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German Friends of the International Association for Near-Death Studies (IANDS) - gegr. 2004

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse lassen den Bonner Neuropsychologen und Theologen Christian Hoppe Nahtoderlebnisse und Ausserkörper-Erfahrungen als “komplexe Halluzinationen” interpretieren. Aus Sicht des Netzwerk Nahtoderfahrung e.V. lässt H. jedoch wesentliche Phänomene, wie z.B. extrasenorische Geschehnisse in Nahtoderlebnissen unberücksichtigt. Unabhängig von der Frage der Erklärbarkeit stellen Nahtoderlebnisse häufig eine eigenständige, tiefgreifende emotionale und spirituelle Erfahrung für die Betroffenen dar, die akzeptiert, respektiert und damit gewürdigt werden muss.

Christian Hoppe, geb. 1967, Dr. rer. nat., Neuropsychologe und Diplom-Theologe; Promotion im Fach Neuropsychologie an der Universität Bielefeld; seit 1998 an der Universitätsklinik für Epileptologie in Bonn. In einem Artikel in “Christ in der Gegenwart”, 57 Jahrgang - 20. Nov 2005 setzt er sich auch mit theologischen Fragestellungen zur NTE-Thematik auseinander. Der Abdruck erfolgt mit Genehmigung des Verfassers.

Ein Blick ins Jenseits? Nahtod-Erlebnisse und christlicher Gottesglaube

Von Christian Hoppe

Sei einiger Zeit beobachtet man in Fachzeitschriften, wie zum Beispiel „Gehirn und Geist“, oder in Illustrierten ein verstärktes Interesse an sogenannten Nahtod-Erlebnissen. Betroffene berichten dabei aus Ihrer Erinnerung von Zuständen, in denen sie da Gefühl hatten, ihren per zu verlassen und die Situation einschließlich ihres eigenen Körpers unbeteiligt von außen aus einer erhöhten Position wahrzunehmen. Dieses außerkörperliche Erlebnis nennt man in der Fachsprache Autoskopie. Andere sahen einen Tunnel oder eine Brücke, über die sie gleichsam auf ein helles Licht zuschwebten (im folgenden verkürzend als „Tunnel-Licht-Erlebnis“ bezeichnet). Nicht selten begegnen den Betroffenen bei dieser Reise auch Ihnen bekannte Personen.

Neue Studien – wie zum Beispiel das Buch „Berichte aus dem Jenseits“ von Hubert Knoblauch (vgl. dazu die Literaturangaben am Ende des Artikels) – unterstreichen die immense Vielgestaltigkeit des Phänomens und die unverkennbaren kulturellen Einflüsse auf die jeweiligen Erlebnisinhalte. Es zeigt sich: Physische Todesnähe stellt keine notwendige Bedingung für derartige Erlebnisse dar. Vielmehr treten diese auch im Zusammenhang mit Narkosen sowie in neurowissenschaftlichen Experimenten fern des Todes auf.

Anders als bei bloßen Sinnestäuschungen weicht bei Nahtod-Erlebnissen – insbesondere beim Tunnel-Licht-Erlebnis – die Wahrnehmung des Betroffenen von der Wahrnehmung aller anderen anwesenden Personen ab. Aus medizinischer Sicht sind Nahtod-Erlebnisse daher als komplexe Halluzinationen zu beurteilen. Halluzinationen sind innere Reisen in der Welt unseres Bewusstseins: Weder könnte der bei einem außerkörperlichen Erlebnis oder bei einem Tunnel-Licht-Erlebnis subjektiv wahrgenommene Bildeindruck fotographisch dokumentiert werden, noch wird man ernsthaft annehmen, man könnte irgendwo im Weltall die wahrgenommenen Tunnel oder Lichter physisch real finden. Im Unterschied zu Träumen sind Halluzinationen durch ein starkes subjektives Realitätsgefühle gekennzeichnet. Nicht selten wird eine Halluzination sogar als „wirklicher“ empfunden als alles andere bis dahin Erlebte. Halluzinationen sind stets mit persönlichen Gedächtnisinhalten verknüpft und daher autobiographisch und kulturell geprägt.

Welche Realität haben Halluzinationen?

Bis heute weiß die Hirnforschung nicht, warum materielle Vorgänge im Gehirn überhaupt mit geistig-seelischen Phänomenen, also bewussten, mentalen, subjektiven Zuständen, einhergehen. Aber unbestritten ist, dass neurophysiologische Prozesse eine notwendige Bedingung für ein bewusstes Erleben darstellen und dass ihr Fehlen hinreichend ist für einen Verlust einzelner Module des bewussten Erlebens (zum Beispiel Gedächtnisverlust bei Demenz) oder des Bewusstseins insgesamt (etwa einer Narkose). Das Zustandekommen einer Halluzination erklärt man sich dadurch, daß unter bestimmten Umständen im Gehirn genau diejenigen Prozesse auch ihren Reizung der äußeren Sinne ablaufen können, die normalerweise in Verbindung mit einer Sinnesreizung des alltagsbewußte Realitätserleben bedingen.

Wenn man zum Beispiel die Hirnrinde eines Epilepsie-Patienten im Rahmen der prächirugischen Epilepsie-Diagnostik in einer bestimmten Region elektrisch reizt, dann kribbelt es den Patienten nicht im Gehirn, sonder in der Hand. Die eigentliche Ursache für seine Empfindung liegt dabei nicht wahrnehmbar und für das Gehirn ununterscheidbar im Gehirn selbst. Halluzinationen einschließlich des Nahtod-Erlebnisses treten im Übergang zwischen Wachbewusstsein und Bewußtlosigkeit auf (zum Beispiel bei Herzinfarkten oder Atemnot). Im Experiment können Nahtod-Erlebnisse durch pharmakologische Medikamente – zum Beispiel mit dem Narkosemittel Ketamin – gezielt hervorgerufen werden. Selbstverständlich treten Halluzinationen auch bei schweren Störungen auf, aber die Befürchtung nicht wenig Betroffener, ihr Nahtod-Erlebnis sei Ausdruck einer Geisteskrankheit, ist völlig unbegründet.

Wie bei Träumen macht es wenig Sinn, ernsthaft den physischen Realitätsgehalt von Nahtod-Erlebnis-Halluzinationen zu behaupten. Nicht nur würde die Natur in eine sichtbare und eine im Alltag unsichtbare Wirklichkeit zerfallen. Vielmehr müsste man dann konsequenterweise auch den Realitätsgehalt alle anderen Halluzinationen allein auf der Basis des subjektiven Realitätserlebens einzelner Personen anerkennen. Ronald D. Siegel hat zum Beispiel die sogenannte Sukkubus-Halluzination beim Erwachen genau beschrieben: Wie gelähmt erlebt der Halberwachte das Herannahen des Sukkus, einer dunklen mächtigen Schattengestalt, die sich auf seine Brust setzt und ihn fast den Atem raubt.

Offensichtlich schlummern im Bewusstsein Erlebnispotentiale, von denen der einfache Alltagsmensch ohne Nahtod-, Meditations- oder Drogen-Erlebnisse wohl nicht einmal etwas ahnt. Nicht selten haben es die Protagonisten (und nicht selten Propagandisten) dieser Erlebnisse verstanden, den Eindruck zu erwecken, es handle sich dabei um „höhere“, erstrebenswerte Bewusstseinszustände. Dies ist jedoch nicht der Fall. Denn nur im wachen Alltagsbewusstsein sind wir in der Lage zu mitmenschlicher Kommunikation und zur Organisation aller lebensnotwendigen Dinge. Halluzinatorischen Zuständen fehlen dagegen wichtige Elemente (Module) des wachbewussten Erlebens infolge eines Ausfalls der diesen Modulen zugrundliegenden Hirnfunktion.

Was sagt uns das über das Paradies? Nichts!

Das Gefühl des Schwebens und der absoluten Ruhe zum Beispiel, das häufig bei Nahtod-Erlebnissen berichtet wird, dürfte sich dadurch erklären, dass keine körpersinnliche Signale aus der Haut und den Muskeln mehr im Gehirn ankommen und dass zum selben Zeitpunkt meistens eine komplexe Lähmung besteht: Für das Gehirn existiert der Körper somit nicht mehr. Er kann nicht mehr als „mein Körper“ empfunden werden. Das „ich“ ist dann körperlos. Dies ist wahrscheinlich auch die Ausgangsbasis für ein außerkörperliches Erlebnis: Ohne körpersinnliche Signale kann die perspektivische Mitte des visuellen Eindrucks nicht mehr im Körper beziehungsweise im Kopf verankert werden. Verbunden mit dem Gefühl des Schwebens kommt es dann erstaunlicherweise zu einem „Sehen“ aus der Vogelperspektive. Die Wahrnehmungsinhalte sind dabei durchaus real; aber in Bezug auf die ungewöhnliche Perspektive handelt es sich auch beim außerkörperlichen Erlebnis um eine Halluzination. Sie kann – wie Olaf Blanke gezeigt hat – durch Elektrostimulation der Hirnrinde im Bereich des rechten Scheitellappens gezielt herbeigeführt werden.

Was sagen uns Nahtoderlebnisse über ein „Leben nach dem Tode“? Wohl gar nichts, denn nur der unwiederbringliche Verlust der Funktionen des ganzen Gehirns ist als medizinisches Todeskriterium anerkannt. Personen, die Erlebnisse berichten können, waren nie tot.

Wie unsterblich ist die Seele?

Manche Wissenschaftler, wie zum Beispiel Piet (richtig: Pim (A.S.)) van Lommel, behaupten, dass es während eines außerkörperlichen Erlebnisses außersinnliche, ja außercerebrale Wahrnehmungen der physischen Realität möglich seien. Angeblich erlangen Betroffene bei diesen körperunabhängigen „Astralreisen“ auch Wissen über andere Räume in der Klinik, welche sie nie zuvor betreten haben. Dies beweise, daß sich die Seele entgegen der neurowissenschaftlichen Auffassung als pures Sehendes (und eventuell Hörendes) vom Körper und vom Gehirn ablösen und sich dann frei bewegen könne. Obwohl hierzu immer wieder Experimente durchgeführt werden, fehlen bisher überzeugende Belege für derartige hirnunabhängige Wahrnehmungen. Ein solcher Nachweis erfordert eine exakte zeitliche Zuordnung der während der des außerkörperlichen Erlebnisses wahrgenommenen Ereignisse zu den zeitgleichen Hirnfunktionsmessungen (etwa über ein EEG). In dem viel diskutierten Fall der Amerikanerin Pam Reynolds, die angeblich bei einer Operation reale Erlebnisse während eines vorübergehenden Hirnfunktionsstillstandes (Hypothermie) hatte, gelingt dieser entscheidende Nachweis nicht.

Das außerkörperliche Erlebnis bietet keinen Trost in Bezug auf den Tod. Denn was ist an der Vorstellung tröstlich, dass wir als unsichtbare Geister durch die Welt streifen, ohne sie noch am eigenen Leibe spüren oder irgendwie auf sie einwirken zu können? Wie können wir hoffen, dass dieser Zustand irgendwann endet, wenn eine Seele nicht sterben kann?

Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Menschen während des Sterbens Hirnzustände durchlaufen, die mit lichtvollen Halluzinationen einer göttlich anmutenden Wirklichkeit ohne Erdenschwere und ohne Schmerz einhergehen – man möchte es jedem von Herzen wünschen! Aber auch negative, erschreckende Halluzinationen sind leider möglich. Mit dem dann jedoch weiter voranschreitenden Verlust von Hirnfunktionen wird das Bewusstsein schließlich insgesamt verlöschen. Wie beim allabendlichen Einschlafen gibt es danach im eigentlichen Sinne kein „Danach“ mehr: Ohne Erleben sind wir nirgendwo, und auch diese Abwesenheit werden wir nicht erleben.

Ganz offensichtlich speisen sich religiöse Mythen und Bilderwelten aus spontan aufgetretenen, meditations- oder drogeninduzierten „Nahtoderlebnissen“. Platon, der die Lehre einer unsterblichen Seele vertrat, zitiert in „De Staat“ (X. Buch) die Geschichte des pamphylischen Soldaten Er, der nach mehreren Tagen des Scheintodes ebenfalls ein beindruckendes Nahtoderlebnis zu berichten wusste. Nüchtern betrachtet ist das Nahtoderlebnis jedoch kein Blick ins jenseits unseres Alltagsbewußtseins – aber innerhalb des Diesseits vitaler, ohne moderne Hilfsmittel gar nicht beobachtbarer Hirnprozesse.

„Auferstehung“ ist anders!

Christen, die diese naturwissenschaftlich gut begründete Sichtweise beunruhigend finden dadurch die Grundfesten des Glaubens erschüttert sehen, verwechseln möglicherweise die christliche Hoffnung auf Auferstehung mit der platonischen Idee einer aus sich heraus unsterblichen Seele. In einen gewissen Sinne ist der christliche Glaube Vollendung und darin Kritik und Überwindung aller Religion, denn er hat mit religiös-symbolischen oder magischen Praktiken der Überwindung einer vermeintlichen Trennung zwischen einer hypothetischen göttlichen und einer bloß irdischen Wirklichkeit nicht zuschaffen. Das ewige Leben bei Gott, auf das Christen hoffen, ist nicht einfach eine endlose Fortsetzung der irdischen Existenz und schon gar nicht das Weiterleben einer ihres Körpers beraubten Seele. Denn das ewige Leben hat nicht nur kein Ende, sonder es hat auch keinen Anfang in der Zeit, es beginnt also nicht m Tod. Der Mensch zerfällt im christlichen Menschenbild nicht in zwei Teile, eine irdischen Körper und eine göttliche Seele, sondern er ist als ganzer Mensch zu einer noch größeren Ganzheit gerufen, nämlich Kind Gottes und Erbe Christi zu sein.

Der Gott der Christen gibt sich keinesfalls nur in seltenen Bewusstseinszuständen oder gar erst nach dem Tode zu erkennen. Vielmehr ist er näher als nah, er ist das Offenbare schlechthin, er ist das innerste Wesen der Wirklichkeit, auch hier jetzt. Der Auferstehungsglaube bezeugt, dass der Gekreuzigte, der in die unmittelbare Gegenwart Gottes gepredigt und für diese befreiende Botschaft sein Leben gegeben hat, in der lebendigen Gegenwart Gottes bleibend gegenwärtig ist. Im Glauben an ihn erschließt sich nicht ein neues weltbildliches Wissen, sondern der Mensch öffnet sich der absoluten Wahrheit der lebendigen und vergöttlichenden Gegenwart Gottes, die allen Weltbildern vorgängig ist. In ihr, so hofft der Glaubende, wird sich einmal ein sterbliches Leben vollenden.

Literatur:

Olaf Blanke u.a., „Stimulating illusory own-body perceptions“. In “Nature” (2002), Heft 419, S. 269-70

“Mythos Nahtod” Themenschwerpunkt in “Gehirn & Geist” (2003), Heft 3

„Journal of Near-Death-Studies“ (seit 1983). Herausgegeben durch “The International Asscociation for Near-Death-Studies IANDS”, (siehe auch: www.iands.org)

Hubert Knoblauch, “Berichte aus dem Jenseits: Mythos und Realität der Nahtoderfahrung“, Herder Verlag, Freiburg 2002.

Pim van Lommel u.a., „Near-Death experience in survivors of cardiac arrest : a propestive study in the Netherlands“. In: “Th eLancet” (2001), Heft 358S. 2039-2044.

Ronals Siegel, “Halluzinationen: Expedition in eine andere Wirklichkeit”, Rowolth Verlag, Reinbeck 1998.

Gerald M. Woerlee, „Mortal Minds: a biology of the soul and the dying experience“. De Tijjdstroom Verlag, Utrecht (siehe auch: www.mortalminds.org)

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