; Original Version: Maurice Jarre - Lara’s Theme (1966; A # 1, D # 4)
21. Alexandra - Sehnsucht (1968; D # 12, 1969; A # 5)
22. Dorthe - Wärst du doch in Düsseldorf geblieben (A # 16, D # 10)
23. Tony - Dynamite Woman Originalversion: Sir Douglas Quintett (1969; A # 12, D # 7, US # 83)
24. Soulful Dynamics - Mademoiselle Ninette (1970; A # 1, D # 1)
„24 Superhits der 60er Jahre" ist eine auf den ersten Blick nicht wirklich aufregende Ansammlung von deutschen Schlagern und Oldies, zwischen die sich jedoch einige Raritäten und Kuriositäten eingeschummelt haben wie beispielsweise „A Hard Day’s Night" der ursprünglich aus England stammenden Beatformation und hauptsächlich in Hamburg spielenden Ian & The Zodiacs. Die Band veröffentlichte die meisten ihrer Singles auf dem legendären „Starclub"-Label, für die so mancher Sammler bis zu 100 Euro hinblättert und nahmen auch 2 Alben unter dem Namen Koppycats auf, auf denen sie auschließlich Beatlessongs coverten wie eben „A Hard Day’s Night". Unter diesem Gesichtspunkt ist der Bandname auf dem Cover nicht korrekt, aber das dürfte wohl ohnehin nur mir aufgefallen sein ...
Für unfreiwillge Komik sorgt „Sole-Sole-Sole" von Vivi Bach & Dietmar Schönherr, dem einstigen Traumpaar des deutschen Films und späteren „Wünsch dir was"-Moderatoren. Auch wenn diese Single floppte, konnten sie aber zumindest mit „Hey Vivi, Hey Gerhard" (1963; D # 38), der deutschen Version von Paul & Paulas „Hey, Paula" (1963; A # 7, D # 16, UK # 8, US # 1) eine Hitsingle landen. Einen Bezug zu Dietmar Schönherr gibt es auch beim Thema zum deutschen „Raumschiff Enterprise"-Ableger „Raumpatrouille" vom deutschen Soundtrackgroßmeister und fleißigsten Edgar Wallace-Beschaller Peter Thomas, in der Schönherr die Hauptrolle spielte.
Auch wenn sich dieses Album sich eher selten auf meinem Plattenspieler drehen wird, für diese 3 schwer zu kriegenden Songs lohnte sich die Investition von 30 Schilling/2,20 Euro zweifellos.
(6/10)
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Various Artists - The Golden Era Of Hits Vol. 2 (197?, 2 LP)
Tracklisting:
1. Tommy Steele - Put A Ring On Her Finger (1958)
2. Beverly Sisters - The Little Drummer Boy (1959, UK # 6; Originalversion: Harry Simeone Chorale, 1958; US # 13)
3. Anthony Newley - I’ve Waited So Long (1959; UK # 3)
4. Johnny’s Boys - Sleep Walk (1959; Originalversion: Santo & Johnny, 1959; D # 47, UK # 22, US # 1)
5. Eden Kane - Well I Ask You (1961; UK # 1)
6. Procul Harum - A Whiter Shade Of Pale (1967; A # 5, D # 1, UK # 1, US # 3; 1972; A # 8; D # 22, UK # 13, US # 95)
7. Move - Night Of Fear (1967; D # 30, UK # 2)
8. Billy Fury - Halfway To Paradise (1961; UK # 3; Originalversion: Tony Orlando; 1961; US # 39)
9. Hayley Mills - Let’s Get Together (1961; UK # 17, US # 8)
10. Jimmy Powell - Sugar Baby (1962; Originalversion: Buster Brown, 1962; A # 99)
11. Steve Perry - Ginny Come Lately (1962; Originalversion: Bryan Hyland, 1962; A # 7, D # 10, UK # 5, US # 21)
12. Cat Stevens - Matthew And Son (1967; D # 25, UK # 2, US # 92)
13. Whistling Jack Smith - I Was Kaiser Bill’s Batman (1967; A # 10, D # 4, UK # 5, US # 20)
14. Jet Harris & Tony Meehan - Diamonds (1963; UK # 1)
15. Karl Denver - Wimoweh (1962; UK # 4)
16. Brian Poole & The Tremeloes - Twist & Shout (1963; D # 19, UK # 4; Originalversion: Isley Brothers; 1962; US # 17; 1963; UK # 42)
17. Heinz - Just Like Eddie (1963; UK # 5)
18. Applejacks - Tell Me When (1964; UK # 7)
19. Lulu & The Luvers - Shout (1964; UK # 7, US # 83; 1986; UK # 8; Originalversion: Isley Brothers; 1959; US # 47; 1962; US # 94)
20. Bern Elliott & The Fenmen - New Orleans (1964; UK # 24; Originalversion: Gary US Bonds, 1960; UK # 16, US # 6)
21. Barry St. John - Bread And Butter (1964; Originalversion: Newbeats, 1964; UK # 15, US # 2)
22. Dave Berry & The Cruisers - Memphis Tennessee (1963; UK # 19; Originalversion: Chuck Berry 1963; UK # 6)
23. Zombies - She’s Not There (1964; UK # 12, US # 2)
24. Moody Blues - Go Now! (1965; UK # 1, US # 8; Originalversion: Bessie Banks, 1964)
Bevor Decca/Deram Ende der 70er Jahre vom Polygramkonzern geschluckt wurde konnte das Label mit Stolz auf seinen essentiellen Einfluß in der Geschichte der populären Musik verweisen, hatte man schließlich einst Bill Haley & His Comets oder die Rolling Stones unter Vertrag. Einziger Schönheitsfehler war die Tatsache, dass man von den Qualitäten der Beatles, die am 1.1.1962 für Decca Probeaufnahmen machten, nicht überzeugt war …
Diesbezüglich mehr Glück hatten dagegen die 24 Interpreten, die Decca/Deram auf dieser Compilation versammelt. Neben einigen der wichtigsten Aushängeschilder wie Procul Harum, Move, Lulu, Zombies, Cat Stevens und den Moody Blues als auch dem One-Hit-Wonder „I Was Kaiser Bill’s Batman“ von Whistling Jack Smith sind hier zahlreiche Titel vertreten, die die biedere, aber durchaus interessante britische Musikszene vor der Beatlemania widerspiegeln: Englische Teenieidole der späten 50er und frühen 60er wie Tommy Steele, Anthony Newley, Eden Kane und Billy Fury, den unfassbaren Mehroktavenjodler Karl Denver, der bei „Wimoweh“ die Melodie von „The Lion Sleeps Tonight malträtiert, früher Beat von Brian Poole & The Tremeloes, Bern Elliott & The Fenmen und den Applejacks , die fanatischen Tributerocker Dave Berry & The Cruisers und Heinz, Instrumentalrock von dem erfolgreichen Soloprojekt der beiden Shadows-Mitglieder Jet Harris & Tony Meehan oder dem Kinderstar Hayley Mills.
War es damals in Deutschland eine beliebte Praxis, fast jedem amerikanischen Hit eine deutsche Version zu verpassen, versuchte man auch in England den Originalinterpreten den Erfolg auf der Insel mittels englischer Coverversion wegzuschnappen. Diese Vorgangsweise konnte aber auch durchaus kuriose Folgen haben wie etwas im Fall der Beverly Sisters und deren „Little Drummer Boy“. Nachdem sich das weihnachtliche Original von Harry Simeone Chorale Ende 1958 in den USA zu einem Hit entwickelt hatte wollten die Produzenten der Beverly Sisters offenbar keine Zeit verlieren und bis zum nächsten Frohen Fest warten, sondern veröffentlichten die Aufnahme im Februar 1959. Dieser ungewöhnliche Veröffentlichungszeitpunkt schien die englischen Plattenkäufer aber nicht weiter zu stören, denn viele dürften sich vermutlich vorsorglich für Weihnachten 1959 mit dieser Single eingedeckt haben.
Weitaus weniger Erfolg war den anderen, überaus raren Coverversionen auf „The Golden Era Of Oldies Vol. 2“ beschienen, denn Johnny’s Boys, Steve Perry und Barry St. John (entgegen des Vornamens eine Sängerin) waren gegen die Originalaufnahmen von Santo & Johnny, Bryan Hyland und Newbeats chancenlos. Zumindest dieses Schicksal blieb Jimmy Powell bei seinem R & B Stomper „Sugar Babe“ erspart, denn Buster Browns Original war auf beiden Seiten des Atlantiks weitgehend unbekannt.
(7/10)
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Massive Attack vs. Mad Professor - No Protection (1995, CD)

In fast jeder Familie findet sich bekanntlich ein schwarzes Schaf. Würde man das auf Massive Attack beziehen, könnte man bei oberflächlicher Betrachtung meinen, die Alben „Blue Lines", „Protection" und „Mezzanine" seien bestens gelungene Wunschkinder, das Remixalbum „No Protection" hingegen ein außerehelicher Ausrutscher, bei dem ein Londoner Reggaeproduzent namens Mad Professor seine Finger oder was auch immer im Spiel hatte.
Dieser Vergleich ist keineswegs übertrieben, denn während die 3 offiziellen Massive Attack- Alben in den einschlägigen Medien unentwegt als Referenzplatten ihres Genres zitiert wurden, fand „No Protection" in der Musikpresse relativ wenig Niederschlag und so konnte es im Prä-Internet- dominerten Zeitalter schon mal vorkommen, dass nicht einmal Massive Attack- Fans hierzulande von der Existenz dieser Platte ahnten.
Der Mad Professor, auf dessen Studiokünste bereits schon die Beastie Boys oder Jamiroquai vertrauten, ging mit ähnlicher Raffinesse wie die legendären jamaikanischen Dub - Produzentenlegenden King Tubby oder Lee „Scratch" Perry ans Werk und formte aus Massive Attacks meisterhafter Vorlage eine überaus effektvolle massive Soundattacke, die den Hörer regelrecht in der Echokammer gefangen nimmt.
Der Opener "Radiation Ruling The Nation", die Bearbeitung von „Protection" gibt die Richtung vor: So manche Soundidee, die man bei der Originalversion eher am Rande und erst bei mehrmaligen Hören bemerkt, rückt nunmehr in den Mittelpunkt, gleichzeit werden die für das Original charakteristischen Gitarrensamples herausgefiltert, die Gaststimme von Everything But The Girl-Hälfte Tracey Thorns hingegen auf ein Minimum reduziert, der Bass bewegt sich fast schon in gesundheitsschädlichen Tiefen, dazwischen werden immer wieder diverse typische Dub-Percussionelemente, dosiert in Maschinengewehrsalven, in den Song eingestreut.
Diese Form der Re-Interpretation wendet der Mad Professor bei den übrigen 7 Tracks an, wobei das atmosphärische „Eternal Feedback" („Sly") und das großteils auf Sounds wie schweren Atemgeräuschen basierende „Backward Sucking" („Heat Miser") die herausragendsten Titel sind. Einzig bei „Bumper Ball Dub", im Grunde „nur" eine Instrumentalversion von „Karmacoma", hat er einen Gang zurückgeschaltet hat, was aber darauf zurückzuführen sein dürfte, dass man das Original groovemäßiger eigentlich nicht mehr verbessern kann.
(9/10)
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Various Artists - Back From The Grave Vol. 4 (1995, CD)

Tracklisting
1. Mustangs - That's for Sure (1965)
2. Tyme - Land Of 1000 Dances(1966; Originalversion: Chris Kenner, 1962; US # 75; Hitversion: Wilson Pickett, 1966; UK # 22, US # 6),
3. Noblemen - Short Time (1967)
4. Heathens - Other Way Around (1967)
5. Snails - Snails' Love Theme (1966)
6. Retreds - Black Mona Lisa (1966)
7. Half-Pint & the Fifths - Orphan Boy (1966)
8. Spiders - Don't Blow Your Mind (1967)
9. Grifs - Keep Dreamin' (1968)
10. Spiders - No Price Tag (1967)
11. Mike’s Messengers - Gone and Left Me (1966?)
12. Mystic Five - Are You for Real, Girl? (1966)
13. Cavaliers - 7 Days of Cryin' (1966)
14. Hides - Don't Be Difficult (1966)
15. T.Y.Wagner - Slanders (1966)
16. Invasion - Do You Like What You See? (1967)
17. Travel Agency - Jailbait (1967)
18. Ron-De-Voos - The Maid (1966)
19. It’s Us - Don't Want Your Lovin' (1966)
20. Moguls - Ski Bum (1966)
21. Bel-Aires - Ya Ha Be Be (1967)
22. Reasons Why - All I Really Need Is Love (1967)
23. Outsiders - She's Comin' On Stronger (1965)
24. Roy Junior - Victim of Circumstances (1966)
25. Children Of Darkness - She's Mine (1966)
26. Interns - I've Got Something To Say (1967)
27. Larry & The Bluenotes - Night Of The Sadist (1965)
28. Bryds - Your Lies (1965)
29. Trojans Of Evol - Through The Night (1966)
30. Beep Beep & The Roadrunners - True Love Knows (1965)
Eine weitere unentbehrliche Ausgabe der legendären Garagenpunk-Serie, u. a. mit dem großartigen „Jailbait“ der Travel Agency, “Through The Night“ von den Trojans Of Evol, die damit ein einzigartiges Lehrstück in Sachen unglaublichen Gitarrenbreak liefern oder der fuzzgeladenen Mitgröhlversion von „Land Of 1000 Dances“ der Tyme, die selbst Wilson Pickett blaß aussehen lässt. Darüberhinaus findet sich hier auch etliches unheimliches wie das unveröffentlichte „Night Of The Sadist“ von Larry & The Bluenotes, das aus Zensurgründen zu „Night Of The Phantom“ mutierte oder zwei Tracks der Spiders, bei denen ein gewisser Vincent Furnier mit von der Partie war, der 5 Jahre später als Alice Cooper Vielen das Fürchten lehrte. Dieser Eindruck könnte bei so manchen Durchschnittsmusikkonsumenten bereits durch das Betrachten des nach bewährter Manier voller Zombies wimmelnder Covers dieses Albums entstehen, aber das Tracklisting einer beliebigen „Bravo Hits“- oder „Ö3 Greatest Hits“-Compilation bietet weitaus mehr Horror ….
(8/10)