erz_das_virus
  " das Virus "
  
       ein Bericht von Betroffenen  (Fredy und Heidi Engeler, Zufikon, CH)
 
Tatsächlich "streiten" wir noch heute, wer damals, d.h. anfangs des letzten Jahres, im "Boote" die Anzeige einer noch kleinen und wenig bekannten friesischen Werft namens "Privateer" mit einem Multiknickspanter in der 37 Fuss-Klasse entdeckte und sich dann laut fragte, ob dies nicht auch etwas für uns wäre. Denn tatsächlich waren wir mit unserer schnittigen Linssen 35 ja nun schon 4 Jahre mit wenig Kummer und Pein unterwegs. Einige Sachen störten uns natürlich schon: Das Schiff war mit dem Geräteträger für unsere Ausfahrten auf den französischen Kanälen einfach immer einige Zentimeter zu hoch, schon wenn wir nur einen Sonntags-Ausflug nach Mulhouse machen wollten, kamen wir immer in den Genuss das Bimini und das Cabrio herunterklappen zu müssen. Und wenn der Wettergott dabei nicht in Stimmung war, regnete es natürlich genau dann, wenn wir kurz "oben ohne" waren.

Auch das Dusche und WC in einem Raum untergebracht sind, wurde immer öfter zum Ärgernis. Unsere Moses konkurriert je länger je mehr mit der Co-Steuerfrau; vor jedem Landgang gibt es Diskussionen, wer denn nun wie lange vor dem Spiegel verweilen dürfe, wer die älteren Rechte besitze, etc. Eindeutig zu kurz kommt bei diesen Ränkespielen natürlich immer nur der Käptn, so rasiert er sich denn in den grossen Ferien schon gar nicht mehr ....

Und natürlich hätte unsere Moses schon von Anfang an gerne im Bug nicht nur die zum grossen Doppelbett wandelbare Rundsitzbank belegt, sondern eine eigene Kabine bezogen. Der vor zwei Jahren zwischen Kombüse und dem Bug montierte Vorhang schottete rein visuell schon ab, ein eigenes Reich war damit aber natürlich nicht entstanden. Sie hofft noch immer, dass sie und ihr Teenager-Ordnungssinn weniger der offenen Kritik ausgesetzt sein werden, wenn ihr und unser Refugium einmal durch eine feste Türe voneinander abgetrennt ist.


Schliesslich war da ja auch noch die "Platznot" auf dem Achterdeck: Schon wenn wir uns nur zu fünft einen Apéro genehmigten und unser Hund auch noch seine Streicheleinheiten einziehen wollte und sich lang ausstreckte, konnte niemand mehr ohne Kletterei passieren.

Gute Gründe genug um sich umzusehen, oder? Das wir die vorerwähnten Gedanken nur hegten, weil wir einen Meter in der Länge und einen halben Meter in der Breite dazu gewinnen wollten, wie die meisten der unheilbaren Schiffsvirus - Kranken, weisen wir entschieden von uns. Wir nicht!

Prospekte wurden also verlangt und trafen auch bald ein. Alles gefiel, etwas länger, etwas breiter (siehe letzter Abschnitt), steilere Scheiben, mehr Innenraum, geringerer Tiefgang, grössere Tanks, grösseres Achterdeck. Was will man mehr? Ah ja, Referenzen wären natürlich von Vorteil! Also gut, wir beten die Werft um Angaben, ob schon solche Schiffe in unseren Breitengraden fahren, gerne natürlich direkt vor unserer Haustüre oder wenigstens in Süddeutschland? Die befriedigende Antwort macht uns bald mit einem sehr netten Ehepaar in Mainz bekannt.

Wir nehmen, sobald die Auswinterung erfolgen konnte, im April mit einer kleinen Auswahl guter Elsässer Weine den gut 400 Kilometer langen Weg in Angriff und besuchen Harry und Romy. Freundschaftlicher Empfang, wir werden gleich an den Mittagstisch gebeten, nach dem Imbiss zeigt man uns alle Details des schönen Schiffs und eine kleine Ausfahrt auf den Rhein rundet das Bild ab. Wir sind beeindruckt und beschliessen es zu wagen; wir werden unser Schiff zum Verkauf ausschreiben! Der Inseratetext wird entworfen, natürlich wollen wir alles ins beste Licht rücken, alle Ausrüstungsgegenstände sollen erwähnt werden. Der erste Entwurf haut dann aber selbst uns um. Die Anzeige wurde so lang, dass sogar ein nur einmaliges Erscheinen in einem gut frequentierten Blatt einen dreistelligen Betrag gekostet hätte! 

Wir konsultieren andere Anzeigen und stutzen den Text entsprechend zurück, das Inserat wird durch einen Aushang im Glaskasten des eigenen Hafens, Flugzettelabgabe an den Schleusen, in den nahen Häfen und, natürlich, durch Anzeigeaufgabe im Internet (z.Bsp. Nautic-Online) ergänzt. 

 

Und tatsächlich, kaum sind die Daten veröffentlicht, melden sich auch die ersten Interessenten. Es zeigt sich bald, dass längst nicht alle Anfrager wissen, was ein "Verdränger" ist., Fragen nach der Geschwindigkeit verraten bei einigen, dass es mit ihrem Boots - Knowhow nicht weit her ist. Und auch die potentiellen Käufer, welche schon, bevor sie das Schiff gesehen haben, ihr eigenes Höchst-Limit (welches interessanterweise immer ein gutes Stück unter dem im Inserat erwähnten Preises liegt) erwähnen und den Preis drücken wollen, werden natürlich gerne angehört.

 


B
is im Mai klappt der Verkauf aber nicht und unsere Bemühungen nehmen im Umfang je mehr ab, je näher die Sommerferien rücken; einen Sommer ohne Schiff können wir uns einfach nicht vorstellen. Am 7. Juli brechen wir in unsere 5 wöchigen Ferien (Rhein-Rhone; St.Jean-de-Losne; Canal de Bourgogne; Saône) auf, Mitte August kehren wir mit vielen neuen Eindrücken wieder zurück. Details sind im Reisebericht "Pas d'probläm!" nachzulesen. Die Internet-Anzeige wird Ende August erneuert, zwei Anzeigen in der BAZ dazugeschaltet und es melden sich sofort neue Interessenten. Besichtigungen folgen, wer sich die Mühe eines Vor-Ort-Besuches macht, ist vom Schiff begeistert. Nicht ganz folgen können wir den Leuten, die glauben, der genannte Verkaufspreis sei beliebig unterbietbar. Mit unserem neuen Freund Harry sind wir ständig per E-Mail im Kontakt, ihm vertrauen wir an, wer sich aus dem grossen Kanton meldet und was wir mit den Leuten für Erfahrungen machen. Mehr als einmal rät er uns die Geduld nicht zu verlieren, nicht klein beizugeben, sondern zuzuwarten, der Richtige werde kommen, den Wert des Schiffes erkennen und auch bereit sein diesen zu bezahlen. Wir lernen, dass jemand, der eine Probefahrt wünscht, aber seine Gattin (dafür die Freundin? und einen Kollegen) dazu nicht mitnimmt, vermutlich kein potentieller Käufer ist. Wohl begeistert auch er sich für das Schiff, aber der Zuschlag sei dann, wie wir von ihm nach Wochen erfahren, doch, weil seine Frau es so gewollt hätte, an eine schnelle "Sealine" gegangen.

Mitte Oktober legen wir die Fieberkurve in die familieneigene Krankengeschichte und begraben die Erwartungen für dieses Jahr.

Nachdem die Eignersgattin noch eine Woche "Urlaub von Heim und Herd" ganz allein mit unserem Hund auf dem Schiff verbrachte und Moses und der Schreiber ihr dann eine Woche später während der grossen Kanalufer-Baumnussernte Gesellschaft leisteten und wir, da das Wetter nicht mitspielte, kaum mehr ausfahren konnten, sondern Museen und Ausstellungen in Basel und Mulhouse abklapperten, wintern wir das Schiff ein.


Mitte November und ganz unerwartet, meldet sich dann an einem Donnerstag Abend ein weiterer deutscher Staatsangehöriger, möchte gerne mehr über unsere "Moonlight" erfahren. Kaum ist die zweiseitige Beschreibung via E-Mail an seine Adresse versandt, ruft er schon wieder an: Er möchte sie gerne vor Ort besichtigen. Die Einwinterung und der Umstand, dass schon die Winterblache ausgebreitet sind, stören ihn nicht, ob es übermorgen gehe? Da wir in unserer Planung natürlich gerne weiterfahren würden, sagen wir zu. Ohne spezielle Erwartungen fahren wir am Samstag in den Hafen. Der Interessent schaut vom Hafenquai, dann vom Steg, hilft beim Abdecken des Achterdecks, ist und zeigt sich (einmal mehr!) begeistert. Er eröffnet nach einer halben Stunde ausgiebiger Besichtigung, dass er (natürlich) Mängel gesucht hätte, aber keine da seien, das Schiff gefalle ihm sehr gut, leider sei der Preis etwas zu hoch, er werde mit seiner Gattin sprechen. Auf eine Freilegung des Vordecks oder der Aufbauten oder nach einem "Aufwecken des Motors" fragt er nicht. Gemeinsam fahren wir danach noch ins "Casino" einkaufen. In Form einer reichen Käseplatte nehmen wir einmal mehr ein Stück Elsass nach Hause. Unsere Neugier ist geweckt, können wir unsere Planung nun doch noch im Dezember fortsetzen?

Einige Tage später erhalten wir des Interessenten Rückruf, seine Kaufabsicht wird bestätigt, es folgt eine Preisverhandlung (eher ernst, es geht wohl mehr als nur ums Prinzip); wir finden uns und vereinbaren auf den kommenden Freitag Mittag die Vertragsunterzeichnung. Auf die Minute pünktlich trifft U. bei uns ein, das "Geschäftliche" wird erledigt; nach der Unterschrift werden wir gefragt, ob wir denn "den Vertrag nun begiessen würden". Im Schiffsverkauf sind wir, dies geben wir unumwunden zu (noch) nicht Routiniers. Gut, dass wir in Erinnerung an unseren seinerzeitigen Kauf einen "Freixenet" in den Kühlschrank stellten, dieser Flasche geht es nun an den Kragen. Beim Anstossen offeriert uns der ältere Käufer das vertrauliche "Du", seine Gattin lernen wir auch heute nicht kennen.

Kaum hat sich der neue Besitzer nach rund 2 Stunden mit den besten Wünschen von uns verabschiedet, "hängt" der Schreiber am PC. Die anfangs Jahr auserkorene Werft in Friesland wird via E-Mail umgehend informiert, dass wir unser Schiff nun verkauft hätten und wir wollen natürlich vorab wissen, wie es jetzt um die Lieferfristen stünde; ob sie, wenn wir sofort bestellten, eine Fertigstellung auf die Sommerferien 2001 versprechen könnten? Die ernüchternde Antwort kommt innert Stunden: An der Messe vor zwei Wochen seien 3 Schiffe verkauft worden, vor Spätherbst wäre gar nichts mehr zu machen. Und auch dieser Termin sei nicht über Wochen zu garantieren; seit wiederum ein Testbericht über ihre Werft im "Boote" erschien, könne man nicht über Absatzschwierigkeiten klagen. Gehört und zur Kenntnis genommen schauen wir uns nun auch diverse Boots-Hefte an, finden mit Skizzen und Fotos unterlegte Inserate von Werften deren Namen wir noch nie hörten (www.adressen siehe unsere Link-Liste, "Händler / Broker"). Und da auch E-Mail-Adressen dabei stehen, sind in einer Stunde über 10 Betriebe angeschrieben und über unser "Wunschprofil" im Detail ins Bild gesetzt.

Den Samstag lassen wir natürlich nicht ungenutzt verstreichen, wir fahren nach Kembs und sichten erstaunt, was wir in den letzten 4 Jahren so alles in den verschiedenen Stauräumen unterbrachten: Blachen, Tücher in allen Grössen als Sonnen- und Windschutz, Notanker 1 und 2, mehrere Schirme, Pavillon, Gummiboot mit 2 Garnituren Paddel, Grill mit Ersatzlavasteinen und Ersatzgasflaschen, etwa 10 Schwimmwesten, eine Säge, viel Werkzeug, Ersatzteile, Fett, Öl, Frostschutz etc. etc., Stück für Stück wird im Kofferraum des Autos verstaut und nachdem rund 2 Kubikmeter eingeladen sind und wir feststellen, was noch immer an Bord ist, wird klar, dass wir mindestens noch zweimal fahren müssen. Allein schon der Abtransport des "Weinkellers" verlangt eine minuziöse Planung, nie würden wir doch gegen die Zollvorschriften verstossen wollen.

Am Dienstag Morgen während einer Sitzung zeichnet dann mein Anrufbeantworter eine Nachricht auf; die bedrückt tönende Stimme des Schiffskäufers verrät schon im voraus ein offensichtlich vorhandenes grosses Problem. Beim Rückruf erfahren wir, dass ihm seine Bank, von der er eben zurückgekehrt sei, den Segen verwehrt habe. Man sei nicht bereit, ihm, wie von ihm geplant, die Hypothek auf sein Haus zu erhöhen. Er bedaure damit vom Vertrag zurücktreten zu müssen, aber bei dieser Ausgangslage sei die Finanzierung leider nicht gesichert. Tja, was nun?

Und während nun jeden Tag Prospekte der verlockendsten Schiffe eintreffen, wissen wir schon definitiv, dass daraus so bald nichts werden wird. Wir orientieren die angefragte Werft und auch den Makler, den wir schon nach Ausschau von evtl. auch in Frage kommenden Occassionen gebeten hatten, über die neue Sachlage. Anfang Februar wiederholen wir die Anzeige im Internet, da bei den meisten solchen Diensten die gemachten Eingaben nach einer gewissen Zeit automatisch gelöscht werden. Innert der nächsten Woche fragen 3 Interessenten nach, zwei aus Deutsch-, einer aus Irland. Alle wollen weitere Unterlagen, zwei vermelden den Wunsch, das Schiff zu besichtigen. Und zwar am liebsten sofort!

Wir möchten den nächsten Termin so absprechen, dass wir dafür nur einmal zum Hafen fahren müssen. Als wir via E-Mail eine Möglichkeit andeuten, reagieren beide Interessenten nicht mehr. 8 Tage später hören wir, dass alle zwei gesundheitliche Probleme, resp. einen ausserplanmässigen Spitalaufenthalt hinter sich hatten. Der eine drängt nun offensichtlich, möchte nicht weiter warten, also vereinbaren wir das Treffen. 

Bei Frost und Regenfall entfernen wir die Winterblache ein weiteres Mal , legen für die von weit her angereisten Eltern samt deren Zwillingen den Eingang zur Kabine frei. Nachfragen nach technischen Details beweisen ernstes Interesse. Man beratschlagt nach einer halben Stunde im engen Kreis, sagt aber eigentlich schon zu. Erbittet formell doch noch eine kurze Bedenkfrist. 

Dienstage haben es dann in sich; nach einer Absage am Montag Abend, wird diese schon am Dienstag Morgen widerrufen, man bittet statt dessen um Zustellung eines Vertragsentwurfes. Nach weiteren 2 Wochen ist dann alles unter Dach und Fach. Wir vereinbaren eine Probefahrt auf anfangs März und, so alles funktioniert, die Übergabe auf Mitte Monat.

B
ei der Probefahrt haben wir dann doch etwas mehr Glück, zwar ist es noch immer nicht viel wärmer, aber es regnet wenigstens nicht mehr den ganzen Tag. Wir öffnen nach einer visuellen Kontrolle von Motorenraum, dem Öl- und Kühlwasserstand die Seeventile. Der Diesel springt (wie immer) prompt an, bringt uns sicher und dank rechtzeitig gelöster (teurer!) Tagesvignette auch problemlos nach Mulhouse. Wir schleusen nach telefonischer Voranmeldung in No. 41 und machen einige Minuten später im "Vieux Port" fest. D.h. wir müssen gar nicht selber belegen, denn Walter und Toni B. erwarten uns schon und binden uns mit den Tauen, die wir uns an der Schleuse freundlicherweise von Philipp ausborgen konnten (unsere hatten wir nämlich bei der Schiffsräumung bereits verstaut), fest. Doch damit nicht genug, Toni hatte, als sie von unserer letzten Fahrt erfuhr, schnell in der nahen Bäckerei noch den letzten "Gugelhopf" ergattert und dieser und zwei Flaschen Weisswein werden nun vertilgt. Da unsere "Gäste" die Stadt nicht kennen, machen wir anschliessend einen Stadtbummel; dann fahren wir zurück. 


Auf dem Hin- und Retourweg erteilen wir, so gut wir können, Instruktionen über die Funktionsweise der Aggregate und Instrumente, erklären die Eigenheiten des Schiffes. 

Bei der Rückschleusung realisieren wir zum ersten Mal, dass wir wohl so bald nicht wieder hier durchfahren werden. Wir orientieren Eclusier Philipp über diesen garstigen Umstand, deponieren eine Flasche Wein und sind in weiteren 2 Stunden zurück im Hafen. 


Ein letztes Mal wird dort zwischen Steg 1 und 2 zur Überlistung von Strömung und Rückwasser der Zickzack-Kurs zum Anlegeplatz gefahren und perfekt rückwärts (und natürlich fast ohne Hilfe des Bugstrahlers) eingeparkt. Der Abschied von den neuen Besitzern und dem Schiff, welches nun nicht mehr uns gehört, fällt schwer. Wir gehen bei Einbruch der Dunkelheit vom Steg und auf dem schönen Teakdeck, welches nun auch nicht mehr uns gehört, bleiben Leute zurück .... .

Zuhause hat unser Beantworter eine Nachricht von einer weiteren Werft aufgezeichnet. Ein Yachtbauer namens Hof offeriert uns anlässlich einer weiteren Kundenbetreuung, also quasi auf dem Heimweg, auch noch zu besuchen und uns seine Pläne 1 : 1 Marke "Ankertrawler" zu zeigen. Wir haben nichts dagegen und tatsächlich trifft der Werftbesitzer zum vereinbarten Zeitpunkt mit einem Stapel Pläne ein. Das er nicht viel Zeit übrig hat, finden wir aber auch bald heraus. Er schätzt keine ins Detail gehenden Fragen, stellt einem dumm hin, versucht Koalitionen zwischen Steuermann und Steuerfrau aufzubauen. Er erwähnt mehrfach, dass 85 % der holländischen Yachtbauer nur Schrott herstellten, dass seine Werft aber alles bauen könnte und würde, sieht uns Interessenten aber offenbar nicht als "Partner", sondern nur als Geldquelle. Kein guter Gedanke! Wir vermissen ihn nach seinem Abgang nicht.

Stattdessen klappern wir täglich die einschlägigen Internetseiten holländischer Gebrauchtschiff - Anbieter (Valk, Wolfrat, Yachtselect, Blei & Hetterschijt, Het Wakend Oog, Lengers, etc.) ab und sind bemüht uns zu den kurzen Verkaufstexten und jeweils einem Foto Details über die Innenraumgestaltung, Holzart und Farbe des Interieurs, Anzahl Kabinen und Schlafplätze vorzustellen. Einige technisch sehr interessante Angebote scheiden (leider) schnell aus, als wir feststellen, dass die ersten Besitzer ihrer Kreativität mit der Orderung von "Eschenholz-Interieur" in der Farbe "weiss" u.E. allzu freien Lauf liessen. Weiss macht zwar hell und gross und lässt einem bezüglich der Gestaltung mit anderen Farben viel Raum, aber ein Salon sollte sich doch nicht wie ein Operationsraum präsentieren, oder?

Nachdem wir dann auch bezgl. der übrigen Ausrüstungen (Motor, Getriebe, Hydraulik, Steuerung etc.) bald erkennen müssen, dass wir die ausgeschriebenen Facts gar nicht selber beurteilen, geschweige denn werten können, schreiben wir den uns schon einmal empfohlenen Makler nun wieder an und beten ihn, uns auf einer Reise in die Niederlande zu begleiten. Nachdem die Formalitäten (Honorar wenn kein Kauf zustande kommt resp. Kommission falls es klappen sollte) festgelegt sind, "buchen" wir ihn für zwei Tage.

Da wir für die Fliegerei nicht viel übrig haben, beschliessen wir mit dem eigenen Wagen zu fahren und unseren Berater am ersten Tag schon früh am Morgen am Flughafen Shipool abzuholen. Wir starten also am Sonntag am 4 Uhr in der Früh und legen die knapp 800 Kilometer bis "unterhalb Amsterdam" zügig zurück, treffen schon um 2 Uhr Mittags in unserem Hotel ein. 

Wir haben genug Zeit, um bei kühler und windiger Witterung schon einmal auf eigene Faust zwei Makler zu besuchen (sind auch am Sonntag geöffnet). 

A
n den Loosdrechter Plassen hat es zwar viele Gebrauchtschiffe, aber unser Geschmack wird nicht getroffen. Am ehesten hätte uns noch eine neuere Kotteryacht gefallen, aber wir erkennen, dass man mit einem auch im Heck in einen Spitz zulaufenden Schiff in der Achterkabine doch (zu) viel Platz verliert. Und ein Besitzer eines solchen Schiffes hatte uns im Sommer 99 versichert, dass das seitliche Belegen längs eines Steges alles andere als einfach, sondern jedes Mal eine mit Gewissenhaftigkeit zu leistende Arbeit sei. Da hilft es auch nicht mehr viel, wenn man uns versichert, dass man an ein so spitzes Heck auch nachträglich noch eine kleine Badeplattform zur bequemen Ausübung des beliebten Badesportes montieren könne.

Und auch das Schmollen des nächsten Verkäufers übersehen wir gekonnt, als er uns, nachdem wir ihm wiederholt erklären, dass wir wegen der vielen tiefen Brücken auf unserem Lieblingsrevier im Elsass kein Schiff mit einem Mast kaufen wollen, uns wiederum ein Exemplar mit prächtigem 5-Meter-Mast und Radar etc. zeigt. Nicht alle wollen offenbar begreifen, dass wir tatsächlich konkrete Vorstellungen von unserem neuen Schiff mitbringen.

Abends geniessen wir im Hotel ein feines holländisches Château Briand mit einem chilenischen Cabernet, sind gespannt was der morgige Tag bringen wird. Am Morgen sind wir dann froh, dass wir uns an der Rezeption noch vergewisserten, wie lange der von unserem Berater auf 20 Minuten veranschlagte Weg zum Flughafen zur Rush Hour tatsächlich dauert: Eine Stunde. Wir sind froh um die vorsichtshalber eingeplante Zeitreserve, als wir, kaum auf der Autobahn, nurmehr im Schritttempo vom Fleck kommen. Pünktlich erreichen wir das riesige Flughafenareal. Dank genauen Abmachungen verfehlen wir unseren Berater nicht. Im Auto orientieren wir ihn, welche Angebote wir in den letzten Tagen noch erspähten, er ruft noch einige Händler an, fragt nach Offerten, dann packen wir's an. 

Wir fahren zu einem grossen Händler nach Nigtevecht, südlich von Amsterdam. Zwei schnittige "Van der Valk" sollten hier liegen, nur eine ist aber tatsächlich im Hafen. Die hier abgestellte ist mit Esche ausgekleidet, leider in der Farbe weiss. Das Armaturenbrett hätte gefallen, mit Rosenholzfournier verkleidet! Unser Berater zeigt uns unterhalb allen Fensterrahmen dunkle Flecken, wohl über längere Zeit schon nicht beachtete Feuchtigkeitsschäden ..... Das Fragen nach dem ähnlichen zweiten Schiff bringt nichts, der Verkäufer weiss angeblich nicht, wo das von Ihnen zur Vermittlung ausgeschriebene Boot ist. Die dritte Yacht, eine "Atico" die uns aufgrund der  Ausstattung sehr zusagte und von der gleichen Firma im Internet ausgeschrieben ist, liegt ebenfalls nicht an den Stegen, sondern soll einige Kilometer weiter in einer Werft zu besichtigen sein, man repariere dort den Heckstrahler (warum ist der denn bei der geringen Laufleistung schon kaputt?). Dank dem Umstand, dass ein Verkäufer mitfährt, finden wir die Reparatur-Werft immerhin noch am selben Morgen.

Das Schiff ist dann nicht am Steg selber geparkt. Wir müssen, um es zu erreichen, zuerst abenteuerlich über Planken auf zwei andere klettern. Mit fast 14 Metern Länge und 4.30 Breite ist es zwar um Klassen grösser, als das was wir eigentlich wollten, aber die Ausrüstung ist reichhaltig und alt und viel gebraucht ist das Objekt nicht. Das Interieur ist, wenigstens auf den ersten Blick fachmännisch verarbeitet, erst beim zweiten Hinschauen entdeckt man (billige) Detaillösungen, die liebevoller hätten ausgeführt werden können. Im Salon erlebt man ein Raumgefühl wie wir es bisher nicht antrafen. Das man den Bug- und den Heckstrahler zudem mittels "Remote Control" in Form eines Schlüsselanhängers fernbedienen kann, verfehlte die Wirkung nicht. Der Verkäufer erwähnt, dass der Besitzer schwer erkrankt sei und darum das Hobby aufgeben müsse. Traurig!

Das vermoste und für unser Revier zu hohe Verdeck, das riesige Armaturenbrett aus zwei schwarzen Kunstoffplatten mit wild darin verstreut angeordneten Instrumenten und der Bugstrahler, der dann beim ausprobieren der Fernsteuerung, schlimmer tönte als eine Steinmühle mit Lautsprecher halten uns doch irgendwie instinktiv von weiteren Nachfragen ab. Als wir dann, wieder am Steg, einen Blick zurück werfen und feststellen, dass die "Gürtellinie" viel zu hoch angelegt ist, um mit der Yacht reihenweise enge Schleusenkammern ansteuern und vom Seitendeck abspringen zu können, haken wir die Offerte insgeheim ab. Der Hinweis unseres Begleiters, das sich bei diesem Kasko ein irgendwann vielleicht nötiger Weiterverkauf ziemlich schwierig gestalten dürfte, beeinflusste natürlich unsere Meinung nicht unwesentlich. Die Uhr zeigt inzwischen schon deutlich über zwölf, Hunger hat aber niemand. Diesbezügliche Nachfragen unseres Maklers werden verdankt, wir sind viel zu überdreht und nervös um auch nur ans Essen zu denken.

Nun fahren wir nach Elburg, einem Ort mit einem Hafen und wunderschönem alten Stadtkern. Hier gibt es auch noch eine Seilmacherei und hier werden von einem Makler nach Internet 2 Klassiker (Pikmeerkruiser und Super Lauwersmeer) feil geboten.

Beide Schiffe sind vor 7 resp. 9 Jahren in den auch bei uns dem Namen nach bekannten Werften hergestellt worden. Leider ist aber nur ein Schiff im Hafen. Dieses ist dafür umfassend ausgerüstet, mit Generator, Waschmaschine, 2 Kühlschränken etc. Das Manko? 

Mit zwei Steuerständen könnten wir verm. schon leben (obwohl wir denken, dass der Platz im Salon besser genutzt werden kann), aber statt einer grossen Achterkabine mit Doppelbett in der Mitte, sind hier 2 Kammern vorhanden und nur eine weist eine etwas breitere und nur mit viel Wohlwollen als "französisch" zu bezeichnende Matratze auf. Diese ist dann nur von einer Seite zugänglich; solche Kompromisse wollten wir eigentlich eben nicht machen. Und auch der das Achterdeck teilende und eine Stolperfalle darstellende Deckel des Fluchtluks der AK passt uns nicht. Und schliesslich und dies müsste sogar der Verkäufer zugeben, hätte das Schmuckstück eine Ganzlackierung dringend nötig. Wir nützen das Büro der Yachtvermittlung, resp. dessen Anbau nochmals für einen Besuch der sanitären Anlagen, das kühle Wetter und die hie und da offerierten schwarzen Kaffés fordern ihren Tribut, dann geht es weiter.

Gegen vier Uhr treffen wir in Woudsend ein. Hier sollte des Schreibers Favorit, eine "Kokkruiser" stehen! Wir gehen die gedeckte, prächtige Ausstellung im Uhrzeigersinn ab; ja wo ist denn das Schiff welches die letzten Wochen immer wieder die Träume beeinflusste? Im letzten Moment verkauft, nachdem es über 4 Monate im Internet ausgeschrieben war? Die Auswahl ist gross, Schmuckstück neben Klassiker etc. Dann, kurz bevor wir wieder am Ein- resp. Ausgang anlangen, wird es doch noch gefunden. Der erst im letzten Jahr gebaute Rumpf gefällt, grosses Teak-Achterdeck mit Treppenstufen zur Badeleiter (!), leichter Geräteträger, sauber gearbeitetes Verdeck. Eine gewundene Treppe führt ab Achterdeck in den Salon. Dort aber wartet ein knallroter Teppich und eine mit rotem Stoff überzogene Polstergruppe mit (zu) hohen und steinharten Sitzkissen auf uns. Die Co-Steuerfrau erblasst und sieht im wahrsten Sinne des Wortes nun nur noch ROT. Kurz bevor sich infolge gegenteiliger Begeisterung aber nun ein echtes internes Zerwürfnis aufbaut, macht uns unser Berater auf einige Punkte aufmerksam, die wir Laien, abgelenkt von allem anderem, sicher wieder übersehen hätten: Die Holzarbeiten, das heisst alle Leisten, die Rundungen der Möbel, die Türrahmen etc. sind recht grob zusammen gezimmert worden. Teils machte man sich nicht einmal die Mühe (noch sichtbare!) Nagel- und v.a. Schraubenlöcher zu füllen, dort wo das schön geflammte Teak-Holz offenbar nicht aus eigenem Antrieb zusammen passen wollte, wurden, auch längere Spalten, mit künstlichem Holz aufgefüllt. Versätze sind zwar nicht überall direkt sicht- aber doch fühlbar. Und die Abschlussleisten und Rahmen sind beim Abfahren mit der Hand unterschiedlich breit. Auf dem Achterdeck zeigt uns der Fachmann noch, dass das Teakdeck genauso lieblos verlegt wurde. Rund um die Treppenstufen und auf dem Deck gegen alle Aussenkanten ist das Holz zum Stahl kaum verfugt worden. So man sich die Mühe nimmt und das Ganze durch interessiertes Absenken des Kopfes aus nächster Nähe betrachtet, sieht man sogar zwischen Holz und Stahl .... Hier müsste dringend etwas nachgeholt und gehofft werden, dass man noch nicht zu spät kommt. Dann fehlen auch noch Sachen, die in den "CE-Normen" für Schiffe, die erst ab der 2. Jahreshälfte von 1998 das Licht der Welt erblickten, klar vorgeschrieben sind. Wir fragen uns was für einem Standard diese Yacht wohl unterliegt?

Durch Nachfragen bringen wir in Erfahrung, dass der Erbauer ein Privatmann ist, der so alle zwei Jahre ein Kasko bei einer anerkannten Werft in Auftrag gibt, dann aber den ganzen Ausbau in "Eigenregie" durch verschiedene (Fach-?) Firmen ausführen lässt. Die Differenz zwischen seinen Einstandskosten und dem Verkaufserlös garantierten ihm regelmässig einen Zustupf zu seinen Lebenshaltungskosten. Wir fahren mit der Gewissheit weiter, dass wir wohl nicht zur Vergrösserung seines Kundenkreises beitragen werden.

Der Weg führt uns nun nach Drachten, wo wir nach fünf Uhr, aber telefonisch vorangemeldet, eintreffen. Der Chef selbst zeigt uns hier in einer ebenfalls schönen, neuen Halle eine "Smelne" - Occasion, die immerhin ein Teakdeck mitbringt, dieser Punkt und auch die Backskisten gefallen. Die Küchenausrüstung überzeugt dann nicht, kein 4-Flammenherd, undefinierbare Farbe der Arbeitsfläche. Die Frage nach der Grösse des Frigo wird so beantwortet, dass man das Ding sowieso nicht gebrauchen könnte, es würde nämlich nur leidlich, da nur mit Gas, funktionieren, ein Kompressor-Kühlschrank müsste, so wird empfohlen, nach dem Kauf die erste Ausgabe sein ... Wir sehen uns im Interieur um, keine Frage, hier erkennt man gleich, dass richtige Schreiner Hand anlegten. Der Ausbau ist perfekt, aber ... woran liegt es, dass wir nicht richtig "warm" werden?

Ist es nur der Umstand, dass das schmale und am Kopf- und Fussteil oben und unten zusätzlich noch gerundete Doppelbett in der Achterkabine diagonal in eine Ecke eingebaut wurde? Die Bettgrösse ist ein wichtiger Punkt und die Gefahr, dass man inzwischen nun langsam Kompromisse machen könnte, wo man eigentlich nicht sollte, ist nicht zu unterschätzen! Wir schlendern nach vorn; in der Vorderkabine ist es stickig, die langen schmalen Fenster, die von der Pantry in einem Stück bis in den Bug führen, kann man nicht öffnen. Ah, so, man könnte ein weiteres Dachluk (über der vorderen Kabine) einbauen! Das ist für der Yachtbauer wohl billiger, als von Anfang an mehrere Fenster, von denen man dann wenigstens einige öffnen könnte, in die Front einzusetzen. Wir sehen uns wieder im Salon um und bemerken jetzt, dass dies überhaupt der Punkt ist; die schwarzen, kantigen Fensterrahmen, bilden einen unschönen und viel zu starken Kontrast zu den sonst schön fliessenden Linien. Und dies nicht nur innen, auch aussen passen (uns) diese wie Fremdkörper wirkenden Rahmen nicht. Und es gefällt dem Schreiber auch nicht, dass der Aufbau der Pantry resp. der Vorderkabine ohne (nicht einmal durch einen Falz angedeuteten) "Absatz" von der Bugwand- in die Dachfläche übergeht, das ganze sieht aus wie eine Schanze. Und als uns unser Berater dann "by the way" auch noch informiert, dass diese Fenster - Konstruktionsart über kurz oder lang nach seiner Erfahrung zu Undichtigkeiten neigt, ziehen wir weiter. Der "Verkäufer" scheint nicht unfroh, dass wir seinen Feierabend nicht weiter tangieren.


Wir fahren zurück nach Sneek, wo wir dank guter Ortskenntnis unseres Begleiters bei der Vorbeifahrt inmitten des Nachmittags doch noch zwei Hotelzimmer reservieren konnten. Nach kurzer Auffrischung im Zimmer (die einen sollen mit zuviel Shampoo die Whirlpool- Möglichkeiten der Badewanne fast überschätzt haben) machen wir es uns in den Korbstühlen in der Nähe der Bar bequem und geniessen aus dünnen, hohen Biergläsern einheimischen Gerstensaft. Ja, dies nicht nur ein- sogar zweimal ....
 


Als der erste Durst gestillt ist, dislozieren wir, da das angeblich sehr gute "Steakhouse" Montags nicht geöffnet hat, in den Restaurantteil unseres Hotels. Wir suchen etwas aus der Karte aus und unser Berater übernimmt die Auswahl des Weines. Ein 95-er Bordeaux findet Gefallen und wird vom noch jungen Kellner umgehend geholt und gezeigt. Wir staunen nicht schlecht, als der Bootsfachmann, den wir den ganzen Tag seines Fachwissens wegen schon schätzen lernten, die Weinflasche ohne zu kosten, zurück gehen lässt. Ein 95-er wurde bestellt, kein 94-er. Er kenne beide Jahrgänge, nur der eine sei wirklich gut! Die Vor- und Hauptspeise war dann wirklich super und das Ganze wurde (wie in Holland eigentlich nicht anders gewöhnt) so reichlich serviert, dass wir für ein Dessert keinen Platz mehr erübrigen können. Die Gespräche drehten sich, eigentlich verwunderlich, nicht nur über Schiffe und kulinarisches! Im Gegenteil wären wir beobachtet worden, hätten wir kaum das Gefühl erweckt, dass hier erst sich seit Stunden kennende Kaufinteressierte und ein Verkäufer zusammensitzen, sondern man hätte wohl geglaubt, wir würden unseren Begleiter seit Jahren kennen; wir fühlten uns in seiner Gegenwart sehr wohl!

Die Frage stellte sich irgendwann natürlich schon: Was machen wir Morgen? Die Angebote, die wir als "ansehenswert" befunden hatten, waren schon abgeklappert und unser Berater hatte auch kein "As" im Ärmel, er regte an, wir sollten aber doch in Sneek noch bei "Valk" vorbeifahren und danach könnten wir nochmals zurück zum "roten Teppich", vielleicht sei die Farbe ja bis morgen etwas verblasst und dann, wenn wir wollten, würde er uns noch eine Werftbesichtigung bei Aquanaut ermöglichen, er vertrete diese Werft in Frankreich und würde gerne, wenn wir schon hier wären, dort noch vorbeischauen.

 

Und genau in dieser Reihenfolge gingen wir dann am Dienstag nach früher Tagwache und währschaftem Frühstück auch vor. Oder wenigstens fast. Zuerst fuhren wir nämlich bei Aquanaut vor und kamen dort in der Genuss einer persönlichen Werftführung. Wir sahen einige fast fertige d.h. schon lackierte "Drifter", wobei der blosse Anblick uns Schiffslose schon fast Speichel verlieren liess.
Dann zeigte man uns die Abteilung, wo mit CNC gesteuerten Lasern riesige Stahlplatten in handliche Stücke geschnitten resp. das nach dem "schneiden" kaum Brauen oder Schweissperlen an den frisch entstandenen Kanten der Werkstücke entdeckt werden können. 

Nicht unterschlagen wird auch ein Hinweis auf die speziell d.h. aufwändige Vorgehensweise beim zusammenschweissen der Kaskos: Je nach Fortschritt der Arbeiten werden die schon verbundenen Teile mit einem Kran gedreht und gewendet, nur so sei nämlich immer ein optimales schweissen und damit verwindungsfreies Zusammenfügen möglich. Man erklärt (und zeigt), dass die Rümpfe nach diesen sehr sorgfältig geplanten Arbeitsgängen kaum noch gespachtelt werden müssen. 


Es folgte schliesslich ein Besuch der Schreinerei sowie der Lackiererei und in einem halbfertigen Schiff wird noch auf die saubere Arbeitsweise der Elektriker verwiesen. Wir müssen zugegeben, hier versteht man etwas vom Schiffsbau. Wir erinnern uns, dass wir vor einigen Monaten von dieser Werft auch Prospekte bestellten und erhielten und das uns damals die Drifter-Serie schon auf Anhieb gefallen hatte. Dies wenigstens solange als bis wir die Preisliste in Lokalwährung umgerechnet hatten ..... danach legten wir die Unterlagen weg.


Unser Berater bat dann um einen kurzen Ausstand, denn es seien gerade von ihm geworbene Kunden aus Frankreich eingetroffen, die einen Kofferraum voller Ware vor der baldigen Schiffsübergabe in ein Zwischenlager einräumen durften (die Glücklichen!) die er gerne begrüsst hätte. Während wir nun zu zweit "alleine" im Auto warten und der Scheibenwischer so vor sich hin schliert, zieht jeder für sich Zwischenbilanz der vergangenen 1 ½ Tage. Dann wird die Ruhe gebrochen, ein Wort gibt das andere und der Schreiber geht noch einmal in die Werft, genauer zum Verkaufstresen und bittet dort um einen neuen Drifter-Prospekt. Nun haben wir während der weiteren Wartezeit Lesestoff. Die Listen werden überflogen unsere $-Möglichkeiten-$ kurz durchgecheckt.

Nachdem unser Berater wieder zu uns stösst, fahren wir zu Valk, in eine ebenfalls neuere Verkaufshalle von riesigen Ausmassen. Hier stehen in Reih und Glied saubere und gepflegte Occasionen, warten auf neue Eigner. Neben Hinguckern mit unanständigen Adjektiven (zu gross, zu hoch, zu breit unbezahlbar etc.) entdeckten wir auch mutige Einzelstücke. Einer Yacht mit offener Plicht mit rundem, grosszügig verglasten Steuerhaus wurde z. Bsp. nach einigen offenbar erfolglosen Ausstellungs-Monaten der ehemals rote Rumpf auf blau umgespritzt, still liegt sie jetzt da und wartet, ob sie im neuen Gewand Gefallen findet. Nur der geübte Betrachter erkennt an einigen kantigen Stellen noch die durchschimmernde rote Farbe. Dann fällt des Schreibers Auge auf eine 4 jährige Kotteryacht die auch im Internet schon seine Beachtung fand. Ihr offensichtliches Manko: Spitzheck und hoher Mast. Durchs Salonfenster können wir erkennen, dass Farbe und Muster von Stoffpolsterung und Teppich zwar keine Hits sind, aber immerhin auch keine Adrenalinschübe auslösen. Unser Berater holt die Schlüssel. Das Achterdeck war trotz der Spitzform gross, die Rumpf-Lackierung in bestem Zustand (neu?). Nach dem Öffnen der Luke schlug uns dann aber ein beissender Geschmack entgegen und dies trotzdem eines der Bugfenster ständig offen stand (??). Wir fanden nicht heraus, woher der Geruch kam. Die Möblierung war "Hausmannskost", der Schreiber hätte vielleicht Gefallen gefunden, die Miteignerin suchte aber nach einigen Minuten die frische (Hallen-)Luft. Inzwischen regnete es draussen wieder und wir klapperten die umliegenden Gelände, wo wir Schiffe darauf erkannten, noch etwas ab, fanden aber keine weiteren interessanten Offerten.

In Woudsend fuhren wir danach zwar auch nochmals vorbei, aber der offenbar tief fokussierte Eindruck des Kokkruiser hatte sich bei der Mit-Kaufinteressierten noch nicht so weit verändert, dass sie nochmals in sein Schiffsinneres hätte steigen wollen. Unser Berater sah sich derweil einen Klassiker daneben an, hatte vielleicht schon einen potentiellen Kunden dafür im Auge ...

So gegen halb Elf fuhren wir wieder Richtung Sneek. Die Stimmung im Wageninneren war auf dem berüchtigten "historischen Tiefpunkt" angelangt. Aus vielen hundert im Internet angebotenen Schiffen hatten wir rund ein Dutzend heraus filtriert und diese (und einige andere) nun besichtigt. Die Kompromisse die wir trotz hohen Preisen bei jedem eingehen müssten, dünken uns, dies kurz und bündig zusammengefasst zu hoch. Klar könnte man bei einer gebrauchten Yacht durch Demontage eines Mastes oder des fast überall vorhandenen Geräteträgers und einer Neukonstruktion des Cabrios für eine brückenfreundlichere geringere Höchsthöhe sorgen. Aber eine Dinette herausreissen zu lassen um so Arbeitsfläche für den Smutje zu erhalten, oder sogar nachträglich noch Doppelglas und eine bessere Rumpfisolation einbauen zu wollen, wäre sicher zu aufwändig und käme kaum mehr in Frage. Was also tun? 

Vorsichtig (und unter spezieller Betonung des Konjunktivs) sondieren wir also bei unserem Berater, wie es denn aussähe, wenn wir uns nun eventuell doch näher für eine Aquanaut interessieren würden; wann denn frühestens mit einer Auslieferung einer "Drifter" gerechnet werden dürfte, wie es sich mit der Preisstabilität der Prospektpreise verhielte und, schliesslich, ob nicht eine 1150 in fast fertigem Ausbau noch irgendwo in Arbeit wäre, die wir etwas genauer inspizieren dürften.


Handy sei Dank, ein Telefonat mit dem jungen Besitzer später wussten wir, dass in seiner Werft eine 37"er gerade dem Finish des Innenausbaus entgegensähe, diese Yacht mit einigen Spezialitäten wie (auf Eignerwunsch) gestauchter Kabinen- Aufbauhöhe, speziellem Stahl-Schanzkleid, riesigen Backskisten (mit mehr als 1 Meter Tiefe in die darunter liegende Kabine geschickt integriert!) dürften wir gerne näher anschauen. 


Wir fahren also wieder zurück und nachdem alles was wir hier zu sehen bekamen die an sich schon vermutete Qualität der Schiffsbauer bestätigte und unser Berater erwähnte, dass er aus dem ihm für das nächste Jahr von der Werft zugeteilten Kontingent gerade noch einen Vertrag (mit Auslieferung sogar noch vor Juli!) "abgeben" könnte, war klar, wohin unsere Gedanken nun eilten.ir brauchen frische Luft und vertun unsere Füsse zu diesem Behufe im Werfthafen. Hier entdecken wir eine augenscheinlich neuere 37" eines Engländer - Pärchens die gerade den Channel überquert hatten und interviewen die sich an Bord befindliche Gattin als Referenz über ihre bisherigen Erfahrungen mit Schiff und Werft. Wir werden von ihr sofort an Bord gebeten und die Schwärmerei geht los. Kurzum, der schon bestehende gute Eindruck verfestigt sich weiter ..... und wir gewinnen den Eindruck, dass wir uns zwar nicht auf dem eigentlich beabsichtigten, aber wohl doch richtigen Weg befinden.

Wenig später informieren wir Guy und gehen dann, nachdem wir uns an einem kleinen Bistro - Tisch in einem Café in Sneek eingerichtet haben, gemeinsam daran einmal die Gedanken zu sortieren, resp. ungeachtet von mutmasslichen Kosten einmal aufs Papier zu bringen. Was "unser" Schiff genau beinhalten soll wird in einer Art "Brainstorming" vorgetragen und von ihm notiert. Die in der Nähe herumsitzenden Cafégäste gewannen vermutlich den Eindruck, wir hätten im Lotto einen Sechser erzielt und würden uns nun an die Niederschrift der Weihnachts-Wunschliste machen! Nach getaner "Arbeit" fahren wir zurück in die Werft und die lange Liste wird dem Inhaber überlassen, er verspricht die Preise herauszusuchen um uns einen Überblick zu geben.

Eine bange "gute halbe Stunde" folgt. Was braucht man wirklich, was gehört in die "Luxuskategorie"? Die Gedanken kreisten noch mächtig, als Hr. Bakker mit einer Zusammenstellung erscheint. Die Durchsicht ist dann gar nicht so einfach; es figurieren nämlich holländische Preise und auch solche, da unser Makler ja in Frankreich Repräsentant der Firma ist, in französischen Franc. Da gibt es eine Kolonne ohne die hohe holländische Mehrwertsteuer, eine solche mit unseren Ansätzen, etc. Euros, auf die wir uns etwas "eingeschossen" hatten, kamen hingegen hier nicht vor. Da Mark Bakker aber seine EDV beherrscht, wird flugs eine neue Zahlenreihe mit der uns eben schon etwas bekannteren Währung generiert. Euro ist insofern eine sympathische Währung, als alles damit ausgedrückte, durch den (hohen) Umrechnungswert (mind. auf den ersten Blick und der erste Eindruck zählt doch auch hier) verniedlicht wird. Trotzdem ist das Total seiner Aufpreisliste erschreckend hoch. Mangels eines Rotstiftes müssen halt mit dem gewöhnlichen Kugelschreiber Abstriche gemacht und unserem Budget wenn auch nicht gerecht, so doch mind. dem Gefühl nach soweit angepasst werden, als das der Anfangsschock nicht zu tief sitzen bleibt.

Auch ein Zückerchen wird vergeben; die Käufer erhalten eine Gratis-Charterwoche auf einem Schiff der gewählten Kategorie. Wir haben insoweit Glück als das tatsächlich, 3 ½ Monate von den Sommerferien, überhaupt noch ein Schiff in der 37" Kategorie blanke Einträge und dann sogar noch über mehrere Wochen aufweist.


Wir packen also auch diese Gelegenheit beim Schopf und buchen die "Aquarius" auf den Anfang der Schulferien, also per 30.6. 2001 Sind fest entschlossen, dann alles gut anzuschauen und wirklich genau das Schiff bauen zu lassen, welches unseren Interessen am nächsten kommt. 

Was wir in den Sommerferien, während unserer 3. Holland - Schiffsferien, dann alles erlebten, ist im Bericht "Nase im Wind" nachzulesen.


Nach dem "geschäftlichen" Teil stellen wir überrascht fest, dass es inzwischen schon Abend und damit für einen Aufbruch zur Heimfahrt zu spät wurde. Also wird noch einmal das Hotel konsultiert und eine Buchung platziert. Wir kommen so einem weiteren ebenfalls ausgezeichnet guten Nachtessen in der Gesellschaft unseres Beraters. Guy unterhält uns anlässlich eines zweiten Mahls ein zweites Mal glänzend und wir erhalten sogar noch einen kurzen Önologie-Kurs. Spät abends und nachdem wir auch noch einen "Genever" probierten, sinken wir, als sich der Schreiber dann im verwirrenden Zimmerangebot endlich an der richtigen Zimmertüre mit dem Schlüssel zu schaffen machte, ins Bett. Dort jagen sich dann die Gedanken; haben wir alles richtig gemacht? Hätten mehr Absprachen getroffen werden müssen? Das Auslieferungsdatum ist zwar festgehalten worden, was wenn es nicht eingehalten wird? Was beinhalten die CE-Normen genau, gibt es verschiedene Auslegungen, weichen die holländischen von den französischen oder auch den unsrigen ab? Irgendwann beruhigen sich dann aber auch diese "Wallungen" und wir ergeben uns viel zu weichen Matratzen. Am nächsten Morgen machen wir uns nach üppigem Frühstück auf den langen Rückweg. 

Die "Ex-Moonlight"-Crew
Fredy und Heidi Engeler

 

Der Artikel erschien in den 2 L'ancre de Kembs Ausgaben Juni und Sept. 2001

Ó F. Engeler, Zufikon, 13.6.2001

 


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