Interview mit Terje & Janove von Kaizers Orchestra, 28.09.2005
Bereits zum dritten Male gastierten Kaizers Orchestra am 28.09.2005 in der alten Kaiserstadt Wien und wurden bei dieser Gelegenheit entsprechend geehrt. Die Auszeichnung erfolgte aber nicht etwa in Form einer Sympathiekundgebung kaizertreuer Fans, sondern einer Einladung in die norwegische Botschaft.
Ob dort das Buffet zu üppig oder man sich bloß verplaudert hat ist ungewiss, jedenfalls verzögerte sich der Termin für das Interview bzw. der Audienz um eine knappe halbe Stunde. Diese Verspätung war natürlich ohne weiteres zu verschmerzen, schließlich durfte ich mit Sänger Janove Ottesen und Gitarristen Terje Vintersto gleich zwei Kaizer zum Interview begrüßen, um mit ihnen u.a. über das aktuelle Album „Maestro“ zu plaudern und nebenbei zu erfahren, warum die Band „Schnappi“ etwas Positives abgewinnen kann.
Euer neues Album „Maestro“ schaffte schlagartig den Sprung an die Spitze der norwegischen Albumcharts und verkaufte sich auch ausgezeichnet in Dänemark. Wenn man mal vom kommerziellen Erfolg absieht, haltet ihr „Maestro“ für euer Meisterwerk?
Terje
Das ist gar nicht so abwegig. Bei „Maestro“ waren viele Elemente auf einem höheren Level als auf unseren bisherigen Alben, sei es die Produktion, Arrangements, Songwriting, das Konzept oder die Texte. Ich kann aber verstehen, warum man unser Debut „Ompa Til du Dør“ auch als Meisterwerk betrachtet wird. Es war fast eine Sensation, als es damals herauskam und es steckt voll jener ungebremsten Energie und Unbeschwertheit, die du nur beim ersten Album hast
Janove
Wir haben „Ompa Til du Dør“ in nur sechs Tagen aufgenommen
Terje
... und am siebten Tag hatten wir eine Party! (lacht)
Ich hatte die verwegene Idee, die Alben von Kaizers Orchestra mit Meilensteinen der Beatles gegenüberzustellen, also euer Debut „Ompa Til du Dør“ vergleichbar mit dem ersten Beatles-Album „Please Please Me“, „Evig Pint“ mit „Rubber Soul“ und schließlich „Maestro“ mit „Sgt Pepper“. Was haltet ihr von diesem Vergleich?
Janove
Naja, das Einzige was in dem Zusammenhang passt ist eigentlich unser erstes Album, denn das ist irgendwie voller Naivität und Unbekümmertheit
Terje
Hm... Ich würde den Vergleich eher mit Radiohead machen … Sie hatten „Pablo Honey“, danach „The Bends“ und schließlich ihr Meisterwerk „OK Computer“. Sie fingen also als Punkrock Band an, schafften damit den Durchbruch, was uns letztlich auch mit dem Debutalbum gelang. Dann folgte mit „The Bends“ eher ein Rock Album und das versuchten wir auf “Ewig Pint”. “OK Computer ist schließlich ihr Meisterwerk, hier ist alles in viel besserer Qualität als auf den anderen Platten, sei es in Hinblick auf die Songs oder der Produktion und das gilt eben auch für „Maestro“
Janove
Auf alle Fälle hat „OK Computer“ mehr Exemplare verkauft als wir jemals schaffen werden. Wir sind aber natürlich voll mit „Maestro“ zufrieden und das gilt auch für die Tour, die so ziemlich ausverkauft ist.
Das hat sich unlängst in Berlin bestätigt, wo ihr in einem Lokal aufgetreten seid, für das eigentlich nur 350 Personen zugelassen waren und sich 500 reindrängten. Als Draufgabe hattest du (Janove) dann noch einen Kreislaufkollaps.
Janove
Ja, es war ziemlich heiß und überfüllt, die hatten da keine Ventilation
Das klingt irgendwie nach dem legendären Cavern Club in Liverpool, wo einst der Schweiß von der Decke tropfte
Terje Ja, das war wirklich so ähnlich
Janove
Wir brauchten ungefähr eine Stunde, bis wir wieder OK waren. Die norwegischen Medien haben übrigens dramatischer über den Vorfall berichtet als er letztlich eigentlich war
Ihr seid zu Universal gewechselt und wie es derzeit aussieht macht sich dieser Schritt bezahlt, denn dadurch habt bessere Produktionsmöglichkeiten, Distribution usw. So mancher Fan befürchtete durch den Wechsel zum Majorlabel, dass ihr kommerzieller werdet, euren Stil ändert etc. aber dem ist glücklicherweise nicht so.
Terje
Das liegt daran, dass bei der Produktion eigentlich alles beim Alten blieb. Wir hatten das selbe Studio, den gleichen Produzenten wie auf unseren bisherigen Alben. Einer der wenigen gravierenden Unterschiede ist, dass diesmal der Produzent bezahlt wurde. Das letzte Mal mussten wir unsere damalige Plattenfirma verklagen, da die ihm nichts zahlten. Außerdem werden nun alle Distributionsangelegenheiten weit besser organisiert. Auf einer unserer letzten Promotiontouren spielten wir in etlichen Ländern, wo es unser Album noch nicht einmal gab und ich glaube die haben es mittlerweile immer noch nicht. Jetzt haben wir eine Plattenfirma, die für die entsprechende Promotion und den Vertrieb sorgt. Davor hatten wir lediglich eine Firma in Norwegen, die bei kleinen Labels in den jeweiligen Ländern die Distributionen ausgehandelt hat. In manchen Ländern klappte das bestens, anderswo wiederum überhaupt nicht. Dank dem Deal mit Universal funktioniert das nun alles reibungslos
Hat sich mit eurem neuen Album auch eure Liveshow geändert? Gibt es neben den allseits beliebten Ölässern oder der Sirene neue Elemente
Janove
Mit neuen Songs ändert sich klarerweise so Manches, wie etwa das Licht oder der Sound. Die Sirene gibt es übrigens nicht mehr, sie ging kaputt
Habt ihr schon versucht eine Neue aufzutreiben, sei es via ebay oder auf Flohmärkten?
Janove
Das ist gar nicht so einfach, wenn du mal eine sehen solltest lass es uns bitte wissen!
Auf dem Album „Burli“ der deutschen Band Sportfreunde Stiller trägt ein Bandmitglied ein Kaizers Orchestra-T-Shirt. Kenn ihr die Band eigentlich persönlich?
Janove
Klar kennen wir die, sie haben uns auf ihr Sport+Freunde Festival 2005 im August eingeladen und sind große Fans von uns. Außerdem ist es toll, wenn andere Musiker Fans von Kaizers Orchestra sind und nicht bloß Fans oder Presseleute.
Es gibt eine amerikanische Kaizers Orchestra Cover Band namens Resistanten, die aus dem 5000 Seelen-Nest Hellertown in Pennsylvania stammen. Macht es euch Stolz, wenn eine Band aus einem Land, in dem ihr noch nicht einmal aufgetreten seid ,euch Tribut zollt?
Janove
Für mich hat das nichts mit Stolz zu tun, ich finde es eigentlich nur witzig und etwas bizarr.
Terje
Es gibt auch eine norwegische Coverband namens Katastrofen, die wir uns auch mal angesehen haben.
Wie hörte sich das an, war die Show ähnlich actiongeladen wie Eure?
Janove
So ziemlich. Ihr Schlagzeuger war OK, aber sie hatten einen schlechten Gitarristen. Es war also musikalisch nicht wirklich gelungen, machte aber eine Menge Spaß und wir sehen das als eine Ehre.
Weil wir schon von Ehrungen reden, heute wurde ihr von der norwegischen Botschaft eingeladen. Gab es dafür eine speziellen Anlass?
Janove
Wir wurden eingeladen, damit sie uns kennenzulernen und mit uns darüber zu plaudern, was wir so machen. Offenbar brauchen Sie Beispiele von guten norwegischen Exportartikeln und das sind wir nun mal.
Terje
Wir sind von Norwegen, singen Norwegisch und sind damit international erfolgreich. Das ist bislang noch niemanden gelungen und das beeindruckt natürlich
Es ist sicherlich eine große Ehre für euch, schließlich kommen ständig Bands aus der ganzen Welt nach Wien, die aber nicht von ihrer Botschaft eingeladen werden
Janove
Wie gesagt, es war sehr nett und sie haben uns für das nächste Mal wieder eingeladen. Da kann man natürlich schwer ablehnen.
Terje
Für ein Gratisessen nehmen wir eine derartige Einladung gerne in Kauf! (lacht)
Kaizers Orchestra hat das, was man in der Werbebranche als Unique Selling Proposition bezeichnet, d.h. aufgrund eurer Einzigartigkeit und des damit verbundenen Bekanntheitsgrades seid ihr prinzipiell gute Werbeträger. Habt ihr eigentlich schon Werbung gemacht oder gibt es entsprechende Pläne, passenderweise etwa Hämmer oder anderes Werkzeug zu bewerben?
Janove
Wir hatten bereits einige Angebote, haben aber abgelehnt. Sollte aber das Produkt, das wir bewerben sollen, zu uns und unserer Musik passen und natürlich auch das Geld stimmen sind wir natürlich nicht abgeneigt.
Läßt sich eigentlich das Phänomen Kaizers Orchestra in einem Wort umschreiben?
Janove
Natürlich ...Sexy!
Weniger sexy dürftest du laut einem Interview „Schnappi“ finden ...
Janove
Meine Abneigung zu „Schnappi“ hat sich aber relativiert, denn „Schnappi“ oder besser gesagt das Mädchen, das dahintersteht ist bei Universal Deutschland unter Vertrag und das Geld, dass durch „Schnappi“ eingenommen wurde wird bei uns investiert. Deshalb nehmen wir das Geld von Schnappi und verwenden es beispielsweise dafür, Videos oder DVDs zu produzieren
In gewisser Weise besteht also eine Art Symbiose zwischen Schnappi und Kaizers Orchestra
Terje
Kaizers Orchestra sind ein relativ kleines Projekt für Universal Deutschland. Wir haben schließlich nicht das größte Potential was Plattenverkäufe betrifft. „Schnappi“ hat sich hingegen millionenfach verkauft. Wir werden niemals Millionen von Platten verkaufen, wenn es gut geht ein paar 100.000. Dementsprechend macht Universal nicht mit uns das große Geld, sondern mit „Schnappi“ und anderen Kommerzschrott. Unter diesem Gesichtspunkt ist das natürlich gut, denn sie müssen schließlich auch Geld verdienen und das können sie dann für uns ausgeben. In diesem Sinne, danke Schnappi!
In Österreich war kürzlich eine öffentliche Diskussion rund um die Nationalhymne, die einige Politiker und feministische Kreise für unzeitgemäß halten. So heißt es etwa darin „Heimat bist du großer Söhne“, wobei die Töchter aber unerwähnt bleiben. Manche befürworten eine entsprechende Änderung, aber die meisten halten das für völlig überflüssig und sind der Ansicht, dass sich die Politiker lieber mit wichtigeren Themen beschäftigen sollten. Gibt es eigentlich in Norwegen ähnliche Diskurse?
Janove
Ich verfolge die Politik in Norwegen kaum. Ich glaube jedenfalls, in Österreich sollten sie das tatsächlich ändern, allerdings in Hinblick auf die vielen österreichischen Kaizers Orchestra-Fans anstatt auf Söhne und Töchter
Du meinst es sollte vielleicht „Heimat bist du großer Kaizer“ heißen?
Janove
Genau!
Du hast im Frühjahr ein Soloalbum namens „Francis’ Lonley Nights“ veröffentlicht. Bist du mit der Resonanz zufrieden?
Janove
Absolut, es hat an die 25.000 Stück verkauft, das ist großartig für ein Nebenprojekt, speziell wenn man bedenkt, dass ich relativ wenig Zeit dafür investiert habe. Möglicherweise hätte noch mehr verkaufen können, wenn ich intensiver daran gearbeitet hätte. Ich habe das Album in knapp 2 Wochen aufgenommen, machte eine dreiwöchige Tour, verbrachte eine Woche mit Promotionterminen und Interviews und das war’s.
Das war’s dann leider auch schon wieder mit dem Interview, denn die beiden Kaizer wurden zum Soundcheck beordert. Wie das Leben so spielt war es allerdings nicht das letzte Mal, dass ich an diesem Abend mit den Beiden plaudern konnte. Kurz vor dem Auftritt des äußerst unterhaltsamen, kanadischen Akkordeon-Stand-Up-Zynikers Geoff Berner, der das Publikum für Kaizers Orchestra perfekt einstimmte, liefen mir Janove & Treje nochmals über den Weg, machten mich darauf aufmerksam, dass ich mir Mr. Berner keinesfalls entgehen lassen sollte und mischten sich dann fast unerkannt unters Volk.
Wie im Interview angekündigt gestaltete sich das folgende restlos ausverkaufte Kaizers Orchestra-Konzert tatsächlich anders als ihre bisherigen Gastspiele. Wie gehabt waren Janove & Co. mit ihrem bewährten Mix aus Rock, Polka & Performance ein Garant für ausgelassene Stimmung. Gleichzeitig sorgte aber das ganz im Zeichen des neuen Albums „Maestro“ stehende Bühnenprogramm dafür, dass die früher die Show dominierenden, mit Eisenstangen traktierten Ölfässer fast zu einer nostalgischen Randerscheinung reduziert wurden. Mit anderen Worten, mehr Rock als „Stomp“, was aber für altgediente Kaizertreue absolut nachvollziehbar ist, schließlich sind Kaizers Orchestra weit mehr als lediglich die Band mit den Ölfässern, Gasmasken und der Sirene, wobei letzteres Showelement zuvor erwähnt leider nicht mehr mit von der Partie ist. Sollte aber jemand, der diese Zeilen liest, zufälligerweise eine im Keller herumliegen haben und nichts damit anzufangen wissen würden sich Janove & Co. kaizerlich darüber freuen. Viele Fans sicherlich auch..