Engagierte Zärtlichkeit
Das schwul-lesbische
Handbuch
über
gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
von Andreas Frank
Internet-Version © 1997
Kapitel 1: Geschlechtrolle als soziale Dimension
Geschlecht als soziale Konstruktion / Die Neudefinition von Männlichkeit und Weiblichkeit / Crossdressing, Gender Switching und die Auswirkungen auf den Neuen Mann / Informationsteil
FRANK,
ANDREAS: Engagierte Zärtlichkeit - Das schwul-lesbische
Handbuch
über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
Ein Sach- und Lesebuch der Sozialforschung über die sozialen Dimensionen
von Empfindung, Liebe, Identität, Partnerschaft, Familie, Kirche, Ehe
und Homosexualität - Internet-Version © 1997
Geschlecht als soziale Konstruktion
Mit aller Selbstverständlichkeit werden Menschen in Frauen und Männer eingeteilt. Die Existenz zweier Geschlechter gilt als nicht weiter erklärungsbedürftig, sie wird als scheinbar objektive Tatsache durch die Biologie gesetzt. Selbst dort, wo man das "Geschlecht" oder die "Geschlechtsrolle" als das Ergebnis der sozialen Prägung betrachtet, wird der Geschlechtsunterschied auf Grundlage des biologischen Unterschieds getroffen.
Dadurch tritt aber die Frage nach den von den Individuen zu erwerbenden "typischen" Handlungs- und Verhaltensformen, Fähigkeiten, Eigenschaften - eben das, was der Begriff männlicher oder weiblicher "Sozialcharakter" zu erfassen sucht - zurück. Umso wichtiger werden die Erkenntnisse, die von einer kulturellen Codierung der Ausprägungen von Geschlecht und der Geschlechterverhältnisse ausgehen:
Männlichkeit oder Weiblichkeit kann nicht auf das biologische Geschlecht(-steil) zurückgeführt werden und selbst die "geschlechtstypischen" (sozialen) Merkmale, die psychisch-soziale Geschlechterdifferenz (z.B.: aggressives Dominanzverhalten wird Männern zugeschrieben) differieren nach Auftretenshäufigkeit oder Intensität: "Die Variation von sozialen Geschlechtsmerkmalen sind innerhalb eines Geschlechts in fast allen Forschungen größer, als die Differenz zwischen den Mittelwerten für jedes Geschlecht" (Gildemeister aaO:225).
Die Argumentation ernst zu nehmen, daß Menschen "von Natur aus" durch und durch gesellschaftliche Wesen sind, heißt auch, das "Geschlecht" einzubEZIehen. Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit sind Ergebnisse sozialer, kultureller Prozesse auf der Grundlage symbolvermittelter sozialer Interaktion und kultureller und institutioneller Ablagerung und Verfestigung. Das heißt: auch Zweigeschlechtlichkeit, deren Folgen und Deutungen sind Ergebnisse sozialer Konstruktionen. "Geschlecht" wird also im Alltag sozial und im Dialog mit anderen konstruiert.
Dabei geht es zunächst nicht darum, die biologische Grundlage des Menschen abzustreiten. Die Dialektik, das Wechselspiel von "Körpersein" und "Körperhaben" ist damit nicht ausgesetzt, sondern gerade grundlegend für die Aneignung von Identitätsfaktoren. Männer und Frauen sind Natur und Kultur - und in der wechselseitigen Verschränkung beider werden Frauen und Männer erst "hergestellt" oder: geschaffen.
Aber selbst Biologen trennen nicht scharf in eine Zweigeschlechtlichkeit und setzen auf ein gleitendendes "Mehr-oder-Weniger" statt auf ein rigoroses "Entweder-Oder", wie z.B. bei der Erkenntnis, daß bei Säugetieren das genetische Geschlecht nicht mit dem somatischen (körperlichen) Geschlecht übereinzustimmen braucht. Auch eine Sammlung aller Körpermerkmale, die bei biologischen Geschlechtsbestimmungen herangezogen werden, würde keinesfalls für alle Personen eine Geschlechtsdefinition ergeben, die eindeutig von Geburt an gilt und unverändert bleibt.
Gegensätzliche Zweigeschlechtlichkeit wird vielmehr erst im alltäglichen sozialen Leben zu einer Tatsache. Wesentliche Elemente unserer Kultur beruhen auf Alltagstheorien und Grundannahmen zur "natürlichen Selbstverständlichkeit" der Zweigeschlechtlichkeit des Sozialen. Dies beinhaltet die Unvermeidbarkeit der Zuordnung einer Person in das Kategoriensystem weiblich/männlich. Jeder wird geschlechtlich erfaßt, niemand kann sich der strikt "zweiwertigen Klassifikation", dem rigorosen "Entweder-Oder" entziehen. Es gilt die Regel der Unvereinbarkeit und Unveränderlichkeit: Jeder muß jederzeit männlich oder weiblich sein - eines von beidem, nicht beides gleichzeitig.
Alle kulturellen Verhaltensstandards / Konstanten lassen sich in der Form der jeweiligen Geschlechtskonformität erwerben, und das heißt für eine Gesellschaft, die auf der Polarisierung von Geschlechtsrollen und der Generalisierung von deren Effekten beruht: Es gibt keine Identität und Individualität außerhalb der Geschlechtszugehörigkeit (vgl. aaO).
Diese soziale Codierung der zwei Kategorien wird in den gesellschaftlichen Handlungsabläufen nicht oder wenig reflektiert, es gehört zum zentralen Repertoire alltäglicher Routinewahrnehmung und sozialen Handelns. "Frau", "Mann", "weiblich", "männlich" werden als Symbole in der sozialen Interaktion erworben und sind darin zugleich Voraussetzung der Teilnahme an Kommunikationen: Soziale Interaktion ist mithin nicht Medium, in dem "Geschlecht" als handlungsbeeinflussender Faktor wirkt, sondern ein formender Prozeß eigener Art, in dem "Geschlecht" und "Geschlechsidentität" durch die Handelnden und die soziale Realität interpretierende Subjekte gelernt und hergestellt wird.
Anders ausgedrückt: Personen werden nicht zunächst dem einen oder anderen Geschlecht zugewiesen, weil sie dementsprechend handeln und entsprechende Merkmale aufweisen, sondern ihr Handeln und Verhalten wird eingeschätzt und bewertet auf der Grundlage einer Zuordnung zu einer Geschlechtskategorie, wobei, wie bei anderen Prozessen der Herstellung sozialer Ordnung auch, tagtäglich Ausnahmen, Ungereimtheiten und Brüche bewältigt werden müssen. Solche Verhaltens- und Eigenschaftszuweisungen sind immer auch fiktiv, gelten nicht "wörtlich".
Geschlechtsidentität ist daher nicht darauf zu beschränken, sich selbst als weiblich oder männlich zu definieren, sondern umfaßt komplexe Aneignungsprozesse nach der Geburt durch die Sozialisation: Wir werden zum Mann "gemacht".
Betrachtet man den einzelnen Menschen in seinem biologischen und sozialen Lebenslauf, so findet sich der Begriff "Geschlecht" auf verschiedenen Ebenen:
· das chromosonale Geschlecht, das auf das Geschlechtschromosom bezogen ist und sich bei der Zeugung, der Vereinigung der Keimzellen (Eizelle /Samenzelle) ergibt,
· das genetische Geschlecht, festgelegt nach dem Genotyp und den geschlechtsterminierenden Genen und normalerweise dem chromosonalen Geschlecht entsprechend,
· das gonadale Geschlecht, den Keimdrüsen oder Geschlechtsdrüsen. Ein Mensch mit Hoden (Testes) gilt als männlich, mit Eierstöcken (Ovarien) weiblich. Das gonadale Geschlecht entspricht in der Regel dem chromosonalen Geschlecht. Es gibt auch Ausnahmen, wie der XX-Mann, der zwar kein männliches Geschlechtschromosom (Y), aber einen Hoden aufweist,
· das hormonale Geschlecht ergibt sich aus den Anteilen von weiblichen und männlichen Sexualhormonen (Östrogenen und Gestagenen bzw. Androgenen),
· das anatomische Geschlecht, morphologische oder genitale Geschlecht, es bEZIeht sich auf die (äußeren) Geschlechtsorgane, also auf Scheide (Schamlippen und Kitzler) einerseits und Glied und Hodensack andererseits,
· das natale oder Geburtsgeschlecht, auch Bestimmungs- oder Hebammengeschlecht genannt; es wird unmittelbar nach der Geburt in Hinblick auf die sichtbaren Geschlechtsorgane festgelegt und in die Geburtsurkunde eingetragen: Wer ein Glied hat, gilt als ein Junge, wer Schamlippen hat, gilt als ein Mädchen. Aufgrund dieser Festlegung (bei der auch Irrtümer vorkommen können), beginnt die Sozialisation und die Erziehung als Junge oder Mädchen nach den für Männern und Frauen unterschiedlichen Kulturmustern, verbunden mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung als männlich oder weiblich (Identitätsentwicklung). Wird ein Geschlecht auf den ersten Blick bei Geburt fälschlich deklariert, entstehen umso größere Probleme, je später die falsche Zuschreibung entdeckt wird, da die (geschlechtsspEZIfische) Sozialisation schon fortgeschritten ist (vgl. BTDS 13/5757). Hier wird die soziale Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit besonders deutlich;
· das juristische Geschlecht geht von der Eintragung des männlichen oder weiblichen Geschlecht in der Geburtsurkunde aus,
· das psychologische Geschlecht betrachtet psychische Eigenschaften des Geschlechtes: Frauen gelten als zärtlicher, Männer als aggressiver, viriler, etc.,
· das kulturelle oder soziale Geschlecht:
Das soziale oder kulturelle Geschlecht drückt sich aus in dem Geschlechtstypischen: den gesellschaftlichen Bedingungen und Geschlechtsrollen, in Männer- und Frauenleitbildern, in männlichen und weiblichen Verhaltensnormen, in Sitten, Gebräuchen und Vereinbarungen. Das soziale Geschlecht wird erworben, anerzogen, aufgezwungen, ansozialiert.
Wenn sich eine Person nicht ihrem sozialen Geschlecht entsprechend verhält, kommt es zu Komplikationen. Würde beispielseise ein Bräutigam im weißen Hochzeitskleid erscheinen oder ein Politiker in Rock und Bluse ans Rednerpult treten, empfänden es nicht wenige Menschen als unstimmig. Von herausragender Bedeutung für das soziale Geschlecht sind die BEZIehungen zwischen und unter den Geschlechtern, das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Dieses zeigt sich insbesondere in den unterschiedlichen Männer- und Frauenleitbildern (im geschichtlichen Vergleich oder im Vergleich zu anderen Kulturen), an dem, was z.B. als typisch "weiblich" gilt, an gewandelten Geschlechtsrollen und an den Änderungen in den Verhältnissen der Geschlechter untereinander.
Während die deutsche Sprache nur das Wort "Geschlecht" kennt, hat sich in der englisch-amerikanischen Sprache die Unterscheidung "sex" und "gender" herausgebildet: Unter "sex" wird das biologische, körperliche Geschlecht verstanden, unter "gender" das soziale, kulturelle Geschlecht.
Wir kennen die primären und auch sekundären Geschlechtsmerkmale von Frauen und Männern (so erfolgt auch die Geschlechtszuweisung bei der Geburt), aber wir wissen erst nach einer sozialen Untersuchung, was Frau-Sein und Mann-Sein in einer bestimmten Gesellschaft bedeutet. Es ist eine soziale Konstruktion von Geschlecht(lichkeit): danach kann die Geschlechterdifferenz nicht als gegeben betrachtet werden, sondern wird permanent und interaktiv hergestellt. So stellte schon Ursula Scheu mit ihrem gleichnamigen Buch 1977 die soziale Konstitution von Geschlecht mit den Worten fest: "Wir werden nicht als Mädchen bzw. Junge geboren, wir werden dazu gemacht".
Geschlecht gilt nicht als biologische, sondern als soziale Konstruktion, also etwas, das gesellschaftlich "gemacht" und individuell nachvollzogen bzw. "mitgemacht" wird oder werden muß.
Die Geschlechtszuscheibung (doing gender) ist also ein lebenslang, immer wieder stattfindender Prozeß. Dabei wird Geschlechtszuschreibung gerade häufig nicht an den primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen festgemacht, sondern an anderen Informationen wie Gang, Stimme, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Ausstrahlung. Insbesondere die Kleidung, die Mode der Gesellschaft (oder das Modediktat der Industrie) hat hier einen großes Sozialisationspotential: Nur Frauen tragen Röcke und die Knopfleiste links. Wenn Männer eine Brosche tragen gilt dieses fast schon als revolutionär.
Die "Entweder-Oder-Kategorie" ist der Rahmen unseres alltagsweltlichen Denkes: So werden Geschlechter identifiziert, gedacht - und: "geschaffen" (Gildemeister aaO:227). Der "zweigeschlechtliche Erkennungsdienst" (Tyrell aaO) in den alltäglichen gesellschaftlichen Abläufen ist daher angewiesen auf die "Herstellung" von Geschlechtlichkeit in der Interaktion, auf einer Schauseite, etwas, das permanent zur Darstellung gebracht werden muß: leibliche Erscheinung, Gestalt und Bewegung, Gestik und Mienenspiel, Kleidung, Frisur, Schmuck, Stimme, sogar die Schrift werden daraufhin ausgewertet: Ist es ein Mann oder ist es eine Frau ?
Eine zweigeteilte Kategorisierung ist jedoch - wenn genauer hingeschaut wird - brüchig und problemgeladen: Oftmals können wir Personen weder dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen und fragen uns, ist es ein Mann oder eine Frau, wenn ein Mann z.B. lange Haare mit einem femininen Gesicht hat oder eine Frau männliche Büro-Mode trägt. Die soziale Konstruktion von Geschlecht ist also entscheidend, nicht so sehr der biologische Unterschied von "Ei-Trägern" und "Sperma-Trägern", der oftmals nicht ohne weiteres sofort einsichtig ist.
Bei den Amerikaner ist das Schema dergestalt: Als Frau wird nur der wahrgenommen, wer nicht als Mann wahrgenommen werden kann. Eine Person ist nur dann weiblich, wenn männliche Zeichen abwesend sind. Im Falle einer "Mann-zu-Frau-Transsexualität" müssen also alle Hinweise auf "männliche" Merkmale getilgt werden: Das betrifft nicht nur die Optik (z.B. Bartrasur) oder die Mode; es geht auch nicht nur einfach um die Regeln, die gelernt werden, Frauen von Männern zu unterscheiden, sondern es geht darum, wie die Regeln in ihren BEZIehungen zu der sozialen Welt von zwei Geschlechtern eingesetzt und benutzt werden (müssen). Auch Kulturen, die Männlichkeit, Weiblichkeit und die Geschlechterdifferenz anders codieren, deuten und gewichten, zeigen die Brüchigkeit der Trennung von männlich und weiblich im Vergleich zu unserer Kultur.
Schwule, Lesben und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften stehen ebenfalls vor dem Problem, von der Gesellschaft nicht eindeutigen Kategorien zugeordnet werden zu können: Die Kategorie "Geschlecht" und die Kategorie "sexuelle Orientierung" werden allzuoft miteinander verwechselt und die Ausprägungen der Kategorie Geschlecht (männlich / weiblich / Mischanteile) werden oft unstimmiger Weise mit den Ausprägungen der Kategorie sexuelle Orientierung (homo, hetero, bi, Zwischenstufen) verknüpft.
Die Gesellschaft attestiert Schwulen oftmals eine weibliche, feminine Art, was viele Schwule dann mit einer übertriebenen Männlichkeit zu kompensieren versuchen (was zugleich eine Unterdrückung ihrer Anima, ihrer weiblichen Energien bedeutet, wie es Carl Gustav Jung anmerken würde) - oder sie eignen sich gerade deshalb auch eine weibliche Art an. Auch kann es also sein, daß Schwule meinen, sich weiblich geben zu müssen, weil die Gesellschaft gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern mit Weiblichkeit (fälschlicherweise) gleichsetzt: Es ist eine Verinnerlichung der gesellschaftlich erwarteten Rolle, wenn Schwule sich dann im Laufe ihrer Entfaltung und ihres Älterwerdens weiblicher geben. Von Lesben besteht analog das Vorurteil, sie hätten eine eher maskuline Art.
Dabei ist aber die sexuelle Orientierung von der sozialen Geschlechtsrolle zu differenzieren. Es gibt also etwas femininere oder aber konventionell männliche Schwule, wie es feminine und sehr männliche Hetero-Männer gibt. Ebenso bei Lesben: es gibt feminine wie eher etwas männlichere Lesben. Die sexuelle Orientierung muß von der Kategorie "Geschlecht" getrennt betrachtet werden: Schwule Männer sind nicht per sé weiblich.
Daß sich ein Schwuler, den die Gesellschaft ständig als feminin etikettiert, in seiner Entfaltung während des Älterwerdens dann auch etwas femininer gibt, in der Interaktion mit anderen Schwulen feminine Interaktionsrituale durchspielt und verinnerlicht, ist eine sich selbsterfüllende Prophezeihung, eine Verinnerlichung des Etiketts. Die Tatsache, daß eine sexuelle Orientierung zum gleichen Geschlecht besteht, heißt nicht, daß man sich als weiblich definieren muß, gar als schwuler Mann Röcke trägt oder sich schmiken müßte.
Schwule Männer sind in ihrer Geschlechtsrolle oft ganz konventionelle Männer. Sofern sie in ihren Geschlechtsrollen eine gewisse Verspieltheit entwicklen, hängt dies mit ihrer spEZIfischen Sozialisation nach dem Coming-Out zusammen, nämlich des Erlernens eines Perspektivenwechsels, einer anderen Codierung sozialer Denk- und Umgangsformen: Der sich schwul Entfaltende muß von einer verschiedengeschlechtlichen Deutung der Welt zu einer gleichgeschlechtlichen Deutung der Welt (z.B. beim Flirten) hinübertreten, was ihm letztlich die Fähigkeit gibt, Blickwinkel spielerisch zu verschieben, das Unkonventionelle, das den Ritualen Entgegenstehende auszuprobieren. Insofern wird der schwule Mann durch die gesellschaftliche Etikettierung von Weiblichkeit dazu genötigt, auch mal mit dem Gedanken zu spielen, sich mal zu schminken, damit zu experimentieren und es ggf. wieder zu verwerfen. Ebenso bei der Hochzeit von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften: es wird von der Gesellschaft bei konventionellen Hochzeiten eine Person im weißen Brautkleid erwartet. Wie verläuft dieses Ritual bei gleichgeschlechtlichen Paaren ? So sind Schwule darauf angewiesen, ihren Weg durch spielerisches Ausprobieren zwischen Konventionellem und Unkonventionellem zu finden - wie im genannten Beispiel bei schwulen Hochzeiten: Tritt ein Partner im Brautkleid auf, oder lieber nicht ? Besonders wenn Traditionen und Rituale verblassen, sind sie hier Trendsetter und können durch ihren spielerischen Perspektivenwechsel Alternativen bieten.
In der Psychologie ist dabei schon länger klar, daß jeder Mensch weibliche wie männliche (soziale) Eigenschaften oder Attribute hat. Männer, besonders heterosexuelle, unterdrücken dabei oft ihre weiblichen Anteile, weil sie es sich als Schwäche eingestehen, Weiblichkeit zu zeigen: Jungen werden mit dem Satz "Ein Indianer weint doch nicht" erzogen. Diese Schwarz-Weiß-Kategorisierung in männlich und weiblich muß jedoch überwunden werden, damit ein Mensch - gleich welcher sexuellen Orientierung - zu einer Ganzheit reift. Auch Jungen dürfen weinen und Männer müssen Gefühle zeigen, wenn sie eine ganzheitliche Persönlichkeit bilden wollen. Der Mann muß seine weibliche Seite entfalten und die Frau muß ihre männliche Seite entfalten - dieses gilt, wie wir gesehen haben, ganz unabhängig von der sexuellen Orientierung: sowohl der heterosexuelle Mann wie der schwule Mann muß lernen, seine weibliche Seite zu entfalten.
Es wird daher für die Kategorie Geschlecht vorgeschlagen, in Begriffen männlicher und weiblicher Energien, statt in männlicher und weiblicher Eigenschaften zu denken. So kann auch auf das Animus-Anima-Konzept verwiesen werden, nach dem sowohl (weibliche) Anteile der Anima, als auch (männliche) Anteile des Animus in der Psyche von Männern und Frauen vorhanden sind. Carl-Gustav Jung hat in der Psychologie hierzu das Konzept von "Anima" und "Animus" betrachtet: Diese jungianische Betrachtungsweise des Konstrukts schließt also die Auffassung ein, daß sowohl Männer, wie Frauen eine Anima besitzen - so wie auch beide einen Animus haben. Für die soziale Kategorie "Geschlecht" (-sidentität) bedeutet diese Umsetzung zugleich eine Neudefinition von Männlichkeit und Weiblichkeit.
Die Neudefinition von Männlichkeit und Weiblichkeit
Wenn Carl Gustav Jung in seinem Männlichkeits- und Weiblichkeits-Konzept der "Anima" und des "Animus" auf innere weibliche und männliche Eigenschaften Bezug nimmt, dann müssen wir uns klarmachen, daß er nicht von Geschlecht als solchem sprach. Er meinte auch nicht die sozialen und kulturellen Klischees dieser Eigenschaften und die oft falschen Vorstellungen von dem, was es bedeutet, ein "richtiger" Mann oder eine "richtige" Frau zu sein.
Die gegenwärtigen sozialen Rollen definieren Männlichkeit und Weiblichkeit als geschlechtsspEZIfische Gegensätze: In der amerikanischen Gesellschaft wird das konventionelle männliche Ich noch immer häufig als zäh, stark, viril, unabhängig, realistisch, rational, gefühllos usw. dargestellt. Das weibliche Ego dagegen gilt als weich, zärtlich, schwach, passiv, abhängig, emotional und nährend. Die gegenwärtigen sozialen Rollen definieren Männlichkeit und Weiblichkeit als geschlechtsspEZIfische Gegensätze. Die Folge davon ist eine Tendenz zu Werturteilen. Wenn von einem Mann beispielsweise gesagt wird, er "verhalte sich feminin", dann wird er tatsächlich auf zwei Arten beschrieben, nicht auf eine. Das Wörterbuch definiert feminin als "Eigenschaften aufweisend, die allgemein Frauen zugeschrieben werden, wie Schwäche, Schüchternheit, Zartheit etc., unmännlich, nicht viril." Das angegebene Synonym lautet: weiblich. In der amerikanischen Kultur ist Weiblichkeit ein Zug, der traditionell Frauen zugeschrieben wird; feminin zu sein bedeutet also, sich "nicht wie ein Mann" bzw. "wie eine Frau" zu verhalten. Der feminine Mann wird aus der Klasse "männlich" entfernt und der Klasse "weiblich" zugeordnet, mit dem Ergebnis, daß der feminine Mann kein "richtiger" Mann mehr ist (vgl. Pedersen aaO:24f).
Unser kollektives Bewußtsein und unsere psychologischen Abwehrmechanismen sind augenscheinlich noch immer so stark, daß wir das Vorhandensein von zu viel "Andersein" innerhalb des gleichen Geschlechts nicht tolerieren können. Hierin liegt ein großes Dilemma für den heutigen Mann jeglicher sexueller Orientierung: Weiblichkeit wie Anderssein gehören in die psychosexuelle Ecke, oder man ist kein "richtiger" Mann. Unglücklicherweise entscheiden sich die meisten Männer auch noch dafür, den Weg einzuschlagen, der von ihnen erwartet wird, und schreiben diese Entscheidung für sich selbst und ggf. ihre Söhne fest. Wie wir noch sehen werden, leisten sie auf diese Weise einen signifikanten Beitrag zur Homophobie.
Männer, die sich weigern, mit anderen zu konkurrieren, und sich für die Erweiterung der Verhaltensbreite, für mehr Flexibilität in der Kleiderordnung und größere emotionale Offenheit entscheiden, werden daher oft auch einer sexuellen Orientierung zugerechnet: sie werden von der Gesellschaft oft als "schwul" bezeichnet. In der Tat ist für einige junge Männer Schwulsein nicht nur eine sexuelle Option, sondern eine klare Entscheidung, ein Leben nach einem weniger starken Reglement (der Geschlechterrollen) zu führen. Doch die Angst der meisten Jungen, als "schwul" bezeichnet zu werden, reicht aus, um zu gewährleisten, daß sie feminine Neigungen oder Züge, zumindest in der Öffentlichkeit, fest im Griff haben - obwohl Schwulsein nichts mit Femininsein zu tun hat, dieses wird nur in der Gesellschaft gleichgesetzt: Die Geschlechtsrolle ist sozial konstruiert und von der sexuellen Orientierung zu differenzieren.
Trotz individueller Variationen sind die kollektiven Stereotype von Männlichkeit einerseits, von Weiblichkeit andererseits, sowie der gesellschaftlichen Gleichsetzung von Schwulsein mit Weiblichkeit weiterhin so stark, daß sie sich in einem Großteil unserer kulturellen Ausdrucksformen wie Literatur, Werbung, Musik, Kunst etc. widerspiegeln. Solche "Eigenschaften" sind jedoch mit Vorsicht und einiger Zurückhaltung zu betrachten, denn sonst besteht die Gefahr, daß Begriffe von Männlichkeit und Weiblichkeit sich zu kulturellen Klischees entwickeln und das Konzept von Anima / Animus zunehmend verengt gesehen wird.
Eine gegenwärtige jungianische Betrachtungsweise des Konstrukts der Anima schließt daher auch die Auffassung ein, daß sowohl Männer wie Frauen eine Anima, also weibliche Energien, besitzen - so wie auch beide einen Animus haben: Jeder Mensch hat also sowohl eine weibliche wie männliche Seite. Die Anima wird in wechselseitiger Durchdringung mit dem Animus als umfassende Dimension der menschlichen Erfahrung gesehen: dadurch entsteht ein Paar - ähnlich dem Yin-Yang-Prinzip (vgl. Pedersen aaO:26).
Wir dürfen nicht vergessen, daß wir hier von relativen psychologischen Eigenschaften sprechen und nicht von fixen oder unveränderlichen Attributen, die auf biologischen oder sexuellen Determinanten beruhen. Man kann also von jedem einzelnen Mann sagen, er verhalte sich und reagiere aufgrund einer Kombination aus spEZIfischen Lebenserfahrungen, kulturell geförderten Rollenerwartungen sowie angeborenen archetypischen Mustern.
Wenn das Geschlecht im metaphorischen statt im streng biologischen Sinn definiert wird, dann haben beide - Frauen und Männer - Zugang zu den psychischen Welten sowohl der Männlichkeit als auch der Weiblichkeit. Beim Mann kann man die Anima dann als Entwicklungspotential des "Andersseins" betrachten, das in einseitigen Begriffen von Männlichkeit fehlt: Die Anima gestattet ihm vor allem den Zugang zu differenziertem Fühlen, zwischenmenschlicher Verbundenheit, Kreativität, Spiritualität und weitergehender Entwicklung seines Bewußtseins (Pedersen aaO:27).
In den 1990er Jahren zeigt uns die Generation X zunehmend, daß die Jugend Männlichkeit und Weiblichkeit miteinander vermischen: Mädchen tragen dieselben Jeans mit Doc-Martens-Schuhen wie Jungen - und Männer werden etwas femininer: sie tragen lange Haare, gestatten sich mehr Gefühle und haben keine Angst vor weiblichen Zügen. Die Geschlechtsrollen verschränken sich (z.B. durch "gender switching") - nicht nur in der Mode, wo wir auch von "crossdressing" sprechen. Wenn heterosexuelle Männer sich nicht starr nur auf eine einseitige männliche Geschlechtsidentität versteifen, selbst mit Geschlechtsrollen experimentierten (z.B. eine Brosche tragen würden) und die Rollen (nicht die sexuellen Orientierungen) spielerisch wechseln würden, würden sie auf die Verspieltheit anderer (z.B. schwuler) Männer mit sozialen Geschlechtsrollen weniger homophob reagieren und die Kategorie "Geschlecht" von der Kategorie "sexuelle Orientierung" besser unterscheiden.
Crossdressing, Gender Switching
und die Auswirkungen auf den Neuen Mann
Cross-Dressing
ist nicht nur akzeptabel für eine Person der neunziger Jahre, es ist
essentiell.
The Guardian.
Die androgyne Welle, die in der Popkultur der achtziger Jahre eine große Rolle spielte, hat genau dazu beigetragen. Das Leitbild vom kernigen, höchstens nach Tabak und Schweiß riechenden Kerl wurde gekippt. Boy George wurde die Hitparade rauf und runter gespielt, und in den Discotheken tauchten auf einmal Burschen mit Lidstrich und Puder im Gesicht auf. Sie sahen aus wie junge David Bowies - aber sie waren keineswegs alle schwul. Sie hatten nur genug von den starren Grenzen, die zwischen "dem Männlichen" und "dem Weiblichen" in der Kategorie Geschlecht gezogen wurden, und fürchteten sich auch nicht davor, als "weibisch" zu gelten.
Als Nachfolger der androgynen Burschen drängten allmählich die neuen Stars der Popkultur ins Rampenlicht: die Drag-Qeens, aufgekratzte Typen im glamourösen Frauenfummel. Sie nennen sich Barbie Q, DeAundra Peek oder RuPaul - und sind in den frühen Neunzigern die Königinnen des Entertainments.
"The Drag" hieß ein Stück über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, in dem Mae West in den 20er Jahren am Broadway gespielt hatte. Eine Szene stellte einen "Drag Ball" dar, einen Ball, wo vierzig Schwule sangen und tanzten. Das wirbelte damals am Anfang des Jahrhunderts einigen Staub auf, denn die Gay Community war auf derart schrille, direkte Weise am Broadway noch niemals dargestellt worden. Die Regisseurin Jenny Livingston hatte in ihrem Film "Paris is burning", dem bald Kultstatus zugebilligt wurde, Mitte der achtziger Jahre erstmals die New Yorker Drag-Undergoundszene gefilmt. Innerhalb kürzester Zeit war aus dem gesellschaftlichen Phänomen der letzte Schrei des Nachtlebens geworden. Bei diesem Stil geht es nicht darum, Frauen nachzuahmen, sondern darum, Charaktere zu kreieren, die so sind, daß ihre Existenz das Konzept "männlich oder weiblich" sprengen.
In den USA haben sämtliche Massenmedien von BBC bis "USA Today" über den neuen Stil des Geschlechter-Crossings berichtet. Es hat die Grenzen des Subversiven längst überschritten und in der gesamten populären Kultur enormen Einfluß gewonnen. Wie der Erfolg der Kunstfigur Dame Edna beweist: Sie ist längst zu einer Kultfigur geworden. Das ist der Punk der neunziger Jahre. Ein paradoxes Kostüm, das die Freiheit, Geschlechtergrenzen zu überschreiten, bis zur grellen Karikatur steigert. Gendercrossing ist ein Labor, wo ein hysterischer Geschlechtermix gebraut wird. Ein Symbol für das Spiel mit Männlichkeit und Weiblichkeit, das mehr Anhänger findet, als man meinen möchte. Denn wie sonst wäre es zu erklären, daß Drag zum absoluten Trendphänomen der frühen neunziger Jahre werden konnte. Gender - ein kleines unübersetzbares Wort, das nicht Geschlecht im biologischen Sinne meint, sondern ein zentraler Begriff der neuen feministischen Theorie ist - als Endpunkt der Vorstellung von einer Menschheit, sie sich sauber in Mann und Frau teilen läßt.
"Cross-Dressing" und "Gender-Switching" als Illusion - das sind wichtige Trends der neunziger Jahre. Männer in Frauenkleidern bevölkern mittlerweile auch die Kinoleinwände. Man denke etwa an Robin Williams als "Mrs. Doubtfire".
Ein weiteres Beispiel: In einem TV-Spot für Levisjeans steigt eine dunkelhäutige Schöne aus dem Taxi, die aussieht wie die ehemalige, wegen Nacktfotos disqualifizierte "Miß USA" und jetzt als Popsängerin erfolgreiche Vanessa Williams. Sie schminkt sich lasziv die Lippen und flirtet mit dem Taxifahrer. Dem fallen beinahe die Augen aus dem Kopf, so toll findet er die Frau. Dann aber bleibt ihm der Mund offen stehen - bevor sie aussteigt und im Nightclub verschwindet, packt die Schöne einen Rasierapparat aus und fährt sich damit höhnisch grinsend übers Kinn (zit. n. Hurton aaO:122f).
Statistiken zufolge sind heute ein Drittel der Kundschaft von Kosmetiksalons männlichen Geschlechts. Etwa 5 Prozent der männlichen Besucher von Kosmetiksalons lassen sich sogar richtig schminken mit Rouge, Wimperntusche und allem drum und dran. Sein Bekenntnis, kosmetische Produkte zu verwenden, um sich "selber besser zu fühlen", belegte Michael Hopp, damals Chefredakteur der "Männer-Vogue", noch Ende der achtziger Jahre mit der Mode-Vokabel "Outing".
In weniger als zehn Jahren hat die Kosmetikbranche bei den Umsätzen mit Herrenkosmetik eine Steigerung um fast 80 Prozent zu verzeichnen.
Heute leben wir mit großzügigen Maßstäben, und Männer, die Wert auf Körperpflege legen, gelten längst nicht mehr automatisch als effeminiert oder schwul: Die Neugestaltung von männlichen und weiblichen Energien in der Kategorie Geschlecht ist nicht automatisch mit der sexuellen Orientierung beim Sexualverhalten vergemeinschaftet. Deutsche Hetero-Männer widmen dem Thema Körperpflege heute fast schon ebensoviel Zeit wie die Frauen. Katzenwäsche und einmal rasch durchkämmen - damit begnügen sich heute nur noch die wenigsten. 22 Minuten - nur fünf Minuten weniger als Frauen - verbringt jeder deutsche Mann nach einer Umfrage des Industrieverbands Körperpflege im Schnitt pro Tag im BadEZImmer. Das Rasieren, der ungeliebte Fixpunkt männlicher Körperpflege hat einen Wertewandel durchlaufen. Von der lästigen Pflicht hat es sich für viele zum Imagepflegeprogramm entwickelt.
Im April des Jahres 1994, das in die Werbegeschichte als das Jahr der Männer eingehen sollte, lancierte die Reifenfirma "Pirelli" sogar eine aufsehenerregende Imagekampagne - mit Carl Lewis, dem schnellsten Mann der Welt, als Starmodel. L'homme fatal: Carl Lewis startet in High Heels Stöckelschuhen ... . Der sehnige, athletische Körper dieses zwei Meter großen dunkelhäutigen Hünen mit dem kahl rasierten Kopf ist einfach eine Augenweide. Der Sprinter zitierte zwar die fiebrige Pose des 100-Meter-Läufers beim Start - den Oberkörper nach unten geneigt, die Hände lauernd auf die Aschenbahn gestützt - ihren schrillen Sex-Appeal bekam das von der Star-Portraitistin Annie Leibovitz stammende Foto jedoch durch einen besonderen Gag: Carl Lewis, dieser Riese von einem Mann, posierte in einem tief decolltierten schwarzen Body und balancierte seinen sehnigen Athletenkörper wie eine männliche Nobel-Kokotte auf knallroten 17 Zentimeter-Stilettos. Er war l'homme fatal - ausgestattet mit den Accessoires der Verführung. Die Werbung erinnerte mehr an Nachtclubs, Sex und Drag-Queens als ans Autofahren - zumindest so wie man es bisher dargestellt hatte. Hier wurde Autofahren unverhohlen als erotisches, erregendes Gefühl interpretiert: "Faszination fahren" - wer heute meint, Autos mit ein paar nackten Mädchen verkaufen zu können, sieht ziemlich alt aus. Diese Bilder sind zu langweilig, zu altbekannt, zu oft gesehen, um die Phantasie noch reizen zu können (vgl. Hurton aaO:118ff).
"Cross-Dressing" heißt also das Zauberwort. Es bedeutet: sich kleiden wie Männer und trotzdem Weiblichkeit betonen. Vor allem die Dessous-Mode für Frauen treibt bizarre Blüten. So kam ein Unterwäscheset in grauem Nadelstreifendesign mit Spitzenverzierung auf den Markt. "Dow Jones" nennt sich die Kombination. Eine britische Versandfirma wiederum bietet für Männer Spitzenbodies, Unterhemden und Seidenshorts an, in einem Stil, wie er normalerweise nur von Frauen getragen wird. Firmensprecher betonten gegenüber der Presse, bei ihren Kunden handle es sich nicht um Trans-vestiten (bzw. Trans-sexuelle - also Menschen, die sich ihr biologisches Geschlecht(steil) umoperieren ließen), sodern um glücklich verschiedengeschlechtlich-verheiratete Herren, die auch einmal Seidenunterwäsche auf ihrem Körper fühlen möchten. Sie fröhnen der Tra-vestie, dem Verkleiden in andere (Geschlechts)-Rollen, was wenig mit dem biologischem Geschlecht oder der sexuellen Orientierung zu tun haben muß. Umgekehrt hat die Sportswearmarke Chevignon die klassische Männer-Feinripp (ohne Eingriff) für sportliche Frauen auf den Markt gebracht (vgl. aaO:127f).
Wir befinden uns also am Ende der 90er Jahre im fröhlichen Durcheinander der Postmoderne, wo alle Stilrichtungen als Flickenteppich eines Patchworkmusters nebeneinander ihre Berechtigung haben. Doch wird es dabei immer notwendiger, die einzelnen Begrifflichkeiten voneinander zu unterscheiden.
Die Geschlechtsrolle muß, wie wir gesehen haben, nicht mit dem biologischen Geschlecht (der weiblichen Vagina oder dem männlichen Penis) übereinstimmen. Ein "Mensch mit Penis" kann sich in einer fraulichen, effeminierten Geschlechtsrolle geben oder ein "Mensch mit einer Vagina" kann sich in einer eher männlich betonten Rolle geben - oder auch nicht. Diese Rollen nennen wir Geschlechtsrolle (Geschlechtsidentität) und die werden nach den kulturellen Bedingungen sozial geformt: Ob Männer Hosen tragen und Frauen Röcke oder nicht oder umgekehrt ist also eine anerzogene Sache, die kulturell überliefert wird und sozial konstruiert ist. Sich nicht in den (gesellschaftlich) üblichen (Geschlechts-)Rollen des biologischen Geschlechts zu "verkleiden" nennen wir Tra-Vestie. Travestie bezeichnet also eine Art des Schauspielens, eine Art Karneval (Drag), wo jeder in eine von ihm individuell auszugestaltende Rolle schlüpfen darf, die z.B. nicht seinem biologischem Geschlecht entsprechen muß oder oft auch eine Imitation z.B. eines gleich- oder andersgeschlechtlichen Stars sein kann.
Wenn sich einige Schwule daher z.B. etwas weiblich geben, ist dieses die Folge, daß man sie sozial konstruiert und ihnen dieses weibliche "Etikett" verpaßt, ihnen also immer wieder vorhält und attestiert, Schwule seien weiblich oder wie "Frauen". Dieses ist aber vollkommener Unsinn, denn Schwule sind und bleiben vom biologischen Geschlecht Männer - wie sie sich auch gesellschaftlich als Männer verstehen.
Wie sie die Geschlechts-Rolle ausformen - z.B. eine stärkere Ausprägung der weiblichen Seite durch ihre Kleidung, ihren Habitus (ihr Gehabe), oder umgekehrt aus Angst davor, in der Gesellschaft als weiblich zu gelten, eine Kompensation schaffen durch betont männliches Machoverhalten in Ripphemd, Lederkleidung, Dreitage-Bart oder Uniform etc. - ist eine soziale Konstruktion der Geschlechts-Rolle und auch der Attitüde ihres Schwulseins.
Wir müssen also lernen, die im Alltag bestehende soziale Geschlechtsrolle vom tatsächlichen biologischen Geschlecht trennen und unterscheiden zu lernen, gerade wenn die Mode Männer mit bisher weiblichen Attributen und Frauen mit bisher männlichen Attributen ausstattet: Die englische Sprache tennt hier wie gesehen zwischen den Begriffen "sex" (biologischem Geschlecht) und dem Begriff "gender", der sozialen Rolle im Alltag, wie wir unser Geschlecht in öffentlichen Situationen und in der Interaktion mit anderen Menschen darstellen. Gerade die Kleidung (Mode) spielt hier eine wichtige Rolle: Wir werden dazu erzogen, ob wir Hosen oder Röcke zu tragen haben, ob wir uns schmiken oder nicht. In der Regel ist es so, daß Geschlechtsrolle und biologisches Geschlecht mehr oder weniger den kulturell vorgegebenen Mustern entsprechen, d.h. der "Mensch mit Vagina" wird Röcke tragen und so als "weiblich" gelten und der "Mensch mit Penis" wird Hosen tragen und so als "männlich" gelten. Die sexuelle Orientierung ist jedoch davon zu differenzieren.
Begriffe:
· Biologisches Geschlecht (engl. "sex"): Das biologische Geschlecht orientiert sich am Bau der Geschlechtsorgane: Beim Menschen kennen wir weibliche Geschlechtsorgane (wie die Scham, Scheide, Eileiter Eierstock und Gebärmutter) bzw. männliche Geschlechtsorgane (Vorsteherdrüse, Hoden und Penis). [Zwittrige Lebewesen wie einige Pflanzen besitzen sowohl weibliche wie männliche Organe].
· Soziale Geschlechts-Rolle des Alltags (engl. "gender"): Die soziale Geschlechtsrolle haben wir durch Erziehung und unbewußte Sozialisation erlernt. Sie ist eine kulturelle Kodierung. Beispiele: Mädchen machen einen Knicks, Jungen einen Diener; Jungen knöpfen das Hemd rechts, Mädchen die Bluse links; Jungen weinen nicht, Mädchen dürfen Emotionen zeigen; Jungen dürfen mit Mädchen flirten, mit Männern aber nicht, dieses entspricht nicht ihrer kollektiv erwarteten Geschlechtsrolle.
· Subjektives Geschlecht: Das innere Geschlecht, wie wir uns fühlen. Psychologisch gesehen hat jeder Mensch weibliche und männliche Persönlichkeits-Züge bzw. männliche und weibliche Energien (Animus- / Anima-Energien).
· Tra-vestie: Travestie leitet sich aus dem italienischen "travestiere" ab, was soviel heißt wie "sich verkleiden". Es ist wie im Theater oder wie bei jedem verkleideten Menschen zu Karneval: es ist eine Rollen-Verkleidung. Männer, die gerne mal in eine Frauen-Rolle schlüpfen, spielen (= so tun, als ob) also eine weibliche Rolle, sie geben daher nicht wirklich ihre Identität auf und es hat oft nichts mit ihrer sexuellen Orientierung zu tun.
· Tans-vestit: Durch die Änderung von Kleidung und Verhaltensweisen wollen Transvestiten zum anderen Geschlecht "überwechseln" (lateinisch: "trans"), weil sie glauben, im falschen Körper zu sein: z.B. ein sich als Frau fühlender Mensch mit männlichem Körper. Dieses Erleben, im falschen Körper zu sein, kann oft eine seelische Belastung sein, da von anderen nicht erkannt wird, wie der oder die Betreffende sich innerlich fühlt. Wenn ein Mann daher durch einen medizinischen Eingriff und Hormongabe auch körperlich zu einer Frau werden möchte, weil er sich innerlich schon lange als Frau fühlt, findet hier also - anders als beim Rollenwechsel der Tra-vestie - die Aufgabe, Änderung bzw. Angleichung der körperlichen an die persönliche Identität statt. Oftmals erfolgt somit eine chirurgische Operation des Geschlecht-teils, um eine Angleichung zwischen innerem Empfinden und äußerem Körper zu erreichen. Die Mode der Generation X in den 1990er Jahren mag manches in der kulturellen Definition neu vermischen, aber solange Verschiedenheit in der sozialen Definition von "männlich sein" und "weiblich sein" besteht, ist es z.B. in der Anerkennung von biologisch Geschlechtsumgewandelten - also Transsexuellen - ja Voraussetzung, daß diese zuvor in der Rolle des hinüberzuwechselnden Geschlechtes gelebt haben. Eine Frau, die zum Mann werden will, muß also mehrere Jahre schon in einer männlichen Geschlechtsrolle gelebt haben, sozusagen die Hosen angehabt haben und im sozialen Alltag in ihrer interaktiven Konstruktion mit der Gesellschaft ihre Geschlechtsrolle gelebt und sich psychisch bewährt haben. Dieses ist notwendig, da der chirurgische Eingriff (z.B. Brustreduzierung) nicht wieder rückgängig zu machen ist, und die psychische Bewältigung der neuen Geschlechtsrolle vor einer Operation erprobt sein muß.
· Sexuelle Orientierung: Mit "sexueller Orientierung" ist gemeint, zu welchem Geschlecht sich jemand mit seinem Fühlen und Begehren hingezogen fühlt. Verschiedene Menschen haben verschiedene sexuelle Orientierungen, das ist ganz normal. Kein Mensch kann sich seine sexuelle Orientierung, sein erotisches Begehren und erotisches Hingezogenfühlen, ausssuchen. Die sexuelle Orientierung ist grundlegend vorgegeben, man kann sie nicht ändern, sondern nur erkennen, entfalten und mit einem Partner leben. Grob eingeteilt kennen wir drei Grundorientierungen: "homo", "hetero" und "bi". Alfred Kinsey hat zwischen Homo und Hetero als Eckpunkte auf einer Skala zusätzlich noch fünf Zwischen-Schattierungen eingeteilt, insgesamt also sieben Differenzierungen. Die Mitte bezeichnet eine bisexuelle Orientierung (vgl. a. Grafik Kap. 2).
Mit
einer Frau ins Bett zu gehen ist für
den heterosexuellen Mann
die Heilung, pardon, die Erfüllung der Heterosexualität.
· Heterosexualität: Das bedeutet, daß sich jemand von einer Person des anderen Geschlechts angezogen fühlt. Heterosexualität ist eine anderen sexuellen Orientierungen gleichwertige Form der sexuellen Liebe.
· Bisexualität: Gemeint ist, daß sich jemand gleichermaßen von Personen beiderlei Geschlechts angezogen fühlt. Oft ist von "bi" die Rede. Es besteht die Überlegung, daß Bisexuelle nicht voll zur Homosexualität stehen hönnen bzw. daher auch keinen Partner für längere Zeit finden, so daß sie sich lieber durch den Begriff "bisexuell" als durch den Begriff "homosexuell" kennzeichen, da sie Homosexualität für sich noch nicht ganz annehmen können bzw. in früheren Lebensabschnitten (vor ihrem Coming-Out) mit einem verschiedengeschlechtlichen Partner gelebt haben.
· Homosexualität: Jemand fühlt sich von einer Person des eigenen Geschlechts angezogen und begehrt diese. Bei Männern hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch der Ausdruck "schwul sein" durchgesetzt, bei Frauen der Begriff "lesbisch sein". Heterosexualität ist eine der Homosexualität gleichwertige Form des (sexuellen) Empfindens, Erlebens und der sexuellen Liebe. Bei Menschen, die sich vorwiegend für das gleiche Geschlecht interessieren, sprechen wir von gleichgeschlechtlicher Orientierung (oder homosexuelle Orientierung). Der Sexualitätsaspekt ist nicht der entscheidende, sondern Homosexualität ist eine Liebes- und Lebens-Gemeinschaft mit all ihren Sozial-Dimensionen: So interessiert man sich in der heutigen Forschung nicht mehr für die Entstehung zur einen oder anderen sexuellen Orientierung, sondern für die sozialen Lebensumstände, in denen sie wie verwirklicht werden, wie z.B. (für lesbische bzw. schwule Paare) die partnerschaftlichen Dimensionen einer (gleichgeschlechtlichen) Lebensgemeinschaft in der Familien- und Ehepolitik.
Folgende Betrachtung gleichgeschlechtlicher Liebe ist anerkannt - sowohl in der einhelligen wissenschaftlichen Debatte als auch bei kirchlichen Vertretern: "Homosexualität ist eine gleichberechtigte und gleichwertige Variante menschlicher Sexualität, eine der vielen Spielarten menschlichen Sexual- und Partnerverhaltens. Niemand kann über seine sexuelle Orientierung selbst bestimmen - damit entfallen auch alle moralischen Bewertungen an sich. Hetero-Sexualität ist also eine anderen sexuellen Orientierungen gleichwertige Form der sexuellen Liebe. Schwulsein / Lesbischsein schließt wesentlich mehr ein als nur Sexuelles. Es umfaßt gleichgeschlechtliche BEZIehungen, die Liebe innerhalb einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft, in der oftmals Kinder leben. Damit sind hohe menschliche Ansprüche und Werte verbunden. Das gelebte Sexualverhalten ist unverzichtbarer und integraler Bestandteil des Gesamtverhaltens einer Persönlichkeit. Verhinderung, Bekämpfung, Restriktion dieses Verhaltenselements stellen einen tiefen, schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeit und Privatsphäre des Menschen dar und können zu erheblichen psychischen Störungen führen. Kriminalisierungen von gleichgeschlechtlicher Liebe haben keine Berechtigung und verletzen den Gleichheitsgrundsatz. Zur Gleichgeschlechtlichen Liebe kann man nicht verführt werden, diese These hat sich als wissenschaftlich unhaltbar und untauglich für gesellschaftliche Theorien erwiesen. Gleichgeschlechtliche Liebe bedarf keiner Behandlung: Jegliche Therapie oder Prophylaxe ist gegenstandslos. Die sexuelle Orientierung ist unabänderbar vorgegeben, es kommt darauf an, sie zu erkennen, sie zu entfalten und sie mit einem Menschen zu leben. Niemand kann von seiner sexuellen Orientierung "umgepolt" werden, auch nicht durch homosexuelle bzw. heterosexuelle Handlungen. Gleichgeschlechtliche Liebe ist als Variante des menschlichen Sexual- und Partnerverhaltens als Bereicherung der Formen und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und des menschlichen Zusammenlebens zu betrachten. Die Partner gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften sind voll zeugungsfähig und bringen oft Kinder aus anderen gegengeschlechtlichen BEZIehungen in die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft (Familie) mit ein. Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sind wie verschiedengeschlechtliche Lebensgemeinschaften zu behandeln: in den Medien, in der Werbung, in der Kirche, in der Politik, in der Rechtsprechung, am Arbeitsplatz und beim Kaufmann an der Ecke" (Zusammenstellung nach Lexikondefinitionen; sowie vgl. a. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 1994).
Gesondert vom Begriff "Geschlecht" ist also die sexuelle Orientierung auf einen Partner oder eine Partnerin zu betrachten, mit dem oder der wir Zärtlichkeiten innerhalb einer sexuellen (körperlichen) Kommunikation austauschen möchten. Die Frage, wenn zwei Männer im Bett sind, ob einer dann die Frauenrolle oder die Männerrolle spielt, ist eine äußerst unzweckmäßige Frage, die auf dem falschen Verständnis der dualistischen Kategorien von (entweder) Mannsein und (oder ausschließlich) Frausein aufbaut. Liebe wird auf Sexualität reduziert und Sexualität wird auf ein Verständnis von "rein und raus" (Geschlechtsverkehr) reduziert und auf den Verkehr von zwei Männern projEZIert. Gleichgeschlechtliche Sexualität muß jedoch als umfassender Austausch von Körperlichkeit und Zärtlichkeit verstanden werden (vgl. Kap. 6). Die Liebe und Lebensgemeinschaft eines Paares beinhaltet noch wesentlich mehr, als diese reduzierte Betrachtung der Sexualität. Dies bedeutet auch für die soziale Konstruktion von Geschlecht: Schwule sind nicht "Frauen" oder "weiblich", sondern bleiben Männer.
Neben dem biologischem Geschlecht (1) und der sozial geprägten Geschlechtsrolle / Geschlechtsidentität (2) müssen wir also die sexuelle Orientierung (3) unterscheiden und entkoppeln bzw. differenziert betrachten:
· Es gibt also Männer, die eine schwule Attitüde im Alltag (der sozialen Geschlechtsrollen) haben, aber so was von heterosexuell sind !
· Es gibt Männer, die überhaupt keine schwule Attitüde im Alltag (der sozialen Geschlechtsrollen) haben, von denen man also nie gedacht hätte, daß sie homosexuell sind.
· Es gibt Männer, die eine schwule Attitüde im Alltag (soziale Geschlechtsrolle) haben und auch tatsächlich homosexuell sind.
· Es gibt Männer, die sich besonders weiblich geben, eine ausgeprägte Anima besitzen, aber gar nicht schwul sind.
· Es gibt Männer, die sich betont männlich-viril geben und dieses tun, weil sie schwul sind und Angst haben, als feminin verrufen zu sein.
· Es gibt Männer, die sind weiblich, haben eine ausgeprägte Anima und sind (aber) heterosexuell.
· Es gibt Männer, die in ihrer Ausformung der Geschlechtsrolle der gesellschaftlich erwarteten Rolle entsprechen, die wir aber nicht ohne weiteres einer bestimmten sexuellen Orientierung zurechnen können: Wir wissen nicht, ob sie schwul oder hetero sind, denn ihre soziale Geschlechtsidentität / Geschlechtsrolle gibt nicht immer Aufschluß über das tatsächliche sexuelle Verhalten.
· Selbst wenn Männer sexuellen Kontakt mit einer Frau haben: Das sexuelle Verhalten gibt nicht immer Aufschluß über die sexuelle Orientierung und das erotische Begehren, die Sehnsucht und den Wuns (...)
Engagierte Zärtlichkeit
Das schwul-lesbische
Handbuch
über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
von
Andreas Frank
Internet-Version © 1997
FRANK, ANDREAS: Engagierte Zärtlichkeit - Das schwul-lesbische Handbuch
über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
Ein Sach- und Lesebuch der Sozialforschung über die sozialen Dimensionen
von Empfindung, Liebe, Identität, Partnerschaft, Familie, Kirche, Ehe
und Homosexualität - Internet-Version © 1997
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