Börsenreport 21.02.2004

Plattenbörse in der Wiener Stadthalle, 21.02.2004


Herrschte auf den meisten Plattenbörsen bislang immer einiges Gedränge aufgrund der zahlreichen Besucher und Aussteller gab es diesmal kaum Grund zur Klaustrophobie, was höchstwahrscheinlich an den erhöhten Standplatzgebühren als auch Eintrittsgebühren gelgen haben dürfte. Wie auch immer, je weniger Käufer unterwegs waren, desto größer war meine Ausbeute.

Singles:


Herb Alpert & The Tijuana Brass – Casino Royale/The Happening
Ralf Bendix - Oh Oh Rosi
Bino - Mama Leone (deutsche Version)
Graham Bonney – Das Girl mit dem La-La-La/Tausendmal
Yvonne Carre – Pepito
Tommy Dee with Carol Kay & The Teen-Aires - Three Stars
Honey Cone – Sittin’ On A Time Bomb/It’s Better To Be Loved And Lost
Ronnie Gaylord & Burt Holiday – Love (Where Have You Gone)/A Place To Hideaway
Mary Hopkin – An jenem Tag
Vicky Leandros – St. Tropez
Vicky Leandros Singers – Wo ist er?/Lauf und hol Wasser (für die Blumen der Liebe)
Nana Mouskouri – Draussen vor der Tür/Wenn du auch gehst
Rackets – Only You/Black Eyes
Rolling Stones – The Last Time/Play With Fire
Sade - Paradise (Remix)/(Instrumental)
T. Rex – Truck-On Tyke/Sitting Here
Tahiti Tamoures – Tahiti Mafatu/Tamoure Guitar
Vicky – Die Rosen vom ersten Rendezvous
Various Artists – The Brits 1990

EP:

Chuck Miller - Baby Doll/The Auctioneer//Diamonds - Faithful And True/Little Darlin'

CDs:

Various Artists – Las Vegas Grind Part 1 Various Artists – Napoleon complex

Herb Alpert & The Tijuana Brass – Casino Royale/The Happening (Originalveröffentlichung 1967, Single)

Die Wiederveröffentlichung dieser beiden Titel erschien bei A & M als Sonderauflage unter dem Logo „Forget Me Nots“ und versammelt zwei in der Tat unvergessliche Songs von Herb Alpert & The Tijuana Brass. Das von Burt Bachrach & Hal David geschriebene “Casino Royale” (1967; UK & US # 27) war der Titelsong der gleichnamigen legendären James Bondparodie und “The Happening” (1967; US # 32) ist eine tijunaisierte Coverversion des Hits von Diana Ross & The Supremes; 1967; A # 7, UK # 5, US # 1)
(8/10)
(6/10)

Bino – Mama Leone (1978, Single)

In Auflistungen der meistgehassten Titel der 70er taucht unter Garantie „Mama Leone“ von Bino (1978; A # 1, D # 3) auf und diese Meinung dürfte weit verbreitet sein, denn nach 1978 hörte man diese Ode an den titelgebenden Engel der Armen äußerst selten.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens sah man das freilich anders, so blockierte die Single des von Drafi Deutscher produzierten Eisverkäufers und Hobbysängers ganze acht Wochen die Spitzenposition der österreichischen Hitparade und in Deutschland verkaufte sich die gleichnamige deutschsprachige Version (1978; D # 5) fast ebenso gut wie die italienische Originalversion.

Das fast identisch klingende „Bambino“ (1979; A # 18) wollte man hingegen nur mehr in Österreich hören und Bino konnte man danach vermutlich wieder in der Eisdiele antreffen. Der Versuch, nach dem Ableben von Mutter Teresa 1997 „Mama Leone“ ihr zu widmen und entsprechend umzutaufen, um damit ein Comeback zu landen, blieb erfolglos

(5/10)

Yvonne Carre – Pepito (1961, Single)

Der Cha-Cha-Cha-Titel „Pepito“ war 1961 ein Riesenhit für Los Machucambos (1961; A # 1; D # 2), dem nicht weiter überraschend eine deutsche Version von dem stimmlichen Trude Herr-Double Yvonne Carre (1962; D # 15) folgte, die aber ebensoschnell vergessen war wie die Originalinterpreten.

(6/10)

Tommy Dee with Carol Kay & The Teen-Aires - Three Stars (1959, Single)

Die „Winter Dance Party-Tour” führte ab 23. Jänner 1959 ein aus Buddy Holly & The Crickets, Dion & The Belmonts, Ritchie Valens, dem Big Bopper und Frankie Sardo bestehendes Aufgebot an populären Stars bzw. Nachwuchstalenten über 24 Stationen durch den Mittelwesten der USA. Diese Tournee war von Anfang an für alle Beteiligten allerdings ziemlich beschwerlich, schließlich lagen die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, die Reise mit dem Tourbus alles andere als komfortabel und dazu noch ständig die Heizung defekt.

Kein Wunder also, dass Buddy Holly davon die Nase voll hatte und am Abend des 2. Februar ein kleines Flugzeug charterte, um nach dem Auftritt in Clear Lake/Iowa rasch und möglichst ohne Frostbeulen zur nächsten Tourstation Moorhead/Minnesota zu gelangen. Ursprünglich sollten Hollys Begleitmusiker, der Gitarrist Tommy Allsup und der spätere Country-Superstar Waylon Jennings, die beiden anderen freien Sitze einnehmen. Jennings überließ allerdings seinen Platz dem erkälteten Big Bopper und auch Allsup gab seine Mitflieggelegenheit ab, da er seinen Sitzplatz aufgrund eines schicksalshaften Münzwurfs an Ritchie Valens verlor. Was danach in der Nacht des 3. Februar 1959 gegen 1.00 Uhr morgens geschah ist hinlänglich bekannt und war der Ausgangspunkt für Don McLean 8 ½- Epos „American Pie“ (1971; A # 2, D # 9, UK # 2, US # 1), das überflüssigerweise von Madonna wieder ausgegraben wurde (2000, A # 3, D # 1, UK # 1, US # 29).

McLean, der mit der Textzeile „The Day The Music Died” eine bis heute gültige Umschreibung dieses für die Rockmusik tragischen Tag formulierte, war allerdings nicht der Erste, der diese Tragödie musikalisch behandelte. Einige Tage nach der Tragödie schrieb ein Radio-DJ namens Tommy Donaldson, der bei dem Sender KFXM in San Bernardino/Kalifornien arbeitete, den Tribute-Song "Three Stars", den zunächst der legendäre Eddie Cochran, ein enger Freund von Ritchie Valens und ein Jahr später bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt, aufnahm. (Hörprobe gibt’s hier). Da Cochran aber zu diesem Zeitpunkt gerade die Hitsingle „Summertime Blues“ (1958; UK # 18, US # 8; 1968; A # 18, UK # 34) in den Charts hatte wurde seine aus naheliegenden Gründen berührende Version damals nicht auf Single veröffentlicht und erschien erst 1966.

Da Donaldson an das Erfolgspotential von "Three Stars" glaubte veröffentlichte er kurzerhand selbst unter dem Pseudonym Tommy Dee auf dem kleinen Crest-Label und damit einen Hit landete (1959; US # 11). (Hörprobe gibt’s hier) Begleitet wurde er dabei von der Gesangsformation Carol Kay & The Teen-Aires, deren Anteil sich allerdings auf den überaus eingängigen Refrain beschränkte. Der Hauptpart gehörte Donaldson, der würdevolle Worte für die verunglückten Rock’n’Roll-Stars sprach. Es sollte allerdings der einzige Erfolg für Donaldson bleiben, der bis zu seinem Tod im Jänner 2007 als erfolgreicher Promotor und Produzent für diverse Country-Acts agierte.

Gleichzeitig mit der Tommy Dee-Version erschien auch eine Aufnahme von Ruby Wright (1914-2004), die in den USA kaum Beachtung fand, sich aber in den britischen Charts platzieren konnte (1959; UK # 28). (Hörprobe gibt’s hier).

Bevor Tommy Dees “Three Stars” im April 1959 erstmals in den Billboard Charts auftauchte konnte, wenn auch unfreiwillig, Thomas Wayne mit seiner Ballade „Tragedy“ von der Tragödie profitieren. Während es inhaltlich eigentlich um Liebeskummer ging wurden vielfach Textzeilen wie "You've gone from me/oh oh Tragedy“ als Hommage an die drei verstorbenen Rock’n’Roll-Stars interpretiert und dürfte wohl ausschlaggebend gewesen sein, dass Wayne mit einen Millionseller landen konnte (1959; US # 5) ). (Hörprobe gibt’s hier).

(7/10)

Ronnie Gaylord & Burt Holiday – Love (Where Have You Gone)/A Place To Hide Away (1967, Single)

1949 gründete Ronnie Fredianelli (1930-2004) mit Bonaldo Bonaldi und Don Rea in Detroit das Gesangstrio Gaylords, das ab 1953 in den USA mit Hits wie „Tell Me You’re Mine“ (1953; US # 3), „From The Vine Came The Grape“ (1954; US # 8) oder „The Little Shoemaker“ (1954; US # 2) überaus erfolgreich war. Fredianelli, der sich inzwischen Ronnie Gaylord nannte, konnte mit „Cuddle Me“ (1954; US # 13) auch einen Solohit landen. Mit der Rock’n’Roll-Ära verschwanden die Gaylords aus den Charts, nahmen aber bis in die 60er hinein Platten auf. Nach dem Abgang von Don Rea versuchten es Gaylord und Bonaldi, der sich nunmehr Burt Holiday nannte, alleine, konnten aber lediglich mit „Eh! Cumpari » (1976 ; US # 72) einen Achtungserfolg landen.

Knappe 10 Jahre davor erschien mit „Love (Where Have You Gone)” eine Single der Beiden, die zumindest ähnliche Verkäufe verdient hätte. Mitproduziert wurde sie von Dennis Coffey, der ein paar Jahre später mit „Scorpio“ (1972; US # 6) eines der meistgesampelten funky Instrumentals veröffentlichen würde und klingt deshalb überhaupt nicht so, wie man es von 2/3 eines 50er-Jahre Gesangstrios erwarten würde. Wenn man „Love“ erstmals hört ist man höchstwahrscheinlich zunächst unschlüssig, in welchem Rhythmus der Song eigentlich startet. Das Mysterium klärt sich erst nach rund 20 Sekunden, wenn dann ein Northern Soul-tauglicher Uptempo-Soulbeat für Klarheit sorgt.

Die nicht ganz so flotte Rückseite „A Place To Hide Away“, wo sich Ronnie Gaylord & Burt Holiday wieder ihrer alten Qualitäten besinnen, dürfte wiederum für Easy Listening-Enthusiasten von Interesse sein.

Love (Where Have You Gone) (8/10)
A Place To Hide Away (6/10)

Honey Cone – Sittin’ On A Time Bomb/It’s Better To Have Loved And Lost (1972, Single)


Nachdem das Songwriter-Dreigestirn Brian Holland, Lamont Dozier and Eddie Holland 1967 Motown aufgrund Ungereimtheiten bei der Tantiemenabrechnung verlassen hatte gründete es nach einer durch die Rechtsstreitigkeiten verursachten Zwangspause die beiden Labels Invictus und Hot Wax. Gleichzeitig stellten sie ein Team an Songwritern (u.a. mit Greg Perry, Ronald Dunbar und General Johnson) zusammen, das den typischen Holland/Dozier/Holland-Sound beherrschte und durchaus ebenbürtige Songs zu basteln vermochte.

„While You're Out Looking For Sugar“ des aus Edna Wright, Carolyn Willis und Shellie Clark bestehenden Girltrios Honey Cone war die erste Hot Wax-Veröffentlichung, die im Sommer 1969 allerdings nicht über Platz 62 der Billboard Charts hinauskam. Noch schlimmer erging es der großartigen Nachfolgesingle „Girls It Ain't Easy“ (1969; US # 68), die mysteriöserweise kein Hit wurde.

Nach dem mageren Jahr 1970, in dem sich „Take Me With You“ (1970; US # 108) und „When Will It End” (1970; US # 117) im Gegensatz zu den Vorgängern nicht einmal in die Top 100 der US-Charts schafften brachte im Frühjahr 1971 „Want Ads“ (1971; US # 1) den verdienten Erfolg, der mit „Stick Up“ (1971; US # 11), „One Monkey Don't Stop No Show“ (1971; US # 15) und „(The Day I Lost You Was) The Day I Found Myself“ (1972; US # 23) prolongiert wurde.

Mit dem äußerst gelungenen „Sittin' On A Time Bomb” hätte in einer besseren Welt die Hitserie weitergehen müssen, aber daraus wurde es nichts, denn # 96 der Billboard Charts war aus unerfindlichen Gründen Endstation. Mangelndes Talent der für beide Seiten der Single verantwortlichen Songwriter Greg Perry und General Johnson dürfte wohl kaum daran schuld sein, auch wenn die A-Seite der Single unschwer erkennbar an “I’ll Take You There” der Staple Singers (1972; US # 1) angelehnt war ist sie dennoch alles andere als ein müder Abklatsch und darüber hinaus wird auf der Rückseite „It's Better To Have Loved And Lost“ authentischen Motown-Sound serviert.

“Innocent 'til Proven Guilty / Don't Send Me An Invitation” (1972; US # 101) war die letzte Chartnotierung des Trios, alle weiteren Comebackversuche, darunter auch in geänderter Besetzung, blieben erfolglos.

Sittin' On A Time Bomb (8/10)
Better To Have Loved And Lost (8/10)

Mary Hopkin - An jenem Tag (1968, Single)

Bereits mit ihrer Debutsingle „Those Where The Days", eine Neuinterpretation der russischen Volksweise "Daragoi Dlimmoyo" landete die Paul McCartney-Entdeckung Mary Hopkin einen Welthit (1968; A # 2, D # 1, UK # 1, US # 2). Um diesen Erfolg zu potenzieren nahm Mary den Song in verschiedenen Sprachen auf, darunter natürlich auch in Deutsch, wo der Titel mit "An jenem Tag" übersetzt wurde. Obwohl sie sich tapfer durch den deutschen Text kämpfte, blieb manches leider unverständlich, weshalb man bei RCA die Chance witterte, dass eine verständliche deutsche Version von Nöten wäre und Sandie Shaw ins Rennen schickte, die zwar auch Engländerin war, aber zu diesem Zeitpunkt bereits auf die Routine von 7 in deutsch aufgenommenen Singles zurückgreifen konnte.

Wie sich aber zeigte war für die beiden germanisierten Interpretationen schon bald "Aller Tage Abend", denn weder jene von Mary Hopkin (inkl. einer verzichtbaren Akustikversion von "Turn! Turn! Turn!" der Byrds auf der Rückseite) noch die von Sandie Shaw konnten nennenswerte Verkäufe erzielen.

(6/10)

Vicky - Die Rosen vom ersten Rendezvous (1965, Single)
Vicky Leandros - St. Tropez (1970, Single)
Vicky Leandros Singers - Wo ist er (1971, Single)

Wenn man auf einen Streich 3 frühe Singles von Vicky Leandros ergattert ist das natürlich Grund genug, sich mit diesem Abschnitt ihrer langen Karriere zu befassen.

Bereits als sechzehnjährige konnte sie mit ihrer Debutsingle "Messer, Gabel, Schere, Licht" (1965, D # 16) einen Hit landen, den wie die meisten ihrer frühen Aufnahmen ihr Vater Leo Leandros produzierte. Die Nachfolgesingle "Die Rosen vom ersten Rendezvous" (1965) war zumindest thematisch ein Quantensprung, was sich allerdings nicht in den Verkaufszahlen niederschlug. Dabei hatte die Single durchaus erfolgsversprechende Ingredienzien:

Für Eingängigkeit sorgte unter anderem das deutlich von Herman's Hermits "I'm Into Something Good" (1964; UK # 1, US # 13) geklaute Intro, der angedeutete Blue-Beat-Rhythmus, Melodieführung und Interpretation unterschieden sich wohltuend von dem üblichen belanglosen Sing-Sang, den man von Gesangskolleginnen ihrer Altersklasse oftmals zu hören bekam.

Auf der Rückseite "Am Abend muß ich schlafen gehen" dann eine Überraschung: Dieses Chembalo-Intro … handelt es sich hier etwa um eine Coverversion von "For Your Love" (1965; UK # 3, US # 6) der Yardbirds? Leider nicht, wäre auch zu schön gewesen, aber dennoch bekommt man hier nicht Alltägliches zu hören, nämlich einen Mitklatsch-Schlager, dem Leo Leandros eine Wall-of-Sound mit fast Phil-Spectorschen Ausmaßen verpaßt hat und der Studioschlagzeuger im Akkord ans Werk geht.

Textlich präsentiert sich hier Vicky als äußerst wohlerzogene Tochter, die pünktlich um 10 Uhr Abend zuhause ist, was potentielle Verehrer in Kauf nehmen müssen und sich anderfalls Alternativen im Abschluß der Abendgestaltung suchen müssen" („Wenn dir das den Spaß verdirbt, dann such dir deine Freundin doch anderswo aus“)", denn da gibt sich Vicky kompromisslos (Ich hoffe du kannst mich verstehen, wenn nicht, dann tuts mir leid“), da kann man noch so ein toller Hecht sein („Du sagst immer, abends wenn der Mond scheint, kommst du so richtig in Schwung/Wenn es dir nur darum geht, dann muß ich leider sagen, ich bin noch zu jung“).

Blenden wir nun ins Jahr 1970, dem Erscheinungsjahr der nächsten vorliegenden Single "St. Tropez" (1970; D # 21). In diesen fünf Jahren seit "Die Rosen vom ersten Rendezvous" hat sich in Vickys Karriere so einiges getan: Teilnahme am Eurovisions-Songcontest 1967, wo sie für Luxemburg mit "L'amour est bleu" (1967; A # 18, D # 27) den 4. Platz ersand und so nebenbei die Basis für den weltweiten Erfolg von Paul Mauriat schuf und 9 weitere Chartplazierungen in Deutschland mit Singles wie “Grünes Licht“ (1967; A # 18, D # 36), "Morgen sehen wir uns wieder" (1967; D # 20) oder ”Klipp & Klar” (1970; D # 23).

Was bei „St. Tropez“ beim erstmaligen Hören auffällt ist folgende Textzeile:

"Ich ging zum Strand und du fuhrst vorbei/dann drehtest du deinen Wagen". Drehtest? Offenbar dürfte dem Textdichter unter Zeitdruck außer dieser die deutsche Rechtschreibung verleugnende Wortschöpfung kein passendes Synonym für das simple Wort "wenden" eingefallen sein ...

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des von dem charakteristischen Folklore-Mitklatschbeat unterlegten "St. Tropez" war Vicky gerade 21 und damit volljährig geworden, was damit belohnt wurde, daß erstmals auch ihr Familienname auf dem Cover aufscheinen durfte, wobei hingegen auf dem Cover ein schlichtes „Vicky“ prangte. Reife wurde ihr auch textlich zugestanden, denn bei "St. Tropez" gibt es keine jungfräulichen Zurückhaltung wie bei "Am Abend muß ich schlafen gehen"n, läßt sie sich doch laut Text von einem Autofahrer mit den Worten "Steig ein/Du wirst es nie mehr im Leben bereu'n" aufreissen!

Vielleicht hat sie es doch bereut, wenn man die Nachfolgesingle als thematische Fortsetzungen betrachtet, denn nach "St. Tropez" folgte mit "Ich bin" (1971; D # 13) eine Phase der Selbstfindung und schließlich bei "Wo ist er" (1971; D # 19), der deutschen Version von George Harrisons "My Sweet Lord" (1971; A, D, UK & US # 1) die Flucht in die Religion. Um den religiösen Touch des Originals auch in Deutsche übertragen zu können wurde Vicky ein Studiochor bereitgestellt und gemäß der damaligen Begeisterung der Plattenkäufer für Chöre wie etwa den Les Humphries Singers wurde kurzerhand aus der Solokünstlerin Vicky Leandros die Vicky Leandros Singers.

Diese Vorgangsweise wurde auch für die Rückseite "Lauf und hol Wasser (für die Blumen der Liebe)" beibehalten. Man sollte sich aber keinesfalls von dem metaphergeladenen Titel abschrecken lassen und wenn möglich einen Hörprobe riskieren, denn dank des cleveren Arrangements mit jeder Menge effektvoller Bläsersätze, dramatischen Orgelklängen und jeder Menge Soul (ja wirklich!) ist es sicherlich das Spektakulärste, daß Vicky jemals veröffentlicht hat, nämlich deutschen Soul und das drei Jahrzehnte vor Xavier Naidoo ...

Eines haben "Die Rosen vom letzten Rendezvous", ""St. Tropez" und "Wo ist er" gemeinsam: Kaum waren sie aus den Charts verschwunden gerieten sie wie fast alle Frühwerke von Vicky Leandros völlig in Vergessenheit und keinerlei Radioairplay . Ein Schicksal, dem interessanterweise neben "L'amour est bleu" bzw. Blau wie das Meer" nur "Halt die Welt an" (1969; A # 15, D # 29) entgangen ist, daß immer wieder auf den einschlägigen Sendern läuft.

Bemerkenswert ist weiters die optische Methamorphose, die sie auf den Covers ihrer frühen Singles vollzogen hat, nämlich vom aufgeweckten Teenager bei "Messer, Gabel, Schere, Licht" bis hin zum Britney Spears-Verschnitt auf der Hülle von "Wo ist er". Wer Letzteres nicht glaubt darf unter hier staunen.

Die Rosen vom ersten Rendesvous (6/10)
Am Abend muß ich schlafen gehen (6/10)
St. Tropez (6/10)
Wo ist er (6/10)
Lauf und hol Wasser (für die Blumen der Liebe) (7/10)

Rolling Stones - The Last Time/Ply With Fire (1965, Single)

1965 war das Schlüsseljahr in der Karriere der Rolling Stones. Mit “(I Can't Get No) Satisfaction” (1965; A # 2, D, UK & US # 1) erlangten sie endgültig Superstar-Status und „The Last Time“ (1965; A # 13, D & UK # 1 US # 9) war nicht nur eine ihrer besten Singles, sondern auch der erste von Mick Jagger & Keith Richards verfasste # 1 Hit in ihrer britischen Heimat. Auf den Rückseiten jener beiden Singles, „The Under Assistent West Coast Promotion Man“ bzw. dem bedrohlichen „Play With Fire“ (das es bis auf Platz 96 der US-Charts schaffte), waren übrigens „Nanker - Phelge“ als Autoren angegeben, wobei es sich hier um Pseudonyme der Herren Jagger/Richards handelt, das die beiden bis 1965 für die meisten ihrer Eigenkompositionen verwendeten

The Last Time (10/10)
Play With Fire (9,5/10)

Various Artists - Brits 1990 (1990, Single)

Jonathan King, seines Zeichens umtriebiger Großmeister der 1000 Projekte bzw. Pseudonyme, gelang 1990 mit einer Montage zeitgenössischer Tanzflächenfüller unter dem Motto „Just a taste of some great british dance music“, die als Pausenbeschallung für die Brits Awards (die King übrigens auch produzierte) eingesetzt wurde, ein Überraschungshit (1990; UK # 2). Hier die großteils längst vergessenen Dancetracks (die nun mal eine sehr geringe Halbwertszeit haben) in der Reihenfolge ihres Auftretens:

Double Trouble & The Rebel MC – Street Tuff (1989; A # 14, D # 12; UK # 3)
A Guy Called Gerald – Voodo Ray (1989; UK # 12)
S’Express – Theme From S’Express 1988; A # 16, D # 2, UK # 1, US # 91)
Beatmasters – Hey DJ I Can’t Dance To The Music You’re Playing (1989; D # 93, UK # 7)
Jeff Wayne – Eve Of The War (Ben Liebrand Remix) (1989; UK # 3)
808 State – Pacific (1989; UK # 10)
D Mob – We Call It Acieed (1988; UK # 3)
Cookie Crew – Got To Keep On (1989; UK # 17)

(6/10)

Chuck Miller – Baby Doll/Auctioneer // Diamonds – Faithful and True/Little Darlin’ (1957, EP)

Die ersten beiden Titel dieser raren italienischen Split-EP auf Mercury gehören dem Country/Rockabilly-Sänger Chuck Miller, der seinen größten Erfolg mit „House Of The Blue Lights“ (1955; US # 9) landete. Nach „Baby Doll“ einem Rock’n’Roll-Song mit gemäßigten Tempo liefert hier „The Auctioneer“ (1956; US # 59), im Original von Leroy Van Dyke (1956; US # 29) den eindrucksvollen Beweis, dass Rappen keine Erfindung der späten 70er sein dürfte, denn wie hier vorexerziert wird dürften Auktionäre im englischsprachigen Raum diese Kunst schon seit jeher beherrschen.

Seite 2 eröffnen die in den USA überaus erfolgreichen Kanadier Diamonds mit einer unspektakulären Ballade, bevor sie die Kastagnetten klappern lassen und mit „Little Darlin’“ (1957; UK # 3, US # 2) ihren größten Hit zum Besten geben. Wie so oft ist allerdings kaum bekannt, dass es sich auch hier um eine „weiße“ Coverversion eines Titels einer farbigen Gesangsgruppe handelt. Im konkreten Fall waren die Gladiolas die Originalinterpreten, deren Version im Gegensatz zu vielen ihrer Genrekollegen bzw. Leidensgenossen einigermaßen erfolgreich war (1957; US # 41), letztlich aber doch weniger als jene der Diamonds überzeugen kann.

Chuck Miller – Baby Doll (6/10)
Chuck Miller – Auctioneer (7/10)
Diamonds – Faithful and True (3/10)
Diamonds – Little Darlin’ (7/10)

Various Artists - Soul Hits (1968, LP)

A

1. Think (Originalversion: 1968; D # 32, UK # 26, US # 7)
2. Don’t Fight It (Wilson Pickett; 1965; UK # 29, US # 57)
3. (Sittin’ On The) Dock Of The Bay (Otis Redding; 1968; A # 6, D # 16, UK # 3, US # 1)
4. Hard To Handle (Otis Redding, 1968; UK # 15,US # 51)
5. Land Of Thousand Dances (Wilson Pickett; 1966; UK # 22, US # 6; Originalversion: Chris Kenner, 1963; US # 77)
6. 634-5789 (Wilson Pickett; 1966; UK # 36, US # 13)

B

1. In The Midnight Hour (Wilson Pickett; 1965; UK # 12, US # 21)
2. I Say A Little Prayer (Dionne Warwick; 1967; US # 4)
3. Knock On Wood (Eddie Floyd, 1966; US # 28; 1967; UK # 19)
4. Sweet Soul Music (Arthur Conley, 1967; D # 29, UK # 7, US # 2)
5. Respect (Otis Redding; 1965; US # 35; Aretha Franklin; 1967; A # 17, D # 23, UK # 10, US # 1)
6. Bring It On Home To Me (Sam Cooke,1962; US # 13)

Diese auf dem Billiglabel MFP (Music For Pleasure, Details dazu gibt’s hier) Compilation versammelt durchaus gelungene Coverversionen zeitgenössischer Soulhits mit Schwerpunkt auf Otis Redding und Wilson Pickett, wobei wieder einmal wie bei vielen anderen Coveralben der optische Eindruck weit mehr überzeugt als der akustische. Now That’s What I Call Soul Sugar!

Musik (6/10)
Cover (8/10)

Various Artists - Las Vegas Grind Part 1 (1998, CD)


1. Upsetters - The Strip (1958)
2. James Holloway - A La Carte
3. Bob Taylor - After Hours
4. Jesters - Peter Gunn Twist
5. Ken Williams - Trashcan
6. Buddy Miller - Teen Twist (1962)
7. Crescendos - Countdown
8. Wild-Tones - Shut-Ups (1958)
9. Tic & Toc - Jibba Jab
10. Groovers - Groovy
11. Dyna-Sores - Jungle Walk
12. Casual-Aires - Thunderbird
13. John & Jackie - Little Girl (1958)
14. Genteels - Take It Off
15. Jack Hammer - The Wiggle
16. Frantics - The Whip
17. Rockin' Belmarx - Torture Rock
18. Periscopes - Beaver Shot
19. Bob Bunny - The Joker
20. Epics - On The Rocks
21. Barbara & The Boys - Hooty Sapperticker
22. Bobby Christian - Enough Man!
23. Louie Overseas - A Studio Session
24. Lushes - Drunken Guitar
25. Empallos - Hiccups
26. Hollywood Persuaders - Drums A-Go-Go (1965; US # 109) (
27. Ric Gary - Pimples & Braces
28. Barney Kessel - Honey Rock (1957)
29. Vikings - Nicotine
30. Originals - The Whip
31. Jimmy Heap - Gismo (1959)

Großartige Compilation aus dem Hause Strip Records mit ausnahmslos völlig obskuren Rock'n'Roll-Instrumentals, Twistkrachern oder R & B-Nummern, die sich teilweise vorzüglich zu dem eigenen, was das Cover bzw. das Label verheißen. Herausragend sind vor allem John & Jackies "Little Girl", das sich aufgrund seines expliziten Inhalts höchstwahrscheinlich kaum vermehrten Radioairplays erfreuen durfte, „A Studio Session" von Louie Overseas entlarvt schon früh die Mechanismen des Rock'n'Roll-Business und die Hollywood Persuaders, bei denen einst ein gewisser Frank Zappa mitspielte, liefern das knackige "Drums a Go Go", das 1965 von dem legendären einbeinigen Drummer Sandy Nelson gecovert wurde.

(8/10)

Various Artists - Napoleon Complex (199?, CD)


1. Napoleon XIV - They're Coming To Take Me Away, Ha-Haaa!!!
2. Josephine XV – I’m Happy They Took You Away, Ha-Haaa!!!
3. Henry The IX – Don’t Take Me Back, Oh-Nooo!
4. Emperor – I’m Normal
5. Napoleon XIV – The Place Where The Nuts Hunt The Squirrels
6. Malepartus II – Ich glaab’, die hole mich ab
7. Josephine XIII – Down On The Funny Farm
8. Napoleon Puppy – Ellos Me Quieren Lievar
9. Fioris VI – Ze Nemen Me eindelijk mee, Ha-Haaa!!!
10. Kim Fowley - They're Coming To Take Me Away, Ha-Haaa!!!
11. Rose Brooks - They're Coming To Take Me Away, Ha-Haaa!!!
12. Teddy & Darryl – They Took You Away, I’m Glad I’m Glad
13. I Balordi – Venqono a portaci via ah, aah!
14. Los Ovnis - Napoleon XIV
15. Hugo de Groot – Ze Nemen Me eindelijk mee, Ha-Haaa!!!
16. Napoleon XIV - They're Coming To Get Me Again, Ha-Haaa!!!
17. Mad Dog Society - They're Coming To Take Me Away, Ha-Haaa!!!
18. Inhuman Orchestra - They're Coming To Take Me Away, Ha-Haaa!!!
19. Snopek & The Unexploded Bomb - They're Coming To Take Me Away, Ha-Haaa!!!
20. Lard - They're Coming To Take Me Away, Ha-Haaa!!!
21. Hidden Track: !aaaH-aH, yawA eM ekaT oT gnimoC er’yehT

(8/10)

Der Erfolg des umstrittenen Noveltyhits „They're Coming To Take Me Away, Ha-Haaa!!!" (1966; D # 22, UK # 4, US # 3; 1973; US # 87) brachte mit sich, dass eine Flut an diversen Antwortsongs und Coverversionen von einer illustren Schar an ungekrönten Häuptern wie Josephine XV, Henry The IX, the Emperor, Josephine XIII oder selbst dem umtriebigen Songwriter und Produzenten Kim Fowley veröffentlicht wurde, die erstmals gesammelt auf der Compilation „Napolean Complex“ zu hören sind. Hier wird auch beeindruckend veranschaulicht, dass sich dieses Phänomen keineswegs nur auf die USA beschränkte.

So dürfte sich der Titel große Beliebtheit in Holland und Spanien erfreut haben, denn dort erschienen jeweils gleich zwei Versionen in der jeweiligen Landessprache von Fioris VI und Hugo de Groot bzw. Napoleon Puppy & Los Ovnis, in Italien beschränkte man sich hingegen auf eine italiensche Bearbeitung. Während heute kaum noch bekannt sein dürfte, wer sich hinter diesen Pseudonymen verbarg weiß man das zumindest bei der aufgrund des großen internationalen Erfolges unausbleiblichen deutschen oder konkret hessischen Version „Ich glaab’, die hole mich ab“ von Malepartus II. Hinter diesen unkonventionellen Herrschernamen steckte nämlich die legendäre deutsche Beatformation Kingbeats, die den Titel für die Rückseite ihrer Single „Lisbet“, der deutschen/hessischen Version von „Wild Thing" der Troggs (1966; A # 5, D # 7, UK # 2, US # 1) aufnahm. Beide Titel sind übrigens auf dem passend betitelten Sampler „Kopfschuß-Hits" zu hören.

Die ersten 16 Titel auf “Napolean Complex” erschienen 1966, die restlichen vier aufgelisteten Tracks hingegen in den 80ern und deren Unterhaltungswert lässt deutlich zu wünschen übrig, denn etwa die Funkversion von Mad Dog Society ist nur bedingt originell und die Coverversion von Lard ist schlicht enervierend. Dieser Lapsus wird aber glücklicherweise durch den am versteckten Bonustrack ausgeglichen, bei dem es sich um „!aaaH-aH, yawA eM ekaT oT gnimoC er’yehT" handelt, der Originalrückseite von „They're Coming To Take Me Away, Ha-Haaa!!!" handelt.

Abschließend noch ein Tipp: Psychisch Labile sollten sich das Album eher nicht ununterbrochen anhören, aber es eignet sich vorzüglich dazu, wenn die Schwiegermutter mal wieder zu lange da ist bzw. man die Nachbarn zur Verzweiflung treiben will

(8/10)

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