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German Friends of the International Association for Near-Death Studies (IANDS) - gegr. 2004

Der theologische Zugang zu Nahtoderfahrungen

(Joachim Nicolay) 

Einer der ersten, die sich mit NTE beschäftigten, war der evangelisch-lutherische Theologe Johann Christoph Hampe. Er veröffentlichte sein Buch ‚Sterben ist doch ganz anders’ 1975, also in etwa  zeitgleich mit Moodys ‚Life after life’ und unbeeinflusst von diesem.  Es ist der erste Versuch, ein Phänomen, das erst später als NTE bekannt wurde, aus theologischer Sicht zu interpretieren.

Der englische Philosoph und Theologe Mark Fox urteilt über Hampe: Er war „der erste, der die Implikationen dieser Erfahrungen für unsere Beurteilung des Dualismus in Betracht zog. Er war der erste, der diese Erfahrungen detailliert im Licht biblischer Anschauungen betrachtete; der erste, der vorschlug, die Erfahrungen auch therapeutisch im Umgang mit Sterbenden und Hinterbliebenen zu nutzen (2003, S.61)“.  Hampe blieb für lange Zeit allerdings auch der einzige, der NTE einen theologischen Stellenwert zuerkannte.  

In den USA führte die Frage, wie  NTE  theologisch zu interpretieren seien, zu teils heftigen, auch mit persönlichen Kränkungen verbundenen Auseinandersetzungen. In den Augen von Maurice Rawlings (1997) stellen viele Lichterfahrungen „absichtliche Täuschungen Satans“ dar.

Michael Sabom kritisierte aus einer konservativ-christlichen Position Kenneth Ring. Sabom sieht in der Bibel die letzte Autorität, in deren Licht seiner Meinung nach auch NTE interpretiert werden müssen. Untersuchungsergebnisse von Ring, nach denen Menschen in der Folge einer NTE zu einer eher spirituellen als konfessionell religiösen Orientierung tendieren, führt er auf methodische Fehler zurück(1998;vgl. auch Sabom 2000). 

In Europa  überwiegt, falls NTE überhaupt thematisiert werden,  eine skeptische Bewertung.

Hans Küng mahnt 1984, sich bei der Aneignung des Themas nicht von Wunschdenken leiten zu lassen und vorschnell medizinische Befunde für theologische Zwecke zu nutzen. Was, fragt er, besagen Sterbeerlebnisse für das Leben nach dem Tod? „Kurz gesagt: nichts!... denn  hier geht es um die letzten fünf Minuten vor dem Tod und nicht um ein ewiges Leben nach dem Tod“ (S.36). Küng scheint zu befürchten, leichtfertige theologische Interpretationen könnten durch den Fortgang der medizinischen Forschung später widerlegt werden. „Alle Sterbephänomene lassen sich möglicherweise naturwissenschaftlich-medizinisch erklären (S.32)“.

Noch 2004 reicht KlausBerger ein einziger Satz, um in seinem Jesus-Buch die theologische Relevanz der  NTE-Forschung in Frage zu stellen: „Nahtoderfahrungen, schreibt er, sind fragwürdig, weil es gar nicht feststeht, ob es sich wirklich um Todeserfahrungen handelt und nicht nur um Wahrnehmungen ‚noch im Leib’(S.596).“

Aus dieser vorsichtig-skeptischen Sicht bliebe abzuwarten, zu welchen Ergebnissen die naturwissenschaftlich-medizinische Erforschung der NTE-Phänomene führt. 

Im Unterschied dazu äußern sich in den letzten Jahren Forscher, die den religiös-mystischen Charakter von NTE hervorheben. Der britische Theologe Paul Badham stellt den Kontrast zwischen der Klarheit und Tiefe der NTE-Berichte und den oft diffusen und vagen Beschreibungen religiöser Erfahrungen heraus, die an anderer Stelle existieren. Das bringt ihn zu dem Schluss, dass NTE “viele der Merkmale der tiefsten religiösen Erfahrungen teilen, die der Menschheit bekannt wurden“. Durch die modernen Techniken der Wiederbelebung machen  Hunderte und Tausende normaler Menschen solche tiefen mystischen Erfahrungen (1997, S. 5).

Als spirituelle bzw. mystische Erfahrungen stehen NTE in einer Reihe mit anderen mystischen Erfahrungen der Vergangenheit und der Gegenwart.. Darauf weist Judith Cressy in einer vergleichenden Untersuchung hin. „Ich glaube, dass die Zuordnung von NTE in die weitere Kategorie mystischer Erfahrungen dabei helfen kann, die Bedeutung von ‚mystisch’ zu klären.... Wenn jemand eine NTE-ähnliche Erfahrung hatte, zu der Licht, Liebe, Information und vor allem Transformation gehörten, dann hatte er eine mystische Erfahrung (1994, S. 64-65).“

Auf deutscher Seite hat Jörg Zink die Ähnlichkeit zwischen NTE und mystischen Erfahrungen angesprochen (1999). Der Mathematiker Günter Ewald (2001) unterstreicht diese Sicht, indem er  auf Rudolf Ottos Begriff des Numinosen Bezug nimmt. Das Heilige macht in Ottos Augen das Wesen der Religionen aus. Ewald zeigt, dass die wichtigsten Merkmale des Numinosen auf NTE zutreffen. „In der Tat ist es erstaunlich, in welchem Maß die Nahtoderfahrungen Züge numinos begründeter Erlebnisse tragen....Nicht selbstbezogene Ekstase, sondern auf das ‚Licht der Liebe’ ausgerichtete, von mir wegziehende Glückserfahrung ist das Zentrum vieler Nahtoderfahrungen“  (S.131).

Er sieht   NTE, die „tief in der menschlichen Natur verankert“ sind , als Erfahrungen, die mit Grundfragen der Religion konfrontieren.

Wenn man NTE als eine Form  mystischer Erfahrungen einstuft, ist ihre theologische Bedeutung nicht von der Klärung der „Beweisfrage“ abhängig.  Am deutlichsten spricht das der Psychologe K. Ring (1982) aus, wenn er sagt, „dass man das, was Menschen mit Kernerfahrungen erleben, normalerweise Gott nennen würde.... Wenn es bei dieser Erfahrung nicht um Gott geht - was könnte sie dann sein? Er meint, selbst wenn man in diesen Erfahrungen nichts anderes als Halluzinationen sehe,  müsse man doch zugeben, dass  Menschen mit NTE „bis zum Erfahrungsursprung des universellen menschlichen Glaubens an eine andere- religiöse –Dimension vorgedrungen sind...Es könnte sein, dass ein solcher Glaube falsch ist, aber ich bin der Überzeugung, dass Kernerfahrungen einen direkten Zugang zur Quelle der Religiosität vermitteln, ob es sich nun um Wahrheit oder Aberglauben handelt (1982, S.81).“

Mark Fox sieht eine Aufgabe zukünftiger theologischer Forschung im Vergleich von NTE mit anderen Formen religiöser Erfahrung. Auf diesem Weg könne man herauszufinden versuchen,  ob diesen Erfahrungen ein gemeinsamer, von Kultur und Tradition unabhängiger Kern zu Grunde liegt (S.349).

 

Literatur:

Badham, P.(1997) ‘Religious and Near-Death Experience in Relation to Belief in al Future Life’. In: Second Series Occasional Paper 13.

Berger,K. (2004). Jesus.

Cressy, J.(1994). The Near-Death Experience: Mysticism or Madness. Massachusetts.

Ewald, G. (2001). An der Schwelle zum Jenseits. Die natürliche und die spirituelle Dimension der Nahtoderfahrungen. Mainz.

Fox, M. (2003). Religion, Spirituality and the Near-Death Experience. London.

Hampe, J.(1979).Sterben ist doch ganz anders. Erfahrungen mit dem eigenen Tod. Stuttgart.

Küng, H. (1982). Ewiges Leben? München.

Moody, R.(1975). Life after life. Atlanta.

Rawlings, M. (1997). Vorwort zu Kent, R., Fotherby, V. The Final Frontier. Incredible Storys of Near-Death Experiences. London.

Ring,  K. (1982). Den Tod erfahren –das Leben gewinnen. (2. Aufl.). Bern: Scherz Verlag.

Ring, K. (2000). Religious Wars in the NDE Movement: Some Personal Reflections on Michael Sabom’s Light & Death. In: Journal of Near-Death Studies 18,4, S.215-24

 

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