Engagierte Zärtlichkeit

Engagierte Zärtlichkeit

Das schwul-lesbische Handbuch
über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften

von Andreas Frank
Internet-Version © 1997




8. Kapitel: Hochzeitspaare: Mit Gottes Segen -
Lesbische und Schwule Paare in unserer Gemeinde

Daß wir Zärtlichkeit nicht gottlos nennen - denn die Liebe ist aus Gott / Homosexuelle Kleriker: "Es tut so gut, beieinander zu kuscheln !"- Studie: Jeder 4. Priester ist schwul / Das abgespaltene Frausein der Bräute Christi: "Ich selbst bin das Zentrum der Offenbarung !" Als lesbische Nonne ein spirituelles Zuhause finden / "Wer sich selbst verleugnet, betrügt Gott !" - In der Gemeinde engagierte homosexuelle Geistliche / Pluralität des Menschseins als konstitutives Element der Gemeinschaft - Entwurf einer neuzeitlichen schwulen Theologie / Kirchliche Hochzeit im Gottesdienst für gleichgeschlechtliche Paare - Partnerschaftsegungen bei der Trauung in der Kirche / Hochzeitsrituale und Traumhochzeiten für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften / Lesbische und schwule Lebensgemeinschaften als Thema im Religions- und Konfirmanden-Unterricht / Zehn-Punkte-Plan als Perspektive zur Diskussion / Könnte Gott sowohl zugleich lesbisch als auch schwul sein ? / Informationsteil

 

FRANK, ANDREAS: Engagierte Zärtlichkeit - Das schwul-lesbische Handbuch
über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
Ein Sach- und Lesebuch der Sozialforschung über die sozialen Dimensionen
von Empfindung, Liebe, Identität, Partnerschaft, Familie, Kirche, Ehe
und Homosexualität - Internet-Version © 1997

 
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Daß wir Zärtlichkeit nicht gottlos nennen - denn die Liebe ist aus Gott

Die Kirche und die Erziehung nach kirchlicher Moral entfremdet die Christen von ihrer Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit. Im Namen Gottes wird Sexualität von der Kirche klein gehalten, beschnitten und geächtet, bis mit ihr manchmal gar der ganze Mensch ausgelöscht wird. Dabei gehört die Sehnsucht nach Zärtlichkeit zu ihrer - des Menschen und des Christen - Natur.

Gott steht dem bei, was er geschaffen hat. Es muß betont werden, daß menschliche Wesen ihre eigene sexuelle Orientierung nicht selbst auswählen; vielmehr entdecken sie diese als etwas Gegebenes. Für eine Änderung der eigenen sexuellen Orientierung zu beten ist, ist etwa ebenso unsinnig, als würde man um Änderung der eigenen Augenfarbe bitten. Darüber hinaus gibt es keine gesunde Möglichkeit, die sexuelle Orientierung umzukehren oder zu ändern, nachdem sie einmal etabliert ist. Deshalb ist der einzige Weg zu geistiger Gesundheit, seine eigene sexuelle Orientierung akzeptieren lernen und sie in einer positiven Art und Weise zu leben (vgl. McNeill aaO:14).

Daher müssen sich lesbische und schwule Christen besinnen, ihre Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Begabung zur Sexualität um so mehr zu entwickeln und aufblühen zu lassen, sie muß zum "Heil" werden. Sexualität trägt zum Ganzsein des Menschen bei - doch dieses lernen wir nicht in Kirche, Schule und Elternhaus. Heinrich Dickerhoff tritt daher dafür an, Glauben und Zärtlichkeit zusammenzubringen und der Gegenwart Gottes innezuwerden in der menschlichen Zärtlichkeit: "Dies wird freilich nur einer Theologie möglich sein, die sich nicht als eine Form der Moral, sondern als eine Ausdrucksweise der Religion versteht. Und dazwischen liegen Welten: Religion ist nicht Moral. Moral lehrt und fordert, wie der Mensch sein soll, damit er sein darf. Religion hingegen beschwört, wer der Mensch ist, damit er entdeckt, wie er sein könnte" (Dickerhoff aaO:15).

Läßt sich Kirche nicht vom neuzeitlichen Nützlichkeitsdenken in die Rolle der moralischen Besserungsinstanz drängen, dann muß sie deutlich machen, daß es ihr immer mehr um die Erlösung als um die Erziehung des Menschen geht, daß ihr die Frohe Botschaft wichtiger ist als das Belehren und der Friedenskuß wichtiger als der erhobene Zeigefinger. Und dies gilt gerade im Bereich der Sexualität: Im Sakrament der Zärtlichkeit entdecken wir Gott: Wenn wir lernen, Gott unmittelbar zusammenzusehen mit den Erfahrungen der Zärtlichkeit, dann werden wir diese entdecken als ein Sakrament, als einen Ausdruck Seiner Gnade, Seiner Großen Zuneigung zu allem Leben; sie wird zum Zeichen, das uns unendliche und uneingeschränkte Liebe als Grund und Ziel allen Lebens bezeugt, verheißt und vergegenwärtigt. In unserer Sehnsucht nach und Fähigkeit zur Zärtlichkeit, kurz: "im Eros - gab Gott den Menschen ein Mittel der Erlösung und sich selbst ein Mittel der Offenbarung an die Hand" (Schubart aaO:84).

Diese Grundthese Walter Schubarts mag angesichts der traditionellen Beurteilung der Sexualität wie der gängigen Gottesvorstellung in der Christenheit noch fremd klingen. Aber liegt das nicht vor allem an der Erfahrungsarmut und Leidenschafts-, ja Lieblosigkeit unseres religiösen Denkens und Empfindens ? Ist nicht die Liebe für ungezählte Menschen die `himmlischte´ Erfahrung und Hoffnung ihres Lebens trotz der offenkundigen Begrenztheit menschlicher Liebesgeschichten ? Und ist `Liebe´ nicht auch das Schlüsselwort, das denen, die bei Jesus in die Schule gehen, die Wirklichkeit Gottes erschließt ? So ist es Andrew Greeley´s Hauptanliegen, Christen "aufzuklären" und zu mehr "erotischer Phantasie" zu bewegen (aaO). Anton Grabner-Haider ruft zu einer grundsätzlichen Emanzipation von den überkommenen sexuellen Vorstellungen und Verhaltensweisen auf (aaO).

"Freunde, laßt uns einander lieben ! Denn die Liebe ist aus Gott" heißt es im 1. Johannesbrief. "Und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist die Liebe" (4,7f). Liebe ist demnach nicht nur der uns aufgetragene Wille Gottes, sondern Sein Wesen, Seine Wirklichkeit; und "gotterkennend" ist nicht nur die Liebe des Menschen zu Gott, sondern alles zwischenmenschliche Lieben: "Gott begegnet in jeder Form menschlicher Liebe, und er begegnet nicht außerhalb von ihr" (Grabner-Haider aaO:69).

Die Liebe auch nur eines Menschen kann uns verwandeln, weil und indem sie die Welt verwandelt, in der wir leben. Der Stein ist weggewälzt vom Grab der Einsamkeit, die Seele kann auferstehen durch Liebe und zur Liebe. Wer diese Befreiung erfahren hat, der kennt auch das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu wollen. Dies Gefühl zeigt an, wie echte, verläßliche Liebe Lebenssicht, Sinn und Bewußtsein verändern kann, wie sie, an einem Menschen entzündet, dazu drängt, sich auch anderen mitzuteilen. Sie weitet sich zur Nächstenliebe, zur All- und Gottesliebe. Das ist der Kreislauf der Erotik. Sie zieht nur dann von Gott ab, wenn sie ihren Kreis nicht rundet (Schubart aaO:231).

Wo aber wird Liebe entflammt und entfesselt, wo entzündet sich der Funken, was sprengt die Mauern unserer Ichbezogenheit ? Nicht eine Idee - denn Liebe ist immer mehr als Idealismus, sie braucht ein körperliches "Du", sie "braucht die Gegenwart und das EinbEZIehen eines anderen Wesens; Liebe kann ohne ein Gegenüber nicht bestehen" (Sölle aaO:29), nicht einmal wirklich entstehen. Denn wo sie nur ideell und allgemein gedacht wird und nicht zumindest ein geliebtes "Du" kennt, da ist sie in Gefahr, zur ideologisch oder religiös überhöhten Eigenliebe zu werden, zu einer zur Gottgefälligkeit hochstilisierten Selbstgefälligkeit.

Liebe wird erst "dadurch zur eigentlichen Liebe, daß sie sich nicht auf - im eigenen Gehirn entstandene - Ideen beschränkt, sondern auf wirkliche, körperliche Menschen übergeht. Die Liebe zur Menschheit bleibt so lang eine kalte philosophische Abstraktion, bis der Mensch imstande ist, einen oder einige wirklich mit ihm lebende Menschen zu lieben und mit ihnen gemeinsame Welten zu bilden" (Caruso aaO:253 / Dostojewski aaO:79f). Nicht aus Grundsatzerklärungen wächst Liebe, sondern aus und in den leibhaftigen (körperlichen) Liebes-Erfahrungen: "Miteinander schlafen hat den doppelten Sinn von einander lieben und beieinander ruhen" (Sölle aaO:178).

Mit solcher Wieder-Entdeckung Gottes in Liebe und Zärtlichkeit ist freilich das gängige Gottesbild in Frage gestellt. Wenn für viele Christen "Gott" zunächst verbunden war mit Gefühlen der Angst, dann auch deshalb, weil ihre eigene Geschlechtlichkeit ihnen Angst machte.

Heute ist in der westlichen Welt, bei fallenden äußeren Stützen und wachsenden inneren Ansprüchen, die Frage nach der Lebendigkeit, nach der "Qualität der Liebesgeschichte" (Zulehner aaO:63), immer wichtiger geworden. Und damit scheinen auch die herkömmlichen Ehevorstellungen der katholischen Kirche bedenkenswert: "Es wird sich auch das kirchliche Interesse an der Ehe verändern müssen. In früheren Zeiten hatte die Kirche sich vor allem gesorgt um die äußeren Bedingungen und Formen des Zusammenlebens, und sie hatte allen Grund dazu. Denn die Einführung der `Formpflicht´, der kirchlich beglaubigten Veröffentlichung der Eheschließung, diente dem Schutz der schwächeren Frau; diese konnte, in einer nicht-öffentlichen Ehe lebend, ja jederzeit von ihrem Mann verlassen werden, sie war seiner Willkür ausgeliefert und rechtlich nicht geschützt, wenn der Mann das Bestehen einer Ehe leugnete - ein im Mittelalter häufig vorkommender Fall. Doch heute umgreifen staatliche Regelungen alle Lebensbereiche, selbstverständlich auch die Ehe, ja zunehmend auch die nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften. Die Kirche sollte und könnte dies auch als Chance begreifen, frei zu werden für die Frage nach der Qualität von Liebesgeschichten. Auch Jesus hatte kaum Interessan an den Rahmenbedingungen der Ehe (vgl. Drewermann 1984:13f).

Und damit sind wir bei der Fragestellung, in dem es ja weder um Kritik noch Verteidigung der gesellschaftlichen - und m. E. durchaus notwendigen - staatlichen `Institution´ Ehe gehen soll: Es kann nicht die erste und wichtigste Frage kirchlicher Ehelehre sein, in welcher Form wir zusammenleben oder zusammenleben sollten im Interesse von Sozial- und Bevölkerungspolitik, aus juristischen oder moralischen Gründen. Sie sollte vielmehr danach fragen, was die Liebenden in ihrem Zusammensein entdecken und was sie erhoffen, ob und wie sie miteinander eine Ahnung bekommen von unzerstörbarem Sinn, ob und wie ihnen das Geheimnis Gottes zum Vorschein kommt in ihrer Liebe, die dann zum Sakrament wird, zum Anfang und Hinweis und Zeugnis einer größeren Liebe und Geborgenheit und zur tragenden Kraft auch an bösen Tagen" (Dickerhoff aaO:107).

Wir sind in die Geschichte dieser Welt gestellt, um Licht zu sein, sie zu erleuchten, und nicht, um sie zu verleugnen. Zum Salz der Erde sind wir bestimmt, nicht um das Leben zu versalzen, sondern damit wir und andere Geschmack daran finden, den Geschmack des Himmels. Heinrich Dickerhoff spricht daher den Kirchengelehrten die Aufgabe, Liebes- und Lebensgeschichten zu formen oder gar zu bewerten, ab; diejenigen, die selbst körperlich Lieben sind zu ihrer eigenen Spiritualität aufgerufen mit dem Ziel, diese in der Gemeinschaft umzusetzen und zu leben: "Eine neue Zusammenschau und Zusammenbindung von Glauben und Zärtlichkeit kann nicht allein und nicht zuerst Aufgabe der zölibatär lebenden Vordenker und Verantwortlichen in der Kirche sein. Ein tatsächliches religiöses Verstehen menschlicher Zärtlichkeit, menschlichen Strebens nach Vereinigung und des darin begründeten Heils und Elends ist in erster Linie denen aufgegeben, die den Weg dieses Miteinanders durchlebt und wohl auch durchlitten haben: Nur in der eigenen Liebesgeschichte - und hier sind Liebes- und Leiderfahrung eng verwandt - ist Paradies und Sündenfall zu entdecken, Heil und Verantwortung und Erlösung, Kreuz und Auferstehung. So scheint hier eine Chance und zugleich eine Verpflichtung gegeben für die Liebenden in der Kirche, zu einer besonderen Form des geistlichen Lebens zu finden, zu einer `Spiritualität der Laien´, die in und aus der Spannung wie Verbindung zwischen Glauben und Zärtlichkeit lebt" (Dickerhoff aaO:19).

Somit werden es die schwulen und lesbischen Gläubigen selbst sein, die sich aktiv für ihre Liebe engagieren müssen. An wichtigster Stelle sind hier die gleichgeschlechtlich empfindenden Nonnen, Priester und Pfarrer zu nennen, die sich im kirchlichen Fachzusammenhang auskennen, Empfehlungen, Konzepte und Handlungsanweisungen für die kirchliche Praxis und den religiös-theoretischen Überbau erarbeiten können: Schwule Priester - und aber auch Laien - müssen schwul-lesbische Theologie und Kirchenpolitik machen.


Homosexuelle Kleriker: "Es tut einfach nur gut, beieinander zu kuscheln !"
- Studie: Jeder vierte Priester (25 - 40 %) ist schwul

Eugen Drewermann kritisiert daher in der Kirchenpolitik besonders den theoretischen Überbau in Form der Moraltheologie, die vorschreiben will, wie der Mensch zu sein hat: "Vor allem die Weigerung der Moraltheologie, ihre Regeln und Normen aus dem Erleben der Menschen selber zu entwickeln, stellt die Quelle des Unrechts gegenüber den jeweils Empfindenden dar. Diese Moraltheologie und -lehre, die mit ihren Aufspaltungen und Äußerlichkeiten eine ständige Entfremdung des Bewußtseins gegenüber den eigenen Gefühlen begründet und voraussetzt, ist wesentlich daran mitbeteiligt, daß Menschen aus lauter Angst, zunächst vor sich selbst, dann vor dem `anderen´ Geschlecht, dann wieder vor den eigenen Empfindungen, schließlich wirklich nicht mehr ein noch aus wissen. Die Priester der katholischen Kirche vertreten in ihrem ganzen Gehabe eine Mentalität und Moral, die mit der Alltagswirklichkeit nur schwer zurechtkommt - wirklich ist die Welt der Bücher und der Bibliotheken, die einzige Form der Realität, in der dieser Stand von Schriftgelehrten zu Hause ist. Die Männer die hier herrschen, wollen keine Männer sein, doch es ist gerade ihr latent homosexuelles Fluidum, das sie vielen Frauen gewissermaßen als die besseren, kultivierteren, sensibleren und rücksichtsvolleren Männer erscheinen läßt. Allem Anschein nach (.) bietet dieser Schamanismus einen Weg, das gleichgeschlechtliche Empfinden zu integrieren, in dem die `mittlere´ Stellung der so Berufenen zwischen den Geschlechtern als Mittlertum auch zwischen Göttlichem und Menschlichem, zwischen Himmel und Erde, zwischen Traum und Tag betrachtet wird.

Dabei zeichnet nicht nur der häufige pädagogische und künstlerische Eros von schwulen Menschen in hervorragender Weise aus; das europäische Abendland wäre kulturell entschieden ärmer ohne die Vielzahl genialer schwuler Menschen, von Platon angefangen über Leonardo da Vinci, Peter Tschaikowsky, André Gide, Thomas Mann, Ludwig Wittgenstein u.v.m.. Es ist die Zeit gekommen, da man endgültig damit aufhören wird, den Sinn der Sexualität in der Fortpflanzung zu sehen, sondern sich ganz einfach fragen wird, was jemand aus seinen Möglichkeiten, ob hetero- oder homosexuell, zur Bereicherung der Kultur des menschlichen Zusammenlebens zu machen verstanden hat. Es hat buchstäblich egal zu sein, ob jemand am Ende sich bi-, hetero-, homo- oder sonstwie sexuell fühlt, wenn er sich nur überhaupt wirklich selber fühlt: Es tut nur einfach gut, sich in den Arm zu nehmen und zu streicheln; es ist schön, beieinander zu kuscheln, so daß alles zu der bejahenden Antwort drängt: `Ich liebe Dich !´", soweit Eugen Drewermann (1989:582,590,601) in seinem Aufruf, sein Handeln an seinem eigenen individuellen Empfinden auszurichten und nicht an den von der Amtskirche niedergeschriebenen und althergebrachten Moral-Katechismen: Das erste Gebot lautet: "Lerne zu handeln. Und: Handle so, daß Du zärtlich bist !"

Die Sexualmoral ist ein wichtiger Verkündigungsinhalt des kirchlichen Lehramtes und damit der christlichen Botschaft. Es soll hier für die christliche Glaubensperspektive die Sexualität in ihrer leiblich-seelischen Ganzheit und ihre Notwendigkeit für den Aufbau und das Wachstum tiefer personaler BEZIehungen betont werden: Die Auslebung von Sexualität ist die "Sprache der Liebe", sie muß also gelebt werden können.

Diese Empfehlung gilt dabei nicht nur für den gläubigen Menschen, sondern besonders auch für die Amtsträger der Kirchen selbst: Und in der Tat ist das zölibatäre Leben der Priester eine Illusion; zudem: besonders viele Priester empfinden auch gleichgeschlechtlich: Der Spiegel vom 5. November 1990 hat es konkret veröffentlicht: Bei einem Priesterkurs im Rhein-Main-Gebiet stellte der Leiter fest, daß von den Teilnehmenden 20 Priestern 18 sexuell aktiv waren. Die heterosexuelle Einhaltung des Zölibatgesetzes ist die Ausnahme (vgl. Spiegel 5.11.90).


 
"Sie selber tun gar nicht, was sie lehren !"
Jesus über die Theologen, Mt, 23,3.

Aber auch besonders viele Priester sind schwul - doppelt so viele wie in der Bevölkerung (wie es Alfred Kinsey belegte, s.o.): Eine in Boston veröffentliche Studie, die auf Befragungen von 1500 geistlichen Personen im Zeitraum von 1960 bis 1985 beruht, belegt, daß "ein Viertel, also 25 Prozent, der Geistlichen schwul sind": "Wenn zwölf von Euch zusammenkommen, sind Dreie unter Euch !" (vgl. Bostoner Studie zit. n. Hermann 1992:52).


 
Die Liberalisierung der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften von Priestern hat aufgrund der gesellschaftlichen Liberalisierung seit Ende der 1970er Jahre noch wesentlich mehr Öffentlichkeit erfahren, so daß sich viel mehr Priester zu ihrer Lebensgemeinmschaft bekennen können: "Legt man in der Langzeitstudie über das Sexualverhalten von Priestern die Zahlen von 1978 bis 1985 zugrunde, so äußern sich inzwischen fast 40 Prozent der Priester darüber, daß sie schwul sind" (Sipe aaO, vgl. a. Rice aaO:230).


 
Die Kombination: Pfarrer/Pastor und Schwulsein hat dabei sich wesentlich ergänzende gegenseitige Qualitäten: Die Fähigkeit von Schwulen, sich gastfreundschaftlich zu verhalten, feinfühlig und mitfühlend zu sein, kommt dabei dem sozialen Aspekt der Gemeindearbeit zugute: Ihre Empathie ist ja auch gerade etwas, was sie für den seelsorgerischen Beruf qualifiziert, wie John McNeill herausstellt. "Positiver Stolz eines gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen ist Stolz auf ein Verständnis von Gastfreundschaft und Mitgefühl. Im Kern aller wahren Kreativität steckt Freisein zum Spielen. Es geht um die Voraussetzungen, die ein als Spiel gelebtes Leben ermöglichen. Sexualität ist das wichtigste Feld für menschliches Spielverhalten - von Gott geschaffen. Jedoch gehen besondere Gaben von Schwulen unter, weil sie sich größtenteils im öffentlichen Leben völlig bedeckt halten" (vgl. McNeill aaO:109f).

Es kann aber nicht unterschieden werden zwischen den Sehnsüchten nach Sexualität und der Verwirklichung dieser Empfindungen. Enthaltsamkeit ist keine Lösung, wie wir oben gesehen haben und wie es die Kirchen mittlerweile auch selbst vertreten (aaO). Die Empfindung gleichgeschlechtlicher Zuneigung und liebevolles Handeln sind dasselbe. Das (gleichgeschlechtliche) Empfinden ist die Voraussetzung für eine (gleichgeschlechtlich orientierte) Liebe. Die verstärkte oder besondere Anerkennung von Menschen durch die Kirche, die ihre (Homo-)Sexualität nicht leben, wäre eine Heuchelei mit Zuckerbrot und Peitsche, da es eine strukturelle Gewalt darstellt, sich nicht frei entfalten zu können in seinen Sehnsüchten nach Zweisamkeit (vgl. auch das Recht auf freie Entfaltung im Grundgesetz). Nicht gelebte Empfindungen zu tolerieren durch ein Angebot des Verschweigens ist eine erzwungene Isolation durch die Kirche, auf die sich besonders gleichgeschlechtlich empfindende Menschen nicht einlassen können: Um Liebe geben und nehmen zu können, um verantwortungsvolle und tiefe personale BEZIehungen zu einem Menschen aufnehmen zu können, muß Zärtlichkeit gelebt werden (können). Das Ausleben von Zärtlichkeit ist folgerichtiges Handeln und muß selbstverständlich sein, da nur dann die Ganzheit des Menschen erreicht wird. Die Liebe braucht ein körperliches Du.

Das Angebot der Kirche: "Lebe deine Sexualität nicht aus, verschweige dein Schwulsein, dann tolerieren wir es", ist ein Angebot zur Heuchelei: "Jesus hat diejenigen, die anders reden als handeln, `Heuchler´ genannt" (vgl. Alt aaO:127). Zygmunt Baumann ermuntert daher, daß man seine Empfindungen bzw. die Bedrohung der Lebenswelt zum zentralen Thema seines Lebens macht: "Die Bedeutung des liberalen Angebots (der Herrschenden) ist nur die Bestätigung der Dominanz jener, von der das Angebot ausging: Wenn du etwas tust, verlierst Du. Wenn du Nichts tust, gewinnen sie. Die Ablehnung (des Angebots) hingegen bedeutet schließlich Freiheit von Verpflichtungen. Um Goffman zu paraphrasieren, `statt sich auf seine Krücke zu lehnen, fängt er damit an, Golf zu spielen´" (Baumann aaO:89f).

Viele schwule Geistliche leben also in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft, die sie allerdings nicht absolut offen in der Gemeinde zu leben wagen, aufgrund der Macht- und Hierarchiestrukturen sowie der offiziellen Morallehre der Kirchen. Es ist eine unhaltbare Diskriminierung, daß der Lebensgefährte des Geistlichen nicht in seine Wohnung einziehen soll, denn dadurch wird die Lebensgemeinschaft überhaupt nicht lebbar.


Das abgespaltene Frausein der Bräute Christi: "Ich selbst bin das Zentrum der Offenbarung !"- Als lesbische Nonne ein spirituelles Zuhause finden

Die Gruppendynamiken in religiösen und kirchlichen Gemeinschaften sowie der kirchlichen Macht- und Hierarchiestrukturen sind für gleichgeschlechtlich empfindende Menschen oft derart, daß sie den Weg der lesbischen bzw. schwulen Erkenntnis sehr stark unterdrücken müssen, ja allein der Gedanke daran, sich seinen Gefühlen zu stellen, kann sehr schmerzhaft sein und wird immer wieder verdrängt. Ein Klima der Entfaltung kann dann daher nur durch eine Befreiung aus den kirchlichen Zusammenhängen erfahren werden. Mab Maher beschreibt, wie sie die kirchliche Indoktrination als externen Faktor wahrnehmen konnte und stattdessen die Offenbarung Gottes in sich selbst und ihrem Lesbischsein erkannte und aus der religiös-kirchlichen Gemeinschaft des Klosters ausgetreten ist, um sich so einen Schonraum (Moratorium) zur Entwicklung ihrer eigenen Empfindungen und Identität zu schaffen:

"Als ich vor acht Jahren das Kloster verließ, versuchte ich, die Wahrheit über die Trennung zwischen meiner Spiritualität und meiner Sexualität herauszustammeln. Meine Spiritualität hatte sich abgespalten, weiterentwickelt, während meine Sexualität und Kreativität nicht zu folgen vermochte. Ich wollte, daß mir jemand außerhalb der Kirche half, als in meinem Unbewußten Angst und Wut gärten. Die Lösung vom Katholizismus war bald geschehen. Ich ging einfach nicht mehr zur Kirche. Die Lösung von den Vorstellungen, die dieser Unterbau des Katholizismus einimpfte, war viel schwerer. Ich begann eine transpersonelle Therapie: nach und nach erkannte ich, daß ich selbst das Zentrum der Offenbarung war. Das war für mich ein enormer Schritt, viel radikaler als das Verlassen der Kirche: Mit großem Zögern wurde mir qualvoll bewußt, daß die sexuelle Wahl, die meinen tiefsten Bedürfnissen entsprach, sich auf Frauen bezog. Ich legte all die inneren Manipulationsmuster ab, die ich mir selbst eingebleut hatte, um in der religiösen Gemeinschaft des Klosters zu überleben. Als Ordensschwester entwickelte ich so erst langsam ein lesbisches Bewußtsein. Ich ersuchte Rom um ewige Dispens von meinen Gelübten. An einem kalten Wintermorgen, fünf Monate später, fuhr ich, um meine Austrittspapiere zu unterzeichnen. Es war mein Geburtstag. Ich habe nie ein so überwältigendes Gefühl von Daheimsein empfunden. In diesem Augenblick sagte die ganze Erde zu meiner lesbischen Identität ja. Manchmal bereue ich die verlorene Zeit in der kirchlichen Gemeinschaft des Klosters. In meinen langen Jahren des Christseins war ich von meinem Frausein abgespalten. Ich lebte mit einer logischen Entfremdung zu meinem inneren Rhythmus. Das tiefste Versteck, aus dem ich hervorgekommen bin, ist mein Herz gewesen. `Lesbe´ ist sowohl ein seelischer Begriff, als auch ein Weg des Verhaltens in dieser Welt. Es ist genauso ein Geschenk wie warum und wieso ich atme - Es ist mein spirituelles Zuhause: Ich selbst bin das Zentrum der Offenbarung Gottes !" (Maher aaO:299f).

Dem eigenen Herzen zu vertrauen, den eigenen Empfindungen zu folgen ist somit ein übergeordnetes Ziel der persönlichen Entwicklung, so daß eine normierte und kollektiv gewünschte Morallehre nicht verinnerlicht werden muß. Wenn es aber nicht gelingt, sich von übergeordneten, repressiven Strukturen zu emanzipieren, ist wie gesehen ein Verlassen der Strukturen der Kirche, die eine Entwicklung der eigenen Reife behindern, ratsam.

Sofern aber eine Emanzipation von hemmenden, externen Faktoren erfolgt ist und der einzelne Gläubige reif und stark genug geworden ist, ist eine Weitergabe der Erfahrung in die Glaubensgemeinschaft möglich und notwendig: Ohne Gott und die Gemeinde ist die Welt einsam. Schwule und lesbische Gläubige müssen sich - sofern sie sich in ihrer Identität des gleichgeschlechtlichen Empfindens gestärkt haben, stärken konnten oder gestärkt worden sind - für ihren Lebenszusammenhang im Kreise der Gemeinde engagieren, wie John McNeill aufzeigt:

"Es sind auch spEZIfische Fragen, die lesbische Frauen und schwule Männer der Realität stellen und sie vermögen von einer Hermeneutik des gleichgeschlechtlichen Empfindens auch unterschiedliche Beiträge zu Theologie und Spiritualität zu leisten. Grundlegenden ist: Es gibt eine einzigartige schwule und lesbische Gotteserfahrung: Lesben und schwule Männer sollten dreist genug sein, der Kirche in ihrer Gesamtheit eine neue Einsicht in das Evangelium zu vermitteln ! Schwule und Lesben können einen bedeutenden Beitrag zur Bildung (Lehre) einer BEZIehungsethik leisten. Dies beinhaltet zwei der vielen Gaben, die die schwul-lesbische Gemeinschaft der menschlichen Gesellschaft anzubieten hat. Die erste ist die "Entwicklung einer BEZIehungsethik". Die Fortpflanzungsethik der Vergangenheit ist nun definitiv schädlich geworden. Das zweite Geschenk der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften an die Kirchen besteht in der Herausforderung, sich allen zu öffnen, insbesondere jenen, die anders sind. Ihre Spiritualität hat eine besondere Qualität. Weiter muß dafür engagiert eingestanden werden, sich selbst als Menschen mit göttlicher Würde und Verantwortungsbewußtsein und das Schwulsein als eine Segnung Gottes anzusehen. Gleichgeschlechtliche empfindende Menschen müssen lernen, ihre Existenz zu feiern und zu bejahen und auf Gott zu setzen, indem man sich bewußt ist, daß auch Gott sehr wohl Anstoß nimmt an der Kirche ! Schließlich war auch Jesus während seiner Lebenszeit in ernsten Konflikten mit seiner "Kirche" und deren Machthaber. Jeder muß sich selbst fragen, welche der kirchlichen Werte beibehalten werden sollen und ob man sie weiterhin respektieren und schätzen will, und was die neuen Werte etc. sein sollen. In anderen Worten: Welche kirchlichen Werte, Lehrinhalte und Ordnungsstrukturen sind kompatibel mit dem, was gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sind, und welche Werte nicht destruktiv in Bezug auf die persönliche Würde von Lesben und Schwulen sind. Alles was destruktiv ist und die freie Entfaltung einschränkt, ist auch schlechte Theologie !"; (vgl. McNeill aaO:188f).

Entwürfe von neuen, sexuellen Theologien benötigen aber auch das aktive Engagement durch die Spiritualität der Laien, die ihre Liebe leben. Für gläubige Schwule und Lesben gilt es nicht auszutreten, sondern aufzutreten - vehement und mit Widerspruch, wo die Amts-Kirchenleitung sie in ihren Entfaltungsmöglichkeiten beschneidet und "verkrüppelt" (aaO). Die Gemeinschaft konstituiert sich aus der Verschiedenheit der sexuell liebenden Menschen, die Offenbarung Gottes in jedem Menschen selbst läßt erst eine Gemeinschaft entstehen. In diesem Sinne müssen auch Priester/Pfarrer und Nonnen, kurz: alle Ordensleute im Amt nicht als übergeordnete Instanz betrachtet, sondern als Mensch mit all ihren Bedürfnissen erkannt werden - denn auch ein schwuler Priester oder eine lesbische Nonne kann sich und die ureigensten Gefühle nicht verleugen, sonst betrügt man nicht nur sich selbst:


"Wer sich selbst verleugnet, betrügt Gott!" -
In der Gemeinde engagierte homosexuelle Geistliche

Den Priester von Nebenan müssen wir daher erkennen als einen Menschen, wie Du und ich - mit all den Bedürfnissen, die auch andere Menschen haben. Priestersein und Schwulsein ist wie gesehen eine besonders häufige Kombination: Jeder 3. Priester ist schwul. Doch die Geistlichen werden allein gelassen, man fragt sie nicht nach ihren Sehnsüchten, Wünschen und Empfindungen - aus guter Erziehung und Ehrfurcht wird das Thema der Zärtlichkeit von kirchlichen Amtsträgern nicht angeschnitten. Dabei leiden viele Geistliche unter der Einsamkeit, die sie vor allem abends beim Heimkommen empfängt - und Alleinsein heißt: ohne körperliche Nähe zu einem anderen Menschen, ohne die Erfahrung oder gar Möglichkeit von Intimität und Vertrautheit zu einem Partner. Bei jedem Ausdruck von Zärtlichkeit, den sie in ihrer Umgebung beobachten oder bei einer Hochzeit sogar begleiten und firmieren, entsteht bei Ihnen immer wieder das Gefühl: "Das hast du nicht - Diese Zärtlichkeit, das `in jemanden verliebt sein´ wie bei anderen schwulen Paaren, das hast Du noch nie erlebt !"

Die Erfahrungen und Sehnsüchte schwuler Geistlicher hat Thomas Migge in seinem Buch "Kann denn Liebe Sünde sein ?" dokumentiert, aus dem folgende Aussagen hier zitiert seien:

"Ich werde nie vergessen, wie ich einmal in einer Firmlingsrunde von einem besonders aufgeweckten Jungen gefragt wurde, ob ich mich nicht nach Liebe und Sexualität sehnen würde. Ich hätte am liebsten `Oh ja ! Und wie !´ geschrien. Aber nein, ich erklärte dem Jungen etwas, was er nie glauben konnte, denn wie soll ich etwas vertreten, woran ich selbst nicht glaube. Das war eine dumme Sache.

Heute glaube ich, irgend etwas in dieser kirchlichen Morallehre zerstört im Menschen etwas, bevor es sich überhaupt entwickeln kann. Dieses Etwas bekommt sonst gar keine Chance, reifen zu können. Es wird von Anfang an ausgemerzt, mit Schuldgefühlen besetzt und belastet, bis es seinen Weg nur noch im Dunkeln und Versteckten finden kann. Es erscheint mir unehrlich, daß ich auf etwas verzichten sollte, was ich gar nicht kennenlernen durfte. Es ist falsch, Menschen zu verbieten, bestimmte Erfahrungen zu machen. Ich kann mir beim besten Willen und Glauben nicht vorstellen, daß dieses Reduzieren und Vorentscheiden im Sinne Jesu gewesen sein soll ! Ich will die Möglichkeit haben, mich frei zu entscheiden, dieses oder jenes oder auch etwas ganz anderes leben zu können. Das, was eine Quelle vollkommenen Glückes sein kann, die menschliche Sexualität, hat so gar keine Chance, sich voll und ganz bemerkbar zu machen. Da wird zuviel kaputtgemacht. Hinzu kommt, daß eigentlich im Neuen Testament nichts geschrieben steht, was die Sexualität so verteufelt.

Ich suchte mir daher einen hervorragenden Mentor in einem Professor für Philosophie. Ihm konnte ich mein Leben erzählen, so daß ich langsam aus der verqueren Welt des Katholizismus herauskam und zu meinem wirklichen Leben und auch zu meiner Sexualität fand.

Und damit begann wirklich die Zeit meines Coming-Out. Es wurde mir klar, daß es mir unmöglich sein würde, zwei Leben zu leben, und daß ich versuchen mußte, beide Teile von mir zu verbinden, um nicht innerlich zu zerbrechen, denn ich spürte, daß ein Doppelleben nicht in Frage kommen würde. Es leuchtete mir ein, daß die Sexualität gleich welcher Orientierung etwas sehr zu Bejahendes ist, wenn sie mit Verantwortung gelebt wird. Schwule Theologie war wie eine doppelte Berufung !

Meine Vorstellung von Gott hat sich verändert, meine Vorstellung von gleichgeschlechtlicher Sexualität auch.

Ich kann als Geistlicher nur Schönes und Konstruktives an der gleichgeschlechtlichen Sexualität entdecken, wenn sie ehrlich und verantwortungsvoll gelebt wird. Homosexualität ist ein Geschenk - ein Geschenk unseres Gottes ! Wie die Heterosexualität auch: Überhaupt ist jede Sexualität ein Geschenk des Herrn, unser Leben reicher und wertvoller machen kann, wenn wir richtig, und das heißt verantwortungsvoll, damit umgehen können: verantwortungsvoll dem anderen gegenüber mit dessen Gefühlen und mit dessen Gesundheit. Man darf nicht vergessen, daß die BEZIehung des Menschen mit Gott auch sexueller Natur ist, weil wir in einer großen umfassenden Liebensgeschichte mit einem Menschen leben, Christus und Gott. Zwar ohne konkrete Sexualität zu Gott, aber mit starken Gefühlen.

Ich sagte mir: Ich muß alles geben, um mir gegenüber ehrlich zu sein und diesen Mann - den ich dann kennenlernte - nicht zu verlieren. Später fragte er mich, ob ich mit ihm schlafen wolle, mein Herz schlug hoch, und ich sagte: Ja ! So zärtlich war noch nie jemand in meinem Leben zu mir gewesen. Er ist der erste Mann, den ich wirklich geküßt habe, der erste, bei dem ich keine Angst vor Aids hatte.

Meine Kirche weiß sehr gut, daß viele geistliche Amtsträger wie ich in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft leben. Es ist in der offiziellen Moraltheologie mit ihrem provozierenden Texten, in denen es vor Homophobie nur so trieft, eben nicht alles Gold, was glänzt. So habe ich mit mir gehadert, ob ich diese Kirche verlassen sollte. Nie ! Und warum auch ? Der Grund, Priester und Ordensmann zu werden, hatte nichts mit meiner Sexualität zu tun, denn ich bin ja nicht in den Orden eingetreten, um Männer kennenzulernen !

Ich kann mir nicht vorstellen, daß es im Sinne gelebten Christentums sein soll, sich derart zu minimieren, daß ich durch die nichtgelebte Erfahrung krank und seelisch verkrüppelt werde oder leide. Ein Pfarrer, ein Geistlicher kann sich nicht selbst betrügen, denn sonst ist er nicht mehr glaubwürdig vor Gott, vor sich selbst und seiner ihm anvertrauten Gemeinde. Er würde damit seiner Existenz den Boden entziehen. Jemand, der sich in diesem Punkt selbst betrügt, betrügt nicht nur die anderen, die Gläubigen, die ihm Anvertrauten, sondern vor allem Gott.

Ich denke mir, daß ein Geistlicher, egal ob er Mönch oder Priester ist, viel überzeugender in einer Gemeinde, unter den Menschen wirken kann, wenn er aus eigener Erfahrung zu den Menschen spricht und lehrt.

Heute lebe ich als Dominikaner in meiner Arbeit und mit meinen gleichgeschlechtlichen Gefühlen. Ich bin oft in der Stadt bei meinem Freund, aber ich kann mich auch hier bei uns in der Gemeinde sehr frei bewegen - manchmal schläft Rolf sogar hier ..." (vgl. aaO: versch. Seiten).


Pluralität des Menschseins als konstitutives Element der Gemeinschaft - Entwurf einer neuzeitlichen schwulen Theologie

Die Vielfalt des Menschseins ist gerade die Grundlage der religiösen Gemeinschaft. Die Kirche hat sich also mit den Menschen der Gesellschaft auseinanderzusetzen, nicht als etwas ihr Äußerliches, sondern als ein konstituives Element ihrer Existenz: Als Kirche der Gesellschaft - der Menschheit. Somit ist eine Theologie auch immer ein Stück Laien-Theologie.

Der Theologe Ruedi Weber hat eine schwule Theologie entworfen: "Ich bin ein schwuler Theologe" umreißt danach vielmehr ein Programm als ein Copming-Out-Satz. Es ist ein Bekenntnis zu einem Selbstbewußtsein, das in der Kirche als schwuler Theologe seit einigen Jahrzehnten möglich ist. Gewöhnlich zementieren wissenschaftliche Abhandlungen zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften die Vorurteilsstrukturen, anstatt über diese aufzuklären. Eine dem aufklärerischen Anspruch gerechtwerdende Forschung muß meistens von schwulen oder lesbischen Forschern oder Forscherinnen (z.B. Theologen oder Sozialwissenschaftlern) selbst ausgehen. Die Bedingung der Möglichkeit, ein ernst genommener schwuler Theologe zu sein, war lange Zeit den schwulen Teil seines Lebens zu verheimlichen, und hier ist mit schwul wiederum weniger die private Sphäre als vielmehr die politische Komponente gemeint. Gegen die geforderte Anpassung an die heterosexuelle Norm ohne Widerspruch muß also gekämpft werden: Heute wird schwul-lesbische Theologie geschrieben, es soll offen gelebt werden können.

Ruedi Weber hat nun trotz oder gerade aufgrund der damaligen Einschüchterungsversuche Theologie studiert als offen schwuler Theologe und eine schwul-lesbische Theologie entworfen: "Ich liebe gleichgeschlechtlich" entspricht dabei weder dem Erkenntnisstand der Bibel noch der Zeit des Leipziger Thomas-Kantors. Aber es entspricht unserem !

Genau wie sich ein jugendlicher Deutscher nicht mehr für die Geschichte des Nazi-Deutschlands verantwortlich fühlen kann, fühlen sich heute Lesben und Schwule den Urteilen der Bibel - dem überlieferten Menschenwort von vor 2000 Jahren - im Bereich der Homosexualität nicht verpflichtet, da sie dem heutigen und ihrem Verständnis von gleichgeschlechtlicher Liebes- und Lebensgemeinschaften nicht entsprechen.

Die biblischen Aussagen zur Homosexualität müssen als veraltet hingenommen werden und eine neue Theologie der heutigen Zeit, die den zeitgemäßen Lebenszusammenhängen entspricht, soll betrachtet werden.


 
Hermeneutik:
Interpretation und Herangehensweise an die Bibel

Hermeneutik (von griech. hermeneuein = erklären, auslegen, übersetzen) ist die Lehre von der Auslegung und Interpretation von Schriften, Texten und Lebenswelten. Besonders die feministische sowie schwul-lesbische Bibelauslegung betrachtet unterschiedliche Herangehensweisen an die Bibel: Eine Hermeneutik der kreativen Aktualisierung zielt beispielsweise darauf ab, die biblischen Texte im Kontext der Lesben (bzw. Schwulen)- und Frauen-Kirche neu zu erzählen, Visionen neu zu formulieren und neue Kompentenzen zu vergeben (vgl z.B. Scherzberg aaO). Dabei soll die Bibel und andere Texte neu interpretiert werden. Eine andere Position ist es, einen zeitlichen Einschnitt erfolgen zu lassen und die Geschichte neu zu schreiben in dem heutigen Lebenskontext, anstatt sie lediglich nur neu zu deuten, weil dabei am Alten festgehalten wird: Das Alte soll dabei in den Schrank, das Neue soll formuliert und geschrieben werden: Braucht die Bibel eine redigierte, zeitgemäße Neuschreibung als aktualisierte und überarbeitete Neuausgabe ? Muß die Bibel neu geschrieben werden, damit sie den Ansprüchen einer postmodernen (= vielfältigen) Internet-Gesellschaft mit individualisierten und pluralisierten Lebensstilen genügt ?

Bei der schwul-lesbischen Hermeneutik (Interpretation der Bibel) gibt es also vier Positionen:

·        Die fundamentale Positon: Danach ist der Inhalt von Texten wörtlich zu verstehen und unverrückbar auch heute noch gültig.

·        Die historische Position: Danach wird die getroffene Aussage des Textes anerkannt, aber als zeitgebunden und veraltet angesehen. Eine Überprüfung des Textes, ob er heute noch Gültigkeit besitzt, muß jederzeit erfolgen. Ist das nicht der Fall, ist der Text für die heutige Zeit ungültig.

·        Die interpretierende Position: Die Bibelstellen werden als Metaphern verstanden und sind so zu interpretieren und umzudeuten, daß sie in den heutigen Kontext passen. Es wird nach Konstanten gesucht, die immerwährende Gültigkeit besitzen.

·        Die zeitgemäße-adäquate Position: danach sollen die Textstellen, die nicht mehr zeitgemäß sind, durch andere ersetzt werden und eine Aktualisierung muß erfolgen.


 
In seinen "Reflexionen", den Minima Moralia, sagt Thoedor W. Adorno, daß es der Politik nicht darum gehen dürfe, eine abstrakte Gleichheit der Menschheit als Idee zu propagieren, sondern vielmehr darum, "den besseren Zustand (zu) denken als einen, in dem man ohne Angst verschieden sein kann." Genau an dieser Forderung, die Pluralität des Menschseins ohne Angst ernst zu nehmen, scheitert auch immer wieder die Theologie.

Aus der Bibel entspringt nicht der Einsicht in die Pluralität des Menschseins, eine Einsieht, zu der die Aufklärung erst die ideelle Freiheit eröffnet hatte. Aber auch die Aufklärung versagte vor den Minderheiten. Die Theologie stellt dem wenig entgegen.

Ist es überhaupt möglich, und wenn ja, ist es sinnvoll, die Schöpfungslehre neu zu deuten oder zu interpretieren ? Nicht die mißbrauchte Erzählung Adams und Evas aus dem archetypisch aufeinander bezogenen Paar, sondern die Erschaffung von zwei verschiedenen Menschen, von Schöpfungsvarianten. Denn wesentlich ist doch nur, daß wir nicht allein sind ! Das Feld der Diskussion um die gleichgeschlechtliche Liebe wird auch widerspruchslos Fundamentalisten überlassen. Wer aber hat nun recht ? Die Fundamentalisten oder die Vertreter der historischen Position ?

Will die historisierende Position auf die Zeitgebundenheit der Urteile über Homosexualität in biblischer Zeit aufmerksam machen und damit die Verantwortung aufzeigen, heute unserem Wissen entsprechende neue Antworten zu finden, so versuchen die Fundamentalisten diesen Prozeß der Relativierung biblischer Aussagen mit aller Kraft zu verhindern.

Ruedi Weber kann sich nun weder dem Urteil der Bibel über Homosexualität anschließen noch überzeugen ihn die Versuche, die diese (durch Umdeutung) entkräften wollen. Es überzeugt ihn vielmehr die historische Position, weil sie die Freiheit wie die Verantwortung in sich birgt, schwule Identität gegen diese Tradition zu verteidigen. Zu dieser historischen Position hat er vertrauen: "Man kann sich innerhalb ihrer Voraussetzungen darin ernst nehmen, daß man heute einen anderen schwulen Lebensentwurf hat als die Menschen der Antike. So romantisch man die freundschaftliche BEZIehung zwischen David und Jonathan im Alten Testament beschreiben kann, so süß die zärtliche Zuneigung des Lieblingsjüngers zu Jesus gemalt werden kann, sie taugen nichts zur Beschreibung dessen, was heute unter Liebe zwischen Männern verstanden wird. Die historische Position, die die antiken und neuzeitlichen Bedingungen nicht vermischt, ist aber auch die einzige Position, die theologisches Denken mit dem Hintergrund einer schwulen Biographie im 20. Jahrhundert ermöglicht.


 
Mit der in der Bibel erwähnten Homosexualität haben heutige gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften wenig, wenn nicht sogar nichts zu tun (Weber aaO).


 
Die meist gutgemeinten Versuche einer homosexuellen Auslegung und Deutung der Bibel geschehen sicher zur Relativierung der sich einseitig auf die Antihomosexualität biblischer Autoren berufenden Argumentation." Nach Ruedi Weber wagen "sich die am mutigsten gebenden Auslegerinnen und Ausleger sogar vor bis zur Frage, ob nicht gar Jesus oder Paulus selbst schwul gewesen seien" (Weber aaO:195f).

Jürgen Fliege, TV-Talkmaster und Pfarrer, schreibt in seinem Buch "Man spricht nur mit dem Herzen gut": "Viele, viele Männer lieben Männer. Es ist einfach so. Homosexualität ist Gottes Schöpfung, die wir lieben. Was ist mit Homosexualität und Jesus ? Seine Sexualitätsauffassung war nie ein Thema. Da hat er kein Wort drüber verloren - zumindest hat niemand darüber eines aufgeschnappt. Wiewohl war das Thema Homosexualität unter zwölf Männer ein Thema !" (1995).

 

Pier Paolo Pasolini zeigte "Outing" vor 2000 Jahren: Empfand Jesus gleichgeschlechtlich ? War er einfühlsam, liebevoll und altruistisch zu anderen Menschen aus seinen eigenen Leidenserfahrungen heraus, seine gleichgeschlechtlichen Gefühle nicht umsetzen zu können ? Ein Nichtseßhafter, immer auf der Flucht vor der eigenen Heimat und Identität als Schwuler ? Szenenbild der Verfilmung "Matthäus Evangelium" des schwulen Regisseurs Pier Paolo Pasolini, der "autobiographische Motive in der Beschwörung eines engagierten Christus hat einfließen lassen: die Sanftmut im Herzen und die Andersartigkeit" (Loretan aaO:65f; vgl. a. Alt 1991: "Die verborgene Intention seiner Botschaft muß erkannt und gelebt werden. Der neue Jesus - der anima-integrierte Jesus - ist der neue Prophet eines neuen Zeitalters. Jesus hat nicht die Fortsetzung des Althergebrachten gemeint - auch nicht die Harmonisierung mit dem Testament, der Bibel.") - "Jesu wird zu einem Vorbild für eine geglückte Identität oder zu einem Modell für eine soziale Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen" (Loretan aaO)). Angenommen man würde in der Hermeneutik des Jesusbildes von einem "schwulen Jesus" ausgehen: Was würde es für die kirchliche Position und ihrem Handeln gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften gegenüber bedeuten ? Matthias Loretan schreibt: "Pasolini suchte die Möglichkeit einer neuen Annäherung an die Dinge - die seiner Leidenschaft entspricht - für das Leben, für die Realität um ihn herum, für die körperliche, sexuelle und existenzielle Realität" (aaO:65f).


 
Sind wir nicht überzeugt, daß die Arbeit mit Menschen, gerade an den und außerhalb der Grenzen unserer Kirche, nur hilfreich ist, wenn wir der Vielgestaltigkeit des menschlichen Lebens vorurteilslos und wertfrei begegnen lernen ? Das heißt, daß wir gewisse Urteile der Bibel als zeitgebunden und einem begrenzten Erkenntnisstand verpflichtet nicht mehr wiederholen dürfen ! Diese Vielgestaltigkeit ist dann als ein Ausdruck des Reichtums von Gottes Schöpfung zu interpretieren ! Die Irritation durch das Fremde nicht als persönliche Krise zu erleben, sondern als Anstoß zur Reflexion über unsere eigene Identität kreativ aufzunehmen, ist die grundsätzlich geforderte Entscheidung nach der schul-lesbischen Theologie. Dann gewinnt die Diskussion um gleichgeschlechtliche Liebe und ihre Lebensgemeinschaften in Verbindung mit Theologie einen viel weiteren Horizont.

Was steht nicht alles in der Bibel ! Daß Gott in sieben Tagen die Erde schuf und daß Haare abschneiden verboten ist und was weiß ich alles. Ob etwas in der Bibel steht oder nicht - ist doch kein Maßstab !

Jürgen Fliege, TV-Talkmaster und Pfarrer in seinem Buch: Man spricht nur mit dem Herzen gut, 1995

Das sind in der Bibel alles so Sachen - darum sage ich inzwischen: Das Wort Gottes gibt es nicht. Menschenwort als Gotteswort zu bezeichnen, kann empfindliche Folgen haben!"

Theologie-Professorin Uta Ranke-Heinemann am 23.8.96 in der WDR-Talkshow "Betrifft"


 
"Bibelwort ist Menschenwort":
Nicht umdeuten und auch nicht am Alten festhalten,
sondern eine neue Theologie entwerfen -
Zeitgemäße Bibel: Neuübersetzung & Neuschreibung
für die heutigen Lebenszusammenhänge

(FR) Die Oxford University Press veröffentlicht in den USA eine mit tiefgreifenden Änderungen versehene neue Verschriftlichung des Neuen Testaments. Alles, was rassistisch, antisemitisch, frauenfeindlich oder sonstwie diskriminierend mißdeutet werden könnte, ist in dieser Ausgabe der Bibel gestrichen und neu entworfen bzw. be- (ge)schrieben worden. Aus "Herrgott" wurde "die/der Allerhöchste", das Gebet der Gebete beginnt mit "Mutter-Vater im Himmel ...". Gott wird nicht nur als Vater, sondern entsprechend der feministischen Theologie (auch) als Mutter - und damit zweigeschlechtlich orientiert - gesehen. Heterosexualität ist eine der Homosexualität gleichwertige BEZIehungsform und Ausprägung der Liebe. Schwule und lesbische Liebesepisoden sollen eingefügt werden; genau wie Schulbücher durch Integration von sozialen Themen gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften aktualisiert werden, werde auch das Lehrbuch der Kirchen neu und zeitgemäß geschrieben. Auch "Gottes Rechte" soll es nicht mehr geben, um die vielen Linkshänderinnen und Linkshänder nicht zu kränken. Andere Neuschreibungen der Bibel mit einer Integration von lesbischen und schwulen Lebensgemeinschaften und ihren Liebesgeschichten sind auch im Internet veröffentlicht (vgl. Internet-Übersicht). So stellt Gert Lüdemann (aaO) heraus, daß die Bibel die menschliche Niederschreibung der tradierten Erzählungen von Menschen ist: die Bibel ist daher als "Menschenwort" zu charakterisieren. Diese Erzählungen sind einer bestimmten Zeitepoche und Kultur zuzurechnen. Bei der Edierung der Schrift für eine heutige Kulturepoche geht es um eine neue, zeitgemäße Auslegung und Hermeneutik: Überkommene Traditionsbestände sollten nicht akzeptiert, sondern überprüft und revidiert werden: "Denken ohne Geländer" nannte Hannah Arendt dieses Reflexions- und Lebensziel autonomer Subjekte. Erste Bibelstellen, die revidiert und neu niedergeschrieben werden müssen, wurden auf verschiedenen Tagungen und Workshops besprochen, so z.B. auf einer Tagung in Bad Boll: "Die Bibel muß im Blick auf die Sexualität um- und weitergeschrieben werden. Gott hat die Menschen nicht nur in Frauen und Männer geschaffen, sondern er hat auch hetero-, bi- und homosexuelle Menschen geschaffen. Die Bibel muß hier fortgeschrieben werden", so die Theologie-Professorin Dr. Luise Schottroff aus Kassel auf einer Kirchentagung der Akademie Bad Boll (zit.n. First 93:7). Ferner dikutiert ein Bischof im Nachrichtenmagazin Der Spiegel: "Die Berufung auf die Bibel ist eine Ausrede, um die Vorurteile zu verfestigen, die in Teilen der Kirchenleitung vorhanden sind. Es ist zu bestreiten, daß das biblische Zeugnis eindeutig ist - zudem ist es veraltet in dem Sinne, daß es in einem anderen gesellschaftlichen Zusammenhang vor 2000 Jahren interpretiert wurde. Bei Jesus finden wir gar nichts zur Ehe und Sexualität. Im Alten Testament hingegen gibt es Stellen: z.B. eine, in der David davon spricht, daß ihm seine Liebe zu Johnathan wichtiger ist als die Frauenliebe. Das ist die gleiche Verschmelzungsmetapher wie sie sonst in der Bibel mit "ein Fleisch" zwischen Mann und Frau interpretiert wird !" (aaO 1995).


 
Theologie ist immer auch Bibelauslegung: Origenes hat als erster die Auslegung der Schrift auf fünf verschiedene Arten beschrieben: buchstäblich / psychisch-moralisch / historisch / allegorisch und schließlich auch mystisch. Seit René Descartes und Baruch de Spinoza steht jedoch nicht Gott (das zu bedenkende Objekt) im Mittelpunkt, sondern vielmehr das denkende Subjekt, der Mensch mit seinen Bedürfnissen: Der "Universale Zweifel" wird in der Schriftauslegung zum Prinzip erhoben. Die Bibelauslegung fängt zu dieser Zeit an, als Bibelkritik zu arbeiten. Seit Schleiermacher stellt sich schließlich die Betrachtungsweise der zeitgemäßen und damit sachgemäßen Auslegung biblischer Schriften in den Vordergrund. Der Text der Bibel wird z.B. unter historischer Zeit-Perspektive, unter redaktionsgeschichtlicher Perspektive und gesellschaftlicher Perspektiven, unter den materiellen Hintergründen und somit auch sozialpolitischer Perspektive in die damalige Zeit eingeordnet. Das Verständnis einer göttlich-inspirierten Bibelschrift wandelt sich in ein historisch-kritisches Textverständnis. Fundamentalisten halten hingegen an der wörtlichen Bibelauslegung fest.

Der Papst spricht dem Bibelfundamentalismus - also einem wörtlichen Bibelverständnis - eine ausdrückliche Warnung aus. Papst Johannes Paul betrachtet die wörtliche Bibelauslegung mit Unbehagen und warnt: "Die Bibel hält nicht unbedingt sofortige und direkte Antworten auf jedes Lebensproblem bereit." Erst durch den Bibelfundamentalismus würden im Gegenteil "viele Personen mit Lebensproblemen angezogen." Die wörtliche Auslegung der Bibel böte keine "direkte" Interpretation an - der Bibelfundamentalismus sei daher auch eine "illusorische Interpretation: Die Bibel gibt nicht direkte Antworten" (zit. n. Focus 52/96:144). Die Leitlinie aus Rom ist also unmißverständlich: Das Bibelwort bedarf der Interpretation, und ist nicht wörtlich zu verstehen. Doch wie interpretiert man einen Text ? Tut dies nicht - wie bei einem Gedicht - jeder auch aus seinem bisherigen Erfahrungshorizont, sucht nicht jeder nach Antworten, die auf seine jeweiligen Lebensverhältnisse zugeschnitten sind ?

In der Schule Rudolf Bultmanns entwickelten Theologen wie Ernst Fuchs, Gerhard Ebeling oder auch Eugen Drewermann eine Theologie als Hermeneutik: Es ist heute jedoch klar, daß die Bibel einer Auslegung bedarf, um sie auf die Aktualität bEZIehen zu können - die Bibel kann also demnach niemals wörtlich verstanden werden: Das Aussortieren, was heute nicht mehr gültig und aktuell ist, der Vergleich damals-heute, bezeichnet man als "Hermeneutischen Zirkel" (vgl. Kirste aaO:77). Nach Ansicht vieler Theologen wird auf Grundlage der Methode des Hermeneutischen Zirkels erschlossen, daß heute auf die in der Bibel erwähnten Homosexualität kein Bezug mehr für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften genommen werden kann.

Seit etwa 20 Jahren gibt es in der Bibelauslegung aber noch radikalere Perspektiven, Luise Schottroff, Dorothee Sölle, Gerd Theißen und Wolfgang Stegemann begreifen die Bibel viel stärker, wie die Schriftdeutung eine "ökumenische Weite" (aaO) erreichen kann. Dies wird sich auf eine Bibelrevision wesentlich auswirken werden. Auch denke man beispielsweise an die Feministische Theologie, die sich in ihrer Blüte seit der Frauenforschung immer mehr entfaltet. Hier bieten sich zahlreiche Ansatzpunkte, sich auch selbst Gedanken zu machen und diese in eine öffentliche Diskussion einzubringen.

Die wichtigste Erkenntnis vieler Theologiestudenten nach ihrem Studium lautet daher oft: "Alle Texte der Bibel sind, so wie sie uns heute überliefert sind, eigentlich nicht für uns, die Menschen des 20 Jahrhunderts, bestimmt. Sie waren immer an die Menschen gerichtet, an die der Verfasser oder die nachträglichen Redakteure dachten, wenn sie die Texte verfaßten oder veränderten." Es ist also absolut unzulässig, einen Bibeltext ohne wissenschaftlich- historische Kritik auf Situationen und Probleme von heute anzuwenden. Dafür muß ein Pfarrer ja schließlich Theologie studieren, damit es in der Gemeinde nicht zu fatalen, unchristlichen Mißverständnissen kommt und mehr noch damit der eigentliche Schriftsinn aus den vielfach abgewandelten Texten für unser heutiges Gesellschaftsverständnis herausgespürt werden kann.

Das ist ein Weg, ein Dialog mit vielen Müttern und Vätern im Glauben, die vor uns mit ihrem, mit unserem Gott Erfahrungen gemacht haben. Diese Erfahrungen haben sie niedergeschrieben und immer wieder korrigiert, d.h. ihrem aktuellen Gottesbild gemäß aktualisiert. In diesen später Schrift gewordenen Erfahrungen dürfen wir aber nicht die absolute göttliche Offenbarung sehen ! Gott hat sich uns in den Texten der Bibel "nur" relativ wenig offenbart. Weil sein Wort sich mit dem Denken und Fühlen des Menschen verbunden hat, also aus der BEZIehung zwischen Gott und Mensch entstanden ist, ist die Bibel ein Wort, das in der BEZIehung (Relation) zu Gott gehört, aufgenommen und vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen, historischen und ganz persönlichen Erfahrungen verstanden wurde.

Die Menschen des vergangenen Zeitalters haben versucht, mit ihren Möglichkeiten das zu verstehen und auszudrücken, was sie von Gottes Seite vernahmen. Aber sie haben sich mit eingebracht, so wie sie eben waren und haben natürlich auch die damals gängigen Vorurteile gegenüber homosexuellem Leben mit göttlichen Gesetzen verbunden. Die Stellen in der Bibel haben samt und sonders auch nur den sexuellen Aspekt im Auge. Sie rechnen überhaupt nicht mit der Möglichkeit der Liebe zwischen Menschen gleichen Geschlechtes. Heute gibt es gleichgeschlechtliche und verschiedengeschlechtliche Familien in einem ganz anderen Gesellschaftsverständnis.

Das kann man den Menschen von damals auch nicht übelnehmen, damals manche Dinge für ihre Zeit anders gesehen und in der Überlieferung weitergegeben zu haben.

Aber heute, da wir wissen, daß es Liebe zwischen Menschen gleichen Geschlechts genauso gibt wie zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts, diese beiden BEZIehung gleichwertige Formen der Liebe sind und qualitativ keinen Unterschied in ihrer Liebe und Zuneigung ausmachen, müssen wir sagen, daß diese Bibelstellen mittlerweile nicht die geringste Gültigkeit mehr haben. Sie sind vor ihrem historischen zeitgebundenen Kontext von vor 2000 Jahren nachvollziehbar, für uns heute aber "nicht mehr akzeptabel. Sie sind ein geschichtliches Dokument, nicht mehr und nicht weniger", zu diesen Ergebnissen kommen die Untersuchungen von Prof. Weiskopf (aaO): "Entgegen der schöpfungsgemässen Ausrichtung der eigenen Sexualitaet zu handeln, nur das behauptet der biblische Befund als Sünde - nichts anderes. Für den seelsorgerlichen Bereich folgt hieraus: Wir müssen jedem Menschen - soweit er es wünscht, und bei der Forderung nach Hochzeit wünscht man es - beistehen, sorgfältig mit sich selbst und seiner Geschöpflichkeit und seinem Lebenspartner umzugehen, seine sexuelle Orientierung zu erkennen, so wie sie einem selbst entspricht und es in der Gemeinde als Gottes Gabe dankbar anzunehmen !"

Beim Thema gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften ist es also weniger die Aufgabe der Theologie, Antworten zu geben, als den Menschen und Paaren zuzuhören: "Das heißt, Abschied zu nehmen von einem Superioritätskomplex, der in der Maske des Anspruchs auf Konventionalität daherkommt, ein Abschiednehmen auch von einer Theologie als Ideologie, nämlich als Blindheit vor der Wirklichkeit, ein Abschiednehmen von der zeitgebundenen Bibel. Es wird dabei das Recht in Anspruch genommen anders zu sein, oder mit Dorothee Sölle gesprochen, auch ein anderer zu werden. Denn zu fördern gilt es erstens, daß schwule und lesbische Menschen den Mut haben, ihr `anders sein´ zu leben und zu gestalten. Zu fördern ist aber auch zweitens der Mut der heterosexuell lebenden Menschen, `anders zu werden´ und neben dem eigenen Erleben, fremde Möglichkeiten jeder sexuellen Orientierung in sich und bei anderen zu integrieren.

Diese Flexibilität, die sich in einer immer pluralistischer und individualisierter werdenden Welt bewährt, ist die Fähigkeit in die Einsicht der Unregelmäßigkeit des Menschlichen und der Verzicht darauf, diese Unregelmäßigkeit gleich während der Analyse mittels eines Normalitätsbegriffes zu neutralisieren. Der bessere Zustand dieser Welt wäre dann erreicht, wenn man ohne Angst vom anderen verschieden sein kann," wie Ruedi Weber in der schwul-lesbischen Theologie herausarbeitet (aaO:204).


Kirchliche Hochzeit im Gottesdienst für gleichgeschlechtliche Paare - Partnerschaftsegnungen bei der Trauung in der Kirche

"Das Leben ist weiter als die kirchlichen Beschlüsse. Es ist unbarmherzig, wie wir mit einigen Menschen umgehen. Ich will für eine offene, zeitgemäße Kirche werben. Wir fordern den Traugottesdienst für lesbische bzw. schwule Paare und Lebensgemeinschaften. Es gilt das zu tun, was zu tun ist: Kirchliche Hochzeit für gleichgeschlechtliche Paare !"

Elisabeth Lingner, Präsidentin der Synode nordelbischer Kirchen in der `Zeit´ (43/95).

"Du hast mich lieb, ich hab dich lieb - wo ist da ein Problem ?" - Seit Mitte der sechziger Jahre etabliert sich in den Humanwissenschaften und der Gesellschaft die Erkenntnis, daß die sexuelle Orientierung - wie z.B. Heterosexualität - konstitutionell zum Menschsein der Betreffenden gehört, wie für Homosexuelle die Orientierung zum gleichen Geschlecht.

Schwule und Lesben haben sich zu politischen Gruppen zusammengeschlossen, um gemeinsam ihr Ziel der Anerkennung ihrer Lebensgemeinschaften zu erstreiten. Im kirchlichen Raum hat sich 1977 die ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche e.V. (HuK) gebildet. Schwul-lesbische Arbeitsgemeinschaften beauftragen die beiden konventionelle Kirchen, die der Öffentlichkeit einer Partnerschaft den Vorrang geben, mit dem Wunsch, auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften eine gottesdienstliche Hochzeits-Feier zu ermöglichen, denn "das ausdrückliche und öffentlich gesprochene Ja vor Gott und der Gemeinde zum gemeinsamen Leben ist eine Hilfe zur Dauer der Liebe in den wechselnden Situationen der Gemeinschaft" (EKD 1985:25).


Beim Eheverständnis ist die kirchliche Ehe von der staatlichen zu trennen:

Kann man also in grundsätzlichen Bemerkungen zum Eheverständnis von dem Eheverständnis sprechen ? Haben die theologischen Differenzen keine Auswirkungen ? Hat nicht jeder Theologe, jede Theologin ein anderes Eheverständnis ? So findet sich für das biblische Eheverständnis auch im ganzen Alten Testament keine ausführliche Beschreibung der Ehe: "Wenn man von einigen wenigen, wahrscheinlich relativ späten Geboten und Gebotsreihen absieht, findet sich an keiner Stelle des Alten Testaments eine ausführliche Darstellung einer Eheschließung oder gar eine Lehre von der Ehe. Dies ist erklärbar, "zumal der Begriff Ehe in unserem Sinn für die hebräische Sprache gar nicht besteht" (Niebergall aaO:43). Im Alten Testament gibt es keine Präferenz für die Monogamie: Der Erzvater Jakob hatte zwei Frauen, Lea und Rahel, und der König Israels, David, mit Michal, Batseba und Abigajil mindestens drei. Auch außereheliche Kinder haben im Alten Testament einen ganz anderen Stellenwert als im bürgerlichen Eheverständnis des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie werden selbstverständlich in die Familie integriert. Als Beispiel sei hier Jakob erwähnt, von dessen zwölf Söhnen, die gleichrangig die Stammesväter Israels bilden, vier aus nebenehelichen Verbindungen stammen.

Für das Neue Testament kommt Alfred Niebergall zu einem ähnlichen Ergebnis: "Das Neue Testament kennt ebenso wenig eine Lehre von der Ehe oder verbindliche Anweisungen für die Eheschließung wie das Alte Testament. In den synoptischen Evangelien hat das Thema Ehe eher sekundären Charakter. Auch Monogamie wird hier der Polygamie nicht vorgezogen" (Niebergall aaO:53,77f, zit. n. Beckmann aaO). Das geschieht erst in den Pastoralbriefen bei der Beschreibung des Bischofamtes (z.B. 1. Tim 3,2).

Im Matthäusevangelium geht es, wenn Ehe erwähnt wird, lediglich um die Ehescheidung und die Möglichkeit der Ehelosigkeit (Mt 19,11f). Es wirkt befremdlich, wenn als einziges Zitat aus den Evangelien zur Ehe in der ev. Agende ein Zitat aus der Genesis übernommen wird. Offensichtlich mangelt es an positiven Aussagen zur Ehe aus dem Munde Jesu. Alfred Niebergall bestreitet zu dem, daß "Jesus, bzw. die Urgemeinde die Stellen Gen 3 und 2 `sachgemäß´ ausgelegt" (aaO, S. 78) haben. Damit relativiert sich auch die Aussage: "Was Gott zusammen gefügt hat ..." (Mt 19,6). Der Satz wird in der Agende nicht in den Zusammenhang von Stiftung und Ordnung der Ehe gebracht, findet aber zwischen Ringtausch und Segensgebet seinen Ort. Bei Matthäus wird also nicht ausgeführt, wer die Ehe geschlossen hat und wie sie gelebt wird. Faßt man die Untersuchung der Bibelstellen, die in der Trauordnung und der Trauagende zitiert werden, zusammen, so ergibt sich, daß an Hand der Bibel die Institution Ehe als Stiftung Gottes nach heutigem exegetischen Verständnis nicht belegt werden kann.


 
Frage an die Beratungseite einer Zeitschrift:
Wie gestalten wir unsere Kirchliche Hochzeit ?

Ich bin mit meinem Lebensgefährten schon seit zweieinhalb Jahren zusammen, und wir lieben uns sehr. Wir planen, im nächsten Herbst unsere BEZIehung im Gottesdienst durch eine Trauung kirchlich segnen zu lassen. Gerade wegen der Einstellung des Vatikans zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften sind wir beide überzeugte Katholiken und schwule Christen. Wir leben in einer kleinen Stadt, in der mein Lebensgefährte Geschäftsmann und Politiker ist. Wir kennen keinen Priester näher und wissen nicht, was wir bei solch einem Anlaß tragen sollen. Wir möchten die Wörter Heirat oder Verlobung verwenden. Die Gästeliste ist endlos, und es soll eine schlichte und nicht kostspielige Feier werden. Mich ärgert es immer, wenn ich in der Lokalzeitung irgendeine Heiratsanzeige lese und bedenke, daß Heteros in solchen Fällen unterstützt werden, um eine tolle Hochzeit auszurichten. Ich wäre für Hilfe bei der Planung dieser Zeremonie dankbar, aber ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll. Was sollen wir tun ?



Ohne auf das gesamte biblische Verständnis von Partnerschaft einzugehen, läßt sich wohl zeigen, daß die Liebe die maßgebende Größe innerhalb einer BEZIehung sein soll und daß Scheidung einer BEZIehung nicht vorkommen soll. Ehe ist auch nach neutestamentlichem Verständnis nicht die allein mögliche oder bessere Lebensform.

Nach welchen ethischen Maximen die Partnerschaft gelebt wird, sei hier nicht näher erörtert, da diese wiederum für homo- und heterosexuelle Partnerschaften gleich sind: Hetero-Paare und Homo-Paare kommen vom gleichen Ufer, in den sozialen Dimensionen bestehen keinerlei Unterschiede, auch beim sexuellen Erleben gilt: Verliebtsein ist Verliebtsein.

Die Stiftung Gottes durch den Traugottesdienst ist die angelegte Möglichkeit, einen Lebensbund schließen zu können. In welchen institutionellen Rahmen er gestellt wird, ist eine Frage der gesellschaftlichen Strukturen: "Weil diese im Entstehungskontext der Bibel anders waren als heute, läßt sich das Eheverständnis der Bibel nicht ohne weiteres in unseren heutigen Lebenszusammenhang projizieren" (Beckmann aaO). Und selbst wenn es projiziert wird und in unserer heutigen Zeit zelebriert wird, gilt, wie wie sahen: Liebe ist Liebe: Der partnerschaftliche Bund vor Gott kennt also keine Unterschiede zwischen gleichgeschlechtlicher und verschiedengeschlechtlicher Zärtlichkeit. Das, was die Kirchliche Trauung ausmacht, ist der Statusübergang von der Einsamkeit zur Gemeinsamkeit - nichts anderes. Sollte die kirchliche Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht gewährt werden, macht sich die Kirche Schuld an der Einsamkeit und somit den seelischen Leiden von Menschen. Das Verbot von legitimierter Gemeinschaft und Zärtlichkeit wäre eine "seelische Verküppelung von Menschen" (Neill aaO / Zimmermann aaO). Die Devise lautet daher: Volle Integration durch Kirchliche Trauung in der Gemeinschaft statt Kerker der Einsamkeit.


D
ie Kirchliche Hochzeit und Trauung von schwulen bzw. lesbischen Paaren:

Irgendwann kommt also in jeder BEZIehung der Zeitpunkt, diese zu veröffentlichen, wenn nicht staats- oder kirchenrechtliche Bestimmungen oder gesellschaftliche Sanktionen die BEZIehung dazu drängen, daß sie deshalb noch nicht veröffentlicht werden kann. Innerhalb der Gesellschaft und Gemeinde hat jeder Mensch einen bestimmten Platz. Er lebt in einem bestimmten Status. Er wird als Kind in die Gesellschaft hineingeboren, ändert aber irgendwann seinen Status. Er wird meistens irgendwann als vollgültiges Mitglied anerkannt, ändert sein BEZIehungsumfeld und scheidet irgendwann wieder aus der Gruppe aus. Damit kommt es zu Statusübergängen.

Helmut Fischer geht in seinem Buch "Trauung aktuell" darauf ein: "Jeder Statusübergang ist mit Verunsicherung, Angst und Krise verbunden, weil der Überwechselnde aus der Identität, die er in seinem bisherigen Status hatte, heraustreten muß, die Identität im neuen Status aber noch nicht hat" (aaO:110). Fischer fügt an, daß das Umfeld des Überwechselnden an diesem Statuswechsel Teil hat. Um die Krise des Übergangs bewältigen zu können, hat die Gesellschaft Rituale entwickelt, die zunächst den meist fließenden Übergang auf einen Punkt fixieren. Der Übergang wird damit greifbar. Er wird in Form einer Feier begangen.

Da diese Statusübergänge tief in das Leben des Betroffenen einschneiden, sich also mit seinem Leben an sich beschäftigen, haben sie auch einen religiösen Aspekt. Deshalb ist es naheliegend, daß auch die christlichen Kirchen diese Statusübergänge bedenken und entsprechende Gottesdienste feiern. In der kirchlichen Praxis werden diese Gottesdienste als Kasualien bezeichnet. Statuswechsel werden oft auch staatlich registriert, meist auf dem Standesamt durch Geburtsurkunde, Bürgerrechte, Hochzeit oder Sterbeurkunde. Gesellschaftlich werden diese Ereignisse in Form von Festen gefeiert. Auch hier fällt die Hochzeit besonders durch den lautstarken Polterabend auf.

Charakteristisch für diese Statusübergänge ist auch, daß sie durch größere oder kleinere Gedächtnisfeiern immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Als Beispiele seien genannt: Geburtstag, Goldene Konfirmation, Hochzeitstag, Silber- und Goldhochzeit und Todestag. Um Nutzen aus Riten ziehen zu können, müssen sie nicht von der Gruppe rational verstanden werden. Sie haben ihren Stellenwert als emotionale Größe und werden tradiert. Das geschieht auch heute noch. Die durch die Identitätskrisen bei den Statusübergängen frei werdenden Affekte müssen in jeder Gruppe und Gesellschaft aufgefangen und kanalisiert werden (vgl. Beckmann aaO).

Yorick Spiegel stellt den Ablauf eines Statuswechsels auf. Ziel des Statusübergangs ist, sich von der alten Gruppe zu lösen und von der neuen aufgenommen zu werden. Das bedeutet eine Identitätskrise und eine neue Sinnsuche für den Einzelnen. Fängt die Gruppe die persönliche Umorientierung auf, so behält sie ihre Stabilität. Den Statusübergang begleiten starke Emotionen, die im Ritus frei werden dürfen und kanalisiert werden können. Der Ritus fängt die Ängste der Personen auf, weil diese die Möglichkeit hatten, Statusübergänge anderer Gruppenmitglieder zu erleben und mitzubegehen. Der neue Status wird zugesprochen, das erleichtert den Einstieg in diesen neuen Status (aaO:115f).

Der Statuswechsel ist damit nicht mehr der Entschluß des Einzelnen, sondern wird von außen an ihn herangetragen und damit auch von der Gruppe getragen. So beinhaltet der Übergangsritus auch den Aspekt der Öffentlichkeit. Der wechselnde Mensch wird aus der Gruppe hervorgehoben und besonders geehrt. Die Gruppe (die Gemeinde) wird von seinem Wechsel in Kenntnis gesetzt. Damit hat sie die Möglichkeit, ihn in seinem neuen Status anzunehmen und zu integrieren (vgl. Beckmann aaO).

Wenn ein Paar den Entschluß einer Eheschließung faßt, hat es in der Regel bereits eine gewisse Zeit innerhalb dieser Partnerschaft gelebt. Dazu gehört der Sexualkontakt als besondere Form des miteinander Umgehens. Dabei ist es unerheblich, ob das Paar im Sexualkontakt eigene Grenzen gesetzt hat, die erst mit der Eheschließung aufgehoben werden oder nicht. Oft lebt es bereits vor der Trauung in einer Lebensgemeinschaft. Das verschiebt das Ritual aber nur auf einen späteren Zeitpunkt, ohne es aufzuheben. Im Ritual werden dann Fakten, die längst vom Paar selbst geschaffen sind, nachträglich legitimiert. Z.B. in den Bemerkung in Hochzeitsanzeigen: "Wir legitimieren unser Verhältnis." Legalisierung ist ein Begriff der Rechtswissenschaft, Legitimisierung hingegen bezeichnet den gesellschaftswissenschaftlichen Begriff der Akzeptanz von sozialen Praktiken und Normen in der Gemeinschaft. Das Ritual ist somit eine Legitimierung und keine Legalisierung, somit ist die Eheschließung vor Gott auch ohne Zivilehe möglich.

Entscheidend sind oft auch nichttheologischer Faktoren bei einer kirchlichen Trauung aus der Sicht des verschiedengeschlechtlichen Brautpaares (vgl. Thilo aaO:233f): Im Traugespräch wird gerade nach solchen Ritualen in der Kirche, aber weniger nach dem Gottesdienst gefragt. Das Brautpaar scheint sich mehr für die Sitzordnung in der Kirche oder Kleidungsfragen zu interessieren, als für die theologischen Aspekte der Trauung. Solche Äußerungen müssen ernst genommen werden und zeigen deutlich den gewandelten sozialen Stellenwert der Trauung: Erst nachdem diese sozial-organisatorischen Fragen geklärt sind, ist es möglich, Ohren für ein theologisches Gespräch zur Trauung zu finden. Ebenso hat die Kirchliche Trauung für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften diese wichtige soziale, besonders aber religiöse Bedeutung: Für gläubige Schwule und Lesben haben die religiösen Bedeutungen oft einen besonders hohen Stellenwert, da die Trauung ihnen bisher nicht voll zugestanden wurde. Oftmals scheint es, daß ein gläubiger Schwuler seinen Glauben wesentlich bedeutungsvoller lebt als die breite Masse der heterosexuellen Gläubigen.

Innerhalb des Traugottesdienstes tauchen Riten auf, die der Charakteristik des Übergangsritus entsprechen. Im Traugottesdienstes werden die Öffentlichkeit, die Gemeinde und die Familie sowie die Freunde des Paares mit einbezogen. Schon die Glocken laden die ganze Gemeinde in die Kirche ein. Durch Lieder und Gebete beteiligt sich die Gemeinde am Gottesdienst. Er wird zusammen gefeiert und nicht allein von dem Pastor zelebriert. Nur wenn sich die Gemeinde im Namen des dreieinigen Gottes versammelt hat, ist mit Matthäus 18,20 Gott mitten unter ihnen. Das Paar wird hervorgehoben, schon weil es nach der Gemeinde in die Kirche einzieht und während des Gottesdienstes allein vor die Gemeinde tritt (vgl. Beckmann aaO). Eine schwule Trauung und Kirchliche Hochzeit mit Segnung findet im Gottesdienst mit der Gemeinde statt.

In den Äußerungen des Geistlichen, besonders in der Ansprache wird der neue Lebensstatus beschrieben. Das Paar hat durch die Antworten auf die Traufrage die Möglichkeit, vor Gott und der Gemeinde den Wunsch nach dem Statuswechsel anzuzeigen. Durch den Ringwechsel und die Geste, sich die rechte Hand zu geben, demonstrieren sie, daß sie beide zusammengehören. Die darauf aufgelegte Hand des Geistlichen symbolisiert, daß ihre Verbindung nicht nur durch eigenen Entschluß hält, sondern auch von außen geschützt wird.

Außerdem wird die Verbindung unter den Segen Gottes gestellt. Damit finden sich die wesentlichen Elemente des Übergangsritus auch in der kirchlichen Trauung. Natürlich hat die Trauagende gerade aus der Sicht der Kirche ihre theologische Bedeutung. Diese wird aber nicht geschmälert, wenn man erkennt, was ein solcher Gottesdienst neben seiner theologischen Bedeutung außerdem für soziologische Funktionen beinhaltet. Es kommt heute hinzu, daß das partnerschaftliche Zusammenleben nicht mehr selbstverständlich mit dem Leben in der Ehe gleichgesetzt wird (vgl. Beckmann aaO). Damit verbindet sich, daß oft eine staatliche Ehe aus rechtlichen und finanziellen Gründen geschlossen wird, ohne sich wirklich mit ihr zu identifizieren.

 

Eine Studie des Taunus Instituts für Kultursoziologie (aaO) ergab, daß heterosexuelle Männer zu 74 Prozent als Begründung des Wunsches zur Eheschließung die Steuer auf Platz eins nennen. Auf Platz zwei ist das Bekenntnis: "weil die Partnerin es will". Die Liebe rangiert mit 10 Prozent erst auf Rang 18 ! Wenn sich aber ein gleichgeschlechtliches Paar für das kirchliche Ritual entschließt, wodurch es ja keine gesetzlichen Rechte und Pflichten bekommt, will es hier die soziale Gleichstellung und vor allem wird es ein Entschluß sein, der wesentlich stärker aus wahrer Liebe und Religiösität gefaßt sein wird !

Gegenüber einer Staatlichen Hochzeit hingegen wird man eine kirchliche Trauung aus gegenseitiger Verbundenheit in Liebe und mit Gott schließen - dies gilt um so mehr für schwule und lesbische Gläubige. Die allgemeine konsumgesellschaftliche Ablösung in der gesamten Gesellschaft von den Kirchen verringert die Zahl der kirchlichen Trauungen. Trotzdem behält der Ritus seine Funktionen zumindest für diejenigen, die sich nicht gegen ihn sperren - und gleichgeschlechtliche Paare wollen zunehmend ihre Liebe im Gottesdienst mit der Gemeinde firmieren: Aus einer anderen Perspektive aber hat also der Ritus der Eheschließung auch wieder an sozialer Bedeutung gewonnen: Ein neues Klientel der Kirchen sind die gleichgeschlechtlichen Paare, die eine Kirchliche Hochzeit feiern wollen !


Der Schalom für die Familie ist der theologische Aspekt der Trauung:

Wir haben gesehen, daß Statusübergänge mit Ängsten, Ablösungsprozessen und neuen Bindungen verbunden sind. Dadurch entsteht Unruhe in den gesellschaftlichen Strukturen, besonders in den betroffenen Familien. Diese Unruhe ist theologisch als Unfriede zu bezeichnen. Der rituell begangene Statusübergang stellt den Frieden wieder her. Die Kasualie, hier die Kirchliche Trauung, ist ein Teil dieses Rituals. Um den Frieden wieder zu erlangen, wird die Trauung gefeiert. Vordergründig kann eine solche Feier auch Anlaß zu heftigen Auseinandersetzungen werden. Auf Dauer gesehen ist die Feier aber hilfreich für den familiären Friedensschluß. Mit Frieden ist hier der umfassende alttestamentliche Schalomgedanke gemeint. Ferdinand Ahuis unterscheidet ihn vom Segen durch die Interaktion innerhalb der Gemeinschaft: "Wenn in der Gemeinschaft ungehindert Interaktion möglich ist, dann herrscht in ihr Friede" (Ahuis aaO:149). Bei einer ev. Trauung wird ein Gottesdienst anläßlich einer Schließung eines auf Dauer angelegten Bundes gefeiert. Der Sinn dieser Traufrage ist durch die neuzeitliche Entwicklung der Trauung folgender: Der Ort der Frage nach der Bereitschaft zur Ehe ist der Wunsch nach dem Aufgebot durch das Paar selbst. Frieden schaffen und erhalten ist eine der ethischen Grundforderungen des Alten und des Neuen Testaments. Der Schalom umfaßt, nicht nur den Weltfrieden, sondern auch den familiären Frieden. Ein alltägliches Beispiel für die Friedensherstellung in einer kleinen Gruppe ist der Gruß. Tritt jemand in eine Gemeinschaft ein, oder scheidet er aus ihr aus, entsteht Unfriede. Durch einen Gruß wird der Friede wieder hergestellt. Die kirchliche Trauung dient somit dem Schalom.


Die Kooperation der Kirche: Die Kirche selbst will Buße tun
und schwule Paare durch Trauung im Gottesdienst integrieren:

Schwule und Lesben müssen wie alle Minderheiten mit Diskriminierungen umgehen. Ihre Menschlichkeit wird angegriffen. Wenn sie nicht allein oder in Gruppen, wie der HuK, diese Schwierigkeiten verarbeiten können, werden sie zu Klienten der Seelsorge. Die Seelsorge hat dann die Aufgabe, sie in ihrem Coming-Out - also Unterstützung der Hinwendung zur Sexualität und nicht des Abhaltens davon - zu unterstützen. Sie müssen lernen, sich zu erkennen und sich in ihrer ihnen eigenen Geschöpflichkeit als von Gott geliebte Menschen zu begreifen. Das ist - weicht man nicht auf spirituelle Konzepte aus - nur im Zuspruch von Seiten der Seelsorgenden und der Kirche möglich, sofern man nicht auf die legitimierende Rolle der Kirche verzichten kann - aber gerade dieses können gläubige Lesben und Schwule nicht: Sie müssen daher eine Legitimation ihrer Interessen einfordern. Wenn die Gemeinde gleichgeschlechtlich liebende Menschen annehmen und integrieren will, dann reicht es nicht, sie nur als Individuen anzunehmen. Thomas Beckmann kommt zu dem Ergebnis: "Dann muß sie auch ihre Lebensgemeinschaften akzeptieren." Dazu gehört gerade auch eine auf Dauer angelegte Partnerschaft, auch die eines Geistlichen. Wir haben oben gesehen, welche Bedeutung das öffentlich im Gottesdienst gefeierte Ritual für die Anerkennung und Festigung einer Partnerschaft hat.

Der Familienfriede der Partner bzw. der Partnerinnen ist durch ihr Coming-Out zeitweilig verstört, zumindest in einer heterosexuell geprägten Gesellschaft wie der unsrigen. Der Gottesdienst ist eine Möglichkeit, zur Wiederherstellung dieses Friedens beizutragen. Unter anderem aus diesen Gründen bezeichnet Wiedemann bereits 1988 das kirchliche Zögern bei Durchführungen von Kirchlichen Trauungen mit Partnerschaftssegnungen als einen "seelsorgerlichen Skandal" (aaO:311).

In der Rheinischen Kirche z.B. beschäftigt sich die Kirchenleitung mit gleichgeschlechtlicher Liebe und lesbischen bzw. schwulen Partnerschaften und der Durchführung von Partnerschaftssegnungen in der Hochzeitszeremonie der Kirchlichen Trauung seit 1987. Es ist erforderlich, sich mit einem zentralen Dokument dieser Zeit und Entwicklung vor einem Jahrzehnt auf der Evangelischen Synode ausführlicher zu beschäftigen (Düsseldorf 1992:103f): In ihm sind Zeugnisse von Schwulen und Lesben und ihren Eltern abgedruckt. Unter anderem ist auch der Wunsch nach einer Eheschließung mit Partnerschaftsegnung vor Gott im Gottesdienst abgedruckt. In diesem Brief wird der Beweggrund des Paares deutlich, der sie veranlaßt, dieses Hochzeits-Ritual im Rahmen eines Gottesdienstes zu beantragen: "Dies bedeutet für uns: mit seinem Freund einen Bund fürs Leben geschlossen zu haben, der das Gefühl der Verbundenheit und ein nicht in Worten zu beschreibendes Gefühl auslöst." Hier wird von demselben Bundesgedanken gesprochen, der dem Verständnis der Ehe zukommt. Die fehlende Fähigkeit, die Gefühle auszudrücken, die mit solch einem Gottesdienstritual verbunden sind, sprechen für die schlecht artikulierbare Bedeutung des rituellen Statuswechsels.



Die Hochzeitstage als Ritual

Rituale haben nicht nur einen religiösen, sondern auch einen sozialen Aspekt. Man sollte keinen Anlaß zum Feiern ungenutzt lassen. Mit einem guten Essen und gemeinsam mit Freunden aus der Wiederkehr des Hochzeitstages ein Fest zu machen, gibt der Liebe frischen Wind. Und wir sehen, daß dem Anlaß von Mal zu Mal eine Wertsteigerung zukommt. Den Hochzeitstag kann man also selbst auch ohne staatliche Ehe als soziales Ritual feiern:

Pergament-Hochzeit nach 1/2 Jahr gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Papierene Hochzeit nach 1 Jahr gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Baumwollene Hochzeit nach 2 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Lederne Hochzeit nach 3 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Hölzerne Hochzeit nach 5 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Zinnerne Hochzeit nach 6,5 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Kupferne Hochzeit nach 7 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Blecherne Hochzeit nach 8 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Rosenhochzeit nach 10 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Petersilienhochzeit nach 12,5 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Gläserne / Kristallene Hochzeit nach 15 Jahren gleichgeschl. Lebensgemeinschaft

Porzellanhochzeit nach 20 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Silberne Hochzeit nach 25 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Perlenhochzeit nach 30 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Leinwandhochzeit nach 35 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Alluminiumhochzeit nach 37,5 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Rubinhochzeit nach 40 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Platinhochzeit nach 45 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Goldene Hochzeit nach 50 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Diamantene Hochzeit nach 60 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Eiserne Hochzeit nach 65 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Steinere Hochzeit nach 67,5 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Gnadenhochzeit nach 70 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft

Kronjuwelenhochzeit nach 75 Jahren gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaft


 
Zusammenfassend stellt der kirchliche Beschluß fest: "Heterosexualität und Homosexualität sind gleichwertige Ausprägungen der einen vielgestaltigen menschlichen Sexualität ! Die menschliche Sexualität gehört zu seiner Geschöpflichkeit" (aaO:33).

Für Thomas Beckmann ist auf Grundlage des Beschlusses entscheidend, daß "jeder Mensch seine eigene, ihm durch die Gnade des Herrn verliehenen Charismen erkennt und nach ihnen lebt (1. Kor 7,17)". Das hat nicht nur Auswirkungen auf das individuelle Leben, sondern auch auf die Gemeinschaft (1. Kor 7,15). Darin sieht der Beschluß der Rheinischen Kirche eine Berufung zum Schalom, zur versöhnenden Verschiedenheit, zur Gemeinschaft der Verschiedenen als gegenseitige Bereicherung in der Gemeinde (aaO:50f). Schwule und Lesben leben genauso vollständig wie z.B. Heterosexuelle. Die Liebe der Heterosexuellen kann genauso herzerwärmend ausdrucksreich sein wie die von lesbischen oder schwulen Paaren. Für das sexuelle und soziale Zusammenleben bedeutet das, daß für Schwule und Lesben die gleichen Regeln und Rituale gelten wie Heterosexuelle. Prinzipien von verschiedengeschlechtlichen Lebensgemeinschaften können analog auf gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften angewandt werden. Das "Umschalten" müsste also gar nicht erfolgen, das meint nur der, der vor dem oder im Coming-Out steckt. Die "Andersheit" der gleichgeschlechtlichen Liebe ist grundsätzlich zu bestreiten und besteht nur, solange sie nicht für alle selbstverständlich ist oder im sozialen Dialog bzw. sozialen Prozessen als etwas Selbstverständliches angesehen wird. In Kapitel eins und zwei ist deutlich geworden: Man liebt Menschen - und nicht Geschlechter (oder sexuelle Orientierungen). Es gibt keinen Unterschied zwischen der Kirchlichen Trauung eines gleich- oder verschiedengeschlechtlichen Paares: Beide Paare wollen Ihre Liebe durch dieses Ritual stärken (firmieren) lassen und mit ihren Kindern vor der Gemeinde und gesellschaftlichen Öffentlichkeit kirchlich-gesellschaftlich anerkannt sein.

Für die kirchliche Praxis stellt der genannte Synoden-Beschluß der Kirchenleitung drei weiterreichende Forderungen auf:

·        Zum einen wird vor der Bildung von Klientel-Kirchen gewarnt, die bei einem vorurteilsfreien Umgang von beiden Seiten vermieden werden könnten und an sich für beide ein Verlust am Reichtum von Gnadengaben bedeutet.

·        Zum zweiten fordert sich die Kirche selbst zur Umkehr im Umgang mit gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften auf, der öffentlich sichtbar sein muß:

·        "Nach fast zwei Jahrtausenden schlimmster - manchmal sehr sublimer - Demütigung und (z.T. blutiger) Verfolgung gleichgeschlechtlich liebender Menschen durch die Kirche - bis in unsere Gegenwart - ist ein deutlicher Bußakt der Kirche nötig, der eine Praxis im Zusammenleben mit gleichgeschlechtlich liebenden Menschen eröffnet !" (ebd.)


 

Zum dritten wird der Wunsch nach einer Ehe-Trauung im Gottesdienst mit Partnerschaftssegnung gleichgeschlechtlicher Paare genau in diesen Zusammenhang gestellt und darf nicht abgelehnt werden,
so die Kirchenleitung in ihrem Beschluß Anfang der 90er Jahre selbst (aaO:56; vgl. a. Beckmann aaO).

Das Dokument wird von der Landessynode unterstützt. Heute geht es darum, die Kirchliche Hochzeit auch tatsächlich durchzuführen. Als solche ist diese Verkündigung ganz ohne Zweifel die Äußerung einer Landeskirche, die sich in ihrer Ausführlichkeit für die größte Öffnung der Kirche für Lesben, Schwule und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften ausspricht. Mehr noch gesteht sie als erste kirchliche Verlautbarung eine schwerwiegende kirchliche Diskriminierung und Benachteiligung als strukturelle Gewalt von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften ein (vgl. Beckmann aaO), die es seitens der Kirchen wieder gutzumachen gilt, z.B. durch die besonders engagierte Umsetzung von Kirchlichen Hochzeiten für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften im Gottesdienst.

Die ethische Grundlegung hat ergeben, daß Homosexualität und Heterosexualität gleichwertig als verschiedene Ausprägungen der einen menschlichen Geschöpflichkeit zu sehen sind. Daraus ergeben sich praktische Konsequenzen für den Umgang von Schwulen, Lesben und Heterosexuellen in der Gemeinde. Die christliche Gemeinschaft ist (z.B. nach dem oben genannten Dokument) durch die Kirchenleitung aufgefordert, an der Verschiedenheit ihrer Glieder zu wachsen: So muß sich die Kirche den gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften öffnen. Ein Schritt in diese Richtung ist der Weg, den der Beschluß fordert, wenn die Gemeinde sowie Schwule und Lesben einen deutlichen Akt der Buße von der Kirche erwarten, aufgrund der geschichtlichen und aktuellen Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften: Inzwischen haben Landeskirchen erklärt, daß sie offen schwul (also in einer BEZIehung) lebende Ordensleute ins Amt übernehmen. Kirchliche Trauungen von schwulen und lesbischen Paaren sollen nun umgestzt werden.

So hat beispielsweise die Kirchenleitung einer schwulen Familie mit Kind ihre volle Akzeptanz ausgesprochen:


 
Die schwule Familie in der Kirchengemeinde: Die Kinder des schwulen Paares sind von der Kirchenleitung akzeptiert

Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften werden durch die Amtskirche ausdrücklich begrüßt, denn ob sich die Kleinen gut entwickeln, liegt wie bei allen Kindern am Verantwortungsgefühl der Eltern und am Zusammenhalt der Lebensgemeinschaft (vgl. auch Kap. 7). Diese Einsicht hat auch die Kirchenleitung in Bitterfeld konsequent auf die Familie Klebe angewandt: Der Organist Joachim Klebe, 41, wußte, daß er schwul war, heiratete trotzdem eine Frau aus Liebe und Zugeneigtheit und lebte mit ihr und Tochter Rebekka, bis die junge Mutter vor neun Jahren an Krebs starb. Als Klebe sich dann in einen Mann verliebte, bewarben sich die zwei als gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft und homosexuelles Paar um eine Kantorenstelle in der Kirche - mit Erfolg. Gemeinsam leiten sie nun in der Gemeinde den Kirchenchor, Rebekka, 14, singt und spielt Flöte: zwei Väter für ein Halleluja.

Quelle: Der Spiegel 37/93:101
 



So gehört zur kirchlichen Akzeptanz auch die öffentliche Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften von Lesben und Schwulen durch die Kirchen. Wenn sich ein Paar einen Gottesdienst anläßlich der Gründung seiner Partnerschaft wünscht, erwartet es diese öffentliche Anerkennung durch eine Hochzeitstrauung im Gottesdienst mit der Gemeinde - genauso wie ein heterosexuelles Paar. Es ist oben deutlich geworden, daß die Bibel nicht Heterosexualität, sondern verantwortlichen partnerschaftlichen Umgang fordert: Und dieser soll in er Kirchlichen Hochzeit gestärkt werden.


Die Traufrage - "Wollt ihr Euch lieben und ehren ...":

Die Traufrage ist unter dem Aspekt des Ritus bereits als wichtiges Element genannt worden, weil sich hier das Paar öffentlich vor Gott und der Gemeinde im Gottesdienst zur Partnerschaft bekennen kann. So sieht Theophil Müller die Möglichkeit, daß es hier nicht um eine persönliche Stellungnahme zum christlichen Eheverständnisses geht, sondern um die rituelle Vollständigkeit der Trauung: "Unter Umständen jedoch geht es hier gar nicht vor allem um ein Versprechen mit bestimmtem Inhalt, sondern allein um einen rituellen Sprechakt überhaupt, der den Ehewillen vor Gott anzeigt" (aaO:113).

Wie bei allen Kasualgottesdiensten, hat auch bei einer Hochzeitstrauung die darin integrierte Segnung eine besondere Bedeutung. Neben der Segensbitte für die ganze Gottesdienstgemeinde wird spEZIell um den Segen für die die Kasualie Betreffenden gebeten. Die Ausnahme stellt in der ev. Kirche die Bestattung dar, weil in der ev. Kirche nur für Lebende um Segen gebeten wird. Anstelle einer Aussegnung des Verstorbenen wird er mit einem Friedensgruß aus der Gemeinschaft entlassen. Deshalb ist es erforderlich, sich etwas ausführlicher mit der Bedeutung des Segens und einer Segnung im Rahmen der Kirchlichen Trauung zu beschäftigen. Das Buch von Claus Westermann über den Segen (aaO) gilt als einen Durchbruch in der theologischen Diskussion um Heil- und Segensverständnis. Es wird zwischen Heil und Segen unterschieden. Die Heilsgeschichte ist in der Bibel nichts gleichbleibendes, sondern wird unterschieden in einen rettenden und einen segnenden Teil. Die Rettung durch Gott wird als Ereignis erfahren, der Segen aber als stetiges Handeln Gottes. Westermann vergleicht den Prozeß des segnenden Begleitens Gottes mit dem Prozeß des Wachsens, das auch nicht punktuell erfahrbar ist (zit. n. Beckmann aaO:11,25, 61).

Im Alten Testament wird das segnende Handeln Gottes vor allem in den Büchern Genesis und Deuteronomium thematisiert (Gen 1, 22 und 28). Im Rückbezug auf den Segen im ersten Schöpfungsbericht - beide Texte werden der Priesterschrift zugeordnet - wird die Spannweite des Segensbegriffs deutlich. Er reicht von der allgemeinen Segnung des Lebewesens über die Segnung und Heiligung des Sabbats bis zu dieser gottesdienstlichen Segensformel anläßlich einer Trauung. In Num 6 des aaronitischen Segens (Num 6, 24-26) drückt der Segen Gottes Zuwendung zum Menschen aus. Die beiden gesegneten Menschen sind behütet, begnadet und leben in Frieden Gottes. In den synoptischen Evangelien wird beschrieben, daß Jesus selbst gesegnet hat. Mit der Kindersegnung (Mk 10,13-16) oder der Segnung von Brot und Wein im letzten Abendmahl (Mk 14,22-24; par.) hat er die Sitte und damit den Segensbegriff aus der altisraelitischen Zeit übernommen. Damit gibt es nach Meinung Westermanns keinen rein christlichen Segen, der im Christusgeschen aufgeht. So fördert gerade der Segenszuspruch in den Kasualien das "Heil sein und den Frieden des familiären Bereichs" (zit. n. aaO:83f, 114f).

Selbstverständlich segnet die Kirche bzw. die Amtsperson (nach ev. Verständnis) nicht selbst den Menschen, sondern bittet um den Segen Gottes, wenn sie ihn zuspricht ! Kirchliche Segenssprüche sind voluntativ nie als Indikativ formuliert (vgl. Beckmann aaO).

Damit wird nicht direkt ein Handeln Gottes erbeten, sondern die Situation des Gesegneten und des Segnenden inklusive ihrer BEZIehung allein durch den Ausspruch (vgl. Müller aaO:67) dieses Wunsches vor Gott verändert. Diese reformiert geprägte Auffassung wehrt ein magisches Mißverständnis von Segen ab: Die Amtsperson erbittet den Segen Gottes für einen Menschen stellvertretend für die Gemeinde, aus deren Mitte sie dazu beauftragt ist. Nach CA 13 gehört der Segenszuspruch, wie Westermann gezeigt hat, zum Verkündigungs-Auftrag der Kirche.

Thomas Beckmann führt als Religionswissenschaftler und Theologe aus: "Es ist hier aufzuzeigen, daß das Argument, der Staat lasse eine gleichgeschlechtliche Ehe auch noch nicht zu, auf kirchlichem Hintergrund keine Grundlage hat. Würde sich die Kirche auf dieses Argument einlassen, könnte sie außerdem in erheblichen Zugzwang geraten, wenn der Staat diese Form der Ehe bald zuließe. Auf die Fragestellung bezüglich der kirchlichen Hochzeitstrauung mit Segnung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften im Gottesdienst mit der Gemeinde, muß gesagt werden, daß die Kirche - sogar staatlich toleriert - die Möglichkeit hätte, ein gleichgeschlechtliches Paar nicht nur zu segnen, sondern sogar zu trauen, solange der Staat die gleichgeschlechtliche Zivilehe nicht anerkennt" (Beckmann aaO).

Albert Steins Formulierung aufnehmend, müßte die Kirche weiter noch die staatliche Ablehnung von gleichgeschlechtlichen Ehen als eindeutig ungerechte Verhältnisse ansehen und in den "geistigen Widerstand" (aaO:362) treten. Wenn die Kirche wirklich die hochzeitliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare wollte, könnte sie diese auch durchführen, so das Fazit des Theologen Thomas Beckmann.


Die Hochzeit im Gottesdienst mit der Gemeinde anläßlich der "Firmierung" einer schwulen Partnerschaft hat dieselbe übliche Form der Kirchlichen Trauung:

Eine getraute gleichgeschlechtliche Partnerschaft wird als eine mögliche Form des menschlichen Zusammenlebens verstanden. Wie für verschiedengeschlechtliche Lebensgemeinschaften ist die gottesdienstliche Feier anläßlich eines Partnerschaftsbeginns als Angebot der Hilfe für diejenigen zu verstehen, die damit eine Stärkung ihrer Persönlichkeit und einen Angstabbau beim Statuswechsel verbinden. So entspricht die theologische Bedeutung dieses Gottesdienstes der einer kirchlichen Trauung !

Auch gleichgeschlechtliche Paare haben das Recht, vor Gott und der Gemeinde ihre Partnerschaft zu erklären und unter den Zuspruch und Anspruch Gottes zu stellen. Liturgisch muß sich dieser Gottesdienst in seinen Grundelementen nicht von einer sonst üblichen kirchlichen Trauung unterscheiden, da sich oben ergeben hat, daß theologisch die kirchliche Trauung nichts anderes ist als eine gottesdienstliche Feier anläßlich eines Partnerschaftsbeginns. Somit ist die genaue Ausformulierung der Liturgie der Amtsperson und dem Paar zu überlassen, solange es ein Gottesdienst in der Gemeinde bleibt.



Der Religionswissenschaftler und Theologe Thomas Beckmann kommt daher zu dem Fazit (aaO): Theologisch gesehen ist es also möglich, dem Wunsch nach einer Partnerschaftssegnung als Trauungsritual im kirchlichen Gottesdienst für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft nachzukommen - selbst bevor der Staat eine Zivilehe anerkennt !


 

Die Erkenntnisse der heutigen Kirchen-, Schwulen-, Religions- und Bibel-Forschung hat z.B. die ev. Kirche schließlich 1995 in einem Konzeptpapier für die notwendigen Veränderungen der Zukunft aufgegriffen: Die Landessynode der Ev. Kirche im Rheinland hat auf ihrer Tagung in Bad Neuenahr ein Vorlagen-Konzept zur Weiterleitung an die Gemeinden verfaßt und fordert: "Nach zeitgemäßer Auslegung der Bibel ist die Ehe keine `göttliche Schöpfung´. Deswegen müssen ebenso anderen Formen des Zusammenleben und deren Liebe ein geschützter Raum durch die Kirche gewährt werden. Die Hochzeitsrituale für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften müssen gewährt werden" (EK 1995). Es wird erwartet, daß sich die katholische Kirche der Entwicklung der evangelischen Kirchenleitung anschließt. Die Hochzeitsrituale für gleichgeschlechtliche Ehen im Gottesdienst mit der Gemeinde müssen somit analog zu verschiedengeschlechtlichen Ehen umgesetzt werden.

So hat auch ein 1996 veröffentlichtes Papier (vgl. Tagespresse vom 14.3.96) der Ev. Kirche mit empfehlendem Charakter für Gemeindepfarrer die Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften im Trauungsritual der Kirchlichen Hochzeit zur Eheschließung ausdrücklich befürwortet: "Die Evangelische Kirche in Deutschland hat die Segnung als Traungsritual gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften befürwortet." Auch für den individuell lebenden gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen stellt sie fest, daß Enthaltsamkeit keine Lösung ist und fordert alle lesbischen und schwulen Menschen und Pfarrer auf, "eine vom Liebesgebot her gestaltete und damit ethisch verantwortete gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft zu führen" und die Sexualität zu leben. Für Amtspersonen sei dies grundsätzlich vereinbar: "die Öffnung des Pfarramtes für gleichgeschlechtlich orientierte Theologen ist möglich" (aaO).



Hochzeitsrituale und Traumhochzeiten
für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften: Ja, wir trauen uns ...

Am Samstag, dem 11.03.1995 hielt der Geistliche Heinz Listemann der Schalom-Kirchengemeinde Dortmund-Scharnhorst in der Gemeinde einen Gottesdienst, in der die Gemeindemitglieder Eugen Kohlmann und sein Lebensgefährte und Freund Maximilian Gundlach als gleichgeschlechtliches Paar getraut wurden. Im Gemeindebrief der Kirche - tpz Nr. 13 - heißt es dazu: "Eugen und Maximilian haben beschlossen, Gemeinsames zu leben. Und sie wollen das nicht nur privat tun, sondern öffentlich. Aber wo ? Es gibt für sie dazu im Grunde keine Möglichkeit. Im gottesdienstlichen Rahmen ging das. Es war eine Trauung als Vergewisserung: es ist unser Weg, den wir gehen. In unserem Rahmen. Mit unseren Möglichkeiten. "Wir wollen unseren gemeinsamen Weg unter den Segen Gottes stellen", das war ihr Wunsch an eine Trauung und kirchlichen Hochzeit vor Gott. Natürlich löst ein solcher Gottesdienst zunächst Diskussionen aus. Und das ist auch gut so. Natürlich ist es für viele etwas Neues, mit dem - nämlich der Liebe des Paares - aber sehr einfühlsam umgegangen werden muß. Der Gottesdienst für gleichgeschlechtliche Paare ist ein erster Schritt dazu ! Zu lange ist das Thema weggetan worden, dorthin wo es niemand hört und niemand sieht. In der kirchlichen Diskussion ist das Thema nun, um endlich aufzuhören mit der Diskriminierung: Die Kirchliche Hochzeit von lesbischen bzw. schwulen Paaren soll ihre Integration sein. Das Presbyterium hat im Mai 1993 gefragt: "Wie haben gleichgeschlechtlich empfindende Menschen innerhalb einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft einen Ort in der Gemeinde ?" - Die Kirchliche Trauung im Gottesdienst für Eugen und Maximilian ist die Antwort auf diese Frage !

Dem Gottesdienst vorausgegangen waren Beratungen des Presbyteriums und ein Beschluß mit folgendem Wortlaut: "Nach seinen Beratungen und seiner Beschlußfassung zum Thema `gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften´, die im Zusammenhang mit der Vorlage `Gemeinschaft durch persönliche LiebesbEZIehungen in der Kirche´ als Schwerpunktthema der Synode 1993 erfolgten, begrüßt das Presbyterium den kirchlichen Gottesdienst als Hochzeitszeremonie der Kirchlichen Trauung gleichgeschlechtlich zusammenlebender Paare ! Eine erste Segnung als Hochzeitszeremonie von schwulen und lesbischen Paaren findet alsbald statt." Der Gottesdienst verlief nach einem entsprechend erstellten Programm und hatte z.B. im einzelnen folgenden Verlauf: Herr Kohlmann und Herr Gundlach sind in Begleitung zweier Personen vor den Traualtar getreten. Der Pfarrer hat sie dann mit folgenden Worten angeredet: "Lieber Maximilian, lieber Eugen, Ihr habt Euch entschlossen, ich weiß nicht wann, aber Ihr wißt es - Gemeinsames zu leben. Einander zu vertrauen. Aufeinander zu bauen. Euren Weg zu gehen. Ihr wollt das nicht nur privat tun. Ihr wollt auch öffentlich dazu stehen. Und Gottes schützende Hand, die ihr erbittet, ist Öffentliches. Und darum sind wir hier vor der Gemeinde versammelt. Und darum feiern wir miteinander diesen Traugottesdienst."

 

Zeitungsausriß der Tagespresse v. 10.10.96: In England segnete ein anglikanischer Bischof ein schwules Paar. Derek Rawcliffe, Weihbischof in Ripon, ist zudem selbst schwul und kann die Wünsche der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften nachvollziehen, meldete die Times.

Die beiden Trauzeugen haben den schwulen Ehegatten daraufhin die Ringe übergeben, die sie sich gegenseitig überreicht haben. Danach ist mit der trinitanischen Formel der Gottesdienst vor Gott beschlossen worden."

Aber nicht nur in der Kirche werden Trauungen und Hochzeitszeremonien für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften zelebriert. Auch in die Fernsehsendungen werden die sozialen Rituale zur Offenkundigmachung der Liebe in bestehende Sendungen über Hochzeiten (z.B. Traumhochzeit, RTL) und BEZIehungen integriert. Linda des Mols Sendung mit der Trauung von einem lesbischen Paar ist ein aktuelles Beispiel - von dem die Gemeindepastoren sogar konzeptionell noch lernen können, wie eine kirchliche Trauung von lesbischen und schwulen Paaren organisiert und ausgerichtet werden können, um ihnen den schönsten Tag in ihrem Leben zu gestalten. Die Trauung hat neben der religiösen also auch eine soziale Dimension.



Lesbische und schwule Lebensgemeinschaften als Thema
im Religions- und Konfirmanden-Unterricht
Zehn-Punkte-Plan als Diskussionsgrundlage
und als Perspektiven der Lesben- und Schwulenbewegung

Aus der Zusammenstellung der zuvor herausgestellten inhaltlichen Punktenergeben sich für den Religionsunterricht folgende Perspektiven:

·        Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit als demokratisches Prinzip durch Dialog:

Die Kluft zwischen Gemeinde und Rom, zwischen Klerus und Laien wird überwunden, es besteht eine Gleichwertigkeit aller Gläubigen; Lesben und Schwule werden in der Kirche nicht sozial sanktioniert, sondern besonders integrierend in die Gemeinschaft aufgenommen. Schwule und Lesben bzw. gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sind gleichberechtigte Mitglieder in der Kirchengemeinde. Die Basis mit ihren gleichwertigen Mitgliedern erhält Mitsprache und Mitentscheidung in kirchlichen Gremien. Das beinhaltet auch eine Zulassung und Gleichberechtigung von Arbeitskreisen von Schwulen und Lesben in den Gremien der Kirche auf den entsprechenden Ebenen, auf denen das Demokratieprinzip umgesetzt wird. Es muß in einer Befreiungstheologie der gleichwertigen Menschlichkeit auf Dialog gesetzt werden. "Bezogen auf die schwule und lesbische Befreiungsbewegung müssen die drei Hauptthemen einer befreienden Theologie angewandt werden: Humanisierung, Bewußtseinsbildung, Dialog und Gemeinschaft: Wir brauchen eine sexuelle Theologie" (vgl. McNeill aaO:13f).

·        Positive Bewertung der Sexualität und ihrer Ausgestaltung:

Sexualität wird verstanden als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen. Sexualität ist nicht nur in der Ehe möglich: Voreheliche BEZIehungen werden anerkannt. Sexualität erschöpft sich nicht in der Fortpflanzungsfunktion, sondern hat in der heutigen Zeit primär eine kommunikative, spielerische, entspannende und zärtlichkeits- und lust-bejahende Funktion.

Wer die Sexualität nur in ihrer biologischen Fortpflanzungsfunktion sehen will, hat die Biologie selbst nicht verstanden: Allein aus einem biologistischen Verständnis wird deutlich, daß Sexualität nicht nur dazu da ist, um "einen Penis in der Vagina ejakulieren zu lassen", sondern allein vom biologischen Konzept her hat Sexualität auch schon z.B. eine Entspannungsfunktion, eine Abfuhr von `Stress´ zur (auch psychologischen) Entspannung zu liefern. Das Lustprinzip ist mit dem Triebprinzip in der biologistischen Perspektive unmittelbar miteinander verbunden - und Sexualität dann nur auf ein funktionelles Prinzip (Ejakulieren in der Vagina zur Empfängnis) zu reduzieren, läßt nicht nur ein ganzheitliches soziales Verständnis des Menschen außen vor, sondern auch eine ganzheitliche biologistische Perspektive. Doch Sexualität ist mehr als eine körperliche, biologische Angelegenheit. Sie hat psychische, soziale, kommunikative und gesellschaftliche Aspekte, die für die Menschen wesentlich wichtiger, ja sogar das Zentrale sind (z.B. dann, wenn sie mit den Sexual- und Lebenspartner menschliche Probleme haben) als die kirchlichen Vorgaben, Sexualität auf eine "Ejakulation zur Kindererzeugung" zu reduzieren. Ein Orgasmus bedeutet allein aus der biologischen Perspektive mehr als Samenproduktion. Wer Sexualität so reduziert, hat die Liebe in ihren sozial-kommunikativen, zärtlichen Aspekten des Teilens von Gemeinsamkeit nicht verstanden. Man macht sich selten klar, daß kirchliche Sexuallehre basierend auf dem Fortpflanzungsgedanken auch z.B. heterosexuellen Oralverkehr ebenso verbietet wie Sex während der Schwangerschaft, da ja auch hier kein Kind gezeugt werden kann. Eine grundlegende Reform des Verständnisses von Sexualität und Zärtlichkeit ist im kirchlichen Verständnis gefordert.

Heterosexualität wird entsprechend der langjährig sexualwissenschaftlich wie sozialwissenschaftlich gesicherten Erkenntnis als eine anderen sexuellen Orientierungen gleichwertige Form der Sexualität selbstverständlich anerkannt. Künstliche Befruchtung sowie Empfängnisregelung wird nicht mit Abtreibung gleichgesetzt. Die Kinder von schwulen Vätern und lesbischen Müttern aus heterosexuellen BEZIehungen finden besondere Beachtung. Der Wunsch von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, Kinder in Pflege und Adoption zu nehmen wird ausdrücklich unterstützt, um eine Familienorientierung als Gemeinschaft zu erreichen, auf deren Anerkennung durch die Kirche nicht verzichtet wird. Gerade die Kirchen sollen das Prinzip Gemeinschaft und nicht das oft grausame Prinzip der Einsamkeit umsetzen und propagieren - Kirche darf ihre Gläubigen, besonders lesbische und schwule sowie Waisen und Pflegekinder in ihrem Individuellsein nicht allein oder zurück lassen in Isolation und Gefühlen von Einsamkeit und Verlassenheit. Die künstliche Befruchtung z.B. einer Lesbe durch den Samen eines Schwulen, um den Kinderwunsch einer lesbischen Lebensgemeinschaft zu erfüllen, wird als soziale Praxis zur Kenntnis genommen. Die Verurteilung von gelebter Sexualität und das Drängen auf eine Enthaltsamkeit wird verstanden als Schaffung von sexuellen und "seelischen Krüppeln" (McNeill aaO / Zimmermann aaO), an der sich die Kirche schuldig macht, wenn Menschen in psychische, moralische und soziale Bedrängnis gestürzt werden, niemals in ihrem Leben Zärtlichkeit und Gefühle des Verliebtseins erleben zu sollen: "Für viele Christen, und insbesondere für katholische Schwule und Lesben ist ein großer Teil dieses verkrüppelnden Selbsthasses bedingt durch deren Bemühung, die Mutter Kirche bei Laune zu halten" (McNeill aaO:54).

Die Kirche anerkennt daher, daß das Austauschen von Zärtlichkeit - ganz gleich zwischen Menschen welchen Geschlechts - Grundbestandteil des menschlichen Wohlfühlens und psychischer Gesundheit ist, das nicht vorenthalten werden kann, sondern das positiv unterstützt und im christlichen Rahmen geradezu gefordert wird.

·        Integration von Lesben und Schwulen in der Gemeinde:

Die Kirche bemüht sich um aktive Integration von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften in die Gemeindearbeit. Rituale, Zeremonien und Kasualien werden für Lesben, Schwule und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften offen in der und mit der Gemeinde gefeiert. Auf Ebene der Gemeinde haben hierzu die örtlichen Priester, Pfarrer und Pfarrerinnen entsprechende Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen: wie z.B. regelmäßig gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften in den Fürbitten, Predigten und Ansprachen in der Gemeinde zu berücksichtigen oder im Religions-, Konfirmanden- und Firmungsunterricht auf das gewandelte soziale Verständnis der Kirchenleitung Schwulen und Lesben gegenüber in Unterrichtseinheiten aufmerksam zu machen. Hierzu wird eine Lehr-Konzeption der neuen Inhalte benötigt.

·        Akzeptanz des vom Priester/Pfarrer gewählten Sexuallebens durch aktive Unterstützung von z.B. lesbischen Pfarrerinnen und schwulen Bischöfen:

Die Bindung des Amtes des Geistlichen an die ehelose Lebensform ist biblisch und dogmatisch nicht zwingend, so daß schwulen Amtsträgern die Sexualität vor der Ehe zu verweigern, realitätsfremd ist. Das Pflicht-Zölibat der kath. Kirche muß gelockert werden. Beide Kirchen ermöglichen also eine aktive Unterstützung und Bejahung von schwulen (lesbischen) Geistlichen und kirchlichen Ordensträgern im Amt, die offen in einer von der Gemeinde unterstützten gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft gemeinsam in einer Wohnung leben wollen. Ebenso werden in höheren Ämtern schwule (lesbische) Menschen im Amt gefördert, da bei deren Amtsausübung deren Geschlecht oder sexuelle Orientierung zu ihrer Persönlichkeit gehört und oftmals ihr Charisma bestimmt, was sie für die berufene Arbeit besonders qualifizieren kann (wie z.B. besonders einfühlsam mit Menschen umgehen zu können). Geschlecht und sexuelle Orientierung spielen keine Rolle in der Gewährung von kirchlichen Ämtern, sind aber in der Ausübung der Ämter oftmals ganz individuelle Qualitätsmerkmale der jeweiligen Persönlichkeit, die sie gerade zu dieser Tätigkeit befähigen. In der kath. Kirche soll bei Erlass des Pflichtzölibates ähnliches diskutiert werden. Da Schwule im geistlichen Amt nicht nur von der Gemeinde, sondern auch von der Institution Kirche zunehmend akzeptiert sind, kann ihnen - sofern sie nicht dem kath. Pflichtzölibat verpflichtet sind - auch nicht verwehrt werden, ihre Lebensgemeinschaft mit ihrem Lebensgefährten in dem Haus zu führen, in dem sie leben: z.B. dem Pfarrhaus.

·        Beschlossener "Bußakt" der Kirche wird umgesetzt:

Die Kirche hat mit ihren Lehren und Dogmen gleichgeschlechtlich Liebende oftmals schlimm verfolgt und gedemütigt. Dieses wurde von der o.g. kirchlichen Konferenz (Synode EKiR) kritisiert und es wurde von der Kirche selbst ein Bußakt gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften gegenüber beschlossen. Beide Kirchen erklären sich hierin solidarisch. Dieser Bußakt muß in Handlungen und durch Regeländerungen der Kirche umgesetzt werden. Das bedeutet eine besonders offene Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften, bedeutet deren Integration in das Gemeindeleben; weiterhin bedeutet dieser beschlossene Bußakt der Kirche die volle Unterstützung schwuler Priester und lesbischer Amtsträgerinnen in ihrem Amt, damit sie offen leben können in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft. Weiterhin heißt eine Integration und eine besondere Öffnung gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften als Bußakt der Kirche ihnen gegenüber eine Umsetzung der kirchlichen Hochzeit und Trauung im Gottesdienst mit seinen üblichen Ritualen für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Auch bedeutet ein Bußakt auch die Frage nach dem Umgang mit Bibelzitaten, die einem verjährten und gewandelten sozialen Kontext niedergeschrieben wurden als Überlieferung und Verschriftlichung durch Dritte in einem oftmals ganz anderen sozialen Verständnis des Zusammenlebens als heute zweitausend Jahre danach in der Internet-Gesellschaft. Hierzu gilt es, weitere Überlegungen der Integration zu erarbeiten: Die Frage der Hermeneutik muß beantwortet werden.

·        Die Kirchliche Hochzeit, Ehe und Trauung für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften wird zeremoniell umgesetzt:

Der Kirchenkodex wird geändert und schließt gleichgeschlechtliche Paare ausdrücklich in den Status der Ehe mit ein. Die Kirchliche Hochzeit und Ehe von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften wird in ihren Zeremonien uneingeschränkt anerkannt und rituell in der Gemeinde gefeiert. Für die Umsetzbarkeit wird auf die religionswissenschaftlichen Ausführungen zuvor verwiesen. Man soll den heiraten, den man liebt !

·        Anerkennung anderer Herangehensweisen an die Bibel:

Eine neue Interpretation, Hermeneutik oder Auslegung bestimmter Bibelstellen ist schwer möglich, um gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften in der heutigen Zeit von kirchlicher Seite als Selbstverständlich anzuerkennen, wie es der heutigen Zeit entspricht. Die Bibel ist vor mehreren Jahrtausenden geschrieben worden. Sie sozialen Lebenslagen und Zusammenhänge sind oftmals ganz andere als die heutigen, so daß ein direkter, konkreter und auch abstrakter Bezug auf die heutige Zeit bei einigen Bibelstellen überprüft werden muß, ob sie noch auf die heutigen Verhältnisse und sozialen Kontexte einer modernen Gesellschaft zutreffen. Die Bibel ist daher in Projekten neuübersetzt worden und soll in dieser zeitgemäßen Form anerkannt werden, in der besonders die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft adäquat als selbstverständliche Form des sozialen Zusammenlebens unter einer Fülle von Lebensstilen und Lebensgemeinschaften dargestellt ist: Derartige Projekte sind genau zu analysieren und zu überprüfen.

·        Frohe Botschaft statt eine Drohbotschaft - Entwicklung eines neuen Gottesbildes:

Es ist konzeptionell eine frohe Botschaft statt eine Drohbotschaft zu entwickeln und umzusetzen: das bedeutet helfende und ermutigende Begleitung und Solidarität zu Lesben, Schwulen und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften; ebenso mehr Verständnis und Versöhnungsbereitschaft im Umgang mit gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen, die sich auf ihrem Weg befinden: "Die Kirche hat homophobe Sinnbedeutungen in Passagen der Schrift hineingelesen, wo diese nicht gerechtfertigt sind; ihre Sexualmoral basiert auf homophoben Prämissen; und die pastorale Praxis ist in gravierender Weise destruktiv bezüglich der geistigen Gesundheit und des Wohls von Tausenden von Menschen. Jedes menschliche Wesen hat ein gottgegebenes Recht auf sexuelle Liebe und Intimität. Die größte Freude und Erleichterung war jedoch die Entdeckung, daß Gott nichts Unmögliches verlangt, sondern daß er den gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen akzeptiert und liebt, gerade so, wie er ist. Es muß gelernt werden, daß Schwulsein als eine Gabe Gottes zu akzeptieren und es in einer freudigen Art auszuleben, die den Geboten Gottes angemessen ist. Gott gibt seine/ihre Geschenke ohne Rückforderung und die einzige vernünftige Reaktion darauf ist Dankbarkeit. Viele Kirchen gebrauchen hingegen die Idee eines Gottes der Furcht, um ihre Mitglieder zu kontrollieren." Es muß nach McNeill auch ein "neues Gottesbild" entworfen werden: Ein Gottesbild der allumfassenden Liebe (vgl. McNeill aaO:54,9,63).

·        Neue, zeitgemäße Lehre, Forschung und Publikation der Kirche über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften als Hilfestellungen für sich entwickelnde gleichgeschlechtlich empfindende Menschen:

Die Umsetzung der frohen Botschaft für gleichgeschlechtliche Ehen bedeutet auch eine aktive Unterstützung sich lesbisch oder schwul entwickelnder Jugendlicher. Hier ist eine besondere Zusammenarbeit der Kirchen mit Jugendgruppen (schwul/lesbisch, aber auch Jugendarbeit generell) erforderlich. Zur Forschung, Lehre und Publikation über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften im sozialen Kontext der Kirche, Gemeinde etc. sowie für schwul-lesbische Arbeitsgruppen (z.B. HuK) werden neben der dialogischen Beteiligung an den Gremien ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Die Integration von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften z.B. in den Religionsunterricht oder in Bücher über Religion ist umzusetzen. Das "Neue" an der Lehre ist zu formulieren. Jeder Religionslehrer und Theologe wird an zu konzipierenden Weiterbildungsmaßnahmen im kirchlichen Bereich über soziale Dimensionen von lesbischem und schwulem Leben sowie dem Familienleben von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften in die Lage versetzt, dieses Wissen als Multiplikator an andere weiterzugeben. Es wird jährlich ein Punkte-Plan aufgestellt, was im nächsten Jahr umgesetzt werden soll, im darauffolgenden Jahr wird überprüft, was davon geschehen ist. Eine Umsetzung setzt eine enge Kooperation mit den schwulen und lesbischen Arbeitsgruppen voraus. Nicht die Kirchenleitung schreibt Hilfen für Lesben und Schwule, sondern schwul-lesbische Arbeitsgruppen schreiben und veröffentlichen jährlich Orientierungskonzepte für die Kirchen, um ihnen zu helfen, den selbst erkannten notwendigen Bußakt umzusetzen. Die Kirchenleitung selbst muß an das "Lernziel: Solidarität" erinnert werden !

·        Arbeitsgruppen Beteiligter (wie z.B. `HuK´) werden von der Kirchenleitung unterstützt und dialogisch beteiligt:

Schwule und Lesben, die der Kirche nicht den Rücken gekehrt haben, sondern sich engagiert in ihr mit ihrem Schwulsein und Lesbischsein sowie mit der Integration von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften und ihren grundlegenden Erwartungen und Forderungen der Gleichstellung an die Kirchenleitung auseinandersetzen, werden am Entwicklungsprozeß der Kirche besonders beteiligt und dialogisch integriert. Dies trifft besonders z.B. auf die eingetragene Arbeitsgemeinschaft `Homosexuelle und Kirche HuK e.V.´ von lesbischen und schwulen Gläubigen zu, die sehr engagiert für ihren Lebensweg in Kirche, Gemeinde und Gemeinschaft vor Gott eintreten.


 
Kirchengebot versus Gottesgebot ?

Das Gottesbild der allumfassenden Liebe:
Wer zu Gott kommt, wird gewiß nicht abgewiesen !

"Kann man wirklich einem Gott vertrauen, der ein strafender, ein strenger, ein richtender Gott ist, dem man erst einmal gefallen muß, um von ihm überhaupt angenommen zu werden ? Eine Religion, in der die BEZIehung zu Gott ebenso voller Angst ist wie diese ganze Welt, die muß es so aussehen lassen, als sei Gott eher so eine Art Feind der Menschen, nicht wahr ?" Der Priester hat mich traurig angesehen: "Sie glauben nicht an Gott, nicht wahr ?" "Oh doch", habe ich beteuert. "Nur ist Gott für mich ein anderer. Ich will und kann nicht glauben, daß er so ist, wie ihn Ihre Kirche uns Menschen seit Jahrhunderten verkaufen will. Sehen Sie: Wenn meine Eltern mir das Gefühl geben, daß sie mich gar nicht um meiner selbst willen lieben, sondern daß ich mir ihre Liebe erst verdienen muß, dann kann ich mir niemals sicher sein, daß sie wirklich mich lieben und nicht nur mein Wohlverhalten. Ständig muß ich fürchten, daß meine Geschwister oder andere sich noch besser verhalten als ich und deshalb noch mehr geliebt werden. Und schon sind wir bei Kain und Abel angelangt - und beim Konkurrenzdenken.

Gott wird von Ihrer Kirche als so eine Art Übervater dargestellt, der mich mit dem Paradies belohnt, wenn ich brav gewesen bin, und mich in die Hölle verstößt, wenn ich gesündigt habe. Und dadurch sind die Kirchen mit schuld daran, daß unzählige Menschen in Angst leben und sich deshalb völlig verrückt verhalten."

Quelle: Körner 1994: 29f


 
Könnte Gott sowohl zugleich lesbisch als auch schwul sein ?

Die Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften ergibt sich immer auch wie in anderen Kulturkreisen aus der Religion. Kirche, Glaube und Religion und Moraltheologie sind die zentralen Element in einer Gesellschaft, gleichgeschlechtliche Liebe zu einer Akzeptanz zu führen. Auf welches Gottesbild stützen sich die moraltheologischen Überlegungen ?

Ist Gott immer männlich oder - wie es die feministische Theologie untersucht - nicht auch weiblich ? Oder ist Gott zweigeschlechtlich oder eine allumfassende Liebe zu allen Menschen und Geschlechtern ?

So wird Gott in anderen Kulturen als zweigeschlechtlich gesehen: Zweigeschlechtlich wurden der syrische Gott Baal, der persische Gott Mithras, die Isis der Ägypter, der hinduistische Brahma und die indische Gottheit Schiwa abgebildet. Auch die nordische Göttin Freya wurde ebenso wie ihr männliches Seitenstück Friggo mit den männlichen wie weiblichen Geschlechtsteilen und somit zwei sexuellen Orientierungen dargestellt. Und was die griechische Religion anbetrifft, so heißt es schon in den orphischen Hymnen: "Höre mich Adonis, du vielnamige und beste der Gottheiten, du mit deinem anmutigen Haar, der du Jungfrau bist und Jüngling zugleich" - und nach der Legende holte sich der Gott Zeus den Jüngling Ganymed als Bettgenossen in den Olymp (vgl. Kaplan aaO). Kann somit auch ein Gottesbild eines gleichgeschlechtlich empfindenden Gottes - das Bild eines allumfassend liebenden Gottes - betrachtet werden ?

"Wir brauchen frischen Wind in der Kirche !"
Papst Johannes XXIII (Amtszeit von 1958-1963).

Es soll nach den oben genannten Autoren ein Einschnitt erfolgen, ein neuer Anfang soll geschaffen werden (gar eine neue Genesis gestartet werden), eine neue Theologie soll entworfen werden: eine aktuelle/moderne Theologie, eine Laien-Theologie, eine sexuelle Theologie, eine realitätsgerechte und demokratische Theologie, eine schwule Theologie, eine feministische Theologie - kurzum: eine menschliche Theologie !

Neue Theologie heißt dabei nicht nur ein neues gemeinschaftliches Selbstverständnis, sondern Theologie ist auch Lehre: Das Kirchenvolksbegehren stellte dabei im Zusammenhang von Macht, Kontrolle und auch Manipulation durch das "Wissen der Gesalbten" für die notwendigen Reformen fest: "Besonders die katholische Kirche hat im Bereich der Sexualität ihre gesellschaftliche Glaubwürdigkeit verloren. (.) Es muß ein neues Lehramt her, das sich wieder in den Dienst dieser Glaubens- und Lebenserfahrung seiner Mitschwestern und Mitbrüder stellt, um in einem langen und mühsamen Prozeß wieder einiges von der Glaubwürdigkeit der Kirche zurückgewinnen zu können" (vgl. Publik-Forum 2/96:25; "Die Forderungen des Kirchenvolksbegehren sind absolute Minimalforderungen", vgl. Wir sind Kirche 1995:205).

Auch wenn es die obere Hierarchie nicht will, ein neues Lehramt ist auch immer ein "Gegen-Lehramt" - denn schließlich soll ja etwas geändert werden: Es soll verhindert werden, daß sich viele Menschen von der Kirche abwenden. "Es geht jedoch nicht um gegenseitige Befürchtungen, sondern um den gemeinsamen Glauben, an dem jeder als gleichberechtigter Bruder und Schwester in den Dialog treten soll, zumal vieles sich nicht nur um Glaubens-Lehre, sondern um die Kirchen-Ordnung dreht" (vgl. die Aussprache des Papstes vor der Glaubenskongregation im Zusammenhang mit dem Kirchenvolksbegehren am 27.11.95 laut Katholischer Presseagentur Wien, zit. n. Publik-Forum aaO).

"Abwanderung oder Widerspruch" lautet der Titel des Beitrags von Albert Hirschman (aaO): Die Kirchenleitung sollte sich für die Gemeinde und ihren heftigen, engagierten Wider-(Gegen-)Spruch seitens engagierter Gläubiger entscheiden - und nicht für die stille Abwanderung von Menschen aus der Kirche und Gemeinde.


 

"Radikale Reformen stehen bevor":
82 Prozent der Katholiken lehnen die Sexual-Lehre ab -
Schwule und Lesben sollen integriert werden, z.B. bei der Kirchlichen Hochzeit.

Vgl. Tagespresse von Ostern 1996, die über eine Studie berichtet, die der Focus zum Titel-Thema hatte, vgl. a. Focus 15/96:52f: Glauben ohne Kirche - Viele Deutsche schustern sich ihr Bild von Gott selbst zusammen - ohne Papst und Pastor. Den Kirchen stehen radikale Reformen bevor: 26 % der Katholiken haben schon einmal ernsthaft an Austritt gedacht (ebenso Protestanten) nur 25 % der Deutschen beten täglich. Nur 14 % erwünschen sich politischen Rat von der Kirche, aber 93 % wollen, daß sich die Kirche für Minderheiten einsetzt. Wie z.B. für Lesben und Schwule: Als wichtigstes Ziel der Schwulen- und Lesben-Bewegung gilt die Kirchliche Hochzeit von gleichgeschlechtlichen Paaren in beiden Kirchen, sowie daß schwule Geistliche mit ihrem Freund zusammenleben dürfen. 78 % lehnen die Unfehlbarkeit des Papstes ab und sehen ihn als gleichberechtigten Bruder und Mensch, wie Du und ich: Die Hierachiespitze wird "nicht anerkannt, ihr wird noch nicht einmal widersprochen": Es herrscht Ignoranz, Apathie und "Abwanderung" statt "Widerspruch durch Konzeption eines Gegenlehramtes" vor.


 
Nur noch jeder Zweite geht selbst an Weihnachten in die Kirche, in zehn Jahren, wenn die jungen Frauen sich mehr und mehr für eine eigenständige Erwerbstätigkeit entschieden haben, wird wochentags die Andacht möglicherweise mangels Zulauf ausbleiben, weil die typische Haufrauengeneration, die dafür Zeit und Muße hat, nicht nachgewachsen ist. Die Analyse von Kirchen-Austritten als ultima ratio ist also ein sehr unzuverlässiges Instrument - viel wichtiger sind die inhaltlichen Haltungen und Erwartungen der jungen Generation an die Einstellungen und Rituale der Kirchen. Viele junge Mütter wollen z.B. ihre Kinde auch bewußt und entschieden nicht mehr dem veralteten und in ihren Augen gefährlichen Erziehungseinfluß der Kirche derart aussetzen, wie sie selbst es waren, auch Rituale wie die Taufe haben einen anderen Stellenwert. Z.B. die Fernsehmoderatorin Linda de Mol, die die Traumhochzeitshow moderiert, betont immer wieder öffentlich, daß sie wegen Ihres Kindes weder kirchlich heiraten wolle, noch ihr Kind taufen lassen wird: "Es ist ausgeschlossen, daß ich anläßlich meiner Schwangerschaft heirate oder das Kind taufen lasse: Ausgeschlossen - mein Kind wird nicht getauft. Ich bin zwar katholisch, aber eine Kirche, die gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und Verhütungsmittel nicht positiv begrüßt und akzeptiert - ist nicht mehr zeitgemäß" (Privé / Das neue Blatt 3/97:63).

Norbert Greinacher empfiehlt in dem Buch "Radikale Veränderungen" daher für die Reformbestrebungen als Minimalforderung eine "fundamentale Erneuerung, unermüdliches Engagement, immerwährende Darlegung der Argumente und für neue Konzeptpapiere eine Hoffnung auf die Macht der Geisteskraft, die bekanntlich weht, wann und wo sie will" (aaO:43): Es geht nicht nur um Reformation, sondern um entscheidedne Kursveränderungen: Vielleicht schreibt ja z.B. ein Student mal ein neues, von alten Zitatquellen losgelöstes Konzept oder Lehramt (á la Katechismus nach oder mit integrierter schwul-lesbischer Lebensweise) für die Kirchen und veröffentlicht seine Visionen in seiner Examensarbeit, ohne allzusehr auf dem bisherigen aufzubauen.

Das Engagement wird dabei weiterhin auch von schwulen und lesbischen Laien und besonders lesbischen Theologinnen und schwulen Theologen kommen, die sich nicht wissenschaftlich, sondern zeitgemäß-erzählerisch zu Wort melden und ihren Lebenszusammenhang, ihre Erwartungen und Wünsche darlegen und so der Hierarchiespitze, der Lehre, der Kirche, der Theologie und der Religion neue Impulse geben können, die diese selber gerade brauchen: Rom ist bei dem generellen Strukturwandel der Kirchen gerade auf die Ideen innovativer und kreativer - auch lesbischer und schwuler - gemeinschaftsorientierter Menschen angewiesen: Es kann kein Zweifel bestehen, daß sie mit ihren neu entworfenen Lehrkonzepten - auch wenn es möglicherweise ein Gegenlehramt ist - zum Gelingen der Gemeinschaft und im Sinne der Gemeinschaft engagiert beitragen wollen !

Der neue Diskurs für die Basis lautet: nachdenken (empfinden), erarbeiten und sprechen (veröffentlichen). Der neue Diskurs für die Hierarchiespitze heißt: "zuhören, verarbeiten, kooperieren" (wir sind Kirche aaO:88). Es gilt, viel voneinander zu lernen: Gleichheit und Brüderlichkeit ist der Schlachtruf der Moderne. Freiheit, Verschiedenheit, Anerkennung und Solidarität ist frei nach Zygmunt Bauman die Formel der Postmoderne: Die Kirche ist dazu bestimmt, an der Verschiedenheit ihrer Glieder zu wachsen, sie muß die unauslöschliche Pluralität der Welt (und Pluralität der PaarbEZIehungen) akzeptieren - nicht mehr, aber auch nicht weniger: so lautet diese grundlegende Position der schwul-lesbischen Theologie.

John McNeill gibt für die nötigen Reformen folgende Devise mit auf den Weg: "Alles was destruktiv ist und keine freie Entfaltung ermöglicht, ist auch schlechte Theologie !" (aaO:37).

Informationsteil 8
Hochzeit und Kirchliche Trauung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften in der Kirchengemeinde - Rituale zur Offenkundigmachung der Ehe im Gottesdienst

Bücher zum weiterlesen:
=> ARNDT, SUSANNE:
Hochzeitsfeiern - planen und gestalten: Mit Tips für Verlobung  und Polterabend, Falken Verlag 1994
=> BARZ, MONIKA U.A.: Lesbische Frauen in der Kirche, 1993
=> BECKMANN, THOMAS: Hochzeitsrituale - Partnerschaftsegnungen in der Kirche; in: Homosexualität im Horizont theologischer Reflexion und kirchlichen Handelns, Dokumentation einer Blockveranstaltung in der ESG Bochum im Juni und Oktober, Bochum 1994, S. 190-238
BENSBERGER KREIS (HG): Kirche - Macht - Sexualität - Kritische Auseinandersetzung mit der katholischen Sexualmoral und ihrer Herrschaftswirkung, 1994
BERG, KONRAD: Das Jawort geben - Schöne und phantasievolle Hochzeitsrituale, Reinbek 1995
BISCHÖFLICHES ORDINARIAT (HG): Ja, Wir trauen uns - Wegbegleitung in die Ehe, 1994
BIRTHLER, MARIANNE: Lebensfragen, Schule und Pluralität - Ethikunterricht (LER) als Hilfe zur Entwicklung der eigenen Position, in: Klein, Ansgar (HG): Wertediskussion im vereinigten Deutschland, Köln 1995, S. 164-166
BITTLER, ANTON (HG): Frommer Mißbrauch ? - Zur Problematik katholoisch-klerikaler Hilfen und Helfer, Kimmerle Verlag 1993
=> CLARK, MICHAEL U.A.: Constructing Gay Theology, Monument Press 1991
=> COMSTOCK, GARY: Gay Theology Without Apology, The United Church Press 1993
=> CURB, ROSEMARY / MANNAHAN, NANCY: Die ungehorsamen Bräute Christi - Lesbische Nonnen brechen ihr Schweigen, München 1986
DICKERHOFF, HEINRICH: Daß wir Zärtlichkeit nicht gottlos nennen - Zur Aussöhnung von Christentum und Sexualität, Würzburg 1989
EVANGELISCHE KIRCHE (HG): Gleichgeschlechtliche Liebe, Arbeitspapier für Gemeinden und Kirchenkreise, Evangelische Kirche Landessynode im Rheinland, Düsseldorf 1992
EVANGELISCHE KIRCHE (HG): Gleichgeschlechtliche Liebe und Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, Drucksache 2, in: Verhandlungen der 40. ordentlichen rheinischen Landessynode, Düsseldorf 1992, S. 41* - 107*;
EKD (HG): Gemeinsame ökumenische Kommission der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz "Ja zur Ehe", Köln / Hannover 1980, in: EKD Texte 12, Hannover 1985
GALTUNG, JOHAN: Strukturelle Gewalt, Reinbek 1976
GAEDT, RAINER: Freundschaft, Liebe, Sexualität - Arbeitshilfen für den Religions- und Ethikunterricht in der Sekundarstufe I, Göttingen 1995
HIRSCHMANN, ALBERT O.: Abwanderung oder Widerspruch als Reaktionen, in: ders.: Engagement und Enttäuschung, Frankfurt am Main 1988, S. 69-80.
HÖFFNER, JOSEPH / LOHSE, DETLEV EDUARD: Gemeinsames Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Ehe, Bonn / Hannover, 1.1.1995
KEUPP, H.: Psychische Krankheit als hergestellte Wirklichkeit - eine Grenzbestimmung des Ettikettierungsparadigmas; S. 199-212 in: Keupp, Heiner (HG): Normalität und Abweichung, München 1978/9
KOCH, KURT: Erfahrungen der Zärtlichkeit Gottes, Benziger Verlag 1992
KUBACH-REUTTER, U.: Rituale zur Offenkundigmachung der Ehe, in: Vögler, G. / Welck, K.V. (HG): Die Braut, Band 1, Köln 1985, S. 294-299
LAPIDE, PINCHAS: Ist die Bibel richtig übersetzt ?, Bd. 1+2, o.J.
LÜDEMANN, GERD: Das Unheilige in der Heiligen Schrift - Die andere Seite der Bibel, Stuttgart 1996
=> MCNEILL, JOHN: Sie küssten sich ... - Homosexuelle Frauen und Männer gehen ihren spirituellen Weg, Kösel Verlag 1993
MIETH, DIETMAR: Sexualität und Kirche - Eine theologisch-ethische Perspektive, in: Herder Verlag (HG): Wir sind Kirche - Das Kirchenvolksbegehren, Freiburg 1995, S. 70-90
=> MIGGE, THOMAS: Kann denn Liebe Sünde sein ? Gespräche mit homosexuellen Geistlichen, Köln 1993
MOL, LINDA DE: Hochzeitsrituale und Traumhochzeiten für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften - Interview zur Gestaltung von Fernsehspielshows über Liebe, Trauung und Hochzeit mit gleichgeschlechtlichen Paaren, in: Magnus 11/95
NAVE-HERZ, ROSEMARIE: Warum noch Heirat ?, 1994
PLATTFORM "WIR SIND KIRCHE": Liebe - Eros - Sexualität - Herdenbrief der Plattform "Wir sind Kirche" mit 12 Kommentaren, Kulturverlag 1996
RANKE-HEINEMANN, UTA: Eunuchen für ein Himmelreich, München 1994
REICHERTZ, JO: Ich liebe, liebe, liebe Dich - Zum Gebrauch der Fernsehsendung "Traumhochzeit", in: Soziale Welt 1/ 94, S. 99-113
RICHTER, FRANZ: Handbuch Kirchenaustritt, 1993
RICHTER, HORST-EBERHARD: Lernziel Solidarität, Reinbek 1974
REELING-BROUWER, RINSE / HIRS, FRANZ: Die Erlösung unseres Leibes - Schwul- theologische Überlegungen, 1995
ROLAND, CHRISTIAN: Die Jesus-Alternative: Hoffnung für Homosexuelle, 1983
=> SCHILK, BRIGITTA: Handeln für uns selbst in unserem eigenen Namen - Verzerrungen lesbischer Existenz in der Kirche: Lesbische Ethik - Ein Gegenentwurf, 1993
SCHWEIZER, DORIS: Lesben auf Hochzeitsreise, 1997
SENFTLEBEN, MARTIN: Hochzeit in der Kirche - Die kirchliche Trauung, 1991
THIELE, JOHANNES (HG): Jesus - Auf der Suche nach einem neuen Gottesbild, Düsseldorf 1993
=> WEBER, RUEDI: There is more to love than boy meets girl - Die Antihomosexualität der Theologie aus persönlicher Sicht, in: Puff, Helmut (HG): Lust, Angst, Provokation, Göttingen 1993, S. 195-204
WIEDEMANN, HANS-GEORG: "Sexualität ist mehr" - Sexualerziehung in Religions- und Konfirmandenunterricht; in: Der Evangelische Erzieher, Zeitschrift für Pädagogik und Theologie, Heft Juli-August 1989
WIEDEMANN, HANS-GEORG: Partnerschaftssegnungen; in: DtPfBl, 88Jg., 1988, S. 310f.
WRIGHT, EZEKIEL / INESSE, DANIEL: God is Gay - An evolutionary spiritual work, San Francisco 1979
ZIMMERMANN, JÜRGEN: Verbot von Zärtlichkeit ... = So schafft man sexuelle Krüppel ...; in: Pro Familia Magazin, Sexualpädagogik und Familienplanung, Heft 1 / 89, S. 15-17


 
Didaktische Fragestellungen 8:

a) Charakterisieren Sie das Dreiecksverhältnis von Gott zur Liebe und zum Menschen.

b) Wie liebt Gott ?

c) Körper, Geist (= Emotion und Kognition) und Seele bilden eine Einheit. In welchen Bereichen der Kirchlichen Lehre wird ein Aspekt vernachlässigt, gibt es philosophische Ansätze, die alle drei Aspekte zu erfüllen versucht und können diese Ansätze als Alternative verstanden werden ?

d) Für was stehen ihrer Meinung nach die Begriffe Gemeinde und Gemeinschaft ? Welche Aufgaben, Rechte und Pflichten kommen dem einzelnen Individuum dabei zu ?

e) Besonders viele Priester sind schwul: Jeder Dritte (25-40 %) - mehr als doppelt so viele wie in der Bevölkerung nach Kinsey: Wenn zwölf Geistliche zusammenkommen, sind drei bis vier von ihnen homosexuell orientiert. Was bedeutet das für den praktischen Umgang der Kirche mit gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften ?

f) Was ist zu der Emanzipation von schwulen Priestern / Pfarrer und lesbischen Nonnen zu sagen ? Wie können sie sich selbst in der Gemeinde umsetzen ? Wie kann die Gemeinde ihnen dazu helfen ?

g) Sollten Schwule / Lesben das Sinnsystem Kirche verlassen, wenn sie meinen, es deformiere ihre Psyche ? Oder sollten sie versuchen, es zu verändern und dabei ein Stück Resignation in Kauf nehmen ? Welche Aufgaben kommen dabei schwulen Theologen / lesbischen Theologinnen zu ?

h) Wie können Sie als Geistlicher, Priester, Theologe oder Laie in der Kirchen mitarbeiten, um auf gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften aufmerksam z machen ? Welche Erkenntnispunkte würden Sie auswählen, um kurze Textabschnitte, den Hinweis auf diese Studie oder Zitate daraus in loser Folge im Kirchenblättchen abzudrucken ?

i) Welche verschiedenen Arten gibt es, die Bibel zu deuten ?

j) Diskutieren Sie die Aussage "Die Bibel ist Menschenwort".

k) Mit der in der Bibel erwähnten Homosexualität haben heutige gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften wenig, wenn nicht sogar gar nichts zu tun. Warum ?

l) Warum lohnt es sich heute noch, die Bibel zu lesen ?

m) Die Kirche selbst will Buße tun, um gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften besser zu integrieren ? Was konkret hat die Kirche bislang falsch gemacht und welche Maßnahmen hat sie selbst aufgezeigt, um die Diskriminierung von Lesben und Schwulen abzustellen ?

n) Nach fast zwei Jahrtausenden schlimmster - manchmal sehr sublimer - Demütigung und Verfolgung gleichgeschlechtlich liebender Menschen durch die Kirche - bis in unsere Gegenwart - ist ein deutlicher Bußakt der Kirche nötig, der eine Praxis im Zusammenleben mit gleichgeschlechtlich liebenden Menschen eröffnet. Was wird von den Kirchen erwartet ?

o) Theologische Abhandlungen belegen, daß es in der Kirche möglich ist, dem Wunsch nach einer Partnerschaftssegnungen als Trauungsritual im kirchlichen Gottesdienst für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft nachzukommen - selbst bevor der Staat eine Zivilehe anerkennt. Wie sieht der Ablauf einer Kirchlichen Ehe und Hochzeitstrauungen mit der Gemeinde aus ? Welche Elemente im Gottesdienst anläßlich einer gleichgeschlechtlichen kirchlichen Hochzeit gibt es und welche sind wohl für das zu trauende Paar (nicht für Sie als Leser) besonders wichtig und warum ?

p) Über die Sexualität von Jesus und Gott wissen wir wenig - doch wer ist der Schöpfer des Schöpfers ? Jesus war Mensch, Gott ist Gott - in der menschlichen Vorstellung oft ein alter Mensch. Nehmen wir die Sexualität des Menschen als (uns einzig bekannten) Referenzrahmen: Diskutieren Sie theoretische Überlegungen mit Verweisen - vor dem Hintergrund der für Menschen möglichen Ausdrucksvielfalt.

q) Welcher der 10 Diskussionspunkte zur Integration von Lesben und Schwulen ist Ihnen persönlich am wichtigsten ?

r) Wie sieht ein schwul-lesbisches Konzept für die Kirchen aus ? Was sind die zentralen Aspekte ?

s) Was sind die Kennzeichen einer schwul-lesbischen Theologie, einer feministischen Theologie, einer menschlichen Theologie ?

t) Treue ist ein weiterer wichtiger Schutz gegen eine HIV-Infektion - Was kann die Kirche tun, um die Treue einer gleichgeschlechtlichen BEZIehung zu stärken ?

u) Nach wieviel Jahren BEZIehung hat die Tucke Lederne Hochzeit ?


 
Weiterhin verwendete Literatur:

AHUIS, FERDINAND: Der Kausalgottesdienst - zwischen Übergangsritus und Amtshandlung, Stuttgart 1985; AKADEMIE BAD BOLL (HG): Eine Liebe wie jede andere - Gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Blickfeld der Kirche, Tagung vom 27. bis 29. Mai 1994 in der Evangelischen Akademie Bad Boll, Bad Boll 1994; ALT, FRANZ: Jesus - der erste neue Mann, 1991; ALT, FRANZ: Fünf Gründe, in: Herder Verlag (HG): Wir sind Kirche - Das Kirchenvolksbegehren in der Diskussion, Freiburg 1995; ARNTZ, ERNST U.A. (HG): Kirche - und die Frage der Homosexualität, 1995; AUST, MARKUS U.A. 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Sexualerziehung, 1993; ZINK, JÖRG: Neue Zehn Gebote, München 1995; ZINSER, HARTMUT: Herausforderung: Ethikunterricht - als Ersatzfach in der Schule, 1991; ZULEHNER, PAUL MICHAEL: Übergänge zum Leben, Freising 1980; ZUNHAMMER, NICOLE: Gibt es eine feministische Hermeneutik ?, in: Jenetzky, Birgit u.a. (HG): Aufbruch der Frauen, Münster 1989, 37-48. 


 

Engagierte Zärtlichkeit

Das schwul-lesbische Handbuch
über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften

von Andreas Frank
Internet-Version © 1997

FRANK, ANDREAS: Engagierte Zärtlichkeit - Das schwul-lesbische Handbuch
über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
Ein Sach- und Lesebuch der Sozialforschung über die sozialen Dimensionen
von Empfindung, Liebe, Identität, Partnerschaft, Familie, Kirche, Ehe
und Homosexualität - Internet-Version © 1997

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