Börsenreport 16.09.2000

Plattenbörse im Ungarzentrum Wiener Neustadt, 16.09.2000


Burning Bauhaus An jenem Samstag pilgerten hunderte Schaulustige nach Wiener Neustadt. Diese wurden allerdings nicht von der Plattenbörse angelockt, auf der ich wieder mal selber versuchte, für meine Platten Käufer zu finden, sondern von der gigantischen Rauchwolke, die vom brennenden "Bauhaus" verursacht wurde.

Andererseits war es doch besser, daß es dort brannte und nicht im schmucken Ungarzentrum, dem Schauplatz der Plattenbörse, denn sonst wäre das Geschäft noch mieser gelaufen ...

Da die Löscharbeiten offenbar zukräftiger waren als in tausenden Platten zu wühlen hatte ich genug Gelegenheit, selber nach interessanten Scheiben zu stöbern. Wie in der untenstehenden Auflistung ersichtlich habe ich einiges interessantes gefunden, darunter so manches aus den Untiefen der österreichischen, deutschen und sogar schweizerischen Unterhaltungsbranche. Ich werde im Laufe der kommenden Wochen versuchen, meine Beweggründe zum Kauf dieser Platten darlegen, denn wenn ich das unkommentiert lasse, könnte man sich vielleicht um meinen Geisteszustand sorgen, aber wie schon einmal gesagt, Sammler sind eben eine nicht alltägliche Spezies ...

Singles:

3 Mecky’s - Geh Alte schau mi net so teppert an
Bobbejaan - Ich steh an der Bar und ich habe kein Geld
Les Humphries Singers - Mexico
Manfred Mann - Ha! Ha! Said The Clown
Minstrels – Grüezi wohl, Frau Stirnimaa!
Hilli Reschl & Hans Lang - Wenn wir nicht die Omi hätten

LPs:

Various Artists - Motown Hits Of Gold Vol. 6

CDs:

Various Artists - Great Cola Commercials 1
Various Artists - Madness Invasion Volume 1

3 Mecky’s - Geh’ Alte, schau’ mi net so teppert an (1968, Single)


Das waren halt noch Zeiten, damals in den 60ern, als der Begriff „Political Correctness" noch nicht existierte, Alice Schwarzer gerade die Pubertät überwunden hatte und man daher nahezu ungestraft den Macho raushängen lassen konnte.

In dieser Hochblüte des Chauvinismus waren die 3 Spitzbuben die unschlagbaren Meister des ein- bis zweideutigen Humors und sorgten mit ihrer gelungenen Mischung aus Pointen und Parodien für österreichische Verhältnisse sensationelle Plattenverkäufe (alleine 5 Nummer 1-Alben!) und stets ausverkaufte Auftritte in ihrem eigenem Heurigenlokal, der legendären „Spitzbuben-Pawlatschen".

Da die 3 Spitzbuben auch mal urlaubsreif waren und ihr Lokal dann nicht schließen wollten, wurden kurzerhand andere Combos mit ähnlichem Repertoire als Urlaubsvertretungen engagiert. Eine davon waren die aus dem in der Nähe Wien gelegenen Hagenbrunn stammenden 3 Mecky’s. Das Trio schaffte etwas, was selbst den 3 Spitzbuben nie gelang, nämlich einen Hit bzw.sogar einen Bierzeltklassiker zu landen.

Dabei handelt es sich um die hier vorliegende Single „Geh’ Alte, schau’ mi net so teppert an", die es in der Faschingssaison 1968/69 bis auf Platz 17 in Österreich schaffte und für damalige Zeiten unglaubliche 70.000 Stück verkaufte.

Wie bei den meisten Bierzelthits geht es natürlich ums Saufen und den damit verbundenen obligaten Nebensächlichkeiten wie etwa Rechtfertigung vor der Ehefrau wegen Nichtnachhausekommens. Allerdings reicht der Bogen in weiterer Folge von der Gattinnenmißhandlung infolge mißlunger Kochkünste bis hin zum deren Emanzipierung. Konkret hört sich das folgendermaßen an:

Ich saß bei uns im Beisl vis-a-vis
hob tarokiert bis 3 Uhr in der Früh
Hob angschofft grod mei zwölftes Kriagl Bier
Do steht mei Oide neben mir

Geh Oide, schau mi net do teppert au
heit bin i blau
wos liegt schon drau

Geh Oide, schau mi net do teppert au
heit bin i blau
wos liegt schon drau

Mei Oide kocht ja manchmal etwas zsamm
mei liaber Freind, do muaß ma nervn hobn
Doch unlängst hob i’s beilt ausn hemd
des Gulasch woa total verbrennt

Geh Oide, schau mi net do teppert au ...

Und wias so dosteht nockat ohne Hemd
die Gulaschrein über die Ohrn geklemmt
der Soft, der tropft auf ihre Brust gaunz dick
do hättns sehn solln ihren Blick

Geh Oide, schau mi net do teppert au ...

Aber jetzt, meine Damen, haben Sie Gelegenheit, sich bei den Herren der Schöpfung zu revanchieren:

Doch heit hot sich mei Oide revanchiert
A Wochmann hot sie bsoffn hamchauffiert
schon auf da Stiagn hots gschrian „Mei Liaber Fraunz,
ob heit moch i den söben Taunz"

Geh Oida, schau mi net do teppert au ...

Letztendlich also doch noch ein für Alice Schwarzer und Konsorten ein versönliches Ende ...

Was immer aus den 3 Mecky’s wurde entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht haben sie es wie die 3 Spitzbuben gemacht, die sich 1973 zerstritten und dann getrennte Wege gingen.

Auf alle haben sie uns einen Klassiker beschert, der in Bierzelten und auf Oktoberfesten immer für beste Stimmung sorgt und in die gute alte präemanzipierte Zeit versetzt.

(Musik 4/10, erforderlicher Alkoholgehalt im Blut: 0,5 Promille)

Bobbejaan – Ich steh an der Bar und ich habe kein Geld (1959, Single)


Der Ruhm vieler Interpreten beruht meist auf einem einzigen Hit, mit dem sie von Publikum und Kritik in eine bestimmte Schublade gedrängt wurden und aus der sie ihre Karriere lang nie wieder rauskommen sollten.

Einer aus dieser Kategorie war der belgische Countrysänger Bobbejaan, der erstmals Anfang der 50er in Erscheinung trat und sich 1957 sogar beim Europäischen Song-Contest versuchte, wo er den beachtlichen achten Platz von 10 Teilnehmern belegte. Dieser bescheidene Erfolg und sein einzigartig jammernder Jodelgesang, mit dem er glatt als belgische Antwort auf US-Country-Legende Hank Williams durchgehen konnte, verschaffte ihm im deutschsprachigen Raum zumindest einen gewissen Bekanntheitsgrad. Dieser erhöhte sich aber Anfang 1960 sprungartig , als er mit "Ich steh an der Bar und habe kein Geld" einen Riesenhit landete (A # 9, D # 6). Dabei handelt es sich um eine Coverversion des Hits "A Pub With No Beer" des Australiers Slim Dusty (1959; UK # 3), der übrigens kürzlich bei der Schlußgala der olympischen Spiele aufgetreten ist.

Gemäß der damaligen Praxis der zu dieser Zeit wenigen Plattenlabels in Deutschland nahm „Mr. Sauerkraut-Polka" Gus Backus, der kanpp vor seinem Durchbruch stand, für die zu dieser Zeit marktbeherrschende Polydor ebenfalls den Song auf, hatte aber gegen Bobbejaans Original auf Ariola keine Chance und erleidete damit einen kapitalen Flop.

Nach diesem Hit blieb Bobbejaan fast nichts anderes mehr übrig, als sich auf seinen Nachfolgesingles auf ähnliches promillehältiges Terrain zu bewegen wie etwa " Ich weine in mein Bier " (1960, A # 7, D # 32) oder „Wie ‘ne Kneipe ohne Bier" (1962; D # 22) eindrucksvoll beweisen. Obwohl sein letzter Hit "Ich hab kein Geld für ein Orchester" (1969; A # 12) hieß, hatte er genug auf der hohen Kante, daß er sich sogar einen eigenen Freizeitpark namens "Bobbejaanland" finanzieren konnte. Diesem Beispiel ist glücklicherweise bis jetzt niemand aus der deutschen Schlagerbranche gefolgt, denn man stelle sich vor, es gäbe ein Heino-Land oder eine Peter Alexander-World…

(Musik 8/10, empfehlenswerter Alkoholgehalt im Blut: 0,5 Promille)

Les Humphries Singers -Mexico (Single, 1972)


Der Mann, der uns das Titelthema vom „Derrick" beschert hat, dominierte 1972 wie niemand davor und danach mit seinem Pseudogospelchor die österreichischen Charts. Während der Gospelpop-Klassiker „Mexico" in den deutschen Charts es „nur" bis Platz 2 kletterte, blockierte es in Österreich die Nummer 1-Position für sagenhafte 17 (!) Wochen.

Mich faszinierte an dem Song schon immer der „Verzerrerschwund", also der Soundeffekt, bei dem man den Eindruck hat, als wäre bei der Aufnahme das Mikrophon im Studio herumgekreist und vermutlich war ich nicht der Einzige, der davon begeisert war, denn speziell deshalb dürfte sich die Single so gut verkauft haben.

Erst Jahre später entdeckte ich, daß „Mexico" nichts anderes als eine Neubearbeitung des bereits 1939 von Jimmy Driftwood komponierten amerikanischen Folk-Klassikers „The Battle Of New Orleans" (1959; D # 17, UK # 16, US # 1) von Johnny Horton ist. Das alleine wäre ja nicht so schlimm, allerdings wies er „Mexico" als seine Komposition aus. Ob sich daraus ein Rechtsstreit ergeben hat, konnte ich leider nicht eruieren, aber es wäre nciht weiter überraschend.

Zumindest auf der Rückseite befindet mit „Jennifer Adam" sich eine Eigenkomposition von Les Humphries, die sehr stark vom 60er Jahre Harmony-Pop Marke Mamas & Papas geprägt ist.

Im Sog von „Mexico" verkaufte sich auch die Nachfolgesingle „Mama Loo" (1973; A # 1 (diesmal allerdings nur für 8 Wochen), D # 1) ausgezeichnet. Danach wurden die Hits immer kleiner und die Teilnahme am Eurovisionssongcontest mit „Sing Sang Song" (1976; D # 45) besiegelte schließlich das Ende der Les Humphries Singers, die Gerüchten zufolge nach 1976 nicht einmal in Mexiko eine Eckkneipe füllen konnten.

(7/10)

Manfred Mann - Ha! Ha! Said The Clown (1967, Single)


Wenige Wochen, bevor die Beatles mit „Sgt. Peppers Lonley Hearts Club Band" die Popmusik revolutionierten, veröffentlichte Manfred Mann die Single „Ha! Ha! Said The Clown" (1967; A # 2, D # 1, UK # 7). War die vorherige Single „Just Like A Woman" (1966; UK # 10, US # 67) eine Bob Dylan-Coverversion im für Manfred Mann typischen R & B-gefärbten Sound, bedeutete „Ha! Ha! Said The Clown" einen musikalischen Quantensprung, der natürlich mit dem von Beatles nicht mithalten konnte, da die Band hier erstmals die damaligen produktionstechnischen Möglichkeiten nutzte und und mit einem eingängigen Flötenriff, einer Reihe von Sound- und Percussioneffekten und Uptempo-Beat eine eigene Wall Of Sound bastelte.

„Ha! Ha! Said The Clown" war übrigens nicht das erste Mal, daß sich ein Clown als Hauptperson eines Songs in die Charts schwindeln konnte. Schon ein paar Monate später besang Dave Davies, der kleine Bruder von Kinks-Mastermind Ray Davies den "Death Of A Clown" (1967; A # 4, D # 3, UK # 3). Nicht zu vergessen ist natürlich "Tears Of A Clown" (1970; A # 11, D # 19, UK # 1, US # 2), das bereits 1968 aufgenommen wurde und erst über den Umweg der britischen Northern Soul-Szene auch in den USA ein Hit wurde und als eine der meistverkauftesten Motown-Singles gilt.

Seither sind Clowns großteils aus Popsongs verschwunden, dafür aber eher in die Rolle des Interpreten geschlüpft, wie uns beispielweise Gigi'D Agostino und Konsorten immer wieder beweisen. Allerdings ist das kein Grund zur Freude ...

Nicht minder interessant wie „Ha! Ha! Said The Clown" ist die Rückseite "Feeling So Good", die das Genre „Bubblegum-Music" um gut 1 Jahr vorwegnahm. Dieser Stil war meist seichter, manchmal aber auch überraschend ambitionierter Mitklatschpop, der hauptsächlich für Pre-Teenager („Weeniepopper") produziert wurde, aber auch bei älteren Käufern Anklang fand. Perfektioniert wurde „Bubblegum" von den Archies, einer Studioband, die ursprünglich nur für die Musik zur gleichnahmigen, heute längst vergessenen Zeichentrickserie verantwortlich waren und die mit „Sugar Sugar" (1969; A # 1, D # 1, UK # 1, US # 1) DEN Klassiker dieses Stils erzielten. Unter ihren zahlreichen Hits findet sich auch zufälligerweise ein Titel namens "Feeling So Good" (1968, US # 32), der aber mit Manfred Manns Song nichts zu tun hat..

Nach „Ha! Ha! Said The Clown" dürfte das bahnbrechende Beatles-Opus „Sgt. Pepper" Manfred Mann wie viele andere auch in ein kreatives Tief befördert haben, aus dem sich die Band erst nach knapp einem Jahr mit „Mighty Quinn" (1968; A # 3, D # 1, UK # 1, US # 3), wieder einer Dylan-Coverversion, befreien und ihren größten Hit verbuchen konnten.

(6/10)

Minstrels – Grüezi wohl, Frau Stirnimaa! (1969, Single)


Dem Liebreiz der auf diesem Cover abgebildeten Dame mit dem orangen Teint nach zu schließen könnte man fast meinen, es handle sich um niemand geringeren als Taxi-Orange-Un-Moderatorin Dodo Roscic. Tatsächlich stellt diese Abbildung Frau Stirnimaa dar, die seit 1969 die Namensgeberin dieser inoffiziellen schweizer Nationalhymne ist.

Verantwortlich für dieses Meisterwerk an Pseudo-Liveatmosphäre und nervtötender Fiddlerei ist die Tatsache, daß Mario Feurer, Leader und Oberfiedler der schweizer Volksmusikcombo "Minstrels", eines Tages im Jahre 1969 durch eine züricher Fußgängerzone spazierte und dort einen Akkordeonspieler die alte schweizer Volksweise "Grüezi Wohl, Frau Stirnimaa!" (GWFS) intonieren hörte. Er erkannte er das Potential dieses Volksliedes und nahm es in weiterer Folge mit den Minstrels Ende 1969 auf. Binnen kurzer Zeit schoß GWFS auf Platz 1 der schweizer Charts und plazierte sich auch in Deutschland (# 3) und Österreich (# 5). Insgesamt verkaufte GWFS über eine Million Singles im deutschsprachigen Sprachraum und ist seither von vielen Faschingspartys nicht mehr wegzudenken. Allerdings wird dieses Lied eher nicht bei Faschingsfesten der anonymen Alkoholiker erklingen, denn im nüchternem Zustand ist GWFS nicht unbedingt zu empfehlen.

"…Jo Grüezi wohl, Frau Stirnimaa,…" ist so ziemlich das einzige , daß ich mit meinen eher bescheidenen Schwyzerdütschkenntnissen textlich entschlüssen kann, der Rest ist für einen Nichtschweizer völlig unverständlich und man kann nur erahnen, über welche Schweinereien die Minstrels singen. Vermutlicherweise handelt es sich dabei um das schweizerische Pendant der früher beliebten "Wirtinnen"-Lieder, die bekanntlicherweise alles andere als stubenrein waren.

In der Hochblüte des deutschen Schlagers war es üblich, daß man rund um die Thematik eines großen Hits einen ganzen Film aufbaute oder zumindest unübersehbar und -hörbar in einen Film einbaute. Letzters geschah mit GWFS in dem Heinz Erhard-Epos "Was ist denn bloß mit Willi los?". Nicht genug, daß die Minstrels in einer Disco auftraten, hatte Heinz Erhard eine Haushälterin namens Frau Stirnimaa und am Ende sangen die Hauptprotagonisten gemeinsam eine der haarsträubenden Handlung entsprechende Adaption von GWFS. Im Prinzip sehr raffiniertes product placement, daß allerdings nicht so recht aufging, da die Minstrels nach diesem Film von der Bildfläche verschwanden.

(Musik 2/10, erforderlicher Alkoholgehalt im Blut: 2,5 Promille)

Hilli Reschl & Hans Lang featuring den Wachauer Buam unter der Leitung von Kurt Friedrich - Wenn wir nicht die Omi hätten (1974, Single)


Österreichs Antwort auf Sonny & Cher?

Seit der 1986 verstorbene Heinz Conrads das letzte Mal „Seas de Madl, Seas de Buam" gegrüßt hat war die einzige ORF-Sendung, die Österreichs Senioren angesprochen hat, der „Seniorenclub". Im Zuge einer Programmreform und Anpassung an die Sendeformate der deutschen Privatsender wurde von der Programmintendanz entschieden, daß der Seniorenclub nach 32 Jahren nicht mehr zeitgemäß sei und durch „Schöner Leben", einer Art Life-Style-Magazin für ältere Semester, ersetzt.

Diese Entwicklung kann man durchaus als bedenklich bezeichnen, denn bekanntlicherweise ist die Realität nicht so, wie sie uns der ORF oder andere Medien weißmachen will. Natürlich gibt es viele rüstige Senioren und Frührentner, die die mehr oder weniger verdienten Früchte ihres Arbeitslebens dank der guten medizinschen Versorgung und ihrer hohen Rente geniesen können.

Auf der anderen Seite gibt es aber noch viel mehr Pensionisten, die alles andere als rüstig sind und sich mit der Mindestrente durchschlagen müssen und sicher andere Interessen und Prioritäten als Fernreisen oder Internet haben und somit kaum einen Bezug zu „Schöner Leben" entwickeln können.

Für all jene war der Seniorenclub ein zweites Zuhause, in dem man jeden Sonntag nach 17.00 zu Gast war und sich wegen der fast schon familiären Atmosphäre beinahe geborgen fühlte. Da meine Großmütter Stammseherinnen waren, kam ich als Kind des öfteren in den Genuß, mir ebenfalls den Seniorenclub anzusehen. Natürlich war es nicht so ganz meine Lieblingssendung, aber mir war damals schon klar, daß für den Erfolg der Sendung hauptsächlich die damaligen Publikumslieblingen verantwortlich zeichneten: Pianist Michael Danzinger verlieh mit seiner prägnanten Cocktail-Jazz-getränkten Klavierbegleitung den nötigen Stil, Ernst Hagen führte souverän durch die Sendung und plauderte mit den Stargästen, Willy Kralik mimte den ewigen Sekretär ohne Aufstiegsmöglichkeiten und erlitt so ein ähnliches Sckicksal wie Harry Klein in Derrick. Ganz besondere Aushängeschilder war aber der großartige Alfred Böhm als Kellner und die ihm zur Seite stehende Perle des Seniorenclubs, Hilli Reschl. Letztere zeichnet neben Hans Lang, der uns auch die „Rose vom Wörther See" bescherte, mitverantwortlich für den hier vorliegenden Dauerbrenner aller Wunschkonzerte von Eisenstadt bis nach Bregenz.

Wer zu den wenigen glücklichen gehört, die noch nie diese im bewährten Schunkelrhythmus verpackten Ode an die Großmütter gehört hat, dem möchte ich zumindest den Text nicht vorenthalten:

Die Omi bügelt, wäscht und strickt
sie näht und bürstet saugt und strickt.
Für der Famile Wohlbehagn’
tät’ sie auch Purzelbäume schlagn’

Wenn wir nicht die Omi hätten
Omi hätten
Omi hätten
was wir ohne Omi täten
ohne Omilein

Die Omi babysitted brav
behütet ihres Enkels Schlaf
Die Eltern kommen vom Geschäft
Das Kind ruft „Pst, die Omi schläft"

Die Omi putzt das Fenster grad
sie spricht herab und macht Spagat
doch keine Zerrung sie erlitt
sie sagt nur lachend „Fit mach mit"

Wenn wir nicht die Omi hätten ...

Sie sah sich einen Sexfilm an
und schüttelte den Kopf sodann
„So klärt man heut die Jugend auf?
Wir kamen ganz von selber drauf!"

Wenn wir nicht die Omi hätten ...

Der Enkel möcht so gern a Beat-Frisur
„Wird nicht erlaubt" sagt Vati stur
Die Omi zeigt auf Papas Haupt
Wer hat die Glatze dir erlaubt?

Wenn wir nicht die Omi hätten ...

So ist es überall someist
die Omi ist der gute Geist
der nie verneint und stets bejaht
und immer hilft bei Rat und Tat

Wenn wir nicht die Omi hätten ...

Abgesehen von den obligaten Lobeshymnen auf die hauswirtschaftlichen Talente von Großmüttern ist „Omi" auch als zeitgeschichtlicher Sicht nicht uninteressant, sind doch hier die damals beherschenden Themen wie die Fitness- & Sexwelle verpackt und ist für alle potentiellen Erbschleicher durchaus hilfreich.

Allerdings stellt sich zumindest für mich eine Frage: Warum will der Enkel im Jahre 1974 ausgerechnet eine „Beat-Frisur", obwohl die Beat-Ära sogar in Österreich bereits Ende der 60er geendet hat? Oder hat „Omi" 10 Jahre in einer Schreibtischschublade von Hans Lang geschlummert, bevor er es beim ausmisten wieder entdeckte hat? Wir werden es wohl nie erfahren ...

Als logische Konsequenz dieses Erfolges nahm das Gespann Reschl/Lang kurz danach „Wenn wir nicht den Opi hätten", das aber aus unerfindlichen Gründen nicht die Beachtung wie das weibliche Pendant fand.

Auf der Rückseite dieser Single findet mit „Hast du Kummer mit der deinen" eine Hymne für den Alkohol als Universalmedizin bei Beziehungs-, Figur und Beischlafproblemen, die Reschl/Lang folgendermaßen gestalten:

Auch bei der süßesten aller Frau’n
kann es doch einmal passieren
das man am liebsten sie tät verhau’n
da muß man umdisponieren

Hast du Kummer mit der deinen
trink doch einen
geht der Kummer nicht vorbei
dann trink doch 2
und ist gar nichts mehr zu hoffen
laß dein Mündchen länger offen
und dann ist dir alles einerlei
Hast du Kummer mit der deinen
tu nicht weinen trink doch einen
und auf 1,2,3 ist alles längst vorbei

Weder Massage noch Entfettungstee
hilft der Figur von Frau Schmid
Sie ist dem Wahnsinn schon Näh
da klingt aus dem Radio ein Lied

Hast du Kummer mit der deinen
trink doch einen
geht der Kummer nicht vorbei
dann trink doch 2
und ist gar nichts mehr zu hoffen
laß dein Mündchen länger offen
und dann ist dir alles, alles einerlei
Hast du Kummer mit der deinen
tu nicht weinen trink doch einen
und auf 1,2,3 ist alles längst vorbei

Der Herr Gemahl sitzt daheim ganz still
stiert in den Fernseher rein
wenn ich von ihm was spezielles will
dann schläft er meistens gleich ein

Hast du Kummer mit dem deinen
trink doch einen
geht der Kummer nicht vorbei
dann trink doch 2
und ist gar nichts mehr zu hoffen
laß dein Mündchen länger offen
und dann ist dir alles, alles einerlei
Hast du Kummer mit der deinen
tu nicht weinen trink doch einen
oder 2,3,4,5,6 und alles ist vorbei

Bemerkenswert an dieser Werbeplatte des Österreich Spirituosen- und Weinverbandes ist alleine die Tatsache, daß der Refrain paradoxerweise benahe genau so lange ist wie alle 3 Strophen zusammen. Unbestätigten gerüchten Zufolge wurde diesem promillehältigen Epos Radioverbot auferlegt, da man damals ein Ansteigen des Alkoholismus in Österreich befürchtete.

So geschah es, daß kaum jemand diesen Titel gehört haben dürfte, bis diesen Sommer ein Discjockey in einer Bar in Baden „Wenn wir nicht die Omi hätten " zur Erheiterung der Gäste spielen wollte, aber fatalerweise irrtümlich die Rückseite spielte. Leider war Harald Juhnke, der zu dieser Zeit gerade zu Dreharbeiten in Baden weilte, in diesem Moment in der Bar, hörte das Lied und das traurige Ergebnis kennen wir ja alle...

Ganz weg vom Fenster ist der Seniorenclub glücklicherweise dank der FM4-Partnershow „Chez Hermez" nicht, da hier allwöchentlich Michael Danzingers klassische Seniorenclub-Signation erklingt und selbst Willi Kralik seine bewährten Sekretariatsansagen zum Besten geben darf. Für Hilli Reschl hat sich bislang leider noch keine Verwendung gefunden ...

Meines Wissens gibt es sogar eine LP namens „Party im Seniorenclub". Falls die beiden Titel Auskoppelungen daraus sind, dann würde mich wirklich interessieren, welche Abgründe sich da wohl auftun...

(Musik 1/10, Erbschleicherfaktor 9/10)

Motown Hits Of Gold Vol. 6 (1985, LP)

Tracklist

Temptations – Take A Look Around (1972; UK # 13; US # 25)
Diana Ross – Deoobedood’ndoobe, Deoobedood’ndoobe, Deoobedood’ndoobe (1972, UK # 12)
Michael Jackson – Rockin’ Robin (1972; UK # 3, US # 2; Original Version: Bobby Day, 1958; UK # 29, US # 2)
Supremes – Automatically Sunshine (1972; UK # 10, US # 47)
Michael Jackson – Ain’t No Sunshine (1972; UK # 8; Original Version: Bill Withers, 1971; US # 3)
Jr. Walker & The All Stars – Walk In The Night (1972; UK # 16, US # 65)
Jackson 5 – Lookin’ Through The Windows (1972; UK # 9, US # 19)
Michael Jackson – Ben (1972, UK # 7, US # 2)
Gladys Knight & The Pips – Help Me Make It Through The Night (1972; UK # 11; US # 24; Originalversion: Kris Kristofferson, 1971)
Temptations – Papa Was A Rollin’ Stone (1972; D # 11, UK # 14, US # 1)
Jackson 5 – Doctor My Eyes (1972; UK # 3; Original Version: Jackson Browne, 1972; US # 10)
Jr. Walker & The All Stars – Take Me Girl I’m Ready (1971; US # 56; 1973; UK # 16)
Gladys Knight & The Pips – The Look Of Love (1973; UK # 21; Originalversion: Dusty Springfield, 1967; US # 43)
Jackson 5 - Halleluja Day (1973; UK # 20, US # 31)
Diana Ross – Touch Me In The Morning (1973; UK # 9, US # 1)
Eddie Kendricks – Keep On Truckin’ (Part 1) (1973; UK # 18, US # 1) Diana Ross – All Of My Life (1973; UK # 9)
Diana Ross & Marvin Gaye – You Are Everything (1974, UK # 5; Original Version: Stylistics, 1971; US # 10)

Teil 6 dieser Compilationreihe (siehe auch Vol. 3 und 5 und Vol. 7 ) beleuchtet erneut britische Hitsingles von Motown aus den frühen 70ern und damit auch gleichzeitig den Anfang von Ende dessen goldener Ära. Nach dem Abgang des brillanten Songwritertrios Holland/Dozier/Holland Ende 1967 konnte das Label diesen Verlust noch einige Jahre dank exzellenter Komponisten und Produzenten wie Ashford & Simpson, Norman Whitfield, Barrett Strong oder Smokey Robinson kompensieren, aber vom prägnanten Motownsound war bald nichts mehr zu hören, denn dieser war offenbar bei der Übersiedlung des Hauptgeschäftssitzes von Detroit nach Los Angeles auf der Strecke geblieben. Vielmehr verlegte man sich bei Motown immer mehr auf durchschnittliche Balladen wie „Touch Me In The Morning“ von Diana Ross und ließ sich nicht vom aufkommenden Discofieber überrollen, sondern reagierte darauf beispielsweise mit Eddie Kendricks’ „Keep On Truckin’“. Auch wurde immer mehr auf Fremdmaterial zurückgegriffen wie etwa Bill Withers’„Ain’t No Sunshine“ in der überraschend gelungenen Interpretation von Michael Jackson, Jackson Browns „Doctor My Eyes“ für die Jackson 5, Kris Kristoffersons „Help Me Make It Through The Night“ und Bachrach/Davids „The Look Of Love“ für Gladys Knight & The Pips oder „You Are Everything“ für Diana Ross & Marvin Gaye, das pikanterweise von Thom Bell, einem der wichtigsten Songwriter und Produzenten der Konkurrenz aus Philadelphia, geschrieben worden war.

Der Phillysound als auch die Veröffentlichungen von Stax waren es auch, die den Marktanteil von Motown am Soulsektor und damit auch in den Singlecharts erheblich schrumpfen ließen, was aber durch stärkere Konzentration auf den LP-Markt mit millionenfach verkauften Alben von Marvin Gaye, den Temptations oder Stevie Wonder ausgeglichen werden konnte.

(7/10)

Various Artists – Great Cola Commercials Vol. 1 (1996, CD)

Things Go Better With Coca Cola
Things Go Better With Coke!

Life Is Much More Fun When You're Refreshed
And Coke Refreshes You Best
It's The Refresh-ing-ness.

Food Goes Better With
Fun Goes Better With
You Go Better With Coke
The Real Life One Puts Extra Fun In You And Everything You Do
So Things Go Better With Coca Cola.

Diesem Werbetext oder zumindest der Grundaussage „Things Go Better With Coke“ konnten Radiohörer im Amerika der 60er Dank der zahlreichen gleichnamigen Werbejingles oder ganzen Radiosendungen („Coca Cola Hour“) kaum entgehen. Viele empfanden diesen Umstand aber keineswegs als Belästigung, denn für die Träger der Werbebotschaft wurden von Coca Cola nicht etwa namenlose Studiomusiker engagiert, sondern viele damals etablierte Stars und One-Hit-Wonders, die großteils Variationen ihrer aktuellen Hits Coca Cola-mäßig adaptierten. Die Compilation “Great Cola Commercials Vol. 1”, die ausschließlich „Things Go Better With Coke“-Radiojingles aus den Jahren 1966-1969 enthält und auf derem Cover pikanterweise das Konkurrenzprodukt von Pepsi abgebildet ist, versammelt nicht weniger als 65 dieser Jingles folgender Interpreten:

5th Dimension
American Breed
Fontella Bass
Bee Gees
Box Tops
Tommy Boyce & Bobby Hart
Brooklyn Bridge Jerry Butler
Freddie Cannon
Ray Charles
Ray Charles & Aretha Franklin
Petula Clark
Lee Dorsey
Drifters
Wayne Fontana & The Mindbenders
Fortunes
Aretha Franklin
Marvin Gaye
Marvin Gaye & Tammy Terrell
Leslie Gore („Her Little Sister“)
Jan & Dean
Jay & The Americans
Jay & The Techniques
Tom Jones
Gladys Knight & The Pips
Gary Lewis & The Playboys
Lulu
Moody Blues
Roy Orbison
Sandy Posey
Seekers
Nancy Sinatra
Supremes
Joe Tex
BJ Thomas
Carla Thomas
Carla Thomas & Jerry Butler
Tremeloes
Troggs
Vanilla Fudge
Vogues

Wie anhand dieser Auflistung unschwer erkennbar ist die stilistische Vielfalt dieses Albums überaus breit gefächert und gleichzeitig ein bunter Querschnitt durch die Musik der späten 60er Jahre, der abwechslungsreicher fast nicht sein kann und oftmals bedauert man, dass diese großteils meisterhaften Miniaturen die 1-Minutenmarke selten überschreiten: So klang Tom Jones selten dermaßen groovy („Things Go Better When You Treat Her Nice“, im Original "Whatcha Gonna Do“), American Breed vermitteln Sommerstimmung („The Temperature’s Rising“) und man kann durchaus mit Lee Dorsey mitfühlen, als er nach einer Autopanne 20 Meilen vor der Stadt unter der prallen Sonne alles für eine Flasche Coke tun würde. Wenn man aber in der glücklichen Situation ist, dass Coca-Cola im Kühlschrank ist, lässt sich laut den Box Tops oder Marvin Gaye der Tourstress gleich viel besser bewältigen oder man kann die kleinen Dinge des Lebens so richtig genießen, wie es die Suprems („It’s The Little Things“) oder Marvin Gaye & Tammi Terrell („The Simple Things“) akustisch vorexerzieren. Und wenn wir schon bei hochkarätigen Duetten sind, exklusiv für Coca Cola kam es auch zu einem Gipfeltreffen des King & der Queen Of Soul, also Ray Charles & Aretha Franklin. Ähnlich bemerkenswert ist die Paarung Carla Thomas & Jerry Butler &, wo der Soul aus Memphis auf den aus Chicago trifft.

1969 wechselte Coca Cola den Werbeslogan auf „It’s The Real Thing“ und der damit verbundene Werbesong „I’d Like To Teach The World To Sing“ wurde dermaßen populär, dass er den New Seekers (1971, D # 24, UK # 1, US # 8) als auch den Hillside Singers (1972; US # 13) eine Hitsingle einbrachte. Die Änderung des Slogans erfolgte vermutlich nicht nur aus werbetechnischen Gründen, stand doch immerhin ein neues, mit Spannung erwartetes Jahrzehnt vor der Tür, sondern auch um etwaige Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, die mit „Things Go Better With Coke“ verbunden waren, denn wenn etwa Gary Lewis & The Playboys “We never get through a record session without coke” singen konnte man das spätestens 1969 unter einem völlig anderen Gesichtspunkt sehen ..

(9,5/10)

Wer mal in die wunderbare Welt dieser Coca-Cola-Werbejingels eintauchen möchte hat bei den untenstehenden Links dazu ausreichend Gelegenheit:

Ausschnitte aus der Coca Cola Hour auf WABC New York mit dem legendären DJ “Cousin Brucie” Bruce Morrow vom 9. September 1965

Jede Menge Coca Cola-Jingles von 1959 - 2002

Noch mehr Coca Cola-Jingles, unter anderem von den Supremes, Moody Blues, Troggs. und BJ Thomas

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