MASSIVE NEW RECORDS 2002

MASSIVE NEW RECORDS 2002


23. März 2008

Hier ist alles aufgelistet, was im Laufe des Jahres 2002 seinen Weg in meinen Plattenschrank bzw. CD-Regal gefunden hat. Natürlich kann ich aus Zeitgründen nur einen Bruchteil dieser Scheiben rezensieren (Bewertungsnoten von 1-10; 1 Sondermüll, 10 neue Maßstäbe setzendes bzw. genrebildendes Meisterwerk) und beschränke mich deshalb großteils auf Raritäten, Kurioses und zu unrecht längst vergessenes, denn allseits bekannte Platten, ob Neuerscheinung oder Klassiker, wurden bzw. werden ohnehin ausreichend in einschlägigen Magazinen, Homepages etc. besprochen. Wer seine Meinung zu meinen Kritiken kundtun will oder inhaltliche Fehler entdeckt klickt einfach hierher.


THE COMPLETE MASSIVE NEW RECORDS 2002


Single (78 RPM):

Freddy - Heimweh/Sie hieß Mary-Ann

Single (45 RPM):

Udo Jürgens – Deine Einsamkeit/Peace Now
Das Primo-Entchen – Der Primo-Rock’n’Roll
O.C. Smith - The Son Of Hickory Holler's Tramp

LP:

Various Artists – That’s Underground

MCDs:

Badly Drawn Boy - You Were Right
Foo Fighters – All My Life
Goldtrix presents Andrea Brown - It’s Love (Trippin’)
Lorien - Ghostlost
Spiritualized - I Think I'm In Love
Spiritualized - Abbey Road EP
Angie Stone - Wish I Didn’t Miss You

CDs:

Björk - Greatest Hits
Chris de Luca & Peabird - Deadly Wiz da Disko
DSP - In The Red
Dubblestandart – Streets Of Dub
Edition Terranova - Hitchhiking Non-Stop With No Particular Destination
Eight Miles High - Katalog
Herbert - Around The House
Julia - Put To Sleep EP
Lambretta - Lambretta
Litterbox – Fields Of May
Hugo Montenegro - Moog Power
Nelly - Nellyville
Nuspirit Helsinki - Nuspirit Helsinki
Pina - Quick Look
Robert Plant - Dreamland
Playgroup - DJ Kicks
Recloose - Cardiology
Smith & Mighty - Life Is
Soundtrack – Y Tu Mama Tambien
Die Sterne – Irres Licht
Supermen Lovers - The Player
Swayzak - Dirty Dancing
Temptations - One By One
Turismo - Die riesige Nacht/The Gigantic Night
Best of 1990-2000 & B-Sides + DVD (Limited Edition)
Walkabouts - Drunken Soundtracks
Zombies – The EP Collection
Various Artists - Black Coffee Chapter 4
Various Artists - Dino & Terry present Deep:Inside Vol. 1
Various Artists - Electric Kingdom - Elektronische Lieder
Various Artists - If I Were A Carpenter
Various Artists - Northern Soul Time
Various Artists - Northwest Battle Of The Bands Vol. 2
Various Artists - Northwest Battle Of The Bands Vol. 3
Various Artists - Nu Jazz Vol. 3


Location/Date:
Fischer Music & Chronicle, 20.12.2002,

Stereo MCs – Deep, Down & Dirty (2001, CD)

Location/Date:
Saturn Mariahilferstraße, 19.12.2002,

Various Artists - Northwest Battle Of The Bands, Vol. 3 (2001, CD)

1. Rocky & The Riddlers - Flash & Crash (1966)
2. Raymarks - No Name (1965, bislang unveröffentlicht)
3. Don & The Goodtimes - I'm Real (1966)
4. Accents - I Want Your Love (1965)
5. Liberty Party - Jim's Milk Song (1966, bislang unveröffentlicht)
6. Moguls – Ski Bum (1966)
7. Dimensions – Penny (1965)
8. Live Five – Hunose (1966)
9. Sonics - Maintaining My Cool (1966, bislang unveröffentlicht)
10. Heirs - Do You Want Me (1966)
11. Mr. Lucky & The Gamlers - Take A Look At Me (1966)
12. Bandits - Just Can't Go To Sleep (1965, bislang unveröffentlicht; Originalversion: Kinks, 1965)
13. Tom Thumb & The Casuals - Go Go Time (1965, bislang unveröffentlicht)
14. The Other Two - Look Around (1966)
15. Beachcombers - Farmer John (1966; Originalversion: Don & Dewey; Hitversion: Premiers; 1964; US # 19)
16. Juvenlines - Bo Diddley (1965; Originalversion: Bo Diddley; Hitversion: Buddy Holly, 1963; UK # 4)
17. Tempests - Our Loving Ways (1966)
18. New Yorkers – Again (1968)
19. Rocky & His Friends - You're Not Wrong (1965)
20. Scotsmen - Tuff Enough (1965)
21. Page Boys - I'll Be There (1966, bislang unveröffentlicht)
22. Sonics - Lost Love (1967)
23. George Washington & The Cherrybombs - It Takes Love (1966, bislang unveröffentlicht)
24. Liberty Party - Get Yourself Home (1965)
25. Tymes Children - Beaver Patrol (1966, bislang unveröffentlicht; Originalversion: White Knights, 1966)
26. Bag - Incubatin' Middle Of The Night Gryratin' Blues (1965)
27. Brave New World - The Train Kept A Rollin' (1967, bislang unveröffentlicht; Originalversion: Tiny Bradshaw)
28. Little John & The Monks - Too Many People (1966, bislang unveröffentlicht)
29. Secret Agents & The Vice Squad - Things Happen (1965)
30. Dynamics - What Kind Of Day Is This (1966, bislang unveröffentlicht)

Wie seine beiden Vorgänger geizt auch die die dritte Ausgabe dieser Garagenpunk-Compilationreihe nicht mit Raritäten und bislang unveröffentlichtem Material aus den Archiven von Jerden Records. Wir treffen hier auf einige alte Bekannte des Genres wie den auf ”Back From the Grave Vol. 4” bereits vorgestellten Moguls, aber auch einige Bands, die bereits auf ”Northwest Battle Of The Bands Vol. 2” vertreten waren wie etwa Don & The Goodtimes, den Raymarks, den Sonics oder auch Rocky & The Riddlers, deren explosives „Flash & Crash“ dieses Album eröffnet.

Mr. Lucky & The Gamblers hatten mit dem aufsehenerregenden “Take A Look At Me” zwar nicht das nötige Glück, damit einen Hit zu landen, aber zumindest wird ihnen die Ehre zuteil, die Band mit dem originellsten Namen auf diesem Album zu sein. Darüberhinaus haben sie scheinbar 1966 die Erfindung des Mikrowellenherds vorweggenommen, denn durch den gesamten Song hört man das dazugehörige charakteristische Klingeln, weshalb nervenschwache Mikrowellenköche diesen Song beim zubereiten eines Mahls eventuell nicht hören sollten.

Wenn man von der Go-Go-Bar-Hommage „Go Go Time“ von Tom Thumb & The Casuals mal absieht haben beim originellsten Songtitel eindeutig Bag mit “Incubatin' Middle Of The Night Gryratin' Blues“ die Nase vorn, das sich anhört, als würde Bob Dylan „I Should Have Known Better“ von den Beatles zu adaptieren.

Eine weitere lobende Erwähnung gebührt Rocky & His Friends, hinter denen keine Geringeren als die anfangs erwähnten Rocky & The Riddlers stecken, für die beste gesangliche Ringo Starr-Immitation auf „You're Not Wrong“.

Da das Repertoire fast aller Garagenbands großteils aus Coverversionen bestand ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass auch hier einige aufscheinen wie etwa die Bandits mit einem netten Cover des relativ unbekannten Kinkssongs „Just Can't Go To Sleep“, den Tymes Children, die sich an dem Garagenrockklassiker „Beaver Patrol“ der White Knights versuchen, den Beachcombers und ihrer Interpretation von „Farmer John“ oder den Juveniles mit einer intensiven Variante von „Bo Diddley“.

Puncto Intensität sind diese Coverversionen aber gegen den wohl besten Track dieses Albums chancenlos, nämlich „The Train Kept A-Rollin’" von Brave New World. Diese Band, die mit „It’s Tomorrow“ eine einzige Single veröffentlichte (das aber gleich dreimal) und auch auf ”Northwest Battle Of The Bands Vol. 2” inkludiert ist, nahm 1967 dieses bislang in den Archiven schlummernde Demo auf, das sämtliche Versionen dieses Klassikers, den neben dem Johnny Burnette Trio vor allem die Yardbirds populär machten und danach von unzähligen Garagenbands aufgenommen wurde, in seiner ungeschliffenen Rauhheit hinter sich läßt. Bereits die ersten Gitarrenakkorde rechtfertigen die Anschaffung dieser Compilation und es bleibt zu hoffen, dass sich weitere derartige Schätze in den Archiven von Jerden befinden, damit sich vielleicht auch eine vierte Ausgabe dieser Serie zustande kommt.

(7/10)

Location/Date:
Saturn Mariahilferstraße, 13.12.2002,

Soundtrack – Y Tu Mama Tambien (2001, CD)

1. Molotov vs. Dub Pistols - Here Comes The Mayo
2. Plastilina Mosh & Tonino Carotone with Chalo from Volovan - La Sirenita
3. Eagle Eye Cherry - To Love Somebody
4. Senor Coconut - Showroom Dummies
5. Cafe Tacuba - Insomnio
6. Natalie Imbruglia - Cold Air
7. Bran Van 3000 f/ Eek-A-Mouse - Go Shopping
8. Flaco Jimenez - Flaco Jimenez
9. Titan & La Mala Rodriguez - Afila el Colmillo
10. Smokey & Milo - Ocean In Your Eyes
11. La Revolucion de Emiliano Zapata - Nasty Sex
12. Brian Eno - By This River
13. Marco Antonio Solis - Si No Te Hubieras Ido
14. Frank Zappa - Watermelon In Eastern Hay

Vielfach wurde der Golden-Globe-nominierte Film „Y Tu Mama Tambien“ als mexikanische Variante von „American Pie“ angekündigt, aber bereits nach wenigen Sekunden bzw. der ersten heftigen Kopulation werden alle derartigen Vergleiche ad absurdum geführt, denn schließlich handelt es sich hier um keine High School-Komödie, sondern um einen Roadmovie mit starken sozialkritischen Untertönen, die sich in Form von scheinbar beiläufigen Kommentaren und Bildern durch die Handlung schwindeln. Außerdem liegt der grundlegende Unterschied darin, dass sich die American Pie-Protagonisten sich unter anderem notgedrungen mit dem titelgebenden Kuchen vergnügen müssen, während Julio und Tenoch, die Hauptdarsteller von „Y Tu Mama Tambien“ in jeder Beziehung sehr wohl wissen, wie der Hase läuft, wovon man sich in den rund 105 intensiven, witzigen und mitunter überraschenden Filmminuten überzeugen kann.

„Y Tu Mama Tambien“ wäre aber nicht dasselbe ohne dem dazugehörigen exzellenten Soundtrack, mit dem man diesen in vielfacher Hinsicht heißen Roadtrip immer wieder neu erleben kann, aber durchaus auch ohne den Film gesehen zu haben seine Wirkung entfaltet. Zusammengestellt hat diesen stilistisch weit gefächerten Mix von zeitgenössischer Rock/Pop-Musik vor bzw. jenseits des neuen eisernen Vorhangs, der bekanntlich die USA von Mexiko trennt, Liza Richardson von der renommierten alternativen Radiostation KCRW aus Los Angeles, die ihre Hörer regelmäßig mit derartigen unkonventionellen Stilmischungen verwöhnt.

Angeführt von Molotov, dank ihres Hits „Voto Latino“ hierzulande sicherlich die bekannteste mexikanische Formation und Titan, die mit ihrem Carole King-Cover „Corazon“zumindest auf FM4 zu Airplayehren kamen, unterstreichen außerhalb Mittel/Südamerikas gänzlich unbekannte Bands wie Plastilina Mosh, Cafe Tacuba, Titan oder Smokey den hohen Level der mexikanischen Musikszene, der teilweise bereits auch in den 60ern gegeben war. Ein Beleg dafür ist sind die ebenfalls hier inkludierten La Revolucion de Emiliano Zapata mit ihrem zur Filmthematik passenden Song “Nasty Sex” aus dem Jahre 1971. Darüberhinaus finden wir hier mit Flaco Jimenez einen Vertreter der traditionellen mexikanischen Mariachi-Musik, dessen “La Tumba Sera El Final” klingt als würde Adriano Celentano mit Dr. Kurt Ostbahn im Duett singen und für die Kuschelrockabteilung ist der in Mexico überaus populäre Marco Antonio Solis zuständig, dessen “Si No Te Hubieras Ido” ohne der Verwendung in einer Schlüsselszene des Films vermutlich kaum europäische Hörer finden würde.

Ähnlich verhält es sich mit “Go Shopping“ von Bran Van 3000, für das sich zum Zeitpunkt des erstmaligen Erscheines 2001 kaum jemand interessierte, was vermutlich auch daran lag, daß die prägnanten Stimme von Gastsänger Eek-A-Mouse beim einmaligen Hören eher einen pseudooriginellen Eindruck vermittelte als durch Coolness begeisterte, hier aber durch die Assoziation mit den dazugehörigen Filmbildern weitaus sympathischer wirkt.

Hohe Sympathiewerte erzielen auch das wundervolle “Cold Air” von Natalie Imbruglia und Eagle-Eye Cherrys interessantes Bee Gees-Cover “To Love Somebody als auch Senor Coconut mit seiner Cha-Cha-Cha-Adaption von Kraftwerks „Showroom Dummies“, die möglicherweise Appetit auf das dazugehörige Album “El Baile Aleman“ macht, wo 9 weitere Kraftwerk-Songs wie „Radioactivty“, „Autobahn“ oder „Tour de France“ beinahe zu lateinamerikanischen Standards mutieren. Unverfälscht sind dagegen Brian Enos “By This River” und Frank Zappas neunminütiges Instrumentalepos “Watermelon In Eastern Hay”, die für alle nach 1980 Geborenen Nachhilfeunterrricht in Sachen Pophistorie liefern.

Was diesen Soundtrack neben der ausgezeichneten Musikselektion wirklich auszeichnet sind neben den Filmfotos die Anmerkungen zu jedem einzelnen Song im Booklet, bei denen man Details und Hintergründe zu den agierenden bzw. im Film nur erwähnten Personen erfährt, Filmszenen ausgebaut werden etc. Daran sollte sich so mancher Soundtrack-Gestalter ein Beispiel nehmen.

(8,5/10)


Review für , 01.12.02

Julia - Put To Sleep EP (2002, CD)


Review für , 24.11.02

Badly Drawn Boy - You Were Right (2002, MCD)


Review für , 24.11.02

Supermen Lovers - The Player(2002, CD)


Review für , 22.11.02

Best of 1990-2000 & B-Sides + DVD (Limited Edition)(2002, 2 CD)


Review für , 18.11.02

Björk - Greatest Hits (2002, CD)


Review für , 09.11.02

Various Artists - Electric Kingdom - Elektronische Lieder (2002, 2 CD)

Saturn Mariahilferstraße, 25.10.2002,

Foo Fighters – One By One (CD)
Feeder – Comfort In Sound (CD)


Review für , 20.10.02

Litterbox – Fields Of May (2002, CD)


Review für , 13.10.02

Edition Terranova – Hitchhiking Non-Stop With No Particular Destination (2002, CD)


Review für , 12.09.02

Dubble Standart – Streets Of Dub (2002, CD)


Review für , 11.10.02

Foo Fighters – All My Life (2002, MCD)

Location/Date: Flohmarkt Neubaugasse, 27.09.2002

Freddy – Heimweh/Sie hieß Mary-Ann (78 RPM-Single, 1956)


Gibt es abgesehen von altersbedingter Sentimentalität oder unfreiwilliger Komik tatsächlich noch weitere Gründe, sich eine Platte von Freddy Quinn zu kaufen? Doch, die gibt es, nämlich wenn sie sich auf 78 Touren dreht, statt Vinyl aus Schellack hergestellt wurde, in einem Original Polydor-Lochcover steckt und sich überdies noch in gutem Zustand befindet, was bei diesen Tonträgern bekanntlich eher selten der Fall ist.

Damit habe ich doch noch unerhofft Gelegenheit dazu bekommen, erstmals den Drehgeschwindigkeitsschalter meines guten alten Philips-Kofferplattenspielers auf „78“ zustellen und mit „Heimweh“ (1956, A # 1, D # 1, im Original „Memories Are Made Of This" von Dean Martin (1956; UK & US # 1) einer Platte lauschen, die sich unglaubliche 8 Millionen mal verkaufte. Einmal Reinhören reicht allerdings vollkommen, gleiches gilt auch für die Rückseite oder vielmehr der eigentlichen A-Seite„Sie hieß Mary-Ann“. Dabei handelt es sich um die deutsche Version von Tennessee Ernie Ford’s „16 Tons“ (1955; UK # 1, US # 1), das textlich von einer Schilderung aus dem Fernfahrermilleu zur Lebensgeschichte eines Seemanns und seiner lebenslangen Fixierung auf ein Schiff namens Mary-Ann mutierte und damit Freddy auf Lebenszeit zum fernwehkranken Jungen aus St. Pauli stempelte.

(6/10 inkl. Schellackbonus)

Udo Jürgens – Deine Einsamkeit/Peace Now (1970, Single)


Wenn man wie Udo Jürgens seit mittlerweile 1954 (!) regelmäßig Singles veröffentlicht kann es schon mal vorkommen, dass so manche erfolgreiche Platte in völlige Vergessenheit gerät. Ein Beispiel dafür ist „Deine Einsamkeit“ (1970; A # 2, D # 14), das man nach 1970 nur mehr selten im Radio gehört hat, was höchstwahrscheinlich daran liegt, dass es textlich weder von griechischen Wein noch rüstigen Rentnern handelt.

Tatsächlich verdient diese Single weitaus mehr Beachtung, denn begleitet wird Udo Jürgens von dem britischen Produzenten Johnny Harris und seinem Orchester und das ist durchaus bemerkenswert, denn Harris arbeitete bereits mit Größen wie Shirley Bassey oder Tom Jones. In derartige Superstarkategorien konnte sich Udo Jürgens mit dieser Single zwar nicht katapultieren, aber zumindest gelang hier eine gediegene Produktion inklusive Phasing-Effekte, die möglicherweise englisch gesungen (und mit einem anderen Interpreten) nicht nur im deutschen Sprachraum ein Hit werden hätte können.

Was auf der A-Seite verabsäumt wurde holt Udo allerdings auf der Rückseite „Peace Now“ nach. Dieser im damals überaus populären Gospel/Soul-Sound gehaltenen, fast schon funkige flammende Friedensappell erfreute sich in Österreich kurzfristig einiger Beliebtheit und kletterte in den dortigen Charts bis auf Platz 9, um danach ebenso wie „Deine Einsamkeit“ gnadenlos von den Playlists der Radiosender gestrichen zu werden.

Deine Einsamkeit (7/10)
Peace Now (6/10)

O.C. Smith – The Son Of Hickory Holler’s Tramp (1968, Single)

Ocie Lee Smith startete seine Karriere in den 50ern als Entertainer in der US Army und brachte es danach bis zum Leadsänger des Count Basie Orchestras. Nach Beendigung dieses Engagements und einer kleinen Korrektur seines Vornamens auf O.C. Smith nahm er vorerst erfolglos einige Solosingles auf, darunter „That's Life", aus dem ein paar Jahre später Frank Sinatra einen Klassiker machen sollte. Der Durchbruch gelang Smith mit dem sozialkritischen Soulsong “The Son Of Hickory Holler's Tramp” (1968; A # 7, D # 19, US # 38), in dem es darum geht, dass eine von ihren Mann sitzengelassene Mutter von 14 Kindern der Prostitution nachgehen muß, um ihre Sprösslinge zu ernähren. Diese Thematik war im prüden Amerika natürlich Grund genug für fast flächendeckenden Radioboykott, weshalb es die Single gerade in die Top 40 schaffte. Mit dem weitaus unverfänglicheren und einem Grammy ausgezeichneten „Little Green Apples” (A # 7, US # 2) konnte er seinen größten Hit feiern, dem bis 1970 noch sechs weitere Chartsingles folgten. Als danach die Plattenverkäufe nachließen widmete er sich wie Sangeskollege Al Green verstärkt den geistlichen Studien und leitete schließlich bis zu seinem Tod 2001 als Reverend die City of Angels Church of Religious Science in Los Angeles.

(8/10)

Various Artists – That’s Underground (1968, LP)

Electric Flag - Killing Floor (1968)
Spirit - Mechanical World (1968; US # 123)
Chambers Brothers - Time Has Come Today (1968; US # 11)
Leonard Cohen – Suzanne (1968)
Moby Grape - Can't Be So Bad (1968)
Big Brother & The Holding Company - Piece Of My Heart (1968, US # 12; Originalversion: Erma Franklin (1967; US # 68, 1992; UK # 9)
The United States Of America - Hard Coming Love (1968)
Blood, Sweat & Tears - My Days Are Numbered (1968)
Bob Dylan - Highway 61 Revisited (1966)
Mike Bloomfield, Al Kooper, Steve Stills - You Don't Love Me (1968)

Die immer komplexeren Strukturen der Rockmusik der späten 60er brachten es unter anderem mit sich, dass die LP gegenüber der Single immer mehr an Bedeutung gewann, da sich viele Albumtracks kaum für Singleauskopplungen eigneten und dementsprechend kaum radiotauglich waren. Ohne Radioairplay hielt sich auch der Bekanntheitsgrad zahlreicher Bands, die in den USA bereits hohe Albenumsätze verzeichneten, in Europa lange Zeit eher in Grenzen. Das sollte sich aber Ende 1968 ändern, als CBS/Columbia mit der Veröffentlichung der Compilation „That’s Underground“ 10 seiner „alternativen“ Bands eine vielbeachtete Plattform verschaffte. Die Popularität dieses Albums beruht allerdings nicht nur auf der darauf enthaltenen Musik, sondern auf dem bunten Vinyl, das dieser Platte den richtigen marketingträchtigen psychedelischen Touch verpasste und man hier Bewundern kann. Auch der Text auf dem Cover verspricht einiges:

THE ROCK MACHINE TURNS YOU ON. The UNDERGROUND SOUND is driving, is searching. Is music. It's your bag. So it's ours. It's the Super Stars. And the Poets. It's the Innovators and the Underground. It's the Loners and the Lovers. And it's more. Much more...

Ein erster Blick auf die Liste der hier vertretenen Interpreten lässt allerdings eine Themenverfehlung vermuten, denn Leonard Cohen oder Blood, Sweat & Tears sind allesamt nicht wirklich dem Begriff „Underground“ zuzuordnen und auch die Inkludierung von Bob Dylans damals schon 2 Jahre alten und dementsprechend hier fast anachronistisch anmutenden „Highway 61 Revistied“ erscheint rätselhaft. Weitaus mehr Underground-Status haben hingegen die Jazzrocker Spirit, die legendären Moby Grape und der vom Ausnahmegitarristen Mike Bloomfield gegründeten Formation Electric Flag, die Soul & Rock fusionierten. Bloomfield ist gemeinsam mit Blood, Sweat & Tears-Keyboarder Al Kooper und Buffalo Springfield-Gitarristen Steven Stills noch ein weiteres Mal auf diesem Album vertreten, nämlich mit dem großartigen, mit jeder Menge Echoeffekten aufgepeppten „You Don’t Love Me“. Dieser Song ist übrigens einer der sagenumwittersten Titel der Popgeschichte, denn es scheint offenbar niemand den Originalinterpreten zu kennen, , aber dafür existieren unzählige, stilistisch unterschiedliche Coverversionen wie etwa von den amerikanischen 60s Bands wie Quicksilver Messenger Service oder Kaleidoscope, den garagenrockenden Girlgroups Kim & Grim und Starlets (beide veröffentlicht 1965 und zu hören auf der empfehlenswerten Compilationserie „Girls In the Garage“) und einer frühen Hitversion von Gary Walker (1966; UK # 26). Die bekannteste Interpretation ist allerdings die Reggaeversion von Dawn Penn (1994; D # 41, UK # 3, US # 58), die wiederum den Titel bereits selbst 1969 aufgenommen hatte.

Der interessanteste Track dieses Albums ist aber zweifellos „Hard Coming Love“ von The United States Of America, das Elemente der Motown-Soulrocker Rare Earth, der Psychedelic-Formation Iron Butterfly plus einer Sängerin vereint.

Auf „That’s Underground“ finden sich dem Albumtitel zum Trotz auch zwei Hitsingles, nämlich “Piece Of My Heart” von Big Brother & The Holding Company, deren unüberhörbaren Aushängeschild Janis Joplin war und “Time Has Come Today” von den Chambers Brothers. Letzter Titel ist sicherlich das beste Beispiel für psychedelischen Soul, der für die Singleversion von den auf dem gleichnamigen Album vertretenen, überaus intensiven 11 Minuten-Version auf 4 Minuten verkürzt wurde.

Der Erfolg von „That’s Underground“ und den damit verbundenen Plattenverkäufe der meisten hier vertretenen Interpreten ließ zwei weitere Sampler dieser Reihe folgen:

„That’s Underground II“ (1969)

Tracklist

Mike Bloomfield, Al Kooper - The 59th Bridge Song
Blood Sweat & Tears - More And More
Spirit - I Got A Line On You
John Kay – Twisted
Don Ellis - Scratt And Flugs
Electric Flag - Soul Searchin
Chambers Brothers - You Got The Power
Al Kooper - I Stand Alone
Moby Grape - Hoochie
John Simon - Painting For Freakout

„Underground ‘70“ (1970)

Tracklist

Chicago Transit Authority – Introduction
Flock - Tired Of Waiting
Al Kooper - You Never Know Who
Chambers Brothers - Wake Up
Appaloosa - Rosalie
NRBQ - C'Mon Everybody
Don Ellis - House In The Country
Pacific Gas & Electric - Bluesbuster
Spirit - New Dope In The Town
Jacobs Creek - Behind The Door
Moby Grape – Looper
Illinois Speed Press - Hard Luck Story
Aorta - Heart Attack - Aorta

Diese beiden Alben versammelten erneut zahlreiche obskure, aber umso interessantere Interpreten, die hohen Verkaufszahlen und der legendäre Status des Erstlings konnten allerdings nicht erreicht werden.

(9/10)

Location/Date: Briefkasten, 23.09.2002

Der Abend des 25. Mai 2002 wir nicht irgendein Abend, stand doch der Eurovisions-Songcontests auf den Programm, den (vorläufig?) zum letzten Mal Stermann/Grissemann auf FM4 kommentierten. Natürlich beschäftigten sich auch die nachfolgenden FM4-Sendungen mit der europäischen Karawane des Schreckens, so auch die Nachtsendung „Sleepless“, wo Moderator Daddy D. die Hörer dazu aufforderte, ihre Meinung und Eindrücke on Air kundzutun. Genau das tat ich dann auch und als Belohnung dafür wurde mir eine Platte aus dem FM4-Archiv versprochen. Daraus wurde allerdings vorerst nichts, denn es herrschte postalische Funkstille und nach einiger Zeit hatte ich den Ärger über den vorenthaltenen Gewinn wieder vergessen. Dementsprechend groß war die Überraschung, als am 23. September doch noch Post von FM4 eintrudelte und laut Poststempel nur ganze 10 Tage unterwegs war. Da bleibt mir nur noch, mich artig bei allen Beteiligten zu bedanken, denn das Warten hat sich durchaus gelohnt …

Lorien - Ghostlost (2002, MCD)

Seit Radiohead immer mehr in experimentelle Gefilde abdriften und damit so manchen ihrer alten Fans verstören wird unzähligen Bands wie Muse, Haven, Coldplay oder den Doves von den diversen Musikpostillen und den Promotionabteilungen der Plattenfirmen immer wieder gerne das publicityträchtige Prädikat „Die neuen Radiohead“ verliehen. In diese Kategorie fällt auch das britisch/isländisch/italienische Trio Lorien, dessen zweite Single “Ghostlost” samt den Tracks “Octopus” und “Seatrip” fast gespenstisch an Radiohead in den guten alten Zeiten von „OK Computer“ erinnern. Auch wenn diese Band weit mehr Imitation als Innovation bietet und man lieber zum Original als zu einer wenn auch guten Kopie greift, diese Single macht Appetit auf das dazugehörige Album „Under The Waves“, von dem man möglicherweise an dieser Stelle demnächst noch mehr erfahren wird.

(8/10)

Location/Date:
Fischer Music & Chronicle, 18.09.02

Das Primo-Entchen – Der Primo-Rock’n’Roll (1979, Single)

Von den unzähligen Möglichkeiten, wie uns gefinkelte Werbestrategen ihre mehr oder weniger entbehrlichen Produkte unterjubeln wollen gehört die akustische Variante sicherlich zu den am Effizientesten und wirkt bekanntlich noch besser, wenn Prominente mit dem zielgruppengerechten Appeal dabei involviert sind. Diese Praxis wurde beispielsweise besonders exzessiv von Coca Cola ausgeübt, die von den 50ern bis in die 80er unzählige Superstars oder One-Hit-Wonders für ihre Werbejingles engagierte, um die diversen Slogans äußerst werbewirksam unter das durstige Volk zu bringen (Details dazu hier. Aber was ist schon das beste Staraufgebot gegen ein kuscheliges, scheinbar unbedarftes Entchen aus der Toilettenpapierwerbung, das Ende der 70er erstmals an die Öffentlichkeit watschelte und eine Single herausbrachte, auf deren Cover stolz prangte: „Das Primo-Entchen übertrifft Elvis!“

Tatsächlich wird auf der Single kräftig gerockt, aber nicht around the clock, sondern rund um das Klo! Auch textlich hat das Primo-Entchen hat auch einiges zu bieten:

Nicht nur, dass das Toilettenpapier die diskrete Säuberung zum Genuß macht („Euer Entchen macht euch froh/Ich verwöhn’ euch den Popo”) ist universell kompatibel („Primo paßt ja sowieso/Ob groß, ob klein auf jeden Po“) und sorgt überdies noch für Fröhlichkeit am Örtchen („Haben wir Primo auf dem Klo/Macht uns das von Herzen froh“), frei nach dem Motto „Wenns Arscherl brummt is Herzerl gsund“.

Verbunden mit den illustrierten Tanzschritten auf der Coverrückseite („Herrenschritt“, „Damenschritt“, „Damen-Solo“ „Primo-Solo“) sicherlich eine der ultimativen Werbesingles im deutschen Sprachraum, die Dank der FM4-Kuppelshow „Chez Hermes“ kürzlich wieder in Erinnerung gerufen wurde.

So, jetzt muß ich aber auch mal wohin …

(8/10)

Temptations – One By One – The Best Of Their Solo Years (1996, 2 CD)


1968 war nicht nur gesellschaftspolitisch ein revolutionäres Jahr, sondern auch für die Temptations, die in diesem Jahr den Wandel von einem typischen Motownact zu einer Gesangsformation mit verstärktem Hang zur Sozialkritik vollzogen. Stand im Frühjahr ’68 mit „I Wish It Would Rain“ (1968; UK # 45, US # 4) noch eine typische Motownballade auf dem Programm, zeigte sich das Quintett zu Jahresende mit „Cloud Nine“ (1968; US # 4, 1969; UK # 15) um etliches aggressiver und verwirklichten damit erstmals die Vision ihres Produzenten Norman Whitfield vom psychedelischen Soul.

Das Jahr 1968 bedeutete aber auch eine gravierende Änderung in der Besetzung der Temptations, deren Folgen auf diesem Doppelalbum dokumentiert werder. Auslöser dafür war David Ruffin, der immer mehr in den Vordergrund rückte und dementsprechend nach dem Vorbild von Diana Ross & The Supremes oder Smokey Robinson & The Miracles den Namen der Band in David Ruffin & The Temptations ändern wollte. Darüberhinaus hatte er es gewagt, seinen mageren Wochensalär von 500 Dollar zu bekritteln, während die Temptations Motown Millioneneinnahmen bescherten. Das hatte zur Folge, dass Ruffin auf Veranlassung der Geschäftsleitung kurzerhand durch Dennis Edwards ersetzt und mit einem Solovertrag abgespeist wurde.

Die beinahe programmatischen Titel „My Whole World Ended" (1969, US # 9) und “I've Lost Everything I've Ever Loved" (1969; US # 53) als auch das gospelgetränkte "I'm So Glad I Fell For You"(1969; US # 59) leiteten seine Solokarriere ein, aber danach schien karrieremäßig vorläufig tatsächlich alles zu Ende zu sein und daran konnten auch die Aufnahmen mit Bruder Jimmy Ruffin („What Becomes Of The Broken Hearted“ (1966; UK # 8, US # 7, 1974; UK # 4). Erst die Zusammenarbeit mit dem Produzenten und Songwriter Van McCoy („The Hustle“; 1975; A # 13, D # 3, UK # 3, US # 1) und die daraus resultierende Hitsingle „Walk Away From Love (1975; UK # 10, US # 8),brachte Ruffin kurzfristig wieder auf die Siegerstraße, aber der verwässerte Phillysoul der Nachfolgesingles “Heavy Love” (1976; US # 47), “Everything’s Coming Up Love” (1976; US # 49) und “Just Let Me Hold You For A Night” (1977; US # 106) fand mit jeder veröffentlichten Single immer weniger Interessenten. 1979 wechselte Ruffin von Motown zu Warner Brothers, aber „Break My Heart“ (1979; US # 93) entpuppte sich als alles andere als ein Chartbreaker. Bis zu seinem Tod durch eine Überdosis Kokain 1991 versuchte er gemeinsam mit seinem ehemaligen Bandkollegen Eddie Kendricks an die alten Erfolge anzuschließen, so kehrte er mit ihm für die Dauer einer Tour kurzfristig zu den Temptations zurück und landete dank der Kollaboration mit Daryl Hall & John Oates mit „A Night At The Apollo Live! (1985; UK # 58, US # 20), einem Medley aus „The Way You Do The Things You Do“ und „My Girl“ einen Hit.

Die Solokarriere von Eddie Kendricks hatte einen ähnlichen Ausgangspunkt wie jene von David Ruffin. Nach „Just My Imagination (Running Away With Me)“ (1971; UK # 8, US # 1)“ musste er aufgrund einiger kritischer Interviews für Damon Harris Platz machen und erhielt ebenfalls gnadenhalber einen Plattenvertrag. Seine erste, ähnlich wie bei Ruffin auch fast programmatisch betitelte Solosingle „It’s So Hard For Me To Say Goodbye“ (1971; US # 88) verkaufte sich allerdings mäßig, was möglicherweise daran lag, dass dieser Song eher für Diana Ross maßgeschneidert zu sein schien als für Kendricks’ prägnante Falsettstimme, die auf einigen Titeln seines ersten Soloalbum „All By Myself“ wie „This Used To Be The Home Of Johnnie Mae“ oder „Can I“ (1971, US # 101) weitaus besser zur Geltung kam.

Das 1972 erschienene Album „People…Hold On“ konnte mit herausragenden Tracks wie „Date With The Rain“ oder das mit einer Fuzzgitarre angereicherte „Eddie’s Love“ und darüber hinaus zwei exzellente Singles aufwarten: „If You Let Me“ (1972; US # 66) erinnert nicht zufällig an den Sound von Marvin Gayes „What’s Going On“, wurde es doch von David Van dePitte arrangiert, der bei Gayes Meisterwerk ebenfalls für das Arrangement verantwortlich war. „Girl You Need A Change Of Mind“ (1973; US # 87) klingt dagegen wie eine Mischung aus Motown und KC & The Sunshine Band und kann durchaus als eine der ersten wirklichen Discosingles betrachtet werden.

Es sollte aber noch ein weiteres Jahr als auch eine weitere gelungene, allerdings relativ erfolglose Single („Darling Come Back Home“, 1973; US # 67) dauern, bis Kendricks nach einer weiteren relativ erfolglosen Single „Darling Come Back Home“ (1973; US # 67) mit dem achtminütigen Tanzflächenfüller „Keep On Truckin’“(1973; UK # 18, US # 1) und „Boogie Down“ (1974; UK # 39, US # 2) endlich der große Wurf gelang. Die Nachfolgesingles „Tell Her Love Has Felt The Need“ (1974; US # 50), „Shoeshine Boy“ (1975; US # 18), “Happy” (1975; US # 66), “Get The Cream Off The Top” (1975; US # 50) und “He’s A Friend” (1976, US # 37) waren zwar noch in mittleren Positionen der US-Charts zu finden, was aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass das Niveau des Songmaterials immer seichter wurde, was schließlich dazu führte, dass seine Solokarriere gemäß dem Titel seines letzten Albums für Motown „Goin’ Up In Smoke“ vorbei war. Wie zuvor erwähnt konnte kreuzten sich ab Anfang der 80er wieder die Wege von Eddie Kendricks und David Ruffin, aber auch eine weitere Gemeinsamkeit verbindet die Beiden, denn auch Kendricks weilt nach seinem Krebstod 1992 nicht mehr unter uns.

Das dritte Temptationsmitglied, das vorzeitig das Feld räumen musste, war Paul Williams, der von Richard Street abgelöst wurde. Die Gründe dafür lagen allerdings nicht wie bei Eddie Kendricks und David Ruffin in der Kritik an der Geschäftspolitik von Motown, sondern an seinen Depressionen und Alkoholproblemen. Wie bei Kendricks war auch bei Williams „Just My Imagination (Running Away With Me)“ der letzte gemeinsame Hit mit den Temptations und Kendricks war es auch, der seine Solosingle „Feel Like Givin’ Up” produzierte. Diese ist allerdings nie erschienen, da Williams kurz nach Beendigung der Aufnahmen Selbstmord verübte und der Songtitel aus Pietätsgründen eher ungeeignet für den Radioeinsatz war. Daher verschwand auch das ursprünglich als B-Seite konzipierte „Once You Had A Heart“ in den Archiven, bis es für „One By One“ dankenswerterweise wieder ausgegraben wurde.

Dennis Edwards, einziges überlebendes Temptationsmitglied dieses Doppelalbums, kam 1967 mit der Absicht, eine Solokarriere zu starten zu Motown und nahm einge Demos auf, darunter das hier erstmals veröffentlichte, sehr nach Temptations klingende „Which Way To My Baby“. Aus den Soloaufnahmen wurde es allerdings vorerst nichts, stattdessen musste er sich mit der Rolle als Mitglied der Contours begnügen, die seit ihrem oftmals gecoverten und durch „Dirty Dancing“ wieder in Erinnerung gerufenen Klassiker „Do You Love Me“ (1962; US # 3, 1988; US # 11) keine vergleichbaren Erfolge mehr vorweisen konnten. Edwards nütze aber diese Chance, indem er bei Liveauftritten seinen Bandkollegen die Show stahl und damit die Aufmerksamkeit der Temptations erregte, die ihn als Ersatz für David Ruffin engagierten. Seine Stimme prägte Hits wie “Ball Of Confusion“ (1970; UK # 7, US # 3) oder das mit einem Grammy ausgezeichnete „Papa Was A Rolling Stone“ (1972, D # 11, UK # 14, US # 1), aber es sollte fast eineinhalb Jahrzehnte dauern, bis er mit „Don’t Look Any Further“ sein erstes Soloalbum herausbrachte. Der daraus als erste Single ausgekoppelte Titelsong, den Edwards gemeinsam mit Siedah Garrett aufgenommen hatte, die ihrerseits ebenfalls auf Michael Jacksons “I Just Can’t Stop Loving You” (1987; A # 5, D # 2, UK # 1, US # 2) zu hören ist, kam zwar über einen Achtungserfolg nicht hinaus (1984; UK # 45, US # 72), entwickelte sich aber zu einem Discothekenklassiker ersten Ranges und wurde von M’People erfolgreich gecovert. (1993; A # 25, D # 29, UK # 9).

Seit den 80ern dreht sich das Personalkarussell der Temptations fleißig weiter, denn Edwards wurde wegen laufender Disziplinlosigkeiten wie Nichterscheinen bei Konzerten 1984 gefeuert und durch Ali“Ollie“ Woodson ersetzt. Dieser führte allerdings die Unpässlichkeiten seines Vorgängers weiter, weshalb Edwards schon bald wieder zurückgeholt wurde. Allerdings dauerte das Glück nur ein Album lang, nämlich dem passend betitelten „Together Again“ (1987), danach trennte sich Edwards neuerlich von den Temptations und sein Ersatz war ein mittlerweile alter Bekannter, nämlich Ali “Ollie“ Woodson. Dieser wiederum …Ok, das wollen wir jetzt besser überspringen und gehen gleich zur aktuellen Bandbesetzung der Temptations, die seit 1998 aus Harry McGilberry Jr., Barrington Scot Henderson, Terry Weeks, Ron Tyson und Otis Williams als einzigem Originalmitglied besteht, während Dennis Edwards mit seiner eigenen Band The New Temps zur Freude vieler sentimentaler Motownfans durch die Lande tourt.

(7/10)

Zombies – The EP Collection (1992, CD)

Die Zombies waren ein Kontrapunkt zu vielen frühen Beatbands, die entweder Fröhlichkeit, Belanglosigkeit oder Aggressivität verbreiteten. Bereits ihre Debutsingle „She’s Not There" (1964; UK # 12, US # 2, Jahre später gecovert von Santana (1977; UK # 11, US # 25) hatte alle Ingredienzien, die für ihre Musik charakteristisch waren: Die Kombination des charakteristischen Orgelspiels von Keyboarder Rod Argent, der gemeinsam mit Bassisten Chris White die meisten Songs schrieb, den oftmals nicht nach dem üblichen Beatschema gehaltenen Songstrukturen und dem mitunter dramatischen Gesang von Colin Blunstone schufen eine Aura von Melancholie, die speziell in den USA unzählige Bands beeinflusste.

Nach dem Flop der brillanten Nachfolgesingle „Leave Me Be" (1964) brachte die dritte Single „Tell Her No" (1965; UK # 42, US # 6). wieder in die Charts, aber danach schien es mit den großen Hits wieder vorbei zu sein, denn She’s Coming Home“ (1965; US # 60) und der Jazzwalzer „I Want You Back Again” (1965) verkauften sich nur mäßig. Ähnliches galt auch für das Album „Begin Here“ (1965), das neben selbstgeschriebenen Material, bei dem die Beatles oder Them (speziell bei „Woman“) deutliche Spuren hinterlassen haben auch R & B-Standards wie „Got My Mojo Working“ und eine Coverversion von Gershwins „Summertime“ beinhaltete.

An der schwindenden Popularität der Zombies konnten weder weitere exzellente Singles wie „Whenever You’re Ready“ (1965), „Is This The Dream“(1965) oder „Goin’ Out Of My Head“ (1967, im Original von Little Anthony & The Imperials (1964, US # 4) noch die Inkludierung von „Nothing’s Changed“ „Just Out Of Reach“ und „Remember You“ auf dem Soundtrack des Otto Preminger-Thrillers „Bunny Lake Is Missing“ (1966) ändern.

Auch der Wechsel von Decca zu CBS konnte daran wenig ändern, denn auch die Singles „Friends Of Mine“(1967) und „Care Of Cell 44“ (1967) fanden kaum Käufer, weshalb sich die Zombies Ende 1967 desillusioniert auflösten, noch bevor CBS ihr ambitionierte Album “Odessay And Oracle” (1967), auf dem feinster Psychpop wie „Brief Candles” zu finden war, veröffentlicht hatte. Dieses erschien schließlich Anfang 1968, ebenso wie die Singleauskopplung „Time Of The Season”, aber die Zeit schien für die Zombies endgültig abgelaufen zu sein.

Ende 1968 entdeckten einige US-Radiostationen „Time Of The Season” und die damit verbundene Dauerrotation führte schließlich dazu, dass sich die Single über zwei Millionen Mal verkaufte und bis auf Platz 3 der US-Charts kletterte.

Aufgrund dieses unvermuteten Erfolges versuchte CBS die Band dazu zu animieren, sich zu reformieren, konnten aber nur Rod Argent dazu bekehren. Dieser stellte gemeinsam mit einigen neuen Musikern bislang unveröffentlichtes Material der Zombies fertig, aber „Imagine The Swan“ (1969; US # 86) floppte und die überaus passend betitelte „If It Don’t Work Out“ (1969) wurde zum Schwanengesang der Zombies oder dem, was von ihnen übriggeblieben war.

Kurz darauf gründete Rod Argent seine eigene Formation Argent, die mit „Hold Your Head Up" (1972; UK # 5, US # 4), „Tragedy“ (1972; UK # 34) und „God Gave Rock’n’Roll To You" (1974; UK # 18, später gecovert von Kiss (1992; A # 16, D # 9; UK # 4) erfolgreich war und Sänger Colin Blunstone versuchte es auf eigene Faust: Als Neil MacArthur nahm er „She’s Not There" (1969; UK # 34) neu auf und unter eigenem Namen konnte er sich mit „Say You Don’t Mind" (1972; UK # 15, im Original von Denny Laine, 1967), “I Don’t Believe In Miracles” (1972; UK # 31) und “How Could We Dare Be Wrong”(1973; UK # 45) in den britischen Charts plazieren. Das gelang ihm auch als Gastsänger von Dave Stewart, bei dem es sich allerdings nicht um die Eurythmics-Hälfte, sondern um den britischen Keyboarder handelt, der gemeinsam Barbara Gaskin „ It’s My Party" (1981; A # 2, D # 3, UK # 1, im Original von Lesley Gore, 1963; UK # 9, US # 9) einen legendären 80er-Hit landete. Gemeinsam wagten sich die Beiden an eine Coverversion des Jimmy Ruffin-Klassikers „What Becomes Of The Broken Hearted" (1966; UK # 8, US # 7; 1974; UK # 4) auf, die es 1981 bis auf Platz 13 der britischen Charts schaffte. Mit „Tracks Of My Tears“ (1982; UK # 60, im Original von den Miracles (1965; US # 17; 1969 UK # 9) versuchte er sich alleine an einem weiteren Motownklassiker, dem aber bescheidener Erfolg vergönnt war und seine bislang letzte Chartsingle wurde.

Dieses Album versammelt alle Songs der EPs „She’s Not There“ (1965), „Kind Of Girl“ (1965), „Is This The Dream“ (1966), “What More Can I Do“ (1967) und „Bunny Lake A Disparu“ (1967), die großteils nur in Frankreich erschienen sind, wo EPs sich damals großer Beliebtheit erfreuten. Als Bonustracks wurden das bislang unveröffentlichte „I’m Going Home“, eine 1965 entstandene eher mäßig spannende Liveaufnahme von „It’s Alright“ (im Original von den Impressions (1963; US # 4), mit „Brief Candles“ ein ein Albumtrack von „Odessey And Oracle“, „I’ll Call You Mine“ die großartige B-Seite von „Time Of The Season“ und das erstmals auf der 1973 erschienen Compilation „Time Of The Zombies“ veröffentlichte „She Loves Me The Way They Love Her”, bei dem unüberhörbar die Beach Boys Pate standen, hier inkludiert. Wer bislang Zombies bestenfalls mit den Hauptakteuren zweit- bis drittklassiger italienischer Horrorfilme als mit niveauvollem 60er-Jahre-Pop assoziierte, für den ist dieses Album sicher der denkbar beste Einstieg.

(9/10)

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Location/Date:
Saturn Mariahilferstraße, 12.07.2002,

Various Artists – Northern Soul Time (1995, 2 CD)

Tracklisting:

Disc 1:

1. New Wanderers - This Man In Love (1965)
2. Carlettes - I'm Getting Tired (1968)
3. Delites – Lover (1965)
4. Syng McGowan - That's What I Want (1967)
5. George Byrd - I Know I'm In Love With You (1967)
6. Lee Andrews - Nevertheless (1967)
7. Billy Hambric - She Said Goodbye (1965)
8. E.J. Chandler - I Can't Stand To Lose You (1966)
9. Hank Jacobs - Elijah Rockin' With Soul (1966)
10. Ty Karim- Lighten Up Baby (1967)
11. Sequins - He's A Flirt (1966)
12. Donald Lee Richardson - You Got Me In The Palm Of Your Hand (1968)
13. Chaumonts - I Need Your Love (1966)
14. Karl Evens - Oo Wee Let It Be Me Babe (1966)
15. James Coit - Black Power (1969)
16. Adventures - Easy Baby (1968)
17. Ollie Jackson - Just A Little While (1968)
18. Edward Hamilton - I'm Gonna Love You (1965)
19. Gwen & Ray- Build Your Love On A Strong Foundation (1967)
20. Del Larks - Job Opening (Part 1) (1965)
21. Micki Champion - What Good Am I (Without You) (1966)
22. E. Rodney Jones - R & B Time (Part 1) (1966)
23. Norma Jenkins & The Dolls - The Airplane Song (1966)
24. Louise Lewis - Oo Wee Let It Be You Babe (1966)
25. Helena Ferguson - My Terms (1967)
26. Martells - Where Can My Baby Be (1968)
27. Joan Moody - We Must Be Doing Something Right (1966)
28. Millionaires - You Got To Love Your Baby (1966)
29. Contenders - Do What You Gotta Do (1965)
30. Gene Anderson - Baby I Dig You (1968)

Disc 2:

1. Gene Woodbury - Ever Again (1967)
2. Magicans - Is It All Gone (1967)
3. Spencer - We Got A Love That's Outta Sight (1967)
4. Yvonne Baker - I Cant Change (1966)
5. Gloria Taylor - Poor Unfortunate Me (1966)
6. Maskman & The Agents - I Wouldn't Come Back (1965)
7. Fabulous Jades - Come On & Live (1968)
8. Boss 4 - Walkin' By (1964)
9. Casanova Two - We Got To Keep On (1967)
10. Madeline Wilson - Dial L For Lonely (1965)
11. Dave Love - Colalined Baby (1970)
12. Herbert Hunter - I Was Born To Love You (1967)
13. Magnificents - My Heart Is Calling You (1965)
14. Patti Stokes - Good Girl (1967)
15. Remarkables - I Can't Give Up On Losing You (1967)
16. Gwen Owens – Lies (1967)
17. John & The Weirdest - Can't Get Over These Memories (1966)
18. Bobby Wells - Be's That Way Sometimes (1967)
19. Startones - Lovin' You Baby (1967)
20. George Lemons - Fascinating Girl (1967)
21. Para-Monts - Come Go With Me (1966)
22. Kris Peterson - Just As Much (1966)
23. Du-Shons - You Better Think It Over (1967)
24. Dynamics - Yes I Love You Baby (1966)
25. Ernie Marbray - Ain't Nobody's Business (1968)
26. Ruby Andrews - Just Lovin' You (1966)
27. Doni Burdick - I Have Faith In You [instrumental] (1966)
28. Paula Durante - You're Not My Kind (1966)
29. Little John - Heartbreakin' Time (1966)
30. Executive 4 - I Got A Good Thing (1965)

Wie schon bei Big City Soul 4 hat das Soullabel Goldmine/Soul Supply auch auf „Northern Soul Time" wieder ganze 60 Titel versammelt. Daß darunter so manche eher mäßige Songs sind, die bestensfalls die Herzen von Soul-Komplettisten erfreuen, ist fast unvemeidlich, aber diese Ausreißer werden von den rund zwei Dutzend Highlights dieses Doppelalbums überstrahlt.

Dazu gehören unter anderem erstklassiger Girlgroupsoul von den Carlettes („I’m Gettin’ Tired") und Norma Jenkins & The Dolls („Airplane Song"; dieser Titel sollte von all jenen die unter Flugangst leiden, gemieden werden), Helena Ferguson wartet beim großartigen „My Terms" mit einer Fuzzgitarre auf, mit „Elijah Rockin’ With Soul" serviert Hank Jacobs ein grooviges Instrumental im Stile Ramsey Lewis’, James Coit, der seine „Black Power"-Parolen fast mit mehr Enthusiasmus als James Brown verbreitet und eine Reihe anderer verborgener Schätze wie „Where Can My Baby Be" der Martells, Yvonne Baker’s „I Can’t Change" oder Billy Hambric’s „She Said Goodbye".

Der einzige prominente Name auf „Northern Soul Time" ist Lee Andrews, der in den 50ern mit der Doo-Wop-Formation Hearts mit „Tear Drops" (1957; US # 20) und „Try The Impossible" zweimal in die US-Top 40 kletterte. Danach konnte er allerdings trotz zahlreicher Veröffentlichungen nicht mehr an diese Erfolge anschließen und daran änderte das von Curtis Mayfield geschriebene „Nevertheless", der dabei offenbar Stevie Wonder’s „Uptight" (Everything’s Alright) (1966; UK # 14, US # 3) im Hinterkopf gehabt haben dürfte.

Stevie Wonder ist aber nicht der einzige Interpret aus dem Motown-Stall, der als Vorbild für zahlreiche Bands und Interpreten auf diesem Album diente, denn Martha Reeves & The Vandellas werden von den Du-Shons bei „Better Think It Over" täuschend ähnlich immitiert. Auch unüberhörbar von Motown beeinflußt ist „Oo Wee Let It Be Me Babe", das hier sowohl in der Interpretation der Co-Autorin Louise Lewis als auch der von Karl Evens vertreten ist.

Eine völlig andere Inspirationsquelle gibt es bei „You Got Me In The Palm Of Your Hand" von Donald Lee Richardson, denn hier sind Ähnlichkeiten mit dem eher poppigen Uptempo-Stomper Oldie und später zum Northern Soul-Klassiker mutierten „The Cheater" von Bob Kuban & The In-Men (1966, US # 12) nicht zu verleugnen.

Auch wenn nur die genannten Titel dieses Albums wirklich herausragend sind und der Qualitätslevel die restlichen Tracks bestensfalls die Standardmarke erreicht, werden Northern Soul-Freaks, die jeder Rarität nachjagen, mit „Northern Soul Time" bestens bedient.

(7/10)


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Location/Date:
Saturn Mariahilferstraße, 29.06.2002,

Various Artists - Northwest Battle Of The Bands, Vol. 2 (2001, CD)

Tracklisting:

1. Don & The Goodtimes - You Were A Child (1966)
2. The Galaxies - Along Comes The Man (1967)
3. The Ceptors - I Can't Make It (1967)
4. Rocky & The Riddlers - You Weren't Using Your Head (Previously Unreleased) (1965)
5. The Bumps - Please Come Down (1967)
6. The Springfield Rifle - 100 Or Two (1967)
7. The Liberty Party - Please Help The Man (Previously Unreleased) (1966)
8. The Brave New World - I See (1966)
9. The Raymarks - Hard Times (Previously Unreleased) (1965)
10. The Live Five - Move Over And Let Me Fly (1966)
11. The Sonics - High Time (1966)
12. The Dimensions - Knock You Flat (1966)
13. Jack Horner & The Plums - Who Do You Love (1966)
14. The Heirs - You Better Slow Down (1966)
15. Mr. Lucky & The Gamblers - Alice Designs (1966)
16. The London Taxi - Feelin' Down (1967)
17. Gil Bateman - My Daddy Walked In Darkness (1965)
18. The Express - You Gotta Understand (1966)
19. The Mercy Boys - Lost And Found (Alternative Version) (Previously Unreleased) (1965)
20. The Moguls - Try Me (1965)
21. Noises N' Sounds feat. Terry Dale - How Much Lovin' (1966)
22. Don & The Goodtimes - Runnin' Not Walking (Previously Unreleased) (1966)
23. The Bards - My Generation (1966)
24. The New Yorkers - Lazy Meadow (Previously Unreleased) (1967)
25. The Brave New World - It's Tomorrow (1966)
26. The Spindle - Little Lies (1968)
27. The Purple Gang - I Know What I Am (1966)
28. The Menagerie - About Him (Previously Unreleased) (1967)
29. The Magic Fern - High Flyer (1967)
30. The Springfield Rifle - Nordstrom Shoes Commercial (Previously Unreleased) (1967)

Lange bevor Seattle/Washington dank Nirvana, Soundgarden & Co. Anfang der 90er zur Hauptstadt des Grunge erklärt wurde, war diese Stadt im Nordwesten der USA eine der Metropolen des "Northwest Sounds", einer, vereinfacht gesagt, besonders rauhen Form des US-Garagenrock der 60er. Neben den Kingsmen, deren Klassiker "Louie Louie" (1963; US # 2, UK # 26) sich über 10 Millionen Mal verkaufte, waren Paul Revere & Raiders die wichtigsten und erfolgreichsten Repräsentanten dieses Genres. Während sich deren Bekannheitsgrad in Europa bestenfalls auf "Indian Reservation" (1971; A # 5, D # 38, US 1) beschränkt, konnten sie in den USA zwischen 1961 bis 1971 fast 30 Singles in den US-Charts plazieren, darunter völlig zu Unrecht vergessene Hits wie den vom legendären Songwriterduo Barry Mann & Cynthia Weil geschriebenen Anti-Drogensong "Kicks" (1966; US # 4), "Hungry" (1966; US # 6) oder "Good Thing" (1966; US # 4). Animiert vom Erfolg dieses Quintetts versuchten unzählige Garagenbands, deren aggressiven und rauen Beatsound zu kopieren bzw. sich daran zu orientieren und nicht wenige wagten es auch, sich auf Platte zu verewigen, was damals kein großer Aufwand war, gab es doch in jedem kleinen Nest winzige Plattenlabels, die Singles in kleinen Auflagen preßten und die man meist auf Konzerten unters Volk brachte. Eine dieser kleinen unabhängigen Plattenfirmen, die sich im Laufe der Jahre zu einem wichtigen Faktor in der regionalen Musikindustrie entwickelte, war das von Jerry Dennon gegründete Label Jerden (Jerry Dennon) aus Seattle, bei dem unter anderem auch die Kingsmen und Paul Revere & The Raiders Platten veröffentlichten.

„Northwest Battle Of The Bands, Vol. 2" versammelt 9 Tracks der gleichnamigen 1968 erschienen Jerden-Werkschau und kann mit zahlreichen Raritiäten als auch bislang unveröffentlichten Material aus den Jahren 1965-1968 aufwarten. Der typische rauhe Northwestern Sound der frühen Jahre ist allerdings nur mehr vereinzelt zu hören, wie etwa bei der bislang sträflichweise in den Archiven schlummernden Garage-Punkperlen „You Weren't Using Your Head" von Rocky & The Riddlers und „Hard Times" der Raymarks, dem orgelgeladenen „Lost And Found" von den Mercy Boys und „My Daddy Walked In Darkness", einer atemberaubenden „House Of The Rising Sun"-Variation von Gil Bateman, einem der fleißigsten Jerden-Produzenten und Verfasser der Liner Notes dieses Albums. Mit „High Time" sind hier auch die legendären Sonics vertreten, die neben den Kingsmen und Paul Revere & The Raiders eine der einflußreichsten Bands in dieser Region waren, was sich allerdings nicht in den Verkaufszahlen ihrer Platten niederschlug. Nicht unerwähnt bleiben dürfen natürlich auch die Moguls, deren Manager davon überzeugt war, daß nach der Surf-Musik „Ski-Musik" der kommende Trend sein würde. Deshalb schickte er die Band in Rollkragenpullover und Schischuhen auf die Bühne und garnierte das Ganze mit Go-Go-tanzenden Schihaserln. Das alles als auch thematisch passende Titel wie„Ghost Slalom", „Avalanche", „Ski Bum" und das hier inkludierte „Try Me" nicht verhindern, daß die Karriere der Band trotz durchaus vorhandenen Potential versandete oder besser gesagt im Schnee steckenblieb. Etwas mehr Glück hatten dagegen Don & The Goodtimes, die als Einzige auf diesem Album mit "I Could Be So Good ToYou" (1966; US # 56) und "Happy & Me" (1967; US # 98) Charterfolge feiern konnten. Das war dem hier enthaltenen und vor den genannten beiden Singles veröffentlichten „You Were A Child" leider nicht vergönnt, obwohl es mit Uptempobeat, Turtles-ähnlichen Harmoniegesang, Chembalo im Mittelteil und massiver Verwendung der Fuzzgitarre qualitativ um einiges höher einzustufen ist als ihre Hitsingles. Zumindest erregte „You Were A Child" genug Aufmerksamkeit bei Epic Records, die Don & The Goodtimes unter Vertrag nahmen und vergeblich zu Beach Boys-Epigonen aufzubauen versuchten.

Natürlich wollte Jerry Dennon mit seinem Label nicht nur regionale, sondern auch landesweite Erfolge verbuchen und brachte einige durchaus kommerzielle Singles heraus, die allesamt aber kaum Beachtung fanden. Ein Dokument des Scheiterns ist das mit völlig deplaziert wirkenden Bläsersätzen angereicherte „100 Or Two" von Springfield Rifle, das aber zumindest die Ehre einer Radiowerbung für Nordstrom Schuhe einbrachte, die auch auf dieser Compilation zu hören ist.

Ansonsten setzte man bei Jerden Records auf ein stilistisch breites Repertoire, das vom eher traditionellen R & B von Jack Horner & The Plums’ Bo diddley-Cover „Who Do You Love" über exzellente Blue-Eyed-Uptempo-Stomper „Feelin’ Down" von London Taxi bis hin zu gediegenem, meist psychedelischem (Fuzz-)Gitarrenhandwerks „Along Comes The Man" der Galaxies, dem großartigen „You Gotta Understand" vom Express, „How Much Lovin'" von Noises N' Sounds und dem tempomäßig variantenreichen „I Can’t Make It" der Ceptors reichte.

Einige Bands lieferten hier aufsehenerregende Talentproben ab wie etwa „Lazy Meadow" der New Yorkers, die Mitte der 70er als Hudson Brothers mit „So You Are A Star" (1974; US # 28) und „Rendezvous" (1975; US # 27) Hits landen konnten oder den für 1966 überaus innovativen Brave New World, von denen bedauerlicherweise außer der Single „It’s Tomorrow" und dem auf der Originalausgabe von „Northwest Battle Of The Bands, Vol. 2" enthaltenen „I See" nichts erschienen ist.

Bekanntlich wurde nach 1966 nicht nur musikalisch experimentiert, was sich auch bei den Songtiteln bemerkbar machte. Ähnlich wie die Beatles bei "Lucy In The Sky With Diamonds" (1967) oder die Association bei "Along Comes Mary" (1966; US # 10) beteiligten sich beispielsweise Mr. Lucky & The Gamblers, deren "Take A Look At Me" (1966) immerhin ein überregionaler Hit wurde, mit "Alice Designs" (geschrieben übrigens von Tandyn Almer, dem Autor von "Along Comes Mary") auch im damals beliebten Spiel der mehr oder weniger im Titel verborgenen Drogenreferenzen, andere Bands wiederum wie die Bumps mit „Please Come Down" beschäftigten sich mit den dazugehörigen Schattenseiten.

Schattenseiten hat dieses Album leider auch, nämlich die weinerliche Ballade „You Better Slow Down" von den Heirs, die Bards mit ihrer überflüssigen Coverversion von „My Generation", Spindle mit ihrer Hollies-Immitation „Little Lies" und „I Know What I Am" der aus Los Angeles importierten Purple Gang mit einem enervierenden Mick Jagger-Veschnitt als Sänger, aber wenn man das alles unter dem Gesichtspunkt der Kuriosität betrachtet, wird der gute Gesamteindruck bei dieser Compilation nicht geschmälert und macht deshalb Appetit auf „Northwest Battle Of The Bands, Vol. 1".

Wer mehr Details zu den hier vertretenen Bands erfahren möchte, dem sei dieser Link zu Fuzz, Acid & Flowers, der Bibel für alle Fans von US-Garagenrock und Psychedelic Rock der 60er empfohlen. Aber Vorsicht, hier besteht durchaus Suchtgefahr, denn wenn man sich mal in die Materie vertieft, kann man sich vielleicht nicht mehr leicht davon losreißen ... (7/10)


Review für , 29.06.02

DSP - In The Red (2002, CD)


Review für , 29.06.02

Lambretta - Lambretta (2002, CD)


Review für , 10.06.02

Angie Stone - Wish I Didn’t Miss You (2002, MCD)


Review für , 06.06.02

Nuspirit Helsinki - Nuspirit Helsinki (2002, CD)

Location/Date:
Libro Merkur-Zentrum Wiener Neustadt, 01.06.2002,

Spiritualized - I Think I’m In Love (1998, MCD)
Spiritualized - Abbey Road EP (1998, MCD)

Mit der Durchsage „Ladies & Gentlemen, We’re Floating Into Space" eröffneten Spiritualized 1997 ihr gleichnamiges Album, einem intensiver Trip durch ihr opulentes, aus Soul, Rock, Gospel, Blues und Klassik bestehendes Klanguniversum. Gleichzeitig versuchte sich die Band rund um Jason Pierce als Musiktherapeuten, die so manchem Hörer mit Herzschmerzen aller Art mit ihren spacigen Bombast die passendene Arznei verabreichte. Dementsprechend waren die Cover von Album und Singleauskopplungen einer Medikamentenpackung bzw. deren Inhalt nachempfunden, was natürlich die Vermutung zuläßt, die Musik von Spiritualized sei maßgeschneidert für Zeitgenossen mit einen Hang zu Halluzinogenen in Pillenform. Dem ist aber nicht so, denn die musikalische Brillianz von Spiritualized entfaltet ihre Wirkung sehr wohl gänzlich ohne Zuhilfenahme irgendwelcher legaler oder illegaler Substanzen und nicht das nicht nur beim Anhören des kompletten Albums, sondern bereits in den Einzeldosierungen der ausgekoppelten Singles wie etwa „I Think I’m In Love" (1998; UK # 27), auf der psychedelischer Rock auf fast gospelartigen Call & Response-Gesang trifft und die zusätzlich mit den „Block Rockin’ Beats" zweier Chemical Brothers-Remixes aufwarten kann.

Auf der danach veröffentlichten „Abbey Road EP" (1998; UK # 39) würde man sowohl dem Titel nach als auch dem ersten darauf befindlichen Track „Come Together" eine Ansammlung von Beatles-Coverversionen erwarten. Die einzigen Gemeinsamkeiten mit John, Paul, George & Ringo sind allerdings nur der Songtitel und das Studio, in dem Jason Pierce & Co. die beiden Albumtracks „Come Together" und „Broken Heart" mit einem Gospelchor und großem Orchester neu eingespielt haben. Nicht weiter überraschend sind diese Neuaufnahmen um einiges bombastischer ausgefallen als die Albumversionen, ohne aber überladen zu wirken. Beim großartigen „Come Together" türmt sich noch aggressiver als beim Original eine psychedelische Wall Of Sound aus Gitarren, Chören und Mundharmonika auf, und puncto Intensität ist „Broken Heart" fast unerreicht, denn eine derartige Schwermut könnten weder Brian Wilson noch Nick Cave zustandebringen. Als besonderen Service für alle, deren Herz auch gerade gebrochen worden ist, wird auch die Instrumentalversion von „Broken Heart" mitgeliefert, mittels der man seine Herzschmerzen karaoketechnisch verarbeiten kann.

Mit dem 2001 erschienen Album „Let It Come Down" setzte Jason Pierce, der nach „Ladies & Gentlemen, We’re Floating Into Space" sämtliche Begleitmusiker auswechselte, einen weiteren Meilenstein in der Spiritualized-Discographie und konnte dank „Stop Your Crying" auch erstmals einen Top 20-Hit in England feiern. Alles in allem scheint seine Publikumswirksamkeit jedoch dem Titel der Nachfolgesingle „Out Of Sight" (2001, UK # 65) zu folgen, aber ans Aufgeben denkt er natürlich noch lange nicht, wie die bislang letzte „Do It All Over Again" (2002; UK # 31) beweist.

I Think I’m In Love (8/10)
I Think I’m In Love (Chemical Brothers Remixes) (7/10)
Come Together (10/10)
Broken Heart (6/10)


Review für , 30.05.02

Various Artists - Dino & Terry present Deep:Inside Vol. 1 (2002, CD)

Location/Date:
Flohmarkt Neubaugasse, 24.05.02

Exklusiv für
Smith & Mighty - Life Is (2002, CD)

Die Sterne – Irres Licht (2002, CD)

Auf ihrem mittlerweile sechsten Album präsentieren sich die Sterne erneut als Musterschüler der Meisterklasse der Hamburger Schule und beweisen im Gegensatz zu ihren Klassenkollegen wie Tocotronic oder Kante puncto Arrangements und Ideenreichtum um einiges mehr Raffinesse. Dafür greifen sie auf stilistisch vielfältige Inspirationsquellen zurück wie etwa Queen, dem russischen Komponisten Sergej Rachmaninov oder der spanischen Beatcombo Los Bravos zurück, denen in den Liner Notes auch gedankt wird.

Los Bravos sind es auch, die einen entscheidenden Beitrag auf der exzellenten Vorabsingle “Nur Flug” leisten, denn dieser Titel basiert auf dem prägnanten Gitarrenriff ihres Oldies “Black Is Black” (1966; A # 9, D # 4, UK # 27, US # 2). Aber nicht nur hier standen musikalisch die 60er-Jahre Pate, sondern auch bei dem Beatschlager “Wahr ist was wahr ist”, dem Jazzmessewürdigen “Du hast die Welt in deiner Hand” und “Hängen Hart” klingt fast schon so als wäre hier eine obskure US-Garagenband am Werk. Bei “Schier Herzattacke” lassen die zuvor angesprochen Queen grüßen, allerdings nur in Form einer Referenz auf den Titel ihres 1974-er Albums “Sheer Heart Attack”, denn statt bombastischen Hardrock wird hier gediegene 70er-Retro-Elektronik, die durchaus auf ein Air-Album passen würde, kredenzt. Herausragend auch die Mitsinghymne “Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt”, gleichzeitig die zweite Singleauskopplung, bei der ein Dudelsackorchester für die passende melancholische Stimmung sorgt.

Wie immer sind die Sterne textlich auch eine Klasse für sich und verstehen es immer wieder, die perfekte Symbiose zwischen Text und Musik zu finden, was sie beispielsweise bei dem Nonsens von „Irrlicht“ (“Ein irres Licht schimmert durch die Wände. Gruselig, wie ich finde. Gruselig, weil es zu mir spricht. Normalerweise spricht Licht nicht”), das mit einem durchaus gespenstischen Backingtrack unterlegt ist, dem drastisch formulierten Eifersuchtsdrama, musikalisch aber eher unbeschwerten “Ich bringe euch beide um" oder „Alles vergeht”, dass diesem Album ein würdiges Finale bereitet, eindrucksvoll unter Beweis stellen und damit das Klassenziel der Hamburger Schule mit Auszeichnung erreichen.

(9/10)

Various Artists - Black Coffee Chapter 4 (2002, CD)

Mit der vierten Ausgabe der „Black Coffee“-Compilationreihe hat die von den Wiener DJs Scheibosan und eMU kredenzte Melange aus feinsten kaffeehaustauglichen Beats die blaue Periode erreicht. Dementsprechend gestaltet sich die Musik als nahezu perfekter Soundtrack für blaue Stunden und kann unter anderem mit hochkarätigen, nahezu ommnipräsenten Genrestars der Downtempofraktion wie Koop („Bright Nights“), dem Gotan Project („Chungs’s Revenge“) oder Tosca („Natural High“) aufwarten.

Mit Le Gammas’ „Outra Vida“ und “Night Over Manaus” von Boozoo Bajou sind hier auch zwei Titel vertreten, die es auf FM4 immerhin zu Airplayehren gebracht haben. Dieses Schicksal dürfte allerdings dem Großteil der restlichen Tracks dieses Albums verwehrt bleiben, denn diese wirken als individuelle Titel eher unauffällig, entwickeln ihren Zauber aber erst als Teil des „Black Coffee“-Groovekonglomerats, was wiederum die Stilsicherheit und gediegene Songauswahl von Scheibosan und eMU ein weiteres Mal eindrucksvoll unterstreicht.

(7/10)


Review für , 10.05.02

Recloose - Cardiology (2002, CD)


Review für , 02.05.02

Herbert - Around The House (1998/2002, CD)


Review für , 22.04.02

Goldtrix presents Andrea Brown - It’s Love (Trippin’) (2002, MCD)


Review für , 13.04.02

Pina - Quick Look (2002, CD)

Location/Date:
Libro Lugnercity, 18.03.2002,

Various Artists - Loud Rocks (CD)

Location/Date:
Virgin, 01.02.2002,

Lowgold - Just Backward Of Square (CD)

Hugo Montenegro - Moog Power (Original Release 1969, CD)

So untrennbar wie Winnetou mit Old Shatterhand ist Ennio Morricone mit dem Filmgenre der Spaghettiwestern verbunden. Ob „Für eine Handvoll Dollar", „Für ein paar Dollar mehr" oder „Spiel mit das Lied vom Tod", sie alle wären ohne seinen effektvollen Klangteppichen sicherlich nur halb so legendär. Im Singleformat entwickelten die Soundtracks allerdings weniger Zugkraft und nur eine Handvoll Hits wie „Für ein paar Dollar mehr" (1966; A # 17), „Spiel mir das Lied vom Tod" (1971; A # 6, D # 14) oder „Mein Name ist Nobody" (1974; D # 44) konnten sich in den internationalen Charts plazieren. Wie begehrt Morricones meisterhafte Filmuntermalungen bei Regisseuren und Filmproduzenten waren zeigt sich bei seinem größten Hit „Chi Mai" (1981; UK # 2, 1982; A # 4, D # 23), der gleich zweimal als Titelthema verwendet wurde, nämlich bei dem Jean Paul Belmondo-Krimi „Der Profi"als auch in der englischen TV-Serie „The Life And Times Of David Lloyd George", einer Biographie über den gleichnamigen britischen Premierminister während der Zeit des ersten Weltkriegs, die Morricone seine bislang einzige Chartplazierung als Interpret in England bescherte. Als Komponist kann allerdings einen Nr. 1 Hit in den UK-Charts für sich verbuchen, den der amerikanische Orchsterleiter Hugo Montenegro mit seiner in der Frühzeit des Hip-Hop oftmalig gesampleten Version von „The Good, The Bad & The Ugly" (1968; A # 20, D # 14, UK # 1, US # 2) aus dem Westernklassiker „Zwei glorreiche Halunken" mit Clint Eastwood und Eli Wallach landete. Der Titel stammte übrigens aus Montenegros rekordverdächtig lange betitelten Album „Music from "The Good, The Bad And The Ugly" & „A Fistful of Dollars" & „For A Few Dollars More", das, wie vermutlich nicht weiter überraschend, ausschließlich Kompositionen von Ennio Morricone enthielt.

Montenegro war zu diesem Zeitpunkt im Soundtrackgeschäft längst kein Unbekannter mehr, stammen doch die Themen legendärer TV-Serien wie „Bezaubernde Jeannie" oder „Solo für U.N.C.L.E" von ihm. Daneben lieferte auch die Soundtracks für zahlreiche Hollywoodstreifen, darunter den beiden Frank Sinatra-Krimis „Tony Rome" und „Die Lady in Zement" und dem Western „Charro" mit einem gewissen Elvis Presley in der Hauptrolle.

Nach „The Good, The Bad & The Ugly" beschäftigte sich Montenegro wie viele andere des Easy Listening-Genres mit dem Moog-Synthesizer, was 1969 in dem Album „Moog Power" resultiuerte. Für Freaks von elektronischer Musik dürfte diese Platte allerdings eine glatte Themenverfehlung darstellen, denn vom Moog ist hier relativ wenig zu hören. Stattdessen erklingt des öfteren ein Clavinet, eine Art elektronisches Chembalo, dessen präganter Sound jeder musikhistorisch bewanderte Musikfan von Stevie Wonders „Superstition" (1973; D # 21, UK # 11, US # 1)oder dem Instrumental "Machine Gun" von den Commodores (1974; UK # 20, US # 17) kennen sollte.

Wie auf unzähligen anderen Easy Listening-Alben der 60er Jahre gibt es auch hier fast auschließlich Coverversionen aktueller Hits, bei denen Montenegro aber den neuen, für viele damals aufregenden, neuen Sound des Moog-Synthesizers bzw. Clavinets nicht in den Vordergrund rückt, sondern als gleichrangiges Elemente in seinem mit Chören verstärkten Orchestersound einzusetzt und damit deren technische Möglichkeiten präsentiert: Bei „Traces" (Originalversion: Classics IV; 1969; US # 3) werden die Gesangsstimmen stellenweise mit Hilfe des Moogs verfremdet, ebenso bei „Dizzy" (Tommy Roe; 1969; A # 1, D # 1, UK # 1, US # 1), das zusätzlich mit einigen spacigen Sounds aufwarten kann, „More Today Than Yesterday" (Spiral Staircase; 1969; US # 12) wartet mit verstärktem Clavineteinsatz auf und „You Showed Me" (Turtles; 1969; US # 2) nimmt mit seinem im Hintergrund zischenden Moog fast schon den New Wave-Sound vorweg.

Orientieren sich diese Interpretationen großteils noch an den Originalarrangements, beweist Montenegro bei zwei Heiligtümern der populären Musik durchaus Mut zum Risiko: „Touch Me" (Doors; 1969; A # 16, D # 40, US # 2) vereint Star-Wars-Laser-Gefiepse, Mundharmonika und Beachboysharmonien und Sinatra-Enthusiasten werden mit einer fast funkigen Version von „My Way" (1969; UK # 5, US # 28) konfrontiert. Als funky kann man auch den von Montenegro komponierten instrumentalen Titelsong einstufen, der dem Albumtitel letztendlich doch noch gerecht wird.

Nach „Moog Power" experimentierte Montenegro noch auf etlichen Alben mit dem Synthesizer, aber weder die Verwendung des Moog noch ein Wechsel zum technisch besseren ARP-Synthesizer als auch Tributealben für Stevie Wonder („Hugo in Wonder-Land" (1974), natürlich inkl. einer Coverversion von „Superstition") und Elton John („Rocket Man-A Tribute to Elton John" (1975)) konnten seine Karriere wieder in die Höhen hieven, in die ihn „The Good, The Bad & The Ugly" katapultiert hatte.

(6/10)

Various Artists – If I Were A Carpenter (1994, CD)

Tracklist (Chartplazierung der Carpenters-Originalversion)

1. Goodbye To Love (1972; UK # 9, US # 7)
American Music Club
2. Top Of The World (1973; UK # 5, US # 1)
Shonen Knife
3. Superstar (1972; UK # 18, US # 2)
Sonic Youth
4. (They Long To Be) Close To You (1970; UK # 6, US # 1)
Cranberries
5. For All We Know (1971; UK # 18, US # 3)
Bettie Serveert
6. It's Going To Take Some Time (1972; US # 12)
Dishwalla
7. Solitaire (1975; UK # 32, US # 17)
Sheryl Crow
8. Hurting Each Other (1972; US # 2)
Johnette Napolitano with Marc Moreland
9. Yesterday Once More (1973, UK # 2, US # 2)
Redd Kross
10. Calling Occupants Of Interplanetary Craft (1977; UK # 9, US # 32)
Babes In Toyland
11. Rainy Days And Mondays (1971, US # 2)
Cracker
12. Let Me Be The One (1971, Albumtrack)
Matthew Sweet
13. Bless The Beasts And Children (1972, US # 67)
4 Non Blondes
14. We've Only Just Begun (1970; UK # 28, US # 2)
Grant Lee Buffalo

Anfang 1969 landete auf dem Schreibtisch von Herb Alpert, Boss von A & M Records und nebenbei als einer der erfolgreichsten Trompetensolisten auch Lieferant zahlloser Samplevorlagen für Hip-Hop-Acts (u.a „The Lonley Bull; UK # 22 bei „Tres Deliquntentes" von Deliquentent Habits (1996; D # 30, US # 35) oder „Rise" (1979, UK # 13, US # 1) für Notorious B.I.G’s „Hypnotize" (1997; D # 15, UK # 10, US # 1)) ein Demoband des Geschwisterpärchens Karen & Richard Carpenter. Alpert erkannte sofort das kommerzielle Potential des Duos und nahm die Beiden umgehend unter Vertrag. Eine Entscheidung, die sich überaus bezahlt machen sollte, denn die Carpenters bescherten seinem Label mit bis heute weltweit über 80 Millionen abgesetzen Tonträgern, 17 Alben, deren Verkäufe alleine in den USA jeweils die Millionengrenze überschritten und 28 Singles, die sich in den US-Charts plazieren konnten, fette Gewinne.

25 Jahre nach der Vertragsunterzeichung beschlossen der amerikanische Musikjournalist Dave Konjoyan und der Produzent Mat Wallace (Faith No More, John Hiatt), daß es an der Zeit wäre, Karen und Richard Carpenter mit dem Tributalbum „If I Were A Carpenter" zu würdigen. Auf den ersten Blick erscheint dieses Vorhaben für den mitteleuropäischen Musikfan, der das Duo nur von eher belanglosen Oldiesenderdauerbrennern wie „Jambalaya (On The Bayou)" (1974; A # 8, D # 50, UK # 12) oder „Sweet, Sweet Smile" (1978; D # 22, UK # 40, US # 44) kennt, nicht ganz nachvollziehbar. Darüberhinaus erscheint oberflächlich betrachtet alles an den Carpenters fast schon beängstigend bieder: Karens klare Stimme, Richards mitunter fast schon klinisch saubere Arrangements und vor allem ihr noch saubereres Image, mit dem sie fast schon die Osmonds in den Schatten stellten. Wer aber in den 70er in den USA mit den damals fast allgegenwärtigen Carpenters aufgewachsen ist bzw. sich mit ihnen näher beschäftigt hat sieht ihre Karriere sicherlich differenzierter.

Das omnipräsente Zahnpastalächeln der beiden war großteils nur Fassade, denn schon relativ früh waren Richards zeitweilige Drogenprobleme und Karens Magersucht, an deren Folgen sie 1983 starb, der hohe Preis, den sie für ihren Erfolg zahlen mußten. Diese Tragödie wurde lange Zeit von ihren Fans nicht wahrgenommen, erst Karens Tod öffnete vielen, die zuvor die Beiden belächelt hatten, die Augen als auch die Ohren. Kritiker revidierten nun ihre Vorbehalte und erkannten plötzlich, daß die Carpenters großteils tatsächlich prefekten Pop produziert hatten, wofür auch zahlreiche Songs der Feder zeitgenössischen Songwritergrößen wie Burt Bachrach/Hal David („Close To You"), Paul Williams („We’ve Only Just Begun", „Rainy Days And Mondays"), Leon Russel („Superstar") oder Carole King („It's Going To Take Some Time") mitverantwortlich waren, und so manche Textzeile erschien plötzlich in einem völlig neuen Licht.

Auf „If I Were A Carpenter" versuchen sich 14 Interpreten unterschiedlichster Prägung an Songs der Carpenters und die Ergebnisse sind mehr als erstaunlich, denn vielfach würde man die Originalversionen der Songs kaum Karen und Richard zuordnen. Ein gutes Beispiel dafür ist „Goodbye To Love", das dieses Album eröffnet durchaus gelungen vom American Music Club gecovert wird. „All I Know Of Love Is How To Live Without It" lautet eine Textzeile, die durchaus aus dem Repertoire von Joy Division oder Nick Cave stammen könnte. Kurioserweise entfachte „Goodbye To Love" zum Zeitpunkt des Erscheinens 1972 unter manchen Carpenters-Fans einen Sturm der Entrüstung, da Richard es wagte, in sein Arrangement eine Fuzzgitarre einzubauen, was vielfach als eine Tendenz in Richtung Hardrock gedeutet wurde ...

Etwas optimistischer und mit entwaffnender Nettigkeit geht es mit dem japanischen Girl-Punktrio Shonen Knife on „Top Of The World" weiter, ähnliches gilt für deren amerikanisches Pendant Babes In Toyland, die sich an „Calling Occupants Of Interplanetary Craft", das die Carpenters von den kanadischen Beatles-Adepten Klaatu coverten (1977; US # 73), versuchen. Ansonsten geht es auf „If I Were A Carpenter" aufgrund der hohen Balladendichte im Carpenters-Gesamtwerk eher gemächlich zu, aber mitunter intensiver als bei den Originalen. So waren die Gitarrenrock-Avantgardisten Sonic Youth selten so zurückhaltend unterwegs wie auf „Superstar", Johnette Napolitano, die als Sängerin von Concrete Blonde „Joey" (1990; US # 19) kurzfristige Popularität erntete, wandelt gemeinsam mit dem Ex-Wall Of Voodoo-Gitarrist Marc Moreland soundmäßig auf den Spuren der 60s-Girlgroup Shangri-La’s, Grant Lee Buffalo schmachten mit einer starken Prise Beach Boys-Harmonien „We’ve Only Just Begun", Cracker beweisen bei „Rainy Days And Mondays" maximale Coolness und stellenweise Mut zur Atonalität und bei „Let Me Be The One" von Country-Singer/Songwriter Matthew Sweet singt sogar Richard Carpenter höchstpersönlich die Background vocals.

Wie oft auf Tributealben enttäuschen allerdings die großen Namen: „(They Long To Be) Close To You" von den Cranberries als auch „Solitaire" von Sheryl Crow sollte man keinesfalls beim Autofahren hören, denn dabei könnte der Sekundenschlaf erheblich ausgedehnt werden. Auch „It's Going To Take Some Time" der alternativen Rocker Dishwalla, die nach einem gelungenen Longplayer „Pet Your Friends" (1995) samt der dazugehörigen Hitsingle „Counting Blue Cars" (1996; US # 15) und einem völlig ignorierten, aber nicht minder üblen Nachfolgealbum „And You Think You Know What Life’s About" ihr Dasein als One-Hit-Wonder fristen müssen ist weder Fisch noch Fleisch. Ein erfreulicher Lichtblick sind dagegen die 1 ½-Hitwonder 4 Non Blondes („What’s Up" (1993; A # 1, D # 1, UK # 2, US # 14); „Spaceman" (1993; A # 19,D # 28, UK # 53)), die sich nie besser in Szene setzen konnten als auf nie besser „Bless The Beasts And Children". Während die letztgenannten Bands zumindest einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichten, hält bzw. hielt sich der von Bettie Serveert eher in Grenzen. Hinter diesem Namen verbirgt sich keine obskure US-Combo, sondern überraschenderweise eine holländische Formation, der man ihre Herkunft nicht anhört und deren äußerst gelungene Version von „For All We Know" besonders dank der sinnlichen Stimme von Leadsängerin Carol van Dyk eine der Highlights dieses Albums ist.

Um einiges populärer, wenn auch vielen nicht bewußt, sind Redd Kross, deren Ruhm auf der Verwendung ihres Songs „Crazy World" (1994) in einem einen immer noch ausgestrahlten Mars-Werbespot beruht, in dem ein Indianer nach Verzehr des gleichnamigen Schokoriegels beschließt, nicht in die ewigen Jagdgründe zu wandern, sondern wieder Lust aufs Leben bekommt. Redd Kross machten aus „,Yesterday Once More" eine unwiderstehliche Mitsinghymne, der sich nach einmaligen Hören niemand entziehen kann. Deshalb war es nur eine logische Konsequenz, daß ihnen die Ehre zuteil wurde, sich mit Sonic Youths’ „Superstar" die aus „If I Were A Carpenter" ausgekoppelte Single zu teilen, die sich allerdings nur mangelnder Beliebtheit erfreute (1994; UK # 45).

Jeff McDonald von Redd Kross hat die passenden Worte zu den Carpenters gefunden: "I'd always been a huge fan of the Carpenters, and an admirer of their songs. The quality of their songs was so wonderful, they were lyrically very sophisticated, not this teenybop fare. ... Most bands just want to write perfect pop songs. And these are perfect pop songs."

Dem ist nichts hinzuzufügen.

(9/10)

Location/Date:
Szene Wien, 24.01.2002

Mary Gauthier - Dixie Chicken (CD)
Mary Gauthier - Drag Queens In Limousines (CD)

Exklusiv für
Walkabouts - Drunken Soundtracks (2 CD)(2001, 2 CD)

Location/Date:
Fischer Music & Chronicle, 18.01.02

Bush - The Science Of Things (CD)
Various Artists - Fire Is Good (CD)

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